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Die monarchistische Bewegung in Rußland

Orthodox und zarentreu
 

Bei der „russischen monarchistischen Bewegung“ handelt es sich um keine Bewegung im einheitlichen Sinne dieses Wortes, sondern um eine ziemlich lose und in sich recht zerworfene Gruppe politischer Bewegungen, die mehr oder weniger mit der Unterstützung der Idee zu tun haben, die Monarchie sei die überhaupt beziehungsweise für Rußland beste Staatsform.

Von Wolfgang Akunow1
 

Von links nach rechts: Nikolaj Glaskow („Moskauer Monarchistisches Zentrum“), Wolfgang Akunow mit Sohn Nikolai („Moskauer Monarchistisches Zentrum“), Nikolai Lukjanow (mit schwarzem Bärtchen und weißem Hemd, „Moskauer“ und „Russisches Monarchistisches Zentrum“), Priester Nikon Belawenez, Beichtvater des Russischen Kaiserlichen Hauses, Kosakenataman Wjatscheslaw Djomin

Wenn wir einen kurzen historischen Rückblick vornehmen, so sehen wir, daß die ersten politischen Organisa­tionen monarchistischer Ausrichtung in Rußland (wie z. B. „Swjaschtschennaja Drushina“, d. h. „Sakrale Gefolgschaft“) bereits in den 1880er Jahren erschienen, als die Macht der russischen Zaren bzw. Kaiser vielen noch unerschütterlich zu sein und keine politische Unterstützung „von der Basis her“ zu brauchen schien. Besonders aktiv entwickelte sich die monarchistische Bewegung in der Zeit­spanne zwischen den beiden russischen Revolutionen von 1905 und 1917.

Damals entstanden einerseits zahlrei­che (nicht nur lokal, sondern auch lan­desweit tätige) ultramonarchistische, an­tiparlamentarische Organisationen wie die „Schwarzen Hundertschaften“ (russ. „Tschornyje Sotni“)2, von denen der „Bund des Russischen Volkes“ (russ. „Sojus Russkogo Naroda“, SRN3) und der „Erzengel-Michael-Bund“ („Sojus Michaila Archangela“) sowie die „Russi­sche monarchistische Partei“ („Russkaja monarchitscheskaja partija“) die zahl­reichsten und bedeutendsten waren. Die rechtsmonarchistischen „Schwarzhun­dertschafter“ (russ. „Tschernosotenzy“), auch als „Verbündete“ bzw. „Bündische“ (russ. „Sojusniki“) bekannt, plädierten für den Erhalt der zaristischen Autokra­tie. Anderseits entstanden auch modera­tere monarchistische Organisationen, wie z.B. der „Bund des 17. Oktober“4 (russ. „Sojus 17. Oktjabrja“), dessen Mit­glieder, die „Oktjabristen“, für die Ein­führung und anschließende Festigung der konstitutionellen parlamentarischen Monarchie in Rußland eintraten, was ein­gefleischten Monarchisten ein Greuel war.

Mit Unterstützung des Zarenhofes und der russischen orthodoxen Kirche (die im Zarenreich dem Heiligen Synod unterstand, der vom durch den Zaren be­nannten Ober-Prokuror geleitet wurde) wurden regelmäßige allrussische monar­chistische Kongresse veranstaltet, die un­terschiedlich bezeichnet wurden: „All­russischer monarchistischer Kongreß“ („Wserossijskij monarchitscheskij sjesd“), „Allrussischer Kongreß russischer Men­schen“ („Wserossijskij sjasd russkich lju­dej“), „Allrussischer Kongress des verei­nigten russischen Volkes“ („Wserossijskij sjesd objedinjonnogo russkogo naroda“) u.a.m.

Nach dem mit Unterstützung des Za­ren und der russisch-orthodoxen Kirche durchgeführten III. Allrussischen monar­chistischen Kongreß 1907 schuf der Hof- Isograph5 Wassilij Gurjanow unter Pin­selführung des berühmten russischen Malers Viktor Wasnezow speziell für derartige gesamtmonarchistische Ver­sammlungen die „Monarchitscheskaja“ („Monarchistische“) Mariä-Schutz-und- Fürbitte-Ikone, die seit 1917 als verschol­len gilt. Das uralte christlich-orthodoxe Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirchenfest wurde offiziell zum Hauptfest aller Mon­archistenkräfte Rußlands erklärt.

Gerechtigkeitshalber sollte hierbei er­wähnt werden, daß auch die Spitzen der muslimischen und lamaistischen (bud­dhistischen) Geistlichkeit im multinatio­nalen Russischen Kaiserreich eifrig um die fast religiöse Verehrung des Autokra­ten bemüht waren. Die monarchistisch gesinnten russischen Moslems verehrten den Zaren als „Ak Padischah“, die Bud­dhisten als „Zagan Khan“ (beides bedeu­tet „Weißer Zar“). Vielerorts, wie z.B. im Wolgatataren-Gebiet Kasan, konstituier­ten sich der „Muslimische Bund des rus­sischen Volkes“ (russ. „Musulmanskij Sojus Russkogo Naroda“, MSRN) o.ä.

Sofia Palaiologa, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers und Frau des russischen Großfürsten Iwan III., gilt als Bindeglied für die Legitimation des Russischen Reiches als „drittes Rom“, als Nachfolger des byzantinischen Reiches. Durch sie übernahm das Zarentum die Gedanken der religiös begründeten Autokratie und einen Teil des byzantinischen Hofzeremoniells. – Forensische Gesichtskonstruktion von Sofia Palaiologa.

Das dritte Rom

Das enge Zusammenwirken des Zaren­hofes mit der Kirchenspitze war kein Zu­fall. Aus den in Rußland üblichen Theori­en der Monarchie folgt der tiefgründige Zusammenhang von Monarchie und Re­ligion. Es galt die These, wonach der Monarch durch die Kirche für seine Herrschaft Gottes Segen erhält. Daher wird der Monarch als „der Gesalbte Got­tes“ bezeichnet, der Gott gegenüber für sein Volk verantwortlich ist. Viele gehen vom christlich-orthodoxen (und somit göttlichen, da der christlich-orthodoxe Glaube ja als wahrer Glaube galt) Ur­sprung der Monarchie in Rußland aus, obwohl die Staatsordnung im alten Rus noch vor dessen Taufe durch Fürst Wla­dimir den Heiligen aus dem Haus der Rurikiden monarchistisch war. Die mo­derne historische Forschung hebt jedoch hervor, daß die „klassische“ Monarchie erstmals 1547 in Rußland eingeführt wurde, als das damalige orthodoxe Kir­chenoberhaupt, der Metropolit Makarius (Makarij) von Moskau, den Moskauer Großfürsten Iwan IV. den Gestrengen (sein russischer Beiname „Grosnyj“ wird ins Deutsche traditionell falsch als „der Schreckliche“ übersetzt) aus dem Haus der Rurikiden nach dem oströmischen („byzantinischen“) orthodoxen Ritus zum Zaren (Caesar, Kaiser) krönte. Die­ser Ritus war von Iwans Großmutter So­fia (Zoe) aus dem Haus der Paleologen, Nichte des letzten oströmischen Kaisers Konstantin XI., nach Rußland übermittelt worden, als sie den Moskauer Großfür­sten Iwan III. geheiratet hatte. Dement­sprechend ist der christlich-orthodoxe Glaube sowohl für alle russischen Mon­archen sowie für deren Gemahle obliga­torisch. Indessen gehen die meisten nam­haften russischen Historiker davon aus, daß in Rußland auch zwischen Wladimir dem Heiligen und Iwan IV. (die beide of­fiziell den Zarentitel führten) die monar­chistische Staatsordnung herrschte, in deren Rahmen die Großfürsten von Kiew, Wladimir, Halitsch, Twer, Moskau u.a. in enger Zusammenarbeit mit der or­thodoxen Kirche als Monarchen herrsch­ten. Nach dem Aussterben des Ruriki­den-Zarenzweigs trat 1613 das neue Herrscherhaus der Romanows, von dem „Semskij Sobor“ (Landeskonzil, eine Art Ständeversammlung) mit Zustimmung der orthodoxen Kirche gewählt, die Herrschaft an. Der erste Romanow auf dem russischen Thron, Michael Fedoro­witsch, wurde nach oströmischem Ritus gekrönt, herrschte jedoch im Schatten seines Vaters Patriarch Filaret, Ober­haupt der russisch-orthodoxen Kirche. Unter Michaels Enkel Peter dem Großen wurde das Russische Kaiserreich (Ros­sijskaja Imperija) proklamiert und das Patriarchat abgeschafft. Seitdem hieß der Zar als Staatsoberhaupt offiziell „Kaiser“ (Imperator) und trug die Titel „externer Bischof“ sowie „Beschützer der Kirche“, womit er praktisch die russische Kirche kontrollierte, die bis 1905 den Status der Staatskirche besaß.

1913 wurde das 300jährige Jubiläum der Romanow-Zarenherrschaft rußland­weit gefeiert. Auf zeitgenössische Doku­mente und Erinnerungen gestützt, be­haupten moderne Geschichtsforscher, diese patriotischen und monarchisti­schen Jubiläumsfeierlichkeiten hätten die allgemeine Lage in Rußland in den Au­gen der Zarenfamilie im Hinblick auf die Volkssympathien der Monarchie gegen­über viel zu optimistisch erscheinen las­sen, was dem Zarenhaus bald zum Ver­hängnis werden mußte.

In den 1950er Jahren schrieb der russi­sche Philosoph und Antikommunist Iwan Iljin im Exil in seinem Sammelband „Unsere Aufgaben“ über den Zustand des Monarchismus vor 1917: „Das russi­sche Volk hatte zwar einen Zaren, hatte es jedoch verlernt, ihn in rechter Weise zu haben. Es gab einen Monarchen, es gab dessen zahllose Untertanen; deren Verhalten zum Monarchen ließ jedoch entschieden zu wünschen übrig. In den letzten Jahrzehnten verwirkte das russi­sche Volk sein monarchistisches Rechts­bewußtsein und verlor seine Bereitschaft, so zu leben, zu dienen, zu kämpfen und zu sterben, wie es sich für einen über­zeugten Monarchisten geziemt […]. Es fehlte eine einheitliche und organisierte monarchistische Partei, die den Thron beschützt und es verstanden hätte, dem Monarchen zu helfen“.

1918 wurden der in Jekaterinburg internierte Zar und seine ganze Familie auf Befehl Lenins ermordet. 1981 folgte ihre Heiligsprechung durch die Russische Kirche im Ausland, im Jahr 2000 durch das Moskauer Patriarchat.

In der Zeit der Revolutionswirren

Anfang 1917 zählte das Zarenhaus Ro­manow 65 Mitglieder, wovon 32 männ­lich waren. 18 davon (13 Männer) wur­den 1918/19 von den Bolschewisten in Je­katerinburg6, Perm7, Alapajewsk und Pe­trograd ermordet. 47 Romanows, die entkommen konnten, landeten im Exil (vor allem in Frankreich, Deutschland, Dänemark, Griechenland8 und in den USA).

Die liberaldemokratische Februarre­volution von 1917 in Rußland führte zum Sturz der Zarenmonarchie und zum Ver­bot aller monarchistischen (auch im Par­lament, der Staatsduma vertretenen) Par­teien, Organisationen und Aktivitäten. Die (wenn auch von den höchsten Mili­tär- und Parlamentsspitzen erzwungene) Abdankung des Zaren Nikolaus II. (der auch im Namen seines unmündigen Kronprinzen Alexius abdankte) sowie des Zarenbruders und nächsten Thron­folgers Michael nahm der monarchisti­schen Bewegung den Wind aus den Se­geln. Der Zar rief nämlich in seinem Ab­dankungstext alle Untertanen auf, der Provisorischen Regierung Gehorsam zu leisten. Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche befahl dem Klerus, nicht mehr für den Zaren und sein Haus, sondern für die Provisorische Regierung zu beten, worauf auch die Armee kirch­lich vereidigt wurde. Die legale Tätigkeit der Monarchisten im nunmehr republi­kanischen Rußland war dadurch fast völ­lig lahmgelegt.

Allerdings verwiesen aufrechte Mon­archisten auf die Tatsache, daß die Ab­dankung des Zaren im unter Kaiser Paul I. erlassenen Thronfolgegesetz gar nicht vorgesehen war (weder im eigenen Namen noch im Namen einer anderen Person). Außerdem wurde von den Fe­bruar-Umstürzlern erklärt, die Abdan­kung des Zaren Nikolaus und dessen Bruders Michael bedeute nicht die Ab­schaffung der Monarchie als Staatsform. Darüber sollte die Konstituierende Ver­sammlung (russ. „Utschreditelnoje So­branie“) entscheiden. Daher nannte sich auch die liberaldemokratische Regierung der Februar-Revolutionäre (russ. „Fe­wralisten“) provisorisch (d.h. nur bis zur Einberufung der Konstituante beste­hend). Indessen erklärte der Chef dieser Provisorischen Regierung, Alexander Kerenskij (ein Schulkamerad des Bol­schewistenführers Wladimir Uljanow- Lenin), Rußland im Sommer 1917 eigen­mächtig, ohne Parlaments- und Volksbe­fragung, zur Republik. Dabei wurde es von Kerenskij (wie später auch von den ihn ablösenden Sowjetbolschewisten) unterlassen, für die rechtliche Abschaffung der Monarchie in Rußland zu sor­gen, was den Fortbestand der Monarchie in Rußland und des Anspruchs des Za­renhauses Romanow auf den russischen Kaiserthron bedeutete9.

Nach dem Sturz der Provisorischen Regierung durch die Bolschewisten im Oktober/November 1917 und dem dar­auffolgenden Ausbruch des Bürgerkrie­ges kamen die meisten namhaften Per­sönlichkeiten der sowohl von den Roten als auch von den Weißen in den Unter­grund getriebenen vorrevolutionären „etablierten“ monarchistischen Bewe­gung um. Die wenigen am Leben geblie­benen standhaften Monarchisten gingen ins Exil.
Seitdem verbinden viele orthodoxe Gläubige mit dem für die russische Mon­archie derart fatalen Beginn des 20. Jahr­hunderts das Erscheinen* der hochver­ehrten wundertätigen Ikone der Heiligen Mutter Gottes als „Herrscherin“ (russ. „Dershawnaja“), die am Tag von Zar Ni­kolaus’ II. Abdankung (oder vielmehr Entmachtung) in Moskau offenbart wur­de. Die darauf als Herrscherin mit Krone, Szepter und Reichsapfel im Zarenpurpur dargestellte Heilige Mutter Gottes wird als wahrhafte Inhaberin der Zarenmacht über Rußland in der 1917 angebrochenen Zeit des verderblichen und leidvollen In­terregnums verstanden. Die „Dershawnaja“-Ikone gilt als Haupthei­ligtum der russischen Monarchisten und Sinnbild der durch viele Prophezeiungen vorausgesagten künftigen Wiederher­stellung der Monarchie. Viele Würden­träger der orthodoxen Kirche sowie or­thodoxe Literaten und Publizisten be­trachten den Fall der Monarchie als Got­tes Strafe für das russische Volk (ein­schließlich der russischen Kirche), das sich zahlreicher jahrzehnte-, ja jahrhun­dertelanger Sünden schuldiggemacht so­wie 1917 die dem Zarenhause Romanow 1613 geschworene Treue gebrochen hat­te. Die Rückkehr der Monarchie wird erst dann für möglich gehalten, wenn das abtrünnige Volk (samt Kirche) Buße tut und von Gott die Vergebung seiner Apo­stasie erbittet.

Großfürst Kyrill Wladimirowitsch (1876–1938) wurde von den Legitimisten als Nachfolger seines Vetters Zar Nikolaus II. gesehen.
Eine andere Gruppe von Exilanten unterstützte Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, den Onkel von Zar Nikolaus II. und Befehlshaber der russischen Armee im Ersten Weltkrieg.

Zwischen den beiden Weltkriegen

Trotz der Zerschlagung der vor 1917 ent­standenen „etablierten“ monarchisti­schen Bewegung führten die in Rußland verbliebenen Untergrund-Monarchisten selbst nach dem endgültigen Sieg der Bolschewisten ihren sowohl propagandi­stischen als auch bewaffneten Kampf weiter fort. Anfang der 1920er Jahre ge­hörte die Monarchistenbekämpfung mit zu den vorrangigen Aufgaben des bol­schewistischen Geheimdienstes OGPU. Aus Angst vor einer monarchistischen Revanche mit Hilfe der Exilrussen und „imperialistischer bürgerlicher Staaten“ organisierten die Tschekisten10 eine wahrhaft totale Kontrolle selbst über die geringsten Äußerungen monarchisti­scher Stimmungen. Ertappte Monarchi­sten wurden meist ohne Gerichtsver­handlung erschossen.

Das bekannteste Unternehmen des so­wjetischen Geheimdienstes gegen den monarchistischen Untergrund war die Operation „Trust“, in deren Folge die heimlich in der UdSSR agierende monar­chistische Organisation MOZR („Monar­chitscheskij Zentr Rossii“, d.h. „Monar­chistisches Zentrum Rußlands“) vernich­tet und durch eine bolschewistische
At­trappenorganisation ersetzt, die Aktivi­täten der ROWS11-Kampforganisation des Exilmonarchisten General Alexander Kutepow lahmgelegt sowie die Verbin­dungskanäle der monarchistischen Un­tergrundkämpfer in der Sowjetunion zu gleichgesinnten Emigranten festgestellt und eliminiert wurden. 1929 ging Stabs­rittmeister Albert Schiller, Welt- und
Bür­gerkriegsveteran, in General Glasenapps Auftrag illegal über die Sowjetgrenze und schuf in Leningrad eine monarchi­stische Untergrundgruppe, die jedoch von den Tschekisten aufgedeckt und ver­nichtet wurde. Im Fernen Osten führten monarchistische Partisanen bis in die 1930er Jahre hinein einen regelrechten Kleinkrieg gegen die Sowjetmacht.

Die von der Sowjetmacht ins Ausland vertriebenen russischen Monarchisten scharten sich um die im Exil lebenden Mitglieder der Romanow-Dynastie. Die Anhänger der russischen monarchisti­schen Emigranten-Bewegung waren in drei Hauptströmungen aufgeteilt: „Stabshauptleute“ (russ. „Schtabs-Kapi­tany“), „Kyrilliten“ (russ. „Kirillowzy“) und „Nikolaiten“ (russ. „Nikolajewzy“). Die „Bewegung der Stabshauptleute12 (russ. „Schtabs-kapitanskoje dwisheni­je“), deren Hauptaktivist und Wortfüh­rer der weiße Bürgerkriegsveteran und aus sowjetischer KZ-Haft nach Finnland entkommene politische Gefangene Iwan Solonewitsch war, plädierte für die soge­nannte Volksmonarchie (russ. „narod­naja Monarchija“) ohne Standesaristo­kratie und Berufsbeamtenstand, die im alten Kaiserreich Zar und Volk einander entfremdet hätten. Viele „Stabshauptleu­te“ konnten sich auch Zaren vorstellen, die nicht dem Hause Romanow angehör­ten, weil für sie „Tüchtigkeit und nicht Abstammung“ im Vordergrund stand.

Die „Kyrilliten“ (auch als Legitimi­sten bekannt), zu denen u.a. der oben er­wähnte Rittmeister Schiller gehörte, un­terstützten den Thronanspruch des Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch. Dieser übernahm 1924 im Zusammen­hang mit der nunmehr bestätigten Tatsa­che der Ermordung seines Vetters Zar Nikolaus II., dessen Sohnes Alexius und des Großfürsten Michael die Rechte und Pflichten des russischen Kaisers und wurde in Coburg vom Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland (Exilkirche) gekrönt13. Seine Anhänger unter den russischen Exilmilitärs bilde­ten das Korps der kaiserlichen Armee und Marine (russ. „Korpus Impera­torskich Armii in Flota“, KIAF).

Die „Nikolaiten“ (auch als „Nepredre­schenzy“, d.h. „die Unentschiedenen“ bekannt) unterstützten den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, Onkel von Zar Nikolaus II. und Befehlshaber der russi­schen Zarenarmee im Weltkrieg. Dieser erklärte, die Entscheidung über Ruß­lands künftige Staatsform obliege dem russischen Volk. Dem Volk obliege auch die Wahl des künftigen Zaren, falls es sich für die Monarchie entscheiden soll­te. Dies entsprach den Vorstellungen der meisten weißen Bürgerkriegsveteranen, die diese auch in den Kriegsjahren ver­traten. Aber auch der Oberste Monarchi­stische Rat (russ. „Wysschij Monarchit­scheskij Sowjet“, WMS) war ähnlicher Meinung. Diese von russischen Emigran­ten 1921 im deutschen Bad Reichenhall gegründete monarchistische Dachorga­nisation veranstaltete dort den 1. Monar­chistischen Kongreß. Auf dem Kongreß wurde die im dänischen Exil lebende
Za­rin-Witwe Maria Fedorowna (Mutter des ermordeten Zaren Nikolaus II.) als höch­ste Autorität unter den russischen Mon­archisten anerkannt. Die Thronfolgefra­ge wurde jedoch als nicht zeitgemäß auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, weil die Möglichkeit der Rettung der Za­renfamilie damals noch nicht als ausge­schlossen galt.

Später erhielten die Legitimisten Ver­stärkung durch die „Jungrussen“ (russ. „Mladorossy“). Diese im „Bund Junges Rußland“ (russ. „Sojus Molodaja Rossi­ja“) organisierten Emigranten planten, ein Rußland „auf monarchistischem Fun­dament“, jedoch „unter Berücksichti­gung der tiefschürfenden, irreversiblen Entwicklung in der Heimat“ wiederauf­zubauen, das durch „den Zaren und die Sowjets“ regiert werden sollte.

Rechte Monarchisten bezeichneten die Exilkaiser Kyrill I. unterstützenden Jungrussen als „zweite Sowjetpartei“ und bolschewistische Agenten im russi­schen Exil. Deren Führer Alexander Ka­sem-Bek wurde im Zuge der Zeit „So­wjetpatriot“, ging nach Sowjetrußland, war dort eine Zeitlang inhaftiert und ar­beitete danach in der Auswärtigen Abtei­lung des Moskauer Patriarchats der in spätstalinistischer Zeit praktisch neu konstituierten russisch-orthodoxen Kir­che („Russkaja Prawoslkawnaja Zer­kow“, RPZ).

1929 gründeten russische Offiziere im belgischen Exil den monarchistischen „Russischen Kaiserlichen (Imperialen) Bund“ (russ. „Rossijskij Imperskij Sojus“, RIS), der später in „Russischer Kaiserli­cher (Imperialer) Bund-Orden“ (russ. „Rossijskij Imperskij Sojus-Orden“, RIS-O) umbenannt wurde. Ihr Ziel war die Wiederherstellung der Zarenmonarchie in Rußland. Anfangs gehörte der RIS/ RIS-O zu den „Unentschiedenen“, wegen der aus Sicht der Zarentreuen fragwürdi­gen Haltung Großfürst Kyrills während der Februarrevolution 1917 sowie seiner mysteriösen Rettung aus dem bolschewi­stischen Rußland nach Finnland (das sich mit Sowjetrußland im Kriegszustand be­fand), während alle anderen Zarenver­wandten, die sich im bolschewistischen Machtbereich befanden, von den Roten ermordet wurden. Monarchistisch, und zwar legitimistisch, gesinnt war auch die in Deutschland agierende „Russische Volksbefreiungsbewegung“ (russ. „Rus­skoje Oswoboditelnoje Narodnoje Dwi­shenija“, ROND) von Swetosarow- Pelchau und Fürst Pawel Bermondt- Awaloff, Kyrills Freund und ehemaliger Befehlshaber der russisch-deutschen monarchistischen „Freiwilligen Westar­mee“ (russ. „Sapadnaja Dobrowoltsches­kaja Armija“, SDA) im Bürgerkrieg 1919, die im Baltikum operiert hatte.
Exilzar Kyrill starb 1938. Sein Sohn, Großfürst Wladimir Kyrillowitsch, wur­de zwar nicht zum Kaiser gekrönt, je­doch zum russischen Thronverweser er­klärt und von der russischen Auslands­kirche als solcher bestätigt. Er nahm von den „Jungrussen“ Abstand, was ihm die Sympathien vieler rechter Monarchisten (wie z.B. der RIS-O-Aktivisten) einbrach­te.

Josef Stalin knüpfte im Zweiten Weltkrieg systematisch vielfach an das zaristische Rußland an und begann auch, seine Politik gegenüber der orthodoxen Kirche zu ändern. Der Schriftsteller Wladimir Solouchin behauptete, Stalin habe eine Krönung zum Zaren angestrebt.

Im Zweiten Weltkrieg

Nach Beginn des deutschen Feldzugs im Osten am 22. Juni 1941 trat die Sowjet­propaganda zuerst die These breit, die deutschen „Faschisten“ seien als Wieder­hersteller der Zarenmonarchie in Ruß­land eingefallen. Es wurden zahlreiche Plakate gedruckt, worauf der Zar (mit Gesichtszügen des bereits verstorbenen Kyrill I.) mit Krone und Szepter, gefolgt von Popen mit Kreuzen und Weihrauch­fässern und alten „Zöpfen“ jeder Art, im Troß der deutschen Wehrmacht darge­stellt wurde. Selbst der kommunistische Parteichef und Sowjetdiktator Josef Sta­lin erklärte in seiner Ansprache zu Kriegsbeginn, die Deutschen kämen, um die Macht des Zaren, der Grundbesitzer und der Kapitalisten wiedereinzuführen. Der Krieg gegen Hitlerdeutschland wur­de den Sowjetbürgern also als Fortset­zung des Kampfes gegen die Zarenmon­archie präsentiert. Doch im Laufe des Krieges veränderte sich Stalins Haltung zur Monarchie (vor allem nach Stalin­grad). Der „späte“ Stalin stellte viele In­stitute des kaiserlichen Rußlands wieder her. In Armee und Miliz (Polizei) wurde die vorher verpönte Bezeichnung „Offi­zier“ (statt „roter Kommandeur“) samt „zaristischen Achselstücken“, Unifor­men, Ehrengerichten, St.-Georgs-Or­densbändern wiedereingeführt. Auch Zi­vilbeamte und Schüler wurden wie zu Zarenzeiten in Dienstuniformen ge­steckt. Der namhafte russische Schrift­steller Wladimir Solouchin berichtete in seinem Buch „Die letzte Stufe“, daß er als Soldat des Kreml-Wachregiments kurz vor Stalins in vielerlei Hinsicht mysteri­ösem Tod selbst Augenzeuge war, wie die mit LKWs in den Kreml gebrachten Doppeladler, die zur Zarenzeit die Kremlturmspitzen schmückten, ausgela­den wurden, um die dort von den Bol­schewisten angebrachten roten Sterne zu ersetzen (wozu es jedoch nicht kommen sollte). Die von den Bolschewistenfüh­rern Wladimir Lenin, Leo Trotzki und Ja­kow Swerdlow gegründete Dritte (Kom­munistische) Internationale (gegen die ja der vom eingefleischten Antikommuni­sten Adolf Hitler ins Leben gerufene An­tikominternpakt gerichtet war) wurde mitten im Krieg vom „Erzkommunisten“ Stalin aufgelöst. Auch Stalins Verhältnis zur Kirche veränderte sich. Die Wieder­eröffnung von Kirchen und Klöstern, die Befreiung noch am Leben gebliebener kirchlicher Würdenträger aus der Haft sowie deren Rückkehr aus dem Ausland, die Wiedereröffnung von Priestersemi­naren und des Patriarchats von Moskau und ganz Rußland sprachen eindeutig dafür. Solouchin behauptete, daß sich Stalin zu einer Art „rotem Zar“ krönen lassen wollte. Kanonisch gesehen stand der Krönung des im christlich-orthodo­xen Glauben geborenen ehemaligen ge­orgischen Priesterseminar-Zöglings Ios­sif Dshugaschwili alias Stalin zum „Za­ren aller Reußen“ auch für den russi­schen Patriarchen nicht mehr im Wege als seinerzeit der Krönung des im rö­misch-katholischen Glauben aufgewach­senen Korsen Nabulione Buonaparte ali­as Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen durch den römischen Papst. Formell konnte Sowjet-Generalissimus Genosse Stalin durchaus russischer Kai­ser Jossif I. der Sieg- bzw. Glorreiche werden. Darauf berufen sich auch heute noch die „russisch-orthodoxen Stalini­sten“ und „stalinistischen Monarchi­sten“, die sogar Stalin mit Zareninsigni­en auf Ikonen abbilden lassen …

Im Zweiten Weltkrieg kämpfte eine Einheit russischer Emigranten aus den Reihen des „Russischen Kaiserlichen Bundes-Ordens“ unter den Gebrüdern Sachnowski an deutscher Seite in den Reihen der Freiwilligenbrigade „Wallo­nie“. In ihren Feldgottesdiensten wurde Großfürst Wladimir als „unser rechtgläu­biger Herrscher“ erwähnt14. Auch der Befehlshaber der auf deutscher Seite kämpfenden „Ersten Russischen Natio­nalarmee“ („1. Russkaja Nazionalnaja Armija“, 1. RNA), der ehemalige Zaren­offizier und Bürgerkriegsveteran Gene­ralmajor Alexej Smyslowsky-Holmston, war ein Anhänger Großfürst Wladimirs und führte ihn nach Kriegsende mit den Resten seiner Armee nach Liechtenstein, von wo der russische Thronverweser dann nach Spanien entkommen konnte. 1942 wurde zwei Vertretern des Hauses Romanow von den Italienern vergeblich der Thron von Montenegro angeboten. In der russischen Fernseh-Filmdokumen­tation „Im Schatten des Romanow-Thro­nes“ erklärte der in Liechtenstein leben­de deutschrussische Emigrant Baron Eduard Oleg von Falz-Fein15, der Wladi­mir Kyrillowitsch gut kannte, vor der Kamera, er sei dem Großfürsten 1945 in Liechtenstein wiederbegegnet; „diesmal trug er [Wladimir] keine Uniform“. Auf die Frage des offenbar etwas verblüfften Fernsehjournalisten erklärte Falz-Fein ohne Übergang, Hitler habe dem Groß­fürsten persönlichen Schutz gewährt. Derartige Unklarheiten ließen Gerüchte aufkommen, Großfürst Wladimir hätte bei der deutschen Wehrmacht bzw. bei der Waffen-SS gedient, was von den Geg­nern der Legitimisten bewußt als Argu­ment gegen diese eingesetzt wurde. Für solche Beschuldigungen gibt es keine handfesten Belege. Anderseits war der oben erwähnte Fürst Pawel Bermondt- Awaloff, Freund und Anhänger des „Co­burger Zaren“ Kyrill, Chef der im Dritten Reich bis 1935 geduldeten „Russischen Volksbefreiungsbewegung“ (ROND), die auch als „Russische Nationale Sozia­listische Bewegung“ bekannt war und die neben dem gekrönten Zaren-Doppel­adler auch das Hakenkreuz auf ihren Ab­zeichen, Fahnen und Armbinden führte sowie gemeinsam mit Hitlers SA auftrat (in Berlin bestand sogar eine gemischte Deutsch-Russische Standarte). Aller­dings wurde Bermondt 1935 von den Na­zis wegen „monarchistischer Umtriebe“ inhaftiert, jedoch bald nach Jugoslawien entlassen, von wo er als „Verfolgter des Hitlerregimes“ in die USA übersiedelte.

1981 wurden der von den Bolschewi­sten 1918 in Jekaterinburg ermordete Zar Nikolaus II. und die Zarenfamilie von der russischen Kirche im Ausland heilig­gesprochen. Das Moskauer Patriarchat folgte dem erst 2000.

Die Fahne der Russischen Christlich-Monarchistischen Union ist ein viereckiges gelbes Fahnentuch mit schwarzem Kreuz, dessen Form die des Kulmer Kreuzes aufnimmt und in dessen Mitte sich das gelbe RChMS-Emblem befindet. In den vier Ecken der Fahne befindet sich das schwarze, von einem Lorbeerkranz umgebene Monogramm Kaiser Kyrills I. Die dynastische Fahne des Hauses Romanow war im Unterschied zur russischen Fahne schwarz-gelb-weiß.
Das Emblem der RChMS in der Mitte der Fahne zeigt das Kreuz des Kaisers Konstantin in schwarzer Farbe mit goldener Inschrift „In diesem Zeichen wirst du siegen“ in einem schwarzen Dornenkranz, gekrönt von einem schwarzen Doppeladler und einer goldenen Kaiserkrone an der Basis. Das Kreuz des Kaisers Konstantin versinnbildlicht den Sieg der christlichen Monarchie.
Das Kulmer Kreuz, das dem Eisernen Kreuz I. Klasse stark ähnelt und auf die gleiche Weise getragen wird, wurde vom preußischen König kollektiv allen 12.000 russischen Gardesoldaten verliehen, die an der Schlacht bei Kulm Ende August 1813 teilgenommen hatten

In der Gorbatschow-Ära

Nach Anbruch von Michael Gor­batschows Glasnost- und Perestroika-Ära entstanden in der UdSSR mehrere monarchistische Organisationen, die „halb im Untergrund“ agierten, wie z.B. der 1986 gegründete „Bund der Christli­chen Wiedergeburt“ (russ. „Sojus Chri­stianskogo Wosroshdenija“) von Wladi­mir Ossipow, Andrej Schtschedrin und­Wjatscheslaw Djomin, „Pamjat“16 (russ. „Gedächtnis“ bzw. „Erinnerung“) von Igor Sytschow, Konstantin Smirnow- Ostaschwili, Valerij Jemeljanow, Dmitrij Wasslijew u.a., die vom ausklingenden Sowjetstaat geduldet und von diversen politischen sowie anderen Kräften zu verschiedenen Zwecken genutzt und ma­nipuliert wurden. Sie erstarkten erst recht nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991. 

1988 konstituierte sich in Moskau die gesellschaftliche „Kommission zur Un­tersuchung der Todesumstände der Za­renfamilie“ (russ. „Kommissija po rassle­dowaniju obstojatelstw gibeli Zarskoj Semji“) von Gelij Rjabow17, Olga Korsini­na, Natalja Golowanowa, Lew Wolo­chonskij, Wladimir Karpez und dem Priestermönch der russischen Auslands­kirche Dionysius (Dionissij) Makarow, die regelmäßig ihre Nachrichtenblätter (Bulletins) veröffentlichte. 1990 wurde Dionissij aus der Kommission ausge­schlossen, gründete jedoch seine eigene „Kommission zur Untersuchung ver­mutlicher Bestattungsorte des Kaisers Nikolaus des Zweiten“. Es gelang ihm, zu den Zentren der monarchistischen Emigranten Kontakt aufzunehmen, u.a. mit Alexander Radaschkewitsch, Sekre­tär der Feld-Kanzlei des Großfürsten Wladimir Kyrillowitsch, mit der Füh­rungsspitze des legitimistischen Zweiges des „Russischen Kaiserlichen Bundes- Ordens“18 u.a.m.

1990 fand in Moskau der erste Kon­greß der Anhänger der monarchistischen Restauration statt. Er hieß offiziell „Gründungskongreß der Allrussischen Orthodox-Konstitutionell-Monarchisti­schen Partei“. Vorsitzender des Partei- Organisationsausschusses war Sergej Jurkow-Engelhardt. Im Kongreßrahmen erklärte er, bei der zu gründenden Partei handele es sich um den seit 1924 im So­wjet-Untergrund agierenden, von Baron Pjotr Wrangels19 Agenten gegründeten „Orthodox-Monarchistischen Ordens- Bund“ (russ. „Prawoslawno-Monarchit­scheskij Orden-Sojus“, PRAMOS), zu dessen Oberhaupt (Marschall) Jurkow sich selbst erklärte. Dem Marschall sollte der PRAMOS-Großkanzler im Generals­rang zur Seite stehen. Großkanzlerin wurde Nelli Milowanowa, des Mar­schalls Gattin. Der Kongreß erhielt Gruß­telegramme vom Chef des Kaiserhauses Romanow, Großfürst Wladimir Kyrillo­witsch, vom Berliner Erzbischof der rus­sischen Auslandskirche, Markus (Mark), von der Redaktion der Emigrantenzeit­schrift „Possew“ u.a.m. Am gleichen Nachmittag fand auf dem Friedhof des Moskauer Donskoj-Klosters der russisch-orthodoxen Kirche (Moskauer Patriar­chat) die erste feierliche Vereidigung der PRAMOS-Monarchisten auf Großfürst Wladimir als den künftigen Zaren statt (der samt seinen Nachkommen der russi­schen Auslandskirche angehörte).

Sehr bald spaltete sich jedoch ein PRA­MOS-Teil ab. So entstand das anfangs ebenfalls legitimistische „Moskauer Monarchistische Zentrum“ („Moskows­kij Monarchitscheskij Zentr“, MMZ) un­ter Nikolaj Lukjanow. Es wurde bald durch die ebenfalls von Lukjanow gelei­teten Vereine „Russisches Monarchisti­sches Zentrum“ („Rossijskij Monarchit­scheskij Zentr“, RMZ) und „Höchster Monarchistischer Rat“ („Wysschij Mon­architscheskij Sowjet“, WMZ, dem u. a. Alexander Sakatow, Novize des erwähn­ten Priestermönchs Dionissij, und auch der Verfasser dieses Artikels angehörten) ergänzt und verstärkt.

Aufgrund des Thronfolgegesetzes von Zar Paul wird Georgij Michailowitsch Romanow-Hohenzollern nicht von allen russischen Monarchisten als Erbe des Zarenthrons anerkannt.
Fürst Karl-Emich von Leiningen ist als Nachfahre von Kyrill I. und Alexander II. für viele russische Monarchisten der eigentliche Erbe des Zarenthrons. Prinz Leiningen trat zum russisch-orthodoxen Glauben über und führt seither den Namen Nikolai Kyrillowitsch.

Im neuen Rußland

1991 traten die Monarchisten Michael Alexandrow, German Nikiforow, Saka­tow u.a. aus dem WMZ aus und gründe­ten ihre eigene legitimistische Organisa­tion: die „Christ­lich-Monarchisti­sche Union“ („Christiansko- Monarchitscheskij Sojus“, ChMS), 1993 in „Russi­scher Christlich- Monarchistischer Bund“ („Rossijskij Christiansko-Mon­architscheskij So­jus“, RChMS) um­benannt. Ab 1993 stand Alexander Sakatow dem RChMS als Generalsekretär vor, bis er 1997 per­sönlicher Sekretär der Tochter von Groß­fürst Wladimir, Maria Wladimirowna, wur­de, die nach dem Tod ihres Vaters von den Legitimisten zur Che­fin des Russischen Kaiserhauses erklärt wurde. Ab 1997 wurde die „Russische Christlich-Monarchistische Union“ von Wolfgang Akunow als RChMS-General­sekretär und Jurij Glasow als RChMS-Oberhaupt geleitet. Als optimal wird ei­ne Regierung gesehen, die den Prinzipi­en der orthodoxen Kirche folgt, wonach der Monarch in Verantwortung vor Gott steht. Die Union bekannte sich gemäß ih­rer Satzung zum russisch-orthodoxen Glauben, verurteilte jedoch das „Sergia­nertum“ (d.h. das Moskauer Patriarchat, das die Sowjetmacht anerkannt hatte), den Ökumenismus, das Sofianertum20, die Sich-nicht-Widersetzung dem Bösen gegenüber, den Pazifismus21 sowie jegli­che Formen der „Verknüpfung“ der christlichen Religion mit der Ideologie und Praxis des Sozialismus und Kom­munismus. Nachdem sich jedoch die Großfürstin Maria mit ihrem Sohn Kron­prinz Georgij zugunsten des Moskauer Patriarchats von der Auslandskirche ab­wandte, entstand in diesem Punkt zu­mindest Unklarheit, die letztendlich ne­ben anderen Faktoren zum RChMS-Zer­fall in drei nach ihren Chefs benannte Teile führte, und zwar in 1) „Akunow- RChMS“, 2) „Glasow/Winogradow- RChMS“ und 3) „Kanajew-RChMS“.

Die RChMS edierte zwei Zeitschriften: „Monarchist“ in St. Petersburg und „Shisn sa Zarja“ (russ. „Ein Leben für den Zaren“22), die in Moskau erschien, solange die Sponsorengelder reichten. Nachdem sich Lukjanow mit Sakfbolscheatow überworfen hatte, wechselten das „Mos­kauer Monarchistische Zentrum“, das „Russische Monarchistische Zentrum“ und der „Höchste Monarchistische Rat“ ins antilegitimisti­sche Lager über. Auf das Moskauer Mu­seum der Russischen Kaiserlichen Fami­lie als Basis gestützt, veranstalteten sie zahlreiche monarchistische Konferenzen, die vor allem „das russische Volk über die positive Rolle der Monarchie in der Geschichte Rußlands aufklären“ sollten. Darüber wurde regelmäßig in der Zei­tung „Speznas Rossii“ berichtet. Als zu­künftigen Zaren stellen sich die „Lukja­now-Monarchisten“ Konstantin von Ol­denburg, Sohn des Großherzogs Huno von Oldenburg, als nahen Verwandten des Zarenhauses Romanow vor.

Es hat im modernen Rußland auch ein paar komische Prätendenten gegeben, wie z.B. den inzwischen verstorbenen „Paul II.“ oder den ebenfalls inzwischen verstorbenen „Nikolaus III.“ alias Dalskij bzw. Dalberg, der sich für den Sohn des angeblich den bolschewistischen Mördern entgangenen Kronprinzen Alexius ­ausgab und mal in Generals-, mal in Ad­miralsuniform auf diversen Veranstal­tungen erschien. Seine Bürotür war mit „Russian Empire Inc.“ ausgeschildert. Interessanterweise wurden sowohl „Paul II.“ als auch „Nikolaus III.“ im gleichen Sommer von dem gleichen Priester in ei­ner Moskauer Vorortskirche „gekrönt“. Auf die Frage des Korrespondenten der Zeitung „Megapolis Express“, was dies zu bedeuten habe, erwiderte der Priester: „Je mehr Zaren wir in Rußland haben, desto mehr Monarchisten, desto besser ist es für die monarchistische Bewe­gung …“

Die sogenannten „Soborniki“ („Konzi­lanten“), hauptsächlich vom bekannten, inzwischen verstorbenen, Bildhauer und Kosaken-Aktivisten Wjatscheslaw Kly­kow angeführt, planten, einen neuen Za­ren aus ihrer Mitte zu wählen, z. B. Sowjetmarschall Georgij Schukows Enkel. Daraus ist jedoch nichts geworden.

Während ein Teil der russischen Mon­archisten die Nachkommen des Exilzaren Kyrill I. in Person von dessen Tochter Maria als Chefin des Russischen Kaiserlichen Hauses unterstützt, akzep­tiert das „Höchste Monarchistische Zen­trum“ u.a. nur das Thronrecht von Exilzar Kyrill und dessen Sohn, Großfürst Wladimir, negiert jedoch das Thronrecht von Wladimirs Tochter Marie als Tochter aus nicht standesgemäßer Ehe (ihre Mut­ter, Großfürstin Leonida, entstammte ei­nem Zweig des ehemaligen georgischen Königshauses Bagrationi/Bagratiden, der niemals herrschte).

Äußerst kritisch betrachtet wird auch die Praxis der „(Feld-)Kanzlei des Russi­schen Kaiserlichen Hauses“, im Namen von dessen Chefin, Großfürstin Marie, die von ihren treuen Untertanen als „Ihre Kaiserliche Hoheit Herrin Großfürstin“ angeredet wird, Bürger verschiedener Staaten inklusive Rußlands in den Adels­stand zu erheben, ihnen Adelstitel zu verleihen und zu bestätigen sowie sie mit traditionellen kaiserlichen, aber auch neuen Orden und Kreuzen auszuzeich­nen, die unter Kyrill I.23, seinem Sohn Wladimir Kyrillowitsch und dessen Tochter Marie Wladimirowna24 gestiftet wurden. Böse Zungen behaupten, dies würde keinesfalls unentgeltlich passie­ren. Es gibt auch weitere kritische Punk­te, die von den Legitimismus-Verfech­tern, welche vor allem auf gute Verhält­nisse zu den Staats- und Kirchenspitzen setzen, meistens stillschweigend igno­riert werden.

Nach Kaiser Pauls Thronfolgegesetz darf das Thronfolgerecht nicht nach weiblicher Linie weitergegeben werden. Allein dieser Umstand setzt alle Thronansprüche Marias und ihres Sohnes, Großfürst Georgij Michailowitschs, au­ßer Kraft. Daher wird Maria von allen anderen Nachkommen des Romanow­schen Zarenhauses nicht als Oberhaupt des Russischen Kaiserhauses anerkannt. Ihr 1981 in Madrid geborener und in An­wesenheit des spanischen Königs Juan Carlos getaufter Sohn Georgij wird als Hohenzoller betrachtet (sein Vater ist der preußische Prinz Franz-Wilhelm, der zeitweilig zum orthodoxen Glauben kon­vertierte und daher Michail hieß, sich aber 1986 unter für Nichteingeweihte nicht ganz klaren Umständen von seiner Gattin Maria trennte). Marias und Geor­gijs Russisch ist recht mangelhaft. Sie le­ben überwiegend in Spanien. Unter RF-Präsident Boris Jelzin, dessen Vertrau­ensmann Alexander Korschakow dem monarchistischen „Projekt“ sehr wohlge­sonnen war, wurde eine Zeitlang ge­plant, dem Zarenhaus Romanow (d.h. Großfürstin Maria und Großfürst Geor­gij) in der Russischen Föderation einen offiziellen Status und eine offizielle Resi­denz zu gewähren. Später wurde jedoch davon abgelassen. Alle russischen Zaren und Prinzen waren sozusagen beruflich Militärs und genossen eine regelrechte militärische Ausbildung. Als der noch ganz junge Georgij 1993 mit seiner Mut­ter Maria und seiner Großmutter Leoni­da (Großfürst Wladimirs Witwe) seine erste feierliche Rußlandtour begann (die sich dann in immer bescheidenerem Um­fang wiederholte und immer inoffizieller wurde), hieß es, der junge Prinz wolle Seekadett werden, um gleich seinem Großvater Kyrill russischer Marineoffizier zu werden. Daraus wurde aber nichts. Der Prinz studierte Jura und ar­beitet heute als Berater beim Konzern „Nornikel“. Eine weitere Enttäuschung für nichtlegitimistische monarchistische Traditionalisten … Viele Auslands- und Inlandsmonarchisten betrachten auch Großfürst Kyrills Coburger Krönung als illegitim. Daher sprechen sie ihm auch das Recht ab, den Großfürstentitel an sei­nen Sohn zu verleihen, über den dieser wiederum an seine Tochter und weiter an seinen Enkel gegangen ist. Prinz Georgij ist schon längst volljährig und mündig, doch immer noch nicht Chef des Zarenhauses, und erscheint so gut wie nie in den Medien und der Öffent­lichkeit.

Im Juni 2013 verkündete die vom Jeka­terinburger Unternehmer Anton Bakow 2012 gegründete und offiziell eingetrage­ne „Monarchistische Partei der Russi­schen Föderation“ (MPR) den Übergang ihres Thronprätendenten Fürst Karl- Emich von Leiningen zum russisch-or­thodoxen Glauben unter dem Namen Nikolai Kyrillowitsch. Der Fürst stammt von Kyrill I. und Alexander II. sowie von der britischen Königin Victoria ab. Laut MPR ist er aus Sicht der Punkte 35 und 36 des russischen Thronfolgegesetzes der legitimste Prätendent. Die MPR wandte sich über Nikolai Kyrillowitsch an RF-Präsident Wladimir Putin mit dem Gesuch, sie bei der Konstituierung des Stadtstaates „Allrussischer Kaiserthron“ (russ. „Imperatorskij Wserossijskij Pre­stol“) zu unterstützen. Dieser soll auf dem Gebiet von Jekaterinburg (wo Zar Nikolaus II. mit Familie 1918 von den Bolschewiken ermordet wurde) nach dem Vorbild des Vatikan-Stadtstaates gegründet werden. Die Antwort läßt im­mer noch auf sich warten. Nach einem russischen Sprichwort ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Rußland aber das Land der unbegrenz­ten Unmöglichkeiten … Wir lassen uns gern überraschen.

Anmerkungen

1 Amicus Plato sed magis amica veritas. (Aristoteles) Es ist nicht einfach, über Zeitge­nossen zu schreiben, die zum Teil noch am Leben sind und mit denen man wohlbe­kannt, ja sogar befreundet war, ohne dabei dem einen oder anderen zu nahe zu treten. Und dennoch: Pereat mundus, vincit veritas! (Kaiser Karl V.)

2 So hießen im russischen Mittelalter Ge­meinden persönlich freier Stadtbürger, die nur und unmittelbar dem Zaren botmäßig waren.

3 Dieser Bund spaltete sich bald in zwei nach den Familiennamen ihrer Oberhäupter benannte Bünde auf; einer davon, der „Du­browin-Bund“, zog gegen das Parlament als solches und gegen die Beteiligung der Mon­archisten an jeglichen parlamentarischen Aktivitäten vom Leder, der andere, der „Markow-Bund“, ließ diese nicht nur zu, sondern empfahl sie sogar, „um die Zaren­feinde [Gegner der Zaren-Autokratie] auf deren eigenem [parlamentarischen] Felde zu schlagen“. Nach 1990 entstanden in der Rus­sischen Föderation mehrere neue SRN-Verei­ne.

4 Am 17. Oktober 1905 erließ Zar Niko­laus II. sein Manifest über die Gewährung demokratischer Freiheiten.

5 Auf Russisch: „Ikonopissez“ (Ikonen­schreiber). Entsprechend der griechisch-or­thodoxen ostkirchlichen Überlieferung wer­den Ikonen nicht „gemalt“, sondern „ge­schrieben“.

6 In Jekaterinburg im Ural ermordeten die Bolschewisten Zar Nikolaus II., seine Gattin Zarin Alexandra sowie ihre Kinder (einschließlich des Kronprinzen Alexius) und Diener.

7 Der nach Perm verbannte Zarenbruder Michael wurde von den Bolschewisten ent­führt und in einem dortigen Vorort ermor­det.

8 1920 gab die russische Zarentochter, Großfürstin Olga Konstantinowna, als Köni­gin der Hellenen Griechenlands Regentin, vielen Flüchtlingen aus Rußland Asyl.

9 Daraus schöpfen die russischen Kron­prätendenten und Monarchisten bis heute ihre Hoffnungen.

10 Angehörige des sowjetischen Ge­heimdienstes, der ursprünglich TscheKa („Tschreswytschajnaja Komissija po borbe s kontrrevoluzijej i sabotaschem“, d.h. „Außer­ordentliche Kommission zur Konterrevoluti­ons- und Sabotagebekämpfung“) hieß.

11 „Russkij Obschtsche-Woinskij Sojus“ („Allgemeiner Russischer Kriegerbund“) – Dachorganisation der weißen russischen Bürgerkriegsveteranen im Exil.

12 Träger dieser „volksmonarchisti­schen“ Bewegung waren größtenteils ehema­lige mittelrangige Zarenoffiziere (die höch­stens den Dienstgrad eines Stabshauptmanns erreicht hatten).

13 Daher sein Spitzname „Coburger Zar“.

14 Eine RIS-O-Freiwilligenformation samt russisch-orthodoxen Priestern hatte schon vorher im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 unter der russischen Zarenfahne in den Reihen der royalistischen Karlisten- Miliz „Requeté“ auf General Francos Seite gekämpft.

15 Baron Eduard Oleg Falz-Fein verstarb 2018 in Vaduz.

16 „Pamjat“ war nie eine einheitliche Or­ganisation, sondern ein loses buntes Sam­melsurium verschiedener mehr oder weni­ger rechtsorientierter Vereine und Gruppen, das sich immer wieder aufspaltete.

17 Der sowjetische Untersuchungsrichter Gelij Rjabow behauptete, die von den Zaren­mördern unweit Jekaterinburgs 1918 heim­lich verscharrten sterblichen Überreste der Zarenfamilie entdeckt zu haben, deren Echtheit von vielen immer noch bezweifelt wird.

18 Zu diesem Zeitpunkt war der RIS-O in drei Zweige aufgeteilt, wovon zwei (der „Fjodorow-RIS-O“ und der „Koltypin-RIS-O“) legitimistisch, der dritte Zweig (RIS-O der Gebrüder Weimarn) antilegitimistisch war. Alle drei RIS-O-Zweige gründeten nach 1990 ihre Filialen auch in Rußland.

19 General Baron Pjotr Wrangel war Oberbefehlshaber der in Südrußland operie­renden weißen Russischen Armee (Russkaja Armija) im Bürgerkrieg 1919/20 sowie ROWS-Gründer und -Vorsitzender, der sich (im Unterschied zu seinem Stellvertreter und ROWS-Rivalen General Alexander Kutepow) niemals zum Monarchismus bekannte, ja den ROWS-Mitgliedern die Mitgliedschaft in monarchistischen Vereinen untersagte (nach dem Motto „Die Armee steht außerhalb der Politik“). Auch im Zarenreich war Militäran­gehörigen die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Organisationen untersagt ge­wesen.

20 Eine u.a. unter russischen Emigranten verbreitete antitrinitäre Irrlehre, die aus rus­sisch-orthodoxer Kirchensicht der Weisheit (Sofia) Gottes quasi den Rang der vierten Hypostase zuspricht.

21 Als Form der Duldung kommunisti­scher und quasikommunistischer Diktatu­ren.

22 So heißt die russische Nationaloper von Michail Glinka über die Errettung des künftigen ersten Romanow auf dem Zaren­thron, Michael Fedorowitsch, durch den ein­fachen Bauern Iwan Susanin Anfang des 17. Jahrhunderts.

23 Kaiserlicher St.-Nikolaus-Orden.

24 Kaiserlicher St.-Michael-Orden.

 
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