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Framing

Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker

Ein neuer Begriff hat Einzug in die po­litische Debatte gehalten: „Framing“. Schon vor zwei Jahren hat die ARD einen Leitfaden zum richtigen Framing für ihre Mitarbeiter erstellen lassen. Die „Bild“ ti­telte: „So will uns die ARD umerziehen“, und die „FAZ“ schrieb von „semanti­scher Gehirnwäsche“. Der Wirtschaftsre­dakteur Philip Plickert nannte das Fra­ming nach einem Bericht der „NZ“ vom 1. März 2019 sogar einen „skandalösen Sprach-Manipulationsleitfaden mit Pro­pagandasätzen wie aus einem Orwell- Roman“.

Worum geht es? „Framing“ bedeutet auf deutsch soviel wie „Einrahmung“ oder „Umrahmung“. Es geht also um den Bedeutungsrahmen, der durch eine bestimmte Wortwahl vermittelt wird. Es kommt – so die Theorie – weniger auf den Inhalt als solchen an als auf den Rah­men, in den er eingebettet wird. Das hat sich schon der Mitarbeiter des DÖW An­dreas Peham zunutze gemacht, als er sich als Pseudonym „Dr. Heribert Schie­del“ zulegte. Mit der irreführenden Ver­wendung des Doktortitels suggerierte der Studienabbrecher seinen Hörern und Lesern eine nicht vorhandene wissen­schaftliche Seriosität. Und das funktio­nierte auch – bis zu seiner Enttarnung.

Die ARD hatte nun die Sprachwissen­schaftlerin Elisabeth Wehling vom „Ber­keley International Framing Institute“ mit der Erstellung des Leitfadens beauf­tragt. Schon die Wahl des Institutsna­mens ist ein Beispiel für Framing. Mit der weltweit angesehenen kalifornischen Universität Berkeley hat das private In­stitut von Frau Wehling nämlich rein gar nichts zu tun. Die Verbindung entsteht nur im Kopf der beeindruckten Kunden. Auch eine deutsche Verlagsgruppe, die sich auf das Ausnehmen erfolgloser Hob­by-Schriftsteller spezialisiert hat, arbeitet mit diesem Trick: Ob Fouqué-Literatur­verlag, August-von-Goethe-Literaturver­lag, Cornelia-Goethe-Literaturverlag oder Schiller-Presse: Die Namen sugge­rieren literarischen Anspruch.

Für die ARD setzte Frau Wehling u.a. das Wort „Flüchtlingsstrom“ auf die Schwarze Liste, weil es die Blickrichtung vom Einzelschicksal weg, hin zum Mas­senphänomen verschiebe. Doch genau das ist ja die Crux unserer Situation: Die schiere Menge an Flüchtlingen und Mi­grationswilligen läßt es nicht mehr zu, die in fast jedem Fall tragischen Schicksa­le und die verzweifelte Lage der einzel­nen Menschen zu betrachten, sondern erzwingt die Wahrnehmung eines Mas­senphänomens, auf das eine Antwort ge­funden werden muß, auch wenn diese für unzählige einzelne objektiv grausam sein mag.

Sogar der Begriff „Flüchtling“ solle nicht mehr verwendet werden, denn die Endung „-ling“ mache Menschen klein und werte sie ab. „Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges“. Man denke an „Schreiberling“ oder „Schönling“. (zi­tiert nach „NZ“ 10/19)

Die ARD behauptet, in ihrer Berichter­stattung von hohen moralischen Prinzi­pien getragen zu sein, und will diese „maximal ehrlich, authentisch und de­mokratisch“ kommunizieren. Doch eine manipulative Wortwahl, die das Denken der Hörer und Zuschauer unterschwellig beeinflussen soll und von diesen gar nicht erkannt werden kann, scheint nicht nur für die ARD dazuzugehören. So ist in Deutschland bei einer Koalition zwi­schen SPD und der „Linken“ immer nur von „rot-roter Koalition“ die Rede. Als ob es zwischen den beiden roten Parteien keinen Unterschied gäbe. Natürlich könnte man die „Linke“ aufgrund ihrer kommunistischen Vergangenheit auch als „blutrot“ bezeichnen, doch dies wäre eindeutig negatives Framing. Angemes­sener wäre es vielleicht, von „rot-dunkel­roten“ oder „rot-tiefroten“ Koalitionen zu sprechen, doch auch dies würde im Kopf der Zuhörer ein bedrohliches Bild entstehen lassen. Lieber spricht man also von „rot-roten Koalitionen“ und macht damit die „Linke“ zur harmlosen kleinen Schwester der SPD.

Andererseits gibt es in der ganzen Bundesrepublik offenbar keine Rechts­parteien. Die Merkelsche CDU weist die­se Bezeichnung jedenfalls empört zu­rück. Die rechte AfD wird in den Medien dagegen unverhohlen als rechtsradikal oder rechtsextrem bezeichnet, manchmal sogar schlichtweg als „Nazis“. Auch da­mit wird ein „Frame“, ein bestimmter Be­deutungsrahmen, in die Köpfe der Men­schen hineingetragen. Rechts = rechtsex­trem = Nazi, so lautet die Botschaft. Es gibt zwar viele legitime Linksparteien (SPD, Linke, Grüne), denen allen – Gott behüte – keine inhaltliche Nähe zur radi­kalen Linken unterstellt werden soll, der mehrere hundert Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Auf der ande­ren Seite gibt es hingegen keine demo­kratische Rechte, sondern nur Rechtspar­teien, denen ungeniert eine unmittelbare Nähe zum Nationalsozialismus unter­stellt wird. Auch ohne den Leitfaden, den die ARD erstellen ließ, hat politisches Framing, also Orwellsche Gedankenma­nipulation durch geschickte Wortwahl, schon längst Einzug in die Berichterstat­tung der deutschsprachigen Massenme­dien gehalten.

 
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