Bei der „russischen monarchistischen Bewegung“ handelt es sich um keine Bewegung im einheitlichen Sinne dieses Wortes, sondern um eine ziemlich lose und in sich recht zerworfene Gruppe politischer Bewegungen, die mehr oder weniger mit der Unterstützung der Idee zu tun haben, die Monarchie sei die überhaupt beziehungsweise für Rußland beste Staatsform.
Von Wolfgang Akunow1
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Wenn wir einen kurzen historischen Rückblick vornehmen, so sehen wir, daß die ersten politischen Organisationen monarchistischer Ausrichtung in Rußland (wie z. B. „Swjaschtschennaja Drushina“, d. h. „Sakrale Gefolgschaft“) bereits in den 1880er Jahren erschienen, als die Macht der russischen Zaren bzw. Kaiser vielen noch unerschütterlich zu sein und keine politische Unterstützung „von der Basis her“ zu brauchen schien. Besonders aktiv entwickelte sich die monarchistische Bewegung in der Zeitspanne zwischen den beiden russischen Revolutionen von 1905 und 1917.
Damals entstanden einerseits zahlreiche (nicht nur lokal, sondern auch landesweit tätige) ultramonarchistische, antiparlamentarische Organisationen wie die „Schwarzen Hundertschaften“ (russ. „Tschornyje Sotni“)2, von denen der „Bund des Russischen Volkes“ (russ. „Sojus Russkogo Naroda“, SRN3) und der „Erzengel-Michael-Bund“ („Sojus Michaila Archangela“) sowie die „Russische monarchistische Partei“ („Russkaja monarchitscheskaja partija“) die zahlreichsten und bedeutendsten waren. Die rechtsmonarchistischen „Schwarzhundertschafter“ (russ. „Tschernosotenzy“), auch als „Verbündete“ bzw. „Bündische“ (russ. „Sojusniki“) bekannt, plädierten für den Erhalt der zaristischen Autokratie. Anderseits entstanden auch moderatere monarchistische Organisationen, wie z.B. der „Bund des 17. Oktober“4 (russ. „Sojus 17. Oktjabrja“), dessen Mitglieder, die „Oktjabristen“, für die Einführung und anschließende Festigung der konstitutionellen parlamentarischen Monarchie in Rußland eintraten, was eingefleischten Monarchisten ein Greuel war.
Mit Unterstützung des Zarenhofes und der russischen orthodoxen Kirche (die im Zarenreich dem Heiligen Synod unterstand, der vom durch den Zaren benannten Ober-Prokuror geleitet wurde) wurden regelmäßige allrussische monarchistische Kongresse veranstaltet, die unterschiedlich bezeichnet wurden: „Allrussischer monarchistischer Kongreß“ („Wserossijskij monarchitscheskij sjesd“), „Allrussischer Kongreß russischer Menschen“ („Wserossijskij sjasd russkich ljudej“), „Allrussischer Kongress des vereinigten russischen Volkes“ („Wserossijskij sjesd objedinjonnogo russkogo naroda“) u.a.m.
Nach dem mit Unterstützung des Zaren und der russisch-orthodoxen Kirche durchgeführten III. Allrussischen monarchistischen Kongreß 1907 schuf der Hof- Isograph5 Wassilij Gurjanow unter Pinselführung des berühmten russischen Malers Viktor Wasnezow speziell für derartige gesamtmonarchistische Versammlungen die „Monarchitscheskaja“ („Monarchistische“) Mariä-Schutz-und- Fürbitte-Ikone, die seit 1917 als verschollen gilt. Das uralte christlich-orthodoxe Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirchenfest wurde offiziell zum Hauptfest aller Monarchistenkräfte Rußlands erklärt.
Gerechtigkeitshalber sollte hierbei erwähnt werden, daß auch die Spitzen der muslimischen und lamaistischen (buddhistischen) Geistlichkeit im multinationalen Russischen Kaiserreich eifrig um die fast religiöse Verehrung des Autokraten bemüht waren. Die monarchistisch gesinnten russischen Moslems verehrten den Zaren als „Ak Padischah“, die Buddhisten als „Zagan Khan“ (beides bedeutet „Weißer Zar“). Vielerorts, wie z.B. im Wolgatataren-Gebiet Kasan, konstituierten sich der „Muslimische Bund des russischen Volkes“ (russ. „Musulmanskij Sojus Russkogo Naroda“, MSRN) o.ä.
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Das enge Zusammenwirken des Zarenhofes mit der Kirchenspitze war kein Zufall. Aus den in Rußland üblichen Theorien der Monarchie folgt der tiefgründige Zusammenhang von Monarchie und Religion. Es galt die These, wonach der Monarch durch die Kirche für seine Herrschaft Gottes Segen erhält. Daher wird der Monarch als „der Gesalbte Gottes“ bezeichnet, der Gott gegenüber für sein Volk verantwortlich ist. Viele gehen vom christlich-orthodoxen (und somit göttlichen, da der christlich-orthodoxe Glaube ja als wahrer Glaube galt) Ursprung der Monarchie in Rußland aus, obwohl die Staatsordnung im alten Rus noch vor dessen Taufe durch Fürst Wladimir den Heiligen aus dem Haus der Rurikiden monarchistisch war. Die moderne historische Forschung hebt jedoch hervor, daß die „klassische“ Monarchie erstmals 1547 in Rußland eingeführt wurde, als das damalige orthodoxe Kirchenoberhaupt, der Metropolit Makarius (Makarij) von Moskau, den Moskauer Großfürsten Iwan IV. den Gestrengen (sein russischer Beiname „Grosnyj“ wird ins Deutsche traditionell falsch als „der Schreckliche“ übersetzt) aus dem Haus der Rurikiden nach dem oströmischen („byzantinischen“) orthodoxen Ritus zum Zaren (Caesar, Kaiser) krönte. Dieser Ritus war von Iwans Großmutter Sofia (Zoe) aus dem Haus der Paleologen, Nichte des letzten oströmischen Kaisers Konstantin XI., nach Rußland übermittelt worden, als sie den Moskauer Großfürsten Iwan III. geheiratet hatte. Dementsprechend ist der christlich-orthodoxe Glaube sowohl für alle russischen Monarchen sowie für deren Gemahle obligatorisch. Indessen gehen die meisten namhaften russischen Historiker davon aus, daß in Rußland auch zwischen Wladimir dem Heiligen und Iwan IV. (die beide offiziell den Zarentitel führten) die monarchistische Staatsordnung herrschte, in deren Rahmen die Großfürsten von Kiew, Wladimir, Halitsch, Twer, Moskau u.a. in enger Zusammenarbeit mit der orthodoxen Kirche als Monarchen herrschten. Nach dem Aussterben des Rurikiden-Zarenzweigs trat 1613 das neue Herrscherhaus der Romanows, von dem „Semskij Sobor“ (Landeskonzil, eine Art Ständeversammlung) mit Zustimmung der orthodoxen Kirche gewählt, die Herrschaft an. Der erste Romanow auf dem russischen Thron, Michael Fedorowitsch, wurde nach oströmischem Ritus gekrönt, herrschte jedoch im Schatten seines Vaters Patriarch Filaret, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Unter Michaels Enkel Peter dem Großen wurde das Russische Kaiserreich (Rossijskaja Imperija) proklamiert und das Patriarchat abgeschafft. Seitdem hieß der Zar als Staatsoberhaupt offiziell „Kaiser“ (Imperator) und trug die Titel „externer Bischof“ sowie „Beschützer der Kirche“, womit er praktisch die russische Kirche kontrollierte, die bis 1905 den Status der Staatskirche besaß.
1913 wurde das 300jährige Jubiläum der Romanow-Zarenherrschaft rußlandweit gefeiert. Auf zeitgenössische Dokumente und Erinnerungen gestützt, behaupten moderne Geschichtsforscher, diese patriotischen und monarchistischen Jubiläumsfeierlichkeiten hätten die allgemeine Lage in Rußland in den Augen der Zarenfamilie im Hinblick auf die Volkssympathien der Monarchie gegenüber viel zu optimistisch erscheinen lassen, was dem Zarenhaus bald zum Verhängnis werden mußte.
In den 1950er Jahren schrieb der russische Philosoph und Antikommunist Iwan Iljin im Exil in seinem Sammelband „Unsere Aufgaben“ über den Zustand des Monarchismus vor 1917: „Das russische Volk hatte zwar einen Zaren, hatte es jedoch verlernt, ihn in rechter Weise zu haben. Es gab einen Monarchen, es gab dessen zahllose Untertanen; deren Verhalten zum Monarchen ließ jedoch entschieden zu wünschen übrig. In den letzten Jahrzehnten verwirkte das russische Volk sein monarchistisches Rechtsbewußtsein und verlor seine Bereitschaft, so zu leben, zu dienen, zu kämpfen und zu sterben, wie es sich für einen überzeugten Monarchisten geziemt […]. Es fehlte eine einheitliche und organisierte monarchistische Partei, die den Thron beschützt und es verstanden hätte, dem Monarchen zu helfen“.
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Anfang 1917 zählte das Zarenhaus Romanow 65 Mitglieder, wovon 32 männlich waren. 18 davon (13 Männer) wurden 1918/19 von den Bolschewisten in Jekaterinburg6, Perm7, Alapajewsk und Petrograd ermordet. 47 Romanows, die entkommen konnten, landeten im Exil (vor allem in Frankreich, Deutschland, Dänemark, Griechenland8 und in den USA).
Die liberaldemokratische Februarrevolution von 1917 in Rußland führte zum Sturz der Zarenmonarchie und zum Verbot aller monarchistischen (auch im Parlament, der Staatsduma vertretenen) Parteien, Organisationen und Aktivitäten. Die (wenn auch von den höchsten Militär- und Parlamentsspitzen erzwungene) Abdankung des Zaren Nikolaus II. (der auch im Namen seines unmündigen Kronprinzen Alexius abdankte) sowie des Zarenbruders und nächsten Thronfolgers Michael nahm der monarchistischen Bewegung den Wind aus den Segeln. Der Zar rief nämlich in seinem Abdankungstext alle Untertanen auf, der Provisorischen Regierung Gehorsam zu leisten. Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche befahl dem Klerus, nicht mehr für den Zaren und sein Haus, sondern für die Provisorische Regierung zu beten, worauf auch die Armee kirchlich vereidigt wurde. Die legale Tätigkeit der Monarchisten im nunmehr republikanischen Rußland war dadurch fast völlig lahmgelegt.
Allerdings verwiesen aufrechte Monarchisten auf die Tatsache, daß die Abdankung des Zaren im unter Kaiser Paul I. erlassenen Thronfolgegesetz gar nicht vorgesehen war (weder im eigenen Namen noch im Namen einer anderen Person). Außerdem wurde von den Februar-Umstürzlern erklärt, die Abdankung des Zaren Nikolaus und dessen Bruders Michael bedeute nicht die Abschaffung der Monarchie als Staatsform. Darüber sollte die Konstituierende Versammlung (russ. „Utschreditelnoje Sobranie“) entscheiden. Daher nannte sich auch die liberaldemokratische Regierung der Februar-Revolutionäre (russ. „Fewralisten“) provisorisch (d.h. nur bis zur Einberufung der Konstituante bestehend). Indessen erklärte der Chef dieser Provisorischen Regierung, Alexander Kerenskij (ein Schulkamerad des Bolschewistenführers Wladimir Uljanow- Lenin), Rußland im Sommer 1917 eigenmächtig, ohne Parlaments- und Volksbefragung, zur Republik. Dabei wurde es von Kerenskij (wie später auch von den ihn ablösenden Sowjetbolschewisten) unterlassen, für die rechtliche Abschaffung der Monarchie in Rußland zu sorgen, was den Fortbestand der Monarchie in Rußland und des Anspruchs des Zarenhauses Romanow auf den russischen Kaiserthron bedeutete9.
Nach dem Sturz der Provisorischen Regierung durch die Bolschewisten im Oktober/November 1917 und dem darauffolgenden Ausbruch des Bürgerkrieges kamen die meisten namhaften Persönlichkeiten der sowohl von den Roten als auch von den Weißen in den Untergrund getriebenen vorrevolutionären „etablierten“ monarchistischen Bewegung um. Die wenigen am Leben gebliebenen standhaften Monarchisten gingen ins Exil.
Seitdem verbinden viele orthodoxe Gläubige mit dem für die russische Monarchie derart fatalen Beginn des 20. Jahrhunderts das Erscheinen* der hochverehrten wundertätigen Ikone der Heiligen Mutter Gottes als „Herrscherin“ (russ. „Dershawnaja“), die am Tag von Zar Nikolaus’ II. Abdankung (oder vielmehr Entmachtung) in Moskau offenbart wurde. Die darauf als Herrscherin mit Krone, Szepter und Reichsapfel im Zarenpurpur dargestellte Heilige Mutter Gottes wird als wahrhafte Inhaberin der Zarenmacht über Rußland in der 1917 angebrochenen Zeit des verderblichen und leidvollen Interregnums verstanden. Die „Dershawnaja“-Ikone gilt als Hauptheiligtum der russischen Monarchisten und Sinnbild der durch viele Prophezeiungen vorausgesagten künftigen Wiederherstellung der Monarchie. Viele Würdenträger der orthodoxen Kirche sowie orthodoxe Literaten und Publizisten betrachten den Fall der Monarchie als Gottes Strafe für das russische Volk (einschließlich der russischen Kirche), das sich zahlreicher jahrzehnte-, ja jahrhundertelanger Sünden schuldiggemacht sowie 1917 die dem Zarenhause Romanow 1613 geschworene Treue gebrochen hatte. Die Rückkehr der Monarchie wird erst dann für möglich gehalten, wenn das abtrünnige Volk (samt Kirche) Buße tut und von Gott die Vergebung seiner Apostasie erbittet.
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Trotz der Zerschlagung der vor 1917 entstandenen „etablierten“ monarchistischen Bewegung führten die in Rußland verbliebenen Untergrund-Monarchisten selbst nach dem endgültigen Sieg der Bolschewisten ihren sowohl propagandistischen als auch bewaffneten Kampf weiter fort. Anfang der 1920er Jahre gehörte die Monarchistenbekämpfung mit zu den vorrangigen Aufgaben des bolschewistischen Geheimdienstes OGPU. Aus Angst vor einer monarchistischen Revanche mit Hilfe der Exilrussen und „imperialistischer bürgerlicher Staaten“ organisierten die Tschekisten10 eine wahrhaft totale Kontrolle selbst über die geringsten Äußerungen monarchistischer Stimmungen. Ertappte Monarchisten wurden meist ohne Gerichtsverhandlung erschossen.
Das bekannteste Unternehmen des sowjetischen Geheimdienstes gegen den monarchistischen Untergrund war die Operation „Trust“, in deren Folge die heimlich in der UdSSR agierende monarchistische Organisation MOZR („Monarchitscheskij Zentr Rossii“, d.h. „Monarchistisches Zentrum Rußlands“) vernichtet und durch eine bolschewistische
Attrappenorganisation ersetzt, die Aktivitäten der ROWS11-Kampforganisation des Exilmonarchisten General Alexander Kutepow lahmgelegt sowie die Verbindungskanäle der monarchistischen Untergrundkämpfer in der Sowjetunion zu gleichgesinnten Emigranten festgestellt und eliminiert wurden. 1929 ging Stabsrittmeister Albert Schiller, Welt- und
Bürgerkriegsveteran, in General Glasenapps Auftrag illegal über die Sowjetgrenze und schuf in Leningrad eine monarchistische Untergrundgruppe, die jedoch von den Tschekisten aufgedeckt und vernichtet wurde. Im Fernen Osten führten monarchistische Partisanen bis in die 1930er Jahre hinein einen regelrechten Kleinkrieg gegen die Sowjetmacht.
Die von der Sowjetmacht ins Ausland vertriebenen russischen Monarchisten scharten sich um die im Exil lebenden Mitglieder der Romanow-Dynastie. Die Anhänger der russischen monarchistischen Emigranten-Bewegung waren in drei Hauptströmungen aufgeteilt: „Stabshauptleute“ (russ. „Schtabs-Kapitany“), „Kyrilliten“ (russ. „Kirillowzy“) und „Nikolaiten“ (russ. „Nikolajewzy“). Die „Bewegung der Stabshauptleute“12 (russ. „Schtabs-kapitanskoje dwishenije“), deren Hauptaktivist und Wortführer der weiße Bürgerkriegsveteran und aus sowjetischer KZ-Haft nach Finnland entkommene politische Gefangene Iwan Solonewitsch war, plädierte für die sogenannte Volksmonarchie (russ. „narodnaja Monarchija“) ohne Standesaristokratie und Berufsbeamtenstand, die im alten Kaiserreich Zar und Volk einander entfremdet hätten. Viele „Stabshauptleute“ konnten sich auch Zaren vorstellen, die nicht dem Hause Romanow angehörten, weil für sie „Tüchtigkeit und nicht Abstammung“ im Vordergrund stand.
Die „Kyrilliten“ (auch als Legitimisten bekannt), zu denen u.a. der oben erwähnte Rittmeister Schiller gehörte, unterstützten den Thronanspruch des Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch. Dieser übernahm 1924 im Zusammenhang mit der nunmehr bestätigten Tatsache der Ermordung seines Vetters Zar Nikolaus II., dessen Sohnes Alexius und des Großfürsten Michael die Rechte und Pflichten des russischen Kaisers und wurde in Coburg vom Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland (Exilkirche) gekrönt13. Seine Anhänger unter den russischen Exilmilitärs bildeten das Korps der kaiserlichen Armee und Marine (russ. „Korpus Imperatorskich Armii in Flota“, KIAF).
Die „Nikolaiten“ (auch als „Nepredreschenzy“, d.h. „die Unentschiedenen“ bekannt) unterstützten den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, Onkel von Zar Nikolaus II. und Befehlshaber der russischen Zarenarmee im Weltkrieg. Dieser erklärte, die Entscheidung über Rußlands künftige Staatsform obliege dem russischen Volk. Dem Volk obliege auch die Wahl des künftigen Zaren, falls es sich für die Monarchie entscheiden sollte. Dies entsprach den Vorstellungen der meisten weißen Bürgerkriegsveteranen, die diese auch in den Kriegsjahren vertraten. Aber auch der Oberste Monarchistische Rat (russ. „Wysschij Monarchitscheskij Sowjet“, WMS) war ähnlicher Meinung. Diese von russischen Emigranten 1921 im deutschen Bad Reichenhall gegründete monarchistische Dachorganisation veranstaltete dort den 1. Monarchistischen Kongreß. Auf dem Kongreß wurde die im dänischen Exil lebende
Zarin-Witwe Maria Fedorowna (Mutter des ermordeten Zaren Nikolaus II.) als höchste Autorität unter den russischen Monarchisten anerkannt. Die Thronfolgefrage wurde jedoch als nicht zeitgemäß auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, weil die Möglichkeit der Rettung der Zarenfamilie damals noch nicht als ausgeschlossen galt.
Später erhielten die Legitimisten Verstärkung durch die „Jungrussen“ (russ. „Mladorossy“). Diese im „Bund Junges Rußland“ (russ. „Sojus Molodaja Rossija“) organisierten Emigranten planten, ein Rußland „auf monarchistischem Fundament“, jedoch „unter Berücksichtigung der tiefschürfenden, irreversiblen Entwicklung in der Heimat“ wiederaufzubauen, das durch „den Zaren und die Sowjets“ regiert werden sollte.
Rechte Monarchisten bezeichneten die Exilkaiser Kyrill I. unterstützenden Jungrussen als „zweite Sowjetpartei“ und bolschewistische Agenten im russischen Exil. Deren Führer Alexander Kasem-Bek wurde im Zuge der Zeit „Sowjetpatriot“, ging nach Sowjetrußland, war dort eine Zeitlang inhaftiert und arbeitete danach in der Auswärtigen Abteilung des Moskauer Patriarchats der in spätstalinistischer Zeit praktisch neu konstituierten russisch-orthodoxen Kirche („Russkaja Prawoslkawnaja Zerkow“, RPZ).
1929 gründeten russische Offiziere im belgischen Exil den monarchistischen „Russischen Kaiserlichen (Imperialen) Bund“ (russ. „Rossijskij Imperskij Sojus“, RIS), der später in „Russischer Kaiserlicher (Imperialer) Bund-Orden“ (russ. „Rossijskij Imperskij Sojus-Orden“, RIS-O) umbenannt wurde. Ihr Ziel war die Wiederherstellung der Zarenmonarchie in Rußland. Anfangs gehörte der RIS/ RIS-O zu den „Unentschiedenen“, wegen der aus Sicht der Zarentreuen fragwürdigen Haltung Großfürst Kyrills während der Februarrevolution 1917 sowie seiner mysteriösen Rettung aus dem bolschewistischen Rußland nach Finnland (das sich mit Sowjetrußland im Kriegszustand befand), während alle anderen Zarenverwandten, die sich im bolschewistischen Machtbereich befanden, von den Roten ermordet wurden. Monarchistisch, und zwar legitimistisch, gesinnt war auch die in Deutschland agierende „Russische Volksbefreiungsbewegung“ (russ. „Russkoje Oswoboditelnoje Narodnoje Dwishenija“, ROND) von Swetosarow- Pelchau und Fürst Pawel Bermondt- Awaloff, Kyrills Freund und ehemaliger Befehlshaber der russisch-deutschen monarchistischen „Freiwilligen Westarmee“ (russ. „Sapadnaja Dobrowoltscheskaja Armija“, SDA) im Bürgerkrieg 1919, die im Baltikum operiert hatte.
Exilzar Kyrill starb 1938. Sein Sohn, Großfürst Wladimir Kyrillowitsch, wurde zwar nicht zum Kaiser gekrönt, jedoch zum russischen Thronverweser erklärt und von der russischen Auslandskirche als solcher bestätigt. Er nahm von den „Jungrussen“ Abstand, was ihm die Sympathien vieler rechter Monarchisten (wie z.B. der RIS-O-Aktivisten) einbrachte.
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Nach Beginn des deutschen Feldzugs im Osten am 22. Juni 1941 trat die Sowjetpropaganda zuerst die These breit, die deutschen „Faschisten“ seien als Wiederhersteller der Zarenmonarchie in Rußland eingefallen. Es wurden zahlreiche Plakate gedruckt, worauf der Zar (mit Gesichtszügen des bereits verstorbenen Kyrill I.) mit Krone und Szepter, gefolgt von Popen mit Kreuzen und Weihrauchfässern und alten „Zöpfen“ jeder Art, im Troß der deutschen Wehrmacht dargestellt wurde. Selbst der kommunistische Parteichef und Sowjetdiktator Josef Stalin erklärte in seiner Ansprache zu Kriegsbeginn, die Deutschen kämen, um die Macht des Zaren, der Grundbesitzer und der Kapitalisten wiedereinzuführen. Der Krieg gegen Hitlerdeutschland wurde den Sowjetbürgern also als Fortsetzung des Kampfes gegen die Zarenmonarchie präsentiert. Doch im Laufe des Krieges veränderte sich Stalins Haltung zur Monarchie (vor allem nach Stalingrad). Der „späte“ Stalin stellte viele Institute des kaiserlichen Rußlands wieder her. In Armee und Miliz (Polizei) wurde die vorher verpönte Bezeichnung „Offizier“ (statt „roter Kommandeur“) samt „zaristischen Achselstücken“, Uniformen, Ehrengerichten, St.-Georgs-Ordensbändern wiedereingeführt. Auch Zivilbeamte und Schüler wurden wie zu Zarenzeiten in Dienstuniformen gesteckt. Der namhafte russische Schriftsteller Wladimir Solouchin berichtete in seinem Buch „Die letzte Stufe“, daß er als Soldat des Kreml-Wachregiments kurz vor Stalins in vielerlei Hinsicht mysteriösem Tod selbst Augenzeuge war, wie die mit LKWs in den Kreml gebrachten Doppeladler, die zur Zarenzeit die Kremlturmspitzen schmückten, ausgeladen wurden, um die dort von den Bolschewisten angebrachten roten Sterne zu ersetzen (wozu es jedoch nicht kommen sollte). Die von den Bolschewistenführern Wladimir Lenin, Leo Trotzki und Jakow Swerdlow gegründete Dritte (Kommunistische) Internationale (gegen die ja der vom eingefleischten Antikommunisten Adolf Hitler ins Leben gerufene Antikominternpakt gerichtet war) wurde mitten im Krieg vom „Erzkommunisten“ Stalin aufgelöst. Auch Stalins Verhältnis zur Kirche veränderte sich. Die Wiedereröffnung von Kirchen und Klöstern, die Befreiung noch am Leben gebliebener kirchlicher Würdenträger aus der Haft sowie deren Rückkehr aus dem Ausland, die Wiedereröffnung von Priesterseminaren und des Patriarchats von Moskau und ganz Rußland sprachen eindeutig dafür. Solouchin behauptete, daß sich Stalin zu einer Art „rotem Zar“ krönen lassen wollte. Kanonisch gesehen stand der Krönung des im christlich-orthodoxen Glauben geborenen ehemaligen georgischen Priesterseminar-Zöglings Iossif Dshugaschwili alias Stalin zum „Zaren aller Reußen“ auch für den russischen Patriarchen nicht mehr im Wege als seinerzeit der Krönung des im römisch-katholischen Glauben aufgewachsenen Korsen Nabulione Buonaparte alias Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen durch den römischen Papst. Formell konnte Sowjet-Generalissimus Genosse Stalin durchaus russischer Kaiser Jossif I. der Sieg- bzw. Glorreiche werden. Darauf berufen sich auch heute noch die „russisch-orthodoxen Stalinisten“ und „stalinistischen Monarchisten“, die sogar Stalin mit Zareninsignien auf Ikonen abbilden lassen …
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte eine Einheit russischer Emigranten aus den Reihen des „Russischen Kaiserlichen Bundes-Ordens“ unter den Gebrüdern Sachnowski an deutscher Seite in den Reihen der Freiwilligenbrigade „Wallonie“. In ihren Feldgottesdiensten wurde Großfürst Wladimir als „unser rechtgläubiger Herrscher“ erwähnt14. Auch der Befehlshaber der auf deutscher Seite kämpfenden „Ersten Russischen Nationalarmee“ („1. Russkaja Nazionalnaja Armija“, 1. RNA), der ehemalige Zarenoffizier und Bürgerkriegsveteran Generalmajor Alexej Smyslowsky-Holmston, war ein Anhänger Großfürst Wladimirs und führte ihn nach Kriegsende mit den Resten seiner Armee nach Liechtenstein, von wo der russische Thronverweser dann nach Spanien entkommen konnte. 1942 wurde zwei Vertretern des Hauses Romanow von den Italienern vergeblich der Thron von Montenegro angeboten. In der russischen Fernseh-Filmdokumentation „Im Schatten des Romanow-Thrones“ erklärte der in Liechtenstein lebende deutschrussische Emigrant Baron Eduard Oleg von Falz-Fein15, der Wladimir Kyrillowitsch gut kannte, vor der Kamera, er sei dem Großfürsten 1945 in Liechtenstein wiederbegegnet; „diesmal trug er [Wladimir] keine Uniform“. Auf die Frage des offenbar etwas verblüfften Fernsehjournalisten erklärte Falz-Fein ohne Übergang, Hitler habe dem Großfürsten persönlichen Schutz gewährt. Derartige Unklarheiten ließen Gerüchte aufkommen, Großfürst Wladimir hätte bei der deutschen Wehrmacht bzw. bei der Waffen-SS gedient, was von den Gegnern der Legitimisten bewußt als Argument gegen diese eingesetzt wurde. Für solche Beschuldigungen gibt es keine handfesten Belege. Anderseits war der oben erwähnte Fürst Pawel Bermondt- Awaloff, Freund und Anhänger des „Coburger Zaren“ Kyrill, Chef der im Dritten Reich bis 1935 geduldeten „Russischen Volksbefreiungsbewegung“ (ROND), die auch als „Russische Nationale Sozialistische Bewegung“ bekannt war und die neben dem gekrönten Zaren-Doppeladler auch das Hakenkreuz auf ihren Abzeichen, Fahnen und Armbinden führte sowie gemeinsam mit Hitlers SA auftrat (in Berlin bestand sogar eine gemischte Deutsch-Russische Standarte). Allerdings wurde Bermondt 1935 von den Nazis wegen „monarchistischer Umtriebe“ inhaftiert, jedoch bald nach Jugoslawien entlassen, von wo er als „Verfolgter des Hitlerregimes“ in die USA übersiedelte.
1981 wurden der von den Bolschewisten 1918 in Jekaterinburg ermordete Zar Nikolaus II. und die Zarenfamilie von der russischen Kirche im Ausland heiliggesprochen. Das Moskauer Patriarchat folgte dem erst 2000.
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Nach Anbruch von Michael Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Ära entstanden in der UdSSR mehrere monarchistische Organisationen, die „halb im Untergrund“ agierten, wie z.B. der 1986 gegründete „Bund der Christlichen Wiedergeburt“ (russ. „Sojus Christianskogo Wosroshdenija“) von Wladimir Ossipow, Andrej Schtschedrin undWjatscheslaw Djomin, „Pamjat“16 (russ. „Gedächtnis“ bzw. „Erinnerung“) von Igor Sytschow, Konstantin Smirnow- Ostaschwili, Valerij Jemeljanow, Dmitrij Wasslijew u.a., die vom ausklingenden Sowjetstaat geduldet und von diversen politischen sowie anderen Kräften zu verschiedenen Zwecken genutzt und manipuliert wurden. Sie erstarkten erst recht nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991.
1988 konstituierte sich in Moskau die gesellschaftliche „Kommission zur Untersuchung der Todesumstände der Zarenfamilie“ (russ. „Kommissija po rassledowaniju obstojatelstw gibeli Zarskoj Semji“) von Gelij Rjabow17, Olga Korsinina, Natalja Golowanowa, Lew Wolochonskij, Wladimir Karpez und dem Priestermönch der russischen Auslandskirche Dionysius (Dionissij) Makarow, die regelmäßig ihre Nachrichtenblätter (Bulletins) veröffentlichte. 1990 wurde Dionissij aus der Kommission ausgeschlossen, gründete jedoch seine eigene „Kommission zur Untersuchung vermutlicher Bestattungsorte des Kaisers Nikolaus des Zweiten“. Es gelang ihm, zu den Zentren der monarchistischen Emigranten Kontakt aufzunehmen, u.a. mit Alexander Radaschkewitsch, Sekretär der Feld-Kanzlei des Großfürsten Wladimir Kyrillowitsch, mit der Führungsspitze des legitimistischen Zweiges des „Russischen Kaiserlichen Bundes- Ordens“18 u.a.m.
1990 fand in Moskau der erste Kongreß der Anhänger der monarchistischen Restauration statt. Er hieß offiziell „Gründungskongreß der Allrussischen Orthodox-Konstitutionell-Monarchistischen Partei“. Vorsitzender des Partei- Organisationsausschusses war Sergej Jurkow-Engelhardt. Im Kongreßrahmen erklärte er, bei der zu gründenden Partei handele es sich um den seit 1924 im Sowjet-Untergrund agierenden, von Baron Pjotr Wrangels19 Agenten gegründeten „Orthodox-Monarchistischen Ordens- Bund“ (russ. „Prawoslawno-Monarchitscheskij Orden-Sojus“, PRAMOS), zu dessen Oberhaupt (Marschall) Jurkow sich selbst erklärte. Dem Marschall sollte der PRAMOS-Großkanzler im Generalsrang zur Seite stehen. Großkanzlerin wurde Nelli Milowanowa, des Marschalls Gattin. Der Kongreß erhielt Grußtelegramme vom Chef des Kaiserhauses Romanow, Großfürst Wladimir Kyrillowitsch, vom Berliner Erzbischof der russischen Auslandskirche, Markus (Mark), von der Redaktion der Emigrantenzeitschrift „Possew“ u.a.m. Am gleichen Nachmittag fand auf dem Friedhof des Moskauer Donskoj-Klosters der russisch-orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) die erste feierliche Vereidigung der PRAMOS-Monarchisten auf Großfürst Wladimir als den künftigen Zaren statt (der samt seinen Nachkommen der russischen Auslandskirche angehörte).
Sehr bald spaltete sich jedoch ein PRAMOS-Teil ab. So entstand das anfangs ebenfalls legitimistische „Moskauer Monarchistische Zentrum“ („Moskowskij Monarchitscheskij Zentr“, MMZ) unter Nikolaj Lukjanow. Es wurde bald durch die ebenfalls von Lukjanow geleiteten Vereine „Russisches Monarchistisches Zentrum“ („Rossijskij Monarchitscheskij Zentr“, RMZ) und „Höchster Monarchistischer Rat“ („Wysschij Monarchitscheskij Sowjet“, WMZ, dem u. a. Alexander Sakatow, Novize des erwähnten Priestermönchs Dionissij, und auch der Verfasser dieses Artikels angehörten) ergänzt und verstärkt.
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1991 traten die Monarchisten Michael Alexandrow, German Nikiforow, Sakatow u.a. aus dem WMZ aus und gründeten ihre eigene legitimistische Organisation: die „Christlich-Monarchistische Union“ („Christiansko- Monarchitscheskij Sojus“, ChMS), 1993 in „Russischer Christlich- Monarchistischer Bund“ („Rossijskij Christiansko-Monarchitscheskij Sojus“, RChMS) umbenannt. Ab 1993 stand Alexander Sakatow dem RChMS als Generalsekretär vor, bis er 1997 persönlicher Sekretär der Tochter von Großfürst Wladimir, Maria Wladimirowna, wurde, die nach dem Tod ihres Vaters von den Legitimisten zur Chefin des Russischen Kaiserhauses erklärt wurde. Ab 1997 wurde die „Russische Christlich-Monarchistische Union“ von Wolfgang Akunow als RChMS-Generalsekretär und Jurij Glasow als RChMS-Oberhaupt geleitet. Als optimal wird eine Regierung gesehen, die den Prinzipien der orthodoxen Kirche folgt, wonach der Monarch in Verantwortung vor Gott steht. Die Union bekannte sich gemäß ihrer Satzung zum russisch-orthodoxen Glauben, verurteilte jedoch das „Sergianertum“ (d.h. das Moskauer Patriarchat, das die Sowjetmacht anerkannt hatte), den Ökumenismus, das Sofianertum20, die Sich-nicht-Widersetzung dem Bösen gegenüber, den Pazifismus21 sowie jegliche Formen der „Verknüpfung“ der christlichen Religion mit der Ideologie und Praxis des Sozialismus und Kommunismus. Nachdem sich jedoch die Großfürstin Maria mit ihrem Sohn Kronprinz Georgij zugunsten des Moskauer Patriarchats von der Auslandskirche abwandte, entstand in diesem Punkt zumindest Unklarheit, die letztendlich neben anderen Faktoren zum RChMS-Zerfall in drei nach ihren Chefs benannte Teile führte, und zwar in 1) „Akunow- RChMS“, 2) „Glasow/Winogradow- RChMS“ und 3) „Kanajew-RChMS“.
Die RChMS edierte zwei Zeitschriften: „Monarchist“ in St. Petersburg und „Shisn sa Zarja“ (russ. „Ein Leben für den Zaren“22), die in Moskau erschien, solange die Sponsorengelder reichten. Nachdem sich Lukjanow mit Sakfbolscheatow überworfen hatte, wechselten das „Moskauer Monarchistische Zentrum“, das „Russische Monarchistische Zentrum“ und der „Höchste Monarchistische Rat“ ins antilegitimistische Lager über. Auf das Moskauer Museum der Russischen Kaiserlichen Familie als Basis gestützt, veranstalteten sie zahlreiche monarchistische Konferenzen, die vor allem „das russische Volk über die positive Rolle der Monarchie in der Geschichte Rußlands aufklären“ sollten. Darüber wurde regelmäßig in der Zeitung „Speznas Rossii“ berichtet. Als zukünftigen Zaren stellen sich die „Lukjanow-Monarchisten“ Konstantin von Oldenburg, Sohn des Großherzogs Huno von Oldenburg, als nahen Verwandten des Zarenhauses Romanow vor.
Es hat im modernen Rußland auch ein paar komische Prätendenten gegeben, wie z.B. den inzwischen verstorbenen „Paul II.“ oder den ebenfalls inzwischen verstorbenen „Nikolaus III.“ alias Dalskij bzw. Dalberg, der sich für den Sohn des angeblich den bolschewistischen Mördern entgangenen Kronprinzen Alexius ausgab und mal in Generals-, mal in Admiralsuniform auf diversen Veranstaltungen erschien. Seine Bürotür war mit „Russian Empire Inc.“ ausgeschildert. Interessanterweise wurden sowohl „Paul II.“ als auch „Nikolaus III.“ im gleichen Sommer von dem gleichen Priester in einer Moskauer Vorortskirche „gekrönt“. Auf die Frage des Korrespondenten der Zeitung „Megapolis Express“, was dies zu bedeuten habe, erwiderte der Priester: „Je mehr Zaren wir in Rußland haben, desto mehr Monarchisten, desto besser ist es für die monarchistische Bewegung …“
Die sogenannten „Soborniki“ („Konzilanten“), hauptsächlich vom bekannten, inzwischen verstorbenen, Bildhauer und Kosaken-Aktivisten Wjatscheslaw Klykow angeführt, planten, einen neuen Zaren aus ihrer Mitte zu wählen, z. B. Sowjetmarschall Georgij Schukows Enkel. Daraus ist jedoch nichts geworden.
Während ein Teil der russischen Monarchisten die Nachkommen des Exilzaren Kyrill I. in Person von dessen Tochter Maria als Chefin des Russischen Kaiserlichen Hauses unterstützt, akzeptiert das „Höchste Monarchistische Zentrum“ u.a. nur das Thronrecht von Exilzar Kyrill und dessen Sohn, Großfürst Wladimir, negiert jedoch das Thronrecht von Wladimirs Tochter Marie als Tochter aus nicht standesgemäßer Ehe (ihre Mutter, Großfürstin Leonida, entstammte einem Zweig des ehemaligen georgischen Königshauses Bagrationi/Bagratiden, der niemals herrschte).
Äußerst kritisch betrachtet wird auch die Praxis der „(Feld-)Kanzlei des Russischen Kaiserlichen Hauses“, im Namen von dessen Chefin, Großfürstin Marie, die von ihren treuen Untertanen als „Ihre Kaiserliche Hoheit Herrin Großfürstin“ angeredet wird, Bürger verschiedener Staaten inklusive Rußlands in den Adelsstand zu erheben, ihnen Adelstitel zu verleihen und zu bestätigen sowie sie mit traditionellen kaiserlichen, aber auch neuen Orden und Kreuzen auszuzeichnen, die unter Kyrill I.23, seinem Sohn Wladimir Kyrillowitsch und dessen Tochter Marie Wladimirowna24 gestiftet wurden. Böse Zungen behaupten, dies würde keinesfalls unentgeltlich passieren. Es gibt auch weitere kritische Punkte, die von den Legitimismus-Verfechtern, welche vor allem auf gute Verhältnisse zu den Staats- und Kirchenspitzen setzen, meistens stillschweigend ignoriert werden.
Nach Kaiser Pauls Thronfolgegesetz darf das Thronfolgerecht nicht nach weiblicher Linie weitergegeben werden. Allein dieser Umstand setzt alle Thronansprüche Marias und ihres Sohnes, Großfürst Georgij Michailowitschs, außer Kraft. Daher wird Maria von allen anderen Nachkommen des Romanowschen Zarenhauses nicht als Oberhaupt des Russischen Kaiserhauses anerkannt. Ihr 1981 in Madrid geborener und in Anwesenheit des spanischen Königs Juan Carlos getaufter Sohn Georgij wird als Hohenzoller betrachtet (sein Vater ist der preußische Prinz Franz-Wilhelm, der zeitweilig zum orthodoxen Glauben konvertierte und daher Michail hieß, sich aber 1986 unter für Nichteingeweihte nicht ganz klaren Umständen von seiner Gattin Maria trennte). Marias und Georgijs Russisch ist recht mangelhaft. Sie leben überwiegend in Spanien. Unter RF-Präsident Boris Jelzin, dessen Vertrauensmann Alexander Korschakow dem monarchistischen „Projekt“ sehr wohlgesonnen war, wurde eine Zeitlang geplant, dem Zarenhaus Romanow (d.h. Großfürstin Maria und Großfürst Georgij) in der Russischen Föderation einen offiziellen Status und eine offizielle Residenz zu gewähren. Später wurde jedoch davon abgelassen. Alle russischen Zaren und Prinzen waren sozusagen beruflich Militärs und genossen eine regelrechte militärische Ausbildung. Als der noch ganz junge Georgij 1993 mit seiner Mutter Maria und seiner Großmutter Leonida (Großfürst Wladimirs Witwe) seine erste feierliche Rußlandtour begann (die sich dann in immer bescheidenerem Umfang wiederholte und immer inoffizieller wurde), hieß es, der junge Prinz wolle Seekadett werden, um gleich seinem Großvater Kyrill russischer Marineoffizier zu werden. Daraus wurde aber nichts. Der Prinz studierte Jura und arbeitet heute als Berater beim Konzern „Nornikel“. Eine weitere Enttäuschung für nichtlegitimistische monarchistische Traditionalisten … Viele Auslands- und Inlandsmonarchisten betrachten auch Großfürst Kyrills Coburger Krönung als illegitim. Daher sprechen sie ihm auch das Recht ab, den Großfürstentitel an seinen Sohn zu verleihen, über den dieser wiederum an seine Tochter und weiter an seinen Enkel gegangen ist. Prinz Georgij ist schon längst volljährig und mündig, doch immer noch nicht Chef des Zarenhauses, und erscheint so gut wie nie in den Medien und der Öffentlichkeit.
Im Juni 2013 verkündete die vom Jekaterinburger Unternehmer Anton Bakow 2012 gegründete und offiziell eingetragene „Monarchistische Partei der Russischen Föderation“ (MPR) den Übergang ihres Thronprätendenten Fürst Karl- Emich von Leiningen zum russisch-orthodoxen Glauben unter dem Namen Nikolai Kyrillowitsch. Der Fürst stammt von Kyrill I. und Alexander II. sowie von der britischen Königin Victoria ab. Laut MPR ist er aus Sicht der Punkte 35 und 36 des russischen Thronfolgegesetzes der legitimste Prätendent. Die MPR wandte sich über Nikolai Kyrillowitsch an RF-Präsident Wladimir Putin mit dem Gesuch, sie bei der Konstituierung des Stadtstaates „Allrussischer Kaiserthron“ (russ. „Imperatorskij Wserossijskij Prestol“) zu unterstützen. Dieser soll auf dem Gebiet von Jekaterinburg (wo Zar Nikolaus II. mit Familie 1918 von den Bolschewiken ermordet wurde) nach dem Vorbild des Vatikan-Stadtstaates gegründet werden. Die Antwort läßt immer noch auf sich warten. Nach einem russischen Sprichwort ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Rußland aber das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten … Wir lassen uns gern überraschen.
1 Amicus Plato sed magis amica veritas. (Aristoteles) Es ist nicht einfach, über Zeitgenossen zu schreiben, die zum Teil noch am Leben sind und mit denen man wohlbekannt, ja sogar befreundet war, ohne dabei dem einen oder anderen zu nahe zu treten. Und dennoch: Pereat mundus, vincit veritas! (Kaiser Karl V.)
2 So hießen im russischen Mittelalter Gemeinden persönlich freier Stadtbürger, die nur und unmittelbar dem Zaren botmäßig waren.
3 Dieser Bund spaltete sich bald in zwei nach den Familiennamen ihrer Oberhäupter benannte Bünde auf; einer davon, der „Dubrowin-Bund“, zog gegen das Parlament als solches und gegen die Beteiligung der Monarchisten an jeglichen parlamentarischen Aktivitäten vom Leder, der andere, der „Markow-Bund“, ließ diese nicht nur zu, sondern empfahl sie sogar, „um die Zarenfeinde [Gegner der Zaren-Autokratie] auf deren eigenem [parlamentarischen] Felde zu schlagen“. Nach 1990 entstanden in der Russischen Föderation mehrere neue SRN-Vereine.
4 Am 17. Oktober 1905 erließ Zar Nikolaus II. sein Manifest über die Gewährung demokratischer Freiheiten.
5 Auf Russisch: „Ikonopissez“ (Ikonenschreiber). Entsprechend der griechisch-orthodoxen ostkirchlichen Überlieferung werden Ikonen nicht „gemalt“, sondern „geschrieben“.
6 In Jekaterinburg im Ural ermordeten die Bolschewisten Zar Nikolaus II., seine Gattin Zarin Alexandra sowie ihre Kinder (einschließlich des Kronprinzen Alexius) und Diener.
7 Der nach Perm verbannte Zarenbruder Michael wurde von den Bolschewisten entführt und in einem dortigen Vorort ermordet.
8 1920 gab die russische Zarentochter, Großfürstin Olga Konstantinowna, als Königin der Hellenen Griechenlands Regentin, vielen Flüchtlingen aus Rußland Asyl.
9 Daraus schöpfen die russischen Kronprätendenten und Monarchisten bis heute ihre Hoffnungen.
10 Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes, der ursprünglich TscheKa („Tschreswytschajnaja Komissija po borbe s kontrrevoluzijej i sabotaschem“, d.h. „Außerordentliche Kommission zur Konterrevolutions- und Sabotagebekämpfung“) hieß.
11 „Russkij Obschtsche-Woinskij Sojus“ („Allgemeiner Russischer Kriegerbund“) – Dachorganisation der weißen russischen Bürgerkriegsveteranen im Exil.
12 Träger dieser „volksmonarchistischen“ Bewegung waren größtenteils ehemalige mittelrangige Zarenoffiziere (die höchstens den Dienstgrad eines Stabshauptmanns erreicht hatten).
13 Daher sein Spitzname „Coburger Zar“.
14 Eine RIS-O-Freiwilligenformation samt russisch-orthodoxen Priestern hatte schon vorher im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 unter der russischen Zarenfahne in den Reihen der royalistischen Karlisten- Miliz „Requeté“ auf General Francos Seite gekämpft.
15 Baron Eduard Oleg Falz-Fein verstarb 2018 in Vaduz.
16 „Pamjat“ war nie eine einheitliche Organisation, sondern ein loses buntes Sammelsurium verschiedener mehr oder weniger rechtsorientierter Vereine und Gruppen, das sich immer wieder aufspaltete.
17 Der sowjetische Untersuchungsrichter Gelij Rjabow behauptete, die von den Zarenmördern unweit Jekaterinburgs 1918 heimlich verscharrten sterblichen Überreste der Zarenfamilie entdeckt zu haben, deren Echtheit von vielen immer noch bezweifelt wird.
18 Zu diesem Zeitpunkt war der RIS-O in drei Zweige aufgeteilt, wovon zwei (der „Fjodorow-RIS-O“ und der „Koltypin-RIS-O“) legitimistisch, der dritte Zweig (RIS-O der Gebrüder Weimarn) antilegitimistisch war. Alle drei RIS-O-Zweige gründeten nach 1990 ihre Filialen auch in Rußland.
19 General Baron Pjotr Wrangel war Oberbefehlshaber der in Südrußland operierenden weißen Russischen Armee (Russkaja Armija) im Bürgerkrieg 1919/20 sowie ROWS-Gründer und -Vorsitzender, der sich (im Unterschied zu seinem Stellvertreter und ROWS-Rivalen General Alexander Kutepow) niemals zum Monarchismus bekannte, ja den ROWS-Mitgliedern die Mitgliedschaft in monarchistischen Vereinen untersagte (nach dem Motto „Die Armee steht außerhalb der Politik“). Auch im Zarenreich war Militärangehörigen die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Organisationen untersagt gewesen.
20 Eine u.a. unter russischen Emigranten verbreitete antitrinitäre Irrlehre, die aus russisch-orthodoxer Kirchensicht der Weisheit (Sofia) Gottes quasi den Rang der vierten Hypostase zuspricht.
21 Als Form der Duldung kommunistischer und quasikommunistischer Diktaturen.
22 So heißt die russische Nationaloper von Michail Glinka über die Errettung des künftigen ersten Romanow auf dem Zarenthron, Michael Fedorowitsch, durch den einfachen Bauern Iwan Susanin Anfang des 17. Jahrhunderts.
23 Kaiserlicher St.-Nikolaus-Orden.
24 Kaiserlicher St.-Michael-Orden.