Der hundertste Jahrestag des Rücktritts von Wilhelm II. als Kaiser des Deutschen Reiches am 9. November 2018 hat das Interesse vieler Deutschen an ihm wieder zum Leben erweckt. Wer war er? War er schuldig am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und schuld am Untergang des Kaiserreichs?
Wilhelm v. Hohenzollern wurde am 27. Januar 1859 als erstes Kind des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich III.) und dessen Gemahlin Victoria, der ältesten Tochter der englischen Queen Victoria, im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin geboren. Bei der Geburt wurde der linke Arm des Kindes verletzt und blieb zeitlebens gelähmt. Die Eltern ließen den Knaben zu christlicher Gesinnung in calvinistischem Geiste erziehen. Der Prinz besuchte ein bürgerliches Gymnasium in Kassel, legte dort 1877 das Abitur ab und trat danach in Potsdam in den aktiven Militärdienst. Parallel dazu nahm er in Bonn ein viersemestriges Studium der Rechts- und Staats-wissenschaften auf und wurde aktiv im Corps Borussia. Außerdem hörte er Vorlesungen über Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften und Kunstgeschichte. 1880 wurde er zum Hauptmann befördert und blieb bis 1888 Kommandeur verschiedener Regimenter. Die Dienstzeit wurde hin und wieder für zivile Studien im In- und Ausland und zur Weiterbildung unterbrochen. Wilhelm heiratete 1881 die Prinzessin Auguste Viktoria aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Der Ehe entsprossen sechs Jungen und ein Mädchen.
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Wilhelm II. übernahm am 15. Juni 1888, nach dem Tode seines Vaters Friedrich III. und als Enkel des Reichsgründers Wilhelm I. im Alter von 29 Jahren die Regentschaft als König von Preußen und als Deutscher Kaiser. Er wollte dem Kaisertum Glanz verleihen, doch war die Kaiserkrone nie über einen Entwurf hinausgekommen. Auch der „Deutsche Kaiser“ galt nicht sonderlich mehr als der „gekrönte“ Präsident des Bundes deutscher Fürsten. Nun mußte sich der 73jährige Reichskanzler Otto v. Bismarck mit dem nicht einmal halb so alten Kaiser Wilhelm II. als seinem Vorgesetzten arrangieren. Obwohl der junge Kaiser Bismarcks Leistungen grenzenlos bewunderte, kam es zu immer größeren Differenzen, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit erschwerten. Knapp zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt entließ Wilhelm II. den seit 28 Jahren amtierenden Kanzler am 18. März 1890. Der zog sich grollend nach Friedrichsruh – dort seine „Gedanken und Erinnerungen“ schreibend – zurück.
Bismarck hatte das in Klein- und Mittelstaaten zersplitterte Deutschland am 18. Januar 1871 in Versailles endlich mit einem Staatsvertrag der an der Kaiserproklamation beteiligten deutschen Fürsten als das zweite Deutsche Kaiserreich aus der Taufe gehoben. In Fortführung der von ihm entworfenen Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 hatte er die vom Reichstag zu genehmigende Reichsverfassung fortgeschrieben und der neuen Lage angepaßt: Das Reich präsentierte sich darin als ein Bundesstaat mit einer konstitutionellen Monarchie.
Die Bundesstaatlichkeit des Reiches drückte sich in der starken Stellung des Bundesrates aus, den die Fürsten der Länder gemäß ihrer Stimmenzahl beschickten. Vorsitz und Geschäftsführung standen dem Reichskanzler zu. Der König von Preußen war im Bundesrat lediglich ein mitwirkendes Mitglied und hatte sich den Abstimmungsergebnissen des Gremiums zu fügen. Nur als primus inter pares stand also der Kaiser, genannt Deutscher Kaiser (nicht Kaiser von Deutschland!) in präsidialer Stellung dem Bunde (Deutsches Reich) vor. Als solcher ernannte bzw. entließ er den die Regierungsgeschäfte eigenverantwortlich führenden Kanzler, vertrat das Reich völkerrechtlich und war der oberste Kriegsherr.
Wie angedeutet, verfügte also der Kaiser nur als König in Preußen (nicht anders als z.B. der sächsische König) über monarchische Vorrechte – etwa sein Veto einzulegen bei Gesetzen, die er in Preußen für abträglich hielt. Als Deutscher Kaiser hingegen leistete er lediglich die Unterschriften für das, was ihm der Reichskanzler in Übereinstimmung mit dem Bundesrat und dem Reichstag vorlegte. Die Stellung des Kaisers war somit alles andere als absolut. Er unterstand ganz erheblich den Weisungen bzw. der Billigung seiner Vorhaben durch den Kanzler. Er nahm lediglich die Stellung des Präsidenten eines Fürstenbundes – des Deutschen Reiches – ein. Dem sogenannten persönlichen Regiment waren staatsrechtlich also recht enge Grenzen gesetzt. Dennoch setzten jene, die sich sonst nicht gerade als Parteigänger Bismarcks auszeichneten, das Gerücht in die Welt, Wilhelm II. beabsichtige, ohne starken Kanzler ein „persönliches Regiment“ führen zu wollen.
„Hätte Kaiser Wilhelm II. Bismarck im Amt belassen, dann wäre Deutschland außenpolitisch nicht isoliert worden, es wäre womöglich nicht zu einem Ersten Weltkrieg gekommen.“ Dieses Lesen aus dem Kaffeesatz der Ressentiments sollten wir getrost unterlassen. Wir sind uns hingegen vielmehr deutlich bewußt, daß sich bei den das Reich umgebenden Mächten immer mehr das Moment einer Verschwörung eingenistet hatte, einer Verschwörung, die mit dem Diktat von Versailles schließlich auf ihre erste vorläufige Rechnung kam.
Wilhelm II. vertrat eine äußerst moderne Auffassung von seinem Amt: Einerseits hegte er die Idee eines „sozialen Volkskaisertums“, und unter anderem darüber entzweite er sich mit Bismarck, der den Kaiser in der Lösung der sozialen Frage für zu „sentimental“ hielt. Andererseits trug er dem technischen Fortschritt und der einschlägigen Forschung Rechnung und setzte sich für die Förderung so bahnbrechender Entwicklungen wie Elektrizität, Funktechnik, Flugzeuge, Automobile, Eisenbahn, Schiffahrt, Brücken-, Schleusen-, und Kanalbau und so fort ein.
Die deutsche Wissenschaft wurde in der wilhelminischen Ära weltweit führend. Seine Majestät gründete 1908 die nach ihm benannte Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, zumal der Grundlagenforschung. In Physik und Chemie erzielten deutsche Forscher bahnbrechende Erfolge. Unzählige Erfindungen und zahllose nach zwei Kriegen von der Entente bzw. den Alliierten beschlagnahmte Patente gingen auf deutsches Konto. Innerhalb von 17 Jahren erhielten Deutsche nicht weniger als 21 Nobelpreise. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde nach ihrer Überführung in die neugegründete Max-Planck-Gesellschaft erst im Jahre 1960 offiziell aufgelöst. Wilhelm II. förderte durch seine Anteilnahme maßgeblich den nicht jedermann zusagenden wilhelminischen Stil in der Kunst und der Architektur (Museumsinsel, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche usf.), wie man überhaupt jene Zeit nicht von ungefähr mit dem Begriff des „Wilhelminismus“ umschreibt. Vor allem aber entwickelte sich das Deutsche Reich im Laufe der Regentschaft Wilhelms II. zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Das Schienennetz wurde von 21.200 km (1873) auf 62.000 km im Jahre 1911 erweitert. Das industrielle Wachstum war gewaltig, der Wirtschaftsaufschwung stabil und von Dauer, die Staatsfinanzen nicht zerrüttet. Das „Made in Germany“ wurde nicht zuletzt durch britisches Ressentiment seit 1887 immer mehr zu einem deutschen Gütesiegel in der Welt. Das Außenhandelsvolumen stieg von 1891 bis 1911 von 7,3 auf 17,8 Mrd. Mark. Auf maßgeblichen Gebieten übertraf die deutsche Industrie bald die englischen Produktionszahlen. Das durch Hygiene und medizinischen Fortschritt verursachte Bevölkerungswachstum trug als das vierthöchste in der Welt ganz erheblich zu diesem Aufschwung bei (1871: 40 Mio.; 1914: 68 Mio.). Durch den Wandel vom Agrar- zum Industriestaat zogen die Massen in die Städte. Es drohte sich ein unruheträchtiges Industrieproletariat mit Neigung zur Internationale zu entwickeln. Die soziale Frage bestand nun darin, die Arbeiterschaft an der Prosperität des Reiches teilhaben zu lassen.
Im Jahr 1898 begann das Reich mit dem Ausbau seiner Flotte, die aber angesichts der gewaltigen Überlegenheit der britischen in erster Linie dem Schutz des deutschen Welthandels dienen sollte. Hatte doch die Aufbringung zweier deutscher Dampfer durch englische Kriegsschiffe an der ostafrikanischen Küste in Deutschland Empörung ausgelöst, und nachdem der Reichstag fast ein Dutzend Jahre lang die Flottenvorlage der Regierung blockiert hatte, gab nun die Mehrheit den Weg frei. Schöpfer der Marine wurde im Auftrag des Kaisers der Leiter des Reichsmarineamts Alfred v. Tirpitz. Großbritannien fühlte sich durch die deutschen Flottenpläne nun ebenso provoziert, wie sich heutzutage die atomaren Supermächte bereits durch atomare Habenichtse in ihrer Existenz für bedroht halten. Die Entente, die London schon in petto hielt, ging auf Konfliktkurs.
Wilhelm II. geriet aber auch in innenpolitische Kontroversen mit den verschiedenen Parteiungen und Konfessionen im Reich: Den Konservativen war er zu liberal, den Liberalen war er zu konservativ, dem aufstrebenden Bürgertum und den Industriellen zu gemäßigt, und so nimmt es bei der äußerst freizügig gehaltenen Freiheit der Presse nicht Wunder, daß die allseitigen Meckereien das Bild des Kaisers in ein Zwielicht rückten, das bis zum heutigen Tage prägend geblieben ist. Einen Höhepunkt öffentlicher Diffamierung bildete 1908 das Interview des Kaisers im „Daily Telegraph“, welches gar kein Interview war, sondern als Kompilat eines Gespräches, das Wilhelm II. während eines seiner häufigen Aufenthalte in England mit einem englischen Freund geführt hatte, von einem Journalisten zusammengestellt worden war. Das Papier wurde auf Veranlassung des Kaisers an den Reichskanzler von Bülow geschickt, der das fadenscheinige „Interview“ gemäß seines Weisungsrechts zur Veröffentlichung freigab. Der Inhalt schadete des Kaisers Ansehen in der Öffentlichkeit ganz erheblich, weil er sich in dem Gespräch mehrfach der englischen Politik gegenüber zu entgegenkommend geäußert habe. Das legte man ihm hierzulande als der eigenen Politik in den Rücken fallend aus, in England aber deutete man es als unziemliche Begönnerung. Obwohl es der Kanzler selbst gewesen war, der die Veröffentlichung genehmigt hatte, scheute er sich dann nicht, den Kaiser vor versammeltem Parlament nachdrücklich zu rügen und ihm abzuverlangen, sich in Zukunft „öffentlich“ zurückzuhalten. Mit dem Vorwurf von des Kaisers „persönlichem Regiment“ kann es also nicht sonderlich weither gewesen sein.
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Mittlerweile aber wurde das Reich in diverse außenpolitische Krisen verwickelt, die ihm regelmäßig nicht zum Vorteil gereichten, sondern die es aufgrund der unterschwellig von den ohnehin drei Großmächten England, Frankreich und Rußland gegen den aufstrebenden Rivalen gehegten Feindseligkeit zusätzlich isolierten (z. B. 1896: die nicht von Wilhelm II. veranlaßte „Krüger-Depesche“ der Unterstützung an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik – London fühlt sich provoziert; 1905: Erste Marokkokrise (Tanger) um die Vormachtsansprüche Frankreichs im Maghreb, ebenfalls gegen den Willen des Kaisers – Frankreich fühlt sich brüskiert; 1911: der „Panthersprung nach Agadir“ als Antwort auf die Besetzung marokkanischer Städte durch Frankreich). Das Deutsche Reich wurde zumal von England rundwegs beneidet und, weil sich die Balance of Power zu verschieben drohte, als unberechenbar und friedensbedrohend (heute würde man sagen: als latenter „Schurke“) denunziert. Paris wetzte die Messer, um „Rache für Sadova“ (= Königgrätz 1866) und für 1871 zu nehmen, und in Petersburg wollte die Kamarilla nicht vergessen, daß es 1878 Bismarck gewesen war, der als „Ehrlicher Makler“ der europäischen Interessen auf dem Berliner Kongreß die Russen am weiteren Vormarsch hin zum Bosporus gehindert hatte. Obwohl der Kaiser Deutschlands friedliebende Gesinnung wiederholte, wenn nicht allzuoft bekundete, verprellte er durch Überschwang und manche unnötige rhetorische Übertreibung nicht wenige Beobachter. Es bleibt nämlich auf ewig ein Unterschied, ob sich ein deutscher Amtsinhaber zu einer Ermahnung des Auslands erdreistet oder einer von jenseits des Ärmelkanals.
Das „deutsche Wesen“, der „Sonderweg“ und die „verspätete Nation“ (wie Spätere sagen sollten), der Kaiser, das Reich und die deutschen Erfolge lieferten jedenfalls den Entente-Mächten hinreichende Gründe, massiv aufzurüsten und ein das Reich einkreisendes Bündnissystem auszuhecken. Die generell friedliebende Haltung des Deutschen Reiches fand bei den von einem Krieg gegen Deutschland Enthusiasmierten jenseits der Grenzen kein Echo. Deutschland fühlte sich notwendigerweise eingekreist, war eingekreist, und es blieb allein Österreich als einzig bedeutender Verbündeter. 1913 feierte Wilhelm II. noch einmal in großem Stil sein 25jähriges Thronjubiläum. Er regierte die Jahre in Frieden und wurde, obschon im Schatten drohenden Gewölks, glanzvoll gefeiert. Sein Bildnis hing in jeder guten Wohnstube. Gewiß nicht von ungefähr hatte im Jahre zuvor der Neffe Alfred Nobels den Kaiser für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Letztmals vereinte die Hochzeit seiner einzigen Tochter Viktoria Luise alle gekrönten Häupter Europas in Berlin. Es schien, als sei Krieg noch nicht in Sicht. Doch bald gingen in Europa die Lichter aus, und niemand hat sie seitdem je wieder gleichermaßen hell leuchten sehen.
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Julikrise und Erster Weltkrieg
Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin von serbischen Verschwörern erschossen. Das war keine Kleinigkeit. Erst einen Monat später, am 24. Juli, spitzte sich die Situation durch das österreichische Ultimatum an Belgrad zu. Das Ultimatum forderte von Serbien die Unterbindung aller gegen die k. u. k. Monarchie gerichteten terroristischen Akte und die Bestrafung der Terroristen unter österreichischer Aufsicht. Kurz zuvor hatte die deutsche Regierung in der sehr irrigen Annahme, der Konflikt werde auf den Balkan beschränkt bleiben, Österreich am 6. Juli eine defensive (!) Blankovollmacht erteilt, wonach, falls Rußland Österreich attackiere, Deutschland ihm beistehen würde.
In dem mit Serbien verbündeten Petersburg erachtete man das österreichische Ultimatum nun für einen willkommenen Anlaß, die Mobilmachung der russischen Armee auszulösen. Daraufhin sah sich die Reichsregierung in Berlin zu ihrer Beistandspflicht gegenüber Österreich gefordert, und Wilhelm II. ordnete tags darauf (1. August) unter Tränen die deutsche Mobilmachung an. Zuvor hatte er in mehreren Telegrammen an den Zaren noch versucht, die russische Mobilmachung rückgängig zu machen. Doch im Hintergrund waren längst die Weichen für den großen Krieg gegen Deutschland gestellt: Sasonow (russ. Außenminister) und Iswolski (dessen Botschafter in Paris), Delcassé (fr. Außenminister) und Grey (brit. Premier) setzten die Automatik ihrer seit langem gehegten Absichten und Bündnisverpflichtungen in Gang, die die Katastrophe des Ersten Weltkrieg auslösten. Mit Beginn des Krieges überließ der Kaiser im Bewußtsein, daß er sich nicht zum Feldherrn eignete, dem Generalstab unter Ludendorff und Hindenburg faktisch die Führung. Im Westen erschöpfte sich der Krieg bald in einem jahrelangen Stellungskampf („In Stahlgewittern“), im Osten errangen die Mittelmächte zwar den Sieg, doch nach dem offiziellen Eintritt der um ihre Kredite bangenden kontinentfremden USA in den europäischen Krieg wurde die militärische Lage im Westen bald ebenso ausweglos wie die Lage in der notleidenden Heimat verzweifelt.
Hindenburg und Ludendorff strebten am 29. September 1918 (nach mehreren höhnisch abgewiesenen Friedensversuchen der Regierung in den Jahren zuvor) Friedensverhandlungen an. US-Präsident Wilson forderte aber unter der Prämisse, „Die Welt für die Demokratie sicher“ machen zu wollen, zuvor den Rücktritt Kaiser Wilhelms II. und forderte mit seinen „14 Punkten“ zu einem Frieden des vermeintlichen Ausgleichs auf. Jedenfalls bezichtigten die Feindmächte einhellig „the Kaiser“ als den Hauptschuldigen des Krieges, als den „Kriegsverbrecher“, und manche forderten, ihn zu hängen. In der Absicht, die Monarchie wenigstens für Preußen noch zu retten, stimmte Wilhelm II. am 30. September 1918 der Umwandlung Deutschlands von einer konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie zu. Doch Wilson verlangte von jenseits des Atlantiks nicht nur den Rücktritt des Kaisers, sondern kategorisch die Abschaffung jeglicher Monarchie in Deutschland.
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Jedenfalls war Wilhelm II. am Ende des Weltkrieges der meistgehaßte Mann in Europa. Vor allem in Großbritannien galt „the Kaiser“ als die Inkarnation aller Schändlichkeiten, obwohl man ihn auf der Insel von seinen zahlreichen Besuchen aus Friedenszeiten her eigentlich besser hätte kennen sollen.
Doch auch seinen Untertanen diente Wilhelm II. bald als der Sündenbock für Not und Tod und Elend. Maßgeblichen Anteil an dem Zerrbild des Kaisers hatten die ihn systematisch dämonisierende alliierte Kriegspropaganda und der Gedanke an die Utopie eines durch die „14 Punkte“ vorgegaukelten und durch Waffenstillstand bzw. -niederlegung zu erreichenden „Vergleichsfriedens“. Die Summe dieser Schreckensbilder und Einbildungen gibt häufig noch heute die Grundlage für Wilhelms öffentliche Bewertung in Deutschland ab. Irgendwie, so meint man gar, war wohl auch der Kaiser schon einer der historischen Wegbereiter Adolf Hitlers, und man müsse doch ihm und seiner ganzen Entourage eigentlich vorwerfen, es habe sie nicht nachhaltig genug danach verlangt, so schnell wie möglich in der Bundesrepublik anzukommen. Wie schon gleich nach Kriegsausbruch am 1. August 1914 die feindliche Propaganda log, habe sich der Kaiser Ende Juli in einem in Potsdam veranstalteten geheimen Rat der Mittelmächte dazu verschworen, Europa seinen Krieg aufzuzwingen. Es dauerte nun nicht lange, und in der „Daily Mail“ tauchte schon ab September 1914 der Kaiser als der „wahnsinnige Wilhelm“ auf, der abwechselnd als „Barbarenhäuptling“, als „Geißel“, als „Ungeheuer“ bezeichnet wurde oder als „verbrecherischer“ Monarch, der „aus einem fügsamen Volke ein Horde von Wilden“ gemacht habe. „Einen Strick für den Kaiser! […] Ein Strick ist die Strafe für diesen Verbrecher.“ Und die für honorig gehaltene „Times“ berichtete am 27. August 1914 seitens ihres Pariser Korrespondenten: „Ein Mann, den ich nicht gesehen habe, erzählte einem Offizial der katholischen Gesellschaft, daß er mit eigenen Augen gesehen habe, wie deutsche Soldaten einem Baby die Arme abhackten, das sich am Rock seiner Mutter festhielt.“ – „Sie hacken den kleinen Jungen die Hände ab, damit Frankreich keine Soldaten mehr haben soll“, und der Kaiser selbst wurde als Metzger vor einem Hackklotz gezeichnet, ringsrum die abgehackten Hände jener Kinder, die nebenan ihre Armstümpfe gen Himmel recken.
Dieses böse Zerrbild des Kaisers und seiner Armee hat bis auf deren Substanz – „die Hunnen“ – den Krieg nicht lange überlebt. Die Lügen hatten ihre Schuldigkeit getan. Der 150. Geburtstag des Monarchen trägt offensichtlich in der Beschäftigung mit ihm nun manches Weitere zur Erhellung bei. So zeichnet der Engländer Christopher Clark mit spürbarer Sympathie des Kaisers Bild, und der Deutsche Eberhard Straub schildert ihn als einen vielfach interessierten Monarchen, der sich für Kunst und Kultur ebenso begeisterte wie für die moderne Technik. Auch habe Wilhelm bei seiner Inthronisation seinem Volk versprochen, den Frieden zu wahren, und er sei wirklich ehrlich bemüht gewesen, Wort zu halten. Die gesteuerte Mechanik des Kriegsausbruches erwies aber, daß der Kaiser, insoweit es seine Zuständigkeit betraf, nicht anders handeln konnte, als er handeln mußte. Trotz des schrecklichen und absurden Finales bleibt die Zeit des Wilhelminismus eine der großartigsten Epochen der neueren deutschen Geschichte, und tatsächlich wird sie hier und da auch wieder in das allgemeine, in ein positives Selbstbewußtsein der Deutschen gerückt, wie sich das in der Rekonstruktion des Schlosses in Berlin ebenso zeigt wie in der großartigen Restauration der Museumsinsel.
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Nach der Meuterei der eine letzte Feindfahrt verweigernden Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel drohte Deutschland im Herbst 1918 eine rote Revolution, wie ein Jahr zuvor bereits in Rußland. Die Sozialisten riefen zum Generalstreik auf. In Panik verkündete Reichskanzler Prinz Max von Baden am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kaisers. Wilhelm II., der sich seit dem 29. Oktober im deutschen Hauptquartier in Spa in Belgien aufhielt, kehrte wegen der revolutionären Umtriebe und einer ihm drohenden Auslieferung an die Feindstaaten nicht mehr nach Deutschland zurück und ging am 10. November mit seiner ihm aus Berlin nachgereisten Gemahlin in Holland ins Exil. Am 28. November legte man ihm auf Schloß Amerongen die Abdankungsurkunde zur Unterzeichnung vor. Dem Verlangen der Feinde, den Kaiser auszuliefern, verweigerten sich die Niederlande.
Im Frühjahr 1920 bezog Wilhelm II. das Haus Doorn bei Utrecht. Glücklicherweise überlebte er einen Angriff von US-amerikanischen Soldaten, die ihn umbringen wollte, durch Eingreifen der holländischen Polizei. Im April 1921 starb seine Frau, die Kaiserin. Nach einer neuerlichen Ehe mit der verwitweten Prinzessin Hermine v. Reuß wird Wilhelm bis zu seinem Tode noch 21 Jahre in Doorn leben. Deutschland hat er nie wieder betreten. Er verfaßte in Den Haag insgesamt neun Bücher, darunter die aufschlußreiche, 1922 erschienene politische Biographie „Ereignisse und Gestalten“. Der Schluß: „Ich glaube an die Beseitigung des Fehlspruchs von Versailles durch die Einsicht der vernünftigen Elemente des Auslands und durch Deutschland selbst. Ich glaube an das deutsche Volk und die Fortsetzung seiner friedlichen Mission auf der Welt, die durch einen furchtbaren Krieg unterbrochen wurde, den Deutschland nicht gewollt, also auch nicht verschuldet hat.“
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verfügte Wilhelm II. für den Fall seiner Beerdigung: „Keine Hakenkreuzfahnen“. Nach dem Einmarsch 1940 bewachten deutsche Truppen das Haus Doorn. Wilhelm II. starb 82jährig am 4. Juni 1941 als letzter deutscher Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. Er wurde in dem im Garten des Hauses errichteten Mausoleum bestattet. Seine letzten Worte waren: „Ich versinke, ich versinke…“
Am Todestag von Wilhelm II. veröffentlichte die „Frankfurter Zeitung“, die Vorläuferin der heutigen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, einen bewegenden Nachruf auf Wilhelm II. Er ist insofern bemerkenswert, als es dem namentlich unbekannten Autor gelang, eine gewisse Sympathie für den verstorbenen Kaiser nicht zu verhehlen– obwohl die gleichgeschaltete Presse damals eigentlich strikt monarchiekritisch zu sein hatte.
Doorn, 4. Juni. 1941
Der ehemalige Kaiser, Wilhelm II., ist heute Vormittag, um 11 Uhr 30, im 83. Lebensjahr gestorben. […] Als nun sein Leben in der Stille eines holländischen Landhauses verlosch, geschah es nach über zwei Jahrzehnten der Einsamkeit und des Vergessens. In dieser Zeit ist der letzte Kaiser den Blicken des Volkes ferner und ferner gerückt […] Doch der Abstand, den Zeit und Schicksal gelegt haben, hat auch manches Verwirrende und Zufällige von seinem Bild entfernt, und gewiß vermag man ihn bei seinem Tode klarer, gerechter, leidenschaftsloser zu sehen als zu der Zeit, da die Kämpfe an der Schwelle zweier Zeitalter seine Gestalt umtobten
Begnadet mit vielen glänzenden Gaben des Geistes, bewunderungswürdigem Gedächtnis und nicht ohne Instinkt für das Wesentliche in politischen Machtentscheidungen, beseelt von dem tiefen und ehrlichen Wunsch, sein Volk glücklich zu machen – so ist er […] nach drei Jahrzehnten der Höhe schließlich tief gestürzt. Am Anfang steht die harte und freudlose Jugend in seinem Elternhause […], am Ende der Zusammenbruch der Monarchie. Dazwischen liegt eine Zeit des Glanzes, der in den letzten Jahren schon umdüstert war von den Schatten des drohenden Großen Krieges, von Sorgen und Zweifeln an sich selbst […]
Wilhelm II. hat in hunderten von Reden und mit frei geformten Wendungen, an deren bildhafter Kraft kein Zweifel ist, seine Zuhörer und die Nation ebensooft begeistert und befeuert wie enttäuscht und erbittert, er hat im persönlichen Verkehr Literaten und Industrielle, Deutsche und Franzosen, Monarchisten und Republikaner ebensooft bezaubert und gewonnen wie verwundert und zurückgestoßen, er hat in mancherlei politischen Entscheidungen mehr Weisheit bewiesen als seine Ratgeber – er hat sich geweigert, nach Tanger zu gehen, und hat dafür als Oberster Befehlshaber der Millionen deutscher Soldaten im September 1914 den leidenschaftlichen Wunsch nach jener Fahrt zur Front der Marneschlacht geäußert, […] aber ihm hat dann doch die letzte Entschlußfestigkeit gefehlt […]
Nicht ohne innere Bewegung vermögen die Nachlebenden zu sehen, wie lange der Kaiser sich aus seiner Kindheit manch jugendliche Züge, die rasche Entflammbarkeit und Hingegebenheit an schwer erreichbare Ziele, die Verkennung von Menschen und Umständen, bewahrt hat. Er hat den Frieden geliebt wie wenige, es war immer seine Sehnsucht, als Friedenskaiser zu regieren, aber er hat nicht bedacht, daß gerade jene Weltpolitik, die zu führen er so stolz war, das deutsche Volk in Konflikt mit anderen Mächten führen müsse.
Nicht sein Wille, sondern stärkere Kräfte als er, starke und fast unwiderstehliche Strömungen, von denen die ganze Welt erfüllt war, haben schließlich während seiner Regierung den Großen Krieg entfesselt.
Er […] war zugleich im Handeln und im Wesen auch das Symbol des Zeitalters, das mit Recht das wilhelminsche heißt […].
J. Daniel Chamier: Ein Fabeltier unserer Zeit, Berlin 1936.
Christopher Clark: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, 2008 München.
John C. G. Röhl: Wilhelm II., 3 Bde., München 1993–2008.
Eberhard Straub: Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geiste der Moderne, Berlin 2008.
Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten 1878–1918, Leipzig und Berlin 1922.