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Der erste deutsche König

Die älteste bekannte Darstellung Heinrichs I. wurde fast 200 Jahre nach seinem Tod für
eine Kaiserchronik des Saliers Heinrich V. angefertigt
Zeitgenössisch ist die Darstellung auf dem Siegel Heinrichs I.

Vor 1100 Jahren wurde Heinrich I. gekrönt

Im Mai 2019 jährte sich zum 1100 Mal die Erhebung des aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger stammenden Heinrich zum deutschen König. Konkret fand das Ereignis zwischen dem 12. und 24. Mai 919 im hessischen Fritzlar statt. Es markiert ein­deutig die Loslösung des Ostfränkischen Reichs von dem Erbe der Karolinger. Die Geschichtsschreibung sah für lange Zeit in Heinrich I. den ersten König des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, doch die neuere Forschung vertritt einen et­was anderen Standpunkt: Sie meint, daß das Reich nicht durch einen einzigen Akt (den von Fritzlar), sondern in einem langen Prozeß entstanden sei. Doch auch sie räumt Heinrich I. im Prozeß der Reichswerdung eine entscheidende Bedeutung ein.

Von Dr. Mario Kandil

Der Historiker, der sich um die Erfor­schung des Früh- und Hochmittelalters bemüht, hat generell mit dem Problem eines Mangels an Quellen zu kämpfen. Dieses steigert sich bei dem Versuch, das Leben und die Taten Heinrichs I. aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Licht zu befördern, „ins Extreme“1. Denn seine Zeit zählt zu den quellenärmsten des ge­samten europäischen Mittelalters.

Die Familie Heinrichs läßt sich auf der Seite seines Vaters lediglich bis zu sei­nem Großvater Liudolf zurückverfolgen, der dem Geschlecht den Namen gab. In Urkunden mehrfach nur als „comes“ (Graf) erwähnt2, hatte Liudolf in einem bestimmten „comitatus“ (einer Graf­schaft) königliche Rechte auszuüben. In­dem er im sächsischen Bereich die Ost­grenze sicherte, hatte sein Name in kur­zer Zeit einen guten Klang, und die Zeit­genossen bezeichneten ihn als „dux“ (Herzog). Damals war so ein Titel noch nichts Feststehendes.3 Die Liudolfinger, deren Güter an den westlichen Ausläu­fern des Harzes, an Leine und Nette gele­gen waren, verdankten ihren Reichtum zu großen Teilen ihrer engen Verbindung zu den karolingischen Königen des Ost­frankenreichs – hatten doch die Vorfah­ren Liudolfs im Sachsenkrieg nicht zu den Feinden Karls des Großen gezählt. Mit Oda, der Tochter eines fränkischen Großen, verheiratet, hatte „dux“ Liudolf u.a. Otto den Erlauchten und Brun zu Kindern. Letzterer, der das Familien­oberhaupt der Liudolfinger war, fiel 880 im Kampf gegen die Normannen. Über die Position Ottos des Erlauchten sagen die Quellen des 9. Jahrhunderts nur rela­tiv wenig aus, doch schreiben zeitgenös­sische dokumentarische Quellen ihm den Titel eines „dux“ zu.4 Als Laienabt des Reichsklosters Hersfeld übte Otto Einfluß auf diese Abtei im sächsisch-fränkischen Raum aus. Der Ehe Ottos mit Hadwig (aus dem fränkischen Ge­schlecht der älteren Babenberger stam­mend) entsproß um 876 Heinrich.

Heinrich, dem sein Vater spätestens 906 ein militärisches Kommando gegen die slawischen Daleminzier in der Ge­gend um Meißen übertrug, vermählte sich wenig später mit Hatheburg, einer der zwei Töchter des reichen sächsischen Adligen Erwin von Merseburg, und dehnte so die Besitzungen der Liudolfin­ger aus. Da Hatheburg schon nach ihrer ersten Ehe Nonne geworden war, gab es gegen ihre neue Verbindung ernsthafte kirchenrechtliche Einwände. So wurde Hatheburg wieder zurück ins Kloster ge­schickt, doch ihr bedeutendes Erbe in und um Merseburg behielt Heinrich. An ihrer Stelle ehelichte er um das Jahr 909 mit der annähernd 17 Jahre jüngeren Ma­thilde immerhin eine Nachfahrin des Sachsenherzogs Widukind.5 Der Tod Ottos des Erlauchten (30. No­vember 912) versetzte den neuen ostfrän­kischen König Konrad I.6 in die Lage, ei­ne Umgestaltung der Verhältnisse in Sachsen vorzunehmen. Dazu gehörte auch, daß Heinrich die Nachfolge seines Vaters als Laienabt in Hersfeld nicht an­treten konnte. Dem bedeutenden sächsi­schen Geschichtsschreiber Widukind von Corvey7 zufolge empfahlen die des­wegen aufgebrachten Sachsen ihrem Herzog8 Heinrich, seine Ansprüche mit Waffengewalt zu verfechten. Nachdem ein Mordkomplott gegen Heinrich auf­geflogen war, verwüstete dieser als Akt der Revanche die in Thüringen und Sachsen gelegenen Besitzungen des Mainzer Erzbischofs Hatto, der im Auf­trag Konrads I. hinter dem verratenen Mordanschlag gestanden haben soll. Daraufhin entsandte Konrad seinen Bru­der Eberhard mit einem Heer nach Sach­sen, doch wurde dieses besiegt. Im Jahr 915 trafen die Heere Konrads und Hein­richs bei dem westlich von Göttingen ge­legenen Grone aufeinander. Weil Heinrich dem König militä­risch unterlegen war, scheint es, als habe er sich diesem in einem offiziellen Akt der Unterwerfung, mit dem er Konrad I. als König aner­kannte, gefügt. Bei­de Seiten einigten sich auf die Anerken­nung des Status quo und die wechselseitige Respektierung der Einfluß­zonen, und so sind nach 915 kei­ne weiteren Konflikte zwischen Konrad I. und Heinrich überliefert.9 Es ist aber höchst unwahrscheinlich, daß Konrad bereits in Grone seinem Gegner Heinrich die Nachfolge auf dem Königsthron kon­zediert hat.

Die Ballade „Herr Heinrich sitzt am Vogelherd / recht froh und wohlgemut …“ von Johann Nepomuk Vogl, die in stark idealisierter Form seine Erhebung zum König schildert, wonach ihn in der Nähe der Pfalz Quedlinburg überraschend die Nachricht davon erreichte, zählte zu den bekanntesten historischen Balladen des 19. Jahrhunderts.
Nach dem Bericht seines Biographen Einhard hat sich Karl der Große nach seiner Kaiserkrönung im Petersdom durch den Papst sehr negativ über das Ereignis geäußert und gesagt, er wäre nicht in die Kirche gegangen, wenn er gewußt hätte, was der Papst vorhabe. Diese Äußerung kann sich jedoch nicht auf das Faktum der Kaiserkrönung selbst bezogen haben, sondern nur darauf, daß er die Krone aus den Händen des Papstes empfing. Seinen Sohn Ludwig hat Karl der Große jedenfalls selbst, ohne bischöfliche Interferenz gekrönt. Der Hintergrund mag die Zwei-Schwerter- Lehre von Papst Gelasius gewesen sein, wonach die kaiserliche Gewalt direkt auf Christus zurückgeht, ohne Zwischenschaltung der geistlichen Macht. – Karl der Große und sein Sohn Ludwig

Heinrich wird König

Was Heinrichs Erhebung zum deutschen König betrifft, so ist für Hellmut Diwald ohne Zweifel die von großer Nüchtern­heit geprägte Schilderung Widukinds von Corvey in seiner „Sachsengeschich­te“ am zuverlässigsten. Der schon er­wähnte Eberhard – Bruder des am 23. Dezember 918 verstorbenen10 Königs Konrad I. – „versammelte die Fürsten und Ältesten der Franken [im Mai 919] zu Fritzlar und rief vor dem versammel­ten Volk der Franken und Sachsen Her­zog Heinrich zum König aus. Als diesem vom höchsten Kirchenfürsten – das war damals Erzbischof Heriger von Mainz – Salbung und Diadem angeboten wur­den, lehnte er zwar nicht ab, nahm aber auch nicht an: ‚Es genügt mir‘, sagte er, ‚vor meinen Ahnen vorauszuhaben, daß ich König heiße, erwählt durch Gottes Gnade und Eure Liebe; Salbung und Krone möge Würdigeren als Uns zuteil werden, solcher Ehre halten wir Uns nicht für wert.‘ Solche Worte fanden bei allem Volk lauten Beifall; sie hoben die Rechte zum Himmel empor und grüßten den neuen König immer wieder mit brausenden Heil- und Namensrufen.“11  Die Deutschen hatten sich im Jahr 919 auf relativ unsentimentale Art zusam­mengeschlossen. Dabei ist die Gründung des Deutschen Reichs, für sich allein ge­nommen, weit weniger charakteristisch als der Einigungswille, der sich darin ausdrückt. Es muß schon anfangs des 10. Jahrhunderts so etwas wie ein „deut­sches“ Gemeinschaftsbewußtsein gege­ben haben. Der Wille zur Einigung mani­festierte sich bereits bei der Wahl des Herzogs Heinrich zum König, bei seinen Bemühungen, die Stammesfürstentümer zusammenzuhalten und aneinanderzu­binden. Das alles entsproß dem Gefühl einer allgemeinen Zusammengehörig­keit der Deutschen, und dieses Empfin­den wuchs zusehends. Was das Profil Heinrichs I. schärft, das sind seine Ent­schiedenheit und Tatkraft. Von diesen Qualitäten besitzen laut Hellmut Diwald die Deutschen viel, doch vergessen sie diese oft gerade dann, wenn sie beson­ders darauf angewiesen sind.12 Wie sehr trifft diese Diagnose für unsere Tage zu!

Nun verhält es sich mit der Erhebung des Sachsenherzogs Heinrich nicht ganz so problemlos, wie es auf den ersten Blick scheint und wie es die ältere Ge­schichtsschreibung zumeist dargestellt hat. Laut Heinrichs Biograph Wolfgang Giese hat sie „erleichtert […], etwas Bal­sam über einen wunden Punkt in der Ah­nenreihe der an Erfolgen reichen deut­schen Könige streichen zu können“13, dem sonst eher glücklosen König Kon­rad I. für dessen „Selbstüberwindung“ und „Seelengröße“ gedankt, seinen Wi­dersacher Heinrich zum Nachfolger auf dem deutschen Königsthron designiert zu haben. Ein Blick auf die rund fünf Mo­nate, die zwischen Konrads angeblicher Initiative dazu (Dezember 918) und der Erhebung Heinrichs zum König (Mai 919) liegen, muß jedoch schon erkennen lassen, daß von einer Designation im ei­gentlichen Sinne nicht gesprochen wer­den kann.

Kehren wir zu der bereits zitierten Pas­sage aus der „Sachsengeschichte“ Widu­kinds zurück. Der Umfang seines Be­richts zu den Ereignissen von Fritzlar macht diesen Ge­schichtsschreiber zu dem „Einäugigen, der unter Blin­den der König ist“14. Wenn es sich bei Widukinds Bericht auch nur um ein gerafftes Bild der realen Ereignisse gehan­delt hat, so hat doch dies eine innere Wahrscheinlichkeit für sich: Eberhard von Franken begab sich nach dem Tod sei­nes Bruders Konrad I. im De­zember 918 zu Heinrich, hul­digte ihm, machte mit ihm seinen Frieden und gewann dessen „amicitia“ (Freund­schaft), wobei übrigens das Schließen sog. Amicitia-Bünd­nisse eine regelrechte Politik Heinrichs I. war. Die offen­sichtliche Kommendation15 Eberhards kann aber nicht all­zubald nach Konrads Tod er­folgt sein, da sonst die Wahl des neuen Königs schon viel früher stattgefunden hätte. Es ist unerheblich, wann und in welchen Formen dieses Verhältnis zwi­schen Eberhard und Heinrich geschlos­sen wurde, da nur auf der Basis geklärter Interessen und fester Abmachungen ein Zusammenspiel der beiden in Fritzlar möglich war, wie Widukind es beschrie­ben hat. Bei der Zeremonie stand Eber­hard nicht mißmutig abseits, dem Ge­schehen, das er nicht nach seinen Vor­stellungen hatte beeinflussen können, seinen Lauf lassend. Nein, er war es, der Heinrich vor dem versammelten Adel – das bedeutet hier „Volk“ (lat. populus) – der Franken und Sachsen zum König ausrief. Diese Funktion hatte Eberhard als Bruder des vorigen Königs und Ver­treter des Reichsvolks der (Ost-)Franken sicher in erster Linie wegen seiner sozi­alen Rangstellung erlangt. Er hätte sie al­lerdings nicht ausgeübt, wenn er nicht zuvor mit dem von ihm präsentierten Heinrich eine Übereinkunft getroffen hätte. Vorher muß übrigens auch mit der Wählerschaft des Königs ein Überein­kommen hergestellt worden sein, da der Adel sich von der personellen Entschei­dungsfindung nicht hätte ausschließen lassen.16
Dem Bericht Widukinds zufolge stei­gerte sich die Szenerie ins Spektakuläre, indem Heinrich das ihm von Erzbischof Heriger Offerierte – nämlich die Salbung und das Königsdiadem – ausschlug. An­geblich hielt diese Bescheidenheit Hein­richs die feierliche Stimmung der Ver­sammelten hoch, denn sie „grüßten den neuen König immer wieder mit brausen­den Heil- und Namensrufen“17. Warum aber verzichtete Heinrich auf seine Sal­bung und so auch auf seine besondere Sakralisierung? Dieser ganz bewußte Verzicht auf ein Legitimationsinstrument hatte nichts mit einer antiklerikalen Atti­tüde des neuen Königs zu tun, wie es ihm viele Historiker mit kulturkämpferi­scher Grundtendenz angedichtet haben. Giese: „Heinrich mußte sich nicht gegen einen Umarmungsversuch Herigers mit Erstickungsabsichten stemmen.“18 Viel­mehr bedeutete die Salbungsofferte des Mainzer Erzbischofs die Zustimmung der ostfränkischen Reichskirche zum neuen „rex“. So blieben als „Nutznießer“ dieses Salbungsverzichts einzig Eber­hard von Franken, seine Sippe und seine Gefolgschaft übrig. Der Bruder des ver­storbenen Königs Konrad I. hat laut Gie­se seine Zustimmung zur Königserhe­bung Heinrichs von dessen Verzicht auf die Salbung abhängig gemacht. Also war das eine Gegenleistung des Sachsen für Eberhards Verzicht auf eine eigene Thronkandidatur.19

Bei den Historikern ist es laut Diwald lange kontrovers gewesen, ob im Mai 919 nur die letzte Empfehlung, der Rat und die Bitte König Konrads I. vollzogen wurden oder tatsächlich die Wahl eines neuen Königs stattfand. Diwald: „Alles spricht freilich dafür, daß von einer wirk­lichen Wahl nicht die Rede sein kann. Hier irren die späteren Berichterstatter, oder sie nehmen die Worte nicht genau. Um von einer Wahl sprechen zu können, hätte die Möglichkeit einer Gegenkandi­datur bestehen müssen: sie bestand nicht, es gab in Fritzlar keinen anderen Anwärter auf die Krone außer Heinrich. Wenn die Großen der Franken und Sach­sen nicht beabsichtigt hätten, Heinrich das Königtum anzutragen, wären sie nicht in Fritzlar zusammengekom­men.“20 Das ostfränkische, deutsche Reich bestand damals aus den vier Stam­mesgebieten der (Ost-)Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern, wobei die Vertre­ter der beiden letzteren bei der Wahl in Fritzlar nicht anwesend waren, trotzdem aber Heinrich als König akzeptierten und im neuen Deutschen Reich verblieben.21 Für den großen deutschen Historiker Di­wald zählt nur das Faktum, daß die nach Fritzlar gekommenen deutschen Fürsten ohne „wirkliche Beratung, ob sie dem Sachsenherzog die Krone antragen soll­ten oder nicht, Heinrich zum König erho­ben“22.

Ganz anders als Giese sieht Diwald auch den Salbungsverzicht Heinrichs. Laut Diwald brach er „ostentativ mit ei­ner Tradition, die Pippin im Franken­reich begründete, als er sich im Jahr 751 zum König wählen und dann […] salben ließ“23. Heinrich lehnte „also mit klarer Überlegung und in vollem Bewußtsein der Konsequenzen, die sich daraus erga­ben, die Herrscherweihe durch die Kir­che ab“24. Er verweigerte den Vollzug der kirchlichen Riten aus Prinzip, denn er beabsichtigte nicht, sein Königtum als ein „Gesalbter des Herrn“ zu praktizie­ren. Dieses sollte weder etwas mit der in Ostfranken bis dato gebräuchlichen Herrschaft zu tun haben noch mit dem damals schon im mythischen Bereich an­gesiedelten Königtum Karls des Großen. „Heinrich von Sachsen distanzierte sich von der Kirche, er lehnte die Koalition mit der Geistlichkeit ab, er schloß sie von der Mitregierung aus […].“25

Die vier Stammesherzogtümer Sachsen, Franken, Schwaben und Bayern machten den Kernbestand des Ostfränkischen Reiches aus. Erst später kamen die Marken im Osten, die lothringischen Herzogtümer, das Königreich Burgund und Reichsitalien hinzu.

Offenkundig umfaßte die Heinrich I. abgerungene Reduzierung seines König­tums komplexere Dimensionen. Es könn­te sein, daß Eberhard dem „Neuan­kömmling“ Heinrich einen ungeschmä­lerten Eintritt in die fränkisch-karolingi­sche Herrschertradition verwehren und die darin verwurzelte höhere königliche Würde seines Bruders Konrad festschrei­ben wollte, damit auch für ihn, Eberhard, etwas Glanz übrig blieb. Leicht ist sein Thronverzicht Eberhard gewiß nicht ge­fallen. Matthias Becher legt nahe, daß Heinrich Eberhard für dessen Nachgie­bigkeit mit einem Spitzenrang unter den weltlichen Großen des Reichs belohnte.26

Zwar werden wir uns an das Bild eines Heinrich I. gewöhnen müssen, der seine Herrschaft mit als Bescheiden­heit verpackten Zugeständnissen und Einbußen antrat, doch schmälert dies die späteren Erfolge dieses deutschen Kö­nigs keineswegs. Vielmehr könnte Hein­richs Agieren auf eine politische Taktik der kleinen Schritte oder des langen Atems hindeuten. Jedenfalls konnte sich Heinrich in diese zunächst wenig ange­nehme Situation des in mancher Hinsicht „limitierten“ Herrschers leichter fügen, als dies der Masse der Ostfranken mög­lich gewesen wäre. Denn die sakralen Elemente des Königtums gehörten nicht zu den Traditionen des sächsischen Volks, aus dem Heinrich stammte, son­dern wurden von diesem erst als „Ex­portware“ der fränkischen Eroberer übernommen. Für Heinrich I. dürften sie nicht so viel bedeutet haben wie für die Franken und für alle, die seit den Zeiten der Merowinger unter fränkischem Ein­fluß standen.27

Von einem nüchternen Standpunkt ur­teilend, muß vor einem unterschiedslo­sen Gebrauch der Begriffe „Salbungsver­zicht“ und „Salbungsablehnung“ ge­warnt werden.28 Als unstrittig darf ange­sehen werden, daß Heinrich I. die Über­nahme der Königsherrschaft im Ostfran­kenreich nicht ohne Schwellenüber­schreitungen erlangt hat. Die Königser­hebung von Fritzlar 919 und ihre Folgen haben ihren Anteil an der Entstehung des mittelalterlichen deutschen Reichs.29

In zweiter Ehe war Heinrich I. mit Mathilde, einer Nachfahrin des Sachsenherzogs Widukind, vermählt, wie dieses Historiengemälde aus dem 19. Jahrhundert zeigt. Der Ehe entsprang u.a. der spätere Kaiser Otto der Große.
Im frühen Mittelalter waren die Krieger noch nicht die schwer gepanzerten Reiter späterer Zeiten, weshalb die Ungarn mit ihren Pfeilen so große Wirkung entfalten konnten. Auch die Burgen zur Zeit Heinrichs waren mit ihren hölzernen Schutzwällen eher mit den Forts des Wilden Westens zu vergleichen und boten dennoch effektiven Schutz gegen die raubenden Streifscharen der Magyaren.

 

Heimsuchung durch die Ungarn

Die ottonische Geschichtsschreibung er­weckt den Anschein, als ob sie die Un­garneinfälle, die das im Aufbau begriffe­ne Reich Heinrichs I. in Schrecken ver­setzten, übergehen wolle. Widukind von Corvey und Liudprand von Cremona30 beschränken sich auf komprimierte Schilderungen einer ganzen Welle von Angriffen der Steppenreiter aus der The­ißebene, die bis Mitte der 920er Jahre an­hielt. Hatten sich die Ungarn in den ersten Jahren des 10. Jahrhunderts mit Überfäl­len auf das Reich der Mährer, die Ost­mark und das restliche Bayern begnügt, erweiterten sie zwischen 905 und 910 ih­re Streifzüge einerseits nach Oberitalien und in die Provence, andererseits im Ost­fränkischen Reich auch auf Schwaben, Sachsen und Lotharingien. Die nahezu jedes Jahr stattfindenden Einfälle der Un­garn zermürbten mit der Zeit die zu­nächst tapfer bewahrte Widerstandskraft des Reichs. Der Vernichtung eines bayerischen Militäraufgebots unter Mark­graf Luitpold bei Preßburg im Juli 907 folgte 910 die Niederlage eines Reichs­heers unter König Ludwig dem Kind auf dem Lechfeld bei Augsburg.

Bayern gewährte darauf den Ungarn freien Durchzug, die ihre Raubzüge nach Schwaben und in andere Teile des Ost­fränkischen Reichs, ja sogar bis nach Pa­ris ausdehnen konnten. Die Bedrohung durch die Ungarn war ohne Zweifel die wesentliche Herausforderung dieser Zeit: Nur deshalb, weil sich die Bayern damals auch schon als „Deutsche“ ver­standen, wählten sie nicht den einfache­ren Weg, sich den Ungarn permanent zu unterwerfen und ihnen freien Durchzug zu gewähren. Nein, die Bayern schlossen sich Heinrich und damit dem damals erst neu entstehenden Deutschen Reich an, obgleich sie ja Grenzland und damit von den Einfällen der Ungarn viel stärker be­droht waren als die anderen Gebiete Deutschlands. Auch Heinrich I. sollte sei­ne Mühe mit ihnen haben. Es ist nicht auszuschließen, daß er gerade deshalb zum ostfränkischen König gewählt wur­de, weil ihm als einzigem die Fähigkeit zugetraut wurde, erfolgreich gegen die feindlichen Einfälle der Ungarn und der Normannen, die seit Jahrzehnten die kü­stennahen Gebiete im Norden plünder­ten, aber entlang der Flüsse auch tief ins Landesinneren eindrangen31, vorzuge­hen und das fragile Ostfränkische Reich zusammenzuhalten. Ein solches Motiv findet sich allerdings in den Quellen nicht.

Einer der Kurzberichte, die auf das Jahr 924 verweisen dürften, handelt von einer Niederlage König Heinrichs I. in der Gegend des Mulde-Flusses im Sor­benland, in sächsischem Nachbargebiet also. Dabei konnte der Monarch sein Le­ben nur durch eilige Flucht in eine Burg nordwestlich von Wurzen retten. Auch aus einer längeren, mit viel Phantasie ausgeschmückten Stelle bei Liudprand von Cremona läßt sich ein zu dieser Zeit erfolgender ungarischer Überfall auf Sachsen herauslesen. Denn immerhin er­wähnt der Geschichtsschreiber in der fraglichen Passage eine lange Erkran­kung Heinrichs, die anderswo unter Nachrichten zum Jahr 924 gleichfalls auf­scheint. Darüber hinaus ist die Erzäh­lung Liudprands gänzlich aus der Per­spektive der von Heinrich gewonnenen Schlacht von Riade (15. März 933) gestal­tet und bietet daher kaum Fakten für Heinrichs Niederlage von 924. Gleich­falls ohne eine Zeitangabe beschreibt Wi­dukind von Corvey einen folgenreichen Zusammenstoß des frühdeutschen Kö­nigs mit einem Kampftrupp der Magya­ren in einer anderen Gegend des Sach­senlands. Aber in allen Berichten dazu war und blieb Heinrich der Unterlegene, der in geschützter Stellung abwarten mußte, was der Feind unternahm. Die von ihm gemachten Erfahrungen verbo­ten es ihm, unter Einsatz aller zu Gebote stehenden Kräfte eine offene Feld­schlacht zu riskieren. Kleinere Stör- und Aufklärungstrupps waren alles, was er ins Feld schicken konnte, doch einer da­von brachte einen der ungarischen Gro­ßen als Gefangenen ein. Das wiederum bewog die Ungarn zu Verhandlungen, doch mußte Heinrich es mit jährlichen Tributzahlungen teuer und zudem we­nig ehrenvoll erkaufen, daß sie ihre Ver­heerungen für eine bestimmte Zeitspan­ne einstellten. Ganz klar ist daher festzu­halten: Das frühdeutsche Reich hatte sich mit dem Friedens- bzw. Waffenstill­standsabkommen von 92632 einer nomi­nellen ungarischen Vorherrschaft zu un­terwerfen. Offensichtlich blieb Hein­rich I. keine andere Wahl, wenn er sein Reich wenigstens für eine bestimmte Zeit von der Ungarnplage befreien wollte. Ei­ne Rolle bei dieser Entscheidung spielte jedoch auch die Tatsache, daß die Ein­gliederung Lothringens ins ostfränkische Reich zwar greifbar nah, aber noch nicht abgeschlossen war. Auf jeden Fall wollte Heinrich sie nicht aufs Spiel setzen, um sich jetzt gegen die Ungarn behaupten zu können.33 Er dachte weiter und plante geduldig und beharrlich seine Revanche.In Lothringen (Lotharingien) verfolgte Heinrich I. nicht den Plan, dem westfrän­kischen Karolinger Karl dem Einfältigen die Herrschaft streitig zu machen. Jedoch erhielt er durch interne lothringische Par­teikämpfe Gelegenheit, auf die wirren Machtverhältnisse einzuwir­ken. Auf diese hatten der Tod des 922 zum Gegenkönig er­hobenen Robert von Franzien (923), die Ausschaltung Karls des Einfältigen sowie die Er­hebung Rudolfs von Burgund zum neuen Gegenkönig (923) massive Auswirkungen. Nach mehreren Feldzügen Hein­richs I. erkannte mit Giselbert der bedeutendste lothringi­sche Große die Herrschaft Heinrichs an, der sich Ende 925 alle Granden Lothringens unterstellten. Rückblickend wurde das Land auf diese Art und Weise zum fünften Her­zogtum des Ostfränkischen Reichs – ein Prozeß, den die Heirat von Heinrichs Tochter Gerberga mit Gisel­bert (928/29) sowie dessen Anerkennung als Herzog abschloß.

Doch was hatte Heinrich und sein Reich primär in die peinliche Lage der Tributzahlung gebracht? Es war die dau­erhafte militärische Unterlegenheit des Abendlands, die mangelnde Fähigkeit der aus dem großfränkischen Raum kommenden Krieger, aus den bisherigen bewaffneten Zusammenstößen Lehren zu ziehen und sich mit Aussicht auf Erfolg auf die von den Un­garn praktizierte Kampfesweise einzustellen. Laut Giese muß man dem christlichen Abendland eine gewisse „geistige Unbeweglich­keit auf dem Gebiet von Strategie und Taktik“34 unterstellen, da aus all den negativen Erlebnissen mit diesem bedrohlichen Feind aus dem Osten bis dahin nichts ge­lernt worden war.Es darf allerdings auch nicht übersehen werden, daß hier zwei Kriegswelten zusammenstießen, die verschiedener kaum hätten sein können. Im nichtöstlichen Europa der Seßhaften zogen kompakte militärische Körper – beritten oder zu Fuß – für den Gewinn von Land und Macht ins Feld und rückten aufeinander zu. Die Zahl der gewonnenen Einzel­kämpfe, die sich beim Zusammenprall entwickelten, entschied über Sieg und Niederlage. Bei den Ungarn, einem no­madisierenden Volk, ging es hingegen ausschließlich um den Gewinn von Beu­te, um die Aneignung von Wertsachen aller Art (einschließlich Geld) und ggf. von Menschen. Letztere konnten Löse­geld erbringen, versklavt oder in die Sklaverei verkauft werden. Solche Kriegsziele konnten am ehesten mit Schnelligkeit und Überraschungseffek­ten erreicht werden, mit handstreicharti­gen Überfällen, die keine organisierte Gegenwehr mehr zuließen. Als geschick­te Reiter beherrschten die Ungarn vollen­det die Taktik, in geschlossenen Forma­tionen aus langer Deckung heraus als aufgelockerte, hochbewegliche Schwär­me in Aktion zu treten.35

Nachdem Heinrich I. den ungarischen Gesandten anstatt des geforderten Tributs als größtmögliche Beleidigung einen toten Hund vor die Füße geworfen hatte, stellte er sich zur Schlacht gegen das Aufgebot der Magyaren. Bis heute konnte der konkrete Ort der Walstatt von Riade nicht lokalisiert werden, doch hielt der vollständige Sieg Heinrichs die Ungarn zu dessen Lebzeiten von einem weiteren Angriff auf das Reich ab.
Auch die slawischen Burgen zur Zeit Heinrichs
I. waren hölzerne Wehrbauten wie hier die Brennaburg, das spätere Brandenburg, die
von Heinrich eingenommen wurde.

Der Reflex- oder Kompositbogen, die bevorzugte Waffe der Ungarn, war die Krönung dieser Vorteile: Durch seine be­sondere technische Gestaltung36 besaß der Bogen selbst auf größere Distanzen hin eine ungemein hohe Durchschlags­kraft, war aber klein und leicht und so­mit einfach für Transport wie Handha­bung. Auf zweierlei Art konnte das Gerät eingesetzt werden: In der Manier des ein­zelnen Schützen konnte man damit un­geschützte Körperteile (z. B. den Hals) tödlich attackieren.37 Hingegen konnten sich die Schützen im Verband des Pfeilre­gens bedienen, wobei es geübte Schützen sogar auf Salven von ca. 20 Pfeilen in der Minute gebracht haben sollen. In beiden Fällen wurden die gemäß ihren westli­chen militärischen Konventionen angrei­fenden Gegner auf Distanz gehalten und Verlusten ausgesetzt, bevor sie ihre Stoß­kraft und ihre Versiertheit im Nahkampf überhaupt zur Geltung bringen konnten. Außerdem muß der Effekt der Demorali­sierung bei den Betroffenen sehr groß ge­wesen sein. Außer bei nasser Witterung, bei der der verleimte Kompositbogen sei­ne Spannkraft einbüßte, waren die Un­garn mit ihrer Kampftaktik und Bewaff­nung den Heeren des christlichen Abendlands überlegen und schüchterten mit dem Ruf ihrer Unbesiegbarkeit, der auf ihrer Überlegenheit beruhte, ihre Gegner zusätzlich ein.38

Vorbereitung des Gegenschlags

Als 926 die Kunde von König Heinrichs I. erkauftem Frieden bzw. Waffenstillstand mit den Ungarn allmählich einer breite­ren Öffentlichkeit zu Bewußtsein kam, wird mit Sicherheit ein Aufatmen durch das frühdeutsche Reich gegangen sein. Es wäre für diesen König schon ein ge­wisser Erfolg gewesen, die Gemüter der Reichsangehörigen auf diese Weise er­leichtert zu haben, doch er begnügte sich nicht damit. Vielmehr war er fest ent­schlossen, die neun Jahre einer Waffenru­he zur Schaffung von Mitteln zu nutzen, mit denen er die Hilflosigkeit gegenüber den Ungarn in effektive Abwehrkraft verwandeln konnte. Die zuletzt getätigte Aussage stützt sich primär auf folgenden Bericht Widukind von Corveys: „Wie nun König Heinrich, als er von den Un­garn einen Frieden auf neun Jahre erhal­ten hatte, mit größter Klugheit Sorge trug, das Vaterland zu sichern und die barbarischen Völker niederzuwerfen, dies auszuführen geht über meine Kräf­te, aber man darf es keinesfalls ver­schweigen. Zuerst wählte er unter den bäuerlichen Kriegern jeden neunten Mann aus und ließ ihn in den Burgen wohnen, damit er hier für seine acht Ge­nossen Wohnungen errichte und von al­len Früchten den dritten Teil empfange und verwahre. Die acht übrigen sollten säen und ernten und die Früchte sam­meln für den neunten und dieselben an ihrem Platze aufheben. Er gebot, daß die Gerichtstage und alle Märkte und Gast­mähler in den Burgen abgehalten wür­den, mit deren Bau man sich Tag und Nacht beschäftigte, damit man im Frie­den lerne, was man im Fall der Not ge­gen die Feinde zu tun hätte. Außerhalb der Burgen gab es nur geringwertige oder überhaupt keine festen Häuser. Während er nun die Bürger an solche Satzung und Zucht gewöhnte […]“39.

Über den exakten Zeitpunkt und die äußeren Umstände, unter denen diese Bestimmungen des Königs in Kraft tra­ten, gibt Widukind keine Auskunft. Durch Kombinieren kommt man aber auf einen großen Hoftag, den Heinrich I. Anfang November 926 zu Worms abge­halten und auf dem er mit der Zustim­mung der anwesenden Großen des Reichs die von Widukind überlieferte und seit dem Beitrag Carl Erdmanns40 so genannte „Burgenordnung“ verfügt hat. Der nähere Inhalt der Verordnung be­ruht jedoch nicht nur auf Erfahrungen mit räuberischen Überfällen von Fremd­völkern wie Normannen und Sarazenen. Im Rückzug auf die Burg konnten Besitz, Leib und Leben am besten geschützt werden und die Überfälle der Magyaren würden am ehesten ins Leere laufen. Heinrich I. selbst hatte sich auf diese Art retten müssen. Nun darf man bei der Burg des beginnenden 10. Jahrhunderts nicht an aufragende breitflächige Stein­bauten denken, die von hohen, dicken Quadermauern umfangen waren. In die­ser und der Zeit davor schützten die Menschen schlichte, ebenerdige Holz­bauten hinter Wällen, die in einer Holz- Erde-Konstruktion verfertigt waren. Für Heinrichs I. wie Widukinds engere Hei­mat, den norddeutschen Raum, sind in der Zeitspanne von ca. 800 bis ca. 1000 „Ringwallanlagen“ charakteristisch. Die­se schlossen Areale von 1–1,5 ha ringför­mig ein. Bei der Lüningsburg auf dem linken Ufer der Leine (nahe Neustadt) konnten an einem solchen Ringwall eine Breite von 7–10 m und eine Höhe von 2 m erschlossen werden. Jedenfalls ließ Heinrich I. an den vorhandenen Burgen keine einschneidenden Veränderungen vornehmen und im Vollzug der „Burge­nordnung“ auch keine neuen („Hein­richsburgen“) errichten, so die Ansicht seines Biographen Giese.41

Ebensowenig stellen die „Wehrbau­ern“, die Widukind „agrarii milites“ nennt, laut Giese eine originäre Schöp­fung König Heinrichs I. dar. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der Widukind von Corvey von dieser Bevölkerungs­gruppe spricht, zeigt, daß sie zu Hein­richs Zeiten schon existiert haben muß. Keiner ihrer Angehörigen verfügte je­doch über eine eigene befestigte Anlage bzw. war in der Lage, eine solche aus ei­genen Mitteln zu errichten. Die Ein­schränkung läßt es zu, die „agrarii mili­tes“ einer sozialen Schicht mit geringem Eigeneinkommen zuzuordnen, und da­hin stellt sie ebenfalls ihre Alltagsbe­schäftigung. Denn nimmt man den Text Widukinds ganz wörtlich, so bestellten sie selbst das Land. Dadurch würde das den „miles“ näher bezeichnende Adjek­tiv „agrarius“ bestens passen. Auf jeden Fall sind die so oft erwähnten „agrarii milites“ als bäuerlich und dabei genos­senschaftlich lebende Menschen einzu­stufen. Die Bezeichnung „miles“ blieb ihnen deshalb erhalten, weil sie der Wehrfähigkeit noch nicht gänzlich ent­wöhnt waren und im Ernstfall ohne grö­ßere Eingewöhnungsschwierigkeiten kriegerische Tätigkeiten aufnehmen konnten. Diese übten sie stets zu Fuß aus. Was ihren Status anbelangt, so ist der von Widukind von Corvey erfunde­ne Terminus der „agrarii milites“ wohl als Sammelbegriff für eine Personen­gruppe an einer Grundherrschaft zu werten, die im Frankenreich des 9. Jahr­hunderts nachweislich die praktischen Arbeiten an den Wehranlagen zu ver­richten hatte. Dazu paßt es, daß Hein­richs I. „Burgenordnung“ für die „agrarii milites“ bloß einen defensiven, auf grobe Handarbeit beschränkten Aufgabenbe­reich rund um die Burg vorsah.42

Heinrich I. plante offenkundig, die al­ten, bereits vorhandenen Fluchtplätze für einen längeren Aufenthalt der Bevöl­kerung unter erträglichen Lebensum­ständen und in möglichst großer Sicher­heit tauglich machen zu lassen und sie auf diesem Stand auch zu erhalten. Es ist nicht abwegig, die Sicht zu vertreten, daß die Burgen schon bei den ersten Anzei­chen eines bevorstehenden Einfalls der Ungarn ohne größere Hast bezogen und danach für die Zeit der Bedrohung als Dauerquartiere bewohnt werden sollten. Während die zwischenzeitlich errichte­ten festen Unterkünfte gegen die Unbil­den des Wetters Schutz boten, konnten diese Behausungen auch das Wichtigste an Hausgerät sowie an fahrender Habe aufnehmen. Die Menge der gelagerten Feldfrüchte garantierte eine Grundver­sorgung der Menschen auch über den Zeitraum von mehreren Tagen, und auf den Freiflächen der Anlage war für das Vieh ausreichend Platz vorhanden. Alles in allem erscheint die von Heinrich I. an­geordnete Beförderung der Burg zum Zentrum des Widerstands gegen die Un­garneinfälle als sorgfältig durchdachte Reaktion auf die existierende Lage. Ef­fektiver als mit den getroffenen Neurege­lungen konnte der ungarischen Gefahr zu dieser Zeit kaum begegnet werden.43

Seine Ausführungen zur „Burgenord­nung“ faßt Widukind in einem einzigen Kapitel mit dem Bericht über die Slawen­feldzüge Heinrichs I. zusammen, sieht also diese beiden Maßnahmen in einer engen Verbindung miteinander. Der deutsche König, schrieb der Chronist, ha­be Sorge dafür getragen, „das Vaterland zu sichern und die barbarischen Völker niederzuwerfen“44. Der Burg war damit eine doppelte Funktion zugedacht, denn sie diente der Defensive wie auch der Of­fensive. Während die Sicherung des Va­terlands die Ungarn betraf, konnten mit den niederzuwerfenden barbarischen Völkern nur die Slawen, die im Raum von Elbe und Oder siedelten, gemeint gewesen sein. Bei den Heereszügen ge­gen sie konnten die Burgen als Sammel-und Aufbruchsort, als Basislager und De­pot für den Nachschub oder als Rück­zugsraum fungieren.45
Während der Zeit seines Waffenstill­stands mit den Ungarn führte Heinrich I. mehrere Feldzüge gegen die Slawen, zu denen das Verhältnis durch gegenseitige Beute- und Rachezüge geprägt war. Nach Unterwerfung der Heveller und Eroberung des Hauptorts Brennaburg (des späteren Brandenburg) im Winter 928/29 griff Heinrich die Daleminzier an, nahm ihre Hauptorte (darunter die Burg Jahna) ein und zog mit Unterstützung des Bayernherzogs Arnulf weiter nach Böhmen. Dessen Herzog Wenzel – er hat­te sich nach Prag geflüchtet – unterwarf sich ohne größere Gegenwehr und ver­pflichtete sich zu regelmäßigen Tri­butzahlungen.46 Die bei den Slawenzü­gen erkämpften Erfolge sowie Art und Stand seiner Vorbereitungsmaßnahmen für den großen Kampf mit den Ungarn ermutigten Heinrich I. zu Beginn der 930er Jahre, vor dem Ablauf des Abkom­mens über den Waffenstillstand bzw. Frieden eine Konfrontation mit den Un­garn im Felde zu provozieren. Für diesen Entschluß wird der Herrscher gewiß die Rückendeckung durch die maßgebenden Kräfte im deutschen Reich besessen ha­ben. Widukind von Corvey (auch für die­sen Textabschnitt die Hauptquelle) er­zählt von einer Einberufung des „popu­lus“, vor dem Heinrich I. seine Entschei­dung, die Tributzahlungen an die Un­garn sofort einzustellen, verkündete, be­gründete und um Zustimmung ersuchte. Der König erhielt sie auf feierlich-akkla­matorische Art, wobei natürlich nicht nachvollzogen werden kann, wie drama­tisch sich das Ganze tatsächlich abge­spielt hat. Dennoch wird man die Absi­cherung durch eine Reichsversammlung für das Vorhaben Heinrichs getrost un­terstellen dürfen.47 Als ungarische Abge­sandte 932 die übliche Tributzahlung einforderten, wurde ihnen diese folglich glatt verweigert. Statt dessen wurde ih­nen ein toter Hund vor die Füße ge­schleudert, was eine massive Beleidi­gung des stolzen Reitervolks und zu­gleich eine bildhafte Geste darstellte. Die Folge dieser schmählichen Behandlung war natürlich das Ende des Waffenstill­stands.48 Anfang 933 tauchten die Ma­gyaren in drei großen Schwärmen im Westen wieder auf. Während der eine davon nach Italien eindrang und das Ziel des anderen nicht bekannt ist, wandte sich der dritte gegen das deutsche Reich.49 Dieses Heer der Invasoren zog über Daleminzien, erhielt dort aber keine Unterstützung.

Der Wikingerhafen Haithabu, den Heinrich eroberte, zählte zum Reich des Dänenkönigs Knut. Heute befindet sich dort ein sehenswertes Freilichtmuseum.
Heinrich I. in der Darstellung des großen Künstlers und Holzschneiders Ernst von Dombrowski.

Der Sieg von Riade

Nach seiner Ankunft in Thüringen teilte sich das ungarische Heer in zwei Grup­pen, von denen eine weiter nach Westen zog, um aus südwestlicher Richtung nach Sachsen vorzudringen. Ihr stellte sich ein ganz eindeutig nicht von Hein­rich I. angeführtes sächsisch-thüringi­sches Aufgebot entgegen, dem es gelang, die Anführer dieser Truppe zu töten.

Letztere löste sich daraufhin vollständig auf und zerstreute sich in alle Winde. Das sächsisch-thüringische Aufgebot er­schlug noch einen Teil der fliehenden Ungarn oder nahm sie gefangen. An ei­nem Sieg der Sachsen und Thüringer be­steht mithin kein Zweifel, doch kann er von den Quellen her nicht mit einem Ort verknüpft werden.50  Die andere Heeresabteilung der Un­garn war im Osten geblieben und vor ei­ne Burg gezogen, in der riesige Schätze gelagert gewesen sein sollten. Die Burg gehörte einem gewissen Wido, dem thü­ringischen Ehemann einer Halbschwe­ster Heinrichs I. Genauer läßt sich dieser befestigte Platz aber ebensowenig lokali­sieren wie der Ort, an dem zur selben Zeit der königliche Schwager des Burgin­habers Quartier genommen hatte. Hein­rich I. lagerte mit seinem Heer nahe ei­nem Ort namens Riade, und dieser ist nur annähernd in das Gebiet der Unstrut – möglicherweise nahe der Mündung der Helme in diesen Fluß – zu verlegen. Die beiden Orte können nicht allzuweit von­einander entfernt gelegen haben, was die nachfolgenden Ereignisse verdeutlichen. Im Nachtlager vor der Burg Widos erfuh­ren die ungarischen Angreifer von der gerade erwähnten Niederlage ihrer Kampfgenossen und dem bei Riade (= Ried) zusammengezogenen Heer König Heinrichs I. Diese Neuigkeiten übten auf sie eine so alarmierende Wirkung aus, daß sie mitten in der Nacht ihr Lager ab­brachen und mittels Feuer- und Rauch­zeichen all ihre Landsleute zurückbeor­derten, die in die Umgebung ausge­schwärmt waren.51

Am nächsten Tag (es dürfte der 15. März 933 gewesen sein) ereignete sich dann auch bereits ein bewaffneter Zu­sammenstoß im Felde, den Heinrich I. offenbar zielstrebig gesucht hatte. Für diese Behauptung spricht nicht bloß der ganze Tenor des von Widukind geliefer­ten Kampfberichts, sondern auch die Tat­sache, daß der 15. März der Tag des heili­gen Longinus und somit ein „heiliger Tag“ war. Im Mittelalter wurden bedeu­tungsvolle Akte mit Vorliebe auf heilige Tage gelegt.52 Somit kann auch hier Heinrich I. ein bewußtes Handeln unter­stellt werden. Für seinen Angriff hatte er eine besondere Taktik ersonnen. Seine Panzerreiter hielt er ein wenig verborgen im Hintergrund und ließ lediglich die leichte Kavallerie und die Fußsoldaten gegen die Ungarn vorrücken. Diese soll­ten den Feind zu einer Attacke provozie­ren, sich dann zum Schein zurückziehen und zu ihrer Verfolgung verleiten, bei der alsbald die schwere Reiterei einzu­greifen hatte. Das Gefecht, in das Hein­rich I. persönlich mit großer Tatkraft un­ter dem Feldzeichen des heiligen Michael eingriff, dauerte offenbar nur kurze Zeit und zog nur relativ geringe Verluste nach sich. Der Schilderung Widukinds zufolge dürften die mit markerschüttern­dem Feldgeschrei anreitenden Ungarn rasch erkannt haben, daß sie in eine Si­tuation manövriert worden waren, in der sie ihre Überlegenheit als Bogenschützen nicht ausspielen konnten. Folglich wand­ten sie sich zur Flucht und retteten dank der größeren Ausdauer ihrer Pferde im Galopp ihr Leben. Zum Auskosten ihres Triumphs blieb den Siegern nur die Ein­nahme des feindlichen Lagers, aus dem sie noch einige Gefangene befreien konn­ten.53
Der Leistung Heinrichs I. tut es keinen Abbruch, daß er nicht im Blut hatte wa­ten müssen, um das Schlachtfeld von Riade zu behaupten. Von der „Burgen­ordnung“ bis zur Kampftaktik auf der Walstatt hatte er die geeigneten Mittel und Wege gefunden, um ein ungarisches Heer aus dem Deutschland der damali­gen Zeit flüchten zu lassen. Nur weil die Bedeutung des Sieges von Riade mehr in dessen Signalwirkung als in dessen Ver­nichtungscharakter lag, war dieser nicht minder wertvoll. Der Nimbus der Unbe­siegbarkeit der Ungarn war gebrochen, wozu auch das sächsisch-thüringische Kontingent ohne königliche Führung ei­nen sehr wichtigen Beitrag geleistet hat. Das hat die Ungarn so nachhaltig er­schreckt, daß sie es zu Heinrichs I. Leb­zeiten nicht mehr gewagt haben, sein Reich heimzusuchen. Der berechtigte Stolz, der Heinrich als Ungarnsieger er­füllte, verrät sich in einer Malerei, die er in der oberen Halle seiner Merseburger Pfalz anbringen ließ. Diese Malerei hielt die Ereignisse von Riade fest und wäre – falls heute noch existent – eine Bildquelle von hohem Wert.54

Die militärischen Erfolge Heinrichs I. rundete 934 ein siegreicher Krieg gegen die eine permanente Bedrohung darstel­lenden Dänen ab, deren König Knut da­mals bis zum Wikingerhafen Haithabu (beim heutigen Schleswig) herrschte. Heinrich eroberte Haithabu, zwang Knut zur Unterwerfung und Tributzahlung. Überdies gelang es ihm, den Dänenkönig zur Annahme des christlichen Glaubens zu bewegen, dem dieser dann auch die Bewohner seines Gebiets zuführte.55

Persönlichkeitswürdigung

Der neue, zunächst auf „Kollegialität“ angelegte Regierungsstil, den Heinrich I. praktizierte, war nach der Art, wie er vor 919 als sächsischer „dux“ aufgetreten war, nicht unbedingt erwartbar gewesen. Der Liudolfinger war nämlich nicht we­niger auf Machtgewinn und -steigerung bedacht als seine anderen Standesgenos­sen. Die Stellung des Königs hatte er we­gen ihres höheren Ranges angestrebt, un­geachtet all der Anfechtungen, denen sie sich damals ausgesetzt sah. Seine Ami­citia-Bündnisse hatte Heinrich I. nicht aus einem Hang zu Freundschaft und Harmonie heraus geschlossen und sei­nen Herzögen nicht ihre Freiheiten belas­sen, weil er ihnen in altruistischer Manier Gutes tun wollte. Die Abwendung, die er vom üblichen Gebaren eines spätfränki­schen Königs vollzog, muß er aufgrund einer Analyse der damaligen politischen Lage vorgenommen haben. Sie offenbart unzweifelhaft taktisches Denken bei die­sem frühdeutschen Herrscher. Er wollte sich offenkundig nicht den so zermürbenden Machtkämpfen ausset­zen, die Konrad I. durch sein Festhalten am Idealbild des fränkischen Königtums mit dem Adel hervorgerufen hatte. In ei­ne Bereitschaft zu Konsens vermitteln­den Konzessionen an die politischen Eli­ten seines Reichs scheint Heinrich I. den gefahrenärmsten Weg gesehen zu haben, um sein eben erst mühsam errungenes Königtum abzusichern. Dieses war um so fragiler, als es erstmals von einem Nichtfranken ausgeübt wurde. Indem er etwa auf die Salbung verzichtete oder kö­nigliche Machtmittel den Herzögen überließ, nahm er seinem Königtum die volle traditionelle Kraft. Trotzdem schloß all das den künftigen Ausbau von Hein­richs I. Königsherrschaft im Sinne einer Machtsteigerung überhaupt nicht aus, und er legte in dieser Hinsicht einen lan­gen Atem an den Tag. Denn nach dem Tod Herzog Burchards von Schwaben im Jahr 926 setzte Heinrich auf dem Worm­ser Hoftag unverzüglich eine für das Kö­nigtum günstigere Nachfolgeregelung und Neuordnung der schwäbischen Ver­hältnisse durch.56

Bei seiner Politik gegenüber den Nach­barreichen, die ebenfalls in karolingi­schen Traditionen standen, hatte für Heinrich I. der Erwerb bedeutender Reli­quien große Bedeutung. Als gottesfürch­tiger Herrscher trachtete er nach dem Be­sitz der Heiligen Lanze, da sie als eine Christusreliquie anzusehen war. Die „al­lerunbesiegbarste Waffe“ hatte für Hein­rich I. eine so hohe Bedeutung, daß er Rudolf II., dem König von Hochburgund (912–937) und König von Italien (922– 926), sogar mit Krieg gedroht haben soll, damit dieser ihm die Heilige Lanze über­lasse. Nach neueren Forschungen über­gab Rudolf II. während seiner durch Ur­kunden bezeugten Anwesenheit bei Heinrichs I. Wormser Hoftag von 926 die Reliquie. Diese wird zusammen mit den anderen Reichsinsignien bis heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg auf­bewahrt. Mit ihrem Erwerb leistete Hein­rich einen an seine Person geknüpften Beitrag zu einer Staatssymbolik, die bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 1806 lebendig blieb, und schuf so einen speziellen Ort der Erinnerung.57

Heinrichs I. Friedenswerk im Innern seines Reichs ging mit seinem bewaffne­ten Kampf gegen äußere Bedrohungen Hand in Hand. Zwar nimmt bei zeitge­nössischen Chronisten sein Sieg über die Ungarn neben seinen Auseinanderset­zungen mit den Slawen und Dänen er­staunlicherweise keinen herausragenden Platz ein und wird gelegentlich nicht ein­mal erwähnt, doch muß aus unserer heu­tigen Sicht der Erfolg gegen den magya­rischen Angstgegner als eine besonders wichtige Leistung Heinrichs I. eingestuft werden. Sein analytisches und taktisches Talent bewährte sich auch in diesem Fall, denn sie ließ ihn die Schwachstellen ent­decken, die bis dahin eine effiziente Ge­genwehr verhindert hatten, und die Mit­tel finden, mit denen diesem Feind bei­zukommen war. Hierfür gönnte sich Heinrich I. Zeit und nahm lieber jahre­lange Tributzahlungen in Kauf, als mit vorschnellem Aktionismus empfindliche Rückschläge zu erleiden. Überhaupt la­gen ihm Eile und Hast fern – im Fall der Ungarnabwehr wie bei der Durchset­zung seiner Königsherrschaft und bei an­deren Aufgaben. Er wollte und konnte die Dinge reifen lassen, was aber in sei­nem Fall nichts mit Zaudern und Zögern zu tun hatte, sondern mit Instinkt und Umsicht. Der Aufbau einer stabilen Kö­nigsmacht, die Besänftigung der zentri­fugalen Kräfte im Reich und die Schaf­fung von Sicherheit in Ostfranken waren Anforderung genug für ihn. Sein ausge­prägtes politisches Augenmaß verhin­derte, daß er sich in politische Abenteuer stürzte, die ihn überfordert und seine Er­folge zerstört hätten. Er war ja auch kein jugendlicher Heißsporn mehr, sondern hatte, als er König wurde, die 40 schon überschritten.

Den kampfbereiten, unnachgiebigen Kriegsmann hat Heinrich I. seinen Zeit­genossen jedoch nicht vorenthalten. Ne­ben der Abwehr der Ungarn hat er dieser von ihm verkörperten Figur – wohl kaum nur zufällig – in der heidnischen nördlichen und östlichen Grenznachbar­schaft von Sachsen ihren Tätigkeitskreis zugewiesen. Objektiv betrachtet, hat Heinrich auch mit dem Schwert des An­greifers bemerkenswerte Erfolge erzielt und die an Elbe und Saale angrenzenden slawischen Völkerschaften in eine tri­butäre Abhängigkeit zu dem frühdeut­schen Reich gebracht. Damit war die Grundlage für eine Generalaufgabe der ihm folgenden römisch-deutschen Köni­ge und Kaiser geschaffen: die Ostpolitik, wie sie allgemein genannt wird. Die sieg­reichen Unternehmungen Heinrichs I. im Osten fanden zur ungeschmälerten Freu­de all derjenigen statt, die zeitnah zu den Ereignissen schriftliche Rückblicke auf seine Regierungszeit hinterließen. In ih­ren Darstellungen besitzt Heinrich I. als der „eifrige Verfolger der Heiden“ min­destens eine ebenso große Bedeutung wie als der „herausragende Freund des Friedens“, als den ihn z.B. Widukind von Corvey fast ohne Unterlaß preist. Was sich für die friedensbewegten Gemüter vieler Heutiger äußerst ungereimt aus­nimmt, war für Chronisten wie Widu­kind durchaus kein Widerspruch. Der Zustand des Friedens wurde nämlich nur insofern als ein bewahrenswertes Gut geschätzt, als er die eigene Heimat betraf. Ohne Kriegführung und Siege jenseits der Reichsgrenzen hätten Hein­richs I. Zeitgenossen an seiner Herrschaft den letzten Glanz vermißt, sein Reich wäre ohne die letzte Selbst­vergewisserung seiner Stär­ke geblieben.58

Für Widukind von Corvey verkörperte Heinrich I. als Hauptperson des ersten Bu­ches seiner „Sachsenge­schichte“ hochgradig Kriegs­tüchtigkeit und Religiosität, durch die er sich gleicherma­ßen ausgezeichnet habe. Für die Frömmigkeit Heinrichs I. haben sich immer wieder Anhaltspunkte finden las­sen. Ob beim Aufbau der Hofkapelle, beim Wirken als Kirchenbauherr, bei der überaus intensiven spirituel­len Vorbereitung auf die große Auseinandersetzung mit den Ungarn, bei der Sor­ge um das Gebetsgedenken für die Toten oder beim per­sönlichen Zutritt zu Gebets­bünden – auf vielerlei Fel­dern des kirchlichen Lebens bewegte sich Heinrich als Mann, der in der Laienfröm­migkeit seiner Zeit und seines Standes verankert war. Jedoch ist er dabei nur in Konformität mit den Konventionen sei­ner Zeit erkennbar, und so bleibt es sein Geheimnis, wie sehr ihn der christliche Glaube wirklich durchdrang. Auch wenn Hellmut Diwald diesen König für „so faßlich“ hält59, gibt es sonst keinen näheren Zugang zu dem Indivi­duum Heinrich I. Natürlich hat sein Be­wunderer Widukind von Corvey von ihm einige Wesensmerkmale zusammen­gestellt, die an dieser Stelle aufgelistet werden sollen: „[…] zu der außerordent­lichen Klugheit und Weisheit, durch die er sich auszeichnete, kam noch seine mächtige Körpergestalt, welche der kö­niglichen Würde die rechte Zierde ver­lieh. […] Und obgleich er bei Gelagen sehr leutselig war, vergab er dennoch der königlichen Würde nichts; denn er flößte zu gleicher Zeit seinen Kriegsleuten ein solches Wohlwollen und eine solche Furcht ein, daß sie, selbst wenn er scherz­te, sich nicht getrauten, sich irgendwel­che Freiheiten herauszunehmen.“60 Al­lerdings ist diese Orientierung am Sche­ma der Tugenden eines idealen Herr­schers zu offenbar, als daß mit ihr ein Porträt Heinrichs I. versucht werden könnte. Dennoch kann konstatiert werden, daß der Charakter Heinrichs I. nicht oh­ne Schattenseiten gewesen zu sein scheint. So hielten ihn die Freundschafts­bündnisse mit Karl dem Einfältigen und mit Rudolf von Hochburgund keines­wegs davon ab, auch mit deren direkten Gegenspielern auf die gleiche Weise zu paktieren. Wenig ehrenhaft war ebenfalls sein weiter oben skizziertes Verhalten Hatheburg gegenüber, womit er sich an deren Heimatort keine gute „Presse“ verschaffte.

Vor dem Hintergrund dieser und an­derer vager Überlieferungen erlangt Heinrich I. seine mit Sicherheit festeste Gestalt als derjenige Herrscher, der in der Wendezeit vom 9. zum 10. Jahrhun­dert die Krise des Königtums für viele überraschend und sehr erfolgreich ge­meistert hat. Mit dem für seine Zeit äu­ßerst ungewöhnlichen Mittel konsensu­aler Friedensschaffung im Innern und dem für seine Zeit gängigen Mittel sieg­reicher Kriegführung gegen äußere Fein­de brachte sich Heinrich in eine Position, für die sein Bewunderer Widukind den Terminus „regum maximus Europae“61 geprägt hat. So kann die kritische Histo­riographie Heinrich I. für die letzten Jah­re seines Lebens, das am 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben endete, bestätigen, im christlichen Abendland eine hegemoni­ale Stellung innegehabt zu haben.62 Und das, obwohl er nie den Titel eines Kaisers trug, ihn auch nicht anstrebte.63 Nicht sein ältester Sohn Thankmar, sondern sein Zweitältester Otto, der Erstgeborene aus der Ehe mit Mathilde, folgte Hein­rich I. gemäß seiner Designation auf dem Thron.64 An Otto ging das Königtum im Ganzen über, und die sächsischen Herrscher sollten in der Zeit, die sich ihre Dynastie behaupten konnte, ihre Position festigen und einen Prozeß voranbringen, der Deutschland zu einer historischen Größe machte.

Auch der Erwerb der Heiligen Lanze geht auf Heinrich zurück. Otto der Große führte sie in der Schlacht ge­gen die Ungarn am Lechfeld 955, heute ist sie in der Wiener Schatz­kammer zu bewundern. Der Legen­de nach wurde mit ihr die Seite Christi durchbohrt. In sie eingelassen wurden (schon bevor Heinrich die Reli­quie erwarb) Nägel des Kreuzes.

Anmerkungen

1 Wolfgang Giese: Heinrich I. Be­gründer der ottonischen Herrschaft (= Gestalten des Mittelalters und der Re­naissance), Darmstadt 2008, S. 11.

2 Ebenda, S. 42.

3 Hellmut Diwald: Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches, Bergisch Gladbach 1990, S. 110 f. Liudolf konnte als Herzog (von Sach­sen) bezeichnet werden, da er gegen­über den Dänen, die immer wieder aus dem Norden einfielen, die Markgraf­schaft innehatte und das Heer führte (denn „dux“ bedeutet im Lateinischen auch Heerführer).

4 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 50. Giese zufolge bleibt dennoch der Versuch, die Position Ottos im Ostfränkischen Reich zu umreißen, in Unsicherheiten stecken. Ein „jüngerer Stammesherzog“ sei er trotz seines Titels „dux“ sicher nicht gewesen, jedoch ohne Zweifel ein Herr von höchstem Adelsrang.

5 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 48 f.

6 Ihn hatten Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern im November 911 in Forchheim zu ihrem König erhoben. Diese vier Stammesher­zogtümer (925 kam Lothringen hinzu) bildeten das Ostfränkische Reich, das 843 aus der Tei­lung des Fränkischen Reichs hervorgegangen war.

7 Er verfaßte die „Res gestae Saxonicae“, eine „Sachsengeschichte“, die eine der wichtig­sten und mit am meisten diskutierten Quellen zur Ottonenzeit darstellt.

8 Bis 919 wird Heinrich in den Quellen konsequent als „dux“ tituliert. Laut Giese läßt sich darüber diskutieren, ob die von Heinrich eingenommene, vom Vater ererbte Position ei­nes „dux“ als Vorstufe zum Stammesherzog der 920er Jahre sowie der Jahre danach anzuse­hen ist.

9 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 52–55.

10 Bei seinem Feldzug in Bayern, dessen Herzog Arnulf sich gegen ihn stellte, soll Widu­kind zufolge Konrad eine derart schwere Ver­wundung erlitten haben, daß er daran starb.

11 Zitiert nach Hellmut Diwald: Geschich­te der Deutschen, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 41979, S. 747.

12 Ebenda, S. 748.

13 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 59.

14 Ebenda, S. 62.

15 Im mittelalterlichen Lehnswesen ver­körperte die Kommendation einen symboli­schen Akt beim Eingehen eines Lehnsverhält­nisses. Dabei legte der Vasall kniend seine ge­falteten Hände in die des sitzenden Lehnsherrn – zum Zeichen der Ergebung in den Schutz und die Gewalt des Herrn auf Lebenszeit gegen Ver­sorgung.

16 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 62 f. Es war in der Tat der Adel, der den ostfränkischen König wählte.

17 Zitiert nach Diwald, a.a.O. (Anm. 11), S. 747.

18 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 65.

19 Ebenda.

20 Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 300.

21 Auch Diwald nennt lediglich die Fran­ken und Sachsen, nicht jedoch die Bayern und Schwaben als „Wähler“. Daß sie Hein­richs Wahl akzeptierten und im Bereich des Ostfränkischen Reichs blieben, spricht für Heinrich, der sie zunächst durch konzilian­tes Auftreten für sich gewann, aber nach der Festigung seiner Herrschaft sehr viel be­stimmender auftrat. Zu dem Fehlen von Bayern und Schwaben in Fritzlar meint Di­wald: „Als Stamm waren jedenfalls die Bay­ern und Schwaben in Fritzlar nicht vertreten, die Entscheidung fiel ohne sie.“ Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 301.

22 Ebenda, S. 300.

23 Ebenda, S. 304.

24 Ebenda, S. 305.

25 Ebenda, S. 306.

26 Matthias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert (= Historische Studien, Bd. 444), Husum 1996, S. 206.

27 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 68.

28 Vgl. dazu Becher, a.a.O. (Anm. 26), S. 207.

29 Vgl. dazu Diwald, a.a.O. (Anm. 11), S. 748.

30 Er, der aus einer noblen italieni­schen Familie langobardischer Herkunft stammte, war Geschichtsschreiber, Diplomat und seit 961 Bischof von Cremona. Von ihm stammt u.a. das bekannte Geschichtswerk „An­tapodosis“ (dt.: [Buch der] Vergeltung), das er im Zeitraum von 958 bis 962 verfaßte.

31 Zunächst war das Karolingerreich Opfer von Heimsuchungen durch die Normannen ge­wesen und hatte diese selbst unter der Allein­herrschaft Ludwigs des Frommen nie richtig unter Kontrolle bekommen können. Zwischen 879 und 891 wurde auch das Ostfrankenreich vermehrt Gegenstand dieser verheerenden Raubzüge. Während der Jahrzehnte um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert waren sie dort ein Dauerzustand.

32 Dieses Abkommen war auf neun Jahre begrenzt.

33 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 94 ff.

34 Ebenda, S. 96.

35 Ebenda.

36 Vgl. dazu bes. Andreas Bracher: „Der Reflexbogen als Beispiel gentiler Bewaffnung“; in: Herwig Wolfram / Walter Pohl (Hg.): Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksich­tigung Bayerns, Bd. 1 (=Österreichische Akade­mie der Wissenschaften, philosophisch-histori­sche Klasse, Denkschriften, Bd. 201; Veröffentli­chungen der Kommission für Frühmittelalter­forschung, Bd. 12), Wien 1990, S. 137–146.

37 Man muß sich in diesem Zusammen­hang vor Augen halten, daß die Krieger des 10. Jahrhunderts nicht in den „Ritterrüstungen“ steckten, die aus heutiger Perspektive im Mit­telalter gebräuchlich waren. Deshalb konnte der ungarische Bogeneinsatz in den Reihen des Gegners auch so verheerend wirken.

38 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 96 f.

39 Zitiert nach ebenda, S. 100.

40 Carl Erdmann: „Die Burgenordnung Heinrichs I.“; in: Deutsches Archiv für Erfor­schung des Mittelalters 6 (1943), S. 59–101. Vgl. zur „Burgenordnung“ auch Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 404–407.

41 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 100 ff.

42 Ebenda, S. 102 ff.

43 Ebenda, S. 105.

44 Zitiert nach ebenda, S. 107 f.

45 Ebenda, S. 108.

46 Ebenda, S. 112–116.

47 Ebenda, S. 116.

48 Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 476 f.

49 Vgl. dazu die Angaben des westfränki­schen Chronisten Flodoard von Reims zum Jahr 933 in Philippe Lauer (Hg.): Les Annales de Flodoard (= Collection des textes pour servir à l´étude et à l´enseignement de l´histoire, Bd. 39), Paris 1905, S. 55.

50 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 116.

51 Ebenda, S. 116 f.

52 Vgl. dazu u.a. Hans Martin Schaller: „Der heilige Tag als Termin mittelalterlicher Staatsakte“; in: Deutsches Archiv für Erfor­schung des Mittelalters 30 (1974), S. 1–24.

53 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 117; Diwald, a.a.O., (Anm. 3), S. 487 ff.

54 Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 119.

55 Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 496–501.

56 Vgl. dazu Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 185 f.

57 Ebenda, S. 122 f.; Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 506 f.

58 Vgl. dazu Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 188 f.

59 Diwald, a.a.O. (Anm. 11), S. 748.

60 Zitiert nach Giese, a.a.O. (Anm. 1), S. 189.

61 Dt.: der größte der Könige Europas.

62 Gerd Althoff / Hagen Keller: Heinrich I. und Otto der Große. Neubeginn auf karolingi­schem Erbe, 2 Bde. (= Persönlichkeit und Ge­schichte, Bd. 122/123), Göttingen / Zürich 21994, hier: Bd. 1, S. 101.

63 Diwald, a.a.O. (Anm. 3), S. 503.

64 Ebenda, S. 525.

 
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