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Kaiser Wilhelm II.

Von Dr. Albrecht Jebens

Eine Kurzbiographie aus Anlaß seines Rücktritts als Kaiser im Jahre 1918

Der hundertste Jahrestag des Rücktritts von Wilhelm II. als Kaiser des Deutschen Reiches am 9. November 2018 hat das Inter­esse vieler Deutschen an ihm wieder zum Leben erweckt. Wer war er? War er schuldig am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und schuld am Untergang des Kaiserreichs?

Wilhelm v. Hohenzollern wurde am 27. Januar 1859 als erstes Kind des preußischen Kronprinzen Friedrich Wil­helm (später Kaiser Friedrich III.) und dessen Gemahlin Victoria, der ältesten Tochter der englischen Queen Victoria, im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin geboren. Bei der Geburt wurde der linke Arm des Kindes verletzt und blieb zeitlebens gelähmt. Die Eltern lie­ßen den Knaben zu christlicher Gesin­nung in calvinistischem Geiste erziehen. Der Prinz besuchte ein bürgerliches Gymnasium in Kassel, legte dort 1877 das Abitur ab und trat danach in Pots­dam in den aktiven Militärdienst. Paral­lel dazu nahm er in Bonn ein viersemest­riges Studium der Rechts- und Staats-wissenschaften auf und wurde aktiv im Corps Borussia. Außerdem hörte er Vor­lesungen über Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften und Kunstge­schichte. 1880 wurde er zum Hauptmann befördert und blieb bis 1888 Komman­deur verschiedener Regimenter. Die Dienstzeit wurde hin und wieder für zi­vile Studien im In- und Ausland und zur Weiterbildung unterbrochen. Wilhelm heiratete 1881 die Prinzessin Auguste Viktoria aus dem Hause Schleswig-Hol­stein-Sonderburg-Augustenburg. Der Ehe entsprossen sechs Jungen und ein Mädchen.

 

In dem 1871 gegründeten zweiten Deutschen Kaiserreich sollte der katholische Süden nicht das Gefühl haben, vom protestantischen Norden machtpolitisch überrannt worden zu sein. So wurde der in Preußen lange Zeit negativ bewertete Barbarossa-Mythos umgedeutet und Wilhelm I. als Kaiser „Barbablanca“ dargestellt, der das Versprechen auf Reichseinheit eingelöst hatte, das mit dem Mythos vom im Kyffhäuser schlafenden Barbarossa verbunden war. Vor der restaurierten Kaiserpfalz in Goslar wurden daher Reiterstandbilder Wilhelms I. und Friedrich Barbarossas aufgestellt.
Der spätere Kaiser Wilhelm II. als Corpsstudent
in Bonn.
Kaiser Wilhelm II., 27. Jänner 1859 bis 4. Juni 1941.

König von Preußen und Deutscher Kaiser

Wilhelm II. übernahm am 15. Juni 1888, nach dem Tode seines Vaters Friedrich III. und als Enkel des Reichsgründers Wilhelm I. im Alter von 29 Jahren die Re­gentschaft als König von Preußen und als Deutscher Kaiser. Er wollte dem Kai­sertum Glanz verleihen, doch war die Kaiserkrone nie über einen Entwurf hin­ausgekommen. Auch der „Deutsche Kai­ser“ galt nicht sonderlich mehr als der „gekrönte“ Präsident des Bundes deut­scher Fürsten. Nun mußte sich der 73jährige Reichs­kanzler Otto v. Bismarck mit dem nicht einmal halb so alten Kaiser Wilhelm II. als seinem Vorgesetzten arrangieren. Ob­wohl der junge Kaiser Bismarcks Lei­stungen grenzenlos bewunderte, kam es zu immer größeren Differenzen, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit erschwer­ten. Knapp zwei Jahre nach seinem Re­gierungsantritt entließ Wilhelm II. den seit 28 Jahren amtierenden Kanzler am 18. März 1890. Der zog sich grollend nach Friedrichsruh – dort seine „Gedan­ken und Erinnerungen“ schreibend – zu­rück.

Bismarck hatte das in Klein- und Mit­telstaaten zersplitterte Deutschland am 18. Januar 1871 in Versailles endlich mit einem Staatsvertrag der an der Kaiser­proklamation beteiligten deutschen Für­sten als das zweite Deutsche Kaiserreich aus der Taufe gehoben. In Fortführung der von ihm entworfenen Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 hatte er die vom Reichstag zu genehmigende Reichsverfassung fortgeschrieben und der neuen Lage angepaßt: Das Reich prä­sentierte sich darin als ein Bundesstaat mit einer konstitutionellen Monarchie.
Die Bundesstaatlichkeit des Reiches drückte sich in der starken Stellung des Bundesrates aus, den die Fürsten der Länder gemäß ihrer Stimmenzahl be­schickten. Vorsitz und Geschäftsführung standen dem Reichskanzler zu. Der Kö­nig von Preußen war im Bundesrat ledig­lich ein mitwirkendes Mitglied und hatte sich den Abstimmungsergebnissen des Gremiums zu fügen. Nur als primus inter pares stand also der Kaiser, genannt Deutscher Kaiser (nicht Kaiser von Deutschland!) in präsidialer Stellung dem Bunde (Deutsches Reich) vor. Als solcher ernannte bzw. entließ er den die Regierungsgeschäfte eigenverantwort­lich führenden Kanzler, vertrat das Reich völkerrechtlich und war der oberste Kriegsherr.

Wie angedeutet, verfügte also der Kai­ser nur als König in Preußen (nicht an­ders als z.B. der sächsische König) über monarchische Vorrechte – etwa sein Veto einzulegen bei Gesetzen, die er in Preußen für abträglich hielt. Als Deutscher Kaiser hingegen leistete er lediglich die Unterschriften für das, was ihm der Reichskanzler in Übereinstimmung mit dem Bundesrat und dem Reichstag vor­legte. Die Stellung des Kaisers war somit alles andere als absolut. Er unterstand ganz erheblich den Weisungen bzw. der Billigung seiner Vorhaben durch den Kanzler. Er nahm lediglich die Stellung des Präsidenten eines Fürstenbundes – des Deutschen Reiches – ein. Dem soge­nannten persönlichen Regiment waren staatsrechtlich also recht enge Grenzen gesetzt. Dennoch setzten jene, die sich sonst nicht gerade als Parteigänger Bis­marcks auszeichneten, das Gerücht in die Welt, Wilhelm II. beabsichtige, ohne starken Kanzler ein „persönliches Regi­ment“ führen zu wollen.
„Hätte Kaiser Wilhelm II. Bismarck im Amt belassen, dann wäre Deutschland außenpolitisch nicht isoliert worden, es wäre womöglich nicht zu einem Ersten Weltkrieg gekommen.“ Dieses Lesen aus dem Kaffeesatz der Ressentiments soll­ten wir getrost unterlassen. Wir sind uns hingegen vielmehr deutlich bewußt, daß sich bei den das Reich umgebenden Mächten immer mehr das Moment einer Verschwörung eingenistet hatte, einer Verschwörung, die mit dem Diktat von Versailles schließlich auf ihre erste vor­läufige Rechnung kam.

Fortschritt, Wissenschaft und Kultur

Wilhelm II. vertrat eine äußerst moderne Auffassung von seinem Amt: Einerseits hegte er die Idee eines „sozialen Volks­kaisertums“, und unter anderem darüber entzweite er sich mit Bismarck, der den Kaiser in der Lösung der sozialen Frage für zu „sentimental“ hielt. Andererseits trug er dem technischen Fortschritt und der einschlägigen Forschung Rechnung und setzte sich für die Förderung so bahnbrechender Entwicklungen wie Elektrizität, Funktechnik, Flugzeuge, Au­tomobile, Eisenbahn, Schiffahrt, Brüc­ken-, Schleusen-, und Kanalbau und so fort ein.

Die deutsche Wissenschaft wurde in der wilhelminischen Ära weltweit füh­rend. Seine Majestät gründete 1908 die nach ihm benannte Kaiser-Wilhelm-Ge­sellschaft zur Förderung der Wissen­schaften, zumal der Grundlagenfor­schung. In Physik und Chemie erzielten deutsche Forscher bahnbrechende Erfol­ge. Unzählige Erfindungen und zahllose nach zwei Kriegen von der Entente bzw. den Alliierten beschlagnahmte Patente gingen auf deutsches Konto. Innerhalb von 17 Jahren erhielten Deutsche nicht weniger als 21 Nobelpreise. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde nach ihrer Überführung in die neugegründete Max-Planck-Gesellschaft erst im Jahre 1960 of­fiziell aufgelöst. Wilhelm II. förderte durch seine An­teilnahme maßgeblich den nicht jeder­mann zusagenden wilhelminischen Stil in der Kunst und der Architektur (Muse­umsinsel, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis­kirche usf.), wie man überhaupt jene Zeit nicht von ungefähr mit dem Begriff des „Wilhelminismus“ umschreibt. Vor al­lem aber entwickelte sich das Deutsche Reich im Laufe der Regentschaft Wil­helms II. zu einer wirtschaftlichen Groß­macht. Das Schienennetz wurde von 21.200 km (1873) auf 62.000 km im Jahre 1911 erweitert. Das industrielle Wachs­tum war gewaltig, der Wirtschaftsauf­schwung stabil und von Dauer, die Staatsfinanzen nicht zerrüttet. Das „Ma­de in Germany“ wurde nicht zuletzt durch britisches Ressentiment seit 1887 immer mehr zu einem deutschen Güte­siegel in der Welt. Das Außenhandelsvo­lumen stieg von 1891 bis 1911 von 7,3 auf 17,8 Mrd. Mark. Auf maßgeblichen Ge­bieten übertraf die deutsche Industrie bald die englischen Produktionszahlen. Das durch Hygiene und medizini­schen Fortschritt verursachte Bevölke­rungswachstum trug als das vierthöchste in der Welt ganz erheblich zu diesem Aufschwung bei (1871: 40 Mio.; 1914: 68 Mio.). Durch den Wandel vom Agrar- zum Industriestaat zogen die Massen in die Städte. Es drohte sich ein unruhe­trächtiges Industrieproletariat mit Nei­gung zur Internationale zu entwickeln. Die soziale Frage bestand nun darin, die Arbeiterschaft an der Prosperität des Rei­ches teilhaben zu lassen.

Im Jahr 1898 begann das Reich mit dem Ausbau seiner Flotte, die aber ange­sichts der gewaltigen Überlegenheit der britischen in erster Linie dem Schutz des deutschen Welthandels dienen sollte. Hatte doch die Aufbringung zweier deut­scher Dampfer durch englische Kriegs­schiffe an der ostafrikanischen Küste in Deutschland Empörung ausgelöst, und nachdem der Reichstag fast ein Dutzend Jahre lang die Flottenvorlage der Regie­rung blockiert hatte, gab nun die Mehr­heit den Weg frei. Schöpfer der Marine wurde im Auftrag des Kaisers der Leiter des Reichsmarineamts Alfred v. Tirpitz. Großbritannien fühlte sich durch die deutschen Flottenpläne nun ebenso pro­voziert, wie sich heutzutage die atoma­ren Supermächte bereits durch atomare Habenichtse in ihrer Existenz für bedroht halten. Die Entente, die London schon in petto hielt, ging auf Konfliktkurs.

Wilhelm II. geriet aber auch in innen­politische Kontroversen mit den ver­schiedenen Parteiungen und Konfessio­nen im Reich: Den Konservativen war er zu liberal, den Liberalen war er zu kon­servativ, dem aufstrebenden Bürgertum und den Industriellen zu gemäßigt, und so nimmt es bei der äußerst freizügig ge­haltenen Freiheit der Presse nicht Wun­der, daß die allseitigen Meckereien das Bild des Kaisers in ein Zwielicht rückten, das bis zum heutigen Tage prägend ge­blieben ist. Einen Höhepunkt öffentlicher Diffa­mierung bildete 1908 das Interview des Kaisers im „Daily Telegraph“, welches gar kein Interview war, sondern als Kompilat eines Gespräches, das Wilhelm II. während eines seiner häufigen Aufent­halte in England mit einem englischen Freund geführt hatte, von einem Journa­listen zusammengestellt worden war. Das Papier wurde auf Veranlassung des Kaisers an den Reichskanzler von Bülow geschickt, der das fadenscheinige „Inter­view“ gemäß seines Weisungsrechts zur Veröffentlichung freigab. Der Inhalt schadete des Kaisers Ansehen in der Öf­fentlichkeit ganz erheblich, weil er sich in dem Gespräch mehrfach der englischen Politik gegenüber zu entgegenkommend geäußert habe. Das legte man ihm hier­zulande als der eigenen Politik in den Rücken fallend aus, in England aber deu­tete man es als unziemliche Begönne­rung. Obwohl es der Kanzler selbst ge­wesen war, der die Veröffentlichung ge­nehmigt hatte, scheute er sich dann nicht, den Kaiser vor versammeltem Parlament nachdrücklich zu rügen und ihm abzu­verlangen, sich in Zukunft „öffentlich“ zurückzuhalten. Mit dem Vorwurf von des Kaisers „persönlichem Regiment“ kann es also nicht sonderlich weither ge­wesen sein.

Auf Staatsbesuch in Konstantinopel im Jahre 1917.

Mittlerweile aber wurde das Reich in diverse außenpolitische Krisen verwic­kelt, die ihm regelmäßig nicht zum Vor­teil gereichten, sondern die es aufgrund der unterschwellig von den ohnehin drei Großmächten England, Frankreich und Rußland gegen den aufstrebenden Riva­len gehegten Feindseligkeit zusätzlich isolierten (z. B. 1896: die nicht von Wil­helm II. veranlaßte „Krüger-Depesche“ der Unterstützung an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik – London fühlt sich provoziert; 1905: Erste Marok­kokrise (Tanger) um die Vormachtsan­sprüche Frankreichs im Maghreb, eben­falls gegen den Willen des Kaisers – Frankreich fühlt sich brüskiert; 1911: der „Panthersprung nach Agadir“ als Ant­wort auf die Besetzung marokkanischer Städte durch Frankreich). Das Deutsche Reich wurde zumal von England rund­wegs beneidet und, weil sich die Balance of Power zu verschieben drohte, als unbe­rechenbar und friedensbedrohend (heute würde man sagen: als latenter „Schur­ke“) denunziert. Paris wetzte die Messer, um „Rache für Sadova“ (= Königgrätz 1866) und für 1871 zu nehmen, und in Petersburg wollte die Kamarilla nicht vergessen, daß es 1878 Bismarck gewe­sen war, der als „Ehrlicher Makler“ der europäischen Interessen auf dem Berli­ner Kongreß die Russen am weiteren Vormarsch hin zum Bosporus gehindert hatte. Obwohl der Kaiser Deutschlands friedliebende Gesinnung wiederholte, wenn nicht allzuoft bekundete, verprellte er durch Überschwang und manche un­nötige rhetorische Übertreibung nicht wenige Beobachter. Es bleibt nämlich auf ewig ein Unterschied, ob sich ein deut­scher Amtsinhaber zu einer Ermahnung des Auslands erdreistet oder einer von jenseits des Ärmelkanals.

Das „deutsche Wesen“, der „Sonder­weg“ und die „verspätete Nation“ (wie Spätere sagen sollten), der Kaiser, das Reich und die deutschen Erfolge lieferten jedenfalls den Entente-Mächten hinrei­chende Gründe, massiv aufzurüsten und ein das Reich einkreisendes Bündnissy­stem auszuhecken. Die generell friedlie­bende Haltung des Deutschen Reiches fand bei den von einem Krieg gegen Deutschland Enthusiasmierten jenseits der Grenzen kein Echo. Deutschland fühlte sich notwendigerweise einge­kreist, war eingekreist, und es blieb allein Österreich als einzig bedeutender Ver­bündeter. 1913 feierte Wilhelm II. noch einmal in großem Stil sein 25jähriges Thronjubilä­um. Er regierte die Jahre in Frieden und wurde, obschon im Schatten drohenden Gewölks, glanzvoll gefeiert. Sein Bildnis hing in jeder guten Wohnstube. Gewiß nicht von ungefähr hatte im Jahre zuvor der Neffe Alfred Nobels den Kaiser für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Letztmals vereinte die Hochzeit seiner einzigen Tochter Viktoria Luise alle ge­krönten Häupter Europas in Berlin. Es schien, als sei Krieg noch nicht in Sicht. Doch bald gingen in Europa die Lichter aus, und niemand hat sie seitdem je wie­der gleichermaßen hell leuchten sehen.

Kaiser Wilhelm II. mit Kaiser Franz Joseph –
Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg.

Julikrise und Erster Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdi­nand und seine Gemahlin von serbischen Verschwörern erschossen. Das war keine Kleinigkeit. Erst einen Monat später, am 24. Juli, spitzte sich die Situation durch das österreichische Ultimatum an Bel­grad zu. Das Ultimatum forderte von Serbien die Unterbindung aller gegen die k. u. k. Monarchie gerichteten terroristi­schen Akte und die Bestrafung der Terro­risten unter österreichischer Aufsicht. Kurz zuvor hatte die deutsche Regierung in der sehr irrigen Annahme, der Kon­flikt werde auf den Balkan beschränkt bleiben, Österreich am 6. Juli eine defen­sive (!) Blankovollmacht erteilt, wonach, falls Rußland Österreich attackiere, Deutschland ihm beistehen würde.

In dem mit Serbien verbündeten Pe­tersburg erachtete man das österreichi­sche Ultimatum nun für einen willkom­menen Anlaß, die Mobilmachung der russischen Armee auszulösen. Daraufhin sah sich die Reichsregierung in Berlin zu ihrer Beistandspflicht gegenüber Öster­reich gefordert, und Wilhelm II. ordnete tags darauf (1. August) unter Tränen die deutsche Mobilmachung an. Zuvor hatte er in mehreren Telegrammen an den Za­ren noch versucht, die russische Mobil­machung rückgängig zu machen. Doch im Hintergrund waren längst die Wei­chen für den großen Krieg gegen Deutschland gestellt: Sasonow (russ. Au­ßenminister) und Iswolski (dessen Bot­schafter in Paris), Delcassé (fr. Außenmi­nister) und Grey (brit. Premier) setzten die Automatik ihrer seit langem gehegten Absichten und Bündnisverpflichtun­gen in Gang, die die Katastrophe des Er­sten Weltkrieg auslösten. Mit Beginn des Krieges überließ der Kaiser im Bewußtsein, daß er sich nicht zum Feldherrn eignete, dem Generalstab unter Ludendorff und Hindenburg fak­tisch die Führung. Im Westen erschöpfte sich der Krieg bald in einem jahrelangen Stellungskampf („In Stahlgewittern“), im Osten errangen die Mittelmächte zwar den Sieg, doch nach dem offiziellen Ein­tritt der um ihre Kredite bangenden kon­tinentfremden USA in den europäischen Krieg wurde die militärische Lage im Westen bald ebenso ausweglos wie die Lage in der notleidenden Heimat ver­zweifelt.

Hindenburg und Ludendorff strebten am 29. September 1918 (nach mehreren höhnisch abgewiesenen Friedensversu­chen der Regierung in den Jahren zuvor) Friedensverhandlungen an. US-Präsi­dent Wilson forderte aber unter der Prä­misse, „Die Welt für die Demokratie si­cher“ machen zu wollen, zuvor den Rücktritt Kaiser Wilhelms II. und forder­te mit seinen „14 Punkten“ zu einem Frieden des vermeintlichen Ausgleichs auf. Jedenfalls bezichtigten die Feind­mächte einhellig „the Kaiser“ als den Hauptschuldigen des Krieges, als den „Kriegsverbrecher“, und manche forder­ten, ihn zu hängen. In der Absicht, die Monarchie wenigstens für Preußen noch zu retten, stimmte Wilhelm II. am 30. September 1918 der Umwandlung Deutschlands von einer konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie zu. Doch Wilson verlangte von jenseits des Atlantiks nicht nur den Rücktritt des Kai­sers, sondern kategorisch die Abschaf­fung jeglicher Monarchie in Deutsch­land.

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Kaiser Wilhelm II. mit Generalfeldmarschall Hindenburg (links)und dem ersten Generalquartiermeister Ludendorff (rechts) im
Großen Hauptquartier, der mobilen strategischen Kommandozentrale der deutschen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg.

Der Sündenbock

Jedenfalls war Wilhelm II. am Ende des Weltkrieges der meistgehaßte Mann in Europa. Vor allem in Großbritannien galt „the Kaiser“ als die Inkarnation aller Schändlichkeiten, obwohl man ihn auf der Insel von seinen zahlreichen Besu­chen aus Friedenszeiten her eigentlich besser hätte kennen sollen.

Doch auch seinen Untertanen diente Wilhelm II. bald als der Sündenbock für Not und Tod und Elend. Maßgeblichen Anteil an dem Zerrbild des Kaisers hat­ten die ihn systematisch dämonisierende alliierte Kriegspropaganda und der Ge­danke an die Utopie eines durch die „14 Punkte“ vorgegaukelten und durch Waffenstillstand bzw. -niederlegung zu erreichenden „Vergleichsfriedens“. Die Summe dieser Schreckensbilder und Ein­bildungen gibt häufig noch heute die Grundlage für Wilhelms öffentliche Be­wertung in Deutschland ab. Irgendwie, so meint man gar, war wohl auch der Kaiser schon einer der historischen Weg­bereiter Adolf Hitlers, und man müsse doch ihm und seiner ganzen Entourage eigentlich vorwerfen, es habe sie nicht nachhaltig genug danach verlangt, so schnell wie möglich in der Bundesrepu­blik anzukommen. Wie schon gleich nach Kriegsausbruch am 1. August 1914 die feindliche Propa­ganda log, habe sich der Kaiser Ende Juli in einem in Potsdam veranstalteten ge­heimen Rat der Mittelmächte dazu ver­schworen, Europa seinen Krieg aufzu­zwingen. Es dauerte nun nicht lange, und in der „Daily Mail“ tauchte schon ab September 1914 der Kaiser als der „wahnsinnige Wilhelm“ auf, der ab­wechselnd als „Barbarenhäuptling“, als „Geißel“, als „Ungeheuer“ bezeichnet wurde oder als „verbrecherischer“ Mon­arch, der „aus einem fügsamen Volke ein Horde von Wilden“ gemacht habe. „Ei­nen Strick für den Kaiser! […] Ein Strick ist die Strafe für diesen Verbrecher.“ Und die für honorig gehaltene „Times“ be­richtete am 27. August 1914 seitens ihres Pariser Korrespondenten: „Ein Mann, den ich nicht gesehen habe, erzählte ei­nem Offizial der katholischen Gesell­schaft, daß er mit eigenen Augen gesehen habe, wie deutsche Soldaten einem Baby die Arme abhackten, das sich am Rock seiner Mutter festhielt.“ – „Sie hacken den kleinen Jungen die Hände ab, damit Frankreich keine Soldaten mehr haben soll“, und der Kaiser selbst wurde als Metzger vor einem Hackklotz gezeich­net, ringsrum die abgehackten Hände je­ner Kinder, die nebenan ihre Armstümp­fe gen Himmel recken.

Dieses böse Zerrbild des Kaisers und seiner Armee hat bis auf deren Substanz – „die Hunnen“ – den Krieg nicht lange überlebt. Die Lügen hatten ihre Schuldigkeit getan. Der 150. Geburtstag des Mon­archen trägt offensichtlich in der Beschäftigung mit ihm nun manches Weitere zur Erhellung bei. So zeich­net der Engländer Christo­pher Clark mit spürbarer Sympathie des Kaisers Bild, und der Deutsche Eberhard Straub schildert ihn als einen vielfach inter­essierten Monarchen, der sich für Kunst und Kultur ebenso begeisterte wie für die moderne Technik. Auch habe Wil­helm bei seiner Inthronisation seinem Volk versprochen, den Frieden zu wah­ren, und er sei wirklich ehrlich bemüht gewesen, Wort zu halten. Die gesteuerte Mechanik des Kriegsausbruches erwies aber, daß der Kaiser, insoweit es seine Zuständigkeit betraf, nicht anders han­deln konnte, als er handeln mußte. Trotz des schrecklichen und absurden Finales bleibt die Zeit des Wilhelminis­mus eine der großartigsten Epochen der neueren deutschen Geschichte, und tat­sächlich wird sie hier und da auch wie­der in das allgemeine, in ein positives Selbstbewußtsein der Deutschen gerückt, wie sich das in der Rekonstruktion des Schlosses in Berlin ebenso zeigt wie in der großartigen Restauration der Muse­umsinsel.

Der alte Kaiser im Exil im niederländischen
Doorn.

Erzwungene Abdankung

Nach der Meuterei der eine letzte Feind­fahrt verweigernden Matrosen in Wil­helmshaven und Kiel drohte Deutsch­land im Herbst 1918 eine rote Revoluti­on, wie ein Jahr zuvor bereits in Rußland. Die Sozialisten riefen zum Generalstreik auf. In Panik verkündete Reichskanzler Prinz Max von Baden am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kai­sers. Wilhelm II., der sich seit dem 29. Okto­ber im deutschen Hauptquartier in Spa in Belgien aufhielt, kehrte wegen der re­volutionären Umtriebe und einer ihm drohenden Auslieferung an die Feind­staaten nicht mehr nach Deutschland zu­rück und ging am 10. November mit sei­ner ihm aus Berlin nachgereisten Gemah­lin in Holland ins Exil. Am 28. November legte man ihm auf Schloß Amerongen die Abdankungsurkunde zur Unterzeich­nung vor. Dem Verlangen der Feinde, den Kaiser auszuliefern, verweigerten sich die Niederlande.

Exil im holländischen Doorn

Im Frühjahr 1920 bezog Wilhelm II. das Haus Doorn bei Utrecht. Glücklicherwei­se überlebte er einen Angriff von US-amerikanischen Soldaten, die ihn um­bringen wollte, durch Eingreifen der hol­ländischen Polizei. Im April 1921 starb seine Frau, die Kaiserin. Nach einer neu­erlichen Ehe mit der verwitweten Prin­zessin Hermine v. Reuß wird Wilhelm bis zu seinem Tode noch 21 Jahre in Doorn leben. Deutschland hat er nie wie­der betreten. Er verfaßte in Den Haag insgesamt neun Bücher, darunter die aufschlußreiche, 1922 erschienene politi­sche Biographie „Ereignisse und Gestal­ten“. Der Schluß: „Ich glaube an die Beseiti­gung des Fehlspruchs von Versailles durch die Einsicht der vernünftigen Elemente des Auslands und durch Deutschland selbst. Ich glaube an das deutsche Volk und die Fortset­zung seiner friedlichen Mission auf der Welt, die durch einen furchtbaren Krieg unterbro­chen wurde, den Deutschland nicht gewollt, also auch nicht verschuldet hat.“
Nach der Machtübernahme der Natio­nalsozialisten verfügte Wilhelm II. für den Fall seiner Beerdigung: „Keine Ha­kenkreuzfahnen“. Nach dem Einmarsch 1940 bewachten deutsche Truppen das Haus Doorn. Wilhelm II. starb 82jährig am 4. Juni 1941 als letzter deutscher Kai­ser aus dem Hause Hohenzollern. Er wurde in dem im Garten des Hauses er­richteten Mausoleum bestattet. Seine letzten Worte waren: „Ich versinke, ich ver­sinke…“

Frankfurter Zeitung am 4. Juni 1941: Nachruf auf Wilhelm II.

Am Todestag von Wilhelm II. veröffent­lichte die „Frankfurter Zeitung“, die Vor­läuferin der heutigen „Frankfurter Allge­meinen Zeitung“, einen bewegenden Nachruf auf Wilhelm II. Er ist insofern bemerkenswert, als es dem namentlich unbekannten Autor gelang, eine gewisse Sympathie für den verstorbenen Kaiser nicht zu verhehlen– obwohl die gleichge­schaltete Presse damals eigentlich strikt monarchiekritisch zu sein hatte.

Doorn, 4. Juni. 1941

Der ehemalige Kaiser, Wilhelm II., ist heute Vormittag, um 11 Uhr 30, im 83. Lebensjahr gestorben. […] Als nun sein Leben in der Stille eines holländi­schen Landhauses verlosch, geschah es nach über zwei Jahrzehnten der Einsam­keit und des Vergessens. In dieser Zeit ist der letzte Kaiser den Blicken des Volkes ferner und ferner gerückt […] Doch der Abstand, den Zeit und Schicksal gelegt haben, hat auch manches Verwirrende und Zufällige von seinem Bild entfernt, und gewiß vermag man ihn bei seinem Tode klarer, gerechter, leidenschaftsloser zu sehen als zu der Zeit, da die Kämpfe an der Schwelle zweier Zeitalter seine Gestalt umtobten

Begnadet mit vielen glänzenden Ga­ben des Geistes, bewunderungswürdi­gem Gedächtnis und nicht ohne Instinkt für das Wesentliche in politischen Macht­entscheidungen, beseelt von dem tiefen und ehrlichen Wunsch, sein Volk glück­lich zu machen – so ist er […] nach drei Jahrzehnten der Höhe schließlich tief ge­stürzt. Am Anfang steht die harte und freudlose Jugend in seinem Elternhause […], am Ende der Zusammenbruch der Monarchie. Dazwischen liegt eine Zeit des Glanzes, der in den letzten Jahren schon umdüstert war von den Schatten des drohenden Großen Krieges, von Sor­gen und Zweifeln an sich selbst […]

Wilhelm II. hat in hunderten von Re­den und mit frei geformten Wendungen, an deren bildhafter Kraft kein Zweifel ist, seine Zuhörer und die Nation ebensooft begeistert und befeuert wie enttäuscht und erbittert, er hat im persönlichen Ver­kehr Literaten und Industrielle, Deutsche und Franzosen, Monarchisten und Repu­blikaner ebensooft bezaubert und ge­wonnen wie verwundert und zurückge­stoßen, er hat in mancherlei politischen Entscheidungen mehr Weisheit bewiesen als seine Ratgeber – er hat sich geweigert, nach Tanger zu gehen, und hat dafür als Oberster Befehlshaber der Millionen deutscher Soldaten im September 1914 den leidenschaftlichen Wunsch nach je­ner Fahrt zur Front der Marneschlacht geäußert, […] aber ihm hat dann doch die letzte Entschlußfestigkeit gefehlt […]

Nicht ohne innere Bewegung vermö­gen die Nachlebenden zu sehen, wie lan­ge der Kaiser sich aus seiner Kindheit manch jugendliche Züge, die rasche Ent­flammbarkeit und Hingegebenheit an schwer erreichbare Ziele, die Verken­nung von Menschen und Umständen, bewahrt hat. Er hat den Frieden geliebt wie wenige, es war immer seine Sehn­sucht, als Friedenskaiser zu regieren, aber er hat nicht bedacht, daß gerade jene Weltpolitik, die zu führen er so stolz war, das deutsche Volk in Konflikt mit ande­ren Mächten führen müsse.

Nicht sein Wille, sondern stärkere Kräfte als er, starke und fast unwider­stehliche Strömungen, von denen die ganze Welt erfüllt war, haben schließlich während seiner Regierung den Großen Krieg entfesselt.

Er […] war zugleich im Handeln und im Wesen auch das Symbol des Zeital­ters, das mit Recht das wilhelminsche heißt […].

Literatur

J. Daniel Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit, Berlin 1936.

Christopher Clark: Wilhelm II. Die Herr­schaft des letzten deutschen Kaisers, 2008 München.

John C. G. Röhl: Wilhelm II., 3 Bde., Mün­chen 1993–2008.

Eberhard Straub: Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geiste der Moderne, Berlin 2008.

Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten 1878–1918, Leipzig und Berlin 1922.

 
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