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Juan Donoso Cortés

Günter Maschke hat mehrere Texte von Donoso Cortés ins Deutsche übertragen, die im Karolinger Verlag erschienen sind
DikJuan Francisco María de la Salud Donoso Cortés (1809–1853) wirkte als spanischer Diplomat und Politiker und muß als Autor und Staatsphilosoph zu den geistigen Vätern des Rechtskatholizismus gerechnet werden.

Zwischen Politik und Endzeiterwartung

Von Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Der Spanier Juan Donoso Cortés (1809 bis 1853), ein Nachkomme des Eroberers von Mexiko, Hernán Cortés, gehört zur nicht ganz seltenen Spezies jener politi­schen Denker, die im Laufe ihres Lebens von „linken“ zu „rechten“ Positionen gewandert sind. Er begann als fortschrittsgläubiger Liberaler, um als radikal­konservativer Pessimist und Endzeitprophet zu enden. Von anderen konservati­ven Theoretikern, insbesondere solchen aus dem Umkreis der deutschen Ro­mantik, unterscheidet sich Donoso Cortés vorteilhaft durch realpolitischen Sinn und praktische Erfahrungen. Er war kein Stubengelehrter und Doktrinär, sondern gelernter Jurist, Diplomat, Parlamentarier und Ratgeber der Königin­nen Maria Christina und Isabella II. Metternich und der preußische Gesandte Graf Raczynski gehörten zu seinen Bewunderern. Eine Zeitlang wirkte er als spanischer Botschafter in Paris, wo er den Aufstieg Napoleons III. genau verfol­gen konnte, und am preußischen Königshof in Berlin. Die Revolution des Jah­res 1848 erfuhr er als Menetekel, im aufkommenden Sozialismus und Kommu­nismus sah er eine satanische Empörung, zugleich aber auch ein Gottesgericht.

Lange vor Max Horkheimer hat Do­noso Cortés aufs bestimmteste er­klärt, daß in jeder gravierenden politi­schen Frage immer auch ein theologi­sches Problem enthalten sei. Am be­kanntesten wurde seine bereits 1850 öf­fentlich geäußerte Prognose: „Ich halte eine Revolution in Petersburg für eine leichtere Angelegenheit als in London.“ Er hat ausdrücklich eine Verbindung von Absolutismus, Panslawismus, Mili­tarismus und Sozialismus für möglich, ja sogar für beinahe unvermeidlich ge­halten. Auch sonst erwies sich der Spa­nier als ein Meister in der Kunst griffi­ger, bisweilen aufreizender Formulie­rungen. Die Idee einer deutschen Ein­heit, so sagte er, sei „sowohl von der Vernunft als auch von der Geschichte verurteilt“. Als das Paulskirchen-Parlament scheiterte, urteilte er grimmig: „Die Deutschen haben die Freiheit wie eine Göttin in einem Tempel verehrt – und lie­ßen sie dann sterben wie eine Dirne in einer Schenke.“ Das Bürgertum nannte er verächtlich eine „diskutierende Klas­se“. Den Liberalen, zu denen er selbst in jungen Jahren gezählt hatte, warf er tota­le Unfähigkeit zur Entscheidung vor: Stünden sie vor der Frage „Jesus oder Barrabas?“, dann würden sie die Verta­gung der Sitzung beantragen. Gegen Ende seines Lebens diagnosti­zierte er, daß die Freiheit in Europa un­widerruflich tot sei. Man habe nicht mehr die Wahl zwischen Demokratie und Diktatur, sondern nur noch zwischen der „Diktatur des Dolches“ und der „Diktatur des Säbels“, wobei er der zweiten den Vorzug gab. Eine Wende zum Besseren hielt er nur als Folge einer tiefgreifenden reli­giösen Erneuerung für möglich, aber eine solche schien ihm angesichts der sich ausbreitenden Säkularisie­rung unwahrscheinlich. Völker, die einmal vom Gottesglauben abgefal­len sind, fänden nicht mehr zu ihm zurück. Nur vereinzelten Außenseitern stünde dieser Weg noch offen.

Ein protofaschistischer Apologet?

Mit seiner eben flüchtig erwähnten Lehre von der Diktatur wurde Donoso Cortés zum Popanz aller liberalen Doktrinäre und Moralisten. Man warf ihm vor, ein Wegbereiter totalitärer Tyrannei zu sein und den Faschismus im voraus gerecht­fertigt zu haben. Ich glaube, daß diese Anklage unzutreffend, zumindest maß­los übertrieben ist. Sie entspringt einem leider weitverbreiteten Unwillen, sich der Härte geschichtlicher Krisen nüch­tern zu stellen. Statt phrasenlosem Rea­lismus, der bemerkt und bedenkt, was tatsächlich vorgeht, bevorzugt man ein trübes Gemisch aus zurückgebildeter po­litischer Urteilskraft, Hypertrophie mo­ralistischer Bescheidwisserei und beque­mer Anthropologie, die noch so stichhal­tige Erfahrungen zugunsten eines eu­phorischen Pseudohumanismus in den Wind schlägt.

Einem solchen Meinen erscheint, wie bekannt, bereits die sachliche Feststel­lung historischer Parallelen als Ausge­burt reaktionärer Denkungsart und der bloße Versuch, einen der gerade belieb­ten Modebegriffe zu definieren, als den demokratischen Konsens störende Pole­mik. Empirismus wird mit konterrevolu­tionärer Emanzipationsverweigerung gleichgesetzt, das Bedürfnis nach di­stinkten und sauberen Unterscheidun­gen als Mangel an Lernfähigkeit geäch­tet, der Rückgriff auf noch so unbestreit­bare Lehren der Geschichte als bornierter Obskurantismus abgetan. Carl Schmitt hat diese Neigung einmal treffend ge­kennzeichnet: „Die Menschen suchen im allgemeinen weder die Wahrheit noch die Wirklichkeit, sondern nur das Gefühl ihrer Sicherheit. Ist die akute Gefahr vor­bei und die unmittelbare Angst überstan­den, so ist ihnen jeder Sophismus und je­de Trivia­lität recht und selbst jedes Pos­senspiel willkommen, wenn es nur ab­lenkt von der schrecklichen Erinnerung. Vor allem die jähen, blitzhaften Einsich­ten, die sich nur im Augenblick der aku­ten Gefahr einstellen, sind dann sehr lä­stig und werden aus dem Gedächtnis verdrängt, denn sie stören das Gewebe, das den Schrecken verschleiert und den Abgrund verdeckt.“

Wer so denkt, kann gut verstehen – wenngleich nicht entschuldigen –, daß Donoso Cortés in deutschen Landen fast durchgehend ignoriert oder rüde herab­gesetzt wird. Die große Ausnahme ist der eben genannte Staatsrechtslehrer und politische Philosoph Carl Schmitt; aber von Carl Schmitt gelobt oder auch nur zustimmend zitiert zu werden, gilt, wie bekannt, in den tonangebenden poli­tisch-intellektuellen Quartieren nicht als Empfehlung, sondern als Desavouie­rung, ja als Aufruf zur Quarantäne. In dieser Isolierung befindet sich Donoso Cortés wegen seiner Lehre von der Dik­tatur, mit der er vorgeblich dem moder­nen Totalitarismus den Weg bereitet hat.

Künder tödlicher Gefahr

Wer sich die Mühe nimmt, die einschlä­gigen Texte des Spaniers unbefangen zu lesen, kommt zu einem anderen Urteil. Donoso hat die Tyrannei des zwanzig­sten Jahrhunderts weder befürwortet noch gerechtfertigt, sondern als furchtba­re Drohung vorausgesehen. Pessimist, der er war, sah er bereits ein Zeitalter an­gebrochen, in dem es nicht mehr um die Alternative Legalität und Ausnahmezu­stand, Freiheit oder Despotie gehe, son­dern bloß zwischen präventiver Diktatur von oben und totalitärer Diktatur von unten. Donoso gebraucht zwar noch nicht die­se Ausdrücke, aber zielt auf diese Krisen­situation, so vor allem in seiner berühm­ten Parlamentsrede vom 4. Januar 1849, also unter dem Eindruck der französi­schen Februarrevolution und ihrer fast ganz Europa er­schütternden Auswirkungen: „Meine Herren, wenn die Le­galität genügt, um die Gesell­schaft zu retten, dann meinet­wegen die Legalität. Wenn sie aber nicht genügt, dann eben die Diktatur.“ Außergewöhn­liche Gefahren erheischen au­ßergewöhnliche Maßnahmen. Wenn die Verhältnisse nicht länger „normal“ sind, dann ist es ein Zeichen von Debilität, sich weiterhin auf die übli­chen Normen verlassen zu wollen. Wenn die Lage abnor­mal ist, dann bedarf es unter Umständen irregulärer Eingriffe, um die Normalität wieder herzustellen oder de­ren Rückkehr vorzubereiten. Was aber sieht Donoso Cortés bereits 1849 auf Europa zukommen? Hier seine Worte: Staaten, in denen „ein Soldat nichts anderes ist als ein Sklave in Uni­form“; Regierungen mit dem Vorrecht, „nicht nur absolut zu sein, sondern auch noch eine Million Arme und Fäuste für sich in Bewegung zu setzen“; Systeme, die keine Sünder oder Verbrecher mehr kennen, sondern bloß „Schwärmer“ oder „Geisteskranke“: „Die modernen Ratio­nalisten taufen das Verbrechen um. Sie heißen es Unglück. Der Tag wird kom­men, wo die Regierung in die Hände die­ser ‚Unglücklichen‘ übergehen wird. Dann wird die Unschuld das einzige Ver­brechen sein, das es gibt.“

Von Grillparzer, seinem Zeitgenossen, stammt das bissige Epigramm: „Der Weg der neuern Bildung geht / Von der Hu­manität / Durch Nationalität / Zur Bestia­lität“. Donoso Cortés formuliert es ähn­lich: „Hinter den Sophismen kommen die Revolutionen daher und hinter den Sophisten schreiten die Henker.“ Im Li­beralismus erblickt er bloß ein kraftloses, schlimmer noch: ein die Kräfte der Resi­stenz gegen die tödliche Gefahr schwä­chendes Zwischenspiel: „Von allen Schu­len ist die liberale die unfruchtbarste. Schuld daran ist die Unwissenheit. Sie hat von allen Schulen am wenigsten ge­lernt. Schuld daran ist ihr Egoismus: Sie ist von allen Systemen das selbstsüchtigste. Vom Wesen des Bösen und Guten versteht sie nichts. Kaum daß sie etwas von Gott weiß. Vom Menschen weiß sie schon gar nichts. Sie ist unfähig zum Gu­ten, weil ihr zum Aufbauen jede verbind­liche Grundlage fehlt. Sie ist ebenso un­fähig zum Bösen, weil ihr jede tapfere und bestimmte Verneinung ein Greuel ist. Diese vollendete Impotenz besiegelt ihr Schicksal. Ohne zu ahnen, steuert sie voran … Das zersetzende Prinzip der Diskussion hat während der kurzen Zeit, da der Liberalismus auf dem Thron saß, den gesunden Sinn der Völker unheilvoll beeinflußt. Der Liberalismus hat die Ge­sellschaft in einen Zustand hineinge­drängt, daß man jederzeit vor einer Um­wälzung bangen muß.“ Am Anfang wird unter großem Jubel die Todesstrafe als archaisches Relikt abgeschafft, aber eben diese Humanisierung erweise sich als­bald nur als Auftakt zu früher unvorstell­baren Massakern und Bluthochzeiten: „Überall, wo die Todesstrafe abgeschafft wird, hat die Gesellschaft aus allen Poren Blut geschwitzt.“

Die moderne Technik stelle der Tyran­nei Werkzeuge der Versklavung bei, auf die Nero, Caligula und Iwan der Schreck­liche noch nicht zurückgreifen konnten. Donoso nennt ausdrücklich Elektrizität, Telegraphie, Eisenbahn, Dampfschif­fahrt: „Heute sind die Wege geebnet für eine Tyrannenherrschaft von riesenhaf­ter Größe, von kolossalen weltumspan­nenden Ausmaßen. Der kommende Ty­rann wird auf seinem Wege weder mora­lische noch materielle Widerstände fin­den. Alle Widerstände materieller Art sind ja beseitigt. Die Dampfschiffe und die Eisenbahn haben die bisherigen Grenzen aufgehoben. Der Telegraph und die elektrische Kraft haben die räumliche Entfernung überwunden. In derselben Weise ist jetzt auch die Kraft der morali­schen Widerstände überwunden.“ Dies alles sieht Donoso Cortés grauen­erfüllt um 1850 heraufziehen, und wie­viel davon ist inzwischen eingetroffen! Kann ein Mann, der schaudernd den Umschlag der liberal-individualistischen Gesellschaft in eine gnadenlose Tyrannei vorhererkennt, deshalb als Ahnherr des Totalitarismus eingestuft werden? Ist derjenige, der die Ahnungslosigkeit und Insuffizienz des Liberalismus gegenüber der Gewalt so hellsichtig feststellt, des­halb ein Feind der Freiheit? Ist ein totali­tärer Denker, wer als erster deutlich aus­gesprochen hat, daß sich die Despotie der Zukunft von allen früheren diktatori­schen oder absolutistischen Einmann- oder Cliquenherrschaften durch die mo­nopolistische Verfügungsgewalt über den technischen Apparat unterscheiden werde?

Donosos Lehre von der Diktatur

Vor diesem apokalyptischen Hinter­grund muß die Diktaturlehre des Spani­ers beurteilt werden. Zu beachten ist, daß er mit einer Situation rechnet, in der nicht länger zwischen Diktatur und Frei­heit gewählt werden könne, in der viel­mehr nur die Wahl zwischen präventi­ver, gemäßigter und bewahrender Dikta­tur einerseits, extremer, uneingeschränk­ter und revolutionärer Tyrannei andrer­seits bestehe. Dies ist der Sinn seiner pla­kativen Unterscheidung zwischen der „Diktatur des Dolches“ und der „Dikta­tur des Säbels“, wobei er die zweite ent­schieden bevorzugte, „weil sie vorneh­mer und ehrenvoller ist.“
Dieser Unterscheidung liegt zweifellos auch Donosos aristokratische Vorliebe zugrunde. Der Dolch symbolisiert für ihn Umsturz, Anarchie, Pöbelherrschaft, Terror des entfesselten Mobs. Der Säbel oder Degen erscheint ihm hingegen als Sinnbild einer Ordnungsdiktatur, die sich wenigstens im großen Ganzen an die Normen der überlieferten Kultur hält und einen „schützenden Damm“ bildet, „der die anstürmenden Wogen zurück­hält und der Menschheit das Schicksal erspart, von den Fluten der Barbarei be­graben zu werden“.

Bemerkenswert ist in diesem Zusam­menhang ein Punkt, auf den vor kurzem Martin Thoemmes nachdrücklich hinge­wiesen hat: Für Donoso Cortés, den Rat­geber, Freund und Botschafter der spani­schen Königin, ist das Thema Monarchie nicht mehr aktuell. Seine persönliche Loyalität gegenüber der Krone hindert ihn nicht daran, illusionslos festzustel­len, daß die Todesstunde der dynasti­schen Legitimität bereits geschlagen ha­be. In seinem Herzen hat er das König­tum gewiß bis zuletzt begünstigt; aber dem politischen Kopf schien die damals noch die Gemüter leidenschaftlich erre­gende Streitfrage Monarchie oder Repu­blik überholt. Nicht mehr die monarchi­sche Legitimität steht für ihn zur Debat­te, sondern die Legitimität allgemeiner Interessen eines Staatswesens, das sich in einer abnormalen, ja todgefährlichen Kri­se befindet. Für diesen äußersten Ernst­fall entwarf er das Modell einer „Dikta­tur des Säbels“, die berechtigt sei, auch sonst gültige Gesetze zu übertreten, wenn in einer von den Gesetzen gar nicht vorhergesehenen Weise das Allgemein­wohl bedroht werde. Mit Totalitarismus hat dieses Konzept logisch nichts zu tun, so wenig geleugnet werden soll, daß es manche Fragen of­fenläßt und, wie jedes politische Theo­rem, sich mißbräuchlicher Benutzung anbietet. Wer bestimmt darüber, was das Allgemeinwohl sei? Wem kommt das Recht zu, den Ausnahmezustand oder den Fall einer die normalen Gesetze auf­hebenden Staatsnotwehr zu erklären? Auf diese Fragen hat Donoso nicht geant­wortet. Aber ich glaube nicht, daß des­halb sein Problem abgetan ist. Es genügt, einige weitere Fragen zu stellen, auf die Donoso gar nicht antworten konnte, um zu zeigen, in wie hohem Maße er mehr in das zwanzigste als ins neunzehnte Jahr­hundert gehört.

Fragen von unverminderter Bedeutung

Ich frage zum Beispiel, durchaus der Li­nie des hier vorzustellenden Denkers und Sehers folgend: Hätte General von Schleichers Vorschlag, die drohende Re­gierungsübernahme durch Hitler durch eine befristete Militärdiktatur zu verhin­dern, bei den Ende 1932 verantwortli­chen deutschen Politikern – vor allem aber bei den demokratischen – Zustim­mung finden sollen? Hätten die Attentä­ter des 20. Juli 1944 im Falle eines Erfolgs am nächsten Tag die Rückkehr zu jener liberalen Demokratie verkünden sollen, die nicht imstande gewesen war, Hitlers Machtergreifung oder Machterschlei­chung zu vereiteln? War General Pino­chet im September 1973 dazu berechtigt, die Verfassung zu brechen, nachdem sie vorher in beharrlicher und notorischer Weise von dem Volksfrontpräsidenten Allende verletzt worden war? Ist, wenn einem schon keine andere Wahl bleibt, einer autoritären Diktatur der Vorzug vor einem totalitären Regime zu geben?

Stimmt es denn wirklich, daß alle Dik­taturen – „rechte“ wie „linke“ – gleich schlecht und verdammenswert seien? Kann man Dollfuß, Salazar, Kemal Atatürk, Peron oder auch Franco in ei­ne Reihe mit Stalin, Hitler, Mao Tse-tung oder Pol Pot stellen, bloß weil sie keine Verfechter der liberalen Demo­kratie waren? Ich werde noch konkre­ter: Soll Stärke ein Vorrecht faschisti­scher oder kommunistischer Regime bleiben? Sind wir dazu verurteilt, zwischen Regierungen wählen zu müssen, die entweder für unser Frei­heitsbedürfnis zu stark oder für unser Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und staatlicher Souveränität zu schwach sind? Sind Selbstbehaup­tung, Unterscheidung und Abgren­zung bis zur Intoleranz und Diskrimi­nierung von vornherein antidemokra­tische Verhaltensweisen? Darf ein freiheitlich-rechtsstaatliches Gemein­wesen gegebenenfalls nicht auch ein Feindbild haben und feindfähig sein? Scheinbar bin ich mit diesen frage­weise vorgebrachten Erwägungen weitab von Donoso Cortés Gedanken­gängen gelangt. Aber es verhält sich umgekehrt. Mich beschäftigt dieser Spanier seit mehr als fünfundzwanzig Jahren, weil er den Leser dazu zwingt, sich diesen aktuellen Fragen zu stel­len. Donoso Cortés verdiente nur hi­storisches Interesse, wäre er bloß ein mehr oder minder beredsamer Vertei­diger überholter Machtverhältnisse gewesen. Er war dies aber nicht oder bloß am Rande. Seine herausfordern­de Bedeutung besteht darin, daß er in einer Zeit, in der die Monarchie von Rußland bis Spanien gesamteuropä­isch der Regelfall war, mit divinatori­schem Sinn Probleme des nachlibera­len Zeitalters zur Sprache brachte.

Es mag in der Bundesrepublik Deutschland nicht opportun sein, an Donosos Einsichten zu erinnern; ebenso mag der Katholizismus in sei­ner heutigen Verfassung sich von die­sem glühenden Apologeten katholi­scher Dogmatik betreten oder sogar angewidert abwenden. Aber diese Abneigung spricht durchaus nicht ge­gen, sondern für die Aktualität des Spaniers, der 1849 seinem Freund Graf Raczynski bekannte: „Eine ent­setzliche Angst erdrückt mein Herz, wenn ich den Lauf der Geschichte be­trachte und dabei die allmächtige Ge­walt feststellen muß, die dem Bösen auf Erden eingeräumt ist. Die Be­hauptung, daß es die Wahrheit sei, die immer siege, oder daß das Gute im­mer stärker sei als das Böse, ist für mich nicht viel mehr als eine billige Phrase.“

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