2018 jährte sich der sogenannte „Prager Frühling“ zum 50. Mal. Es ging den Protestbewegungen in der Tschechoslowakei nicht um die „Befreiung des Individuums“ wie in der Bundesrepublik Deutschland, nicht um Dekonstruktion aller Bindungen wie in Frankreich. Es ging um Reform oder gar Abschaffung des parteisozialistischen Experiments unter herrschender (neo-)stalinistischer Tristesse.
1968 im Osten kam nicht über Nacht und war kein rein realpolitisches Ereignis. Metapolitische Umwälzungen kündigten den Sturm des Protests an, der mit Waffengewalt niedergewalzt wurde. Ein Schock für alle, die substantielle Änderungen erhofften.In der Nacht auf den 21. August 1968, so resümierte später der Reformsozialist Ji?í Pelikán, „hatten Hunderttausende von Kommunisten das Gefühl, daß unsere Kämpfe für eine bessere Welt ihren Sinn verloren“1. Es war nicht nur ein Gefühl, wie wir heute wissen. Es war das Aus für jede Utopie einer Systemreform und damit „der Anfang vom Ende des Kommunismus in Ostmitteleuropa“2. Diese besondere Gefühlslage der Enttäuschten versteht man nur, wenn man in die Stimmung der Aufbruchszeit um 1968 eintaucht, die unter dem Signum „Prager Frühling“ firmiert. Der Wirkungsschwerpunkt dieser Stimmung war explizit die tschechoslowakische Hauptstadt Prag, sie strahlte aber ebenso nach Ost-Berlin und Warschau, nach Budapest und Sofia aus – und wurde deshalb rücksichtslos durch die russische Breschnew-Führung und ihre neostalinistischen Kader in der mittel- und osteuropäischen Staatenwelt bekämpft.
Dabei ist evident, daß Ereignisse, die Geschichte „machen“, bereits vorher geistig Form annehmen müssen. In modernen Gesellschaften vollzieht sich, in Anlehnung an Antonio Gramscis Hegemonietheorie, ein Kampf um Begriffe und Deutungshoheiten. Das geschieht im Feld nicht der Realpolitik, sondern der Metapolitik. Während Realpolitik die Sphäre „wirklicher“ Politik, etwa das Treiben im Parlament, kommunal bis auf Bundesebene, umfaßt; während sie – verkürzt gesagt – die Orientierung der Praktiker an real vorhandenen Ausgangspositionen, an gegebenen Möglichkeiten darstellt, erscheint die Kurzdefinition der Metapolitik etwas diffiziler.
Metapolitik bedeutete ursprünglich soviel wie „Staatsphilosophie“. Aber der Begriff wurde schon früh im Sinn einer „politischen Metaphysik“ (Joseph de Maistre), das heißt als Festlegung von politischen Prinzipien aufgefaßt, wie Karlheinz Weißmann zusammenfaßte.3 Aus dieser Festlegung politischer Prinzipien werden dann politische Entscheidungen und Zielsetzungen abgeleitet. Es erfolgt zuerst die geistige Auseinandersetzung im Vorfeld des Kampfes um die Deutungshoheit, dann gilt es, ebenjene Deutungshoheit zu erringen, und erst daraufhin kann der große Wandel eingeleitet werden. Es ging nicht nur bei dem Gegenrevolutionär de Maistre darum, daß jede praktische Umwälzung in der menschlichen Geschichte geistig bereits durchschritten wurde. Auch heute, im Jahr 2018, gilt diese Grundregel noch immer; die Kulturrevolution der Linken im Gefolge von 1968 brachte beispielsweise eine einschneidende geistige Umwälzung mit sich, wobei die politische auf sie folgte bzw. noch immer folgt.
Allein dieses Beispiel zeigt, daß Antonio Gramsci recht hatte, als er nachwies, daß es für jede grundsätzlich agierende weltanschauliche Gruppe unabdingbar ist, die Deutungshoheit über Begriffe und Wertvorstellungen zu erlangen. Die „kulturelle Hegemonie“ müsse erobert werden, bevor man zur politischen Hegemonie schreiten könne. Es kann und es muß wiederum diese politische Hegemonie noch vor einem eventuellen Regierungsantritt geben. Zusammenfassend gesagt: Die „kulturelle Hegemonie“ im Metapolitischen geht der „politischen Hegemonie“ und realer Gestaltungsmacht im Realpolitischen voraus. Man kann nichts gegeneinander ausspielen, auf nichts verzichten; reine Metapolitik wäre ebenso zwecklos wie etwa eine rein parlamentarische Tätigkeit; Meta- und Realpolitik müssen sich überdies auf die gegebenen sozialen, nationalen und ökonomischen Verhältnisse beziehen.
Eben ein solcher notwendiger Wandel in der Mentalität eines Volkes, zunächst über Akzentverschiebungen im vorpolitischen Raum, vollzog sich in der Tschechoslowakei zugunsten der später als Reformer bezeichneten Interessengruppen in den Jahren vor der Zäsur von 1968. Einzelne Etappen wurden vertreten durch Ján Kadárs Drehbuch „Obžalovaný“ (Der Angeklagte), indem ein hoffnungsfroher Sozialist, der die Theorie der Gerechtigkeit und der freien Gesellschaft ernst nimmt, mit dem Systemapparat zusammenstößt und begreifen lernt, daß Parteimoral und Regimezynismus den „Verrat der Revolution“, nicht aber ihre Verwirklichung bedeuten. Zu erwähnen sind auch Konferenzen verschiedener Intellektuellengruppen, die sich kritisch mit geistigen und materiellen Verhältnissen der Gesellschaft auseinandersetzten und so die Grenzen des Sagbaren gegen diverse Widerstände aus der Kommunistischen Partei verschoben.
Jenseits der kulturellen Sphäre war ebenso einiges in Bewegung. Um den Prager Philosophen Radovan Richta entwickelte eine Forschungsgruppe ein reformsozialistisches Bild einer neuen Gesellschaft, deren Genese sich auf Basis einer wissenschaftlich-technischen Revolution vollziehen würde. Mit Marx über Marx hinaus – das führte Richta zur These, daß die materielle Basis der Gesellschaft sich aufgrund der rasant wandelnden Produktionsverhältnisse im Rahmen des technischen Fortschritts in bisher unvorstellbarer Weise verändern würde. Die Folge wäre eine Revolution der Lebensverhältnisse, insbesondere der Arbeitswelt. Richta formulierte in seinem 1966 veröffentlichten „Richta-Report“ (dt. 1971) die – heute mehr denn je aktuell zu lesende These –, daß Automatisierung in Folge des Wandels der Arbeitswelt nicht nur die Mehrzahl der Arbeitsplätze überflüssig werden lassen würde, sondern daß auch eine neue Schicht von Wissenschaftlern und Experten entstünde, die in verantwortliche Position gelangte, weil sie über das nötige Know-how verfüge, den neuartigen Produktionsprozeß zu beherrschen. Richta „war der Ideologe der fernen Zukunft des Kommunismus und der wissenschaftlich-technischen Revolution, und er war der eigentliche Schöpfer des Slogans ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz’“4. (Nach 1968/69 lief er allerdings zu den doktrinären Parteikommunisten über, um seine Stellung zu sichern.)
Neben den literarischen (Kadár), kulturellen (u.a. Kafka-Konferenz) und gesellschaftskritischen Ebenen („Richta-Report“) ist als viertes Fallbeispiel für die metapolitische Resonanzraumverschiebung in der tschechoslowakischen Hemisphäre die Forschungsleistung Ota Šiks anzuführen. Er war Direktor des Akademie-Instituts für Wirtschaftswissenschaften und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, so daß er eine Schnittstelle von Theorie und Praxis verkörperte. Es war Šik, der nach dem Scheitern des Prager Frühlings das Schlagwort vom „Dritten Weg“ (jenseits von Kapitalismus und sowjetisch-bürokratischem Sozialismus) popularisierte. Vor 1968 konnte er einige Jahre lang umfassend an Reformplänen arbeiten, weil sein Freund aus Jugendtagen Antonin Novotný Partei- und Staatschef geworden war und ihn zu Reformen „von oben“ animierte. Šik ging darüber hinaus, wob Marktmechanismen („Ware-Geld-Beziehungen“) in die starre Wirtschaftsauffassung der KP-Kreise ein, versuchte eine Erneuerung des Sozialismus durch eine behutsame Schritt-für-Schritt-Wende herbeizuführen – und wurde von Arbeitern wie Journalisten bei diesem ambitionierten, geschichtsträchtigen Vorhaben euphorisch begleitet. Im Juni 1966 erreichte Šiks Bemühung einen Höhepunkt, als er auf dem Parteitag vor über 2000 Gästen – der nominellen Elite der ?SSR plus Breschnew – gegen Nivellierung und ideologischen Egalitarismus wetterte und Reformen einforderte.
Für die Spanne des Prager Frühlings unter Dub?eks Führung schlug dann Šiks eigentliche Stunde: Seine Ideen wurden hegemonial in Medien und Politik. Er tourte mit Vorträgen durch Fabriken und Betriebe, das Aktionsprogramm vom April atmete erkennbar Šiks Geist, und die darin geforderte Erhöhung der Produktivität der Wirtschaft war entsprechend mit einer Abkehr von egalitären Grundsätzen gekoppelt, wobei die sozialistische Ordnung durch marktwirtschaftliche Elemente deutlich verändert werden sollte. Die Besetzung der Tschechoslowakei im August 1968 erlebte Šik in Belgrad und wurde derweil in Prag durch die Oberwasser gewinnende Partei-Orthodoxie seiner Ämter enthoben. Šik ging ins Schweizer Exil, wo er eine Professur erhielt. Einer der maßgeblichen Wortführer des fundamentalen Wandels war Ende 1968 politisch unschädlich gemacht.
Unterschiedliche Startsignale
Die bleibende und beispielhafte Leistung war jedoch die Veränderung der Grundstimmungen der Gesellschaft von 1960 bis 1968; eine für nicht möglich gehaltene, aber bewältigte Kärrnerarbeit metapolitischen Bemühens in Universität, Medien und Betrieben, die den Prager Frühling überhaupt ermöglichte, indem sie Resonanzräume schuf, erweiterte, umdeutete und damit das ideelle Startsignal zum Aufbruch gab. Das formelle Startsignal zum Drama von 1968, nachdem die kulturellen, ideellen und gesellschaftlichen Stimmungen den subkutanen Vorlauf des Wandels darstellten, gab die tschechoslowakische Parteispitze in Gestalt des Zentralkomitees, das Novotný im Januar als Parteiführer entfernte. Es setzte „eine alles hinwegreißende Dynamik“ ein, „von der die Architekten des Prager Frühlings selbst überrascht und auch überfordert waren“5, wie der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel feststellt. Die Architekten – das waren weniger Oppositionelle und schon gar keine Fundamentaloppositionellen; die Architekten waren sozialistische Intellektuelle und Reformer innerhalb der Kommunistischen Partei und ihres loyalen Organisationsnetzwerks. Sie wollten den „metapolitisch“ erkämpften Resonanzraum nutzen, um eben einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ als Gegenbild zum System aufzubauen, das sich unter Novotný nicht von allen Überbleibseln der stalinistischen Ära lösen wollte.
Anfang Januar 1968 folgte als „Erster Sekretär“ der Kommunistischen Partei Alexander Dub?ek. Der slowakische KP-Chef wollte durch Reformen das sozialistische Miteinander grundlegend wandeln und Autonomie von Moskau erlangen. Dies führte zu spontan-authentischen, nicht gelenkten Begeisterungswellen: Die Bevölkerung stützte mehrheitlich den Kurs ihrer Führung, die durch den neuen Staatspräsidenten Ludvík Svoboda komplettiert wurde, welcher seinen Einstand mit einer Amnestie für politische Gefangene gab. Ebenfalls kurierend wirkte der Umstand, daß das auf zwei Jahre ausgelegte „Aktionsprogramm“ der KP, das am 5. April vom Plenum des Zentralkomitees verabschiedet wurde, mit zentralen Dogmen der realsozialistischen Staatenwelt brechen wollte. Hervorhebenswert sind vor allem das Ende des Machtmonopols der KP in der Gesellschaft und die Zulassung oppositioneller Fraktionen, sogar organisierter ehemaliger politischer (auch rechter) Gefangener im Klub „K-231“, die Erlaubnis von Privatisierungen kleiner und mittlerer Betriebe, Rede- und Versammlungsfreiheit und die föderale Neugliederung des Verhältnisses zwischen Tschechen und Slowaken. Am 24. April wurde seitens der tschechoslowakischen Reformführung nachgelegt: In einer Regierungserklärung erklärte man eine Parteireform, verkündete die Aufhebung der rigiden Pressezensur und versprach die im Aktionsprogramm enthaltenen Reiseoptionen: Tausende Tschechen und Slowaken besuchten auch westeuropäische Länder, im Gegenzug kamen beispielsweise sudetendeutsche Vertriebene erstmals für Visiten nach Karlsbad oder Marienbad. Die Zustimmungswerte für die Regierung – die Tschechoslowakei dieser Zeit war einer der Motoren der Demoskopie – erklommen ungeahnte Höhen.
Die „alles hinwegreißende Dynamik“ wurde noch bestärkt durch das „Manifest der 2000 Worte“ des Intellektuellen Ludvík Vaculík und ihm nahestehender Publizisten. Wurde bisher von oben reformiert, ohne aber Grundlagen der sozialistischen Herrschaft zu negieren, kamen nun Forderungen auf, Veränderungen jenseits der KP und ihrer Formationen zu wagen. Der Meinungskorridor, der das Sag- und Tragbare umschließt, verschob sich weiter. Dadurch erzürnt, entschlossen sich die Widersacher des Dub?ek-Kurses zum Handeln. Die „Konservativen“ innerhalb der tschechoslowakischen KP kungelten bereits seit März (dem „Dresdner Treffen“) mit den Parteiführungen aus der DDR (Walter Ulbricht), Polen (W?adys?aw Gomu?ka), Ungarn (János Kádár), Bulgarien (Todor Schiwkow) und eben der Sowjetunion, um Dub?ek und die ihn stützenden Strömungen zu stoppen. Der „Warschauer Brief“ vom Juli, unterzeichnet von den fünf Parteichefs (Rumänien unter dem nationalkommunistischen Diktator Nicolae Ceau?escu enthielt sich), rief die KP-Führung in Prag explizit zur umfassenden Kurskorrektur auf, wobei „äußerste Maßnahmen“ vermieden werden könnten, wenn umgehendes Einlenken erfolgte. Freilich liefen bereits seit vier Monaten die Vorbereitungen für eine Intervention, obwohl Ende Juli in ?ierna nad Tisou (Schwarzau a. d. Theiß) an der slowakisch-ukrainischen Grenze vorgeblich ergebnisoffen zwischen den Parteiführungen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion konferiert wurde. Dub?ek unterzeichnete in Bratislava ein vorbereitetes Papier des Roll-back, schritt aber nicht zur Tat und ließ die Maßnahmen des Aktionsprogramms vom April des Jahres unangetastet; auch personelle Konsequenzen in Partei, Rundfunk und Zeitungen, die sowjetischerseits zur Bedingung gemacht wurden, blieben aus.
Am 17. August wurde daher in Moskau die Entscheidung gesucht: Das Politbüro der sowjetischen KP befahl den Einmarsch in die Tschechoslowakei, der in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 erfolgte. Die „Operation Donau“ erwischte das ZK der tschechoslowakischen KP kalt (außer die Kollaborateure); den einmarschierenden Truppen des Warschauer Pakts – nur die Nationale Volksarmee der DDR durfte aus historischen Gründen nicht mitwirken – wurde kein offener Widerstand geleistet. Doch der passive Widerstand des Volkes, das in den letzten Jahren „metapolitisch“ auf den Wandel vorbereitet worden war, und dessen fehlende Bereitschaft, die eigene Führung zu verraten, zahlten sich zunächst aus: Breschnew empfing Svoboda, den tschechoslowakischen Staatspräsidenten, denn die Situation erlaubte (noch) keine Marionettenregierung, und ein Bürgerkrieg wäre einem Fiasko gleichgekommen. So holte man den vorher internierten Dub?ek heran, um mit ihm in Verhandlungen einzutreten. Das Ergebnis in Form des „Moskauer Protokolls“ sah vor, daß Dub?eks Gruppe zwar einstweilen im Amt bliebe, aber alle Reformen des Jahres 1968 unter starkem Einfluß des slowakischen Neostalinisten Gustáv Husák (Parteichef ab April 1969) revidiert würden, was insbesondere die Wiedereinführung der Zensur mit sich brachte. Verheerend war zum einen die Klausel, daß sowjetische Truppen auf unbestimmte Zeit für eine Normalisierung der Zustände in der Tschechoslowakei sorgen dürften, und zum anderen die Verfassungsreform vom 28. Oktober 1968, die das Ende des Prager Frühlings zementierte. Einzelnes Aufflackern des tschechoslowakischen Protests gegen das repressive Regime von Moskaus Gnaden konnte indes nicht verhindert werden: Legendär ist die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach vom Januar 1969, die zu – wirkungslosen – Massenprotesten führte. Auch die Selbsttötungen von Jan Zajic (Februar) und Evžen Plocek (April) konnten keine Wende herbeiführen, sondern blieben Fanale des Widerstands auf verlorenem Posten. Dub?ek, der zum Zeitpunkt der Selbstverbrennung Palachs sogar noch Parteichef war und erst April 1969 durch Gustáv Husák ersetzt wurde, war nicht der Held, als der er heute in der Populärwissenschaft gelegentlich stilisiert wird: „Weder Freiheitsheld noch Märtyrer seines Volkes, betrieb er nun eine Politik des geringeren Übels. Dub?ek verstrickte sich in einem bizarren Zynismus, als er ein Jahr nach dem Einmarsch, am 22. August 1969, in seiner neuen Funktion als Vorsitzender der Nationalversammlung ein Gesetz unterzeichnete, das es erlaubte, Demonstranten zu verhaften und zu verurteilen, die mit seinem Namen auf den Lippen auf die Straße gingen.“6
1970 und 1971 wurden die letzten Ergebnisse von 1968 rückgängig gemacht: Parteiausschlüsse, Berufsverbote und Vereinsverbote straften jene, die sich aus der Deckung gewagt hatten, und ebenso all jene, die denen halfen, die in der ersten Reihe standen. Die letzte Chance für einen alternativ-sozialistischen Aufbruch war endgültig verspielt; das Regime ging im tristen Alltag seinem Untergang im Zuge der „Samtenen Revolution“ von 1989 entgegen. In dieser spielten allerdings die Protagonisten von 1968, die das System von innen heraus substantiell ändern wollten, keine tragende Rolle, sondern liberale, konservative und rechte Systemoppositionelle. Diese Generation um Václav Klaus und Václav Havel tat sich schwer mit den Reformsozialisten, die letztlich eben doch linkssozialisierte Sozialisten blieben, auch wenn sie dem Regime grundlegende Veränderungen in allen relevanten Bereichen auferlegen wollten.
Noch heute verläuft die Rezeption des Prager Frühlings in Tschechien weniger enthusiastisch als im Westen im allgemeinen bzw. in Deutschland im besonderen, wo ausgerechnet der eher „antinational“ bis „antideutsch“ und transatlantisch ausgerichtete Flügel der Linkspartei um Katja Kipping sein Periodikum „Prager Frühling“ nennt. Dieser blendet dabei völlig aus, daß der emanzipatorische Charakter des tschechoslowakischen 1968 in den Bereichen technologischer Wandel, Zensurgegnerschaft und nichttotalitärer Sozialismus untrennbar mit einem nationalkulturell-patriotischen Bewußtseinswandel verknüpft war. Gegen imperiale Besatzungspolitik und geistig-theoretische sowie politisch-praktische Fremdherrschaft trat man an – nicht für die Auflösung des Eigenen in einem kosmopolitischen, weltbürgerlichen Taumel. Man blendet in der deutschen Linken heute also unisono aus, daß der Prager Frühling in seinem Ursprungsland explizit als Prozeß der Wiedergeburt („obrodný proces“) der beiden Staatsvölker firmierte – einer nationalen Wiedergeburt, die in der Tschechoslowakei 1968 ebenso scheiterte, wie sie in Deutschland und Europa 2018 noch nicht zu erwarten ist.
Und doch gilt es, Lehren aus dem Frühlingserwachen in Prag zu ziehen. Denn der Prager Frühling kann aufzeigen, welch unaufhebbare Einheit Metapolitik und Politik im Zeichen einer „revolutionären Realpolitik“7 bilden, ja welch eminente Bedeutung im Gramsci-Dreischritt aus kultureller Hegemonie, politischer Hegemonie und Regierungsantritt/-macht den ersten beiden Faktoren zwingend zukommt. Der dritte Faktor kam in der Tschechoslowakei 1968 deshalb nicht zum Zuge, weil die objektiven geopolitischen Machtverhältnisse es nicht zuließen.
Für Deutschlands Rechte ist indes einerseits die Lehre zu ziehen, daß kein substantieller Wandel in der Gesellschaft denkbar ist, der die Reihenfolge des Dreischritts nicht beachtet und die Tiefenstruktur des Denkens der Menschen – die Mentalität, das „volkstümliche Element“ (Gramsci) – nicht zuallererst in den Fokus nimmt. Andererseits ist daran festzuhalten, daß Geschichte in Sprüngen und niemals linear verläuft. Es verhält sich also so, daß ein „Manifest der 2000 Worte“, das manchen Zeitgenossen 1968 als randständige Äußerung enttäuschter, systemimmanent argumentierender Intellektueller erscheinen mußte, ebenso wie eine „Erklärung 2018“8 in der Gegenwart noch kein Beleg für eine politische Wende darstellen – daß aber gerade solche Unmutsäußerungen seitens eines abgespaltenen Teils des bisherigen Establishments ein Indiz für eine Krise des gesamten Establishments darstellen. Nach 1968 und den widerständigen Wellen des Auf und Ab konnte das in Turbulenzen geratene Establishment seine reale Herrschaft noch repressiv erhalten, aber nicht mehr konsolidieren, nicht mehr flächendeckend wiederherstellen. Die KP-Kaste samt Apparat herrschte noch, aber führte nicht mehr. Auf dieses 1968/69 folgte 1989 in der Tschechoslowakei eine Wende, welche die herrschende Klasse – politisch gesehen – hinwegfegte. Es gilt, zu erinnern, daß die Opposition nun allerdings mit anderen ideologischen Kernmarkern und mit anderen entscheidenden Akteuren als den ursprünglich prägenden reüssierte. Noch kann keiner sagen, ob auch in Deutschland auf das Krisenjahr 2018 ein erfolgreicheres Wendejahr – fünf, zehn oder zwanzig Jahre später – folgen wird: mit entsprechend neu gemischten Karten, mit anderen ideologischen Kernmarkern, mit anderen entscheidenden Akteuren. Die Lehren der jüngeren Geschichte geben dabei durchaus Anlaß zur Hoffnung, und diese Lehren kann man aus der Reform- und Revolutionsbewegung der Tschechoslowakei ziehen. Denn was machte sie letztendlich erfolgreich, bis die sowjetischen Panzer kamen? Es war – neben einigen Sonderfällen der tschechischen und slowakischen Historie – die effektive Arbeitsteilung, das „Mosaik“ aus verschiedenen Arbeitsbereichen von Zeitungen, Zeitschriften, Instituten, Gewerkschaften und Einzelpersonen, Intellektuellen. Dieses Mosaik arbeitete an einer Umwälzung des Bestehenden, jeder in dem ihm zur Verfügung stehenden Bereich, jeder mit den ihm zur Verfügung stehenden adäquaten Mitteln. Was einte, war die gemeinsame Idee eines besseren Landes, einer besseren Gesellschaft, einer nationalen Wiedergeburt ohne geistige und praktische Fremdbestimmung. Heute bedrohen uns auf diesem Weg keine sowjetischen Panzer mehr, doch mangelt es der Rechten an einer großen Erzählung, einer mobilisierenden, positiven Idee; anders als den systemimmanenten Reformlinken von 1968 im Osten, die einen besseren Sozialismus erträumten; anders als den systemgegnerischen Liberalen von 1989 im Osten, die den Westen mit all seinen Möglichkeiten als vermeintliches oder tatsächliches Ideal, als Richtschnur der Nachahmung in geographischer Reichweite hatten.
Gleichwohl gibt es Grund zur Hoffnung. Heute finden wir in Westeuropa verschiedene Krisenphänomene vor, und Krisen gebären stets neue Chancen für Oppositionelle. Ob Migration, Währung, Sozialstaatsproblematik, Wandel der Arbeitswelt – keine dieser Krisen ist beendet worden, die Lösung der vielleicht unlösbaren Probleme ist nur vertagt worden und kommt 2019ff. auf uns zu. Diese Feststellung verrät nichts Neues. Neu ist: Die politische Rechte der Bundesrepublik hat erstmals in der jüngeren Geschichte Deutschlands die Chance, bei den Gestaltungen dieser Krisen mitzureden; es existiert wieder ein Fenster, durch das gesprochen werden kann. Gefühlte oder tatsächliche Kontrollverluste der Herrschenden können in Kontrollverschiebungen münden, und neue Wutpotentiale, die in den entsicherten Jahrzehnten seit 2000 aufgrund sozialer, nationaler und wirtschaftlicher Fragen entstanden, haben die deutsche Rechte für breitere Wählerschichten denn je satisfaktionsfähig erscheinen lassen. Erst recht gilt diese Feststellung, seitdem mit der Alternative für Deutschland (AfD) eine Partei in den Bundestag einzog, die mehr als nur das Potential dazu hat, die zentrale Wahlformation einer „Mosaik-Rechten“ in Deutschland abzugeben. „Mosaik-Rechte“ meint eine vielfältige Rechte, die aus Bausteinen besteht; ein Mosaik der Arbeitsteilung und Kooperation, ein großes Gefüge des Solidaritätszusammenhangs. Eines Zusammenhang, der flexibel und kräftebündelnd den Erfordernissen des politischen Tagesgeschäfts genügen muß – innere Widersprüche, gerade auch zwischen sozial und liberal, inklusive. Dieses rechte Mosaik müßte getragen sein von der Überzeugung, daß parlamentarische und außerparlamentarische Akteure mit nicht hintergehbarem Bezug auf ein inhaltlich Einendes ein Gesamtmilieu abbilden. Jedes Mosaiksteinchen ist nötig, keines kann allein dem politischen Organismus namens „deutsche Rechte“ zum souveränen Gehen verhelfen. Diese Fähigkeit wird aber nötig sein, wenn man gewappnet sein möchte für kommende Aufgaben. Dann vernehmen wir vielleicht früher und hellsichtiger als andere den Klang des tiefgreifenden Wandels, der 1968 in Prag zu vernehmen war, aber von rasselnden Panzerketten übertönt wurde; jenen Klang eines umfassenden Wandels also, der 2019ff. in Berlin und anderswo hoffentlich zu vernehmen sein wird.
1 Ji?í Pelikán: Ein Frühling, der nie zu Ende geht. Erinnerungen eines Prager Kommunisten, Frankfurt am Main 1976, S. 11. Neben Pelikáns Memoiren sind des weiteren lesenswert für den Themenkomplex „Prager Frühling“ u.a. folgende Erinnerungswerke mit unterschiedlichem ideologischen Blickwinkel: Vasil Bilak: Wir riefen Moskau zu Hilfe. Der „Prager Frühling“ aus der Sicht eines Beteiligten, Berlin 2006; Pavel Kohout: Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs, Hamburg/München 1985; Ota Šik: Prager Frühlingserwachen. Erinnerungen, Herford 1988.
2 Angelika Ebbinghaus: „Das Jahr 1968 in Ost und West“, in: dies. (Hg.): Die letzte Chance? 1968 in Osteuropa, Hamburg 2008, S. 9–26, hier S. 10.
3 Vgl. Karlheinz Weißmann: „Metapolitik“, in: Staatspolitisches Handbuch, Bd. 1: Leitbegriffe, Schnellroda 2009, S. 100ff.
4 Zden?k Mlyná?: Nachtfrost. Das Ende des Prager Frühlings, Frankfurt am Main 1988, S. 170.
5 Martin Schulze Wessel: Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt, Stuttgart 2018, S. 14.
6 Ebd., S. 284.
7 Vgl. einführend Benedikt Kaiser: „Revolutionäre Realpolitik von rechts?“, in: „Sezession“ 81 (Dezember 2017), S. 10–14.
8 Die „Erklärung 2018“ ist ein gemeinsames Projekt neokonservativ-transatlantischer und liberaler Publizisten, aber auch konservativer Akteure. Sie lautet wie folgt: „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“