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Ziel strategische Autonomie?

Von Oberstleutnant Matthias Puschnig

Die europäische Verteidigungsunion

Am 27. August 2018 hat Präsident Macron bei der jährlichen Konferenz der Französischen Botschafter folgende bemerkens­werte Sätze gesagt: „In gewisser Weise haben Frankreich und Europa die neuen Bedrohungen unserer Zeit sowie die Tatsache zur Kenntnis genommen, daß wir eine strategische Autonomie und eine Verteidigungsautonomie brauchen. […] Europa kann seine Sicherheit nicht mehr allein den Vereinigten Staaten überlassen. […] Ich möchte, daß wir zusammen mit unseren euro­päischen Partnern im weiteren Sinne, also auch mit Rußland, über diese Themen nachdenken. Substantielle Fortschritte zur Beilegung der Krise in der Ukraine sowie die Einhaltung des OSZE-Rahmens – ich denke insbesondere an die Situation der Beobachter im Donbass – sind selbstverständlich Vorbedingungen […] Doch das sollte uns nicht davon abhalten, ab sofort unter Europäern daran zu arbeiten.“ Einen halben Monat später, am 12. September, hielt Jean-Claude Juncker eine Rede zur Lage der Union vor dem EU-Parlament. Dabei sagte er: „Die internationale Ordnung, die nicht nur uns Europäern seit dem Zweiten Weltkrieg so gut gedient hat, gerät zunehmend durcheinander. […] Die Bündnisse von gestern könnten unter Um­ständen nicht mehr die Bündnisse von morgen sein. […] Jetzt schlägt die Stunde der europäischen Souveränität. Die Weltpoli­tik verlangt es von uns. Es ist an der Zeit, daß Europa sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Es ist an der Zeit, daß Europa das entwickelt, was ich ‚Weltpolitikfähigkeit‘ nenne – die Fähigkeit, die Geschicke der Welt als Union mitzugestalten. Es ist an der Zeit, daß Europa zum souveränen Akteur auf der Weltbühne wird. […]“

China grenzt an eine Art Binnenmeer: Von Korea über Japan mit seinen vielen Inseln, Taiwan, die Philippinen bis hin zum Süden mit Indonesien und Malaysia – nirgends befindet sich eine Lücke für chinesische Schiffe, die größer als 150 Seemeilen ist, nirgends hat China ungehindert Zugang zur hohen See.

Jean-Claude Juncker fährt in seiner Re­de fort: „Es ergibt keinen Sinn, daß wir in Europa unsere Energieimporte – die sich auf 300 Milliarden Euro pro Jahr belaufen – zu 80 Prozent in US-Dollar bezahlen. Schließ­lich stammen nur rund zwei Prozent unserer Öleinfuhren aus den USA. Genauowenig Sinn macht es, daß europäische Unterneh­men europäische Flugzeuge nicht in Euro, sondern in Dollar erwerben. Deshalb wird die Kommission noch in diesem Jahr Initiati­ven vorlegen, um die internationale Bedeu­tung des Euro zu stärken. Der Euro muß das Gesicht und das Werkzeug der neuen europä­ischen Souveränität werden“.

Wieder zwei Wochen später, am 29. September, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“:

„Die Europäer wagen den Aufstand gegen Donald Trump. […] In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem iranischen Außen­minister Mohammad Javad Zarif gab die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini be­kannt, die EU werde eine Zweckgesellschaft gründen mit dem Ziel, den Zahlungsverkehr mit Iran aufrechtzuerhalten. Zweck dieser Bank: Trumps Sanktionen gegen Iran umge­hen. Die Europäer, Rußland und China knüpfen daran die Hoffnung, das Atomab­kommen mit Teheran erhalten zu können, auch wenn die USA am 4. November ihre Strafmaßnahmen gegen die iranische Ölin­dustrie und die Zentralbank des Landes wie­der in Kraft setzen.“

Vom Weltpolizisten zum obersten Spielverderber

Jeder dieser Aspekte – Rückzug der USA aus Europa, europäischer Angriff auf die Vormachtstellung des Dollar, Neuanfang mit Rußland, Abschaffung der bestehen­den multilateralen Organisationen – ist für sich genommen ein geopolitisches Erdbeben. Den bislang stärksten seismi­schen Ausschlag hat der amerikanische Außenminister Pompeo am 4. Dezember in Brüssel verursacht. In einer Rede vor dem German Marshall Fund hat er sich mehr oder weniger deutlich dafür ausge­sprochen, die wichtigsten multinationa­len Organisationen wie die UNO, die EU oder die Weltbank abzuschaffen und durch ein neues und besseres internatio­nales System zu ersetzen – und zwar un­ter Führung der USA. Die Frage ist nur: Sind das kleine Spannungserdbeben, nach denen sich alles wieder für Jahre be­ruhigt, oder sind das die Zeichen einer unaufhaltsamen tektonischen Plattenver­schiebung in der Weltordnung? Und wo­hin bewegt sich Europa in dieser politi­schen Kontinentaldrift?

Ist Europa tatsächlich auf dem Weg in eine strategische Autonomie? Und was heißt das eigentlich genau? Gelingt aus­gerechnet in der Außen- und Sicherheits­politik etwas, das in so vielen anderen Bereichen Stückwerk geblieben ist, näm­lich ein geeintes Europa? Als Militär beginnt man üblicherweise mit der Lagefeststellung, genauer: mit der Lage der anderen. Die USA sind nach wie vor die Garantiemacht der europä­ischen Sicherheit, und zwar schon allein wegen ihres Atomwaffenarsenals. Ihre Kriegsflotte ist so groß wie die Summe aller anderen Kriegs­flotten der Welt. Von 700 aktiven Satelli­ten sind 400 ameri­kanisch. Ihre Streit­kräfte haben nicht mehr den Umfang des Kalten Krieges, nehmen aber nach wie vor ihre über­seeische Präsenz in Europa, Ostasien und dem Nahen Osten uneinge­schränkt wahr. An­ders gesagt: Die Amerikaner halten nach wie vor ihre strategischen Vertei­digungslinien an den Gegenküsten in Europa und Ostasi­en. Kein vernünftiger amerikanischer Außenpolitiker, kein amerikanischer Mi­litärstratege würde die Stabilität dieses Systems jemals gefährden wollen. Trotz­dem geschieht es gerade. Sei es aus Sorge vor einer strategischen Auszehrung, sei es aus Gründen der handelnden Persön­lichkeiten: Die Trump-Administration hat die bisherige außenpolitische Rolle der USA als Stabilisator der globalen Ordnung aufgegeben und ist inzwischen so etwas wie der Disruptor in Chief, also der oberste Spielverderber geworden. Und für den Disruptor in Chief, der mit Deals ein neues internationales System bauen will, sind nicht die Verbündeten interessant, sondern die Gegner.

Rußland ist wirtschaftlich weder mit den USA oder China noch mit Europa zu vergleichen, trotzdem ist es aus drei Gründen ein strategischer Faktor: Weltraumprogramm, Atomwaffen und Rohstoffe. Wenn sich Europa von den USA emanzipieren will, steht dem vor allem ein großes Problem im Weg: der Nachschub an Rohstoffen und Energie. Nur eine enge Kooperation mit Rußland kann hier Abhilfe schaffen.

China und Rußland

Unter diesen Gegnern stellt China für die USA die größte Herausforderung dar. In Europa wird China demgegenüber zu­mindest in der öffentlichen Meinung derzeit nicht in erster Linie als sicher­heitspolitische Herausforderung gese­hen. Sicher, da ist der Versuch, mit künst­lichen Inseln die Meerengen zu gewin­nen, die das Südchinesische Meer von den Ozeanen trennten. Für die Chinesen ist es naturgemäß ungünstig, daß sie nur an eine Art Binnenmeer grenzen: Von Korea über Japan mit Okinawa, Taiwan, die Philippinen, Indonesien und Malay­sia – nirgends findet sich eine Lücke für chinesische Schiffe, die größer als 150 Seemeilen ist. Nirgends hat China den ungehinderten Zugang zur hohen See. Schließlich nutzt der schönste neue Flug­zeugträger wenig, wenn man damit nir­gends hinkommt. Die damit verbunde­nen Inselaufschüttungen und der Ver­such, über Pakistan und vor allem Bur­ma/Myanmar Zugänge zum Indischen Ozean und damit den Weltmeeren zu schaffen, sind aber vor allem eine Her­ausforderung für die USA.

In Europa sieht man eher die chinesi­sche Entwicklungs- und Handelspolitik, die Ausweitung der wirtschaftlichen Ein­flußsphäre in Asien, in Afrika und Süda­merika; Stichwort ist hier die Neue Sei­denstraße. Dafür gibt es in Europa auch durchaus Anerkennung: „Endlich Ent­wicklungshilfe, die funktioniert!“ Man möchte an der Neuen Seidenstraße auch gerne partizipieren – nicht nur in Paki­stan, auch in Griechenland, auch in Österreich. Und obwohl niemand ver­mutet, daß dahinter Nächstenliebe und Leidenschaft für fairen Wettbewerb ste­hen: China befindet sich, im Gegensatz zu den USA, nicht im Ruf, Gewalt zu ex­portieren, und wird vielfach als willkom­menes Gegengewicht zum einzigen ver­bliebenen Hegemon gesehen. Was schon eher Sorgen bereitet, ist die künftige Po­sition Europas in der Weltwirtschaft. Früher war es die chinesische Lizenzpi­raterie, die hingenommen wurde, um Zugang zum chinesischen Markt zu be­kommen. Heute kaufen chinesische Un­ternehmen ganze Schlüsselunternehmen in Europa ein – vom Hafen in Piräus bis zum deutschen Roboterhersteller.

Und schließlich Rußland. Zwar ist Rußland wirtschaftlich weder mit den USA oder China noch mit Europa zu ver­gleichen. Trotzdem ist es ein strategi­scher Faktor, und zwar aus drei Grün­den: sein verhältnismäßig großer Fußab­druck im Weltraum, seine Atomwaffen und natürlich seine Rohstoffe. Dabei hat sich das Verhältnis Europa-Rußland in den letzten Jahren massiv verschlechtert: Da war die NATO-Osterweiterung und ihre unterschiedliche Wahrnehmung in Europa und in Rußland, da ist die Ukrai­ne zerrissen zwischen EU und Rußland, die sie beide nicht wirklich wollen, die Krim-Krise mit ihrer sehr unterschiedli­chen völkerrechtlichen Bewertung. Noch 2013 gab es Stabsgespräche europäischer Nationen mit dem russischen General­stab zu gemeinsamen militärischen Übungen auf russischem Boden. Wie weit entfernt erscheint das heute – nach nur sechs Jahren?

Zur NATO gehören außer den USA und Kanada auch die Nicht-EU-Länder Norwegen und die Türkei. Präsident Trump fordert von den europäischen Staaten, ab sofort jährlich mindestens 2 % ihres BIP für die Rüstung aufzuwenden, was für die meisten Länder eine Steigerung um 50–100 % bedeutete. In naher Zukunft sollen die Europäer sogar 4 % des BIP für Rüstungszwecke aufwenden. Der Hintergrund ist klar: Hauptlieferant werden die USA sein, ein europäisches Rüstungsprogramm hilft der amerikanischen Konjunktur

Transatlantiker gegen Eurozentriker

Soviel zur Lage. Welche Ziele haben die USA, China und Rußland eigentlich ins­gesamt und in bezug auf Europa? Rück­zug oder Steigerung des Einflusses, Part­nerschaft oder Schmarotzertum? Bei Chi­na und Rußland kann man nur mit ge­heimdienstlichen Mitteln etwas aus dem innersten Zirkel der Macht erfahren, und das gelingt allenfalls sporadisch. Bei den USA ist das schon prinzipiell einfacher, dank der intensiven Beziehungen auf al­len Ebenen. Allerdings gibt es dort min­destens zwei verschiedene Absichten: die des Präsidenten und die des politischen Systems. Direkte Folge dieser Unklarheit sind zwei grundsätzlich entgegengesetz­te Bewertungen der außen- und sicher­heitspolitischen Lage im europäischen Politikbetrieb.

Auf der einen Seite stehen die Transat­lantiker. Ihre Argumentation geht von dem unbestreitbaren Faktum aus, daß die USA die mit Abstand größte Militär­macht sind. Wenn wir Europäer sie in unserem Lager halten oder, besser ge­sagt, wenn wir uns in ihrem Lager halten können, bekommen wir wie bisher äuße­re Sicherheit zu geringstmöglichen Ko­sten. Sie sind der größte Markt der Welt, mit dem wir noch dazu wirtschaftlich engstens verflochten sind. Was heißt ver­flochten? Abhängig! Stichworte sind Weltraum, Software, Internet. Es ist kaum in unserem Interesse, ressourcen­arm wie wir sind, für eine ungewisse Zu­kunft zu opfern, was seit Jahrzehnten ei­gentlich ganz gut funktioniert. Diese Po­sition wird von den Osteuropäern einge­nommen, aber auch von Finnland und Schweden, beide neutral, beide keine NATO-Mitglieder und damit vielleicht die größten Trittbrettfahrer. Und dann sind da noch die Briten, die nicht erst seit dem Brexit europäische Problemlösun­gen für Hirngespinste halten.

In der Sicherheitspolitik meinen sie al­le übereinstimmend: Es bleibt am besten alles so, wie es ist. Wir Europäer täten gut daran, den Vorgaben und Vorstel­lungen der USA zu folgen, sei es unmit­telbar oder sei es abgemildert über die NATO. Ab und zu könne man sich ja auch mal elegant zurückhalten, wenn es zum Beispiel gegen den nächsten Schur­kenstaat geht. Diesen Standpunkt mag man als Unterwürfigkeit ansehen oder als realpolitische Einsicht in die Funkti­onsweise von Bündnissen mit einem He­gemon. Die Kelten haben damit unter den Römern nur gewonnen, die Slowa­ken in Österreich-Ungarn. Dem stehen die Eurozentriker gegen­über. Deren Argumentation geht unge­fähr so: Sehen wir den Tatsachen ins Au­ge, die Amerikaner wollen nicht mehr. Wir in Europa müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir sind eine Wirtschaftsmacht, weil wir weitgehend und erfolgreich mit einer Stimme spre­chen. Wenn schon nicht in der Haus­halts- und Währungspolitik, dann auf je­den Fall im internationalen Handel. Wenn wir das auch in der Außenpolitik endlich schaffen, könnten wir uns von den USA emanzipieren, die ohnehin im­mer mehr ihr eigenes Interesse ins Auge fassen, unsere Interessen vernachlässi­gen und unsere Außenpolitik konterka­rieren, wie zuletzt beim Atomabkommen mit dem Iran, wo wir inzwischen wieder vor Sanktionen seitens unseres angeblich größten Verbündeten stehen. Wir sind durchaus in der Lage, technologisch ne­ben den USA zu bestehen, mehr Einwoh­ner als die USA haben wir auch, im Schnitt sind wir besser ausgebildet. Wenn etwas fehlt, dann Bodenschätze. Ohne die Sicherung unserer Seewege durch die Amerikaner könnte es natür­lich zum Problem werden, wenn der Nachschub für unsere Industrie zäh und nur noch zu hohen Kosten fließt. Aber die Lösung ist zum Greifen nah: Ruß­land. Wenn Konflikte bestehen, müssen diese ausgeräumt werden, das kann doch nicht so schwer sein.

Diesen etwas nonchalant dargelegten Standpunkt vertreten längst nicht nur ir­gendwelche russophilen Zirkel und randständige politische Parteien, son­dern immerhin auch der französische Präsident. Dazu gehören, mehr oder minder ausgeprägt, die Mittelmeeranrai­ner und übrigens auch Österreich. Insge­samt kann man sagen: Die Eurozentriker setzen auf die alte EU und, zumindest implizit, auf Rußland. Sicherheitspolitisch folgt daraus: Die Streitkräfte Europas müssen autonom werden, sich also unter anderem unab­hängig von Lizenzen und Know-how aus den USA machen. Sie müssen ein atomares Gleichgewicht, zumindest eine Zweitschlagsfähigkeit aufbauen, damit Rußland Europa als Verhandlungspart­ner ernst nimmt. Und sie müssen gleich­zeitig die Fähigkeit zur Intervention ha­ben, um zumindest in Europas Hinterhof in Afrika und im Nahen Osten für Ord­nung zu sorgen. Sie müssen ungefähr da­hin kommen, wo die USA heute sind – vielleicht mit weniger Flugzeugträgern. Trotzdem ist klar: Das wird richtig teuer! Aber europäische Technologie und euro­päische Industrie werden dadurch auch erheblich gestärkt. Die Amerikaner ma­chen ja immer wieder vor, welche Inno­vationskraft von einer kräftigen und gut funktionierenden Rüstungsindustrie ausgeht.

Der Vollständigkeit halber sei noch die dritte Position erwähnt: Sowohl als auch, weder noch, mäßigend, beharrend, ver­mittelnd, die Wogen glättend wo es geht, damit die Situation nicht ungesteuert es­kaliert. Europa stärken, ohne den USA den Stuhl vor die Tür zu stellen. Mit Rußland reden und zusammenarbeiten, ohne den eigenen Standpunkt aufzuge­ben. Also alles sehr vernünftig und un­aufgeregt, nicht unbedingt die große Vi­sion, aber das muß ja nicht schlecht sein. Diese Haltung nimmt gegenwärtig Deutschland ein, aber auch, mehr oder weniger stark ausgeprägt, die Benelux- Staaten. Anfang November 2018 konnte man alle drei Positionen wie in einem Experi­ment aufeinander reagieren sehen: Zu­erst hat Präsident Macron in einem Ra­diointerview die Armee der Europäer gefordert. Daraufhin hat ihn Präsident Trump über Twitter daran erinnert, daß die Franzosen schon angefangen hatten, Deutsch zu lernen, bevor ihnen die USA das letzte Mal unter die Arme greifen mußten. Und die deutsche Kanzlerin hat sich dann in einer Rede vor dem Europä­ischen Parlament zwar zur Armee der Europäer bekannt, dabei aber jeden Ge­gensatz zur NATO wörtlich als lächerlich bezeichnet.

Am 11. Dezember 2017 beschlossen alle EU-Staaten inklusive Österreichs mit Ausnahme von Portugal, Irland, Großbritannien und Dänemark die Schaffung einer europäischen Verteidigungsunion. Damit ist nicht eine gemeinsame Streitmacht gemeint, sondern eine Neuordnung der Rüstungsindustrie. „Das Ziel ist […], daß Europa nicht mehr 28 Schützenpanzer hat, sondern 2 […], daß in Europa nicht mehr fünf verschiedene Kampfflugzeuge produziert werden, sondern zwei. Und daß diese Systeme alle technisch zusammenarbeiten können […].“

Die Frage des Verteidigungsbudgets

Fazit: In Europa besteht derzeit bedauer­licherweise keine Einigkeit über die zu­künftige Ausrichtung der Außenpolitik. Und in dieser Situation, bei laufender Diskussion – Ausgang völlig offen – ge­schieht etwas typisch Europäisches: Man weiß zwar außenpolitisch noch nicht, wo man hinwill, fängt aber mit der sicher­heitspolitischen Umsetzung schon ein­mal an. Und der Grund, warum man an­fängt, ist, daß die USA, v. a. Präsident Trump, die Europäer dazu zwingt.

Blicken wir dazu auf die Situation vor der letzten amerikanischen Präsident­schaftswahl zurück. Beim Wales Summit der NATO 2016 wurde, übrigens nicht zum ersten Mal, das Zwei-Prozent-Ziel für die Rüstungsausgaben verkündet: Die NATO Mitgliedstaaten haben sich selbst verpflichtet, 2 % ihres Bruttoin­landsproduktes jährlich für Rüstung auf­zuwenden. Bei der Verkündung blieb es aber auch. Eine tatsächliche Steigerung der Verteidigungsbudgets in den EU-Staaten fand nicht statt. Erfüllt wurde das Ziel nur von ein paar baltischen Staa­ten, deren Verteidigungsausgaben aber längst aus Sorge vor den Russen diese Höhe erreicht hatten, und von den Grie­chen, bei letzteren vor allem aufgrund des schwachen Bruttoinlandsproduktes. Anfang 2017 kam Präsident Trump. Seit­her fordert er diese 2 % bei jeder ihm passend erscheinenden Gelegenheit laut­stark ein. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Dieses Jahr. Und wenn die 2 % erreicht sind, sollen die Europäer so­fort auf 4 % gehen. Andernfalls kündi­gen die USA den Versicherungsschutz. Warum eigentlich? Warum sollen die Europäer ihre konventionelle Rüstung so massiv steigern? Mit der Vorausstatio­nierung von NATO-Truppen in Osteuro­pa sind sogar die größten Russenfresser eigentlich saturiert: Kein Außen- oder Si­cherheitspolitiker erwartet ernsthaft, daß Rußland Soldaten aus den USA, aus Großbritannien, Kanada oder Deutsch­land angreifen wird. Man mag von Putin halten, was man will, manchmal verkal­kuliert er sich auch, aber er ist kein Ha­sardeur, der mit dem Roten Knopf spielt.

Es geht hier um etwas ganz anderes: Die Beschwerden der Amerikaner über die Trittbrettfahrerei der Europäer sind so alt wie die NATO selbst. Jeder Experte weiß, daß es dabei gar nicht in erster Li­nie um äußere Sicherheit geht. Denn die Versicherungspolice, die die Europäer bei den Amerikanern gezeichnet haben, funktioniert nach dem Rational: Die USA refinanzieren ihren Staatshaushalt und damit ihre Rüstung durch Anleihen auf dem Weltmarkt, die durch die Sicher­heitsempfänger, also unter anderem durch die Europäer, gezeichnet werden. Da der Dollar die einzige globale Reser­ve- und Abwicklungswährung ist, kön­nen sich die Amerikaner praktisch unbe­grenzt verschulden. Jetzt kommt es aber immer wieder da­zu, daß auch die amerikanische Wirt­schaft lahmt. Amerikaner heilen solche Konjunkturkrisen am liebsten, indem sie einfach noch mehr Schulden aufnehmen, die Staatsausgaben erhöhen und damit der Wirtschaft zu neuen Impulsen ver­helfen. Das klappt auch gut, die Kon­junktur springt an, wir erleben es jetzt gerade wieder. Es klappt aber noch bes­ser, wenn auch andere das amerikani­sche Wachstum mitfinanzieren. Zum Bei­spiel, indem sie amerikanische Rüstungs­güter kaufen. Es war daher schon immer ein typischer Nebeneffekt amerikani­scher Konjunkturprogramme, an den Verteidigungsausgaben der Europäer herumzunörgeln. Das gab es bei den Re­publikanern Nixon, Reagan und den Bu­shs genauso wie bei Johnson und Clin­ton. Wenn Deutschland, Frankreich, Itali­en, Spanien oder wer auch immer in Eur­opa dieses Jahr 2 % ihres Bruttoinlands­produktes für Rüstungsgüter ausgeben wollten, also in den meisten Fällen 50 bis 100 % mehr als zur Zeit, dann gäbe es nur einen einzigen, der überhaupt liefern könnte: die USA. Wie Bill Clinton einmal so treffend sagte: “It’s the economy, stu­pid.” Es geht also eigentlich nicht um die konventionelle Sicherheit in Europa, die ist schon aufgrund des Atomregimes nicht ernsthaft gefährdet, sondern um wirtschaftliche Interessen.

Ziel Verteidigungsunion

Die Reaktion darauf ist jedoch bemer­kenswert: Die Europäer zeigen Nerven und Weitblick. In einer diplomatischen Großaktion und über das gesamte Jahr 2017 hinweg schwören Deutschland und Frankreich alle Mitgliedstaaten der EU auf eine gemeinschaftliche Neuordnung der Rüstungsindustrie ein. Die Briten ha­ben sich mit dem Brexit selbst aus dieser Diskussion verabschiedet, sonst hätten sie diese Initiative mit Sicherheit verhin­dert. Das Ziel ist, vereinfacht gesagt, daß Europa nicht mehr 28 Schützenpanzer hat, sondern zwei (einen auf Rad, einen auf Kette), daß in Europa nicht mehr fünf verschiedene Kampfflugzeuge produ­ziert werden, sondern zwei. Und daß diese Systeme alle auch technisch zusam­menarbeiten können – Interoperabilität ist hier der Fachbegriff. Daß alle Europä­er mit der gleichen Munition, den glei­chen Materialien und den gleichen Er­satzteilen versorgt werden können. Daß die Soldaten europaweit auf den gleichen Systemen ausgebildet werden. Daß nicht mehr jeder Staat auf seine eigene Rü­stung schaut und bei jeder Beschaffung nach Gegengeschäften giert, sondern daß unter europäischer Federführung eine integrierte europäische Rüstungsindu­strie entsteht, die Europa alle benötigten Fähigkeiten selbst liefern kann. Und für diese Ziele werden jetzt tatsächlich die Budgets erhöht – aber für Investitionen in Europa! Und man beginnt bereits, ernsthaft über ein eigenes strategisches Hauptquartier nachzudenken. Das ist gemeint, wenn von einer euro­päischen Verteidigungsunion und einer Armee der Europäer die Rede ist, und nicht etwa, wie das vielfach – sei es aus Unkenntnis, sei es mit böser Absicht – behauptet wird, von einer großen Streit­macht, in der alle europäischen Nationen vermischt sind.

Aber auch hier muß man die Frage stellen: Woher kommt dieser plötzliche Elan? Wieso ziehen Transatlantiker und Eurozentriker plötzlich an einem Strang? Warum macht die EU das, wenn doch ohnedies kein Europäer wirklich an den Angriff der Russen glaubt? Ganz einfach: Rüstung ist traditionell der größte Tech­nologietreiber, und zwischen dem tradi­tionellen Technologieführer USA und den aufstrebenden Chinesen würden wir Europäer gerne unsere Position in der Weltwirtschaft behaupten. Das alles ver­birgt sich hinter dem Begriff PESCO, Per­manent Structured Cooperation, einer Initiative, die Ende 2017 nach nur einem knappen Jahr der Verhandlungen durch die EU ins Leben gerufen wurde, der auch Österreich beigetreten ist und die tatsächlich begonnen hat, die europä­ische Rüstungsindustrie zu verändern. Man nutzt also eine vordergründig si­cherheitspolitische Diskussion, um indu­strie- und technologiepolitisch einmal wirklich vorwärts zu kommen. Deshalb hat das Rüstungsthema auch Rücken­wind, weil es eben mit dem wirtschaftli­chen Interesse der EU und ihrer Mit­gliedstaaten zusammenfällt. Wie gesagt: It’s the economy, stupid. Und genau da­durch werden auch die Transatlantiker und die Eurozentriker zusammengehal­ten. Noch!
Denn entsprechend groß war natürlich die Empörung der amerikanischen Re­gierung: „Die Europäer wollen selber bauen und nicht bei uns kaufen? So war das nicht gedacht!“ Man konnte übrigens 2017 immer ganz klar erkennen, wann den Europäern wieder ein Durchbruch gelungen war: Pünktlich eine Woche später kam eine Tirade Donald Trumps über Twitter. Aber die Europäer haben nachgelegt und trotz Trump im letzten Jahr auf dem Weg zu einer Europäischen Verteidigungsunion mehr erreicht als in allen 53 Jahren seit der Gründung der Westeuropäischen Union zusammen.

Drittstaatenregelung

Inzwischen ist es vordergründig etwas ruhiger geworden, denn die Amerikaner haben vorerst die Taktik geändert und den nach wie vor verbissenen Kampf hinter die Kulissen verlagert. Das Stich­wort hier lautet „Drittstaatenregelung“. Was steckt dahinter? Die Amerikaner versuchen, mit Hilfe der Transatlantiker in der EU einfach an möglichst viel Ge­schäft zu kommen, indem sie an jedem Projekt so weitgehend wie möglich betei­ligt sind. Vordergründig geht es um ex­klusives Know-how, das man woanders als in den USA nicht bekommt, oder um exklusive Fähigkeiten für Missionen, bei­des unbestreitbare Probleme für die Eu­ropäer. Tatsächlich aber geht es darum, möglichst viele Verträge für amerikani­sche Tochterfirmen an Land zu ziehen, damit Europa dann indirekt doch wieder in den USA kauft. Und tatsächlich bröckeln die Fronten zwischen Transatlantikern und Eurozen­trikern. Österreich beispielsweise steht der NATO und damit den USA durchaus kritisch gegenüber, favorisiert grund­sätzlich europäische Lösungen, möchte aber trotzdem verhindern, daß die eige­nen Rüstungsunternehmen, die in US-Ei­gentum stehen, leer ausgehen. Bekannte­stes Beispiel: Das Steyr-Panzerwerk in Simmering gehört General Dynamics.

Fassen wir zusammen: Die USA versu­chen, einen Nachfrageboom für ihre ei­gene Rüstungsindustrie zu erzeugen, und finden dabei Fürsprecher unter den Transatlantikern, die zwar die eigene In­dustrie im Auge haben, welche aber wie­derum teilweise in amerikanischem Ei­gentum steht. Die Eurozentriker nehmen den sicherheitspolitischen Vorwand ger­ne auf, um industrie- und technologiepo­litisch einen großen Schritt im Wettbe­werb mit den Amerikanern, aber auch den Chinesen, vorwärts zu kommen und global im Rennen zu bleiben. Dieses Tau­ziehen findet gerade jetzt in den Gremien in Brüssel, bei den Ministertreffen und zwischen den Hauptstädten tagtäglich statt. Und nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch in einem wesentlich breite­ren strategischen Kontext. In diesem Zu­sammenhang muß beispielsweise die En­ergiepolitik betrachtet werden. Erneuer­bare Energien haben nicht nur einen um­weltpolitischen Aspekt, sie machen Eur­opa auch vom Import fossiler Rohstoffe unabhängiger. Die Energiegeschäfte mit Rußland, die Gaspipelines beispielswei­se, sorgen dafür, daß Europa auch auf andere Importwege zugreifen kann, was die USA als klaren Nachteil für ihren Flüssiggasexport bekämpfen. Deshalb wettert Trump so gegen Deutschland und die Nord-Stream-Gaspipeline. Na­türlich erhöht sich die strategische Hand­lungsfreiheit Europas in gleichem Maße, wie die Abhängigkeit von bestimmten Energiequellen sinkt. In diesem Zusammenhang ist auch der Angriff der EU auf die Stellung des Dol­lars zu sehen. Und man sollte sich da kei­ne falschen Hoffnungen machen: Die Antwort der Amerikaner wird kommen, spätestens wenn die EU beginnt, ihre An­kündigungen in der Währungspolitik zu konkretisieren. Und sie wird heftig aus­fallen, ja heftig ausfallen müssen, ganz egal, wer gerade Präsident ist.

Frankreich und Deutschland stellten bereits im Sommer 2018 in Paris das gemeinsame Projekt des „European Main Battle Tank“ (EMBT) vor. Die Mitgliedstaaten der EU haben zusammen so viele Soldaten wie die USA, geben 50 % des Geldes für Rüstung aus und erreichen damit 15 % der Effektivität. Mit der angestrebten europäischen Verteidigungsunion sollen nun aber auch die europäischen Rüstungsausgaben steigen. Rüstung ist der größte Technologietreiber, und zwischen dem traditionellen Technologieführer USA und den aufstrebenden Chinesen würden die Europäer gerne weiterhin ihre Position in der Weltwirt-schaft behaupten

„Worst case“ und „Most likely case“

Wie ist das alles zu bewerten? Ist es mit der Sicherheitspolitik wie mit dem Euro? Bevor man sich über eine gemeinsame Fiskalordnung geeinigt hat, die gemein­same Währung? Bevor man sich über die Außenpolitik einig ist, arbeitet man schon an ihrem Instrumentarium und be­ginnt, die Verteidigungsstruktur in Euro­pa massiv umzubauen. Kann das sinn­voll sein? Bricht das Kartenhaus der Ge­meinsamen Sicherheits- und Verteidi­gungspolitik der EU nicht sofort zusam­men, wenn der Gegenwind aus den USA ernsthaft einsetzt?

Die Zukunft vorherzusagen, ist ein ris­kantes Geschäft. Trotzdem geht es nun einmal in der Politik oder, militärisch ge­sprochen, in der Strategie genau darum, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Aber auf welche Zukunft? Unter Strategen be­dient man sich in der Zukunftsanalyse der sogenannten Szenarientechnik. Man fragt dabei im ersten Schritt: Was kann alles passieren? Da gibt es natürlich un­glaublich viele Möglichkeiten, auch eini­ge recht unoriginelle, wie „Alles bleibt gleich“ oder „Alles wird gut“. Deshalb sucht man sich im zweiten Schritt zwei ganz bestimmte aus. Erstens: Was ist die wahrscheinlichste Entwicklung, der Most likely case? Und zweitens: Was ist die ge­fährlichste Entwicklung, der Worst case? Solche Szenarien sind immer generisch. Das heißt, sie erheben nie den Anspruch der Richtigkeit, sonst könnte es ja auch nicht zwei unterschiedliche geben. Sie konstituieren aber einen theoretischen Möglichkeitenraum, auf den man sich dann gezielt vorbereiten kann. Es besteht die Wahrscheinlichkeit oder zumindest die begründete Hoffnung, daß man eini­germaßen darauf vorbereitet ist, was dann tatsächlich eintritt.

Ein häufig diskutiertes Worst-case-Sze­nario könnte den Namen „Zwischen den Stühlen“ tragen. Europa redet so lange ergebnislos über strategische Autonomie, bis die USA sagen: „Das wollen wir doch einmal sehen. Wir ziehen unsere Trup­pen aus Europa ab und nehmen unsere atomare Garantie zurück. Das spart uns viel Geld. Und alle anderen Herausfor­derungen, sei es für unsere Währung, unsere Rüstungsexporte, unsere Energie­wirtschaft, beantworten wir aus rein na­tionalem Interesse, notfalls durch Sank­tionen, Vertragskündigungen und den Entzug von Services auf der hohen See, im Weltraum, im Internet usw.“ Wenn die Bindung zu den USA nun fundamen­tal und von jetzt auf gleich so geschwächt wird, bevor das Verhältnis zu Rußland auf neuen und belastbaren Füßen steht, hätte Europa die denkbar schwächste strategische Position: Das Atomregime wäre nicht geklärt. Die hohe See und da­mit die europäischen Handelswege wä­ren nicht mehr oder nur nachrangig ge­schützt. Das weltweite Zahlungssystem SWIFT, der Weltraum, das Internet, alles würde von den Amerikanern unilateral und nach eigenem Interesse gesteuert. Rußland und China, aber auch die USA könnten in Verhandlungen so ziemlich alles erreichen, was sie wollten. Sie alle würden so lange über ihre Stellvertreter Sand in das Getriebe der EU streuen, bis diese zerfällt, und könnten dann jeden Staat einzeln mit bilateralen Verträgen einsammeln.

Soviel also zum ungünstigsten Szena­rio. Nun zum wahrscheinlichsten. Man könnte ihm den Namen „Böse Überra­schung“ geben: Es passiert irgend etwas ganz anderes, was heute noch keiner auf der Karte hat. Das ist übrigens, wenn man so will, ein Szenario, in dem wir uns seit dem Ende des Kalten Krieges tat­sächlich befinden. Wenn man sich die di­versen sicherheitspolitischen Analysen nach 9/11 anschaut – der ja schon per se eine böse Überraschung war – , wenn man sich also die ganzen Weißbücher der Briten, der Franzosen, der Deutschen, der Amerikaner ansieht, dann liest man überall von Dingen, die inzwischen tat­sächlich eingetreten sind: Terrorismus, Proliferation von Massenvernichtungs­waffen und Aufrüstungstendenzen, Re­gionalkonflikte, Entwicklungshemmnis­se und fragile Staatlichkeit, Sicherheit der Ressourcen und der Kommunikati­on, Migration. Konkret wurden daraus: Arabischer Frühling in Tunesien, Libyen, Syrien, Kriegsflüchtlinge und Wirt­schaftsflüchtlinge aus praktisch allen prekären Staaten Afrikas und Asiens usw. Diese tatsächlichen und zumindest generisch richtig vorhergesagten Ereig­nisse haben aber um so peinlicher aufge­deckt: Obwohl eigentlich alles grund­sätzlich vorhergesagt war, obwohl wir in den richtigen Szenarien gedacht haben, waren wir auf diese überhaupt nicht vor­bereitet! Und das hat sich bitter gerächt und in der politischen Landschaft Euro­pas tiefe Spuren hinterlassen. Man be­denke, Deutschland war immer der Sta­bilitätsanker der EU. Das wird heute nicht mehr uneingeschränkt so gesehen. Noch 2014 war die Türkei ein schwieri­ger, aber wichtiger NATO-Partner mit EU-Ambitionen. Heute kauft die Türkei in Rußland Waffen, arbeitet mit Rußland und dem Iran in Syrien zusammen, und die USA verhängen Sanktionen über die Türkei. Sanktionen unter NATO-Mitglie­dern! Auch der Brexit zählt wohl zu den Spätfolgen dieser Ereignisse.

Stellen wir nun diese beiden Szenarien „Zwischen den Stühlen“ und „Böse Überraschung“ dem gegenüber, was die EU gerade tut, nämlich eine integrierte europäische Rüstungsindustrie und die Voraussetzung für eine europäische Ver­teidigungsunion zu schaffen. Im Szenario „Böse Überraschung“ ist das durchaus sinnvoll. Egal, welche au­ßen- und sicherheitspolitische Krise als Nächstes droht: Eine leistungsfähige Ver­teidigung kann sich besser darauf vorbe­reiten. Ein breiteres Fähigkeitsspektrum die Möglichkeit, Szenarien auch durch­zuplanen und durchzuüben, Ausrich­tung auf die gesamte europäische Nach­barschaft in einer 360°-Perspektive, mit allen Klima- und Höhenzonen und allen Domänen: Land, See, Luft, Cyber. Aber so hochfliegend müssen die Ziele gar nicht sein. Die Mitgliedstaaten der EU haben so viele Soldaten wie die USA, ge­ben 50 % des Geldes für Rüstung aus und erreichen damit 15 % der Effektivi­tät. Es würde ja genügen, wenn der letzte Indikator ansteigt. Dann wäre Europa vermutlich bereits in der Lage, autonom auf „Böse Überraschungen“ zu reagie­ren. Ob das dann immer zur richtigen Entscheidung führt, ist eine andere Fra­ge. Auf jeden Fall aber hätte man mehr politischen Spielraum, auch die langfri­stige außenpolitische Positionierung ei­genständig zu gestalten, weil man sich eben nicht bei jeder Gelegenheit auf die USA abstützen muß.

„Zwischen den Stühlen“ tritt, wie ge­sagt, ein, wenn sich EU und USA dauer­haft entfremden, bevor wir unser Ver­hältnis zu Rußland konstruktiv gestaltet haben. Auch hier muß man sagen: Ein höheres Maß an autonomer militärischer Fähigkeit und insbesondere an technolo­gischer Unabhängigkeit macht weniger erpreßbar und ist daher günstig. Aber Vorsicht: Auch die schönste EU-Armee, die auf Augenhöhe mit Rußland, viel­leicht auch China, agiert, nützt nichts oh­ne Atomwaffen. Wer jetzt davon schwa­droniert, daß auch Deutschland und Ita­lien oder am besten gleich die gesamte EU Atomwaffen brauchen, vergißt, daß das das Ende des Atomwaffen-Sperrver­trages und damit wahrscheinlich der Be­ginn einer weltweiten atomaren Aufrü­stung wäre. Das will niemand riskieren. Mittelfristig muß sich Europa daher auf die bestehenden europäischen Atom­mächte abstützen, also auf Frankreich und Großbritannien. Und deshalb ist es auch so wichtig, ob Großbritannien durch den Brexit an die USA heranrückt oder sicherheitspolitisch bei Europa bleibt. Aus dieser Warte wäre kaum ein Preis zu hoch für einen weichen Brexit.

Eine wesentliche Organisation der Transatlantiker ist die „Atlantik-Brücke e. V.“. Zu deren 493 Mitgliedern zählen Politiker wie Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Friedrich Merz, Journalisten wie Jan Fleischhauer („Spiegel“) und Claus Kleber (Leiter der ZDF-Nachrichtenredaktion) sowie führende Funktionäre aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden. Die Transatlantiker versuchen zu verhindern, daß die Streitkräfte Europas von den Lizenzen und dem Know-how der USA unabhängig werden, und wollen bewirken, daß amerikanische Firmen auch weiterhin an europäischen Rüstungsprojekten beteiligt sind. Auch europäische Rüstungsunternehmen stehen in US-Eigentum, etwa das Steyr-Panzerwerk in Simmering, das General Dynamics gehört.
Die verstärkte militärische Zusammenarbeit Europas steht in einem wesentlich breiteren strategischen Kontext. Erneuerbare Energien machen Europa vom Import fossiler Rohstoffe unabhängiger; das Energiegeschäft mit Rußland bekämpfen die USA als Nachteil für ihre Flüssiggasexporte. Europa muß sich zuneh¬mend auf eigene Beine stellen. Die USA drohen mit Sanktionen und der Kündigung von Handelsabkommen, die Europäer stellen umgekehrt die Rolle des Dollars als Weltreservewährung in Frage. Die Türkei als NATO-Partner arbeitet in Syrien eng mit Rußland und dem Iran zusammen, der wirtschaftliche Einfluß der Chinesen steigt auch in Europa, und der steigende Migrationsdruck aus dem Süden wird nur dann beherrschbar sein, wenn Europa fähig ist, in Afrika und dem Nahen Osten für Ordnung zu sorgen.

Strategische Autonomie bedeutet Unabhängigkeit von den USA

Vor dem Hintergrund dieser Szenarien kann man nun die gegenwärtige sicher­heits- und verteidigungspolitische Situa­tion der EU bewerten:

Wahrscheinlich erleben wir gerade ei­ne grundsätzliche Neuordnung der glo­balen Sicherheitsarchitektur. Das ist nichts Ungewöhnliches. Staaten und ins­besondere mächtige Staaten gestalten schon immer die Weltpolitik. Die europä­ischen Staaten, zumindest die großen un­ter ihnen, haben genau das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch gemacht. In­zwischen sind sie dafür nicht mehr mächtig genug. Die EU wiederum ist noch nicht geschlossen und daher noch nicht mächtig genug, gemeinsam zu han­deln. Dafür macht sie es aber gar nicht schlecht. Denn da wir höchstwahrschein­lich bald wieder vor neuen Herausforde­rungen stehen werden, die wir heute noch gar nicht absehen können, ist es in jedem Fall richtig, wenn die EU ihren ausgezehrten Sicherheitsstrukturen wie­der neues Leben einhaucht. Zumindest das sollten wir aus den letzten 20 Jahren gelernt haben: Es genügt nicht, die Risi­ken zu erkennen, man muß sich auch darauf vorbereiten. Und da die derzeiti­gen Bemühungen auch handfeste positi­ve Nebeneffekte haben, industriell und technologisch, besteht die Chance, daß der politische Rückhalt bei den Mitglied­staaten dafür dauerhaft erhalten bleibt. Entscheidend wird sein, wie erfolg­reich die EU sich durch die Klippen die­ser Fahrt in die strategische Autonomie hindurchmanövriert. Denn eine echte strategische Autonomie bedeutet in er­ster Linie Autonomie von den USA, die zwingend eine Neuordnung der Bezie­hungen zu Rußland als Voraussetzung hat. Es besteht die reale Gefahr, daß sich Europa damit zwischen alle Stühle setzt. Aber sitzt Europa dort nicht ohnehin be­reits? Die USA drohen mit Sanktionen und der Kündigung von Handelsabkom­men, die Europäer stellen umgekehrt die Rolle des Dollars in Frage. Das Sankti­onsregime gegen Rußland auf der ande­ren Seite kann ohne russisches Entgegen­kommen kaum einseitig gelockert wer­den, will man nicht eine totale diplomati­sche Niederlage hinnehmen. Vor allem aber ist man sich in Rußland nicht sicher, ob man tatsächlich sinnvoll mit Europa reden kann, oder ob es nicht besser ist, mit den USA über Europa zu reden. Und auch die Chinesen kommen gerade über die Balkanroute nach Europa – nur nicht zu Fuß, sondern im Businessjet. Wenn also Europa bereits zwischen den Stühlen sitzt, wenn es nur noch Ob­jekt der Weltpolitik ist und nicht mehr Subjekt, dann braucht es erst recht und so schnell wie möglich seine strategische Autonomie, um eine eigenständige Rolle zu spielen, um seine relativen Stärken auch in die Waagschale werfen zu kön­nen und um auf Augenhöhe über eine vorteilhafte Position in der geopoliti­schen Zukunft verhandeln zu können. Daher hat die EU einfach nicht die Zeit, sich in Ruhe auf eine Neugestaltung der Außenpolitik zu einigen. Daher muß sie jetzt handeln. Und sie tut es auch.

 

Der Autor: Oberstleutnant im General­stabsdienst Diplom-Kaufmann Matthias Puschnig ist während der österreichi­schen EU-Ratspräsidentschaft deutscher Austauschoffizier im Bundesministerium für Landesverteidigung in Wien. Davor war er mehrere Jahre in Berlin und Brüs­sel mit europäischer Sicherheitspolitik und der strategischen Einsatzführung in Europa, dem Nahen Osten und dem Ma­ghreb befaßt. Seine Generalstabsausbil­dung hat er am Canadian Forces College in Toronto durchlaufen. Er war am Bal­kan im Einsatz.

 
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