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Zar Paul I. aus dem Hause Romanow bestieg den russischen Thron im Alter von 43 Jahren als reifer, vernünftiger Mann, der bereits einen bis ins Detail durchdachten, wohlüberlegten Regierungs- und Reformplan besaß. Schon in seinen Jugendjahren dachte der künftige russische Zar an sein reformbedürftiges Heimatland. Der Kronprinz erstellte zahlreiche Gesetzentwürfe, die er jahrelang schliff und vervollkommnete und deren praktische Umsetzung er sorgfältig plante. In der Periode seines Lebens, die Zarewitsch Paul von seiner Mutter Kaiserin Katharina II. in der Hauptstadt St. Petersburg entfernt ab August 1783 bis zu seiner Thronbesteigung im Vorort Gatschina verbringen mußte, reiften seine politischen Ansichten und Reformpläne.
Nach seinem tragischen Tod wurden ganze Berge von Heften entdeckt, die seine Notizen und Gedanken über Staat und Staatsordnung, Politik und Gesetze, historische Exkurse und Aphorismen über gekrönte Häupter sowie andere hervorragende Persönlichkeiten enthielten. Da Paul im voraus Pläne allseitiger Reformen entwickelt hatte, konnte er in seinen vier Regierungsjahren so viel zustande bringen.Paul war seit 1776 mit der Prinzessin Sophie-Dorothea von Württemberg verheiratet, die nach ihrem Übertritt zum orthodoxen Glauben Marie Feodorovna hieß. Pauls erste, 1773 geschlossene Ehe mit der Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Darmstadt, die im gleichen Jahr an den Folgen einer Fehlgeburt verstarb, blieb kinderlos. Der zweiten Ehe mit Marie Feodorovna entsprangen jedoch zehn Kinder. Allein diese Tatsache zeugt von Pauls glücklichen Familienleben. Er liebte seine Frau, die diese Liebe erwiderte. Erst in Pauls letzten Regierungsjahren wurden sie durch Hofintrigen voneinander entfremdet. Diese Entfremdung hätten sie jedoch bestimmt überwunden, wenn Paul am Leben geblieben wäre. Das Verhalten seiner Witwe nach Pauls Ermordung legt darüber ein beredtes Zeugnis ab. Von seiner Adoptivgroßmutter Zarin Elisabeth von Rußland, der Tochter Peters I., erbte Paul ihre tiefe Religiosität und Liebe zum Gebet, von seiner Mutter Katharina II. ihre Klugheit und Bildungsfähigkeit, von seinem Vater Zar Peter III. sein kindhaft offenes Gemüt, seine Verehrung Friedrichs des Großen und seine Liebe zum Militär in preußischer Tradition. Die kinderlose Kaiserin Elisabeth nahm Paul noch als kleines Kind seiner Mutter Katharina weg, um ihn selbst zu erziehen. Ihrem Sohn dadurch entfremdet, hat Katharina nach ihrer gewaltsamen Thronbesteigung infolge eines Militärputsches 1762 (wobei ihr Ehemann Zar Peter III. entthront und ermordet wurde) Paul zwar zum Thronerben erklärt, ihn jedoch als gefährlichen Rivalen betrachtet. Im Geiste russischer Thronfolgetraditionen sollte sie das unmündige Kind zum Zaren krönen lassen und bis zu seiner Volljährigkeit als Reichsverweserin herrschen.
Nach Vollendung von Pauls 16. Lebensjahr wurden die Stimmen immer lauter, er solle nun Kaiser werden, da Katharina II. kein Recht auf den Thron habe. Infolge dieser Gerüchte wurde Paul seiner Mutter, die zumindest Mitverantwortung an der Ermordung seines Vaters trug, noch unliebsamer. Daher tat sie mit Pauls Sohn Prinz Alexander das Gleiche, was Zarin Elisabeth seinerzeit mit Paul getan hatte: Sie entriß Alexander (sowie später auch Pauls übrige Kinder) den Eltern, um ihn auf ihre eigene Art zu erziehen. Katharina kam auf den Gedanken, den russischen Thron an ihren Enkel Alexander weiterzugeben und dabei ihren Sohn Paul zu umgehen. Sie hat diesen Plan zwar nicht umsetzen können; Paul und dem Hofstaat war er jedoch bekannt. Dies vergrößerte seine seelischen Spannungen noch.
Paul, der schon als Kind vom gewaltsamen Tod seines Vaters Peter III. erfahren hatte, ehrte dessen Andenken und versuchte, ihn nachzuahmen. Dies reizte die von Gewissensbissen gequälte Katharina II. noch mehr. Sie hielt den seinem Vater auch äußerlich sehr ähnlichen Kronprinzen fern von St. Petersburg, in den Vororten Gatschina und Pawlowsk, ohne ihn in die Staatsgeschäfte einzuweihen. Pauls Sohn, der spätere Kaiser Alexander I., fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Vater und Großmutter, Gatschina und Petersburg, zerrissen. Für alle Beteiligten war dies ein großes seelisches, aber auch dynastisches Drama. Anderseits versetzten gerade diese tragischen Umstände den künftigen Kaiser Paul I. in die Lage, die Staats- und Regierungsgeschäfte seiner gekrönten Mutter gleichsam als Außenstehender und recht kritisch zu betrachten.
Noch lange vor seiner Thronbesteigung begriff Paul folgendes:
• die Rechtswidrigkeit des Sturzes Kaiser Peters III., den kriminellen und unmoralischen Charakter seiner Ermordung und folglich auch der Thronbesteigung Katharinas II.;
• die Unzulässigkeit der Unterordnung des Zaren unter den Adel (der Hauptkonzession, die Katharina II. dem russischen Adel machen mußte, der als Gegenleistung ihren Thronraub akzeptierte);
• die Verderblichkeit der Leibeigenschaft der russischen Bauern und deren daraus resultierende Entfremdung vom Zaren;
• die Schändlichkeit und Schädlichkeit der Unzucht und des übermäßigen Luxus, die am St. Petersburger Hof herrschten und unter Katharina II. ihren Höhepunkt erreichten;
• die Unzulässigkeit der aus Frankreich importierten Freigeisterei und republikanischen Stimmungen im russischen Adel, der die Zarin als sein Werkzeug und seine Strohpuppe betrachtete.
Alle diese fünf negativen Besonderheiten des Lebens im damaligen Rußland waren nichts anderes als Merkmale der von Katharina durchgeführten „Revolution“ (wie sie selber ihren Staatsstreich bezeichnete). Daher betrachtete Paul die „Konterrevolution“, d.h. Rußlands Rückführung zu den gesunden und lauteren Grundsätzen dessen traditionellen Lebens, als seine wichtigste Lebensaufgabe.
Paul, erzogen vom ehemaligen Außenminister Graf Nikita Panin und von Platon Levschin, dem späteren Metropoliten von Moskau, war als aufrichtig gläubiger Christ aufgewachsen, ein gutmütiger, offener, anständiger und kluger, jedoch jähzorniger, scharfer und kindhaft leichtgläubiger Mensch. Das Leben konfrontierte ihn mit Grobheit, Niedertracht, Habsucht, Bestechlichkeit, Betrug und anderen Lastern, die er verabscheute und später nach Möglichkeit hart bestrafte. Sein besonderer Haß galt den zahlreichen Günstlingen und Lustknaben seiner Mutter, die das Ehebett seines frevelhaft ermordeten Vaters besudelten. Als Paul nach dem Tod seiner Mutter zum Kaiser proklamiert wurde, ließ er zuallererst die sterblichen Überreste seines Vaters Peter III. ausgraben und sie neben der Totenbahre Katharinas II. im Petersburger Winterpalast aufbahren. Zar Paul I. ließ den Sarg seines Meuchelmörderhänden erlegenen Vaters öffnen und setzte dem Toten eigenhändig die Kaiserkrone auf. Danach wurden Peter III. und Katharina II. gleichzeitig und gemeinsam in der Zarengruft der Peter-Paul-Kirche bestattet.
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1797 traf Kaiser Paul I. in Rußlands Althauptstadt Moskau ein. Hoch zu Roß, ohne Leibwache, mischte er sich furchtlos und gutgelaunt unter die jubelnde Volksmenge. „Meine Lieben!“ rief der Zar ihnen zu. „Ich werde alles tun, um euer Los zu erleichtern!“ So etwas hatte Rußland noch nie erlebt. „Das ist ein wahrer Zar!“ wurde gerufen, und ganz Moskau erbebte vor lauten Hurrarufen. Am 5. April 1797 las Paul I. das von ihm erstellte Gesetz über die Kaiserliche Familie. Dadurch wurde der Erlaß Kaiser Peters I. über das Recht des russischen Autokraten abgeschafft, seinen Nachfolger nach eigenem Gutdünken zu benennen. Von nun an wurde eine strikte Thronfolge eingeführt, wonach dem Vater sein ältester Sohn, im Falle der Kinder- bzw. Söhnelosigkeit der älteste Bruder auf den Thron folgte.
Kaiser Pauls neues Thronfolgegesetz unterband in Rußland für immer die Gefahr der Palast-„Revolten“, die das gewaltige, weitausgedehnte Reich im Laufe des ganzen 18. Jahrhunderts erschüttert hatten. Es war das Ende der Macht des Adels über die russischen Monarchen, die nicht mehr von den Sympathien bzw. Antipathien ihrer hochadeligen Untertanen abhingen. So wurde in Rußland die Autokratie der Zaren wiederhergestellt. Der dadurch zutiefst betroffene und erboste Adel trat in Opposition zu Kaiser Paul. Dieser Kampf des russischen Autokraten mit dem russischen Adel wurde zum entscheidenden Faktor und prägte das gesamte weitere Schicksal des russischen Staates bis zur Revolution von 1917. Am gleichen Tag des Jahres 1797 wurde Zar Pauls Manifest proklamiert, wonach die leibeigenen Bauern (die damals den weitaus überwiegenden Teil der russischen Bevölkerung ausmachten) erstmalig gleich Adel, Klerus und Bürgertum auf den Zaren vereidigt werden mußten und nicht mehr als „Sklaven“ (wie unter Zar Pauls Vorgängern), sondern als „liebe Untertanen“ bezeichnet und somit als Staatsbürger anerkannt wurden. Bald erschien Kaiser Pauls Erlaß, der es den adeligen Gutsbesitzern verbot, ihre hörigen Bauern länger als drei Tage in der Woche zur Fronarbeit zu verpflichten. Die restlichen drei Tage konnten die Bauern ihren eigenen Acker bestellen. Der Sonntag wurde ihnen zum Feiertag, wie allen übrigen Christen. Die Abgaben der leibeigenen und staatlichen Bauern wurden erleichtert. Unter Androhung strengster Strafen wurde Besitzern verboten, ihre Leibeigenen, die Frau und Kinder hatten, ohne diese zu verkaufen. Ferner wurde verboten, Bauern von über 70 Jahren körperlich zu züchtigen. Anderseits wurde die körperliche Züchtigung von Adeligen für kriminelle Straftaten eingeführt. In Adelskreisen waren diese Novationen als „Revolution von oben“ verpönt, welche als Grund dafür diente, Kaiser Paul erstmals als „Verrückten auf dem Thron“ zu verschreien.
Ein Beispiel: Ein Gutsbesitzer nahm seinen hörigen Bauern rechtswidrig einen Teil deren Ackerlandes weg. Diese verklagten ihn bei Zar Paul (der all seinen Untertanen dieses Recht verlieh). Der erschrockene Gutsbesitzer, der sehr wohl wußte, wie peinlich ernst Zar Paul sein Postulat über die Gleichheit all seiner Untertanen vor dem Gesetz nahm und wie genau er dessen Einhaltung zu kontrollieren verstand, bat seine Bauern öffentlich um Vergebung und erhielt sie von ihnen. Als Zar Paul ihn später empfing, sagte dieser: „Merk dir ein für allemal, die Bauern sind nicht deine Sklaven, sondern meine Untertanen gleich dir. Du hast nur für sie zu sorgen und bist für sie mir gegenüber verantwortlich, wie ich für euch alle und für ganz Rußland gegenüber Gott dem Allmächtigen verantwortlich bin…“
Paul I. wurde zum ersten wahrhaftigen Volkszaren, nicht nur zum Adelszaren wie seine Vorgänger. Deshalb unterstrich er immer wieder, daß die adelige Herkunft für ihn keine Bedeutung hatte: „In Rußland ist nur derjenige bedeutsam, mit dem ich rede und solange ich mit ihm rede“, erwiderte Paul einmal einem Höfling, der auf seine Bedeutsamkeit hinwies. Kaiser Paul verbot, adelige Kinder und sogar Babys formell in die Garde aufzunehmen, was vorher praktiziert wurde, um deren „Dienstalter“ zu erhöhen. Gardeoffizieren wurde verboten, in Vier- und Sechsgespann-Karossen zu fahren, bei Kälte Pelzmäntel und -muffen sowie bei Ausgang Zivilkleider zu tragen. Ihre Vorrechte gegenüber Armeeoffizieren wurden abgeschafft. Bei Truppenübungen und Wachparaden wurden sie alle nach preußischem Muster „geschliffen“. Dies gab adeligen Oppositionellen (nicht nur im Offiziersmilieu) genügend Anlaß, über den „grausamen Preußendrill“ unter Paul I. zu lamentieren. Indessen war der Zar nur gegenüber verlotterten Offizieren streng. Für einfache, „gemeine“ Soldaten (wie es damals hieß) sowie deren Verpflegung und Bekleidung sorgte er wahrhaft väterlich. Die Soldaten liebten Paul sehr und waren ihm treu ergeben, weil er versuchte, sie gegenüber besonders grausamen Offiziere zu beschützen. So wurde Pauls Jugendfreund General Araktschejew aus den Reihen der Armee verstoßen und auf sein Gut verbannt, weil er drei Soldaten beim Spießrutenlaufen zu viele Schläge verordnet hatte und die Bestraften an den Folgen verstorben waren. In der Nacht des Meuchelmordes an Paul I. durch seine Offiziere versuchten einfache Gardesoldaten, ihn zu retten. Nach Kronprinz Alexanders Ausrufung zum neuen Kaiser verweigerte ihm das Preobrashenski-Garderegiment den üblichen Hurraruf, weil es sich des Todes von Zar Paul nicht sicher war. Dieser Umstand sagt viel über die wahre Lage der Soldaten unter Paul, die alles andere als schlecht und rechtlos war. Bei aufmerksamer Analyse des absonderlichen und strengen Verhaltens Kaiser Pauls gegenüber seinem Hofstaat und anderen Mächtigen begreift man, daß der Zar sie nur so behandelte, wie sie selbst ihre Leibeigenen, Soldaten und andere Untergebene behandelten.
In seinem ersten Regierungsjahr ließ Paul I. an öffentlichen Plätzen und Gebäuden Briefkästen anbringen, in die jedermann an ihn gerichtete Bitt- oder Klageschriften einwerfen konnte. Jeden Tag las der Kaiser diese Post. Aus Angst vor seinem Zorn begannen Leute, die Dreck am Stecken hatten, gegen Paul gerichtete Spottschriften und Karikaturen in die Briefkästen einzuwerfen. Paul ließ die Briefkästen entfernen, wußte nun aber, wer seine wahren Feinde waren. Der Zar tat alles, um Rußlands Wohl und Interessen zu dienen. Die von Katharina II. geerbten Staatsfinanzen waren zerrüttet Durch die Ausgabe zu vieler Papier-Geldscheine war der Rubel stark entwertet. Paul ließ die überzähligen Banknoten in seiner Anwesenheit verbrennen. Der Zar beschloß, mehr Silbermünzen in Umlauf zu bringen. Silber war aber knapp. Da ließ er kurzerhand das unzählige silberne Tafelgeschirr seiner Mutter einmünzen und erklärte, er werde auf Zinn statt auf Silber tafeln, solange Rußlands Finanzen nicht in Ordnung seien. Um der französisch-revolutionären Freigeisterei Einhalt zu gebieten, verfügte Paul ein Einreiseverbot für Ausländer sowie Ausreiseverbot für Russen (selbst zu Studienzwecken) und untersagte die Einfuhr ausländischer Bücher und Zeitungen. Die Presse wurde von nun an strengstens zensuriert.
Anderseits schenkte Zar Paul der russisch-orthodoxen Kirche große Beachtung. Mehrere unter Katharina II. geschlossene Klöster wurden wiedereröffnet. 1797 stiftete Paul mehrere neue Auszeichnungen für den Klerus: scharlachrote Ehren-Mützen (Skufja, Kamilavkion) und Mitren, goldene Brustkreuze. Seit Paul wurden dem Klerus auch Staatsorden verliehen (deren Verleihung die Erhebung in den persönlichen sowie erblichen Adelsstand zur Folge hatte). Den Mitgliedern des Heiligen Synods (des regierenden Gremiums der russisch-orthodoxen Kirche seit Peter I.) übertrug Paul das Recht, selber Kandidaten für den Posten ihres Ober-Prokurors zu wählen. Er sorgte für die materielle Lage des Klerus, der Priester-Witwen und Hinterbliebenen und verbot die leibliche Züchtigung von Klerikern.
Zugleich aber übte Paul I. gleich seinem Vater Peter III. weitgehende religiöse Toleranz. Er unterstützte die von den französischen Revolutionären hart bedrängte römisch-katholische Kirche in seinen Landen und vornehmlich den Jesuitenorden, der in Rußland Zuflucht fand. Nur der Jesuit Pater Gruber durfte Zar Paul seine Morgenschokolade zubereiten und reichen. Paul stellte die Verfolgungen der russischen Altgläubigen ein und half ihnen häufig. Als ein Altgläubigen-Gebetshaus einem Brand zum Opfer fiel, gab der Zar den Bittstellern Geld aus seiner persönlichen Schatulle für den Wiederaufbau. Auch dies war ein Ausdruck von Pauls aufrichtigem Willen, ein Zar des ganzen Volkes zu sein und für all seine Untertanen ungeachtet ihres Glaubens zu sorgen, obwohl er dabei von seinen orthodoxen Überzeugungen ausging und vor allem die orthodoxe Kirche als Haupt- und Staatskirche förderte. Heute würden wir sagen, Paul handelte ökumenisch. Zuerst ließ ihn der gekränkte Adel zähneknirschend bis Gift und Galle speiend schalten und walten. Doch schon 1797 gab es Gerüchte über eine gegen Zar Paul gerichtete Adelsverschwörung.
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1797 wandten sich die Ritter des Ordens vom Spital St. Johannis zu Jerusalem, die seit Anfang des 16. Jahrhunderts die Mittelmeerinsel Malta besaßen und daher Malteser(-Ritter) hießen, an Rußlands Kaiser um Hilfe. Ihre Ländereien auf dem Festland wurden von französischen Revolutionären säkularisiert, die auch Malta bedrohten. Paul I. nahm den Malteserorden als Protektor unter seine Schirmherrschaft und gab den Rittern ihren vorher säkularisierten Landbesitz im russisch gewordenen Teil Polens zurück. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei auch sein Wunsch, durch die Inbesitznahme Maltas Rußlands Präsenz im Mittelmeerraum zu verankern. Malta galt nicht von ungefähr als Schlüssel zum mediterranen Großraum. Als Dank boten die Malteserritter Zar Paul die Großmeisterwürde an. Der Malteserorden war zwar römisch-katholisch, jedoch antifranzösisch und antirepublikanisch. Letzteres war für Kaiser Paul I. ausschlaggebend, der sich dazu verpflichtet fühlte, an der Förderung und militärischen Unterstützung der Monarchie auch in anderen, vor allem in christlichen Ländern (aber auch im damals von den französischen Revolutionären bedrängten Osmanischen Reich) teilzunehmen. Kaiser Paul wurde zum 72. Großmeister des Malteserordens gekürt, obwohl er verheiratet war und sich zum russisch-orthodoxen Glauben bekannte. Später wurde dies von manchen Kritikern zum Anlaß genommen, die Rechtmäßigkeit seiner Großmeisterwahl abzustreiten und ihn zwar als Großmeister de facto, jedoch nicht de jure anzuerkennen. Dabei wurde und wird jedoch auch heute noch vollkommen übersehen, daß Zar Paul die Großmeisterwürde auf Bitten der Malteserritter selbst annahm, die sehr wohl über alle besagten Umstände informiert waren und, mehr noch, ihren neuen, verheirateten russischen Großmeister darum ersuchten, auch ihnen das bislang obligatorische Ordensgelübde zu erlassen (das infolgedessen heute selbst im nunmehr streng römisch-katholischen „päpstlichen“ Souveränen Malteserorden nur für die verschwindend kleine Minderheit der Mönchs- oder Profeßritter gilt). Bezeichnenderweise wurde kein einziges Malteser-Ordensgesetz, das unter dem angeblichen „de-facto- Großmeister“ Kaiser Paul I. von Rußland verabschiedet wurde, im heutigen Souveränen Malteserorden außer Kraft gesetzt. Zu Zar Pauls Zeiten war aber die Frage der Ordensniederlassung auf russischem Hoheitsgebiet die Malteser eine Überlebensfrage. Das gesamte Ordenskapitel übersiedelte ins gastfreundliche Rußland, wo es bis 1817 blieb und bestens versorgt wurde. Die Ritter Sankt Johannis schenkten Zar Paul die vom heiligen Evangelisten Lukas geschaffene, wundertätige Ikone der Heiligen Mutter Gottes von Philermo sowie die rechte Hand ihres Patrons Sankt Johannes des Täufers.
Der Malteserorden wurde mit dem russischen Kaiserreich, die Malteser Großmeisterwürde mit dem russischen Kaisertitel, das Malteser Ordenswappen mit dem russischen Staatswappen für alle Ewigkeit vereinigt. Das Malteserkreuz wurde in den Rang der höchsten Auszeichnung des russischen Kaiserreiches erhoben, dem alle anderen russisch-kaiserlichen Orden untergeordnet waren. 1798 wurde jedoch die Insel Malta durch Napoleon Bonaparte (damals noch republikanischer General) erobert. Der seinem Wort treue Paul I. schloß sich der antifranzösischen Koalition an, der Preußen, Österreich und England bereits angehörten. Die russische Kriegsflotte mit dem hochrangigen Malteserritter Admiral Fedor Uschakow an der Spitze segelte aus dem Schwarzen Meer ins Mittelmeer. Das gegen die Franzosen nach Italien marschierende russische Feldheer wurde vom hochrangigen Malteserritter Graf Alexander Suworow befehligt. Für seine Heldentaten während dieses italienischen Feldzugs erhielt Suworow den Titel des Fürsten von Italien, den Rang des Generalissimus und Ehrenbezeigungen, die vorher nur Zaren galten.
Sowohl der ritterliche Paul als auch Suworow begriffen sehr bald, daß es ihren Koalitionspartnern (vor allem England) weniger um die Bekämpfung der Französischen Revolution als um die Inbesitznahme der italienischen Beute der französischen Eroberer ging. Die Verbündeten standen nicht zu ihren Verpflichtungen und nutzten die Russen als billiges Kanonenfutter, ohne für ihre Bedürfnisse gebührend zu sorgen. Zu guter Letzt vertrieben die Engländer die Franzosen 1800 von der Insel Malta – nur um diese dann zu ihrem eigenen Marinestützpunkt auszubauen, statt sie dem Malteser Orden zurückzugeben. Das war eindeutiger Vertragsbruch und Verrat. Paul I. zog Suworows Heer aus Italien ab und forderte Preußen zu entschlossenem Vorgehen gegen England auf. Gleichzeitig knüpfte der Zar persönliche Kontakte zu Napoleon, der bald Erster Konsul werden sollte.
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Zuerst forderte Paul Napoleon zum Zweikampf auf, um die Streitigkeiten zwischen beiden Staaten unter persönlichem Lebenseinsatz zu regeln, ohne das Blut ihrer Soldaten zu vergießen. Napoleon lehnte das Duellangebot zwar ab, wußte es jedoch gebührend einzuschätzen und ließ alle russischen Kriegsgefangenen bedingungslos frei.
Kaiser Paul I. begriff, daß Napoleons Machtantritt der Französischen Revolution ein Ende setzte. Daher schloß er mit dem Ersten Konsul der Französischen Republik und baldigem Kaiser der Franzosen Napoleon Bonaparte ein militärpolitisches Bündnis gegen England ab, um die heimtückischen Briten für den Raub Maltas zu bestrafen. Rußland beteiligte sich nunmehr an der von Napoleon über England verhängten Kontinentalblockade, die das hartnäckige und immer neue Ränke schmiedende Albion wirtschaftlich erdrosseln mußte. Außerdem beschloß Paul nach seinem Vertrag mit Napoleon, gleich Frankreich ein 35.000 Mann starkes Expeditionskorps nach Indien zu entsenden, um England seine wertvollste Kolonie zu entreißen. Das russische Expeditionskorps setzte sich mit Donkosaken an der Spitze in Bewegung. Zar Pauls „Indienbefehl“ wird auch heute noch häufig als „wahnwitzig“ und „absurd“ bezeichnet. Dabei wird jedoch übersehen, daß der erste Plan eines solchen Feldzugs nach Indien (um Englands Macht in „Rußlands asiatischem Unterleib“ zu schwächen) bereits unter Katharina II. (die keiner für „verrückt“ zu halten wagt) arbeitet und von Paul nur verwirklicht wurde.
Pauls Bruch mit den Koalitionspartnern bedeutete für diese eine wahre Katastrophe. Speziell für England bedeutete er einen irreparablen Schlag gegen die britische Weltmacht und Geldbörse. Er bedeutete auch einen schweren Schaden für die Geldbörse der seit Generationen eng mit England wirtschaftlich und finanziell verknüpften russischen Kaufleute und Großgrundbesitzer, die das Inselreich mit Getreide, Leinen, Hanf, Segeltuch, Teer, Rundholz und allem versorgten, was das Empire und vor allem die britische Weltmeerflotte brauchten. Aus diesem Grund wurde eine Verschwörung mit dem Ziel in Gang gesetzt, den für Rußlands wahre Interessen eintretenden Zaren Paul möglichst schnell zu beseitigen. Verschiedene Autoren haben nachzuweisen versucht, daß diesbezüglich insbesondere die internationalen Verbindungen der Freimaurerei, die verschiedene Exponenten der russischen Aristokratie mit hochgradigen Maurern in England und Deutschland verband, ausschlaggebend waren.
Der „verrückte“ Zar
Dieses Ansinnen fand im an Freisinnigkeit, Luxus und Unzucht gewöhnten russischen Hochadel, vor allem in den Lebemännern von Gardeoffizieren als dessen schlechtesten Vertretern, willfährige Handlanger. Ab Herbst 1800 begann die planmäßige Umsetzung der Verschwörung, worin Graf Nikita Panin (Neffe und Namensvetter von Pauls Erzieher) vom Auswärtigen Amt, Graf Pjotr von der Pahlen (Generalgouverneur von St. Petersburg), General Leontij von Bennigsen, Admiral Josef De Ribas, die Gebrüder Subow, deren Schwester Sherebzowa, die Senatoren Orlow, Tschitscherin, Tatarinow, Tolstoj, Troschtschinskij, die Generale Golizyn, Depreradowitsch, Oboljaninow, Mansurow, Uwarow, die Offiziere Tolbanow, Skarjatin, Sablukow und viele andere Angehörige des Hochadels involviert waren. An ihrer Spitze stand der britische Botschafter in Rußland, der Hochgrad-Freimaurer (und Sherebzowas Geliebter) Sir Charles Whitwort als Rückgrat und Organisator der Verschwörung, unter dessen Vermittlung diese aus England 2.000.000 Goldrubel erhielt. Über Paul I. ergoß sich ein wahrer Strom von Verleumdungen. Deren Ziel war es, zu „beweisen“, er sei „verrückt“, „geisteskrank“ und dürfe daher „im Volks- und Dynastie-Interesse“ nicht an der Macht bleiben. Diese Verleumdungen wurden nicht nur durch die Nichterfüllung bzw. Verzerrung der Zarenbefehle „untermauert“, sondern auch dadurch, daß von anderen eindeutig sinnlose Befehle in Pauls Namen erteilt wurden. Zar Pauls derart gnadenlos verfälschte Gestalt wurde im öffentlichen Bewußtsein so tief verankert, daß sie nicht nur zu Lebzeiten des Kaisers, der angeblich „unwürdig war, das große Russische Reich zu regieren“, sondern selbst nach seiner Ermordung (die bis 1905 verheimlicht wurde) bedauerlicherweise von vielen bis heute für bare Münze genommen wird.
Die Adelsgesellschaft wurde, in erster Linie von Generalgouverneur Pahlen, mittels Klatsch und Gerüchten und sowie eindeutig falschen Behauptungen eingeschüchtert, wonach der verrückte Paul Unschuldige hinrichten, einkerkern bzw. nach Sibirien verbannen lassen wolle. Aufrechten Orthodoxen wurde eingeredet, Pauls „Malteserspiele“ zielten darauf ab, das orthodoxe Rußland zu katholisieren. Pahlen redete dem Zaren ein, seine Söhne Alexander und Konstantin würden ihm unter Anleitung durch Kaiserin Marie nach Thron und Leben trachten. Kraft seines Amtes war Pahlen Pauls nächster Vertrauter, dem der Kaiser Glauben schenkte. Indessen betrog Pahlen, wie er selbst später zugab, auch Kronprinz Alexander. Diesem versicherte Pahlen, man wolle seinen „geisteskranken“ Vater „zum Wohl des Vaterlandes“ nur absetzen und Alexander zum Regenten machen. Anfangs weigerte sich Prinz Alexander, mitzumachen. Der junge Panin und Pahlen vermochten es jedoch, ihn von der Notwendigkeit der Palastrevolution aus Gründen der Staatsräson zu überzeugen. Sie mußten Alexander mehrfach schwören, Pauls Leben zu schonen. Das taten sie jedoch nur, um Alexanders Gewissen zu beruhigen, wie Pahlen später zugab.
Der mit dem russischen Zaren verbündete Erste Konsul der Französischen Republik Napoleon Bonaparte, der durch seine allgegenwärtigen Späher und Kundschafter rechtzeitig von der gegen diesen gerichteten Verschwörung erfuhr, setzte ihn davon in Kenntnis. Der geniale Korse schätzte Kaiser Paul I. als Monarch und Menschen sehr, und zwar bis an sein Lebensende. Neben den politischen Motiven seiner späteren Kriege gegen Rußland hatte er wohl auch den Wunsch, den eidbrüchigen Zaren Alexander I. für die Mitschuld an der Ermordung seines Vaters zu bestrafen.
Am 7. März 1801 fragte der durch Napoleon informierte Kaiser Paul den Petersburger Generalgouverneur Graf von der Pahlen offen, ob dieser von einer Verschwörung wisse. Der innerlich zutiefst entsetzte Graf Pahlen bejahte kaltblütig die Frage des Zaren, erklärte jedoch, er hätte sich absichtlich an die Spitze der Verschwörung gestellt, um ständig auf dem Laufenden zu sein und sie im letzten Augenblick zu vereiteln. Obwohl es Pahlen gelungen war, Paul hinters Licht zu führen, erkannte er die Gefahr. Er redete Alexander ein, der Zar wolle ihn sowie die gesamte Zarenfamilie einkerkern, so daß die Verschwörer unbedingt zuschlagen müßten…
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Am 11. März 1801 lud Zar Paul die Prinzen Alexander und Konstantin zu einer Art Privatverhör ein. Nach der Verneinung seiner direkten Frage, ob die Prinzen zu den Verschwörern gehört, ließ er beide ihm auf Kreuz und Evangelium erneut als ihrem Monarchen Treue schwören. In Pauls letzter Nacht wurden die ihrem Zaren treuen Garden aus seinem Sankt-Michael-Schloß abgezogen und heimlich durch das Kronprinz Alexander treu ergebene Semjonow-Garderegiment ersetzt. In der gleichen Nacht zum 12. März lief (obwohl sich Rußland praktisch im Kriegszustand mit England befand und die Schiffe beider Staaten gegenseitig arretiert waren) ein britisches Schiff in die Newa ein, um die Verschwörer an Bord zu nehmen, falls ihr Plan mißlingen sollte. Dies konnte nur unter den Bedingungen eines weitgediehenen Verschwörernetzes passieren, das bis in alle Teile der russischen Staatsbehörden reichte.
An die 60 in Graf Pjotr von der Pahlens Haus versammelte, meistens für diverse Dienstvergehen gemaßregelte, stark alkoholisierte junge Offiziere begaben sich in zwei Gruppen zum Sankt-Michael- Schloß, wo Paul I. in seiner doppelten Funktion als Kaiser aller Russen und als Großmeister des mit dem russischen Kaiserreich untrennbar unierten Malteserordens residierte. Bezeichnenderweise erklärte ein Verschwörer, in Schwung geraten, lauthals, es wäre doch gut für Rußland, die gesamte Zarenfamilie zu ermorden. Dieser Vorschlag wurde zwar abgelehnt, zeugte jedoch eindeutig vom Denken des damaligen russischen Hochadels. Die beiden Verschwörergruppen drangen in Pauls Schlafzimmer ein, nachdem sie seinen treuen Türwächter Kirillow niedergesäbelt hatten. Durch Säbelrasseln und Kampfgeschrei geweckt, versuchte Paul (der die Tür zum Waffenraum, wo sich die Degen verhafteter Offiziere und sein eigener Degen befanden, vergeblich zu öffnen versuchte), durch eine Geheimpforte zu entkommen, wurde jedoch von einem schweren Wandteppich (einem Geschenk des französischen Königs Ludwig XVI. und dessen Gattin, die bereits von den Jakobinern hingerichtet worden waren) zu Boden geschlagen. Die eingebrochenen Verschwörer konnten dadurch Pauls habhaft werden. Bennigsen versicherte, man würde ihn am Leben lassen und nur verhaften, falls er keinen Widerstad leistete und sofort abdankte. „Was habe ich denn getan?“ – wollte Paul wissen. „Sie haben uns vier Jahre lang gequält“, lautete die Antwort.
Der schwerbetrunkene Nikolai Subow (Generalissimus Suworows Schwiegersohn) faßte den Zaren grob an. Der empörte Paul stieß ihn zurück. Darauf zerschmetterte Subow mit seiner goldenen Tabakdose (einem Geschenk der Zarin Katharina II.) Pauls linke Schläfe. Blutüberströmt sank der Kaiser zu Boden. Andere Verschwörer schlugen und traten auf ihn ein. Endlich wurde er mit Oberst Jakow Skarjatins Offiziersschärpe erdrosselt. Anderen Quellen zufolge starb Kaiser Paul I. jedoch von der Hand seines anwesenden Leibarztes James Villiers, der ihm die Schlagader durchschnitt, um danach in der Todesurkunde zu erklären, der Zar sei einem Gehirnschlag erlegen (nach Kaiser Alexanders I. Machtantritt wurde Villiers dessen Leibarzt).
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Pahlen blieb sich selber treu und erschien erst nach Pauls Tod am Tatort. Er hielt sich absichtlich zurück, um die Verschwörer im Falle ihres Mißerfolgs zu verhaften und vor dem Zaren als sein Retter zu erscheinen. Der schlimmste Gedanke des sterbenden Kaisers war wohl der Gedanke, daß sein eigener Sohn Alexander an der Spitze seiner Mörder stand.Nichtdestotrotz waren die alarmierten Wachsoldaten des Alexander treuen Semjonow-Garderegiments (die als „Gemeine“ nichts von der Verschwörung wußten) bereit, Kaiser Paul zu beschützen. Doch Bennigsen und Pahlen versicherten den aufgeregten Soldaten, Kaiser Paul hätte „der Schlag getroffen“ und sein Sohn, ihr geliebter Alexander, sei nunmehr Zar. Pahlen eilte in Alexanders Stube und setzte ihn über den Tod seines Vaters in Kenntnis. Alexander brach in Tränen aus und erinnerte Pahlen an dessen Schwur, Pauls Leben zu schonen. Pahlen fiel ihm brüsk ins Wort: „Genug des Weinens! Sonst kriegen wir alle die Bajonette am eigenen Leibe zu spüren! Zeigen Sie sich dem Volk!“ Alexander trat mit Tränen in den Augen vor die Soldaten, um sie zu beruhigen. Die Wachen schwiegen verdutzt und wohl wenig überzeugt. Doch gegen den Kronprinzen erhob sich keine Soldatenhand.
Der Verschwörung des russischen Hochadels, die, wie viele Quellen nahelegen, von England und der Hochgrad- Freimaurerei schottischen Ritus auch für die meisten Zarenmörder selbst heimlich geleitet und finanziert wurde, war somit Erfolg beschieden. Dieser edle, ritterliche Monarch, der vom aufrichtigen Wunsch erfüllt war, Rußland groß und das russische Volk glücklich zu machen, Recht und Gesetz zu achten und zu schützen, fiel von Mörderhand. Alle Verschwörer fanden ein böses Ende. Manche wurden von Alexander verbannt, andere durch Gott bestraft. Der Hauptverschwörer Pahlen wurde seines Amtes und aller Würden enthoben und auf sein Gut im Baltikum verbannt, wo er langsam geistig verkümmerte. Wahnsinnig wurden auch Nikolaj Subow (der in geistiger Umnachtung sogar seine eigenen Exkremente fraß) und Bennigsen. Diese Leute, die den klugen Paul I. für „verrückt“ zu erklären wagten, wurden tatsächlich verrückt. Eine Ironie des Schicksals – oder Gottes Strafe?
Die Freude des eidbrüchigen russischen Hochadels war von nicht allzulanger Dauer. Kaiser Alexander I. (der natürlich sofort auf die Insel Malta verzichtete, die Malteser-Großmeisterwürde anlehnte, den Malteserorden schließlich aus Rußland abschob und 14 Jahre lang von England finanziert in Englands Interesse gegen das napoleonische Frankreich Krieg führte, was ihn während Rußlands Invasion durch Napoleons Grande Armée 1812 beinahe Krone und Leben kostete) und sein Nachfolger Kaiser Nikolaus I. waren und blieben Zar Pauls Söhne, die nach ihm geraten waren. Weder sie noch die folgenden russischen Zaren unterwarfen sich dem Diktat des Hochadels. Nachdem dieser endlich begriffen hatte, daß er keine Macht mehr über den Autokraten hatte, beschritt er den Weg des Staatsverrats, um in Kollaboration mit Rußlands Feinden die Zaren-Autokratie in Rußland zu vernichten. Letzteres gelang ihm endlich im Februar 1917 – wonach der Hochadel jedoch unter den Trümmern des Zarenreiches umkommen mußte. Kaiser Pauls I. Herrschaft prägte Rußlands weitere Geschichte in folgender, äußerst wichtiger Hinsicht: Der Zar wandte sich zum ersten Mal seit seinem Großvater Peter I. der russisch-orthodoxen Kirche zu und verankerte die Grundsätze der Autokratie. Pauls Herrschaft, die von ihm erarbeiteten Gesetze und die von ihm bewußt gesteuerte Politik ließen ihn zum wahren Volkszaren werden, was ihn jedoch das Leben kostete. Und dennoch war es gerade Paul I. beschieden, den Grundstein des russischen Staatsleben für das 19. und 20. Jahrhundert zu legen. Die Grundsätze lauteten: „Orthodoxie, Autokratie, Volkstum.“ Oder, als Soldaten-Schlachtruf formuliert: „Für Glauben, Zar und Vaterland!“
Kurz vor seinem Märtyrertod schrieb Kaiser Paul I. einen Brief, den er eigenhändig in einen Briefumschlag legte, versiegelte und erst 100 Jahre nach seinem Tod zu öffnen befahl. Der Briefumschlag wurde in der Zarenfamilie bis zum 24. März 1901 aufbewahrt und erst an diesem Tag von Kaiser Nikolaus II. geöffnet und gelesen. Der Briefinhalt ist uns unbekannt, er soll jedoch auf Zar Nikolaus II. einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Möglicherweise enthielt Kaiser Pauls Brief eine Voraussage über das Schicksal des russischen Zarenhauses Romanow und ganz Rußlands.