Bei diesem Text handelt es sich um Auszüge aus dem Buch „Die unwahrscheinliche Geschichte des Jesus von N. Was wissen wir über Evangelium und Geschichte?“ unseres Autors Eduard Josef Huber ohne Anmerkungen und Quellennachweise.
Wenn man nun den Versuch unternimmt, aus dem bisher Gesagten die wahrscheinliche Geschichte Jesu zu rekonstruieren, wird man vieles, was allzu unwahrscheinlich ist, beiseitelassen müssen: Die meisten Wunder, die Verklärung, die Auferstehung und die Himmelfahrt; denn all das gibt es ja in unserer alltäglichen Erfahrungswelt nicht oder doch jedenfalls so selten, daß man in einem kurzen Menschenleben eigentlich nicht damit rechnen muß. Das Ergebnis eines solchen (im Grunde willkürlichen) Vorgehens ist dann natürlich auch nur das Bild eines einigermaßen gewöhnlichen Lebens, kaum mehr als eine Normalbiographie aus dem unter römischer Herrschaft stehenden jüdischen Palästina zur Zeit der ersten Kaiser, die Geschichte des Rabbi Jesus von Nazareth. Jesus ist 7 v. Chr. in Bethlehem geboren. Ende dieses Jahres sind seine Eltern mit ihm vor Herodes nach Ägypten geflohen. Nach dessen Tod 4 v. Chr. sind sie nach Israel zurückgekehrt und haben sich in Nazareth niedergelassen. Bis zum Jahr 27 n. Chr., d.h. bis zum Alter von 33 Jahren, ist Jesus „der Zimmermann“ von Nazareth, und kaum etwas deutet auf seine kommende Berufung. Aber im Jahr 27 begibt er sich zunächst zu Johannes an den Jordan und läßt sich taufen, danach hält er sich vierzig Tage in der Wüste auf. Nach seiner Rückkehr zieht er als Wanderprediger und Wundertäter durch Galiläa und die umliegenden Gebiete und gewinnt viele Jünger, aber auch einflußreiche Feinde. Nach einem triumphalen Einzug in Jerusalem wird er im Jahre 30 verhaftet, vor Gericht gestellt und nach einem skandalösen Prozeß von den Römern gekreuzigt. Das ist, mit groben Strichen gezeichnet, das Bild, das sich viele heutzutage von Jesus und seinem Leben machen. Historisch betrachtet wäre es das Leben eines der vielen Propheten in Israel, die nach zeitweiligen Erfolgen schließlich ein tragisches Ende gefunden haben. Was also spricht dagegen, daß es das und nichts weiter gewesen wäre?
Dagegen sprechen vor allem zwei Tatsachen: erstens, daß wir seine Geschichte überhaupt so gut kennen, und zweitens, daß sein Leben so außergewöhnliche welthistorische Folgen gehabt hat. Angenommen, Jesus wäre der gescheiterte Prophet (oder Reformer oder Revolutionär) gewesen, als welchen ihn seine wahrscheinliche Geschichte erscheinen läßt, so wäre am Ende folgendes herausgekommen: Seine Jünger, tief verstört von seinem jähen Fall, hätten versucht, die Katastrophe so schnell wie möglich zu vergessen. Sie wären mit Selbstverständlichkeit in ihr voriges Leben zurückgekehrt und hätten dort wieder Fuß gefaßt, als Fischer, Zöllner oder was sie sonst getrieben hatten. Simon „der Eiferer“ wäre wohl wieder zu den Zeloten gegangen, und der unselige Judas hatte sich bekanntlich umgebracht. Das alles ist keine Theorie; man braucht nur den Schluß des Johannesevangeliums zu lesen, wie sich da eine Gruppe von Jüngern am See Genezareth trifft: „Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael, der aus Galiläa war, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger waren beisammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprachen: Wir gehen mit dir; sie gingen hinaus und bestiegen das Schiff“ (Joh 21,2–3). Na also, etwas Besseres fiel ihnen halt nicht ein, und dabei wäre es wohl auch geblieben, wenn Jesus nicht noch einmal eingegriffen hätte. Wahrscheinlich hätten sie sich sogar ein wenig geschämt, daß sie drei Jahre lang einem Menschen nachgelaufen waren, der womöglich doch ein Scharlatan gewesen war. D.h. es wäre ihnen nicht viel anders gegangen als jenen vielen, die nach (oder schon vor) 1933 in einem gewissen Adolf Hitler den Retter Deutschlands gesehen hatten und nach 1945 verschämt gestehen mußten, daß sie sich gewaltig getäuscht hatten. Und wenn dann nach Jahren einer den Petrus oder einen seiner Gefährten auf die Sache mit Jesus angesprochen hätte, so dürfte er kaum eine andere Antwort bekommen haben als jene, die Petrus schon einmal gegeben hatte: „Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.“ (Mk 14,71)
Aber das ist bei weitem nicht alles; denn auch wir würden „diesen Menschen“ nicht kennen! Bekanntlich hat er selbst nichts Schriftliches hinterlassen, und seine Jünger hätten sich unter den gegebenen Umständen sehr wohl gehütet, ihm Nachrufe zu widmen; sie hätten sich dadurch doch nur blamieren können. Geht man also davon aus, jene für den Rationalisten wahrscheinliche Geschichte entspräche der Wahrheit, läßt sich gar nicht erklären, wie sie in solcher Ausführlichkeit und Wirkmächtigkeit bis zu uns gekommen ist. Mit anderen Worten: Von der wahrscheinlichen Geschichte wüßten wir in Wahrheit so gut wie nichts. Die Geschichte Jesu wäre allenfalls eine Randnotiz der antiken Geschichte geblieben, und in der Fachliteratur würde man vielleicht die Anmerkung finden: „Ein Schüler Hillels des Alten war vermutlich auch jener Jesus von Nazareth, der zur Regierungszeit des Tiberius einige Jahre für Aufsehen in Israel sorgte und von manchen für einen Propheten gehalten wurde. Nach einem Volksaufruhr in Jerusalem im 18. Regierungsjahr des Tiberius ließ ihn der Statthalter Pontius Pilatus hinrichten. Von seiner Lehre wissen wir nichts, da er anscheinend nichts geschrieben hat und seine Anhänger einfache Leute, womöglich Analphabeten waren.“ Das wär’s dann. Und sicherlich würden wir auch heute noch „ab urbe condita“ und nicht „nach Christus“ rechnen; denn welchen Grund gäbe es, nachträglich aus einem erfolglosen Aufrührer in einer römischen Provinz die Zentralgestalt der Weltgeschichte zu machen! So endet also die wahrscheinliche Geschichte Jesu in der Ausweglosigkeit der Absurdität. Die Frage nach seiner wahren Geschichte stellt sich so mit desto größerer Dringlichkeit.
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Faßt man die unwahrscheinliche Geschichte des Jesus von N. zusammen, ergibt sich folgendes: Jesus ist nicht der Sohn Josephs, auch nicht der irgendeines anderen irdischen Vaters und kann es auch gar nicht sein, denn er ist (um einen Ausdruck Michel Henrys zu gebrauchen) „der Ur-Sohn“, der Einziggezeugte des Ewigen Vaters. Und Zeugung meint in diesem Zusammenhang doch etwas anderes als jene Zeugung eines Menschen durch einen menschlichen Vater; denn erstens gibt auf Erden ein Vater nur ein Leben weiter, das ihm selbst nicht gehört, sondern nur vorübergehend (von der Zeugung bis zum Tod) verliehen ist, und zweitens ist der Sohn, vom Akt der Zeugung an vom Vater getrennt, ein anderer, weder eins mit ihm noch ihm gleich.
Ganz anders bei Gott, der das Leben selber ist: Er gibt kein Leben weiter, das nicht ursprünglich in ihm selbst wäre, vielmehr absolutes Leben, welches sich selbst zeugt und in dieser Selbstzeugung zugleich jenen Ur-Sohn, in dem sich diese Selbstzeugung des absoluten Lebens offenbart: „Das ‚Leben‘ zeugt sich selbst als diesen ‚Lebendigen‘, der es in seiner Selbstzeugung ist. Und deshalb ist dieser ‚Lebendige‘ der ‚Einzige‘ und der ‚Erste‘ – ‚Der da‘, wie Johannes sagt.“ Dieser „Sohn“ also, der in einem ganz anderen Sinn Sohn Gottes ist als ein Mensch der Sohn seines Vaters, bleibt immer mit seinem Vater eins: als der „Erst-Lebendige“ (M. Henry) in seinem untrennbaren Verhältnis zum absoluten „Leben“, das der Vater ist. Er bleibt also in ihm, und die Aussage Christi „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,29) ist als absolut zu verstehen: Es ist die Bedingung seiner göttlichen Existenz. Christus ist mit dem Vater eins in jenem absoluten Leben, das sich ewig selbst zeugt. Er bringt dies auch vollkommen klar zum Ausdruck, indem er sagt: „Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, Leben in sich selbst zu haben“ (Joh 5,26). Die Frage ist allerdings, wie er unter dieser Bedingung überhaupt aus diesem innergöttlichen Leben heraustreten und Mensch werden konnte. Diese Frage hat die Theologen schon früh beunruhigt und gespalten. Bereits im 2. Jahrhundert behaupteten die Doketisten, „Christus sei vollkommen göttlich, seine Menschlichkeit stelle einen bloßen Schein dar. Das Leiden Christi wird damit nicht als tatsächliches Leiden verstanden.“ Auswirkungen dieser Position, die vor allem bei gnostischen Autoren beliebt war, zeigen sich schon im Koran (wo die Wirklichkeit des Leidens Christi ebenfalls angezweifelt wird), sehr stark aber neuerdings bei den Esoterikern. Aber vor allem das Johannesevangelium läßt eine so bequeme Klärung des Problems nicht zu: Da ist der Logos wirklich „Fleisch geworden“; das schließt die Vorstellung, er habe nur einen Scheinleib besessen, kategorisch aus. Die Lehre, Christus sei sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch, ist darum auch fester Bestandteil der gesamten orthodoxen Theologie und aller alten Glaubensbekenntnisse. Die Frage, wie dies möglich sei, bleibt dadurch zunächst freilich unbeantwortet.
Unter gewissen Voraussetzungen ist sie auch gar nicht zu beantworten. Betrachtet man nämlich den Menschen empirisch oder rationalistisch als „animal rationale“, als ein Tier mit Verstand, so ist freilich gar nicht vorstellbar, wie der ewige Gott sich soweit hätte erniedrigen können. Michel Henry hat das klar herausgearbeitet:
Aber in dieser Christologie, die sich auf einer zweifachen Natur Christi errichtet […], verbirgt sich meist eine andere verheerende und in Wahrheit antichristliche Voraussetzung. Denn schließlich handelt es sich darum zu wissen, welcher Natur diese menschliche Natur ist, die sich mit einer anderen von göttlichem Wesen verbinden soll, um mit ihr das gemeinsame Wesen Christi zu bilden. Was in die Augen springt, besteht darin, da? jener Mensch, der auf geheimnisvolle Weise seine Natur mit dem göttlichen Wesen des Logos verbindet, welcher mit dem Vater gleichwesenhaft ist, der Mensch der Welt ist, der Mensch des Gemeinsinns, der Mensch des Empirismus und des Rationalismus, der Mensch als vernunftbegabtes Tier, der Mensch als integraler Bestandteil des materiellen Universums wie auch der transzendentale Mensch, der sich in der mit der Welt gemachten Erfahrung auf diese Welt hin öffnet – kurz gesagt der Mensch, den das Christentum verwirft und dem es einen radikal unterschiedenen Menschen entgegensetzt: Den „Sohn Gottes“, den „Sohn des Lebens“, den neuen transzendentalen Menschen, der seine Geburt im absolut phänomenologischen Leben hat, in der Selbstzeugung dieses „Lebens“ gezeugt wird und nur in diesem sein Wesen schöpft – der Christus ähnliche Mensch, der Mensch als Bild Gottes!
Mit anderen Worten: Der Mensch in der gottmenschlichen Einheit, die uns historisch als Jesus Christus entgegentritt, ist nicht jener Mensch, wie ihn der szientistisch eingeschränkte Blick der modernen Welt und Wissenschaft ins Auge faßt. Es ist vielmehr, nach christlichem Welt-und Menschenverständnis, der nach Gottes Ebenbild geschaffene göttliche Mensch, kein animal rationale, sondern ein ens vere divinum (ein wahrhaft göttliches Wesen), berufen, mit Gott zu sein und zu leben. Freilich nicht in dem Sinn, den der Versucher meinte, als er den ersten Menschen versprach: „Ihr werdet sein wie Gott“, sondern in der ursprünglichen liebenden Einheit mit ihm, wie sie im Paradies Wirklichkeit gewesen ist.
Darum hat auch der Mensch Jesus nichts mit dem gefallenen Menschen gemein, seinen unbeherrschten Trieben und seinem irregeleiteten Willen. Sein Wille ist immer identisch mit dem seines Vaters, wie er selbst unmißverständlich zum Ausdruck bringt: „Meine Speise ist es, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, um sein Werk zu vollbringen“ (Joh 4,34). Wenn er „ein zweiter Adam“ genannt wird, so nur im Vergleich mit dem Adam vor dem Sündenfall, der auch ein Sohn Gottes war, zwar geschaffen, nicht gezeugt, aber doch nur lebendig, weil das Leben Gottes in ihm war. Auch Adam, d.h. der Mensch, wie Gott ihn eigentlich wollte, war ein „Sohn des Lebens“, jenes göttlichen Lebens, das zuerst im „Ur-Sohn“ (im Logos) zu sich selbst kam und durch diesen zu allen übrigen Söhnen des Lebens, so daß jeder von ihnen als ein „Sohn im Sohn“ zu sich selbst, zu seiner Individualität gelangte. Sich mit diesem Menschen zu verbinden, der ohnehin ursprünglich Sohn Gottes war, dürfte dem Erstgezeugten, dem „Ur-Sohn“ nicht so schwergefallen sein, wie man das aus empirisch-menschlicher Sicht, d.h. vom Menschen dieser Welt aus betrachtet, annehmen möchte. Aber freilich bleibt es trotzdem unbegreiflich, ein göttliches Geheimnis; doch die für das Christentum fundamentale Tatsache, daß Gott Mensch geworden ist, setzt selbstverständlich voraus, daß es für Gott möglich war. Zumindest gilt auch hier das Wort des Engels: „[…] denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“ (LK 1,37).
Nimmt man nun aber an, daß Christus im eigentlichen Sinn der Sohn Gottes ist, so ist sein „Erdenwandel“ (wie man früher sagte) einerseits leicht erklärbar, andrerseits doch kaum verständlich. Geradezu selbstverständlich ist dann, daß er Kranke heilen konnte, daß er Tote auferweckte, daß er übers Wasser des Sees Genezareth ging oder einen Seesturm stillte. Es leuchtet auch ein, daß er sich einigen ausgewählten Jüngern auf dem Berg der Verklärung in seiner göttlichen Herrlichkeit zeigte, freilich nur soweit, wie deren menschliche Natur es ertragen konnte. Viel schwerer verständlich ist es, wie er dreißig Jahre lang völlig unscheinbar leben konnte, wie er arbeitete, als wäre er ein ganz gewöhnlicher Handwerker.
Wie man vielleicht bemerkt, kehrt sich unter der Voraussetzung seiner Gottessohnschaft das Bild von seinem Leben völlig um: Was unter gewöhnlichen Bedingungen selbstverständlich wäre, wird nun geradezu zum Wunder; was wunderbar schiene, zur schieren Selbstverständlichkeit. Das verwirrt heute wie damals; jedenfalls wundert es einen nicht, daß ihn seine Jünger sehr oft nicht verstehen konnten und viele auch an ihm irre wurden. Die Diskrepanz zwischen seinem göttlichen Anspruch und seinem scheinbar ganz gewöhnlichen Menschenleben, das er rund dreißig Jahre lang geführt hatte, war so groß, daß sie das Fassungsvermögen des üblichen Menschenverstandes weit überstieg. Darum waren die Menschen fast zwangsläufig hin- und hergerissen zwischen begeisterter Zustimmung und einer Ablehnung, die sich nicht selten zu tödlichem Haß steigerte. Aber man kann aus der Entfernung von zweitausend Jahren auch ein anderes Fazit ziehen: Es ist zwar, nach menschlichen Maßstäben, unwahrscheinlich, daß ein Gottessohn auf Erden erscheint, wenn er aber tatsächlich erscheint, ist es sehr wahrscheinlich, daß er Kranke heilt, Teufel austreibt, Tote erweckt u.ä. Je nach der Voraussetzung, von der man ausgeht, erscheint also ein und dasselbe entweder als wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, wobei die Frage offenbleibt, was denn nun eigentlich wahr sei. Gibt es denn irgendeinen überzeugenden Beweis dafür, daß Jesus der ist, für den er sich ausgegeben hat und für den seine Gläubigen ihn nach wie vor halten? Nach der Überzeugung des Apostels Paulus gibt es dafür nur einen einzigen Beweis: seine Auferstehung.
Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt ohne Sinn, ohne Sinn auch euer Glaube. Dann sind wir als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt haben, daß er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn nämlich Tote nicht auferstehen. Denn wenn Tote nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist euer Glaube nichtig […]. (1. Kor 15,14–17)
Nun gab es jedoch für Paulus keinen Zweifel, da ihm der Auferstandene selbst erschienen war; er zählte zudem auf, wer außer ihm den Auferstandenen gesehen hatte (1. Kor 15,5–7). Aber den Nachgeborenen, denen eine solche Gnade nicht zuteil geworden ist, fällt es naturgemäß schwerer, dasselbe zu glauben. Zwar könnten sie sich mit dem Wort Christi an Thomas trösten: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben“ (Joh 20,29), aber das ist ein schwacher Trost und vermag kaum die Zweifel zu stillen, die auch in den Herzen der Gläubigen bisweilen aufkeimen. Und den Ungläubigen bedeutet es ohnehin nichts. Da nun aber an der Glaubwürdigkeit der Berichte von der Auferstehung so viel, ja geradezu alles hängt, soll hier noch einmal auf etwas verwiesen werden, was nicht nur als Beweismittel für die Kreuzigung, sondern auch für die Auferstehung Christi gelten kann: auf das Turiner Grabtuch (dessen verschlungene Geschichte schon dargestellt worden ist); denn dieses Tuch repräsentiert in den beiden völlig verschiedenen Bildern, die es zugleich zeigt, die beiden Aspekte von Tod und Auferstehung in so überzeugender Weise, daß es den, der es einmal in Turin bei der „ricognizione“ (wörtlich: Wiedererkennung) gesehen hat, wohl nie mehr losläßt.
Das eine Bild ist markant, in rotbrauner Farbe, von den Blutspuren gezeichnet, die teilweise, vor allem auf dem Rücken, von einem hellen Serum umgeben sind. Dieses Bild läßt, nach medizinischem Befund, keine andere Deutung zu, als daß der Leib eines Gekreuzigten in das Tuch gelegt worden ist. Das andere Bild zeigt schattenhaft Gesicht und Leib eines Mannes, und zwar merkwürdigerweise als Fotonegativ, was zum ersten Mal 1898 durch den Fotografen Secondo Pia entdeckt worden ist. Zu seiner eigenen Verwunderung erkannte er nämlich, daß seine Negative das Positiv des Bildes zeigten, das er aufgenommen hatte. Dies bedeutet nichts anderes, als daß das Tuch ähnlich einem Film ein Bild aufgenommen hat, von dem man einen Abzug machen muß, um die originale Ansicht wiederzugewinnen. Da nun aber das Tuch nicht chemisch präpariert ist wie ein Film, stellt sich die Frage, was die schemenhafte Farbveränderung hervorgerufen haben könnte (das Tuch weist ja keinerlei Farbauftrag auf). Eberhard Lindner, ein Professor für Chemie, hat mit seinen Experimenten festgestellt:
Nur eine einzige Entstehungsursache läßt ohne irgendeinen Widerspruch alle erkennbaren Phänomene vereinigen: Es müßte eine energiereiche Strahlung, vergleichbar mit weicher Röntgenstrahlung oder Radioaktivität, das Körperbild erzeugt haben, denn nur eine solche Strahlung zeigt eine genügende Absorption schon durch geringe Luftschichten, und sie dringt nicht tief in das Gewebe des Tuches (höchstens 125 Mikrometer) ein; dies konnte durch Simulationsexperimente mit einer weichen Röntgenstrahlung nachgewiesen werden.
Aber wie könnte diese Strahlung entstanden sein? Bekanntlich entsteht Strahlung physikalisch durch Umwandlung von Materie in Energie. Könnte also nicht ebenso durch die Verwandlung des materiellen in den verklärten Leib Christi Energie entstanden sein? Lindner stellt diese Möglichkeit in Rechnung:
Wenn vor dem Zurücksinken des Leichnams ins „Nichts“ an seiner Oberfläche bei einer begrenzten Anzahl von Atomen nur die Kernbestandteile aus dem Dasein verschwunden wären, müßte dadurch eine Elektronen-Strahlung (entsprechend einer radioaktiven ß-Strahlung) entstanden sein, die das Körperbild erzeugt hat.
Die geradezu wütende Reaktion einiger Leserbriefschreiber auf den Artikel des Professors verriet, wie sehr es den wissenschaftsgläubigen modernen Menschen irritiert, wenn man ihm Glaubensinhalte mittels wissenschaftlicher Argumentation nahezubringen versucht. Und möglicherweise hat er sogar recht, wenn er sich weigert, seinen religiösen Glauben auf wissenschaftlichen Gründen aufzubauen; denn wie M. Henry immer wieder eindringlich betont, läßt sich der christliche Glaube im Horizont der „Wahrheit der Welt“ nicht erfassen: „Das Licht, in das die Dinge gelangen, um sich in ihrer Eigenschaft als Phänomene zu zeigen, ist das Licht der Welt. Die ‚Welt‘ ist nicht die Gesamtheit aller Dinge oder Seienden, sondern der Lichthorizont, in dem die Dinge sich in ihrer Eigenschaft als Phänomene zeigen.“
Das Licht aber, das Christus ist, ist nicht von dieser Welt. Insofern kann es sich im Licht der Welt, in dem es nur Phänomene gibt, auch gar nicht als das zeigen, was es in Wahrheit ist: „Gott von Gott, Licht vom Licht […]“, wie es im Credo heißt. Dieses Licht ist offenbar nur mit den Augen des Glaubens zu sehen, wie Christus in jener grandiosen Szene nach der Heilung des Blindgeborenen den Pharisäern gegenüber klargestellt hat:
Jesus sagte: Zum Gericht bin ich in die Welt gekommen, damit die, welche nicht sehen, sehen, und die, welche sehen, blind werden. Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sagten: Sind wir vielleicht auch blind? Jesus erwiderte ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sprecht ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde. (Joh 9,39–41)
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Es versteht sich von selbst, daß niemand gezwungen ist oder gezwungen werden kann, das anzunehmen, was Christus von sich selbst behauptet hat, nämlich, daß er der Sohn Gottes sei. Aber es ist aufschlußreich, zu untersuchen, was sich ergibt, wenn man diese Annahme verweigert. Und dafür gibt es durch die Geschichte hindurch viele Beispiele, angefangen vom arianischen Streit des 4. Jahrhunderts bis zum Streit um den Theologen Gerd Lüdemann in den Jahren 1995/96. Es ist hier nicht der Ort, die ganze lange Geschichte dieses Streits zu rekapitulieren, doch sollen zwei Beispiele herausgestellt werden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen, nämlich Mohammed und Bultmann.
Im Koran finden sich Stellen wie diese:
Gott sprach: O Jesus, Sohn Marias, hast du den Menschen gesagt: nehmet mich und meine Mutter als zwei Götter neben Gott? Er erwiderte: Preis dir, es steht mir zu sagen nicht zu, was mir nicht Wahrheit ist. Hätte ich dies gesagt, du wüßtest es bereits. Du weißt, was in meiner Seele; wahrlich, du bist Wisser der Geheimnisse. Nichts sagte ich ihnen als das, was du mich beauftragtest: dienet Gott, meinem Herr und eurem Herrn. (5. Sure, Vers 116-117)
Da wird deutlich, daß Mohammed Jesus zwar als Propheten anerkennt, nicht aber als Gott. Er glaubt auch nicht daran, Jesus könnte sich selbst als Gott verstanden haben, vielmehr nimmt er an, dies sei eine Erfindung der Jünger oder überhaupt der Christen, wobei er insofern übers Ziel hinausschießt, daß er behauptet, die Christen hielten Jesus und Maria als „zwei Götter neben Gott“.
Über Bultmanns Position liest man:
Hinsichtlich der Verkündigung Jesu möchte R.Bultmann von prophetischem Bewußtsein, ja von einem Vollmachtsbewußtsein Jesu sprechen, aus dem heraus er die eschatologische Botschaft von der hereinbrechenden Gottesherrschaft, aber auch den einladenden und fordernden Willen Gottes verkündete. – Daß wir nicht wissen können, wie Jesus sein Ende, seinen Tod verstanden hat, bezeichnet R. Bultmann als „die größte Verlegenheit für den Versuch, ein Charakterbild Jesu zu rekonstruieren“.
Die Parallelen zwischen dem Koran und der sog. kritischen Theologie sind verblüffend: Hier wie da wird Jesus nur ein „prophetisches Bewußtsein“, allenfalls noch ein „Vollmachtsbewußtsein“ zugebilligt, aber keineswegs ein Bewußtsein der Gottessohnschaft. Dieses soll ihm erst nachträglich von der Christenheit untergeschoben worden sein (daß die kritische Theologie dies als Theorie vom kerygmatischen Christus formuliert, ändert nichts an ihrem ursprünglichen Vorurteil). Merkwürdig ist, daß Bultmann voraussetzt, Jesus habe nicht einmal eine klare Vorstellung von seinem Tod gehabt; er geht sogar so weit, zu behaupten, er habe nicht mit seiner Hinrichtung durch die Römer rechnen können: „Schwerlich kann diese Hinrichtung als die innerlich notwendige Konsequenz seines Wirkens verstanden werden; sie geschah vielmehr auf Grund eines Mißverständnisses seines Wirkens als eines politischen. Sie wäre denn – historisch gesprochen – ein sinnloses Schicksal. Ob und wie Jesus einen Sinn in ihm gefunden hat, können wir nicht wissen.“ Da erleidet also der Prophet auch noch „ein sinnloses Schicksal“, und man kann nicht einmal wissen, ob er selbst einen Sinn darin gefunden hat.
Das alles mag konsequent gedacht sein, enthüllt aber gerade in seiner Konsequenz die Unhaltbarkeit der Prämisse, daß der „historische Jesus“ nur ein Mensch gewesen sei, ein außergewöhnlicher zwar, aber doch gewöhnlich in dem Sinn, daß er sein Schicksal nicht in der Hand hatte und letztlich auch gar nicht verstand. Verglichen mit dieser „kritischen“ Position zieht sich Mohammed recht elegant aus der Affäre, indem er annimmt, Jesus sei gar nicht wirklich am Kreuz gestorben, sondern zu Gott entrückt worden:
Und ob ihres Sagens: wahrlich, wir haben den Messias, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet. Jedoch nicht getötet haben sie ihn und nicht gekreuzigt, nur ähnlich schien er ihnen. Aber wahrlich, die darüber streiten, sind darin in einem Zweifel; sie haben hiervon keine Kenntnis und folgen einer vorgefaßten Meinung. Wirklich aber haben sie ihn nicht getötet, vielmehr hat Gott ihn zu sich erhoben; denn Gott ist stark und Allweise. (4. Sure, Vers 156)
Für einen, der nichts von islamischer Theologie weiß, ist schwer erkennbar, weshalb Mohammed den Propheten Jesus, den er als einen Vorgänger annimmt, nicht für wirklich gestorben hält. Möglicherweise ist er hier dem Einfluß des Doketismus erlegen, einer im Orient verbreiteten Lehre, daß Jesus als der Logos auf Erden nur einen Scheinleib besessen habe. Wenn man davon ausgeht, ergibt sich zwangsläufig, daß Jesus auch nicht wirklich sterben konnte. Seltsam ist immerhin, daß sich auch im Jesusbild der modernen Esoteriker ähnliche Vorstellungen wiederfinden.
Allen Annahmen, Jesus sei zwar ein Prophet und möglicherweise sogar der Messias gewesen, ist eines gemeinsam: daß sie in seinem Tod keinen rechten Sinn finden können. Zwar sind andere Propheten auch eines gewaltsamen Todes gestorben, aber sie haben sich, bis hin zu Johannes dem Täufer, immer nur als Vorläufer begriffen. Wenn nun aber der, dessen Vorläufer sie waren und der in der Fülle der Zeit erschienen war, sozusagen aufgrund eines politischen Mißverständnisses umkam, welchen Sinn hätte das? Und wenn er der Messias war, der das Reich seines Vaters David wiederaufrichten sollte, dann hätte er mit seinem jämmerlichen Tod am Kreuz völlig versagt.
Zugegeben, die Annahme, daß er, obwohl Gottes Sohn, am Kreuz gestorben sei, ist im Grunde noch unbegreiflicher; denn nach antiker und fast allgemeiner Vorstellung ist ein Gott unsterblich. Aber schon der Herakles-Mythos und der Mythos von Isis und Osiris hatten ja angedeutet, daß ein Halbgott oder selbst ein Gott sterben könne. Und in den griechischen Mysterienkulten war die Idee von Tod und Auferstehung eines Gottes bereits vorgebildet. Nicht zuletzt darin dürfte der eigentliche Grund liegen, weshalb sich die Griechen und Orientalen (Ägypter, Syrer, Babylonier) soviel eher zum Christentum bekehren ließen als die meisten Juden. Eines bleibt festzuhalten: Man mag die Gottessohnschaft Christi leugnen, so entschieden man immer kann, so entgeht man doch nicht der Frage, was dann dieses Leben und diese Lehre eigentlich sollte. Mohammed kann darauf wenigstens noch eine plausible Antwort geben: daß jener „Jesus, der Sohn Marias“ die vorletzte Stufe der Offenbarung Gottes an die Menschen war?
Wir ließen Jesus, den Sohn Marias, auf ihren Spuren folgen, zur Bestätigung dessen, was von der Thora vorhanden war. Wir gaben ihm das Evangelium, darin eine Rechtleitung ist und ein Licht und eine Bestätigung dessen, was von der Thora vorhanden war […] Dir aber haben wir das Buch geoffenbart in Wahrheit, zur Bestätigung dessen, was schon in der Schrift vorhanden ist, und darüber Wächter zu sein. (5. Sure, Vers 50–52)
Hier erscheint auf der Stufenleiter Moses/Jesus/Mohammed Jesus als die mittlere Stufe und das Evangelium zwischen Thora und Koran als „eine Rechtleitung“ der Gläubigen.
Soviel Ehre wird Christus und dem Evangelium bei modernen Theologen nicht immer zuteil. Wenn da z.B. ein Prof. Lüdemann verkündet, „daß die Bibel Menschenwort und Jesus ganz Mensch und Sünder war, also auch nicht von den Toten auferstehen konnte“, so müßte er, zumindest im Hinblick auf die ersten beiden Behauptungen, selbst für Muslime als Gotteslästerer gelten. Die Vorstellung Bultmanns, daß „an die Stelle der historischen Person Jesu […] die mythische Gestalt des Gottes- Sohnes getreten“ sei, käme da der Vorstellung Mohammeds schon näher; denn dieser glaubt ja auch, Jesus sei erst nachträglich von den Christen zum Sohn Gottes gemacht worden. Aber während der Prophet aus Mekka es dann konsequenterweise ablehnt, diesen Propheten aus Galiläa als Gott zu verehren, verlangen moderne Theologen wie Rudolf Bultmann oder Ernst Käsemann, der Gläubige habe in der „mythischen Gestalt des Gottes-Sohnes“, im „kerygmatischen Christus“ den Herrn zu verehren: „Nicht der historische Jesus, sondern Jesus Christus, der Gepredigte, ist der Herr.“ Man erkennt unschwer, welche theologische Akrobatik nötig ist, um diesen Spagat nachzuvollziehen. Mißtraut man den Worten Jesu und möchte dennoch etwas von seiner Botschaft retten, ist man genötigt, seinen Jüngern bzw. „der Gemeinde“ darin zu folgen, daß sie an einen geglaubt haben, der in Wirklichkeit, nämlich als historische Gestalt, selbstverständlich gar nicht der war, für den er nachträglich gehalten wurde oder für den er sich möglicherweise sogar selber hielt. Hier erfährt offenbar das alte „credo quia absurdum“ (ich glaube, weil es widersinnig ist) eine Neuauflage: Man soll glauben, was andere verkündet haben, obwohl sich (mit Hilfe der „historisch-kritischen Methode“) beweisen läßt, daß es nicht authentisch ist! Wenn man über diese seltsame theologische Botschaft nachdenkt, begreift man erst so richtig jenes wahrhaft prophetische Wort Jesu: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Einfältigen aber geoffenbart hast“ (Lk 10,21).