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Multitalent in Reinkultur

Von Dr. Mario Kandil

Vor 355 Jahren wurde Prinz Eugen von Savoyen geboren

Liegt auch seine Zeit schon drei Jahrhunderte zurück, so ist doch die Erinnerung an ihn lebendig. Prinz Eugen von Savoyen bleibt nicht nur durch seine Statue auf dem Wiener Heldenplatz im Gedächtnis der Menschen, sondern ebenso durch sein Schaffen als Feldherr, Politiker, Baumeister und Mäzen. Er, der ein Multitalent in Reinkultur war, kam am 18. Oktober 1663, also vor 355 Jahren, zur Welt. Doch bis in unsere Gegenwart hinein ist es keinem noch so eifrig wühlenden Biographen ge­glückt, Eugens fürwahr komplexe, vielschichtige Persönlichkeit vollkommen zu dechiffrieren. Denn sein wahres Ich hielt er stets hinter einem für die Öffentlichkeit bestimmten, mit viel Sorgfalt gepflegten Bild seiner Person verborgen. Insofern tref­fen auch auf ihn die Worte zu, die Friedrich Schiller seinen illustren Vorgänger als Generalissimus des Hauses Habsburg, Albrecht von Wallenstein, in „Die Piccolomini“ (2. Akt, 5. Auftritt) sprechen läßt: „Kennst Du mich so gut? Ich wüßte nicht, daß ich mein Innerstes Dir aufgetan“1.

Das riesige Osmanische Reich stellte eine Bedrohung für ganz Europa dar.
Regelmäßig fielen türkische Streifscharen in die habsburgischen Ländern ein und versklavten oder töteten jeden, den sie finden konnten.

Die Hauptursachen für die „Verstel­lung“ Eugens (wie es in einem zeit­genössischen diplomatischen Bericht an Frankreichs König Ludwig XIV. wenig schmeichelhaft heißt) liegen nach der Einschätzung seiner Biographen Konrad Kramar und Georg Mayrhofer2 in der Kindheit und der Jugend des späteren Feldherrn. Wir wollen uns hier aber nicht in schmutzigen Details oft wilder Speku­lationen verlieren, wie das bereits so vie­le mit Blick auf diese Lebensphase des Prinzen getan haben, sondern zunächst einmal einen Blick auf die Anfänge Eu­gens werfen.

Der am 18. Oktober 1663 in Paris gebo­rene Eugen Franz, Prinz von Savoyen- Carignan, war Sohn einer Geliebten Kö­nig Ludwigs XIV., Olympia Mancini. Sie wiederum war die Nichte Kardinal Ma­zarins, der als Nachfolger des Kardinals Richelieu in den Jahren von 1642 bis 1661 als Leitender Minister die Politik Frank­reichs gelenkt hatte. Eugen, der in nahem Verwandtschaftsverhältnis sowohl zu den Bourbonen als auch zu den Habs­burgern stand, hatte es am Hof des „Son­nenkönigs“, der ihn in positiver wie ne­gativer Hinsicht prägte, nicht leicht. Denn im Kampf um die Kontrolle über Versailles, der immer auch ein Macht­kampf um die Gunst des Frauenliebha­bers Ludwig war, hatte Eugens Mutter Olympia Mancini den Bogen überspannt. Bis 1665 Geliebte des „Allerchristlichsten Königs“, wurde sie 1679 in einen Giftmi­scherskandal verwickelt, weswegen sie Anfang 1680 aus Paris floh und in die Spanischen Niederlande ins Exil ging. Der Vater Eugens, Eugen Moritz von Sa­voyen-Carignan, war ein angesehener hoher Beamter und General Lud­wigs XIV., dazu Graf von Soissons und Dreux, seit 1657 mit Olympia Mancini verheiratet, verstarb jedoch bereits im Jahr 1673. Immerhin hatte er – den ver­giftet zu haben Olympia verdächtigt wurde – seine militärischen Talente in hohem Maße an seinen Sohn Eugen Franz vererbt, der sie zu wahrer Meister­schaft weiterentwickeln sollte.3

Im Anschluß an eine eher freudlose Kindheit verbrachte Eugen (wie wir ihn ab jetzt nur noch kurz nennen) als Ju­gendlicher seine Tage in Paris ohne grö­ßere Zukunftsperspektiven. Leider pfleg­te er hierbei einen schlechten Umgang, denn durch seine Exzesse und Verirrun­gen sah sich Ludwig XIV. – selbst „kein Kind von Traurigkeit“ – zum Einschrei­ten genötigt. Prinz Eugen stand in dem Ruf, eine unordentliche, wenn nicht gar unwürdige Existenz zu führen. Elisabeth Charlotte („Liselotte“) von der Pfalz, Ludwigs XIV. Schwägerin, meinte harsch, Eugen werde es zu nichts brin­gen.4

Doch das wollte der so hart Gescholte­ne nicht auf sich sitzen lassen und akti­vierte die vielen guten Kontakte, über die er verfügte. Zu seinen engsten Freunden gehörte auch Louis Armand Prinz Conti. Er war mit Ludwigs illegitimer, offiziell jedoch anerkannter Tochter Mademoiselle de Blois verheiratet und konnte Eu­gen eine Audienz beim König verschaf­fen. Ihm trug der Prinz seinen Wunsch nach einer Karriere beim Militär vor – und wurde vom Monarchen abgewiesen. Erst später – zu spät – erkannte König Ludwig XIV., daß er sich damit einen herausragenden Staatsdiener hatte ent­gehen lassen. Denn statt seine Talente weiter in der Dekadenz des französischen Hofes ver­kümmern zu lassen, wechselte der gera­de einmal 20 Jahre junge Eugen einfach

In Habsburgs Diensten

Den Wunsch, nach Osten zu gehen, um dort gegen das höchst bedrohliche Os­manische Reich zu fechten, teilte Eugen mit vielen jungen Aristokraten jener Zeit. Weil aber Ludwig XIV. ihn trotz der Ab­lehnung für die französische Armee nicht an den Kaiser in Wien verlieren wollte, floh der Savoyer zusammen mit Prinz Conti. Natürlich ließ der allgewaltige Sonnenkönig die beiden renitenten Adli­gen verfolgen, denn zumindest seinen Schwiegersohn konnte er auf gar keinen Fall dem habsburgischen Rivalen Leo­pold I. überlassen. In Frankfurt am Main eingeholt, ließ sich Conti zur Rückkehr bewegen, überließ aber dem mittellosen Eugen immerhin die Reisekasse. Dieser traf im kaiserlichen Lager zu Passau ein, wohin der Hof Leopolds I. vor den Tür­ken geflüchtet war, die bereits vor Wien lagen, um endlich den „Goldenen Apfel“ (so hieß die Stadt bei ihnen) zu pflücken. Prinz Eugen setzte alles auf den Sieg über die Türken und damit auf das Haus Habsburg, was seinen Bruch mit Lud­wig XIV. ganz und gar irreversibel wer­den ließ.6

Durch den spanischen Gesandten am Kaiserhof, den Marchese di Borgomane­ro, bei Leopold I. eingeführt, hatte Eugen das Dragonerregiment seines im Kampf gefallenen Bruders Ludwig Julius von Savoyen für sich selbst erhofft, wurde darin aber zunächst enttäuscht. So konn­te er nur als Freiwilliger im Heer des Herzogs Karl von Lothringen an der für den Kaiser und seine Verbündeten so siegreichen Schlacht am Kahlenberg zum Entsatz Wiens am 12. September 1683 teilnehmen. Bei diesem absolut unerwar­teten Triumph der aus verschiedenen Kontingenten zusammengesetzten Ar­mee Leopolds I. über die schier erdrüc­kende osmanische Übermacht und auch bei deren Verfolgung muß sich Eugen ausgezeichnet ha­ben. Denn schon am 14. Dezember 1683 empfing er vom Kaiser das Pa­tent als Oberst eines neu aufgestellten Dragonerregiments.7 Zwar erwog Eugen in den folgenden Jahren auch noch die Möglichkeiten ei­ner Versorgung in savoyischen oder spa­nischen Diensten und erreichte nach ei­nem Besuch in Madrid im Frühjahr 1686 sogar seine Erhebung zum spanischen Granden sowie die Verleihung des Gol­denen Vlieses. Aber die von seiner Mut­ter Olympia Mancini verfolgten Pläne, ihn mit einer Tochter aus reichem spani­schem Hause zu verheiraten, scheiterten. Außerdem ließ ihn sein rascher Aufstieg im kaiserlichen Heer zu der Entschei­dung gelangen, das Angebot in die Tat umzusetzen, welches er in seinem 1683 Leopold I. überreichten Gesuch gemacht hatte: nämlich all seine Kräfte zu Wohl­fahrt und Wachstum des Kaisers und sei­nes Hauses einzusetzen.8

So nahm Eugen an der ersten Phase des Großen Türkenkriegs (1683–1699) teil, wobei er auf der Karriereleiter rasch hinaufstieg. Im Oktober 1685 zum Gene­ralfeldwachtmeister (Generalmajor) be­fördert, wurde er im Januar 1688 Feld­marschall-Leutnant, 1690 General der Kavallerie und im Mai 1693 Feldmar­schall. An den Türkenschlachten des Herzogs Karl von Lothringen und seines Vetters Ludwig Wilhelm von Baden („Türkenlouis“) beteiligt, wurde Eugen 1687 die Ehre zuteil, die Kunde vom Sieg über die Türken am Berg Harsan bei Mo­hacs (12. August 1687) nach Wien zu überbringen. 1688 bei der Belagerung von Belgrad, 1689 in dem mittlerweile ausgebrochenen Krieg Spaniens und des Kaisers gegen Ludwig XIV. vor Mainz er­heblich verwundet, erhielt Eugen 1690 das Kommando über ein österreichisches Korps, das den auf die Seite Leopolds I. übergetretenen Herzog von Savoyen un­terstützen sollte. Zwar konnte Eugen hierbei keine Großtaten vollbringen, rechtfertigte aber das von Wien in ihn ge­setzte Vertrauen in einem solchen Maße, daß ihn Rüdiger Graf von Starhemberg, 1683 Verteidiger Wiens und jetzt Präsi­dent des Hofkriegsrats, 1697 für die Übernahme des Oberbefehls im Türken­krieg empfahl.9 Eugen kam es sehr zu­statten, daß er sich als schneller, listenrei­cher, furchtloser, bald zurückhaltender, bald verwegener Anführer hervorgetan hatte. Nicht umsonst heißt es in dem al­ten Lied „Prinz Eugen, der edle Ritter“ u.a.: „Prinz Eugenius auf der Rechten / thät als wie ein Löwe fechten.“10 Fast während der ganzen Zeit, in der Prinz Eugen im Feld das Kommando führte, waren seine Entscheidungsstärke und Kompromißlosigkeit sein großer Vorteil, der, wenn es hart auf hart ging, den Ausschlag gab. Wenn ein namentlich nicht genannter Zeitgenosse schrieb, „entschiedenes Handeln“ in der Schlacht sei nicht Eugens Stärke gewesen, so greift das natürlich zu kurz. Seine Kriege je­denfalls bereitete er gründlich und ge­wissenhaft vor, kümmerte sich oft um Einzelheiten. Er traf Vorsorge für den Nachschub, die geeigneten Ingenieure, die ihm den Weg über die Flüsse oder durch schwieriges Gelände bahnen konnten, studierte gründlich das Terrain, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Der Prinz war in der Tat ein genialer Tak­tiker, und weil er stets ganz vorne mit von der Partie war, konnte er seine Tak­tik in den entscheidenden Augenblicken des Kampfes auch komplett umstellen. Aber die große Strategie, die langfristige Planung für die Zukunft einer Armee, war seine Sache nicht. Das galt zumin­dest insofern, als seine ersten massiven Angriffe auf die Netzwerke der Macht in Wien – an denen auch schon Wallenstein gescheitert war – ohne Erfolg blieben. Eugen, der Feldherr, der in den kritisch­sten Momenten einer Schlacht die mei­sten Kräfte mobilisieren und seine Solda­ten auch in vermeintlich aussichtslosen Lagen mitreißen konnte, wurde des zä­hen Ringens mit der Bürokratie in Wien schnell überdrüssig.11

1683 versuchten die Türken, erneut den „Goldenen Apfel“ zu pflücken. In Passau begegnete Eugen zum ersten Mal Kaiser Leopold I. (Bild), der mit seinem Hofstaat aus Wien geflohen war.

Erste große Erfolge gegen die Türken

Eugen war keiner jener für die damalige Epoche typischen Adligen, die bloß ei­nen kleinen Abstecher in die Welt des Heldentums unternehmen wollten, um später bei den Hofdamen Eindruck zu machen. Nein, er wollte tatsächlich kämpfen und militärischen Ruhm errin­gen, und hierfür nutzte er jede sich ihm bietende Chance, wie nun auch das erste eigenständige Kommando, das er führte. Im Türkenkrieg setzte er auf imponieren­de Weise alle seine Stärken als militäri­scher Befehlshaber ein. Sein erster großer Sieg, den er mit seinem reorganisierten und bei Peterwardein zusammengezoge­nen Heer über die am Fluß Theiß nach Norden vormarschierenden Türken bei Zenta errang (11. September 1697), war für ihn charakteristisch. Dieser Sieg war das Ergebnis eines raschen taktischen Manövers, mit dem er den Feind einfach überrumpelte: Er erwischte die türkische Armee dabei, wie sie gerade die Theiß überquerte, was sie – sonst so überlegen – höchst verwundbar machte. Unter den Türken brach Panik aus, und sie verloren rund 30.000 Mann, eine Vielzahl von Waffen sowie einen großen Teil ihres Kriegsschatzes. Der bei dem Heer be­findliche Sultan Mustafa II. – er wurde 1703 gestürzt und durch seinen Bruder Ahmed III. ersetzt – wäre in dem ganzen Chaos beinahe umgekommen.12

Unmittelbar nach Zenta nahm Eugen Sarajewo ein, was die Osmanen endgül­tig zum Frieden geneigt machte – um so mehr, als sie auch von Venezianern, Po­len und Russen angegriffen wurden. Im Frieden von Karlowitz (26. Januar 1699) wurde die Herrschaft der Habsburger über Siebenbürgen und Ungarn (wie­wohl ohne das Temesvarer Banat) bestä­tigt. Dies war das Ende der Türkengefahr und der Aufstieg Österreichs zu einer Großmacht von eigenem Gewicht. In Wien, wo man solche Erfolge gar nicht gewohnt war, kannte die Begeisterung für Eugen keine Grenzen mehr und stei­gerte seine Popularität immens.13 Der junge Feldherr, den Kaiser Leopold I. 1700 in seinen Geheimen Rat berief, konnte sich nun schmeicheln, als einer der ersten Paladine des Monarchen zu gelten. In Wien hatte Prinz Eugen in der Himmelpfortgasse ein Palais erworben und ausgestalten lassen, und das Lust­schloß Belvedere am Rennweg ließ er nach den Plänen der zwei großen Ba­rockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lukas von Hilde­brandt errichten. Letzterer vollendete das Schloß im Jahr 1724.14 Übrigens gibt es in Ráckeve südlich von Budapest ein weiteres Schloß Prinz Eugens und dar­über hinaus noch eines in Hof östlich von Wien nahe der slowakischen Grenze.15

Der Spanische Erbfolgekrieg

Vor dem Ausbruch des Spanischen Erb­folgekriegs (1701–1713/14) politisch noch kaum eine Rolle spielend, konnte Eugen auf die Entscheidungen Leopolds I. kei­nen Einfluß nehmen. Es ist allerdings Eu­gens Drängen zuzuschreiben, daß noch vor dem Abschluß von Österreichs Alli­anz mit England, den Niederlanden, Preußen und Portugal der Kampf in Oberitalien begonnen wurde. Als Ober­befehlshaber auf diesem Kriegsschau­platz besiegte er 1701 die vollkommen überraschten französischen Truppen in den Schlachten bei Carpi (9. Juli) und Chiari (1. September). Im Jahr 1702 gab es den Handstreich von Cremona (1. Fe­bruar) und die unentschiedene Schlacht bei Luzzara (15. August). Da Wien jedoch bei der Nachführung von Truppen und Material versagte, konnte Eugen in Oberitalien keinen vollen Sieg erringen. So eil­te er um die Jahreswende 1702/03 selbst nach Wien, um einen Wechsel auf den für die Kriegführung maßgebenden Po­sten durchzusetzen. Damit hatte er Er­folg, und Ende Juni 1703 machte ihn Leo­pold I. zum Präsidenten des Wiener Hof­kriegsrats. Jetzt besaß Eugen die Verfü­gung über das gesamte Heerwesen und war zugleich an eine zentrale Stelle der politischen Führung gelangt.16 Eugen hatte damit die Kontrolle über die kaiser­liche Kriegsführung in einem Maße in der Hand, von dem im Dreißigjährigen Krieg Generalissimus Albrecht von Wal­lenstein nur träumen konnte. Denn der mußte ununterbrochen gegen seine zahl­reichen Feinde am Wiener Hof ankämp­fen, sich mit dem nicht durch ihn selbst geleiteten Hofkriegsrat herumschlagen und zudem noch den oft trägen, von vie­len Gegnern Wallensteins beeinflußten Kaiser Ferdinand II. in die gewünschte Richtung zu lenken versuchen. An dieser Stelle sei eine bemerkens­werte Äußerung Prinz Eugens wiederge­geben, mit der er Wallenstein späte Ge­rechtigkeit widerfahren ließ. Weitaus glücklicher als der Herzog von Friedland zu seiner Zeit, schrieb der Savoyer über ihn und den Hofkriegsrat folgende Sätze: „Das Haupthindernis des österreichi­schen Kriegswesens war bisher die üble Organisation des Hofkriegsrates. Nicht nur die Bildung einer ordentlichen Ar­mee, selbst die ersten Generale und die siegreichsten Feldzüge wurden dadurch aufgehalten, wovon die Behandlung des großen Wallenstein und meine eigene Beweise sind. Als ich endlich Präsident davon wurde, bestand er zum Teil aus neidischen Menschen, deren Eifersucht alle meine vorigen Operationen zu ta­deln wußte, oder aus überklugen Theo­retikern, welche, obwohl sie nicht einmal ein Detachement anführen konnten, doch alles besser wissen wollten […].“17

Seit 1704 im Westen die verbündeten Truppen gegen Frankreich kommandie­rend, errang der Prinz von Savoyen in kongenialem Zusammenwirken mit dem Herzog von Marlborough, dem Führer der alliierten englischen Streitkräfte, den triumphalen Sieg bei Höchstädt an der Donau (13. August 1704). Es war die wohl schwerste Niederlage, die Lud­wig XIV. jemals erlitt. 1705 wieder kaiser­licher Oberbefehlshaber in Oberitalien, mußte Eugen einen ersten Vorstoß zum Entsatz seines in Bedrängnis geratenen Vetters Viktor Amadeus II. von Savoyen nach der sehr blutigen Schlacht von Cas­sano (16. August 1705) abbrechen. Doch 1706 führte Eugen in einem gewagten Umgehungsmarsch sein Heer südlich des Po nach Piemont und erkämpfte zu­sammen mit dem Herzog von Savoyen bei Turin am 7. September einen großar­tigen Sieg über die Franzosen. Danach mußten diese ganz Oberitalien räumen, und der Einfluß Ludwigs XIV. auf der Apenninenhalbinsel war gebrochen.18

Nachdem Leopold I. 1705 gestorben und Joseph I. sein Nachfolger geworden war, hatte Eugen in Wien einen leichte­ren Stand, denn der neue Kaiser ließ ihm weitgehend freie Hand. Unterstützung fand Habsburgs erster Soldat dabei durch den Diplomaten Johann Wenzel Wratislaw von Mitrowitz, der sein au­ßenpolitischer Berater und Freund wur­de. In erneutem Zusammenwirken mit Marlborough konnte Eugen, der noch 1707 Toulon vergebens belagert hatte, bei Oudenaarde am 11. Juli 1708 einen gro­ßen Sieg über die Franzosen erringen. Mit der Ende 1708 erfolgenden Erobe­rung von Lille wurde das Tor nach Frankreich selber aufgestoßen, so daß Anfang 1709 für den stolzen Ludwig XIV. nur die Unterwerfung unter den Willen der Alliierten die Rettung seines Staats zu ermöglichen schien. Auch Eu­gens und Marlboroughs neuer Sieg ge­gen Ludwigs Truppen bei Malplaquet am 11. September 1709 deutete in diese Richtung.19 Bereits nach dem Sieg bei Oudenaarde hatte Eugen als der Vertre­ter des Kaisers mit den Franzosen in Den Haag über einen Frieden verhandelt und Ende Mai 1709 zusammen mit Marlbo­rough und dem niederländischen Ratspensionär Heinsius einen Friedens­präliminarvertrag unterzeichnet. Dieser Vertrag verlangte Ludwig XIV. außer dem Verzicht auf die komplette spani­sche Monarchie auch noch die Rückgabe von Straßburg an das Reich ab.20

Dennoch konnten alle Siege Eugens Frankreich nicht in die Knie zwingen, denn durch Josephs I. Tod (1711) und die Thronbesteigung Karls VI., der bislang als spanischer König von Barcelona aus gegen Philipp V., Frankreichs Schützling, gefochten hatte, brach die Koalition ge­gen Ludwig XIV. auseinander. Das hieß für England und die Niederlande: Im Falle eines Sieges würde es letzten Endes zu einem Großreich der Habsburger statt zu einem solchen der Bourbonen kom­men. Beides lag nicht in ihrem Interesse, und so nahm England insgeheim Kon­takt zu Ludwig XIV. auf. Selbst Prinz Eu­gen konnte das Auseinanderfallen der Koalition nicht abwenden, denn ange­sichts von Marlboroughs Sturz und Eng­lands Rückzug aus dem Krieg (1711) wurde der Durchhaltewille der Nieder­lande ebenfalls in arge Mitleidenschaft gezogen.21

Eugen hatte auch durch sein persönli­ches Auftreten in London nicht verhin­dern können, daß England Kaiser Karl VI. im Stich ließ und daß in Utrecht im Januar 1712 Friedensunterhandlun­gen begannen. Diese endeten schließlich am 11. April 1713 mit der Unterzeich­nung des Friedensvertrages durch Frank­reich, die Seemächte England und Nie­derlande, Preußen, Portugal und Savoy­en. Hiermit war die Koalition gegen Frankreich zerfallen, und gegen dieses stand einzig noch Österreich im Felde, denn Karl VI. weigerte sich, den Frie­densschluß von Utrecht zu ratifizieren. Doch ohne die Hilfe seiner abtrünnig ge­wordenen Verbündeten lag ein Sieg Österreichs in unerreichbarer Ferne. Auch der an die Spitze der Reichsarmee getretene Prinz Eugen vermochte es im Feldzug des Jahres 1713 nicht zu verhin­dern, daß die Franzosen die Festungen Landau und Freiburg eroberten. Das al­les bewies, wie wenig Sinn eine Fortset­zung des Kampfes für Karl VI. noch hat­te. Eugen und der zum französischen Verhandlungsführer bestimmte Mar­schall Claude-Louis-Hector de Villars trafen am 26. November 1713 im Schloß zu Rastatt zu Verhandlungen zusammen. Diese wurden zwar temporär unterbro­chen, führten jedoch letzten Endes am 7. März 1714 zur Unterzeichnung des Friedens zwischen dem Kaiser und Frankreich. Zwar wurden hier in wesent­lichen Zügen die Bestimmungen des Friedens von Utrecht übernommen, doch konnte Eugen für den Habsburger ein paar Verbesserungen erreichen. So wur­den Karl VI. außer der Lombardei, Nea­pel und Sardinien noch die Spanischen Niederlande zugesprochen. Dies war na­türlich kaum ein Ausgleich dafür, daß Spanien nunmehr bourbonisch gewor­den war, doch die Sicherung und Ver­stärkung der Großmachtstellung Öster­reichs muß Eugens Wirken zugeschrie­ben werden. Übrigens verhandelte Prinz Eugen mit Villars noch einige Zeit in Ba­den in der Schweiz über den Reichsfrie­den, dessen „Instrument“ (so sagte man damals) am 7. September 1714 erneut von den beiden Feldherren unterzeichnet wurde. Gegenüber den Vereinbarungen von Rastatt aber waren die Unterschiede nur von geringer Bedeutung.22

Als Freiwilliger nahm Prinz Eugen im Heer Herzog Karls von Lothringen an der Schlacht am Kahlenberg teil. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistung wird er schon im Dezember 1683 zum Oberst befördert und Kommandeur eines Dragonerregiments. Das Bild zeigt den siegreichen Karl von Lothringen nach der Einnahme der Festung Ofen (dem heutigen Budapest) 1686.

Auf dem Höhepunkt des Ruhmes

So wenig der Wiener Hof mit dem Aus­gang des Spanischen Erbfolgekriegs zu­frieden war, so deutlich war doch Öster­reichs Machtausdehnung durch die ihm zugefallenen Teile von Spaniens Monar­chie. In fast unmittelbarem Anschluß an den Frieden konnte sich das Haus Habs­burg darüber hinaus weitere Gebietsge­winne verschaffen, die keine leicht an­greifbaren Außenposten wie Neapel oder die ehemals Spanischen Niederlande wa­ren, sondern seinen Länderblock in Süd­osteuropa abrundeten. Seit Ende 1714 versuchte das Osmanische Reich, durch Angriffe auf das venezianische Morea ei­ne Revision des Friedens von Karlowitz einzuleiten. Karls VI. Anfang 1716 gefaß­ter Entschluß zur Unterstützung der so von den Osmanen attackierten Republik Venedig ging in erster Linie auf Prinz Eu­gen zurück. Der Savoyer wollte bei die­ser Gelegenheit das Reich der Habsbur­ger im Südosten endgültig stabilisieren und sollte in der Folge den Gipfel seines Ruhmes erklimmen.23

Zuerst brachte der in den Dienst Vene­digs übernommene ehemals sächsische, dann kaiserliche General Graf Schulen­burg die sich über den Peloponnes ergie­ßende Welle der Türken durch eine zähe Verteidigung der Insel Korfu zum Ste­hen.24 Danach griff Eugen, der wieder den Oberbefehl über die kaiserliche Ar­mee übernommen hatte, am 5. August 1716 ein auf Peterwardein vorgerücktes Heer der Türken aus der Festung heraus an. Erneut von der Defensive, in der viele schon eine Niederlage sahen, in die Of­fensive wechselnd, schlug der Prinz mit ca. 80.000 Mann die ca. 150.000 Streiter des Feinds. Von diesen fielen an die 30.000 Mann (worunter sich auch der Großwesir Damat Ali Pascha befand), und gerade einmal 50.000 Mann konnten sich nach Belgrad retten. Kaum zwei Mo­nate vergingen, und Eugen, der sich nach dem Banat gewandt hatte, nötigte das be­festigte Temesvar zur Kapitulation (12. Oktober 1716).25 Den Höhepunkt seines Kriegsruhmes aber erreichte Eugen im Jahr 1717, als er an der Spitze einer von Bayern und anderen Truppen aus dem Reich verstärkten Armee Belgrad bela­gerte. Nachdem er sie östlich der Stadt über die Donau und in den Rücken der Festung geführt hatte, kam er durch das Erscheinen eines türkischen Entsatzhee­res in eine überaus kritische Lage. Denn nun waren mit einem Schlag die Belage­rer die Belagerten und verbrachten die nächsten Wochen in einer Art Kessel un­ter permanentem Beschuß. Wieder be­fand sich Eugen in der Defensive, und wieder sahen viele bereits die Niederlage kommen. Seuchen brachen aus und lie­ßen die miserabel ernährten Soldaten wie die Fliegen sterben. Da die Türken beinahe jeden Transport – ob auf dem Landweg oder auf der Donau – kaperten, drohte eine Hungersnot. Als die Osma­nen dann auch noch auf jener Brücke, die für Eugens Truppen die einzige Rück­zugsgelegenheit aus dem Kessel bildete, vorzurücken begannen, schien der Un­tergang der christlichen Streitmacht vor Belgrad beschlossene Sache zu sein.26

Seinen ersten eigenständigen Sieg als militärischer Befehlshaber errang Prinz Eugen in der Schlacht bei Zenta 1697, bei der die Türken 30.000 Mann verloren (vgl. NO I/2017).

Doch Eugen warf – wie so oft in seiner Karriere – im August 1717 seinen gesam­ten Kriegsplan über den Haufen, indem er eine noch längere Belagerung aufgab und eilends mit den Vorbereitungen für einen Sturmangriff aus dem Lager her­aus begann. Dieser fand in der Nacht auf den 16. August 1717 statt und überrasch­te das türkische Entsatzheer völlig, denn ein Nachtangriff war zu damaliger Zeit etwas gänzlich Neues. Einen bei einset­zender Helligkeit geführten türkischen Gegenangriff auf eine Lücke im Zentrum der Kaiserlichen konnten diese schließ­lich zurückwerfen, so daß sie um ca. 10 Uhr die Schlacht gewonnen hatten. An­gesichts dessen kapitulierte die Besat­zung Belgrads und durfte unter freiem Geleit aus der Stadt abziehen. Die Verlu­ste der Osmanen beliefen sich auf etwa 20.000 Mann und einen großen Vorrat an Kanonen, Munition und Proviant. Un­mittelbar nach dem Belgrader Sieg ent­stand das berühmte Soldatenlied, das den Prinzen Eugen als edlen Ritter feier­te.27

Eugen, der auch vor Belgrad wieder verwundet wurde, hatte zum wiederhol­ten Mal alle seine Stärken ausgespielt. Er war nun der meistverehrte Feldherr Eu­ropas und schrieb mit seinem Sieg wie auch mit den geschickt geführten Ver­handlungen, die am 21. Juli 1718 zum Frieden von Passarowitz führten, wahr­haftig Geschichte. Dieser Friedensver­trag dehnte mit dem Erwerb des in der Folgezeit zum Teil mit deutschen Bauern besiedelten Banats, des nördlichen Teils von Serbien mit Belgrad und der Kleinen Walachei den Habsburgerstaat weit über die Grenzen Ungarns nach Südosten aus.28 Doch es wurde zwischen Öster­reich und dem Osmanischen Reich nicht bloß der politische Vertrag, sondern auch ein Handelsabkommen geschlossen, das den Habsburgern den Balkan tatsächlich öffnete. Dieses Abkommen konnte nur deshalb Wirklichkeit werden, weil Prinz Eugen bei den Verhandlungen immer wieder darauf drängte, nicht „auf über­flüssige und gar zu harte Begehren zu beharren und dadurch den Gegner über­mäßig in Desperation zu bringen“29. Be­reits ein Jahr nach dem Sieg von Belgrad reisten österreichische Kaufleute, denen der türkische Sultan völlige Freiheit des Handels und der Schiffahrt konzediert hatte, in das Osmanische Reich. Eugen hatte bewiesen, daß er auch in Verhand­lungen das am besten beherrschte, was ihn auf dem Schlachtfeld auszeichnete – nämlich im richtigen Moment und ohne unangebrachte Vorbehalte zu agieren.30

Der Friede von Karlowitz 1699 beendete die Türkengefahr und besiegelte Österreichs Aufstieg zu einer Großmacht. Als das Osmanische Reich wieder in die Offensive ging, eilte Österreich 1716 der Republik Venedig zu Hilfe und Prinz Eugen konnte bei Peterwardein einen großen Sieg über das zweimal so starke osmanische Heer erringen. 1717 wurden seine Truppen bei der Belagerung Belgrads von der türkischen Entsatzarmee eingeschlossen, eine Niederlage schien unausweichlich. Durch einen überraschenden Nachtangriff – ein absolutes Novum in dieser Zeit – konnte Prinz Eugen das Blatt jedoch wenden und schließlich Belgrad einnehmen (vgl. NO II/2017). Im folgenden Frieden von Passarowitz erlangte Österreich 1718 seine größte territoriale Ausdehnung – wenngleich nicht für lange Zeit.

Im Spanischen Erbfolgekrieg fügte Prinz Eugen den französischen Truppen gemeinsam mit demHerzog von Marlborough so schwere Verluste bei, dass Ludwig XIV. bereit war, auf die komplettespanische Monarchie zu verzichten und Straßburg an das Reich zurückzugeben. Der BündniswechselEnglands führte jedoch zum Friedensvertrag von Rastatt 1714, aufgrund dessen nur dieöstlichen Teile der Spanischen Monarchie – die Spanischen Niederlande, die Herzogtümer Mailandund Mantua sowie das Königreich Neapel-Sardinien – an Kaiser Karl VI. fielen.

Tragischer Ausklang eines Heldenlebens

Doch auf den militärischen Höhenflug, den Eugen beinahe ganz alleine und oft gegen die Opposition mächtiger Kreise vollzogen hatte, folgte in den Jahren da­nach der erneute Niedergang der kaiser­lichen Armee. Diesen hatte auch der Prinz maßgeblich mit zu verantworten, denn das Ungestüm, mit dem er in sei­nen frühen Jahren in Führungspositio­nen gegen die Defizite der kaiserlichen Armee, Korruption, Vetternwirtschaft und Geldmangel gekämpft hatte, ver­flüchtigte sich in seiner Spätzeit. Als nach dem Sieg von Belgrad eine relativ lange Phase des Friedens herrschte, während der sich die Monarchie gut konsolidieren konnte, wären Reformen leicht möglich gewesen. Und Eugen hätte die Autorität und vor allem die Macht gehabt, sie durchzusetzen. Er hatte die Armee in der Hand und konnte dank der Zentralisie­rung alles von Wien aus steuern. Doch von ihm kam keine wirkliche Initiative mehr, und als es dann zumindest in der Finanzierung der Truppen zu einer Re­form kam, war es Eugens Gleichgültig­keit, die diese Reform nur Stückwerk bleiben ließ. Dazu kam, daß der Prinz niemals herausragende Männer neben sich akzeptiert hatte, sondern nur mittel­mäßige Köpfe. Als er sich aus der Füh­rungsrolle zurückzog, blieben nur diese durchschnittlichen Gestalten übrig – und mit ihnen die nicht weiterentwickelte Ar­mee. Als alter Mann sollte er im Polni­schen Erbfolgekrieg (1733-1735) seine Haltung bitter bereuen, aber da besaß er schon nicht mehr die Kraft, wirklich noch etwas zu verändern.31

Doch noch war es nicht soweit. Bevor wir uns diesem eher tragischen Ausklang seines sonst so erfolgreichen Lebens zu­wenden, blicken wir bei Prinz Eugen kurz auf andere Seiten als die des Feld­herrn und Bauherrn. Er vollzog nämlich Weichenstellungen, die bis heute nach­wirken. So unterstützte er die Vorläufer der Akademie der Wissenschaften, und seine immense Büchersammlung verkör­pert den Grundstock der Österreichi­schen Nationalbibliothek. Als wahrhaft vorbildlich galten seine Hofführung und seine Manier des Umgangs mit Ge­schäfts- und Vertragspartnern; sein Ge­schäftssinn war legendär. Sogar die österreichische Beamtenschaft kann dar­auf verweisen, einen bedeutenden Teil ihrer Wurzeln im Mitarbeiterstab des Prinzen aus Savoyen zu haben. Seine Se­kretäre und deren Arbeitsweise waren ein Vorbild für die Verwaltungsrefor­men, die Maria Theresia und ihre Nach­folger durchführten.32

Offiziell von 1716 bis 1724 Statthalter in den Österreichischen Niederlanden, konnte Eugen in der Außenpolitik nicht mehr ohne die Einmischung anderer handeln. Von Nachteil war für ihn auch, daß sein persönliches Verhältnis zu Kai­ser Karl VI. eher distanziert blieb. Als mit dem Tod Augusts des Starken (1. Februar 1733) der Polnische Erbfolgekrieg aus­brach und zu einem europäischen Krieg ausuferte, hieß Österreichs Hauptgegner – wie so oft – Frankreich. Jetzt stellte sich heraus, daß bei der seit den Türkenkrie­gen so sehr gelobten kaiserlichen Armee aus den genannten Gründen Führung und Truppe nicht mehr auf der einstigen Höhe standen. Prinz Eugen, trotz seiner angegriffenen Gesundheit mit dem Ober­befehl am Rhein betraut, konnte im Jahr 1734 nicht den Fall der Festung Philipps­burg verhindern. Da in Italien der Kriegs­verlauf für die Österreicher noch un­glücklicher war – sie mußten Neapel-Si­zilien und den größten Teil der Lombar­dei räumen –, sah sich der Kaiser ge­zwungen, unmittelbar mit Frankreich über ein ruhmloses Ende dieses Kriegs zu verhandeln.33

Unter dem Einfluß des Eugen feind­lich gesonnenen Johann Christoph von Bartenstein hatte Karl VI. den Savoyer nicht einmal zu Rate gezogen, bevor er den für Österreich beschämenden Wie­ner Präliminarfrieden mit Frankreich schloß (3. Oktober 1735). Schon auf diese Weise bloßgestellt und gedemütigt, wur­de Eugen nach seiner Rückkehr an den Kaiserhof zwar wie stets mit allen Ehren empfangen und übernahm auch wie vor­her alle seine Ämter. Aber von nun an wurde der kurz zuvor noch so Mächtige mit Entscheidungen konfrontiert, die er gar nicht selber getroffen hatte, zu denen er nicht einmal gehört worden war. Was ihm noch blieb, war lediglich die Ausfüh­rung von Anweisungen aus der Feder anderer – wie etwa die Umsetzung des Friedens mit Frankreich. Also gab er die Befehle zur Einstellung der Feindselig­keiten und holte die letzten noch im Fel­de stehenden Einheiten zurück. De facto hatte Prinz Eugen von Savoyen seine Macht verloren und war zu einer Randfi­gur am Wiener Hof geworden. Wenn der Kaiser noch seinen Rat einholte, so pas­sierte das eher aus Höflichkeit als aus dem Grund, daß er sich wirklich dafür interessierte. In Wien hatte eine neue Zeitrechnung begonnen, und die kome­tenhafte Karriere Eugens war an ihrem Ende angelangt.34

Der Ausklang seines Lebens läßt all die Größe und Erhabenheit vermissen, die seine Jahre als siegreicher Feldherr in Eu­ropa gekennzeichnet hatten. Ehrlich er­schüttert von diesem Niedergang, schrieb der Fürst von Liechtenstein nach einem Besuch bei dem vereinsamten al­ten Eugen: „Das war der größte Mensch seines Jahrhunderts, und er wird sterben, vielleicht sehr wenig bedauert von einer Armee, die unter seinen Befehlen so viele Siege errungen hat.“35 Und der Tod – ein lästiger Gast, der, einmal gekommen, nicht mehr geht – ließ nicht sehr lange auf sich warten.Nachdem sich in den ersten Monaten des Jahres 1736 die täglichen Treffen Eu­gens mit Freunden, Beratern und Wür­denträgern primär auf Höflichkeiten be­schränkt hatten, erkrankte er im April an Lungenentzündung. Am 21. April 1736 endete das Leben von Prinz Eugen von Savoyen. Kaiser Karl VI. konnte seine Er­leichterung über den Tod des Prinzen, den er nie besonders gemocht hatte, in seiner Tagebuchnotiz dazu nicht verber­gen. Er schrieb, jetzt „sehe ich alles sich recht einrichten, in besserer Ordnung“.36 Aber der Kaiser sollte sich gewaltig irren: Denn als er 1737, nur ein Jahr nach Eu­gens Tod, als Bundesgenosse Rußlands in einen neuen Krieg gegen die Türkei eintrat, verlief dieser für ihn überaus un­glücklich. Im Frieden von Belgrad 1739 verlor Österreich die 1718 in Passarowitz gewonnenen Gebiete südlich von Donau und Save unter Einschluß Belgrads wie­der an die Türken. Das bedeutete für das habsburgische Imperium einen schweren Verlust an Macht und Prestige, und es machte einen wichtigen Teil der einst­mals von Eugen erkämpften Eroberun­gen zunichte.37 Für den Augenblick war sein Ruhm verblaßt, doch je mehr Jahre ins Land gingen, desto deutlicher traten die außergewöhnlichen Leistungen, die Eugen vollbracht hatte, wieder in das Be­wußtsein der Menschen. Und so blieb bis heute – ungeachtet aller zeitgeistigen Entzauberung von Helden – das Bild vom edlen Ritter, vom großen Feldherrn bestehen.

Deutlich wie kaum sonst wird dies bei Eugens wohl berühmtestem Schüler: Friedrich II. von Preußen. Während des Polnischen Erbfolgekriegs war er im Sommer 1734 als junger Mann in Eugens Feldlager gekommen und hatte dort nur noch einen altgewordenen Helden ange­troffen, der sich ganz unzweifelhaft selbst überlebt hatte „und nur noch ein Schatten seiner selbst, vor allem aber sei­nes übergroßen Ruhmes war“38. Erst ein Vierteljahrhundert danach, auf dem Hö­hepunkt seiner Laufbahn als Heerführer, erinnerte sich Friedrich (jetzt bereits „der Große“) ganz anders an Eugen von Sa­voyen, der mittlerweile zu einer Figur von historischer Größe geworden war. Erst jetzt nannte sich Friedrich selbst den Schüler Eugens und rühmte dessen „Be­lehrungen, Richtlinien und Grundsätze“ als wahrhaft „erleuchtet“ und „unver­geßlich“. Friedrichs Resümee über Eu­gen von Savoyen lautete, „mit einer erha­benen Einsicht in all seine Handlungen, im Kriege und in der Politik verband er überlegene Fähigkeiten, teils die Dinge zu seinem Vorteil zu wenden, teils seine Fehler wiedergutzumachen“.39

 

Anmerkungen

1 Friedrich Schiller, Wallenstein. Ein dra­matisches Gedicht, Bd. I der Taschenbuch­ausgabe: Wallensteins Lager. Die Piccolomini, Stuttgart 1977, S. 71.

2 Konrad Kramar / Georg Mayrhofer, Prinz Eugen. Heros und Neurose, Salzburg 2013.

3 Ebenda, S. 19.

4 Vgl. dazu Peter Roos, Prinz Eugen: Der bittre Ritter. Haudrauf, Millionärmilitär, eu­ropäisches Fabeltier: Vor 350 Jahren kam in Paris der Prinz Eugen zur Welt. Ein Lobge­sang, ein Abgesang, in: DIE ZEIT 43/2013 vom 18. Oktober 2013, URL: www.zeit. de/2013/43/prinz-eugen-350-geburtstag

5 Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 19–21.

6 Ebenda, S. 22–25.

7 Eugen Prinz von Savoyen, in: Deutsche Biographie, URL: www.deutsche-bio­graphie.de/sfz52925.html

8 Ebenda.

9 Ebenda.

10 Zitiert nach: Roos, a.a.O. (Anm. 4).

11 Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 125 f.

12 Ebenda, S. 105 f.

13 Ebenda, S. 106.

14 Eugen Prinz von Savoyen, a.a.O. (Anm. 7).

15 Roos, a.a.O. (Anm. 4).

16 Eugen Prinz von Savoyen, a.a.O. (Anm. 7).

17 Zitiert nach: Golo Mann, Wallenstein. Sein Leben, Frankfurt am Main 1971, S. 364 f.

18 Max Braubach, Vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution (= Gebhardt, Handbuch der Deutschen Ge­schichte, Bd. 10 der Taschenbuchausgabe), Stuttgart 31978, S. 90–93.

19 Ebenda, S. 93 f.

20 Eugen Prinz von Savoyen, a.a.O. (Anm. 7).

21 Braubach, a.a.O. (Anm. 18), S. 95.

22 Ebenda, S. 95–97.

23 Ebenda, S. 101; Eugen Prinz von Savoyen, a.a.O. (Anm. 7).

24 Braubach, a.a.O. (Anm. 18), S. 101.

25 Ebenda.

26 Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 119 f.

27 Ebenda, S. 120–122.

28 Braubach, a.a.O. (Anm. 18), S. 102.

29 Zitiert nach: Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 119.

30 Ebenda.

31 Ebenda, S. 123, 126.

32 Ebenda, S. 11 f.

33 Braubach, a.a.O. (Anm. 18), S. 125 f.

34 Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 230 f.

35 Zitiert nach: ebenda, S. 240.

36 Zitiert nach: ebenda, S. 241.

37 Braubach, a.a.O. (Anm. 18), S. 127.

38 Kramar / Mayrhofer, a.a.O. (Anm. 2), S. 224.

39 Zitiert nach: ebenda, S. 244 f. (Der Na­me des Vertrauten Friedrichs II. wird dort nicht genannt.)

 
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