Die Bewegung „CasaPound Italia“ (CPI)1 ist in Italien zur festen politischen Größe geworden. Immer wieder dominiert die Organisation die Schlagzeilen der Medienwelt zwischen dem Brenner und Sizilien. Der Grund: Tausende Jugendliche engagieren sich in diesem Milieu, das durch Hausprojekte und rechtsalternativen Lebensstil rund um Bars, Kampfsportevents und Vespa-Werkstätten populär wurde. Diese Ausstrahlungskraft geht so weit, daß sogar der nunmehrige italienische Innenminister Matteo Salvini (Lega) zeitweise den Kontakt zu CPI-Verantwortlichen suchte und sich „smart“ dreinblickend in Bekleidung eines CPI-nahen Modelabels ablichten ließ.
Von Benedikt Kaiser, M.A.
Ungeachtet einer Diskussion der konkreten Inhaltskerne – soziale Sicherheit und nationale Solidarität, radikale Statements – kann man sagen: Das „Konzept CPI“ einer lebensweltlichen und grundlegenden Opposition strahlt aus. Vor allem in Frankreich und Spanien gibt es Bewegungen, die sich in Stil und Praxis am Vorbild Italien orientieren, aber andere inhaltliche Schwerpunkte setzen. Auch in Deutschland ahmt man die Hausprojektbewegung – hier freilich mit explizit anderen Schwerpunktsetzungen – nach. Denn die jeweilige Situation unterscheidet sich mitunter extrem vom jeweiligen Nachbarland: So verzichtet man in Halle, Paris und Madrid auf die in Italien immer noch vorhandenen „neofaschistischen“ Marker und versucht, sich als Teil einer weitgefaßten politischen Rechten aufzustellen. Doch worum geht es bei den diversen „sozialen Bewegungen von rechts“? Welche allgemeinen Lehren kann man aus den konkreten Versuchen ziehen? Welchen Platz können Hausprojektstrukturen – ob „besetzt“, wie z.B. in Straßburg, oder käuflich erworben, wie etwa in Halle/Saale – in der vielfältigen Rechten sinnvoll einnehmen?
Ob in Frankreich, Spanien oder Deutschland: Die politische Rechte benötigt in jedem Land Sammlungsparteien wie den Rassemblement National (RN, ehedem Front National) oder die Alternative für Deutschland (AfD), die parlamentarisch präsent sind und so einer breiten Öffentlichkeit die Existenz grundsätzlichen Widerspruchs in der „konsensorientierten“ Welt des liberalen Verwaltens beweisen. Sie haben dabei – im besten Falle – als parlamentarische Vertreter einer breiteren Bewegung zu wirken. Diese breitere Bewegung ist aufgrund ihrer Vielfalt – Denkfabriken, Zeitschriften, Jugendbewegungen, Hausprojekte usw. – als „Mosaikrechte“ zu bezeichnen.
Ihre Vertreter müssen sich dieser – für jeden umfassenden Wandel unverzichtbaren – Vielfalt der Aktionsfelder bewußtwerden. Vor allem die zu Wahlen antretenden Kräfte dürfen sich beispielsweise bei ihrer eventuellen Tätigkeit in den Parlamenten nicht primär dem Ziel hingeben, von den „Kollegen“ der anderen Parteien endlich als gleichberechtigt anerkannt zu werden. Hier wäre zuallererst das Bewußtsein vonnöten, daß das Parlament insbesondere auch „Transmissionsriemen der Entscheidungen politischer Oligarchien“ ist.2 Anders formuliert, aber mit den Worten desselben Denkers: „Die Macht des Parlaments ist nicht die Macht des Volkes“.3 Dieser Befund, der im heutigen Stadium des technokratischen EU-Durchregierens sogar mehr Gültigkeit besitzen dürfte als noch zu seiner erstmaligen Niederschrift vor 50 Jahren, verweist konsequent auf die jede parlamentarische Arbeit ergänzende Notwendigkeit außerparlamentarischer, d.h. gesellschaftlicher Aktivitäten. Denn in Zeiten einer allumfassenden Oligarchisierung der Politik muß die „Wiederherstellung eines demokratischen Lebens“ mitunter „einen Weg am Parlamente vorbei suchen und außerparlamentarische Organe finden“,4 wie Sebastian Haffner im Jahr der für die politische Rechte lähmenden Zäsur, 1968, notierte. Diese ersten Annahmen gehen der Feststellung voraus, daß die Mosaikrechte in ihren verschiedenartigen Erscheinungsformen zunächst das „Primat des Bewegungscharakters von Politik“ (Thomas Seibert) anerkennen muß. Hier kommt etwa die Funktion einer Jugendbewegung ins Spiel, deren ursächliches Ziel es nicht sein sollte, verdiente Kader in arrivierte Positionen parlamentarischer Strukturen zu hieven. Aufgabe einer Jugendbewegung ist es, „als disfunktionaler Stachel zu handeln, der bewußt destabilisieren und – poetisch gesprochen – ganz eindeutig neue Ufer ansteuern will“.5 Dort, an diesen neuen Ufern, warten vielleicht zunächst nicht sichere Posten und Positionen, aber der intellektuelle Spielraum; die Möglichkeit für Experimentelles, die Chance auf ein Ausgreifen in andere Milieus, Lebenswelten, Subkulturen etc. sind bedeutend größer. Daß es im Zuge des Entstehungsprozesses einer Mosaikrechten – ob in Wien oder in Berlin – zu Verzahnungen zwischen parlamentarischen und außerparlamentarischen Akteuren kommt, ist erwünscht. Denn eine grundsätzliche Lager-Solidarität gegenüber gegnerischen ideologischen Strömungen ist vonnöten, eine Verschränkung im Sinne einer Überlappung der Arbeitsfelder hingegen nicht – sie wäre für die verschiedenen rechten Akteure schädlich und ist daher nicht anzustreben.
Verschiedene rechte Akteure, das bedeutet immer auch: viele verschiedene Meinungen, keine allgemeingültige bzw. vorherrschende. Eine tatsächlich vorherrschende rechte oder konservative Meinung ist indessen jene, daß man existierende Dinge bewahren müsse, daß man Entwicklungen, die man nicht stoppen kann, zumindest verzögern sollte, daß man ferner danach strebe, grundsätzliche gesellschaftliche Prozesse zu verlangsamen oder zu korrigieren, sie aber nicht fundamental in Frage zu stellen. Denn wenn man sie in Frage stellte, würde man sich – je nach Intensität der Kritik – dem Verdacht des utopischen Denkens, des Radikalismus, der scharfen „Links“- oder aber „Rechtsabweichung“ aussetzen. Dieser reaktiv-konservative Grundimpuls ist statthaft und nachvollziehbar in „normalen“ Zeiten. Aber: Wir leben nicht in normalen Zeiten. Mit Verlangsamung und Behutsamkeit, Sachlichkeit und nüchterner Beobachtung bei moderaten Korrekturvorschlägen wurde noch keine einschneidende und vielgestaltige Krisensituation analysiert, geschweige denn ansatzweise gelöst. Das behutsam-korrigierende Agieren ist aber das Ansinnen weiter Teile der Angehörigen der politischen Rechten – die nun mal, wie alle Menschen, Kinder ihrer Zeit sind. Als solche sind sie mit den Glaubenslehren und Gewißheiten des Kapitalismus in seiner herrschenden neoliberalen Ausprägung aufgewachsen und haben diese bewußt oder unbewußt verinnerlicht. Ein Rütteln an ihnen gilt als verwegen, irritierend, unstatthaft. Auf Kapitalismuskritik folgt daher innerhalb der Rechten, so vielfältig sie auch ist, zudem häufig der Vorwurf, man habe wohl den utopischen Willen, den kapitalistischen Weltmarkt abzuschaffen, die Wirtschaft lahmzulegen. Ein solch ungeheures Maximalprogramm ist nicht nur falsch diagnostiziert, sondern läge in so weiter Ferne, daß der Wille wohl früher oder später aufgrund nicht gehaltener Erwartungen schlappmachen würde. Der neurechte Philosoph Alain de Benoist weist in seinem Grundlagentext „Am Rande des Abgrunds“ dementsprechend darauf hin, daß es für die politisch Tätigen auf der Rechten unmöglich sei, einen globalen Wandel herbeizuführen. Vielmehr müsse man beginnen, eigene „Räume der Freiheit und des Miteinanders zu schaffen“.6 Gemeint sind damit Inseln gelebter Alternativität und Solidarität jenseits des kapitalistischen Tagesbetriebs. Eine solche Insel verkörpern rechte Hausprojekte. Sie sind Treffpunkte junger Aktivisten und junggebliebener Förderer, Begegnungsstätten am Wochenende ebenso wie im politisch-praktischen Alltag, Wohnprojekte und Sammelstellen. All das und viel mehr umfaßt jeweils dieser neue Ort, und somit ist er nicht nur essentielle Vernetzungs- und Mobilisierungsstelle, sondern, wenn man sich die linksgeprägte Umgebung westeuropäischer Städte vergegenwärtigt, „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“, um eine Redewendung des Schweizer Theologen Karl Barth zu adaptieren. Das Ziel wider ebenjene linksgepolten Städte des Westens ist die von Benoist ausgerufene „Kulturrevolution von rechts“; der „gramscianische“ Stellungskrieg um die kulturelle Hegemonie, um die Dominanz im vorpolitischen Raum, um die Setzung von Ideen und natürlich um ihre Verankerung im Alltagsbewußtsein der Menschen.
Hausprojekte sind hierbei Teil einer langfristigeren Strategie. Diese Strategie bedeutet, wie angedeutet, über metapolitische Arbeit in diversen Bereichen die sukzessive Erlangung kultureller Hegemonie von rechts anzuvisieren. Das impliziert auch die Raumnahme im Sinne einer versuchten Prägung des öffentlichen Raumes – und sei es zunächst im kleinen Rahmen und nur in einzelnen Städten, die als „Leuchtturmprojekte“ entworfen werden. Die Devise heißt in diesem Kontext, die oftmals „verkopfte“, also mitunter in ihren Analysen und Lehren abstrakt bleibende deutschsprachige Neue Rechte vom Kopf auf die Füße zu stellen und sie das entschlossen-erfolgreiche Laufen zu lehren. Strömungsübergreifende rechte Solidarität unterschiedlichster Art und Weise ist hier keine Floskel, keine rhetorische Figur, sondern zwingend notwendig. Denn ob in Frankreich oder in Deutschland, in Spanien oder in Österreich: „Rechte“ gleich welcher Couleur bekommen keine sozialen Freiräume geschenkt wie antifaschistische Gruppen, sie erhalten keine staatlichen Förderungen, sie profitieren nicht von der materiellen Großzügigkeit der politischen Klasse, sie werden nicht mit Preisen, Geldern und Stipendien überhäuft. Hinzu kommt: Sie werden nicht von den tonangebenden Medien hofiert und von windigen Journalisten umschmeichelt. Die junge Rechte ist auf sich allein gestellt – und das ist nur konsequent. Denn diese junge Rechte will kein lapidares Korrektiv für die Herrschenden darstellen, keine Bodentruppen der Etablierten abbilden. Was diese junge Rechte ist, was sie formuliert, was sie verkörpern kann, das ist der Anspruch, dem Machtkomplex aus bundesdeutscher Mainstream-Bourgeoisie und roten Helfershelfern keinen Meter mehr zu weichen und ihn vielmehr zurückzudrängen.
Hausprojekte wie jenes im sachsen-anhaltinischen Halle/Saale, wo sich eine Mosaikrechte noch im kleinen Rahmen organisiert, vernetzt, austauscht und gegenseitig befruchtet – solche Projekte sind Orte der Gegenmacht. Der griechische Aktivist Dimitris Koutsoumbas nannte solche Orte „Laboratorien der Hoffnung“. Veränderung, so sagt man oftmals, beginnt bei einem selbst. Im rechten Sinne meinen „Laboratorien der Hoffnung“, daß die durch die extreme „Mitte“ behauptete Alternativlosigkeit zum linksliberalen Mainstream mit seinen radikalantifaschistischen Ausläufern schlichtweg aufgehoben werden kann durch Anfänge einer Gegenmacht. Allein die bloße Existenz eines mosaikrechten Halle-Projekts sorgt für nachhaltige Unruhe im Establishmentblock. Mit der Devise „Etiam si omnes, ego non“ schert man aus, verweigert die erwartete Akzeptanz der bunten Konsenswelt – und wird bereits dadurch zum Beginn einer Veränderung. Diese Aufgabe des konsequenten Ausscherens ist so wichtig wie unverzichtbar: Jeder an seinem Platz, jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder in seinem Metier: Selbsttätigkeit und Selbstorganisation sind die ersten Pfeiler einer auf fundamentalen Wandel abzielenden politischen respektive metapolitischen Arbeit. Mit Organisation ist hier keine Organisation im genuin funktionellen Sinne gemeint, sondern Vernetzungsarbeit, Koordination und Kooperation. Das ist mühselig, das ist anstrengend, das ist bisweilen nervtötend. Aber: Es ist unverzichtbar, zumal für eine – trotz Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien – noch marginalisierte Kraft wie die Mosaikrechte. Thomas E. Goes und Violetta Bock haben treffend zusammengefaßt, was die Aufgabe eines „Laboratoriums der Hoffnung“ umfaßt: „Organisieren heißt zuhören, stärken und befähigen; heißt Widersprüche und Rückschläge aushalten; heißt sich selbst bilden und ausbilden, lernen und sich selbst verändern; heißt Einrichtungen schaffen, die als Organisierungszentren bleiben“.7 Das Haus in Halle/Saale ist ein solches Organisierungszentrum. Es ist gewiß nur der Beginn, es ist ein erster Versuch, weitere werden folgen müssen. Um derartige Zentren herum muß entstehen, was die eben genannten Autoren eine „Politik der einigenden Fronten“ nennen, in denen trotz bestehender politischer Differenzen gemeinsam gegen den politischen Gegner mobilisiert wird. Goes und Bock schreiben weiter: „Indem wir Orte der Gegenseitigkeit aufbauen – etwa soziale Zentren oder Stadtteilläden –, können wir dazu beitragen, dass Gemeinsamkeiten auch im Alltag erfahrbar werden. Alle drei Momente – politische Organisation, einigende Fronten und Orte der Gegenseitigkeit – können so etwas wie ein ‚Hinterland der Solidarität‘ schaffen.“8 So weit, so richtig. Der entscheidende Haken dabei: Was diese beiden Linken hier beschreiben, haben sie in gewissem Sinne nicht für ihre Szene, sondern für das wachsende und lernende rechte Milieu geschrieben. Denn das „Hinterland der Solidarität“ – das ist ein rechtes Hinterland. Linke Hausprojekte entwickeln keine gegenständliche oppositionelle Energie. Sie sind häufig unappetitlich wirkende besetzte Buden oder, noch häufiger, staats- bzw. stadtfinanzierte „Alternative Jugendzentren“, in die Gelder aus Parteien und Kommunen gelenkt werden, um antifaschistische Propaganda und Schulungsarbeit zu leisten. Wie soll indes dort praktische Solidarität entstehen, wo längst materieller Überfluß herrscht und die Frage nach Geld mit ein, zwei Anträgen an ein Stadtparlament oder an eine Parteigliederung geklärt ist?
Politische Betätigung als Grundsatzentscheid
Während „links“ also monetäres Wohlergehen mit Sättigungserscheinungen vorherrscht, leisteten Rechte die fällige Arbeit auch zu einer Zeit, als es noch gänzlich ungewiß bzw. unwahrscheinlich war, daß politisches Engagement neben medialer Verächtlichmachung und antifaschistischer Diffamierung auch einen Broterwerb bieten könnte. Solche Dinge sind im saturierten linken Lager von heute kaum mehr vorstellbar. Man ist ein paar Jahre aktiv, wechselt dann zum Staat, in eine Partei oder in die Wirtschaft, ohne seine Haut abgelegt zu haben. Eine „rechte“ Entscheidung, auf nachhaltige Veränderungen hinzuwirken, ist demgegenüber häufig eine Lebensentscheidung. Wer sich rechts positioniert, gibt die Karriere im Apparat auf. Wer sich rechts engagiert, wird diffamiert. Wer sich rechts engagiert, wird unter einer ständigen Spannung leben müssen. Aber: Wer sich rechts engagiert, beweist Charakterfestigkeit. Wer sich rechts engagiert, erlebt das zitierte Hinterland der Solidarität, das mehr ist als nur Theoretisieren. Solidarität ermöglicht ganzheitliches Wirken. Wenn das große Ziel ein solidarisches und patriotisches, verantwortungsbewußtes wie zukunftsfähiges Gemeinwesen ist, als Gegenvision zum individualistischen und identitätsfeindlichen Zeitalter, wenn dieses Ziel authentisch vertreten werden soll, dann muß dieses Prinzip gelebt werden – ob in einem Hausprojekt oder anderswo.
Es gibt diesbezüglich eine Mannigfaltigkeit gesellschaftlicher Kämpfe, die von den unterschiedlichen Akteuren ohne Arroganz einander gegenüber anerkannt werden muß. Das Parlamentarische – und das vergessen zu Berufspolitikern gewordene Akteure meist binnen kürzester Zeit – ist dabei für eine auf Veränderung drängende Bewegung nur ein Bestandteil der politischen Arbeit. Ein weiterer ist das mediale Ringen, wiederum ein anderer das immense außerparlamentarische Feld, das von besonders Parlamentsgläubigen der freiheitlichen Rechten oft belächelt oder gar bekämpft wird. In Halle, um beim bundesdeutschen Beispiel zu bleiben, arbeiten Metapolitiker des Instituts für Staatspolitik, identitätsbewußte Studenten, Bürgerbewegte der Vernetzungsorganisation „Ein Prozent“ und AfD-nahe Protagonisten gemeinsam. Das ist ein Abbild der Mosaikrechten, wie sie im kleinen entsteht und im großen erst noch entstehen muß. Denn Meta- und Parteipolitik, Publizistik und Parlamentarismus, Demonstrationen und Parteiversammlungen, Hausprojekte und Parteigeschäftsstellen sind keine dichotomischen Gegensätze. Sie sind unterschiedliche Gestaltungsräume oppositioneller Kärrnerarbeit mit dafür unterschiedlich notwendigen Charaktereigenschaften, Stärken, Leidenschaften, Interessen etc.
Die Gräben zwischen „Realpolitikern“ und „Fundamentaloppositionellen“ werden faktisch immer wieder von Freund und Feind dramatisiert. Festzuhalten ist demgegenüber, daß realpolitisch-reformistische Schritte unverzichtbar sind, um langfristige Strategien der Transformation, der fundamentalen Veränderung überhaupt entwickeln zu können. Es gilt, wie Mario Candeias formulierte, „in Kenntnis der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse [zu] agieren, aber in der Perspektive ihrer Verschiebung“9, während man konstant an die realen Bedingungen und Widersprüche anknüpft. Es muß also „die Möglichkeit geben, im Hier und Jetzt so zu handeln, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Umsetzung der Alternative erhöht“10, wie Erik Olin Wright einforderte, nicht ohne hinzuzufügen, daß wir „die Grenzen des Möglichen fortlaufend ausloten und nochmals ausloten“ müssen „und dabei, so gut wir können, versuchen, neue Institutionen zu schaffen, die die Grenzen ihrerseits erweitern werden“.11 Der Soziologe hat sich wie kaum ein zweiter mit Freiraumprojekten beschäftigt, wie das Haus in Halle zweifellos eines ist. Er führt dabei auch Kritik an solchen Projekten an: Die Gefahr drohe, daß ein solches Projekt zu einem Rückzug vom politischen Kampf führt, daß man durch die Fokussierung auf das Freiraumkonstrukt gewissermaßen Kräfte von anderen politischen Herausforderungen abzieht.
Anders gesagt, weiter gedacht: Es drohen Selbstreferentialität und -isolation, weil man „seinen“ Freiraum gewonnen hat und tagtägliche Aufgaben damit verknüpft sind. Daher ist daran zu erinnern, daß ein Hausprojekt niemals Selbstzweck, sondern immer nur Teil des metapolitischen Ringens ist. Und somit ist neben den zuvor erwähnten Aufgaben der Organisation und Solidarität auch jener Aspekt wichtig, welcher der szenefernen Welt – also den „Normalbürgern“ – vermittelt: Es gibt noch etwas anderes, wir sind da, wir sind kreativ, und wir glauben: Ein anderes Deutschland, ein anderes Europa ist möglich und nötig.
In Deutschland steht man noch am Beginn der Entwicklung. Die Häufung sozialer Projekte von „rechts“ ist im europäischen Südwesten zu beobachten – und das ist kein Zufall. Neben Italien ist Spanien als Beispiel schlagend. Dort herrscht in Teilen eine wirtschaftliche und institutionelle Instabilität, wie sie in Deutschland (noch) unvorstellbar ist. Die reelle Jugendarbeitslosigkeit erreicht bis zu 50 Prozent, Wohnungsnot und Altersarmut grassieren bereits konkret erfahrbar, wie sie für die Bundesrepublik erst in der Zukunft befürchtet werden. Daher wächst auch der Protest. In Spanien formierte sich 2011 zunächst die Bewegung der „Indignados“ („Empörte“). Ihr folgte 2014 die linkspopulistische Partei Podemos („Wir können“), deren volksnaher Ton und Konfrontationskurs mit den Happy few der herrschenden Verhältnisse für einige Erfolge sorgte. Man schob die Rechts-links- Spaltung beiseite, um den Kampf des Volks gegen die politischen und ökonomischen Eliten fruchtbar zu machen.12 Mit einer ähnlichen Stoßrichtung, aber inspiriert durch CPI und verstärkt durch nationale Überzeugungen, ging im Krisenjahr 2014 das Projekt „Hogar Social“ (HS; „Soziale Heimstatt“) an den Start. Die Ziele waren klar: Wohnraum schaffen, ihn einheimischen Familien zur Verfügung stellen, auf die Problematik der steigenden Mietpreise hinweisen, rechte Gegenwelten aufbauen. Doch auch hier pflasterten Steine den Weg: Man besetzte ein Haus in Madrid und wurde durch die weisungsgebundene Polizei unsanft geräumt. Man besetzte ein neues Haus – und wurde prompt wieder durch Polizeieinheiten entfernt; so ging das Spiel hin und her, doch die Bewegung hat sich seither etabliert. Zeitweise hatte man ein neues „Hogar“ mitten in Madrids Innenstadt. Das ehedem leerstehende Haus war Veteranenheim der spanischen Armee. Damit hat man den Fokus bewußt auf eine Gruppe in der spanischen Gesellschaft gelenkt, die nach Ansicht der jungen Patrioten besonders schlecht wegkommt: Veteranen. Denn die liberalkonservative Regierung unter Mariano Rajoy (er regierte 2011–2018) kürzte im Zeichen neoliberaler Sparpolitik Bezüge und Leistungen der ausgeschiedenen Soldaten. Diese Schocktherapie führte zu einer Selbstmordwelle unter Ehemaligen, die keine Lobby fanden. „Hogar Social“ griff das Thema publikumswirksam auf, wollte jedoch keine Ein-Thema- Gruppierung sein. Sie gründete in der Folge einen eigenen „Rechtsrat“ für verschiedenste Immobilienprobleme. Denn in Spanien ist und bleibt die soziale Frage eine Wohnraumfrage. Jeder Spanier, der aufgrund des sozialen Kahlschlags mit seiner Hypothek geplagt wird, kann kostenfrei den Beistand von „Hogar Social“ nahestehenden Rechtsanwälten in Anspruch nehmen. Juristischer Beistand für Arbeitslose, Rentner oder prekär Beschäftigte ist nicht die einzige Maßnahme. Man sammelt in seinen Standorten – hervorzuheben sind neben Madrid insbesondere Zaragoza und Granada – Lebensmittelspenden für Bedürftige. Man betreibt einen „Stromfonds“ für jene, die aufgrund exorbitant gestiegener Preise ihre Rechnungen nicht mehr begleichen können. Außerdem helfen die jungen Aktivisten älteren Landsleuten bei Verständigungs- oder Antragsproblemen mit Ämtern. Da die Bewegung sozial aktiv ist und gegen die „Eliten“ ebenso agitiert wie gegen Banken und Immobilienbesitzer, hat sie viele Gegner. Doch damit nicht genug: Aufgrund der ideenpolitischen Selbstverortung mit Bezugnahmen auf „nationalsyndikalistische“ bzw. „nationalrevolutionäre“ Vordenker wie Ramiro Ledesma (1905–1936) und José Antonio Primo de Rivera (1903–1936) hat man sich im linksextremen Spektrum Feinde gemacht. Das führt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten von „Hogar Social“ und der Antifa – und zu einer medialen Stigmatisierung als „Rechtsextremisten“. Es überrascht nicht, daß aufgrund der immensen Anzahl an Gegnern eines der Leitmotive von „Hogar Social“ lautet: Combate al enemigo imbatible – Bekämpfe den unbesiegbaren Feind. Immerhin: Durch die Initiierung von Massenprotesten gegen die katalanische Unabhängigkeitsbewegung 2017 und 2018 konnte „Hogar Social“ die Ausgrenzung verringern und Brücken zu anderen Spektren der spanischen Politik bauen. Obwohl man spanienweit nur einige Hundert Mitglieder hat, brachte man tausende Menschen auf die Straße, und auch im Frühjahr 2019 prägte man große Demonstrationen für die Einheit des Landes im Herzen Madrids. Unvermeidlich: Auch hier eckte man an. Denn der Protest von „Hogar Social“ richtete sich nicht nur gegen den notorischen Separatismus wohlstandslinker Katalanen, sondern ebenso gegen das Brüssel-genehme Madrider Establishment, das die Lageverschärfung in Barcelona durch fatale Weichenstellungen ermöglichte.
Das Beispiel „Hogar Social“ zeigt, daß Hausprojekte von rechts in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Schwerpunktlegungen mit sich bringen, die sich aus den regionalen wie nationalen Besonderheiten ergeben. Geht es in Deutschland – derzeit – um Vernetzung und Verzahnung, um den Aufbau einer Mosaikstruktur, ist in Spanien die soziale Not greifbarer, weshalb entsprechende Themen im Fokus stehen. In Frankreich findet man einen Mittelweg.
Wie in Spanien gab es auch in Frankreich verschiedene außerparlamentarische Initiativen von links gegen die Krisenpolitik der Europäischen Union und ihrer Vertreter. Dabei ist nicht erst seit den Wahlerfolgen des ehemaligen Front National Frankreich auch für die Rechte ein gutes Pflaster. Viele Gruppen tummeln sich, doch nur wenige sorgen derart für Aufsehen wie die erst 2017 gegründete Jugendbewegung „Bastion Social“ (BS; „Soziale Festung“). Wie bei CPI in Rom oder HS in Madrid begann die Aktivität mit einer Hausbesetzung als Protest gegen staatliche Konzeptlosigkeit – und zwar in Lyon. Das Haus gehörte der Stadt, es stand leer, man wollte es für mittellose Franzosen renovieren. Doch das Zentrum in der drittgrößten Stadt Frankreichs wurde von der Polizei umgehend geräumt (während linke Projekte in der Regel unangetastet bleiben). Umgehend versuchte man sich an neuen Besetzungen und schuf vor allem in der patriotischen Hochburg Lyon – auch Identitäre, Royalisten und heimatbewußte Fußballfans sind dort zahlenmäßig stark vertreten – und im elsässischen Straßburg Strukturen. Dazu zählten Bars, Bibliotheken und Räumlichkeiten, in denen man Lebensmittel und Kleidung für Bedürftige sammelte: Die mediale Resonanz war enorm. Das liegt daran, daß die jungen Männer und Frauen der „Bastion Social“ wie ihre Vorbilder in Spanien und Italien gegen alle Regeln der Politik verstießen. Sie positionierten sich national- und sozialrevolutionär, gegen bourgeois-konservative „Reaktion“ und sozialdemokratische Linke, für soziale Gerechtigkeit und nationale Solidarität, für Heimatbewußtsein, gegen Überfremdung und den Bevölkerungsaustausch. Der zeitweilige BS-Sprecher Steven Bissuel faßte den Standpunkt seiner Bewegung im Gespräch mit dem Blog des Jungeuropa Verlags wie folgt zusammen: „Unsere Nation wird kolonialisiert: Von oben durch die Oligarchie und von unten durch die Masseneinwanderung. Es ist dringend an der Zeit für eine Dekolonialisierung.“13
Angesichts dieser Frontstellung gegen die volksferne Elite einerseits und Massenmigration andererseits engagierten sich hunderte Aktivisten der „Bastion“ im Zuge der „Gelbwesten“-Proteste vor allem in Paris. Man professionalisierte an mancher Stelle den anfänglich diffusen Widerstandsgestus der „Gilets Jaunes“, setzte inhaltliche Markierungen und stritt mit Antifaschisten um Einflußmöglichkeiten auf Zehntausende demonstrierender Franzosen. Das war für die Hausbewegung Vor- und Nachteil zugleich: ein Vorteil, weil man landesweit bekannt wurde und zahlreiche Interessenten in die „Bastion“-Objekte in Straßburg oder Aix-en-Provence lockte; ein Nachteil, weil diese gestiegene Aufmerksamkeit samt neugewonnener Sympathisantenkreise auch den Repressionsapparat der Herrschenden aktivierte. Mitte Februar 2019 kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron die Auflösung der „Bastion Social“ (und einiger bedeutungsloser rassistischer Lunatic-fringe- Gruppen) an. Am 28. März wurde dann auf Initiative des französischen Innenministeriums die Gruppe offiziell aufgelöst. Die Aktivisten reagierten betont locker auf diese in Frankreich nicht unübliche Dissolution: „Eine Bewegung ist nichts anderes als ein Werkzeug. Das Werkzeug kann sich abnutzen, aber der Geist, der es antreibt, bleibt intakt und findet immer wieder neue Ausdrucksmittel.“14
Der junge Publizist Arndt Novak bilanzierte die „Bastion-Social“-Ergebnisse ebenso ausführlich wie kenntnisreich: „Trotz der hohen Fragmentierung der französischen Rechten gelang es der Bastion mit ihren Kampagnen zahlreiche Splittergruppen und Vereinigungen für ihre Sache zu gewinnen. […] Doch die Aktivisten wollten mehr. Sie wollten die linksextreme Raumnahme verhindern und ein rechtes Gegengewicht schaffen. […] Die Auflösung war dann nicht zuletzt eine Reaktion auf die Besetzung zweier Häuser in Enzheim, einem Vorort von Straßburg. Die Aktivisten kündigten an, diese renovieren und anschließend Obdachlosen zur Verfügung stellen zu wollen, um die Gebäude vor dem Abriss zu bewahren. Trotz des Widerstandes der Besetzer räumte die Polizei die Gebäude nach zwei Wochen.“15
Der Beschluß Macrons war also die Konsequenz sukzessive erhöhter Repression und zielte vor allem darauf ab, substantielle Kritik an den sozialen Verhältnissen und ihren Profiteuren jenseits des Parlaments unmöglich zu machen. Denn eine parteiferne Gruppierung ohne Anbindung an eine große Partei – zum Rassemblement National bestanden lediglich vereinzelte Kontakte – kann schwerer kontrolliert bzw. „domestiziert“, also eingebunden werden. Unterdessen haben Vertreter der ehemaligen „Bastion Social“ verkündet, keine kostspieligen juristischen Schritte einzuleiten. Man werde neue Wege finden, die Idee alternativer Freiräume in Gestalt von Hausprojekten am Leben zu halten; gerade in Lyon und Straßburg sei man so gut verwurzelt, daß es an Aktiven – gleich unter welchen Insignien – nicht mangeln werde.
„Bastion Social“ und „Hogar Social“ ist gemein, daß sie ihren Antrieb primär aus den Verwerfungen der liberalkapitalistischen Ordnung beziehen. Es sind dies Erscheinungen, die in Deutschland oder Österreich noch durch traditionell tragfähigere und flexiblere Sozialstaatsstrukturen abgefedert werden können. „Bastion“ und „Hogar“ sind dort aktiv, wo sich der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, zurückzieht, höchst defizitär arbeitet oder gar nicht erst zum Zuge kam; sie sind damit unter keinen Umständen aus der spezifischen französischen bzw. spanischen Sondersituation zu lösen. Es ist dies eben jeweils eine dezidiert spanische oder französische Erfahrung, die erst nach und nach auch in Deutschland und Österreich spürbar werden wird. Nämlich dann, wenn der Staat an den Grundzügen einer angemessenen Verteilungsgerechtigkeit – nicht zuletzt infolge offener Grenzen und einer Ausweitung der Wohlfahrtsstaat-Begünstigten über Staatsangehörige hinaus – scheitert. Der Vorteil für die deutschsprachige Rechte ist also ausnahmsweise in Zeit zu bemessen. Noch bleiben Monate und wohl auch Jahre, um tragfähige Mosaikstrukturen aufzubauen und zu stabilisieren. Treten dann zu Migrations- und Eurokrisen wirtschaftliche Versorgungsprobleme oder massiv erlebte soziale Ungerechtigkeiten hinzu, steht man nicht wie in anderen Ländern erst am Anfang, sondern bereits parat: parlamentarisch wie außerparlamentarisch. Sebastian Haffner beschrieb eine umwälzende Wende einst als „Dauerprozeß aus den Tiefen der Gesellschaft heraus“, der „immer in irgendeiner unbeachteten Ecke der Gesellschaft [wird] beginnen müssen“16. Wieso sollte er nicht in Hausprojekten seinen Anfang nehmen?
1 Vgl. bereits vor sechs Jahren Johannes Schüller: „Die schwarzen Römer“; in: Neue Ordnung III/2013, S. 16–20.
2 Johannes Agnoli: Die Transformation der Demokratie und verwandte Schriften, 2. Aufl., Hamburg 2012, S. 74.
3 Ebd., S. 73.
4 Sebastian Haffner: Rezension der „Transformation der Demokratie“; in: Agnoli: Transformation, S. 213–218, hier 215.
5 Agnoli: Transformation, S. 168.
6 Alain de Benoist: Am Rande des Abgrunds. Eine Kritik der Herrschaft des Geldes, Berlin 2012, S. 173.
7 Thomas E. Goes u. Violetta Bock: Ein unanständiges Angebot. Mit linkem Populismus gegen Eliten und Rechte, Köln 2017, S. 98.
8 Ebd., S. 108.
9 Mario Candeias: „Mal was theoretisches: Revolutionäre Realpolitik“, freitag.de vom 4. April 2012.
10 Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017, S. 11.
11 Ebd., S. 496.
12 Vgl. zu Podemos einführend Institut für Staatspolitik: Die Stunde des Populismus, Schnellroda 2017 passim, insbes. aber S. 27 ff.
13 Robin Classen: „Bastion Social startet in Lyon – Interview mit Steven Bissuel“, jungeuropa.de vom 25. Juli 2017.
14 Arndt Novak: „‚Nur ein Werkzeug‘ – Macron löst Bastion Social auf“, jungeuropa. de vom 29. März 2019.
15 Ebd.
16 Haffner: Rezension, S. 217.