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Das Ziel: Deutschland und Europa sollen christlich bleiben

Volker Münz ist einer der Herausgeber des Buches „Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken“ (siehe Seite 27–33)

MdB Volker Münz sieht in der AfD eine Partei für konservative Christen

Mit Volker Münz sprach Bernd Kallina

Früher war er Mitglied der „Christlich-Demokratischen Partei Deutschlands“ (CDU). Er trat vor der friedlichen Revolution in die Partei Helmut Kohls ein. Sein Motiv: vor allem die christlich-konservative Grundorientierung der CDU und deren Fest­halten an der Idee einer Wiedervereinigung Deutschlands. Doch ab Beginn der 1990er Jahre rückten die Unionsparteien wei­ter nach links. Das „C“ im Parteinamen erwies sich immer mehr nur als Feigenblatt, und auch die von Kanzler Kohl verkünde­te „geistig-moralische Wende“ blieb aus. Daraufhin verließ er 1993 die CDU und trat zwanzig Jahre später in die neugegrün­dete „Alternative für Deutschland“ (AfD) ein: Die Rede ist von Volker Münz, Jahrgang 1964, Diplom-Ökonom, Mitglied im Kirchengemeinderat der evangelischen Kirche in Uhingen und in der Bezirkssynode Göppingen/Baden-Württemberg. Seit 2017 ist er AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. Gerade ist im Ares-Verlag das Buch „Rechtes Christentum?“ erschienen, zu dessen Herausgebern er zählt. Mit Volker Münz sprach Bernd Kallina über den Glauben im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken.

In einem Beitrag über „Warum Christen AfD wählen“ berichten Sie über „Ihr Jahr 2013“. In mehrfacher Hinsicht war dieses Jahr für Sie ganz persönlich ein „Schlüsseljahr“. Sie übernahmen Verantwortung in Kirche und Politik. Inwiefern und mit welchem Ziel?

Im Jahr 2013 begann ich – reichlich spät, mit 48 Jahren – mit meinem Enga­gement in Kirche und Politik. Schon seit längerer Zeit war ich unzufrieden mit der politischen Lage sowie mit der Situa­tion und der Haltung der Kirchen in Deutschland.

Was waren die Gründe für Ihre Unzufrieden­heit?

An meiner evangelischen Kirche störte mich vor allem, daß die bibeltreue Ver­kündigung zu einem großen Teil einer dem Zeitgeist angepaßten Auslegung der Bibel gewichen war. Außerdem äußerten sich Kirchenvertreter immer mehr einsei­tig parteipolitisch, nämlich linksgrün. Obwohl ich von meinem Studium und von meinem Beruf her Finanzfachmann bin, war die Euro-Frage für mich nicht das drängendste Problem. Von dem ge­scheiterten währungspolitischen Experi­ment wird sich Deutschland nach einer notwendigen Währungsreform – wie schon mehrmals in der Geschichte – mit­telfristig wieder erholen. Von den gesell­schaftspolitischen Experimenten – insbe­sondere der Schaffung eines Vielvölker­staates – wird sich Deutschland auch langfristig nicht erholen.

Zurück zu Ihrer Eingangsfrage: Ich wollte mich nicht mehr mit den Fehlent­wicklungen in Kirche und Gesellschaft abfinden und suchte nach Möglichkei­ten, mich zu engagieren. Ohne daß ich mit jemandem über meine Gedanken ge­sprochen hätte, ergab es sich, daß ich An­fang 2013 vom Hauptpfarrer meiner Kir­chengemeinde gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könne, im Kirchengemeinde­rat mitzuarbeiten. Ich habe spontan Ja gesagt. Und so wurde ich in den Kirchen­gemeinderat meiner evangelischen Ge­meinde gewählt. Ein Jahr später wurde ich dann auch Mitglied der Bezirkssyn­ode Göppingen.

Und Ihr politisches Engagement, wie kam es dazu?

Nahezu zeitgleich mit meiner kirchli­chen Arbeit begann mein politisches En­gagement in der AfD. Im März 2013 hatte ich zufällig von der Gründung einer neu­en politischen Partei gelesen. Das konser­vative Programm hatte mich sofort ange­sprochen. So war ich beim Gründungs­parteitag in Berlin im April 2013 dabei. Ich habe den Kreisverband Göppingen der AfD mitgegründet, wurde sein erster Sprecher und 2013 Bundestagskandidat. Mir geht es in meinem kirchlichen und politischen Engagement um die Bewah­rung der Werte und der Traditionen des Christentums. Diese sind die Basis für unsere Kultur und damit auch für unse­ren Rechtsstaat. Kurzum: Eine Rückbe­sinnung von Politik und Gesellschaft auf christliche konservative Werte ist nötiger denn je.

Wie haben Ihre Freunde und Bekannten auf Ihr Engagement für die AfD reagiert?

Ich hatte zunächst keine Probleme in­nerhalb meines Freundes- und Bekann­tenkreises. Auch wenn nicht alle von ih­nen meine Parteipräferenz teilten, so to­lerierten sie doch zumindest mein Enga­gement. Als ich das zweite Mal zum Bun­destag kandidierte, kündigte dann aber – für mich völlig überraschend – ein Kreis von drei Familien, mit denen wir viele Jahre eng verbunden waren, mir und meiner Familie die Freundschaft. Sie begründeten dies damit, daß sie tolerant und weltoffen seien. Eine Diskussion war zwecklos. Das hat mich schon sehr ge­troffen. In der Kirchengemeinde gibt es eine Familie, die mit mir nicht mehr re­det. Die Arbeit im Kirchengemeinderat und in der Bezirkssynode ist schwieriger geworden. Der Dekan und einige Pfarrer würden es lieber sehen, wenn ich meine kirchlichen Ämter aufgeben würde. Gott sei Dank bekomme ich aber auch von vielen Gemeindemitgliedern positive Rückmeldungen. Das gibt mir den Mut, um weiterzumachen. Am Arbeitsplatz hatte ich bis zuletzt keine Probleme. Ich hatte ein gutes Verhältnis zum meinen Arbeitskollegen. Ja, die Freunde sind we­niger geworden. Gott sei Dank hält die Familie inklusive Eltern, Geschwistern und Schwiegereltern zu mir.

Sie nennen betont christliche Motive als ent­scheidende Gründe für Ihr parteipolitisches Engagement. Warum suchten Sie aber Ihre politische Heimat nicht in der Christlich De­mokratischen Union, der CDU? Eine christ­liche Grundorientierung wird man dieser Partei doch nicht absprechen können, oder?

Ich war ja tatsächlich vor langer Zeit auch Mitglied der CDU, wenn auch ein passives. Ich bin 1989 – vor dem Fall der Mauer – eingetreten. Ausschlaggebend waren die damals noch vorhandene christlich-konservative Grundorientie­rung und das Festhalten an der Wieder­vereinigung. Leider habe ich dann An­fang der 90er Jahre festgestellt, daß die CDU immer mehr von ihren konservati­ven Positionen abrückte. Ich habe es so empfunden, daß das „C“ im Namen nur noch ein Feigenblatt war. Die Richtung der CDU wurde schon damals vom Wirt­schaftsflügel bestimmt. Die von Kohl versprochene „geistig-moralische Wen­de“ wurde leider nicht eingeleitet, so daß der linke Mainstream sich immer mehr – auch in der CDU – ausbreiten konnte. Ende 1993 bin ich dann aus der CDU aus­getreten.

 

 

Während CDU und CSU immer weiter nach links gerückt sind und ihre christlich-konservativen Werte aufgegeben haben, bekennt sich die AfD zur abendländischen Kultur Deutschlands und zu einem christlichen Menschenbild. Daraus resultiert die Menschenwürde jedes einzelnen, aber auch das Bekenntnis zu einer höheren Instanz. Der Mensch ist nicht allmächtig und darf nicht al¬les tun, was er kann. Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild. – Michelangelo, Die Erschaffung Adams

Die CDU ist also immer weiter nach links ge­rückt?

Leider ja! Die CDU und zunehmend auch die CSU haben ihre konservative Programmatik immer mehr zugunsten linksliberaler Positionen aufgegeben. Sie wollten sich „erneuern“, „verjüngen“, vermeintlich alten Staub loswerden – aber mit dem Staub haben sie auch zu­nehmend den Mörtel und die Steine weggeworfen, also die christlich-konser­vativen und freiheitlichen Werte, auf de­nen Deutschland nach dem letzten Krieg aufgebaut worden ist und die diesem Land Stabilität und Wohlstand beschert haben. Ich möchte der CDU ihre christli­che Grundorientierung nicht absprechen. Aber das Vertreten christlich-konservati­ver Positionen ist für mich kaum noch erkennbar. Zwar führt man die „christli­chen Werte“ gern im Munde, aber ich halte die Rede davon für wenig mehr als ein Feigenblatt. Wo ist denn die „christli­che Grundorientierung“, wenn es um Fragen wie die der Rechte des ungebore­nen Lebens, des Schutzes der Familie oder der Bewahrung der christlich-abendländischen Identität unseres Lan­des geht?

Würden Sie sagen, daß die AfD im program­matischen Sinne heute viele traditionell christliche Ziele anstrebt, etwa so, wie sie die beiden Unionsparteien CDU und CSU noch bis in die 70er und 80er Jahre erhoben haben?

In der Tat vertreten wir Positionen, die die CDU vor nicht langer Zeit auch noch vertreten hat. Vor acht Jahren hat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel noch verkündet, daß Multi-Kulti gescheitert sei. Und im Jahr 2000 hat Friedrich Merz gefordert, daß sich Zuwanderer an der deutschen Leitkultur orientieren sollten. Doch wer diese Standpunkte heute wei­terhin vertritt, wird gerade in der CDU scharf kritisiert und diffamiert. Dagegen bekennt sich die AfD in ihrem Grund­satzprogramm glaubhaft zur christlich-abendländischen Kultur unseres Landes, die es zu bewahren gilt. Die europäische Kultur fußt ja im wesentlichen auf drei Säulen: der Antike mit ihrer griechischen Philosophie und dem römischen Recht, dem Christentum und dem Humanis­mus der Aufklärung.

Aus christlichem Menschenbild resultiert die Menschenwürde

Die AfD bekennt sich somit zum christli­chen Menschenbild, welches mit dem jü­dischen Menschenbild identisch ist. Zum einen bedeutet das, daß die menschliche Vernunft nicht die letzte Instanz ist. Der Mensch ist nicht allmächtig und darf nicht alles tun, was er könnte. Es gibt ei­ne höhere Instanz. Zum anderen resul­tiert aus dem christlichen Menschenbild die Menschenwürde, mit der jeder Mensch in gleicher Weise ausgestattet ist. Denn Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild.

Während die CDU, die sich zwar laut ihrem Grundsatzprogramm nach wie vor dem christlichen Menschenbild ver­pflichtet sieht, einige ihrer ursprüngli­chen Ziele aufgegeben hat oder nicht mehr geschlossen vertritt, halten wir dar­an fest. Dazu gehören insbesondere die Bewahrung des vom Grundgesetz ge­schützten Leitbilds der Ehe und der tra­ditionellen Familie, der Schutz ungebo­rener Kinder und der Widerstand gegen alle Bestrebungen, die Abtreibung zu ei­nem Menschenrecht zu erklären, die Ab­lehnung der Gender-Ideologie sowie die Begrenzung der Zuwanderung.

Inzwischen haben Sie in der AfD „Karriere“ gemacht. Sie sind nicht nur seit Herbst 2017 Bundestagsabgeordneter dieser größten Op­positionspartei im Berliner Parlament gewor­den, sondern fungieren auch als Kirchenpoli­tischer Sprecher der AfD-Bundestagsfrakti­on. Wo liegen die Schwerpunkten Ihrer poli­tischen Arbeit?

Neben meiner Aufgabe als Mitglied im Haushaltsausschuß des Bundestages ver­stehe ich mich als Kirchenpolitischer Sprecher vor allem als Brückenbauer. Es ist ja nicht zu leugnen, daß zwischen der AfD und den Amtskirchen, jedenfalls ih­ren leitenden Personen und Gremien, er­hebliche Spannungen bestehen. Ich möchte, daß wir miteinander reden. Als Christen sollten wir dazu in der Lage sein. Miteinander zu reden, ist auch die Grundlage jeder lebendigen Demokratie – wo immer die Diskussion verweigert wird, wo Türen geschlossen werden, wo Menschen wegen ihrer Meinung ausge­laden werden, verfestigt sich ein unde­mokratischer Geist, ein moralischer Ri­gorismus. Ich beobachte diese Entwick­lung mit großer Sorge und auch mit per­sönlich tief empfundenem Schmerz. Des­halb versuche ich, Kontakte aufzubauen und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Damit habe ich bisher durch­aus gute Erfahrungen gemacht. Vor al­lem im persönlichen Gespräch, abseits des Drucks der öffentlichen Beobach­tung, wenn man einander als Mensch kennenlernt und eben auch das Mensch­liche sieht, nicht nur das Politische kommt es oft zu einer Verständigung. Das halte ich für enorm wichtig in einer Zeit, in der die Polarisierung der Gesell­schaft fast unerträglich geworden ist. Als Kirchenpolitischer Sprecher bin ich kei­nem Ausschuß zugeordnet, es ist ein Querschnittsamt. Natürlich vertrete ich nicht nur die Interessen meiner Partei ge­genüber den Kirchen, sondern nehme auch Anregungen mit in die Partei und die Fraktion hinein.

Die jährlichen Kirchentage, egal ob evangeli­sche oder katholische, wirken aus konservati­ver Sicht oftmals wie rot-grüne Parteitage. Dort stehen nicht primär die christlichen Zehn Gebote oder Bibelworte im Mittelpunkt der Diskussionen, sondern die Befürwortung der Homo-Ehe, Argumente pro Abtreibung ungeborener Kinder und eine Willkommens­kultur für alles Fremde bis hin zur unkriti­schen Begegnung mit dem Islam bei gleich­zeitiger Ausgrenzung der AfD. Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?

Es ist ein längerer Prozeß, der auch nicht erst 1968 angefangen hat, wenn­gleich die mit dieser Jahreszahl verbun­dene Bewegung sicher als kräftiger Kata­lysator wirkte. Die so genannten „Acht­undsechziger“ haben bei ihrem Marsch durch die Institutionen vor den Kirchen nicht haltgemacht. In Folge von 1968 wurden die Kirchen dann mit kulturmar­xistischem Gedankengut infiltriert, z.B. mit dem menschlichen Machbarkeits­wahn, Fortschrittsgläubigkeit, der Ge­ringschätzung von Traditionen, bürgerli­chen Werten und Institutionen, dem Fe­minismus und der Gender-Ideologie. Versehen mit den Schlagworten Mensch­lichkeit, Gerechtigkeit, Vernunft und To­leranz konnten sich linke (und linksex­treme) Ideen bis weit in bürgerliche Krei­se und die Kirchen ausbreiten. Der christliche Glaube wurde seiner Mystik und seiner Transzendenz weitgehend be­raubt. Statt dessen mischen sich die Amtskirchen immer stärker einseitig in die Politik ein. Insbesondere die evange­lische Kirche hat sich immer mehr in Richtung einer politischen Vorfeldorga­nisation von Rot-Grün entwickelt. Die Konservativen in den Amtskirchen ha­ben es nicht vermocht, die christliche Tradition entschlossen und geschlossen dagegenzusetzen, wie das z.B. die ortho­doxen Kirchen getan haben und nach wie vor tun. Im Gegenteil, aufgrund ih­res fortschreitenden Bedeutungsverlu­stes sind die Amtskirchen der Versu­chung erlegen, nach dem Strohhalm zu greifen, den der linke Zeitgeist ihnen hinhielt. Sie haben sich in Deutschland finanziell an den Staat und ideell an den linken Humanitarismus (Arnold Gehlen) gekettet. Das Evangelium und die Tradi­tion rinnen ihnen derweil wie Sand durch die Finger.

Das Achte Gebot verbietet dem Christen zu lügen, er darf „kein falsches Zeugnis über seinen Nächsten“ ablegen. Der populistische, durch nichts gerechtfertigte Vorwurf von Friedrich Merz, die AfD sei „offen nationalsozialistisch“, fällt unter diese Kategorie. – Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren

Kürzlich organisierte sich in Ihrer Partei eine weitere Religionsgemeinschaft: „Juden in der AfD“, was teilweise hysterische Reaktionen der etablierten Parteien sowie in Rundfunk und Presse auslöste. Wie beurteilen Sie den Vorgang und sein mediales Echo?

Auch Juden in der AfD? Absolut nachvollziehbar!

Ich war bei der Gründungsveranstaltung der Bundesvereinigung „Juden in der AfD“ anwesend und habe den Beteilig­ten im Namen der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“ und der Bundes­tagsfraktion meine herzlichen Glück­wünsche ausgesprochen. Juden und Christen verbindet viel. Die Juden sind quasi die älteren Geschwister der Chri­sten, und daß sich Juden für die AfD ein­setzen, halte ich für absolut nachvoll­ziehbar. Erstens ist die AfD die einzige Partei, die die wirkliche Bedrohung jüdi­schen Lebens in Deutschland anprangert und Konsequenzen fordert, während die anderen Parteien dieses Thema tabuisie­ren, besonders die zunehmende Juden­feindschaft durch den einwandernden Islam. Zweitens sind auch unter den jü­dischen Deutschen Wähler, die froh sind, daß es wieder eine konservative Partei gibt. Die öffentliche Kritik von jüdischen Verbänden und anderen Parteien ist völ­lig daneben. Ich halte es für eine Anma­ßung, wenn öffentlich darüber geurteilt wird, welche Partei Juden gefälligst nicht zu wählen haben bzw. welcher Partei sie sich anschließen dürfen oder nicht.

Im Achten Gebot heißt es, daß der Christ „keine falsches Zeugnis über seinen Näch­sten“ reden soll. Das ist beim Politiker und seinem Verhältnis zum Wort oft ein Problem, wenn Sie z.B. an Friedrich Merz (CDU) den­ken, der Ihrer Partei vorwarf, sie sei „offen nationalsozialistisch“. Wie haben Sie darauf reagiert?

Menschlich bin ich enttäuscht von Friedrich Merz. Der Vorwurf ist völlig absurd und durch nichts zu rechtferti­gen. Den inflationären Gebrauch des Na­zi-Vorwurfs halte ich für eine Verharm­losung des Nationalsozialismus. Daß Merz sich für eine derart dumpfe populi­stische Stimmungsmache nicht zu scha­de ist, um sich dem potentiellen Koaliti­onspartner anzubiedern, den Grünen, zeigt deutlich, daß es auch mit ihm keine echte Erneuerung der tief in der Krise steckenden Union geben wird. Ich habe die Hoffnung, daß immer mehr Bürger diese billige Rhetorik durchschauen. Unser Parteivorsitzender Jörg Meuthen hat in einer Pressemitteilung Merz’ Aussagen als eines wirklichen Konservativen und einer Partei, die Christlichkeit und Demokratie in ihrem Namen trägt, unwürdig bezeichnet. Bes­ser kann man es nicht ausdrücken.

Zur Flüchtlingsproblematik, repräsentiert durch die brisante Merkel-Entscheidung für offene Grenzen seit dem Herbst 2015: Sie ar­gumentieren, daß es einen erheblichen Unter­schied macht, ob eine Bundeskanzlerin und ihre Minister als Privatpersonen einzelne „Flüchtlinge“ in ihren Häusern beherbergen, oder ob sie im Namen Deutschlands eine Ein­ladung an alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt aussprechen. Worin besteht die­ser Unterschied, und was meinen Sie damit aus christlicher Sicht genau?

Wer anderen in Notlagen persönlich hilft, handelt moralisch. Wer über politi­schen und/oder moralischen Druck eine Gesellschaft mehr oder weniger zwangs­verpflichtet, wer sie also zur „alternativ­losen“ Zustimmung verurteilt und damit die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen beschneidet, handelt nicht moralisch, sondern moralistisch. Er ist ein Pharisä­er. Nichts ist unrichtiger, als in diesem Zusammenhang das Beispiel des barm­herzigen Samariters oder des heiligen Martin anzuführen: Beide handelten aus der persönlich empfundenen Verantwor­tung gegenüber einem Bedürftigen und gegenüber Gott. Merkel und die Beförde­rer eines Vielvölkerstaates Deutschland dekretieren den Deutschen diese Verant­wortung nach Gutsherrenart, in der Re­gel ohne irgendeine persönliche Verant­wortung für irgendwen zu übernehmen. Sie führen gern und reichlich das „Wir“ im Munde, meinen aber doch nie sich selbst, sondern immer nur die anderen. Die anderen müssen für die Kosten auf­kommen, die anderen müssen mit den Folgen zurechtkommen, und wer dage­gen Einspruch erhebt, wird moralisch mundtot gemacht. Das ist nicht christ­lich, das ist auch nicht demokratisch – in einer Demokratie dient die Regierung dem Volk und ist ihm Rechenschaft schuldig. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt, wie auch die jüngsten Er­eignisse im Zusammenhang mit dem Mi­grationspakt abermals nachdrücklich be­legen.

Wer anderen in Notlagen persönlich hilft, handelt moralisch. Wer über politischen Druck eine Gesellschaft dazu zwangsverpflichtet, handelt moralistisch. Er ist ein Pharisäer. Das Handeln von Merkel und ihren Unterstützern war weder christlich noch demokratisch, denn in einer Demokratie dient die Regierung dem Volk und ist ihm Rechenschaft schuldig. – Jesus und die Pharisäer. Gemälde von Jacob Jordaens

Gesinnungsethische Politik kann verheerende Auswirkungen haben

Und wenn Sie sich der Frage der Nächsten­liebe theologisch nähern?

Theologisch gesehen, richten sich die biblischen Gebote wie das der Nächsten­liebe an den einzelnen Menschen. Der Staat hat die Aufgabe, für Recht und Frie­den zu sorgen, wie es die Barmer Theolo­gische Erklärung der Bekennenden Kir­che 1934 formulierte. Oder, wie es der frühere SPD-Politiker und evangelische Theologe Richard Schröder einmal sagte: „Die Kirchen können von ihren Mitglie­dern mehr Barmherzigkeit verlangen. Der Staat muß gerecht sein. Er hat nach Regeln zu handeln, und er hat die Folgen zu bedenken.“

Was heißt das im Zusammenhang mit der Asylkrise konkret?

Gerade die Asylkrise hat gezeigt, daß eine gesinnungsethisch agierende Politik langfristig verheerende Auswirkungen haben kann. Die von der Bundeskanzle­rin quasi im Alleingang beschlossene Öffnung der Grenzen für mehr als eine Million tatsächlicher oder vermeintlicher Bürgerkriegsflüchtlinge wird bis heute als angeblich alternativloser Akt christli­cher Nächstenliebe gefeiert. Daß bei die­ser Entscheidung andere Optionen wie die Unterbringung und Versorgung in den Heimatregionen dieser Menschen genauso außer acht gelassen wurden wie die politischen, sozialen und ökonomi­schen Konsequenzen einer solchen Mas­seneinwanderung aus fremden, teilweise archaischen Kulturen, zeigt das vollkom­mene Fehlen eines verantwortungsethi­schen Bewußtseins. Hier hat die AfD von Anfang an darauf hingewiesen, daß die Frage nach geeigneten Hilfsmaßnahmen für Menschen in Not nicht allein mit Blick auf eine isolierte, dazu noch emo­tional aufgeheizte Situation zu messen ist, sondern sämtliche Folgen möglicher Entscheidungen und insbesondere auch deren langfristige Auswirkungen zu be­rücksichtigen sind. Nur so nämlich läßt sich verantwortliche Politik gestalten, die über den Augenblick und das gute, aber vielleicht trügerische Gefühl einer mora­lisch richtigen Handlung hinaus dem Wohl aller Betroffenen dient. Die Politik muß vorrangig verantwortungsethisch handeln und nicht gesinnungsethisch, im Sinne des großen deutschen Soziologen Max Weber. Nach Auffassung der AfD sollte der deutsche Staat deswegen hel­fen, die Ursachen von Flucht und Vertrei­bung zu bekämpfen, und vorrangig die hilfsbedürftigen Menschen in den Her­kunftsregionen unterstützen. So könnte man wesentlich mehr Menschen helfen als durch eine Aufnahme in Deutschland.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, so einhellige Stellungnahmen der AfD. Wie be­werten Sie als AfD-Politiker die offenkundig stattfindende Islamisierung Deutschlands und Europas?

Die Formulierung „gehört zu“ drückt aus, daß ein Bestandteil das Wesen einer Sache maßgeblich prägt. So gehört zum Beispiel das Brandenburger Tor zu Berlin wie die Lederhose zu Bayern. Nicht alles, was es in unserem Land gibt, kann mit den Worten „gehört zu“ beschrieben werden. Insofern gehört der Islam nicht zu Deutschland. Denn er hat Deutsch­land nicht geprägt. Die Werte des Islam stehen sogar teilweise im Widerspruch zu den westlichen Werten, die auf dem Christentum beruhen. Ich sprach bereits vom christlichen Menschenbild. Dieses Menschenbild hat im Prinzip der Men­schenwürde seinen säkularen Nieder­schlag gefunden, also auch in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. In der is­lamischen Kultur herrscht ein anderes Menschenbild vor. Im Gegensatz zum christlichen Verständnis, daß alle Men­schen Ebenbilder Gottes sind, hat sich im Islam der Mensch Gott zu unterwerfen. Außerdem hat ein Nicht-Muslim weni­ger Rechte als ein Muslim. Aufgrund der unterschiedlichen Menschenbilder wird die Allgemeine Erklärung der Menschen­rechte mit ihrem zentralen Begriff der Menschenwürde von den islamischen Staaten abgelehnt. In der „Kairoer Erklä­rung der Menschenrechte“ werden die Menschenrechte unter den Vorbehalt der Scharia, des islamischen Gesetzes, ge­stellt. Während der Islam also nicht zu Deutschland gehört, ist es eine Tatsache, daß Muslime in Deutschland leben. Der allergrößte Teil von ihnen wird auf Dau­er hier bleiben. Nun zur Islamisierung:
Sie drückt sich zum einen rein quanti­tativ in einer Zunahme des islamischen Bevölkerungsanteils durch die Zuwan­derung und die höhere Geburtenrate im Vergleich zur einheimischen Bevölke­rung aus. Auf der anderen Seite macht sich die Islamisierung in einer zuneh­menden Anspruchshaltung der muslimi­schen Bevölkerung in bezug auf die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, im Bau von Moscheen, insbesondere von Großmoscheen mit Minaretten und Mu­ezzinruf, der Normalisierung des Kopf­tuches und der Ganzkörperverschleie­rung von Frauen und Mädchen und ähn­lichem bemerkbar. Hinzu kommen die negativen Entwicklungen einer sich ver­festigenden islamischen Parallelgesell­schaft, etwa die Kriminalitätsentwick­lung, der islamische Terrorismus, das ar­chaische Frauenbild, sogenannte Ehren­morde, die mangelnde Meinungs- und Religionsfreiheit nach islamischem Ver­ständnis, Kinder- und Vielehen, der Ein­fluß der Herkunftsstaaten und ähnliches.

Zuwanderer haben sich anzupassen, nicht die einheimische Bevölkerung

Doch nicht alle Muslime sind einem Weltbild verhaftet, das dem unserer westlichen Kultur widerspricht. Wir müssen die liberalen Muslime stärken. Denen, die gegen unsere Werte handeln, müssen wir Grenzen aufzeigen und den Rechtsstaat konsequent zur Geltung bringen. Es muß klar sein, daß sich die Zuwanderer mit ihren Sitten und Ge­bräuchen der einheimischen Bevölke­rung anzupassen haben und nicht umge­kehrt. Außerdem brauchen wir eine Be­grenzung der Zuwanderung und eine konsequente Abschiebung von nicht bleibeberechtigten Zuwanderern. Nur so können wir es schaffen, daß es nicht zu schweren ethnisch-kulturellen, religi­ösen und sozialen Verwerfungen kommt.

Nicht alles, was es in Deutschland gibt, „gehört zu Deutschland“ wie das Brandenburger Tor zu Berlin und die Lederhose zu Bayern. Die Formulierung „gehört zu“ drückt aus, daß ein Bestandteil das Wesen einer Sache maßgeblich prägt. In diesem Sinne gehört der Islam sicher nicht zu Deutschland.

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht ga­rantieren kann.“ Diese Aussage des Staats­rechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde heben Sie in Ihrem Beitrag zum Buch „Rechtes Christentum?“ zustimmend hervor. Wa­rum?

Das Böckenförde-Theorem ist grund­legend für das Verständnis, wie Chri­stentum, Kultur und Rechtsstaat mitein­ander zusammenhängen. Denn: Die vom Staat nicht zu schaffende Voraussetzung für den Rechtsstaat ist nach Böckenförde ein verbindendes Ethos, eine Art „Ge­meinsinn“ seiner Bürger. Das gemeinsa­me Ethos speise sich aus der gelebten Kultur, zu deren Quellen das Christen­tum, die Aufklärung und der Humanis­mus gehören. Die Kultur mit einem ge­meinsamen Werteverständnis geht also dem vom Staat gesetzten Recht voraus. Daher ist es illusorisch und geradezu un­verantwortlich, wenn Vertreter anderer Parteien behaupten, es reiche aus, wenn man aus anderen Kulturen zugewander­ten Menschen das Grundgesetz einfach überreiche, – gegebenenfalls auch auf Arabisch – dann wüßten sie, wie man sich in Deutschland zu verhalten habe. Die erlernte kulturelle Prägung ist ohne intrinsische Bereitschaft des Zuwande­rers von außen – z.B. durch staatliche Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen – nicht veränderbar.

Ihre Folgerungen daraus?

Die AfD lehnt deshalb die Ideologie des Multikulturalismus ab, die impor­tierte Werte, Lebensweisen und andere kulturelle Ausprägungen auf geschichts­blinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit relati­viert. Durch das Zulassen wachsender Parallelgesellschaften erodieren der sozi­ale Zusammenhalt, das gegenseitige Ver­trauen und die öffentliche Sicherheit als unverzichtbare Elemente eines stabilen Gemeinwesens. Letztlich entsteht eine Art Vielvölkerstaat, der genauso wie die aller­meisten vergangenen und gegenwärtigen Viel­völkerstaaten eines Ta­ges zu zerreißen droht.

Unser Interview erscheint zum Jahreswechsel 2018/19. Wie lautet Ihre christliche Botschaft an un­sere Leser zum Weih­nachtsfest und zum neuen Jahr?

In der Weihnachtsge­schichte nach Lukas steht geschrieben: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Wir sollen uns freuen und gerade auch in schwierigen Zeiten auf Gott vertrauen, wie es in einem Kirchenlied heißt:  „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Chri­stus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Herr Münz, vielen Dank für dieses Gespräch!

 
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