Archiv > Jahrgang 2018 > NO IV/2018 > Zar Paul I. 

Zar Paul I.

Katharina II., die direkt oder indirekt Mitschuld an der Ermordung ihres Mannes Zar Peter III. trug, isolierte ihren Sohn Paul und hielt ihn vom Thron fern.

Der gekrönte Konterrevolutionär

Von Wolfgang Akunow

Zar Paul I. aus dem Hause Romanow bestieg den russischen Thron im Alter von 43 Jahren als reifer, vernünftiger Mann, der bereits einen bis ins Detail durchdachten, wohlüberlegten Regierungs- und Reformplan besaß. Schon in seinen Jugendjahren dachte der künftige russische Zar an sein reformbedürftiges Heimatland. Der Kronprinz erstellte zahlreiche Gesetzentwürfe, die er jahrelang schliff und vervollkommnete und deren praktische Umsetzung er sorgfältig plante. In der Periode seines Le­bens, die Zarewitsch Paul von seiner Mutter Kaiserin Katharina II. in der Hauptstadt St. Petersburg entfernt ab August 1783 bis zu seiner Thronbesteigung im Vorort Gatschina verbringen mußte, reiften seine politischen Ansichten und Reformpläne.

Nach seinem tragischen Tod wurden ganze Berge von Heften entdeckt, die seine Notizen und Gedanken über Staat und Staatsordnung, Politik und Ge­setze, historische Exkurse und Aphoris­men über gekrönte Häupter sowie ande­re hervorragende Persönlichkeiten ent­hielten. Da Paul im voraus Pläne allseiti­ger Reformen entwickelt hatte, konnte er in seinen vier Regierungsjahren so viel zustande bringen.Paul war seit 1776 mit der Prinzessin Sophie-Dorothea von Württemberg ver­heiratet, die nach ihrem Übertritt zum orthodoxen Glauben Marie Feodorovna hieß. Pauls erste, 1773 geschlossene Ehe mit der Prinzessin Wilhelmine von Hes­sen-Darmstadt, die im gleichen Jahr an den Folgen einer Fehlgeburt verstarb, blieb kinderlos. Der zweiten Ehe mit Ma­rie Feodorovna entsprangen jedoch zehn Kinder. Allein diese Tatsache zeugt von Pauls glücklichen Familienleben. Er lieb­te seine Frau, die diese Liebe erwiderte. Erst in Pauls letzten Regierungsjahren wurden sie durch Hofintrigen voneinan­der entfremdet. Diese Entfremdung hät­ten sie jedoch bestimmt überwunden, wenn Paul am Leben geblieben wäre. Das Verhalten seiner Witwe nach Pauls Ermordung legt darüber ein beredtes Zeugnis ab. Von seiner Adoptivgroßmutter Zarin Elisabeth von Rußland, der Tochter Pe­ters I., erbte Paul ihre tiefe Religiosität und Liebe zum Gebet, von seiner Mutter Katharina II. ihre Klugheit und Bildungs­fähigkeit, von seinem Vater Zar Peter III. sein kindhaft offenes Gemüt, seine Ver­ehrung Friedrichs des Großen und seine Liebe zum Militär in preußischer Traditi­on. Die kinderlose Kaiserin Elisabeth nahm Paul noch als kleines Kind seiner Mutter Katharina weg, um ihn selbst zu erziehen. Ihrem Sohn dadurch entfrem­det, hat Katharina nach ihrer gewaltsa­men Thronbesteigung infolge eines Mili­tärputsches 1762 (wobei ihr Ehemann Zar Peter III. entthront und ermordet wurde) Paul zwar zum Thronerben er­klärt, ihn jedoch als gefährlichen Rivalen betrachtet. Im Geiste russischer Thron­folgetraditionen sollte sie das unmündi­ge Kind zum Zaren krönen lassen und bis zu seiner Volljährigkeit als Reichsver­weserin herrschen.

Konflikt mit Katharina II.

Nach Vollendung von Pauls 16. Lebens­jahr wurden die Stimmen immer lauter, er solle nun Kaiser werden, da Kathari­na II. kein Recht auf den Thron habe. In­folge dieser Gerüchte wurde Paul seiner Mutter, die zumindest Mitverantwor­tung an der Ermordung seines Vaters trug, noch unliebsamer. Daher tat sie mit Pauls Sohn Prinz Alexander das Gleiche, was Zarin Elisabeth seinerzeit mit Paul getan hatte: Sie entriß Alexander (sowie später auch Pauls übrige Kinder) den El­tern, um ihn auf ihre eigene Art zu erzie­hen. Katharina kam auf den Gedanken, den russischen Thron an ihren Enkel Alexan­der weiterzugeben und dabei ihren Sohn Paul zu umgehen. Sie hat diesen Plan zwar nicht umsetzen können; Paul und dem Hofstaat war er jedoch bekannt. Dies vergrößerte seine seelischen Span­nungen noch.
Paul, der schon als Kind vom gewalt­samen Tod seines Vaters Peter III. erfah­ren hatte, ehrte dessen Andenken und versuchte, ihn nachzuahmen. Dies reizte die von Gewissensbissen gequälte Katha­rina II. noch mehr. Sie hielt den seinem Vater auch äußerlich sehr ähnlichen Kronprinzen fern von St. Petersburg, in den Vororten Gatschina und Pawlowsk, ohne ihn in die Staatsgeschäfte einzuwei­hen. Pauls Sohn, der spätere Kaiser Alexan­der I., fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Vater und Großmutter, Gatschina und Petersburg, zerrissen. Für alle Beteiligten war dies ein großes seeli­sches, aber auch dynastisches Drama. Anderseits versetzten gerade diese tragi­schen Umstände den künftigen Kaiser Paul I. in die Lage, die Staats- und Regie­rungsgeschäfte seiner gekrönten Mutter gleichsam als Außenstehender und recht kritisch zu betrachten.

Noch lange vor seiner Thronbestei­gung begriff Paul folgendes:

• die Rechtswidrigkeit des Sturzes Kaiser Peters III., den kriminellen und unmoralischen Charakter seiner Ermor­dung und folglich auch der Thronbestei­gung Katharinas II.;

• die Unzulässigkeit der Unterord­nung des Zaren unter den Adel (der Hauptkonzession, die Katharina II. dem russischen Adel machen mußte, der als Gegenleistung ihren Thronraub akzep­tierte);

• die Verderblichkeit der Leibeigen­schaft der russischen Bauern und deren daraus resultierende Entfremdung vom Zaren;

• die Schändlichkeit und Schädlich­keit der Unzucht und des übermäßigen Luxus, die am St. Petersburger Hof herrschten und unter Katharina II. ihren Höhepunkt erreichten;

• die Unzulässigkeit der aus Frank­reich importierten Freigeisterei und re­publikanischen Stimmungen im russi­schen Adel, der die Zarin als sein Werk­zeug und seine Strohpuppe betrachtete.

Alle diese fünf negativen Besonderhei­ten des Lebens im damaligen Rußland waren nichts anderes als Merkmale der von Katharina durchgeführten „Revolu­tion“ (wie sie selber ihren Staatsstreich bezeichnete). Daher betrachtete Paul die „Konterrevolution“, d.h. Rußlands Rück­führung zu den gesunden und lauteren Grundsätzen dessen traditionellen Le­bens, als seine wichtigste Lebensaufgabe.
Paul, erzogen vom ehemaligen Außen­minister Graf Nikita Panin und von Pla­ton Levschin, dem späteren Metropoliten von Moskau, war als aufrichtig gläubiger Christ aufgewachsen, ein gutmütiger, of­fener, anständiger und kluger, jedoch jähzorniger, scharfer und kindhaft leicht­gläubiger Mensch. Das Leben konfron­tierte ihn mit Grobheit, Niedertracht, Habsucht, Bestechlichkeit, Betrug und anderen Lastern, die er verabscheute und später nach Möglichkeit hart bestrafte. Sein besonderer Haß galt den zahlrei­chen Günstlingen und Lustknaben seiner Mutter, die das Ehebett seines frevelhaft ermordeten Vaters besudelten. Als Paul nach dem Tod seiner Mutter zum Kaiser proklamiert wurde, ließ er zuallererst die sterblichen Überreste sei­nes Vaters Peter III. ausgraben und sie neben der Totenbahre Katharinas II. im Petersburger Winterpalast aufbahren. Zar Paul I. ließ den Sarg seines Meuchel­mörderhänden erlegenen Vaters öffnen und setzte dem Toten eigenhändig die Kaiserkrone auf. Danach wurden Pe­ter III. und Katharina II. gleichzeitig und gemeinsam in der Zarengruft der Peter-Paul-Kirche bestattet.

 

Als Paul nach dem Tod seiner Mutter zum Kai¬ser proklamiert wurde, erließ er verschiedene Gesetze zum Schutz der Leibeigenen und zur Eindämmung der Macht des Adels.

Der Volkszar

1797 traf Kaiser Paul I. in Rußlands Alt­hauptstadt Moskau ein. Hoch zu Roß, ohne Leibwache, mischte er sich furcht­los und gutgelaunt unter die jubelnde Volksmenge. „Meine Lieben!“ rief der Zar ihnen zu. „Ich werde alles tun, um euer Los zu erleichtern!“ So etwas hatte Rußland noch nie erlebt. „Das ist ein wahrer Zar!“ wurde gerufen, und ganz Moskau erbebte vor lauten Hurrarufen. Am 5. April 1797 las Paul I. das von ihm erstellte Gesetz über die Kaiserliche Familie. Dadurch wurde der Erlaß Kaiser Peters I. über das Recht des russischen Autokraten abgeschafft, seinen Nachfol­ger nach eigenem Gutdünken zu benen­nen. Von nun an wurde eine strikte Thronfolge eingeführt, wonach dem Va­ter sein ältester Sohn, im Falle der Kin­der- bzw. Söhnelosigkeit der älteste Bru­der auf den Thron folgte.

Kaiser Pauls neues Thronfolgegesetz unterband in Rußland für immer die Ge­fahr der Palast-„Revolten“, die das ge­waltige, weitausgedehnte Reich im Laufe des ganzen 18. Jahrhunderts erschüttert hatten. Es war das Ende der Macht des Adels über die russischen Monarchen, die nicht mehr von den Sympathien bzw. Antipathien ihrer hochadeligen Unterta­nen abhingen. So wurde in Rußland die Autokratie der Zaren wiederhergestellt. Der dadurch zutiefst betroffene und er­boste Adel trat in Opposition zu Kaiser Paul. Dieser Kampf des russischen Auto­kraten mit dem russischen Adel wurde zum entscheidenden Faktor und prägte das gesamte weitere Schicksal des russi­schen Staates bis zur Revolution von 1917. Am gleichen Tag des Jahres 1797 wur­de Zar Pauls Manifest proklamiert, wo­nach die leibeigenen Bauern (die damals den weitaus überwiegenden Teil der rus­sischen Bevölkerung ausmachten) erst­malig gleich Adel, Klerus und Bürger­tum auf den Zaren vereidigt werden mußten und nicht mehr als „Sklaven“ (wie unter Zar Pauls Vorgängern), son­dern als „liebe Untertanen“ bezeichnet und somit als Staatsbürger anerkannt wurden. Bald erschien Kaiser Pauls Er­laß, der es den adeligen Gutsbesitzern verbot, ihre hörigen Bauern länger als drei Tage in der Woche zur Fronarbeit zu verpflichten. Die restlichen drei Tage konnten die Bauern ihren eigenen Acker bestellen. Der Sonntag wurde ihnen zum Feiertag, wie allen übrigen Christen. Die Abgaben der leibeigenen und staatlichen Bauern wurden erleichtert. Unter Andro­hung strengster Strafen wurde Besitzern verboten, ihre Leibeigenen, die Frau und Kinder hatten, ohne diese zu verkaufen. Ferner wurde verboten, Bauern von über 70 Jahren körperlich zu züchtigen. An­derseits wurde die körperliche Züchti­gung von Adeligen für kriminelle Straf­taten eingeführt. In Adelskreisen waren diese Novationen als „Revolution von oben“ verpönt, welche als Grund dafür diente, Kaiser Paul erstmals als „Verrück­ten auf dem Thron“ zu verschreien.

Ein Beispiel: Ein Gutsbesitzer nahm seinen hörigen Bauern rechtswidrig ei­nen Teil deren Ackerlandes weg. Diese verklagten ihn bei Zar Paul (der all sei­nen Untertanen dieses Recht verlieh). Der erschrockene Gutsbesitzer, der sehr wohl wußte, wie peinlich ernst Zar Paul sein Postulat über die Gleichheit all sei­ner Untertanen vor dem Gesetz nahm und wie genau er dessen Einhaltung zu kontrollieren verstand, bat seine Bauern öffentlich um Vergebung und erhielt sie von ihnen. Als Zar Paul ihn später empfing, sagte dieser: „Merk dir ein für allemal, die Bauern sind nicht deine Sklaven, son­dern meine Untertanen gleich dir. Du hast nur für sie zu sorgen und bist für sie mir gegenüber verantwortlich, wie ich für euch alle und für ganz Rußland ge­genüber Gott dem Allmächtigen verant­wortlich bin…“
Paul I. wurde zum ersten wahrhafti­gen Volkszaren, nicht nur zum Adelsza­ren wie seine Vorgänger. Deshalb unter­strich er immer wieder, daß die adelige Herkunft für ihn keine Bedeutung hatte: „In Rußland ist nur derjenige bedeutsam, mit dem ich rede und solange ich mit ihm rede“, erwiderte Paul einmal einem Höfling, der auf seine Bedeutsamkeit hinwies. Kaiser Paul verbot, adelige Kinder und sogar Babys formell in die Garde aufzu­nehmen, was vorher praktiziert wurde, um deren „Dienstalter“ zu erhöhen. Gar­deoffizieren wurde verboten, in Vier- und Sechsgespann-Karossen zu fahren, bei Kälte Pelzmäntel und -muffen sowie bei Ausgang Zivilkleider zu tragen. Ihre Vorrechte gegenüber Armeeoffizieren wurden abgeschafft. Bei Truppenübun­gen und Wachparaden wurden sie alle nach preußischem Muster „geschliffen“. Dies gab adeligen Oppositionellen (nicht nur im Offiziersmilieu) genügend Anlaß, über den „grausamen Preußendrill“ un­ter Paul I. zu lamentieren. Indessen war der Zar nur gegenüber verlotterten Offi­zieren streng. Für einfache, „gemeine“ Soldaten (wie es damals hieß) sowie de­ren Verpflegung und Bekleidung sorgte er wahrhaft väterlich. Die Soldaten lieb­ten Paul sehr und waren ihm treu erge­ben, weil er versuchte, sie gegenüber be­sonders grausamen Offiziere zu beschüt­zen. So wurde Pauls Jugendfreund Gene­ral Araktschejew aus den Reihen der Ar­mee verstoßen und auf sein Gut ver­bannt, weil er drei Soldaten beim Spieß­rutenlaufen zu viele Schläge verordnet hatte und die Bestraften an den Folgen verstorben waren. In der Nacht des Meuchelmordes an Paul I. durch seine Offiziere versuchten einfache Gardesoldaten, ihn zu retten. Nach Kronprinz Alexanders Ausrufung zum neuen Kaiser verweigerte ihm das Preobrashenski-Garderegiment den übli­chen Hurraruf, weil es sich des Todes von Zar Paul nicht sicher war. Dieser Umstand sagt viel über die wahre Lage der Soldaten unter Paul, die alles andere als schlecht und rechtlos war. Bei aufmerksamer Analyse des abson­derlichen und strengen Verhaltens Kai­ser Pauls gegenüber seinem Hofstaat und anderen Mächtigen begreift man, daß der Zar sie nur so behandelte, wie sie selbst ihre Leibeigenen, Soldaten und an­dere Untergebene behandelten.

In seinem ersten Regierungsjahr ließ Paul I. an öffentlichen Plätzen und Ge­bäuden Briefkästen anbringen, in die je­dermann an ihn gerichtete Bitt- oder Kla­geschriften einwerfen konnte. Jeden Tag las der Kaiser diese Post. Aus Angst vor seinem Zorn begannen Leute, die Dreck am Stecken hatten, gegen Paul gerichtete Spottschriften und Karikaturen in die Briefkästen einzuwerfen. Paul ließ die Briefkästen entfernen, wußte nun aber, wer seine wahren Feinde waren. Der Zar tat alles, um Rußlands Wohl und Interessen zu dienen. Die von Ka­tharina II. geerbten Staatsfinanzen waren zerrüttet Durch die Ausgabe zu vieler Papier-Geldscheine war der Rubel stark entwertet. Paul ließ die überzähligen Banknoten in seiner Anwesenheit ver­brennen. Der Zar beschloß, mehr Silber­münzen in Umlauf zu bringen. Silber war aber knapp. Da ließ er kurzerhand das unzählige silberne Tafelgeschirr sei­ner Mutter einmünzen und erklärte, er werde auf Zinn statt auf Silber tafeln, so­lange Rußlands Finanzen nicht in Ord­nung seien. Um der französisch-revolu­tionären Freigeisterei Einhalt zu gebie­ten, verfügte Paul ein Einreiseverbot für Ausländer sowie Ausreiseverbot für Rus­sen (selbst zu Studienzwecken) und un­tersagte die Einfuhr ausländischer Bü­cher und Zeitungen. Die Presse wurde von nun an strengstens zensuriert.
Anderseits schenkte Zar Paul der rus­sisch-orthodoxen Kirche große Beach­tung. Mehrere unter Katharina II. ge­schlossene Klöster wurden wiedereröff­net. 1797 stiftete Paul mehrere neue Aus­zeichnungen für den Klerus: scharlachro­te Ehren-Mützen (Skufja, Kamilavkion) und Mitren, goldene Brustkreuze. Seit Paul wurden dem Klerus auch Staatsor­den verliehen (deren Verleihung die Er­hebung in den persönlichen sowie erbli­chen Adelsstand zur Folge hatte). Den Mitgliedern des Heiligen Synods (des re­gierenden Gremiums der russisch-ortho­doxen Kirche seit Peter I.) übertrug Paul das Recht, selber Kandidaten für den Po­sten ihres Ober-Prokurors zu wählen. Er sorgte für die materielle Lage des Klerus, der Priester-Witwen und Hinterbliebe­nen und verbot die leibliche Züchtigung von Klerikern.

Zugleich aber übte Paul I. gleich sei­nem Vater Peter III. weitgehende religi­öse Toleranz. Er unterstützte die von den französischen Revolutionären hart be­drängte römisch-katholische Kirche in seinen Landen und vornehmlich den Je­suitenorden, der in Rußland Zuflucht fand. Nur der Jesuit Pater Gruber durfte Zar Paul seine Morgenschokolade zube­reiten und reichen. Paul stellte die Verfol­gungen der russischen Altgläubigen ein und half ihnen häufig. Als ein Altgläubi­gen-Gebetshaus einem Brand zum Opfer fiel, gab der Zar den Bittstellern Geld aus seiner persönlichen Schatulle für den Wiederaufbau. Auch dies war ein Aus­druck von Pauls aufrichtigem Willen, ein Zar des ganzen Volkes zu sein und für all seine Untertanen ungeachtet ihres Glau­bens zu sorgen, obwohl er dabei von sei­nen orthodoxen Überzeugungen ausging und vor allem die orthodoxe Kirche als Haupt- und Staatskirche förderte. Heute würden wir sagen, Paul handelte ökume­nisch. Zuerst ließ ihn der gekränkte Adel zähneknirschend bis Gift und Galle spei­end schalten und walten. Doch schon 1797 gab es Gerüchte über eine gegen Zar Paul gerichtete Adelsverschwörung.

Wesentlicher Teilnehmer der Verschwörung gegen Paul war der baltische Graf Peter Ludwig von der Pahlen, der Generalgouverneur von St. Petersburg.

Großmeister des Malteserordens

1797 wandten sich die Ritter des Ordens vom Spital St. Johannis zu Jerusalem, die seit Anfang des 16. Jahrhunderts die Mit­telmeerinsel Malta besaßen und daher Malteser(-Ritter) hießen, an Rußlands Kaiser um Hilfe. Ihre Ländereien auf dem Festland wurden von französischen Revolutionären säkularisiert, die auch Malta bedrohten. Paul I. nahm den Mal­teserorden als Protektor unter seine Schirmherrschaft und gab den Rittern ih­ren vorher säkularisierten Landbesitz im russisch gewordenen Teil Polens zurück. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei auch sein Wunsch, durch die Inbe­sitznahme Maltas Rußlands Präsenz im Mittelmeerraum zu verankern. Malta galt nicht von ungefähr als Schlüssel zum mediterranen Großraum. Als Dank boten die Malteserritter Zar Paul die Großmeisterwürde an. Der Malteseror­den war zwar römisch-katholisch, jedoch antifranzösisch und antirepublikanisch. Letzteres war für Kaiser Paul I. aus­schlaggebend, der sich dazu verpflichtet fühlte, an der Förderung und militäri­schen Unterstützung der Monarchie auch in anderen, vor allem in christlichen Ländern (aber auch im damals von den französischen Revolutionären bedräng­ten Osmanischen Reich) teilzunehmen. Kaiser Paul wurde zum 72. Großmeister des Malteserordens gekürt, obwohl er verheiratet war und sich zum russisch-orthodoxen Glauben bekannte. Später wurde dies von manchen Kritikern zum Anlaß genommen, die Rechtmäßigkeit seiner Großmeisterwahl abzustreiten und ihn zwar als Großmeister de facto, jedoch nicht de jure anzuerkennen. Da­bei wurde und wird jedoch auch heute noch vollkommen übersehen, daß Zar Paul die Großmeisterwürde auf Bitten der Malteserritter selbst annahm, die sehr wohl über alle besagten Umstände informiert waren und, mehr noch, ihren neuen, verheirateten russischen Groß­meister darum ersuchten, auch ihnen das bislang obligatorische Ordensgelübde zu erlassen (das infolgedessen heute selbst im nunmehr streng römisch-katholi­schen „päpstlichen“ Souveränen Malte­serorden nur für die verschwindend klei­ne Minderheit der Mönchs- oder Profeß­ritter gilt). Bezeichnenderweise wurde kein einziges Malteser-Ordensgesetz, das unter dem angeblichen „de-facto- Großmeister“ Kaiser Paul I. von Rußland verabschiedet wurde, im heutigen Sou­veränen Malteserorden außer Kraft ge­setzt. Zu Zar Pauls Zeiten war aber die Frage der Ordensniederlassung auf rus­sischem Hoheitsgebiet die Malteser eine Überlebensfrage. Das gesamte Ordens­kapitel übersiedelte ins gastfreundliche Rußland, wo es bis 1817 blieb und be­stens versorgt wurde. Die Ritter Sankt Johannis schenkten Zar Paul die vom heiligen Evangelisten Lukas geschaffene, wundertätige Ikone der Heiligen Mutter Gottes von Philermo sowie die rechte Hand ihres Patrons Sankt Johannes des Täufers.

Der Malteserorden wurde mit dem russischen Kaiserreich, die Malteser Großmeisterwürde mit dem russischen Kaisertitel, das Malteser Ordenswappen mit dem russischen Staatswappen für al­le Ewigkeit vereinigt. Das Malteserkreuz wurde in den Rang der höchsten Aus­zeichnung des russischen Kaiserreiches erhoben, dem alle anderen russisch-kai­serlichen Orden untergeordnet waren. 1798 wurde jedoch die Insel Malta durch Napoleon Bonaparte (damals noch republikanischer General) erobert. Der seinem Wort treue Paul I. schloß sich der antifranzösischen Koalition an, der Preu­ßen, Österreich und England bereits an­gehörten. Die russische Kriegsflotte mit dem hochrangigen Malteserritter Admi­ral Fedor Uschakow an der Spitze segelte aus dem Schwarzen Meer ins Mittelmeer. Das gegen die Franzosen nach Italien marschierende russische Feldheer wurde vom hochrangigen Malteserritter Graf Alexander Suworow befehligt. Für seine Heldentaten während dieses italieni­schen Feldzugs erhielt Suworow den Ti­tel des Fürsten von Italien, den Rang des Generalissimus und Ehrenbezeigungen, die vorher nur Zaren galten.

Sowohl der ritterliche Paul als auch Suworow begriffen sehr bald, daß es ih­ren Koalitionspartnern (vor allem Eng­land) weniger um die Bekämpfung der Französischen Revolution als um die In­besitznahme der italienischen Beute der französischen Eroberer ging. Die Ver­bündeten standen nicht zu ihren Ver­pflichtungen und nutzten die Russen als billiges Kanonenfutter, ohne für ihre Be­dürfnisse gebührend zu sorgen. Zu guter Letzt vertrieben die Engländer die Fran­zosen 1800 von der Insel Malta – nur um diese dann zu ihrem eigenen Marine­stützpunkt auszubauen, statt sie dem Malteser Orden zurückzugeben. Das war eindeutiger Vertragsbruch und Verrat. Paul I. zog Suworows Heer aus Italien ab und forderte Preußen zu entschlosse­nem Vorgehen gegen England auf. Gleichzeitig knüpfte der Zar persönliche Kontakte zu Napoleon, der bald Erster Konsul werden sollte.

Zar Paul gewährte den Rittern des Malteserordens nach der französischen Eroberung Maltas Zuflucht in Rußland. Er wurde – obwohl verheiratet und russisch-orthodoxer Konfession – zum 72. Großmeister des Malteserordens gekürt. Bis heute werden alle unter seiner Großmeisterschaft erlassenen Ordensgesetze vom Ritterorden anerkannt.

Bündnis mit Napoleon

Zuerst forderte Paul Napoleon zum Zweikampf auf, um die Streitigkeiten zwischen beiden Staaten unter persönli­chem Lebenseinsatz zu regeln, ohne das Blut ihrer Soldaten zu vergießen. Napo­leon lehnte das Duellangebot zwar ab, wußte es jedoch gebührend einzuschät­zen und ließ alle russischen Kriegsgefan­genen bedingungslos frei.

Kaiser Paul I. begriff, daß Napoleons Machtantritt der Französischen Revoluti­on ein Ende setzte. Daher schloß er mit dem Ersten Konsul der Französischen Republik und baldigem Kaiser der Fran­zosen Napoleon Bonaparte ein militärpo­litisches Bündnis gegen England ab, um die heimtückischen Briten für den Raub Maltas zu bestrafen. Rußland beteiligte sich nunmehr an der von Napoleon über England verhängten Kontinentalblocka­de, die das hartnäckige und immer neue Ränke schmiedende Albion wirtschaft­lich erdrosseln mußte. Außerdem be­schloß Paul nach seinem Vertrag mit Na­poleon, gleich Frankreich ein 35.000 Mann starkes Expeditionskorps nach In­dien zu entsenden, um England seine wertvollste Kolonie zu entreißen. Das russische Expeditionskorps setzte sich mit Donkosaken an der Spitze in Bewe­gung. Zar Pauls „Indienbefehl“ wird auch heute noch häufig als „wahnwitzig“ und „absurd“ bezeichnet. Dabei wird jedoch übersehen, daß der erste Plan eines sol­chen Feldzugs nach Indien (um Englands Macht in „Rußlands asiatischem Unter­leib“ zu schwächen) bereits unter Katha­rina II. (die keiner für „verrückt“ zu hal­ten wagt) arbeitet und von Paul nur ver­wirklicht wurde.

Pauls Bruch mit den Koalitionspart­nern bedeutete für diese eine wahre Ka­tastrophe. Speziell für England bedeutete er einen irreparablen Schlag gegen die britische Weltmacht und Geldbörse. Er bedeutete auch einen schweren Schaden für die Geldbörse der seit Generationen eng mit England wirtschaftlich und fi­nanziell verknüpften russischen Kauf­leute und Großgrundbesitzer, die das In­selreich mit Getreide, Leinen, Hanf, Se­geltuch, Teer, Rundholz und allem ver­sorgten, was das Empire und vor allem die britische Weltmeerflotte brauchten. Aus diesem Grund wurde eine Ver­schwörung mit dem Ziel in Gang gesetzt, den für Rußlands wahre Interessen ein­tretenden Zaren Paul möglichst schnell zu beseitigen. Verschiedene Autoren ha­ben nachzuweisen versucht, daß diesbe­züglich insbesondere die internationalen Verbindungen der Freimaurerei, die ver­schiedene Exponenten der russischen Aristokratie mit hochgradigen Maurern in England und Deutschland verband, ausschlaggebend waren.

Der „verrückte“ Zar

Dieses Ansinnen fand im an Freisinnig­keit, Luxus und Unzucht gewöhnten rus­sischen Hochadel, vor allem in den Lebe­männern von Gardeoffizieren als dessen schlechtesten Vertretern, willfährige Handlanger. Ab Herbst 1800 begann die planmäßi­ge Umsetzung der Verschwörung, worin Graf Nikita Panin (Neffe und Namens­vetter von Pauls Erzieher) vom Auswär­tigen Amt, Graf Pjotr von der Pahlen (Ge­neralgouverneur von St. Petersburg), Ge­neral Leontij von Bennigsen, Admiral Jo­sef De Ribas, die Gebrüder Subow, deren Schwester Sherebzowa, die Senatoren Orlow, Tschitscherin, Tatarinow, Tolstoj, Troschtschinskij, die Generale Golizyn, Depreradowitsch, Oboljaninow, Mansu­row, Uwarow, die Offiziere Tolbanow, Skarjatin, Sablukow und viele andere Angehörige des Hochadels involviert waren. An ihrer Spitze stand der briti­sche Botschafter in Rußland, der Hoch­grad-Freimaurer (und Sherebzowas Ge­liebter) Sir Charles Whitwort als Rück­grat und Organisator der Verschwörung, unter dessen Vermittlung diese aus Eng­land 2.000.000 Goldrubel erhielt. Über Paul I. ergoß sich ein wahrer Strom von Verleumdungen. Deren Ziel war es, zu „beweisen“, er sei „verrückt“, „geisteskrank“ und dürfe daher „im Volks- und Dynastie-Interesse“ nicht an der Macht bleiben. Diese Verleumdun­gen wurden nicht nur durch die Nichter­füllung bzw. Verzerrung der Zarenbe­fehle „untermauert“, sondern auch da­durch, daß von anderen eindeutig sinn­lose Befehle in Pauls Namen erteilt wur­den. Zar Pauls derart gnadenlos verfälschte Gestalt wurde im öffentlichen Bewußt­sein so tief verankert, daß sie nicht nur zu Lebzeiten des Kaisers, der angeblich „unwürdig war, das große Russische Reich zu regieren“, sondern selbst nach seiner Ermordung (die bis 1905 verheim­licht wurde) bedauerlicherweise von vie­len bis heute für bare Münze genommen wird.

Die Adelsgesellschaft wurde, in erster Linie von Generalgouverneur Pahlen, mittels Klatsch und Gerüchten und so­wie eindeutig falschen Behauptungen eingeschüchtert, wonach der verrückte Paul Unschuldige hinrichten, einkerkern bzw. nach Sibirien verbannen lassen wol­le. Aufrechten Orthodoxen wurde einge­redet, Pauls „Malteserspiele“ zielten dar­auf ab, das orthodoxe Rußland zu katho­lisieren. Pahlen redete dem Zaren ein, seine Söhne Alexander und Konstantin würden ihm unter Anleitung durch Kai­serin Marie nach Thron und Leben trach­ten. Kraft seines Amtes war Pahlen Pauls nächster Vertrauter, dem der Kaiser Glauben schenkte. Indessen betrog Pah­len, wie er selbst später zugab, auch Kronprinz Alexander. Diesem versicher­te Pahlen, man wolle seinen „geistes­kranken“ Vater „zum Wohl des Vaterlan­des“ nur absetzen und Alexander zum Regenten machen. Anfangs weigerte sich Prinz Alexan­der, mitzumachen. Der junge Panin und Pahlen vermochten es jedoch, ihn von der Notwendigkeit der Palastrevolution aus Gründen der Staatsräson zu über­zeugen. Sie mußten Alexander mehrfach schwören, Pauls Leben zu schonen. Das taten sie jedoch nur, um Alexanders Ge­wissen zu beruhigen, wie Pahlen später zugab.

Der mit dem russischen Zaren verbün­dete Erste Konsul der Französischen Re­publik Napoleon Bonaparte, der durch seine allgegenwärtigen Späher und Kundschafter rechtzeitig von der gegen diesen gerichteten Verschwörung erfuhr, setzte ihn davon in Kenntnis. Der geniale Korse schätzte Kaiser Paul I. als Monarch und Menschen sehr, und zwar bis an sein Lebensende. Neben den politischen Mo­tiven seiner späteren Kriege gegen Ruß­land hatte er wohl auch den Wunsch, den eidbrüchigen Zaren Alexander I. für die Mitschuld an der Ermordung seines Vaters zu bestrafen.

Am 7. März 1801 fragte der durch Na­poleon informierte Kaiser Paul den Pe­tersburger Generalgouverneur Graf von der Pahlen offen, ob dieser von einer Ver­schwörung wisse. Der innerlich zutiefst entsetzte Graf Pahlen bejahte kaltblütig die Frage des Zaren, erklärte jedoch, er hätte sich absichtlich an die Spitze der Verschwörung gestellt, um ständig auf dem Laufenden zu sein und sie im letz­ten Augenblick zu vereiteln. Obwohl es Pahlen gelungen war, Paul hinters Licht zu führen, erkannte er die Gefahr. Er re­dete Alexander ein, der Zar wolle ihn so­wie die gesamte Zarenfamilie einker­kern, so daß die Verschwörer unbedingt zuschlagen müßten…

Anfangs hatte Zar Paul Napoleon noch zum Zweikampf aufgefordert, um die Konflikte zwischen beiden Staaten unter persönlichem Lebenseinsatz zu regeln, ohne das Blut ihrer Soldaten zu vergießen. Später verbündete sich Paul jedoch mit Napoleon, weil er das doppelte Spiel Englands durchschaute. Damit war sein Schicksal besiegelt: In der Nacht auf den 12. März 1801 wurde er von schwer betrunkenen Vertretern des russischen Hochadels – nach anderen Quellen von seinem englischen Leibarzt – ermordet.

Zar Pauls Ermordung

Am 11. März 1801 lud Zar Paul die Prin­zen Alexander und Konstantin zu einer Art Privatverhör ein. Nach der Vernei­nung seiner direkten Frage, ob die Prin­zen zu den Verschwörern gehört, ließ er beide ihm auf Kreuz und Evangelium er­neut als ihrem Monarchen Treue schwö­ren. In Pauls letzter Nacht wurden die ihrem Zaren treuen Garden aus seinem Sankt-Michael-Schloß abgezogen und heimlich durch das Kronprinz Alexander treu ergebene Semjonow-Garderegiment ersetzt. In der gleichen Nacht zum 12. März lief (obwohl sich Rußland prak­tisch im Kriegszustand mit England be­fand und die Schiffe beider Staaten ge­genseitig arretiert waren) ein britisches Schiff in die Newa ein, um die Verschwö­rer an Bord zu nehmen, falls ihr Plan mißlingen sollte. Dies konnte nur unter den Bedingungen eines weitgediehenen Verschwörernetzes passieren, das bis in alle Teile der russischen Staatsbehörden reichte.

An die 60 in Graf Pjotr von der Pahlens Haus versammelte, meistens für diverse Dienstvergehen gemaßregelte, stark al­koholisierte junge Offiziere begaben sich in zwei Gruppen zum Sankt-Michael- Schloß, wo Paul I. in seiner doppelten Funktion als Kaiser aller Russen und als Großmeister des mit dem russischen Kai­serreich untrennbar unierten Malteseror­dens residierte. Bezeichnenderweise er­klärte ein Verschwörer, in Schwung gera­ten, lauthals, es wäre doch gut für Ruß­land, die gesamte Zarenfamilie zu er­morden. Dieser Vorschlag wurde zwar abgelehnt, zeugte jedoch eindeutig vom Denken des damaligen russischen Hoch­adels. Die beiden Verschwörergruppen dran­gen in Pauls Schlafzimmer ein, nachdem sie seinen treuen Türwächter Kirillow niedergesäbelt hatten. Durch Säbelras­seln und Kampfgeschrei geweckt, ver­suchte Paul (der die Tür zum Waffen­raum, wo sich die Degen verhafteter Of­fiziere und sein eigener Degen befanden, vergeblich zu öffnen versuchte), durch eine Geheimpforte zu entkommen, wur­de jedoch von einem schweren Wandtep­pich (einem Geschenk des französischen Königs Ludwig XVI. und dessen Gattin, die bereits von den Jakobinern hingerich­tet worden waren) zu Boden geschlagen. Die eingebrochenen Verschwörer konn­ten dadurch Pauls habhaft werden. Ben­nigsen versicherte, man würde ihn am Leben lassen und nur verhaften, falls er keinen Widerstad leistete und sofort ab­dankte. „Was habe ich denn getan?“ – wollte Paul wissen. „Sie haben uns vier Jahre lang gequält“, lautete die Antwort.

Der schwerbetrunkene Nikolai Subow (Generalissimus Suworows Schwieger­sohn) faßte den Zaren grob an. Der em­pörte Paul stieß ihn zurück. Darauf zer­schmetterte Subow mit seiner goldenen Tabakdose (einem Geschenk der Zarin Katharina II.) Pauls linke Schläfe. Blutüberströmt sank der Kaiser zu Bo­den. Andere Verschwörer schlugen und traten auf ihn ein. Endlich wurde er mit Oberst Jakow Skarjatins Offiziersschärpe erdrosselt. Anderen Quellen zufolge starb Kaiser Paul I. jedoch von der Hand seines anwesenden Leibarztes James Vil­liers, der ihm die Schlagader durch­schnitt, um danach in der Todesurkunde zu erklären, der Zar sei einem Gehirn­schlag erlegen (nach Kaiser Alexanders I. Machtantritt wurde Villiers dessen Leib­arzt).

Der spätere Zar Alexander I. glaubte den Beteuerungen Graf Pahlens und der anderen Verschwörer, wonach sein Vater dem Wahnsinn verfallen sei, ließ sich von ihnen jedoch schwören, daß sie das Leben Zar Pauls schonen würden.
Denkmal für Zar Paul in St. Petersburg: Seine Herrschaft prägte Rußlands weitere Geschichte in wichtiger Hinsicht: „Orthodoxie, Autokratie, Volkstum“, lauteten seine Grundsätze. Die Hinwendung zur russisch-orthodoxen Kirche, die Verankerung der Grundsätze der Autokratie und der Einsatz für die Interessen der einfachen Menschen in Rußland, der ihn schließlich das Leben kostete, waren die Grundlagen seiner Herrschaft.

Pahlen blieb sich selber treu und er­schien erst nach Pauls Tod am Tatort. Er hielt sich absichtlich zurück, um die Verschwörer im Falle ihres Mißerfolgs zu verhaften und vor dem Zaren als sein Retter zu erscheinen. Der schlimmste Ge­danke des sterbenden Kaisers war wohl der Gedanke, daß sein eigener Sohn Alexander an der Spitze seiner Mörder stand.Nichtdestotrotz waren die alarmierten Wachsoldaten des Alexander treuen Semjonow-Garderegiments (die als „Ge­meine“ nichts von der Verschwörung wußten) bereit, Kaiser Paul zu beschüt­zen. Doch Bennigsen und Pahlen versi­cherten den aufgeregten Soldaten, Kaiser Paul hätte „der Schlag getroffen“ und sein Sohn, ihr geliebter Alexander, sei nunmehr Zar. Pahlen eilte in Alexanders Stube und setzte ihn über den Tod seines Vaters in Kenntnis. Alexander brach in Tränen aus und erinnerte Pahlen an des­sen Schwur, Pauls Leben zu schonen. Pahlen fiel ihm brüsk ins Wort: „Ge­nug des Weinens! Sonst kriegen wir alle die Bajonette am eigenen Leibe zu spü­ren! Zeigen Sie sich dem Volk!“ Alexan­der trat mit Tränen in den Augen vor die Soldaten, um sie zu beruhigen. Die Wa­chen schwiegen verdutzt und wohl we­nig überzeugt. Doch gegen den Kron­prinzen erhob sich keine Soldatenhand.

Der Verschwörung des russischen Hochadels, die, wie viele Quellen nahele­gen, von England und der Hochgrad- Freimaurerei schottischen Ritus auch für die meisten Zarenmörder selbst heimlich geleitet und finanziert wurde, war somit Erfolg beschieden. Dieser edle, ritterliche Monarch, der vom aufrichtigen Wunsch erfüllt war, Rußland groß und das russi­sche Volk glücklich zu machen, Recht und Gesetz zu achten und zu schützen, fiel von Mörderhand. Alle Verschwörer fanden ein böses En­de. Manche wurden von Alexander ver­bannt, andere durch Gott bestraft. Der Hauptverschwörer Pahlen wurde seines Amtes und aller Würden enthoben und auf sein Gut im Baltikum verbannt, wo er langsam geistig verkümmerte. Wahnsin­nig wurden auch Nikolaj Subow (der in geistiger Umnachtung sogar seine eige­nen Exkremente fraß) und Bennigsen. Diese Leute, die den klugen Paul I. für „verrückt“ zu erklären wagten, wurden tatsächlich verrückt. Eine Ironie des Schicksals – oder Gottes Strafe?

Die Freude des eidbrüchigen russi­schen Hochadels war von nicht allzulan­ger Dauer. Kaiser Alexander I. (der na­türlich sofort auf die Insel Malta verzich­tete, die Malteser-Großmeisterwürde an­lehnte, den Malteserorden schließlich aus Rußland abschob und 14 Jahre lang von England finanziert in Englands In­teresse gegen das napoleonische Frank­reich Krieg führte, was ihn während Rußlands Invasion durch Napoleons Grande Armée 1812 beinahe Krone und Leben kostete) und sein Nachfolger Kai­ser Nikolaus I. waren und blieben Zar Pauls Söhne, die nach ihm geraten waren. Weder sie noch die folgenden russi­schen Zaren unterwarfen sich dem Diktat des Hochadels. Nachdem dieser endlich be­griffen hatte, daß er keine Macht mehr über den Auto­kraten hatte, beschritt er den Weg des Staatsverrats, um in Kollaboration mit Rußlands Feinden die Zaren-Autokra­tie in Rußland zu vernichten. Letzteres gelang ihm endlich im Februar 1917 – wonach der Hochadel jedoch unter den Trümmern des Zarenrei­ches umkommen mußte. Kaiser Pauls I. Herrschaft prägte Rußlands weitere Ge­schichte in folgender, äu­ßerst wichtiger Hinsicht: Der Zar wandte sich zum ersten Mal seit seinem Großvater Peter I. der russisch-orthodoxen Kirche zu und verankerte die Grundsätze der Autokratie. Pauls Herrschaft, die von ihm erarbeiteten Gesetze und die von ihm bewußt gesteuerte Politik ließen ihn zum wahren Volkszaren werden, was ihn jedoch das Leben kostete. Und den­noch war es gerade Paul I. beschieden, den Grundstein des russischen Staatsle­ben für das 19. und 20. Jahrhundert zu legen. Die Grundsätze lauteten: „Ortho­doxie, Autokratie, Volkstum.“ Oder, als Soldaten-Schlachtruf formuliert: „Für Glauben, Zar und Vaterland!“

Kurz vor seinem Märtyrertod schrieb Kaiser Paul I. einen Brief, den er eigen­händig in einen Briefumschlag legte, ver­siegelte und erst 100 Jahre nach seinem Tod zu öffnen befahl. Der Briefumschlag wurde in der Zarenfamilie bis zum 24. März 1901 aufbewahrt und erst an diesem Tag von Kaiser Nikolaus II. geöff­net und gelesen. Der Briefinhalt ist uns unbekannt, er soll jedoch auf Zar Niko­laus II. einen tiefen Eindruck hinterlas­sen haben. Möglicherweise enthielt Kai­ser Pauls Brief eine Voraussage über das Schicksal des russischen Zarenhauses Romanow und ganz Rußlands.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com