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Im Jahr 1794 kam es zu einem Krieg zwischen Rußland und Polen, der heute weitgehend vergessen ist, dennoch aber in der Gestalt des deutschbaltischen Generals Graf Hans-Heinrich von Fersen auch heute noch wesentliche Erkenntnisse liefert. Fersen führte eine russische Armee und gewann die Entscheidungsschlacht über die polnische Armee, behandelte nach seinem Sieg aber den besiegten General Kosciuszko so ausgesprochen fair, daß er die uneingeschränkte Liebe der polnischen Bevölkerung gewann. Für mich als Verfasser dieses Artikels ist dies umso berührender, weil meine Mutter Ulla Jebens, geb. von Fersen (1922–2014), eine Nachkommin dieses deutschbaltischen Generals war.
Von Dr. Albrecht Jebens
Im ausgehenden 18. Jahrhundert veränderten die Stürme der Französischen Revolution die aristokratisch-monarchische Staats- und Gesellschaftsordnung West- und Mitteleuropas, während sich in Osteuropa, also auch im Baltikum, unter den mächtigen Fittichen des russischen Doppeladlers die alte Ordnung behauptete. Allerdings gab es in Osteuropa eine Nation, die von den französischen Ideen von 1789 zu einer Neugestaltung ihres staatlichen Lebens und ihrer Sozialordnung angeregt wurde: die polnische Nation, die sogenannten „Franzosen des Ostens“. Deren Versuche kamen freilich zu spät und wurden in einer hoffnungslosen politischen Konstellation unternommen. Sie beschleunigten das Ende des polnischen Staates, der für mehr als ein Jahrhundert von der Landkarte verschwand, bis er während des Ersten Weltkriegs 1916 vom Deutschen Kaiserreich neu gegründet wurde. Die treibende Kraft bei der Auslöschung der einst so mächtigen „Rzeczpospolita“ war das russische Imperium. Und die Herrscherin, die hierbei in Verbindung mit Österreich und Preußen die Initiative ergriff, war eine gebürtige deutsche Fürstin auf dem Zarenthron, die Zarin Katharina II. die Große.
Nach allem, was in den letzten Jahrzehnten in Polen geschehen ist, erinnern wir uns heute vielleicht nicht gerne daran, daß mehrere deutsche Adelige der ehrgeizigen Zarin dabei gute Dienste geleistet haben: auf diplomatischem Gebiet die Grafen Keyserlingk, Stackelberg und Sievers und auf militärischem Gebiet der General Graf Hans-Heinrich von Fersen. Wollen wir diesen Männern gerecht werden, so sollten wir sie nicht allzusehr von unseren heutigen Wertungen aus beurteilen. Die Zarin Katharina II. hatte es verstanden, der russischen imperialen Idee einen neuen Glanz zu verleihen; man empfand sie als aufgeklärte Herrscherin und sah in der Erweiterung der Grenzen Rußlands nach dem Westen eine berechtigte Aufgabe. Auch wußte Katharina II. geschickt, die Rolle der Beschützerin und Garantin der polnischen Verfassung, das heißt der Adelsfreiheit zu spielen. Es gab seit langem eine rußlandfreundliche Partei in Polen, deren Häupter allerdings zumeist durch Bestechung gewonnen waren. Der letzte König Polens, Stanislaus August Poniatovski, Katharinas einstiger Geliebter, war völlig von ihr abhängig. Aber auch der in seiner persönlichen Lebensführung integre und charakterfeste russische Botschafter in Warschau während der zweiten Teilung Polens, der Livländer Jakob Johann Graf Sievers, hatte keinerlei Bedenken, Drohung und Gewalt anzuwenden, um die Aufträge seiner Herrin auszuführen und ihre politischen Ziele zu erreichen. Er war – wie man es aus seinen Briefen ersehen kann – überzeugt, daß die Verbindung Polens mit dem Russischen Reich dem „schwerbedrückten Volk“ mit dem Ende der anarchischen Zustände auch eine Verbesserung seiner Lage bringen würde. Später mag hinzugekommen sein, daß den reichs- und zarentreuen Balten die nationale, demokratische Freiheitsbewegung Polens bedenkliche Ähnlichkeit mit dem französischen Jakobinertum zu haben schien.
An welchen Platz der einzelne vom Schicksal gestellt wird und in welchen Auffassungen er aufwächst, unterliegt nicht seiner persönlichen Entscheidung. Aber wie er sich als sittliche Persönlichkeit im geschichtlichen Geschehen bewährt, danach sollte sich das Urteil der Nachwelt richten. Im übrigen ist zu versichern, daß das Lebensbild Graf von Fersens (künftig: Fersen) als Thema dieses Artikels gewählt worden ist, weil er inmitten der skrupellosen Machtpolitik und der Kriegsgreuel als integre Persönlichkeit erscheint, daß er also die Tugenden bewahrt hat, die man von einem baltischen Edelmann damals erwartete.
Fersen entstammte dem Laupaschen Hause; sein Vater war der Begründer der Linie Ollustfer (Livland). Wie es damals üblich war, trat der 1743 geborene Fersen bereits mit 14 Jahren als Sergeant in die russische Armee ein und wurde mit 17 Jahren Unterleutnant. Von 1769 bis 1775 nahm er als Kapitän am 5. Russischen Türkenkrieg teil, wobei er sich am Kaqul, bei Chotin, beim Übergang über den Pruth und bei der Belagerung von Silistria auszeichnete. Er wurde schnell befördert und war bei der Beendigung des Krieges Oberstleutnant. 1788 stand er im 6. Russischen Türkenkrieg unter dem Kommando des launischen, habgierigen und brutalen Fürsten Potemkin, unter dem auch Suworow damals diente. Bei Potemkin fiel Fersen zeitweilig in Ungnade, setzte sich jedoch bald wieder durch. Denn als Generalmajor trug er im Russisch-Schwedischen Krieg von 1788 bis 1790 zum Siege des Admirals Cicagov über die schwedische Flotte in der Bucht von Wyborg bei, indem er mit seiner Artillerie vom Lande aus in das Seegefecht eingriff. Ehrungen seitens der Zarin und die Beförderung zum Generalleutnant waren die Folge. Die Ereignisse in Polen 1792 riefen Fersen dorthin. Er erhielt ein selbständiges russisches Korps in Litauen und gelangte damit auf den Kriegsschauplatz, auf dem er seinen höchsten Ruhm gewinnen sollte.
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Zum Verständnis der damaligen politischen Lage ein Rückblick auf die Ereignisse in Polen. Auf die Gründe des Verfalls von Polen kann hier nicht näher eingegangen werden; es genügt aber, festzustellen, daß Polen infolge der ständigen Erweiterung der Adelsrechte auf Kosten der königlichen Gewalt in einen Zustand geraten war, den der polnische Adel als „goldene Freiheit“ (zlota vol nosc) empfand, der uns jedoch als Anarchie erscheint. Die Zarin Katharina II. fand bald Anlaß, einzugreifen. So kam es 1772 zur ersten Teilung Polens, an der auch Preußen und Österreich mitwirkten. Die Erschütterungen, die diese erste Teilung hervorrief, weckten jedoch im polnischen Volk patriotische Kräfte der Erneuerung. In dieser Bewegung, die sich nicht allein auf den Adel beschränkte, wirkten bereits die Ideen der späteren Französischen Revolution. Aus dem Geist der Aufklärung und aus der eigenen freiheitlichen Tradition suchte man, den verfallenden polnischen Staat zu regenerieren.
Auf dem vierjährigen polnischen Reichstag (1788–1792) wurde eine Reform der Verfassung beschlossen. Polen sollte in eine Erbmonarchie umgewandelt werden. Das liberum veto (nach dem jedes Gesetz einstimmig beschlossen werden mußte – ein einzelner Adelige konnte also jede Initiativakte im Sejm, dem polnische Parlament, zu Fall bringen) wurde abgeschafft. Der Sejm sollte aus zwei Kammern bestehen, die Bürger-und Bauernrechte wurden erweitert. Alle Stände, nicht mehr der Adel allein, sollten nun die Nation repräsentieren. Solange Katharina II. durch den Schwedenkrieg und den 6. Türkenkrieg in Anspruch genommen war, hatten die Reformer in Polen eine Atempause. Sie hofften auf eine wohlwollende Haltung Preußens, das damals durch den ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich gebunden war und im Osten Ruhe brauchte. Aber die Parteiungen, zu denen die Einführung der Verfassung von 1791 führte, gaben Katharina II. Gelegenheit zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens. Der Türkenkrieg war inzwischen beendet worden, und die innere Konsolidierung Polens lag nicht im Interesse der russischen Zarin. Die Adelskonföderation von Targovica gegen die Verfassung von 1791 bat die Zarin, den „Schutz der polnischen Freiheit“ zu übernehmen.
Auch in Litauen, wo Fersen mit seinem Korps stand, kam es zu Wirren; doch er bewährte sich hier auch als Diplomat, rief eine rußlandfreundliche Konföderation ins Leben und befriedete auf diese Weise das Land. Aber bei diesen Kämpfen wurde er so schwer verwundet, daß er später einen verhältnismäßig frühen Tod erleiden mußte. Inzwischen hatten sich Rußland und Preußen verständigt und ließen ihre Truppen in Polen einmarschieren. Die polnischen Regierungstruppen, die verstärkt worden waren, leisteten Widerstand. Bei diesen Kämpfen gegen die von Süden vordringenden russischen Armeen zeichnete sich der Mann aus, der später zum Führer der polnischen Freiheitsbewegung wurde und durch dessen Niederwerfung Fersen seinen Ruhm begründen sollte: Tadeusz Kosciuszko.
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Tadeusz Kosciuszko wurde am 4. Februar 1746 auf dem kleinen Gut Mereczowszczyzna nordwestlich von Brest/ Weißrußland geboren. Er entstammte somit dem ursprünglich weißrussischen Kleinadel des ehemaligen Großfürstentums Litauen. Viele bedeutende Polen sind aus diesem Adel hervorgegangen, unter anderen der Dichter Mickievicz und der Marschall Pilsudski. Nach der Ausbildung im Jesuitenkolleg in Brest trat Kosciuszko in das Kadettenkorps in Warschau ein. Es war eine Neugründung, eine Schule auf der Höhe der Zeit, die für die Elite der Nation bestimmt war. Hier herrschte der Geist der Aufklärung. Die Zöglinge waren meist Magnatensöhne. Kosciuszko lernte, die polnischen Zustände kritisch zu betrachten. 1770 wurde er als Stipendiat nach Paris geschickt, um seine militärische Ausbildung zu vervollständigen. Nach der ersten Teilung Polens kehrte er 1774 zurück, aber die Armee hatte keine Verwendung für den begabten jungen Offizier. Er mußte sich als Verwalter im Hause eines Magnaten betätigen und erlebte zahlreiche Enttäuschungen. So verließ er 1776 sein Vaterland und wanderte im Jahre der Unabhängigkeitserklärung der USA nach Amerika aus. Hier trat er aus Begeisterung für die Ideen von Freiheit und Menschenwürde in die US-Armee ein und trug u.a. durch seinen persönlichen Einsatz zur Kapitulation der Briten bei Saratoga bei. 1783 wurde er Brigadegeneral; George Washington war sein großes Vorbild. Aber den Patrioten zog es 1784 zurück in sein von den Nachbarstaaten bedrängtes, um den staatlichen Fortbestand ringendes Vaterland Polen. Dort arbeitete er zunächst als Landwirt. Als nach der Verfassungsreform die Armee vergrößert wurde, fand er als Generalmajor Verwendung und ging zum Schutz der Grenze nach Podolien. Hier stellte er sich 1792 bei Dubienka mit 15.000 Männern den 40.000 einmarschierenden Russen entgegen und lieferte ein so ruhmvolles Rückzugsgefecht, daß man in Europa auf ihn aufmerksam wurde. Das revolutionäre Frankreich ernannte ihn deshalb zum Ehrenbürger der Französischen Republik! Hier befand er sich übrigens in recht guter Gesellschaft, denn auch Friedrich Schiller wurde als Freiheitsdichter damals französischer Ehrenbürger. Als der polnische König Stanislaus sich wieder der russischen Zarin Katharina II. unterwarf und die Russen Warschau besetzten, verließ Kosciuszko mit zahlreichen polnischen Patrioten sein Vaterland.
Bei der zweiten Teilung Polens 1793 ließ die Zarin Katharina II. die Maske fallen. Diese Teilung war ein reiner Gewaltakt. Der sogenannte „Stumme Reichstag“ zu Grodno genehmigte die Gebietsabtretungen, die Polen jetzt verstümmelten. Kosciuszko erhielt die Nachricht von der Teilung Polens in Paris. Eine Widerstandsbewegung begann sich zu organisieren, und Kosciuszko stand von Leipzig aus mit den Patrioten in Krakau und Warschau in Verbindung. Er wurde nun zum Führer des geplanten Aufstands gewählt und begab sich nach Galizien. Die Verringerung des polnischen Heeres und die Eingliederung einzelner Truppenteile in die russische Armee lösten dann endgültig die Aufstandsbewegung aus. Die Reiterbrigade des Generals Madalinski in Ostrolenka widersetzte sich der Auflösung und setzte sich in Richtung Krakau in Marsch. Inzwischen war Kosciuszko im befreiten Krakau erschienen, und am 23. März 1794 verkündete er dort unter dem Jubel der Bevölkerung die Proklamation der Erhebung, deren Vorbild die amerikanische Unabhängigkeitserklärung war. So wurde er nun zum Oberbefehlshaber und Diktator gewählt. Er suchte auch die Bürger und Bauern zu gewinnen und Österreich aus dem Konflikt herauszuhalten. Der Hauptkampf sollte sich gegen Rußland richten.
Tatsächlich gelang es Kosciuszko im April 1794 bei Raclawice, einen Sieg über den russischen General Denisov zu erringen. Dabei bewährten sich die bäuerlichen Freischärler, die sogenannten „Sensenmänner“, und Kosciuszko trug seitdem ihnen zu Ehren stets den weißen Bauernkittel. In diesem Kostüm lebt er bis heute in der Erinnerung des polnischen Volkes fort. In der Folge ergriff der Aufstand ganz Polen und Litauen. Der verhaßte russische Gesandte in Warschau, General Graf Igelström, der sich bereits als Statthalter fühlte, wurde verjagt. Sein Palast ging in Flammen auf, und in der Hauptstadt wurde ein Nationalrat gebildet, wobei der demokratische Zug unverkennbar war. Auch der polnische König erkannte nunmehr Kosciuszko als Führer des nationalen Freiheitskampfes an. Und im Mai 1794 verkündete dieser das sogenannte „Universal von Polaniec“. Er war ein Versuch, die Bauern mitzureißen, indem man ihnen die Freiheit in Aussicht stellte. Aber die Bauernbefreiung ließ sich nicht mitten im Krieg und nicht von heute auf morgen durchführen. Sorgen beim Adel, Enttäuschung bei den Bauern waren die Folge.
Nie hatte ein Mann in Polen, auch kein König, eine solche Macht in Händen wie Kosciuszko im Jahre 1794. Aber für die Art, wie er seine Macht auffaßte und gebrauchen wollte, sind die Worte bezeichnend, die er am 12. Mai 1794 sprach: „Niemand, der Tugend bewahrt, sollte nach Macht streben. In diesem kritischen Augenblick wurde sie in meine Hand gelegt. Ich weiß nicht, ob ich das Vertrauen verdient habe. Aber das eine weiß ich. Diese Macht ist für mich einzig das Werkzeug zur wirklichen Verteidigung meines Vaterlands, und ich bekenne, daß ich das Ende dieser Macht ebenso aufrichtig herbeisehne wie die Rettung der Nation!“
Die Haltung, die aus dieser Äußerung spricht, erinnert an Washington, und für die Regierungspraxis Kosciuszkos ist es bezeichnend, daß er während der Zeit seiner Amtsführung kein Todesurteil fällte. Ob Polen auch im Frieden in dieser Art hätte regiert werden können, mag zweifelhaft erscheinen. Doch stellten während der Erhebung alle Polen ihre persönlichen Interessen hinter die nationale Sache zurück.
Inzwischen hatte eine russische Armee sich mit einer preußischen vereinigt. Gegen diese Übermacht erlitt Kosciuszko im Juni beim Dorf Sczekocziny eine erste empfindliche Niederlage. Es erwies sich nun, daß das um seine Freiheit kämpfende Polen völlig isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten war. Die politische Situation war darum so gut wie hoffnungslos. Der Kampf konzentrierte sich jetzt um Warschau. Während der Belagerung kam es in der Stadt zu einer Radikalisierung der Bevölkerung. Jakobiner-Clubs schossen aus dem Boden, und die „Verräter von Targovica“ wurden ein Opfer der Volkswut. Kosciuszko hat diese Ausschreitungen sehr bedauert, denn die gute Sache des Freiheitskampfes erschien ihm durch die Gewalttaten befleckt. Als im Rücken der preußischen Armee, in der preußischen Provinz Posen, gleichfalls ein Aufstand von dort lebenden Polen ausbrach, gaben die Preußen die Belagerung Warschaus auf und zogen sich im Sommer 1794 in die Provinz Posen zurück. Fersen mit seinen 13.000 Soldaten war nunmehr zu schwach, um die Belagerung fortzusetzen und wich nach Süden aus. Unbeschreiblicher Jubel herrschte deshalb in Warschau. Der König hatte beim polnischen Volk zwar jedes Vertrauen verloren, wurde jedoch nicht behelligt. Denn sein General Kosciuszko verhinderte weitere Ausschreitungen und eine soziale Revolution. Es gelang ihm durch sein persönliches Ansehen, die nationale Solidarität zu erhalten. Bezeichnend sind wiederum seine Äußerungen anläßlich der Befreiung Warschaus: „Ich wage zu hoffen, daß Gott, der die Hauptstadt befreit hat, auch das Vaterland befreien wird. Dann werde ich wieder als einfacher Bürger, nicht mehr als Beamter, Gott meinen Dank darbringen und die gemeinsame Freude mit allen teilen.“
Inzwischen hatte man sich aber in der russischen Hauptstadt St. Petersburg zu energischen Maßnahmen entschlossen. General Suworow, Rußlands bedeutendster Feldherr und Held der Türkenkriege, rückte mit einer Armee von Osten über Brest heran. Fersen, der ohne die Preußen zu schwach war, hielt es für geboten, sich mit Suworow zu vereinigen. Er marschierte am linken Weichselufer stromaufwärts und verbreitete das Gerücht, er wolle nach Galizien. Sein polnischer Gegner Kosciuszko schickte eine starke Abteilung hinterher, um ihm den Weg nach Krakau abzuschneiden. Diese Truppen rückten auf dem rechten Weichselufer vor; eine andere Heeresgruppe unter General Poninski sollte von Lublin aus herbeieilen. Suworow hatte unterdessen die Truppen des polnischen Generals Sierakowski, die ihm den Weg nach Warschau verlegen sollten, zurückgeworfen und rückte in schnellem Vormarsch auf die Hauptstadt zu. Fersen erhielt nun den Befehl, sich mit ihm zu vereinigen. Darauf ging Fersen bei Koszenice über die Weichsel, ohne daß die Polen ihn daran hindern konnten. Um die drohende Vereinigung Fersens mit Suworow zu vereiteln, warf sich ihm jetzt aber Kosciuszko, der die Reste des Korps Sierakowski herangezogen hatte, mit seiner ganzen Truppenmacht beim Städtchen Maciejowice entgegen.
So kam es am 10. Oktober 1794 zur Schlacht, die über das Schicksal des polnischen Freiheitskampfes entschied. Die Kräfte waren diesmal ungefähr gleichstark. Fersen hatte 18 Bataillone Infanterie, 43 Schwadronen Kavallerie, sechs Regimenter Kosaken und 36 Geschütze. Die Polen war nur wenig unterlegen. Wie die Fersensche Familiengeschichte berichtet, soll vor der Schlacht ein Feldjäger von Suworow eingetroffen sein mit dem Befehl, Fersen soll keine Schlacht wagen, sondern auf Soworow warten. Fersen beachtete diese Order jedoch nicht, sondern griff sogleich an. Warum? General Denisov sollte mit den Kosaken die Stellung der Polen umgehen und sie in der linken Flanke fassen, wo Kosciuszko eine Stellung für die Heeresabteilung Poninskis freigelassen hatte, mit deren Eintreffen er fest rechnete. Fersen wußte das offenbar und griff die Polen bei Maciejovice frontal an. Diese wehrten den ersten Angriff tapfer ab, gingen zum Bajonettangriff vor, mußten aber nach der dritten Attacke der Russen und nach langem Nahkampf den Rückzug antreten und ihre Stellungen räumen. Kosciuszko hatte vergeblich auf das Eingreifen des Generals Poninski gewartet. Inzwischen brachen Denisovs Kosaken aus dem Wald und fielen den Polen in die offene linke Flanke. Laut polnischen Berichten soll sich auch der polnische Heereschef Kosciuszko, der die Kavallerie befehligte, den Feinden entgegengeworfen haben. Er sei schwer verwundet vom Pferde gesunken und später bewußtlos in die Hände der Russen gefallen.
Daß er, vom Pferde sinkend, gerufen habe „Finis Poloniae“ (Das ist das Ende Polens), hat er später selbst bestritten. Es gibt den Augenzeugenbericht eines baltischen Offiziers im russischen Heer, der die Gefangennahme Kosciuszkos schilderte. Die polnischen Historiker haben diese Darstellung nicht übernommen, vielleicht weil sie dem Bilde eines Nationalhelden nicht ganz entsprach. Der Ausruf „Finis Poloniae“, auch wenn er nicht gefallen ist, entsprach damals doch der Stimmung Kosciuszkos.
Die Polen traten immerhin in voller Ordnung den Rückzug an. Als Poninski am Nachmittag auf dem Schlachtfeld erschien, war alles schon entschieden. Da General Fersen die zurückweichende polnische Armee energisch verfolgen ließ, löste sie sich auf. 6000 Mann waren gefallen oder verwundet, die ganze Artillerie und der Troß waren in die Hände der Russen gefallen. Außer Kosciuszko wurden noch vier weitere polnische Generäle, unter ihnen Sierakovski, als Gefangene nach St. Petersburg gebracht. Die Niederlage hatte eine niederschmetternde Wirkung auf die Polen. Aber in der ganzen freiheitlich empfindenden Welt gehörten die Sympathien dem geschlagenen polnischen Heerführer Kosciuszko. Als sein Bezwinger erwarb sich allerdings auch der Deutschbalte Fersen durch die ehrenvolle Behandlung, die er dem besiegten Freiheitshelden angedeihen ließ, ehrliche Sympathien nicht nur bei den Polen.
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Aber noch war die Hauptstadt Warschau nicht bezwungen und der Kampf nicht zu Ende. Am 25. Oktober 1794 vereinigte sich Fersen bei Stanislavov mit dem russischen General Suworow und marschierte mit diesem gegen Warschau. Er nahm teil am berühmten Sturm auf den Ortsteil Praga, bei dem die durch die Türkenkriege verrohten russischen Truppen unmenschliche Greuel verübten. Suworow hat das nicht verhindert. Wie Fersen darüber dachte und ob er etwas unternahm, um die Zivilbevölkerung zu schonen, ist nicht überliefert. Im Bericht Suworows über den Sturm heißt es nur, der General Fersen, „der sich durch die Zerschlagung und die Gefangennahme des Hauptrebellen Kosciuszko mit frischem Ruhm bedeckt habe, habe neue Lorbeeren gewonnen. Er habe, trotz seiner schwachen Gesundheit, stets voller Schneid alle Mühen und Gefahren überwunden und sowohl durch die Führung seiner Abteilung als auch durch seine persönliche Mannhaftigkeit seine bekannte Reputation erneut bekräftigt.“
Nach der Einnahme Warschaus im November 1794 wurde Fersen die Aufgabe zuteil, die immer noch etwa 30.000 Mann starke Armee des neuen polnischen Oberbefehlshabers Vavrzecki, die aus Warschau ausgebrochen war und die österreichische Grenze zu erreichen suchte, zu verfolgen und zur Kapitulation zu zwingen. Fersen stellte sie am 18. November 1794 bei Radoszyce und zwang sie, die Waffen zu strecken; so fielen 100 Kanonen den Russen in die Hände. Damit verband sich der Name Fersens mit dem siegreichen Feldzug in Polen. Auch bei dieser Kapitulation wußte sich Fersen die Achtung und die Sympathie der Besiegten zu erwerben. Sein Landsmann, Baron Ungern-Sternberg, schrieb ihm aus Warschau, Fersen habe sich durch die ritterliche Behandlung der Gefangenen und durch seine Gerechtigkeit „die Liebe aller vornehmen und gemeinen Polen erworben“.
Neue Auszeichnungen durch die Zarin folgten diesen Erfolgen des Deutschbalten. Fersen erhielt einen mit Brillanten verzierten Degen, 3000 Dukaten und einen Güterkomplex von 2000 „Seelen“ in Polen geschenkt. Da diese Güter aber von den polnischen Eigentümern enteignet werden sollten, lehnte Fersen die Annahme ab. Die Polen behielten daraufhin ihre Güter!
Am 1. Januar 1795 erhob die Zarin Katharina II. ihren 48jährigen General Hans-Heinrich von Fersen in den Grafenstand. Als seine ruhmvollen Verdienste wurden erwähnt: der Sturm auf Praga und die Entwaffnung der polnischen Armee. Es fällt auf, daß der Entscheidungsschlacht bei Maciejovice nicht gedacht wurde. Höchstwahrscheinlich geschah dies, weil Fersen diese Schlacht gegen den Befehl Suworows gewagt hatte und dessen Ruhm nicht geschmälert werden sollte. Fersen erhielt als Ehrengabe außerdem noch das Gut Neu-Karrishof in Livland. Beim Regierungsantritt des neuen Zaren Paul I. wurde Fersen verabschiedet. Im Dezember 1797 ließ der Zar ihn jedoch nach St. Petersburg rufen. Er begab sich mit seiner Begleitung in das Palais Orlov, in dem sein ehemaliger Gegner, der Pole Kosciuszko, wohnte, übergab diesem den Fersenschen Degen (!) und entließ ihn die Freiheit. Kosciuszko soll dem Zaren den Degen zurückgegeben haben mit den Worten, da er den Degen nicht für sein Vaterland führen könne, gebühre er ihm nicht. Kosciuszkos Fahrt von St. Petersburg über Finnland, Schweden und England nach Amerika gestaltete sich zu einem Triumphzug. Noch im Jahre 1797 traf er in Philadelphia ein und wurde von Washington auf dessen Landgut empfangen. So wurde Kosciuszkos Name zum Mythos und seine Gestalt zum Symbol der Freiheit für die polnische Nation. In seinem Testament bestimmte Kosciuszko sein amerikanisches Vermögen zum Freikauf und zur Ausbildung von schwarzen Sklaven. Am 15. Oktober 1817 ist er nach einem weiteren vergeblichen Versuch, Polen zu befreien, im Alter von 71 Jahren in Solothurn gestorben. Fersen wurde 1798 reaktiviert und vom Zaren zum Direktor des Kadettenkorps in St. Petersburg ernannt. Am 16. Juli 1800 starb er auf einer Dienstreise in der ukrainischen Stadt Dubno. Dort wurde er auch begraben; sein Herz jedoch wurde nach Groß St. Johannis in Livland gebracht. Ab 1777 war er mit Magdalena von Rehbinder verheiratet gewesen, die ihm einen Sohn schenkte, doch die Ehe wurde bald geschieden.
Wie sehr Fersen trotz aller Auszeichnungen und Erfolge ein ehrenwerter Mann geblieben ist, bekundet ein Brief über den Feldzug in Polen, den er ein Vierteljahr nach seinem Sieg an seine Lieblingsschwester, die verwitwete Generalin von Weymann, schrieb:
Liebste Schwester!
Warschau, den 25. Januar 1795
Glück zum neuen Jahr! Wie befindest Du Dich und wie befinden sich die Schwestern? Was machen unsere lieben Tanten von Laupa und Kirna? Wie geht’s den lieben und werten Nachbarinnen auf Engdes? Was für Fortschritte in der Schule macht mein Sohn?
Aus Riga schrieb ich zuletzt, als ich mich aufs Schiff begab. Ich war 14 Tage wegen contrairer Winde und Stürme auf der See und zwei Mal dem Schiffbruch nahe, ehe ich nach Königsberg kam. Von dort reiste ich in die Standquartiere der russischen Truppen, nicht ohne Gefahr, von den polnischen Insurgenten angegriffen zu werden. In Verbindung mit den Preußen hatte ich darauf eine verdrüssliche, langweilige und zuletzt schmählich beendete Campagne, doch traf der missliche Erfolg nicht die russischen Truppen, sondern nur die Preußen. Nach der Trennung von ihnen, ganz allein mit meinem Korps, der ganzen Insurgenten-Macht gegenüber, unternahm ich mit guter Fortüne den Übergang über die Weichsel, den 10 000 Mann Insurgenten mit 20 Kanonen verteidigten. Ich führte selbige ohne Verlust aus, nur wenige Männer sind ertrunken und ich attaquirte darauf den General Kosciuszko, der mit dem Kern der polnischen Armee heranzog, die noch aus 30 000 Mann bestand und 100 Kanonen bei sich führte, und zerstörte sie gänzlich. Alle Generale wurden gefangen und die Kanonen genommen. Endlich gingen wir hier in die Winterquartiere, in denen wir uns jetzt unter sehr beschwerlichen Umständen befinden.
[…] Nun habe ich Dich genug mit meiner totalitär maroden gräflichen Erlaucht unterhalten und wende mich zu anderen Sachen.
Ist die Ernte auf Ollustfer und Aimel gut ausgefallen?[…]
Wie steht es mit dem Garten? Gibt es hübsche Blumen und tüchtig Früchte? Wie gedeiht meine neu angelegte Bienenzucht? Wie steht es um Gefährte, um Pferde, Leute? Lernt der Kochjunge Andres bei dem Koch im Laupa? Ich habe die Freude und den Verdruss gehabt, daß der Zwölfjährige des Generals Buxhövden rasch und brav zu Pferde gegen den Feind gewesen ist. Mein Verdruss rührte nach meiner Denkungsart daher, daß mein schon etwas älter gewordener Sohn in dieser Campagne nicht bei mir war. Nun, sei es darum! Wenn er nur in den Wissenschaften fleißig ist und etwas vor sich bringt!
Leb nun wohl, liebste Schwester, und sei gesund; grüß alle! Gott behüte Dich. Glaube mir, daß ich mit Wahrheit bin Dein treuer Bruder H. Fersen
Offenbarte dieser Brief nicht Charaktereigenschaften, wie wir sie auch bei Kosciuszko finden? Vielleicht beruhte die Achtung, die Fersen seinem besiegten Gegner erwies, eben darauf, daß er den menschlichen Wert seines Gegners zu schätzen wußte. Die beiden militärischen und politischen Gegenspieler, Kosciuszko – der Vorkämpfer nationaler, demokratischer Freiheit und Selbstbestimmung – und Fersen – der Diener der autokratisch-imperialistischen Militärmonarchie – müssen als Menschen, dürfen keinesfalls als Kontrastfiguren gesehen werden. Schlichtheit, Bescheidenheit und Menschlichkeit waren jedenfalls Charaktereigenschaften, die für beide kennzeichnend waren. Neben dem von der freiheitlich-revolutionären Welt des Westens vergötterten „Ideenpolitiker“ Kosciuszko mag allerdings Fersen, der noch ganz mit der vornational-ständischen Welt des Ancien régime verbundene Soldat und Praktiker der Menschenführung, etwas baltisch-provinziell erscheinen. Aber offenbart nicht auch seine Anteilnahme an der Ausbildung des estnischen Kochjungen Andres einen liebenswerten menschlichen Charakterzug? Wenn man von den Balten gesagt hat, sie hätten stets „in personalen Bezügen“ gelebt und gedacht (J. Westermann) und in diesen unsere Menschlichkeit bestätigt, so scheint uns Hans-Heinrich von Fersen ein sehr typischer Sohn seiner livländischen Heimat gewesen zu sein.
So dürfen alle nachfolgenden Generationen seines Geschlechts, seiner Heimat und unseres Volkes in ihm ein Vorbild sehen, da er seine Gegner durch seine humanitative Militärführung gewinnen konnte., mögen auch die Kräfte, denen die Zukunft gehören sollte, auf der Seite seiner Gegner gewesen sein.
Karl Ludwig Blum: Graf Jacob Johann v. Sievers und Rußland zu dessen Zeit, Leipzig 1864.
Friedrich von Fersen: Geschichte des Geschlechts von Fersen und von Versen, Bd. 1, Berlin 1885.
Familienverband v.Versen / v. Fersen (Hg.): Familiengeschichte und Biographien der letzten 100 Jahre anläßlich des 800jährigen Jubiläums unserer Familie 1217–2017, Hamburg 2017.
Kurt Georg Hausmann: Tadeusz Kosciuszko; in: Wolfgang von Groote (Hg.): Große Soldaten der europäischen Geschichte, Frankfurt a. M. 1961.
Georg Baron Manteuffel-Szoege: Geschichte des polnischen Volkes während seiner Unfreiheit 1772–1914, Berlin 1950.
Heinrich von Smolian: „Zur Gefangennahme T. Kosciuszkos bei Maciejovice am 10. Okt. 1794“; in: „Baltische Monatsschrift“, Bd. 69, 1910, S.72–78.