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Arno Breker

Matthäus, 1927–1930.

Ein deutscher Bildhauer in Zeiten der Wirren

Von Werner Bräuninger

Es gibt ein Wort Ernst Jüngers, bei dem einem das Schicksal Arno Brekers, dessen Werk seit 1945 „in der Dunkelheit liegt“, in den Sinn kommt: „Schönheit ist das Erscheinen verborgener in sichtbarer Harmonie. Ihr Sinn ist von der Erscheinung unab­hängig; die Perle ist die gleiche in der Dunkelheit der Riffe wie in der Königskrone, dem Diadem. Unschätzbares ist durch sie hindurchgegangen und verweilt dort wie ein Echo noch für kurze Zeit.“ Arno Brekers Stern leuchtete nur für einen kurzen, aber geschichtsmächtigen Augenblick, dann sank er jäh, und sein Werk wurde der gröbsten Verfemung unterworfen.

1924 kommt ein junger deutscher Bild­hauer nach Paris, um dort die „hohe Schule der Geschmacksbildung“ zu durchlaufen. Der am 19. Juli 1900 als älte­ster Sohn eines Steinbildhauers und Grabmalkünstlers in Elberfeld geborene Arnold Breker, dessen früheste Kindheits­erinnerung das Geräusch des den Stein bearbeitenden Meißels gewesen war, er­hielt seine bestimmende Prägung durch das legendäre Treffen der deutschen Ju­gendbewegung am Hohen Meißner. Doch sein Weg als Bildhauer ist vorge­zeichnet, als er das Buch Rilkes über Ro­din mit heißem Herzen verschlingt. In der väterlichen Werkstatt hatte er bereits gelernt, mit dem Steinmeißel umzuge­hen. Als der Vater zum Kriegsdienst ein­gezogen wird, übernimmt Arnold die Leitung des Betriebs und belegt am Abend Anatomie- und Zeichenkurse an der Elberfelder Kunstgewerbeschule. 1920 beginnt er das Studium an der Düs­seldorfer Akademie und ist zunächst Schüler von Wilhelm Kreis und Hubert Netzer. In dieser Zeit freundet er sich mit dem Maler Otto Dix an, gestaltet post-kubistische Figuren und erhält den er­sten Staatsauftrag seines Lebens. Er soll eine Büste des deutschen Reichspräsi­denten Ebert gestalten. Mit der liegenden Monumentalfigur Aurora stellt Breker seine Begabung für baugebundene Bild­hauerei dann erstmals unter Beweis.

Pariser Jahre

Brekers Faszination für Auguste Rodin ist ungebrochen, und er möchte dessen Werk in der französischen Metropole besser kennenlernen. So geht er nach Pa­ris. Völlig auf sich gestellt, ohne Geld oder Beziehungen, lebt er anfangs in bil­ligsten Hotels. Gemeinsam mit dem Ma­ler Gilles, der zur gleichen Zeit in Paris eintrifft, besucht er die Museen und Aka­demien der Kapitale. An der Pforte von Orleans findet er endlich ein eigenes Ate­lier, sein Nachbar wird der Bildhauer Isa­mu Noguchi, den er später, wie seinen Kollegen Moissi Kogan, portraitiert. Be­reits bei einem früheren Besuch der Stadt lernte Breker Jean Cocteau kennen. Coc­teau lädt Breker eines Abends in das von ihm gegründete Lokal „Boeuf sur le Toit“ ein. Außer ihm sind noch andere deut­sche Künstler anwesend. Nach einer Weile setzt die Musik aus, und der Chef des Orchesters ruft in den Saal „Solange die ‚Boches‘ hier sind, weigern wir uns zu spielen“; nur wenige Jahre waren seit En­de des Krieges vergangen. Breker und seine Freunde mußten gehen, Cocteau schloß sich ihnen an. Durch seine Be­kanntschaft mit Aristide Maillol erfährt Breker seine endgültige Hinwendung zur Klassik. Er nennt sich von da an Arno Breker.

Auf dem Montparnasse verbringt Bre­ker etliche Nächte. In diesem Viertel gab es die wichtigsten Kunstschulen und ein­schlägigen Buchhandlungen. Hier war auch das geistige Zentrum von Paris, mit all den Cafés und Lokalen, in denen die bekanntesten Künstler ein- und ausgin­gen und sich all jene trafen, denen die Kunst schlechthin ein Lebensbedürfnis war. Breker lernt in den Jahren von 1927– 1933 viele Künstler und Intellektuelle kennen, und auch solche, die sich dafür hielten. Er schließt Freundschaften mit Maurice Vlaminck und André Dunoyer de Segonzac, deren Büsten er schuf. 1928 gehört er bereits einem Komitee an, das unter der Leitung von Harry Graf Kessler eine Maillol-Ausstellung in der Galerie Flechtheim in Berlin organisiert. Flecht­heim, der eng mit Picassos Kunsthändler Kahnweiler zusammenarbeitet, über­nimmt die Vertretung von Brekers Wer­ken. In Kahnweilers Galerie begegnet er auch Picasso zum ersten Mal. Auch mit dem Bildhauer Charles Despiau und mit Man Ray, der ihn photographiert, trifft Breker in Paris zusammen. In einer wahr­haft kosmopolitischen Atmosphäre wird leidenschaftlich diskutiert, aber auch ebenso leidenschaftlich gearbeitet. Arno Breker selbst schildert in seinen Erinne­rungen am Beispiel des „bal négre“ das Flair jener Jahre: „[…] Der Negerball […] brachte eine bisher unbekannte, im Pariser Straßenbild nie auftauchende Nuance ins Spiel. Schrille, hysterische Rhythmen von Trompeten und Klarinetten, begleitet von seltsam heiser klingenden Geräuschen – ver­ursacht durch unentwegtes Schütteln und Schwenken mehrerer mit Sand oder Kiesel­steinen gefüllter Blechbüchsen –, pausenlos unwiderstehlich gurrende Ausrufe erfüllten den Raum […] ein urtriebhaft brünstiges Aneinanderscheuern der eng umschlungenen Paare bot sich hier […] Die Kapelle mit dem urmusikalischen Rhythmus der Wilden durf­te man als einmalig, als noch nie gehört be­zeichnen […] Was die Pariser hier interes­sierte, war der unmittelbare Einblick in den Urwald.“ Diese Schilderung Brekers wirft ein bezeichnendes Licht auf das kulturel­le Leben im Paris der 1920er Jahre. Die Tänzerin Josephine Baker soll geäußert haben: „Wir haben ihn alle geliebt.

 

Arno Breker in seinem Atelier in Grunewald.
(koloriert)

Der Aufenthalt in Rom

Nach dem Erfolg seiner Ausstellung im Pariser Salon d’Automne erhält Breker 1929 das Angebot eines einflußreichen amerikanischen Kunsthändlers, in die USA zu gehen. Die Verträge sind bereits unterzeichnet, als es kurz darauf zum Bankrott der New Yorker Börse kommt. Der kurze Traum vom Ruhm war also zunächst ausgeträumt. Wieder in Deutschland, schuf Breker zunächst eini­ge leptosome Figuren; das Röntgendenk­mal in Remscheid und der Matthäus an der Matthäuskirche in Düsseldorf entste­hen. Die Jahreswende 1932/33 verbringt er mit einem Studienaufenthalt an der Deutschen Akademie in Rom. Er hatte ei­nen Preis des preußischen Kulturmini­steriums gewonnen, mit dem auch ein Stipendium verbunden war. Ein Jahr lang lebt er dort in der Villa Massimo. Er beschäftigt sich hier intensiv mit der anti­ken Kunst und findet langsam zu seinem eigenen Stil. Schon zuvor hatte er ein spezielles Gußverfahren der „reinen Form“ ohne Oberflächenunebenheiten entwickelt, welches für die idealisierende Typisierung seines späteren Schaffens im Staate Adolf Hitlers stilbildend werden sollte. Die in Italien aufgenommenen An­regungen der Antike und der Renais­sance, hier vor allem Michelangelos, wer­den entscheidend für Brekers „klassische Periode“, welche ihm Weltruhm einbrin­gen wird. Den italienischen Faschismus bewundert er, vor allem die Persönlich­keit Mussolinis. Inzwischen ist in Deutschland die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus erfolgt, und Breker trifft Dr. Joseph Goebbels, der bei einem Besuch in Mussolinis Italien den Wunsch äußert, die Deutschen in Rom kennenzulernen. Breker bemerkt über den deutschen Propagandaminister: „Sein Lehrer war Gundolf, ein Jünger des Dichters Stefan George. Im Gespräch mit Goebbels spürte man unablässig die strenge Zucht, in die George die deutsche Sprache ge­nommen hatte.“ Breker läßt sich dazu be­wegen, nach Deutschland zurückzukeh­ren. „Eine neue Welt brach auf, deren Her­kunft, Zielsetzung, Umfang mein Aufnahme­vermögen überstieg.“ Wieder im Reich, ar­beitet er an den Büsten des jüdischen Verlegers Bermann-Fischer und des gleichfalls jüdischen Malers Max Lieber­mann. Breker ist es auch, der von Lieber­manns Familie gerufen wird, um dem Künstler, der im Februar 1935 stirbt, die Totenmaske abzunehmen. Doch der be­rufliche Erfolg bleibt wider Erwarten aus. Die Presse übergeht Breker völlig, ja sie befehdet ihn sogar. Viele interpretier­ten seine Arbeiten als „elende Kopien“, die er nach antikem Vorbild herstelle. In diese wenig aussichtsreiche Situation fiel 1936 ein Wettbewerb für die Plastiken des im Bau befindlichen Berliner Olym­piastadions. Breker schuf hierfür einen Zehnkämpfer und eine Siegerin mit dem Ölzweig; die Jury entschied sich einstim­mig für seinen Entwurf. Der Zehnkämp­fer schließlich, modelliert nach dem Sportler Gustav Stührk, erhielt die silber­ne Medaille der olympischen Kunstaus­stellung. Dieses Ereignis wurde zum Wendepunkt in Brekers Leben. Erste Staatsaufträge waren die Folge. Die deut­schen olympischen Sieger, Sportler und Künstler, wurden zu einem Empfang in die Reichskanzlei eingeladen. Als ihm Breker vorgestellt wurde, sagte auch Hit­ler „Sie arbeiten nach der Antike“; Breker verneinte – und war tief deprimiert.

Der Weg zum Klassiker

Bereits 1937 aber ist Breker bereits Mit­glied der Jury für die Weltausstellung in Paris. Und er erhält eine Einladung Sta­lins, in der Sowjetunion zu arbeiten, was er allerdings ausschlägt. Im selben Jahr heiratet er die Griechin Demetra Messa­la. Es entsteht die Großplastik Prometheus für das Haus der Deutschen Kunst in München, mit der seine Arbeiten erst­mals monumentale Dimensionen errei­chen. Bekannt geworden sind vor allem Brekers Plastiken für das Hauptportal im Innenhof der Neuen Reichskanzlei: Die Partei, symbolisiert im Mann des Geistes, durch die Fackel dargestellt, und Die Wehrmacht, als Verteidigerin des Reiches durch den Mann mit dem Schwert ver­körpert. Adolf Hitler ist begeistert: „Jun­ger Mann, von jetzt an arbeiten Sie nur noch für mich!“ Er überträgt Breker in der Fol­ge auch noch den großen Brunnen am „Runden Platz“ der Nord-Süd-Achse; ein Detail innerhalb der grandiosen Plä­ne für die Neugestaltung Berlins als „Welthauptstadt Germania“ und damit ein Auftrag, wie er seit Jahrhunderten keinem Bildhauer in Deutschland mehr gestellt worden war. Das Thema ist ihm völlig freigestellt, und umgehend zeich­net er den ersten Entwurf: Apoll mit dem Sonnenwagen, das Symbol der ewigen Wiederkehr. Das Motiv zeigt den Gott auf dem Wagen stehend, von vier sich aufbäumenden Pferden gezogen, um die Sonne aus dem Meer zurückzuholen. Drei Schalen umlaufen das Rund, und aus jeder Schale schießt die Wassermen­ge in die nächste. Vier Wassersäulen, die eine Höhe von je 30 Metern haben, er­scheinen wie silberne Türme, wenn sie nachts durch Scheinwerfer angestrahlt werden. Die den Platz flankierende Ar­chitektur spiegelt sich im Wasser, was ei­nen herrlichen Eindruck hervorruft. Um die Wirkung vorwegzunehmen, hat die Ufa ein Modell hergestellt und dieses „Orchester von Architektur, Wasser, Licht und Plastik“, so Breker, im Film für die Nachwelt festgehalten. Zahlreiche Aufträge, die vor allem der Neugestaltung der Reichshauptstadt gel­ten, werden jetzt an Breker vergeben. Er arbeitet eng mit Generalbauinspektor Al­bert Speer zusammen. Auch sein ehema­liger Lehrer Wilhelm Kreis wird für diese Planungen herangezogen. Breker schuf damals auch das Portrait Adolf Hitlers. Vergleicht man seine Werke der 1920er Jahre mit den späteren Arbeiten, so ist man verblüfft. Irgend etwas mußte hier geschehen sein. Er, der in Paris noch ab­strakte Skulpturen schuf und Gebilde mit Metallkonstruktionen fertigte, der bereits 1922 einen ganzen Raum mit vier regenschirmartigen Pfeilern und bizar­ren Figuren ausgestaltete und den Maler Otto Dix portraitierte, wendet sich nun ganz der gegenständlichen Plastik zu, arbeitet nahezu ausschließlich „klassisch“. Was war geschehen? Breker selbst gab die Antwort: „Ich schuf […] eine Statue auf dem Schornstein – eine abstrakte Skulp­tur – […] Als ich […] fertig war, sag­te ich zu mir selbst: […] ,diese förmli­che Übung kann einfach nicht das Ziel der Kunst sein […] Ich stattete also dem Maler Klee in Weimar einen Besuch ab und sah ihm bei seiner Ar­beit zu. Er hatte sechs Leinwände da­stehen und malte sechs Aquarelle zur gleichen Zeit. Ein brauner Fleck hier, erstes Aquarell, danach einen auf dem zweiten Aquarell […] Das hat mir zutiefst mißfallen! […] Ich fing wieder ganz von Null an. Griechen­land in mir fühlend, die Natur vor mir, ich war gerettet. Ich vergaß die ganze Vergangenheit.

Von jetzt an ist Breker einer der gefragtesten, wenn nicht der Bild­hauer des neuen Deutschlands. Er ist auf dem Weg nach ganz oben, aber: Er hat kein eigenes Thema mehr. Seine Kunst und er schei­nen nun Teil der nationalsoziali­stischen Vision von der Wieder­kehr der Götter, die eine ganze Welt umgestalten wollen, gewor­den zu sein. Visionen von Tri­umph und Untergang, Rausch und Opfer. Dennoch schuf er da­mals zeitlos schöne Werke, die ihn unsterblich machten, wie et­wa Die Treue, die Reliefs Du und Ich und Kameraden, die Skulptu­ren Bereitschaft, Anmut, Berufung und Der Verwundete. Sie alle, in ihrer aufrufenden und oft bruta­len Entschiedenheit, in ihrer seh­nigen Art der Gestik und ihrer schmerzlichen Kraft, begründen bis heute das Typische des Bre­kerschen Werkes. Er entwickelte einen metallischen Effekt seiner Skulpturen, eine spezifische Oberflächenglätte; jeder Haar­wurzel scheint man das Wachs­tum anzusehen, so plastisch wirken sie auf den Betrachter. Als fragwürdig muß aber der Tenor des Kommentars zu ei­nem Film über das Werk Arno Brekers aufgefaßt werden, der aus der NS-Zeit stammt und in dem seine Arbeiten als plastische Verkörperung nationalsoziali­stischen Wollens interpretiert wurden. Hier wird gesagt: „Alles Individuelle ist mit unbeirrbarer Treffsicherheit festgehalten. Diesen leidenschaftlichen Drang zur Verkör­perung des Subjektiven konnte nur ein Wan­del im Weltanschaulichen zu der Form klä­ren, die über dem Einzelnen wieder das All­gemeingültige sieht. Das Empfindliche ist abgelöst durch Kraft, das im funkelnden Licht Zerfließende durch Härte. Hier kommt das zum Durchbruch, was das ganze Volk er­schüttert, innerlich umbricht und neu schafft. Dieser Kopf erzählt nicht die Ge­schichte eines Einzelmenschen. Er spricht: ,Ich bin die geballte Manneskraft, ich bin der Grimm gegen das Feige, ich hasse den Feind meines Volkes. Du müßtest sein wie ich!‘
Wer sich aber ernsthaft in Brekers Kunst vertieft, wird erkennen, daß hier nicht eine Weltanschauung ihren plasti­schen Ausdruck fand, sondern die zeitlo­se Sehnsucht nach dem Schönen schlecht­hin in Stein gehauen wurde. Unwillkür­lich fällt dem Betrachter von Bre­kers Werken ein Nietzsche-Wort aus dem Zarathustra ein: „Ich liebe alle die, welche wie schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, daß der Blitz kommt, und geh’n als Verkündiger zugrunde. Seht, ich bin ein Verkündi­ger des Blitzes, und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heißt Übermensch“ Das ist die eigentliche Intention des Breker­schen Werkes. Immer aber war Breker auch ein genialer Portrai­tist, seine Büsten von Richard Wagner und Gerhart Hauptmann mit ihrer konzentrischen Tief­gründigkeit und der Sichtbarma­chung jeder geistigen Regung sind ebenfalls als Meisterwerke anzusehen.

Die Mitgliedschaft in der NS­DAP soll ihm „verliehen“ worden sein; er selber sei nie in die Partei eingetreten, so Breker, erst da­nach habe ihn Hitler zum Profes­sor ernannt. Doch der Krieg machte alle friedlichen Pläne Bre­kers mit einem Schlag zunichte. „Der Sommer 1939 ist mir immer als eine seltsame Irrealität kosmisch ge­störter Weltzusammenhänge in Erin­nerung geblieben, als eine tragödien­trächtige, beängstigende Windstille vor dem Sturm“, notierte er in sei­nen Erinnerungen. Zu seinem 40. Geburtstag bekommt Breker von Hitler den schloßartigen Landsitz Jäckelsbruch im Oder­bruch geschenkt, in dessen Anla­ge auch ein gigantisches Atelier entsteht. Inmitten all dieses ge­waltigen Schaffens erleidet er ei­nen ersten Herzinfarkt. Breker er­hält dennoch den Staatsauftrag zur Ausgestaltung des geplanten Triumphbogens in Berlin, der Reichshauptstadt, die einmal „Germania“ genannt werden soll­te. Vierundzwanzig Monumental­reliefs sollten für dieses Siegesdenkmal geschaffen werden. Für Breker erfüllte sich damit ein Traum, wie er, sinnbild­lich und wie als Gleichnis für sein Werk stehend, an der Ruhmeshalle des Reichs­sportfeldes in Stein gehauen war: „Und ewig mahnt vom Anbeginn des Werdens das heilige Wort Vollkommenheit.

 

Bereitschaft, 1939.
Du und Ich, 1944.

Hitler in Paris

Berlin, 22. Juni 1940. Um sechs Uhr früh klingelt bei Breker das Telefon, in der Leitung die Gestapo: „Sie werden aufgefor­dert, sich für eine kurze Reise fertig zu ma­chen. In etwa einer Stunde steht der Wagen vor Ihrer Tür.“ Weitere Auskünfte erhält Breker nicht. Er ist verstört, denn „in ei­ner Diktatur ist alles möglich“. Von zwei SS-Angehörigen wird Breker zum Flug­hafen Berlin-Staaken eskortiert. Nach et­wa drei Stunden Flug landet die Maschi­ne auf französischem Boden, ein Wagen steht bereit und fährt Breker in Richtung Bruly le Pêche. Der Wagen hält, und zwei schmunzelnde Männer kommen ihm entgegen, nämlich die Architekten Albert Speer und Hermann Giesler. Jetzt däm­mert es ihm. Er befindet sich im Führer­hauptquartier. Schon taucht Hitler auf und erläutert Breker den Grund dieses „Überfalls“: Er hat die Absicht, Paris zu besichtigen, und will sich dabei von sachkundigen Künstlern begleiten las­sen. Da Breker ein „alter Pariser“ sei, soll dieser einen Plan ausarbeiten, der die wichtigsten architektonischen Brenn­punkte der Stadt beinhaltet. Unter schal­lendem Gelächter von Hitlers soldati­scher Umgebung wird den Künstlern in aller Eile eine feldgraue Uniform ver­paßt, um sie in den allgemeinen militäri­schen Rahmen einzufügen.

Ein Besuch in Paris war ein seit langem gehegter Wunsch Hitlers. Außerdem hofft er, sich hier Anregungen für die Neugestaltung der deutschen Städte ho­len zu können. Es lag nahe, als Eroberer nach Paris zu kommen, doch Hitler woll­te der „Grande Nation“ nach der bitteren Niederlage keine weiteren Demütigun­gen bereiten. Aus diesem Grund ließ er die von den Militärs in chauvinistischer Absicht geforderte Siegesparade auf den Champs-Élysées absagen.

Um drei Uhr früh wird aufgebrochen. Die Stadt schläft noch. Im Dunst eines Frühsommertages geht die Fahrt durch menschenleere Straßen direkt zur Pariser Oper. Am Portal wird die Gruppe bereits von Oberst Speidel, dem Stadtkomman­danten, erwartet. Ein weißhaariger Lo­genschließer erstarrt beim Anblick Hit­lers wie zur Säule. Breker schreibt, daß Hitler die Oper genau kannte und über Detailkenntnisse verfügte, wie sie aus­führlicher und präziser nicht im „Baede­ker“ zu finden waren. Dies wird durch eine Szene illustriert, die von Breker und Albert Speer gleichermaßen überliefert ist. Breker: „Hitler wirft noch einen letzten Blick in den gewaltigen Zuschauerraum, dann erkundigt er sich nach dem Empfangs­raum des Präsidenten der Republik. Der Gar­dien kennt keinen solchen Raum. Ich animie­re ihn nachzudenken, dann fällt ihm ein, sich hinter der Rückwand der Präsidentenloge ein Saal befindet, der aber dem Präsiden­ten nicht zur Verfügung steht. Hitler amü­siert die Auskunft, er sagt: ,Sehen Sie, meine Herren, das ist die Demokratie.‘ Wir verlas­sen die Oper. Der Gardien bleibt starr, ohne Geste, ohne Gruß mit hohlem Blick zurück […] Auf Worte des Dankes für die Führung reagiert er überhaupt nicht. Zwei Versuche, ihm ein Trinkgeld zu geben, werden zurück­gewiesen. Eine stolze, imponierende Hal­tung, die mir Respekt einflößt.“ Und Albert Speer berichtet, „Hitler zeigte sich von der Oper fasziniert, geriet ins Schwärmen über deren unerreichte Schönheit, seine Augen glänzten in einer mich unheimlich berühren­den Verzückung“.

Weiter geht die Fahrt über die Made­leine, zum Place de la Concorde, die Champs-Élysées, dem Arc de Triomphe, zu den Tuilerien und zum Louvre. Schließlich fährt der gespenstische Kon­voi über die Avenue Foch in Richtung Trocadéro. Vor beziehungsreicher Kulis­se stellen Hitler, Speer und Breker gleich­sam eine Szene der Antike nach: Hitler als siegreicher Feldherr Perikles, zur Lin­ken sein Baumeister Albert Speer als Ikti­nos, zur Rechten der Bildhauer Arno Bre­ker als sein Phidias. Den Museumsbau für moderne Kunst fand Hitler „großzü­gig und den gegebenen topographischen Ver­hältnissen vorzüglich angepaßt, vor allen Dingen aber die Öffnung der Baumassen zentral zum Eiffelturm nannte er einen geni­alen Einfall.“ Vor dem Sarkophag Napo­leons I. im Dôme des Invalides verharrte der Führer, im weißen Mantel und die Mütze an die Brust haltend, lange in stummer Ergriffenheit und verneigte sich. Über den Quai d’Orsay erreichte man dann das Panthéon. Endpunkt schließlich ist „Sacré Coeur“ auf dem Montmartre.
Zwei weitere Begebenheiten hat Arno Breker überliefert: Ein Pariser Zeitungs­verkäufer erkennt Hitler im offenen Wa­gen, reißt Augen und Mund auf, wirft al­le Zeitungen von sich und flieht in das nächstliegende Haus. Kaum hundert Me­ter weiter steht eine kleine Gruppe von Marktfrauen. Als sich die Fahrzeuge nä­hern, zeigt eine auf Hitler und schreit: „C’est lui – oh, c’est lui!“ [„Er ist es – oh, er ist es!“], worauf die Gruppe erschreckt auseinanderfährt. Um neun Uhr mor­gens war die Besichtigung zu Ende. Hit­ler: „Es war der schönste Augenblick meines Lebens, Paris sehen zu dürfen. Ich kann nicht sagen, wie glücklich ich bin, daß er sich heute erfüllt hat.

Salvador Dali, 1976.

Besatzungszeit

Während der deutschen Besatzung in Frankreich ist Breker wieder sehr oft in Paris. Er begegnet dort unzähligen hoch­karätigen Repräsentanten des kulturel­len Lebens, wie den Schriftstellern Henry de Montherlant, Céline, Marcel Pagnol, Jaques Benoist-Méchin und Paul Mo­rand, Kultusminister Abel Bonnard, dem Verleger Flammarion, dessen Sohn sein Privatsekretär wird, dem Pianisten Alf­red Cortot, dem Ballettmeister Serge Lifar und den Schauspielern Jean Marais und Sacha Guitry. Alle Genannten wur­den, teilweise erst nach dem Krieg, von Breker portraitiert. Ernst Jünger trifft er eines Abends im „Ritz“, und auch den Maler André Derain und den jungen Schriftsteller Robert Brasillach sieht man häufig an seiner Seite. Im Mai 1942 wer­den die Werke Brekers in einer großen Ausstellung in der Orangerie gezeigt; über 80.000 Menschen besuchen sie. Abel Bonnard fand in seiner Eröffnungsrede begeisterte Worte für das Werk Brekers. So führte er unter anderem aus: „Sie […] entfesseln die Anstrengungen derjenigen, die arbeiten, und derer, die kämpfen. Sie geben den Städten jene erhabenen Bewohner aus Marmor und Bronze, die ihnen nicht weniger not sind als die Bewohner aus Fleisch und Blut. Denn während diese kommen und ge­hen wie Passagiere über die Brücke eines Schiffes, gleichen die hohen Bildsäulen Schildwachen, die den Horizont von Jahr­hunderten beobachten, während die Men­schen nur für einen Horizont von Tagen be­stehen.

Albert Speer erinnert sich noch in sei­ner Spandauer Zelle an diese Zeit: „1941 sah ich Breker das letzte Mal vor meiner Mi­nisterzeit in Paris. Wir trafen uns in einem berühmten Restaurant in Bougival an der Seine und wurden vom Maître Francis als al­te Freunde bewirtet […] deutsche Offiziere und französische Aristokraten, Künstler, In­dustrielle und einige exzentrische Amerika­ner: Von Krieg, Feindschaft und Résistance war hier nichts zu spüren […] Cortot spielte Chopin oder Debussy.“ Selbst ein ausge­wiesener Feind von Hitlers Deutschland, Jean-Paul Sartre, kam nicht umhin, die Faszination, die er beim deutschen Ein­marsch in Paris empfand, in den Mund eines seiner Protagonisten zu legen: „Da­niel hatte keine Angst, er überließ sich ver­trauensvoll diesen vielen tausend Augen, er dachte: ,Unsere Sieger!‘ und wurde von Ent­zücken förmlich eingewickelt. Er erwiderte kühn ihren Blick, er konnte sich nicht satt se­hen an diesem blonden Haar, an diesen son­nenverbrannten Gesichtern, in denen die Au­gen wie gefrorene Seen standen, an diesen schlanken Hüften, an diesen unglaublich lan­gen muskulösen Oberschenkeln […] Irgend etwas sank vom Himmel hernieder: das anti­ke Gesetz; er sah nicht mehr ganz klar, er wiederholte sich ziemlich schwer atmend: ,Wie in Butter – sie dringen in Paris ein wie in Butter.

Arno Breker hat in seinen Erinnerun­gen ein ebenfalls interessantes Detail der Okkupation erzählt, welches sich im Re­staurant „Maxim“ abspielte: „Vier junge Offiziere betraten den Saal, Erscheinungen mit intelligenten, fast noch knabenhaften Gesichtern, leuchtenden blauen Augen und ohne Ausnahmen mit gepflegten blonden Haaren. Jeder trug eine oder mehrere hohe Kriegsauszeichnungen. Ihre Umgangs­formen offenbarten beste Herkunft. Sie nah­men Platz in der Mitte des Saales, mit beson­derer Sorgfalt bestellten sie ihr Menü. Die Sensation ihrer Erscheinung lähmte die eben noch animierte Gesellschaft. Die Herren, fast ausnahmslos der älteren Generation zugehö­rig, bemühten sich ebenso ostentativ wie ver­geblich, die Damen ihrer Begleitung in neue Gespräche zu verwickeln. Wie gebannt stan­den sich die edlen Repräsentanten von Mars und Venus gegenüber, als galantes Spiel seit der Antike lebendig geblieben. Das Verweilen der jungen Krieger war begrenzt. Nach knapp eineinhalb Stunden verließen sie, auf­recht wie sie gekommen waren, ein Bild ver­wirrender jugendlicher Elastizität, die Arena weltstädtischer Provenienz, von bewundern­den Blicken verfolgt. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich die zarten Blüten geheimer Wunschträume verflüchtigt hatten und die unterbrochene Munterkeit des Gesprächs wieder einsetzte.

Wie selbstverständlich verhält sich Breker im besetzten Paris stets korrekt. Für etliche Menschen, die wegen ihrer Rasse oder ihrer Kontakte zur Résistance verfolgt wurden, setzt er sich ein, so für Maillol, Picasso, Marais und Flammarion und für den Verleger Peter Suhrkamp. In Brekers Atelier Jäckelsbruch gehen die Künstler ein und aus, auch Gerhart Hauptmann ist unter den Besuchern. Während der Überfliegungen durch feindliche Bomber arbeitet Breker unbe­eindruckt weiter und rezitiert zusammen mit seinem Modell Gustav Stührk Ge­dichte von Hölderlin. Doch die Götter­dämmerung rückt unaufhaltsam näher.

Arno Breker: Richard Wagner.

Geächtet

Von nun ab wird nicht einmal mehr ein Hund ein Stück Brot von dir annehmen“, prophezeit sein Freund Albert Speer Bre­ker kurz vor der Kapitulation. 1945 ist Breker von heute auf morgen ein geäch­teter Mann. Fast 90 Prozent seiner Werke werden von US-Truppen mutwillig zer­stört. Arno Breker, welcher auserwählt war, den Triumphbogen in Berlin zu schmücken, der die Jahrtausende über­dauern sollte, ist ins Nichts zurückge­worfen. Er sieht sich vor dem völligen fi­nanziellen Ruin und ist zudem noch ei­ner jahrzehntelang andauernden Ver­leumdungskampagne ohne Beispiel aus­gesetzt.

Nach Bayern geflohen, erhält Breker eine erneute Einladung Stalins, doch wieder lehnt er ab. Ein zweiter Herzin­farkt hat ihn angeschlagen. Nach der Rückkehr nach Düsseldorf wird er Archi­tekt des Gerling-Konzerns und arbeitet an Reliefs, welche die christliche Mytho­logie zum Thema haben. In der deut­schen Presse werden Brekers architekto­nische Entwürfe als „Neue Reichskanz­lei“ verspottet, er selbst als „Bildhauer des Führers“ apostrophiert; daher betei­ligt er sich von nun an anonym an öffent­lichen Wettbewerben. Er erhält einige Aufträge in Deutschland und gestaltet einige kleinere Plastiken; auch zahlreiche Zeichnungen in Aquarell, Bleistift und Kohle entstehen. 1956 stirbt seine Frau Demetra. Bald darauf heiratet er Charlot­te Kluge, mit der er zwei Kinder be­kommt. Anfang der 1960er Jahre eröffnet er ein zweites Atelier in Paris. Von nun an pendelt er zwischen Düsseldorf und der französischen Hauptstadt. Erneut be­gegnet er dort Jean Cocteau, dessen letz­ter Brief vor seinem Tod an Breker ge­richtet ist. In verstärktem Maße nimmt Breker das Portraitwerk wieder auf, was ihm seitens der Wirtschaft viele Aufträge einbringt. Salvador Dalí und Ernst Fuchs werden zu seinen Freunden. Anfang der 1970er Jahre kehrt Breker zu seiner klas­sischen Figurengestaltung mit geglätte­ter Oberfläche zurück. Als Gast des ma­rokkanischen Königs Hassan II. überlebt er ein Attentat, das während eines Gar­tenfestes im Juli 1970 auf den Monarchen verübt wird. Die Stadt Bayreuth beauf­tragt ihn mit den Portraits von Franz Liszt und Cosima Wagner, welche im Park des Festspielhauses ihren Standort finden. 1981 beteiligt er sich mit einem Entwurf an der Ausstellung „Paris 1937– 1947“, zieht diesen aber aufgrund massi­ver Proteste zurück. Aufsehen erregt in diesen Jahren seine monumentale Alex­anderstatue, die durch ein Buch von Ro­ger Peyrefittes inspiriert ist. Auch dem von Peyrefitte inspirierten „Alexanderor­den“ tritt er bei.

Mit vierundvierzigeinhalb Jahren war mein Leben zu Ende“, äußerte Breker 1990 gegenüber seinem Besucher, dem Dich­ter Rolf Schilling. Und an anderer Stelle weiter: „Trotz allem gibt es unzerstörbare Werte, und man kann nicht bis in alle Ewig­keit schuldig sein! Deswegen kann ich keine Ausstellung machen, weil ich schuldig bin! Und wenn mich jemand beleidigt, mich in der Presse oder anderswo beschimpft, kann ich mich nicht wehren, denn nie würde ich einen genügend mutigen Richter finden, der Recht für mich spräche. Ich existiere nicht! Ich werde immer schuldig sein! Wie der Be­siegte! Ich bin ein Besiegter, das erklärt al­les!

Den erzwungenen Abstieg konnte er niemals wirklich verwinden. Der Fall war tief, weil die einmal erreichte Höhe so groß gewesen war. Doch Breker raffte sich auf, um es der gesamten Kunstwelt noch einmal zu „zeigen“: Er portraitiert Friedrich Sieburg, Roger Peyrefitte, Wi­nifred Wagner, Salvador Dalí und Ezra Pound. Die alte Meisterschaft wird fast wieder erreicht. Auch Ernst Jünger läßt sich in einer achttägigen Sitzung in Düs­seldorf von Breker portraitieren. In Bre­kers Spätwerk aber ist eine gewisse „Ver­flachung“ festzustellen. Viele von seinen späten Skulpturen und Portraits wirken einfach zu „glatt“, sie atmen keinerlei In­dividualität mehr. Künstlerische Impulse von außen bleiben immer öfter aus; Bre­ker geht dazu über, sich selbst zu kopie­ren. Die Skulptur des Zehnkämpfers Hingsen beispielsweise wirkt auf den Be­trachter fast peinlich, während ihm eine Arbeit mit dem Turner Eberhard Gienger gut gelingt. Doch auch im Spätwerk gibt es einige wirklich ansprechende Arbei­ten, wie etwa Die Grazie. Brekers Können zeigt sich im Alterswerk vor allem in dem geglückten Verhältnis von Gesicht und Körper; die meisten Künstler schei­tern an diesem Problem.

Arno Breker ist auf dem kulturellen Sektor einer der tragischsten Verlierer der deutschen Niederlage von 1945. Die kulturhistorische Beschäftigung mit ihm war größtenteils äußerst ressentimentbe­laden. Er starb am 13. Februar 1991, dem Todestag Richard Wagners, in Düssel­dorf. Und wieder ist es ein Wort Nietz­sches, das wie ein Gleichnis über seinem Leben steht: „Die Cultur und der Staat – man betrüge sich hierüber nicht – sind Ant­agonisten: ,Cultur-Staat‘ ist bloß eine moder­ne Idee.

Es wird von Arno Breker nach wie vor in diskriminierender Konnotation ge­sprochen. Über sein Werk ist immer noch das Tabu verhängt, jedoch: Der Wandel deutet sich an.

 
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