Bekanntlich werden von verschiedenen Forschern zwischen 700.000 und fast 1,5 Millionen „Russen“ (im weiten Sinne dieses Wortes1) gezählt, die 1941–1945 mit der Waffe in der Hand im Rahmen verschiedener Front- und Polizeieinheiten an deutscher Seite gegen die Sowjetmacht gekämpft haben sollen. Neben diversen Hiwi- (Hilfswilligen-) sowie zahlreichen anderen „Ostbataillonen“, „Einwohnerkampfverbänden“, „Ordnungsdienstlern“, „Hilfswachmannschaften“ usw. sind vor allem die Russische Befreiungsarmee (Russkaja Oswoboditelnaja Armija, ROA) des ehemaligen namhaften Sowjetgenerals A. A. Wlassow sowie die Russische Volksbefreiungsarmee (Russkaja Narodnaja Oswoboditelnaja Armija, RONA) B. V. Kaminskis (die spätere 29. Waffen-Grenadier-SS-Division RONA) bekannt.2 Diese Formationen bestanden jedoch fast ausschließlich aus Sowjetbürgern inklusive ehemaliger Kommunisten (wie z.B. Wlassow und Kaminski) und wurden meistens von ehemaligen Offizieren der roten Sowjetarmee befehligt (obwohl dem ROA-Offizierskorps auch weiße Offiziere angehörten). Sie sind also für uns weniger interessant, da wir uns zum Hauptziel gesetzt haben, die Beteiligung der echten „weißen“ Russen, Veteranen des „Ersten Bürgerkriegs“ 1917–1922, am Kampf gegen den Bolschewismus im II. Weltkrieg zu beschreiben, die ihren Kampf gegen die roten Machthaber nie für beendet hielten, den deutsch-sowjetischen Krieg aus ihrer Sicht als den „Zweiten Bürgerkrieg“ (bzw. als die Fortsetzung des Bürgerkriegs in neuer Form) betrachteten, nie die sowjetische Staatsbürgerschaft besessen, der Sowjetmacht niemals den Soldaten-Treueeid geschworen hatten und daher logischerweise in keinerlei Hinsicht als „Vaterlandsverräter“, „Überläufer“ oder „Fahnenflüchtige“ betrachtet werden konnten und sollten.
Gleich nach Beginn des deutschen Feldzugs im Osten am 22. Juni 1941 erschien eine Gruppe weißer russischer Emigrantenoffiziere mit dem ehemaligen zaristischen General A. W. Schwarz an der Spitze in der russisch-orthodoxen Kirche von Buenos Aires und ersuchte die Priesterschaft, für den Sieg der roten Sowjetarmee über die deutsche Wehrmacht zu beten. Die anfängliche Verblüffung der ganzen Gemeinde, welche aus russischen Emigranten bestand, die alle kommunistenfeindlich gestimmt waren, schlug rasch in helle Empörung um. Wie konnte man nur als wahrhaft russischer Patriot auf die Idee kommen, für den Sieg der Bolschewisten, dieser Todfeinde des historischen Rußland, beten zu wollen und zu glauben, Gott der Allmächtige würde die Waffen dieser offenen Gotteslästerer und Kirchenschänder segnen? Der tiefbetroffene Priester zog sich zuerst an den Altar zurück. Bei seiner Rückkehr erklärte er laut, er werde keinesfalls für den Sieg der bolschewistischen Roten Armee über wen auch immer beten, weil diese Armee der Sowjetmacht diene, die in der russischen Heimat Gotteshäuser zerstöre, Gläubige verfolge und die orthodoxe Kirche drangsaliere. Anderseits erklärte der Priester, er werde sehr wohl für die Seelen gefallener Rotarmisten und roter Kommandeure beten, die dem russisch-orthodoxen Christentum treu geblieben seien. Danach verließ General Schwarz mit seinem Offiziersgefolge demonstrativ das Gotteshaus. Diese Episode aus dem Leben der weißen russischen Emigrantenkolonie in Argentinien verdeutlicht, was mit der gesamten russischen Emigration am Tag der Sonnenwende passierte, da die Truppen NS-Deutschlands und ihrer Verbündeten die Sowjetgrenze überschritten. In seinem Verhalten zum ausgebrochenen deutsch-sowjetischen Krieg spaltete sich das weiße Exilrussentum in drei zahlenmäßig unterschiedliche Gruppen.
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Die erste (und zahlenmäßig stärkste) Gruppe bildeten jene Emigranten, die in diesem von vielen als „Kreuzzug des christlichen Abendlandes gegen den gottlosen Bolschewismus“ und als „Zweiten Bürgerkrieg gegen die Sowjets“ verstandenen oder zumindest dargestellten Krieg die einzige Möglichkeit erblickten, das unterjochte Rußland vom Sowjetregime zu befreien, und die bereit waren, sich um dieses hehren Zieles willen mit jedem Gegner der Sowjets zu verbünden. „Wir paktieren selbst mit dem Teufel, wenn er gegen die Bolschewisten ist!“3 Dieser Spruch des bolschewistenfeindlichen Sozialrevolutionärs B.W. Sawinkow, der später von General Baron P.N. Wrangel wiederholt wurde,4 galt als Motto dieser Gruppe der Unversöhnlichen, deren Kern das Gros der russischen Militäremigration einschließlich der ROWS5- und RNSUW6-Aktivisten bildete. Ihre namhaftesten Vertreter waren die Generale P.N. Krasnow, A.G. Schkuro,7 Graf M.N. Grabbe, Prof. N.N. Golowin, A.A. von Lampe, A.P. Archangelski, A.W. Turkul u.a., die fast alle noch im „ersten“ Bürgerkrieg deutschorientiert oder zumindest deutschfreundlich waren.
Die zweite, zahlenmäßig viel schwächere Gruppe plädierte für den Sieg der Roten Armee über den äußeren Feind, allerdings in der Hoffnung, die im Laufe des Krieges aus sowjetischen zu russischen gewordenen Truppen (der Krieg würde ja nicht mehr als Klassenkrieg um der proletarischen Weltrevolution willen, sondern als russischer Vaterländischer Krieg begriffen werden) nach Kriegsende gegen das kommunistische Regime wenden zu können. Ihr schlossen sich Teile des ROWS und einiger anderer Emigrantenorganisationen an. Die bekannteste Figur dieser Gruppe war der durch seine deutschfeindliche und Entente-freundliche Haltung noch im „ersten russischen Bürgerkrieg“ bekannte ehemalige WSJuR8-Oberbefehlshaber General A. I. Denikin. Er glaubte, das von den sowjetischen Machthabern und Unterdrückern notgedrungen zur Vaterlandsverteidigung aufgerufene russische Volk würde, in den Besitz der Waffen gelangt, das bolschewistische Regime stürzen. Im Unterschied zur zweiten Emigrantengruppe meinte Denikin jedoch, daß – selbst wenn es nicht dazu kommen sollte, selbst wenn das einmütig zum Kampf gegen den äußeren Feind angetretenen Volk Rußlands die Abrechnung mit dem inneren Feind (dem Sowjetregime) auf einen späteren Zeitpunkt verschieben sollte – die Aktivitäten der weißen Emigration trotzdem nicht zugunsten der, sondern gegen die äußeren Feinde Rußlands ausgerichtet bleiben sollten.
Die dritte Emigrantengruppe, die anfangs verschwindend klein war und erst 1943 (nach Stalingrad) zu wachsen begann, um im Frühjahr 1945 ihre Höchststärke zu erreichen, erklärte, jeder Russe sollte als Patriot seines Vaterlandes vorbehaltlos für die Sowjetunion als „das neue Rußland“ Partei ergreifen und sie bis zum Sieg über Hitlerdeutschland mit allen Mitteln unterstützen. Dazu gehörten anfangs ganz wenige weiße Militärs, sondern vornehmlich verschiedene „postrevolutionäre“, „nationalbolschewistische“ und „eurasische“ Splittergruppen, die zwar nichts von Kommunistischer Internationale und proletarischer Weltrevolution hielten, den Sieg der bolschewistischen Revolution jedoch als endgültig und die UdSSR als Rechtsnachfolgerin des russischen Zarenreiches in neuer Form betrachteten.
Die Einstellung zum deutsch-sowjetischen Krieg kam aber nicht der Beteiligung daran gleich. Während die zahlenmäßige Stärke der drei Gruppen sich nur annähernd errechnen läßt, ist die Anzahl russischer Emigranten, die sich auf der deutschen Seite am bewaffneten Kampf beteiligten, wohlbekannt. Die Anzahl der Exilrussen (die sowjetrussischen Überläufer und ehemaligen Kriegsgefangenen nicht mitgerechnet), die in der Wehrmacht, Waffen-SS sowie in diversen antikommunistischen bewaffneten Formationen dienten (allein im Russischen Balkan-Schutzkorps in Serbien waren es über 17.000), übertraf bei weitem die paar Tausend Exilrussen, die in den britischen, französischen, jugoslawischen u.a. Streitkräften dienten bzw. sich antifaschistischen Widerstandsgruppen anschlossen. Dabei sollte man sich auch folgendes merken: Während exilrussische Soldaten der Armeen der Antihitler-Koalition meistens als Bürger ihrer neuen Heimatländer, ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Überzeugungen, zum Pflichtwaffendienst einberufen wurden, wurden in Deutschland sowie in den deutsch besetzten Gebieten wohnhafte russische Emigranten weder zur Wehrmacht noch zur Waffen-SS einberufen, so daß ihre Waffendienst-Entscheidung von äußeren Einflüssen völlig frei und somit ganz bewußt war.
Den Hauptsammelpunkt der weißen russischen Militäremigration, die von Anfang an für die Beteiligung der Exilrussen am Kampf gegen das Sowjetregime plädierte, bildete die 1939 auf der Basis der ROWS-Abteilung 2 gegründete ORWS9 unter General A. A. von Lampe. In seinem Brief an den Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall W. von Brauchitsch, vom 21. Mai 1941, d.h. noch vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, stellte General von Lampe sich und die von ihm geleitete ORWS zur Verfügung des deutschen Oberkommandos und ersuchte für ORWS-Mitglieder, die dazu bereit und physisch in der Lage wären, um die Möglichkeit am Kampf gegen die Sowjets teilzunehmen. Ferner unterstrich der ORWS-Chef seinen Glauben, daß im Ergebnis des von Deutschland geführten Kampfes ein Bündnis zwischen Deutschland und dem nationalen Rußland entstehen werde, welches beiden Nationen zum Segen gereichen und den Frieden in Europa sichern könne. Sofort nach Kriegsbeginn gegen die UdSSR verband sich General von Lampe mit den Chefs der ROWS-Abteilungen 3 (Bulgarien) und 4 (Serbien), denen die meisten Offiziere und Soldaten der ehemaligen weißen Wrangel-Armee angehörten, die sich seiner Entscheidung anschlossen und sich bereiterklärten, ihre Aktivitäten mit ihm zu koordinieren. Gleichzeitig wurde von Lampe buchstäblich mit Briefen überschüttet, die von ORWS-Zweigstellenchefs und -Mitgliedern, aber auch von weißen russischen Soldaten kamen, die vorher keine ORWS-Mitglieder gewesen waren. Sie alle stellten sich dem deutschen Kommando zur Verfügung, um gegen den Sowjetbolschewismus als gemeinsamen Feind Schulter an Schulter mit Freiwilligen aus Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich und anderen Ländern Europas zu kämpfen. Daher erklärte der ORWS-Chef seinen Abteilungschefs, der Verein „sei gewissermaßen mobilisiert“, und forderte sie zum Erhalt ihrer Mitgliedschaft für den späteren Waffendienst unter deutschen Fahnen auf.
Generalfeldmarschall von Brauchitsch gab jedoch keine Antwort. Daher schrieb ihn General von Lampe erneut an. Außerdem richtete er ein Schreiben direkt an Adolf Hitler. Der Führer und Reichskanzler übertrug jedoch die Entscheidung in dieser Frage dem Oberkommando der Wehrmacht. Indessen wurde die Verwendungsmöglichkeit von weißen Exilrussen bereits am 30. Juni 1941 bei einer Besprechung von Vertretern des OKW, des SS-Hauptamtes (SS-HA), des Auswärtigen Amtes und des Außenpolitischen Amtes der NSDAP (APA) erörtert. Dort wurde beschlossen, Angehörige aller europäischen Völker am „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ teilnehmen zu lassen, von Tschechen und „weißen“ Russen jedoch abgesehen. Zur Begründung dieser fatalen Entscheidung wurde auf folgendes hingewiesen: Die meisten Exilrussen hätten 20 Jahre lang keine Kampferfahrung mehr gehabt (von Ausnahmen wie der Teilnahme an Kleinkriegen in China, Mandschukuo10, Nordafrika, Lateinamerika und Spanien abgesehen) und kämen für einen modernen Krieg kaum in Frage. An die Tauglichkeit historisch offensichtlich überholter altzaristischer „Zöpfe“ als antibolschewistische Kampfmultiplikatoren für die Sowjetbevölkerung schien man auch nicht so recht zu glauben. Anderseits würde die Kriegsbeteiligung „reaktionärer“ russischer Emigranten an deutscher Seite der Sowjetpropaganda den Anlaß zur Behauptung geben, die Deutschen würden in Rußland die Zarenmonarchie restaurieren wollen (anfangs war das auch der Fall, selbst der Sowjetdiktator Josef Stalin erklärte in seiner Ansprache zum Kriegsbeginn, die „deutschfaschistischen“ Eindringlinge kämen, um die Macht des Zaren, der Grundbesitzer und Kapitalisten in Rußland wiederherzustellen), was wiederum den Widerstand der Roten Armee verstärken könnte (diese Annahme erwies sich als völlig falsch, doch die Einsicht kam zu spät). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte wohl auch die Befürchtung mancher NS-Führer, die weiße Emigration könnte als Trägerin der zwar antibolschewistischen, jedoch großrussischen Nationalidee nach dem Sieg über den Bolschewismus zum Problem für die Neugestaltung Europas werden. Hinzu kamen auch Befürchtungen anderer deutscher Verbündeter (Finnen, Rumänen, Letten, Esten. Litauer, Georgier, Armenier, Nordkaukasier, Turkmenen, Kosaken) um ihre territoriale Integrität bzw. Unabhängigkeit im Falle der Wiederstellung eines gleichwie gearteten Großrußlands. Und dennoch verspielte Deutschland die einmalige Möglichkeit, rote Russen mit Hilfe weißer Russen zu besiegen.
Am 17. August 1941 erhielt von Lampe Generalfeldmarschall von Brauchitschs Antwortschreiben mit der kurzen Feststellung, die ORWS-Dienstgrade könnten bei der deutschen Wehrmacht zur Zeit keine Verwendung finden. Am gleichen Tag ließ von Lampe in seinem Tagesbefehl Nr. 46 alle ORWS-Dienstgrade wissen, sie seien in ihrer Entscheidung frei, an der Befreiung der Heimat als Übersetzer bei der deutschen Wehrmacht, Postbeamte usw. mitzuwirken. Der Leiter der Russischen Vertrauensstelle in Deutschland, General V.W. Biskupski riet A. A. von Lampe und seinem Anhang, abzuwarten, bis die deutschen Behörden die Notwendigkeit ihres bewaffneten Kampfeinsatzes endlich eingesehen haben würden.
Doch Tausende und Abertausende Exilrussen wollten nicht bloß „abwarten“, sondern den bolschewistischen Erzfeind mit der Waffe in der Hand bekämpfen. Vielen gelang es, an deutscher Seite am Krieg teilzunehmen, vornehmlich als Übersetzer, Fachleute von Bau- und Transportorganisationen bzw. als Umerzieher kriegsgefangener Rotarmisten, aus denen das deutsche Kommando Schutz- und Wachmannschaften sowie Abteilungen zur „Banden“(Partisanen)- Bekämpfung formierte. Für die Ostfrontrekrutierung der Exilrussen waren die Russischen Vertrauensstellen in Deutschland und im (teilweise deutsch besetzten) Frankreich zuständig. Der Chef der letzteren, J.S. Scherebkow, konnte bald gemeinsam mit dem Leiter der ROWS-Abteilung 1, General Prof. N.N. Golowin, über 1500 zum bedingungslosen antibolschewistischen Waffendienst bereite russische Offiziere registrieren. Sofort wurden 200 davon in spezieller, die alte zaristische nachahmender Uniform an die Ostfront geschickt. Das deutsche Frontkommando war mit ihrer Kampfmoral und Disziplin zufrieden und verlieh vielen Tapferkeitsabzeichen. Ab Juni 1942, als nach der erfolgreichen Sommeroffensive der deutsche Sieg über die Sowjets auch ohne Hilfe von Russen sicher zu sein schien, wurde die Abkommandierung weiterer russischer Emigrantenoffiziere an die Ostfront jedoch eingestellt. Auf OKW-Weisung Nr. 46 vom 18. August hin wurde der Fronteinsatz von weißen Emigranten sowie „alten Intelligenzlern“ streng verboten. Die meisten ehemaligen weißen Offiziere wurden von der Front abberufen.
Viele Emigranten, die auf deutscher Seite kämpften, träumten von der Formierung nationaler Verbände, die gleich den weißen Bürgerkriegstruppen 1917–1922 von Antibolschewismus, Vaterlandsliebe, hoher Kampfmoral und vortrefflicher Kampfausbildung geprägt gewesen wären. Trotz Hitlers (vor allem aber Martin Bormanns) Ablehnung solcher Vorhaben konnten mehrere Kampfverbände dieses Formats aufgestellt werden. Dies war allerdings nicht nur der Beharrlichkeit und guten Beziehungen mancher Emigrantenspitzen, sondern auch der Unterstützung solcher Pläne durch hohe deutsche Berufsmilitärs zu verdanken, die es für notwendig hielten, um des Endsieges willen „unbequeme“ Weisungen der politischen NS-Führung zu ignorieren.
Bereits im Juli 1941 wurde auf Weisung des Stabs der Heeresgruppe Mitte die erste Russische Auslands-Lehrabteilung formiert. Ihr Organisator war der Zarengardeoffizier, weißer Bürgerkriegsveteran und Stabschef der ROWS-Unterabteilung Warschau, russischer Stabshauptmann und Sonderführer (K) der deutschen Abwehr B.A. Smyslowsky alias A. Holmston oder auch von Regenau, der bereits in den 1920er Jahren aktiv mit dem deutschen militärischen Abschirmdienst zusammenarbeitete und 1928– 1932 einen Truppenamt-Lehrgang für künftige Generalstabsoffiziere absolvierte. Im Frühjahr 1941 kamen Smyslowsky und General V. A. Trussow, Chef der ROWS-Unterabteilung Warschau, nach Berlin, um mit A. A. von Lampe die künftige Kriegsbeteiligung russischer Emigranten zu besprechen. Dank seiner weitverzweigten Beziehungen vermochte es Smyslowsky, trotz der amtlichen Weigerung deutscher Militärbehörden russische Emigranten in die Wehrmacht einzureihen und mittels Direktverhandlungen mit hohen Generalstabsoffizieren des Heeres die Genehmigung zur Bildung dieser ersten russischen Lehr-Aufklärungsabteilung zu erreichen. Dabei handelte es sich anfangs um ein Aufklärer- und Diversanten-Ausbildungszentrum für Kommandounternehmen im sowjetischen Hinterland. Wichtig war aber, daß es sich bei dieser in Estland aufgestellten Truppe in Bataillonsstärke um die erste nationalrussische Einheit in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges handelte, die nach fast 25jähriger Unterbrechung den bewaffneten Kampf gegen den Bolschewismus für die Befreiung und Wiedergeburt des großen nationalen Rußland wiederaufnehmen konnte, und zwar unter der weißblauroten russischen Nationalflagge des Zarenreiches und der Weißen Garde (im Unterschied zur viel später formierten Russischen Befreiungsarmee12 des früheren Sowjetgenerals A. A. Wlassow, dem Smyslowsky stets mißtraute und kritisch gegenüberstand). Anfänglich bestand das Bataillon nur aus weißen russischen Altemigranten, wurde jedoch rasch durch übergelaufene und auf freien Fuß gesetzte kriegsgefangene Rotarmisten verstärkt. Sie trugen deutsche Uniformen mit dem nationalrussischen weißblauroten Ärmelschild.13
Ende 1942 wurde Smyslowsky zum Oberstleutnant und Chef des Sonderstabs R (Rußland), einer Geheimdienststruktur zur Bekämpfung der Partisanenbewegung mit über 1000 Mitarbeitern, befördert, die organisationsmäßig dem Abwehrstab Wally in Warschau unterstand sowie Haupt-Residenturen in Pskow (Pleskau), Minsk, Kiew und Simferopol unterhielt, die wiederum zu örtlichen Residenturen Kontakte pflegten. Dem Sonderstab R unterstanden ferner zwölf Lehr- und Aufklärungsabteilungen, insgesamt als „Sonderdivision R“ (Mannstärke: 10000) bezeichnet, die für die Banden-(d.h. Partisanen)-Bekämpfung sowie für Kommandounternehmen im sowjetischen Hinterland bestimmt und ausgebildet waren. Außerdem pflegte der Sonderstab R rege Kontakte zu antisowjetischen Kampfgruppen im Hinterland der Roten Armee sowie Guerilla- Abteilungen der antisowjetischen und antipolnischen Ukrainischen Aufständischen-Armee (UPA), aber auch der antisowjetischen und antiukrainischen polnischen Heimatarmee (Armija Krajowa, AK). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten im Sonderstab R Aktivisten der exilrussischen Organisation NTSNP14, auch als „Solidaristen“ bekannt, die sich als „Dritte Macht zwischen Weiß und Rot“ zu profilieren versuchten.
Nach vorübergehender Verhaftung Smyslowskys im Dezember 1943 und der Auflösung seiner Organisationsstrukturen infolge seiner Kontakte zu UPA und AK (die ja auch deutschfeindlich waren) wurde er freigesprochen, zum Kleinkrieg-Organisator im sowjetischen Hinterland und zum Chef des Ostfront- Nachrichtendienstes benannt. Nun konnte der zum Oberst der deutschen Wehrmacht beförderte und mit dem Deutschen Adlerorden ausgezeichnete Smyslowsky die über die ganze Ostfront verstreuten zahlreichen russischen Lehr-und Aufklärungsabteilungen zur Ersten Russischen Nationaldivision, später „Grünen Armee z.b.V.“ und schließlich „Ersten Russischen Nationalarmee (Ersten RNA)“ zusammenfassen, die fortan als reguläre russische Fronttruppe im Bestand der deutschen Wehrmacht zum Einsatz kam.
Alle Erste-RNA-Kommandostellen waren mit weißen Emigranten bzw. ehemaligen Sowjetoffizieren besetzt, die vorher bei den Weißen gedient hatten und ausnahmsweise vor dem Krieg nicht bolschewistischen Repressalien zum Opfer gefallen waren bzw. wieder aus der Haft entlassen wurden: die Obristen Rjasnjanski, Tarassow-Sobolew, Bobrikow, die Oberstleutnants Meßner, Istomin, Kondyrew, Koljubakin u.a.m. Smyslowsky weigerte sich bis zuletzt, sich Wlassow anzuschließen (obwohl dieser ihm den Posten des Stabschefs seiner Streitkräfte anbot), weil ihm Wlassows Programm „zu rot“ war. Vielleicht stand aber hinter Smyslowskys Scheinargumenten sein Hintergrundwissen als alter Geheimdienstler, der das Schicksal Deutschlands und all seiner Verbündeten und Mitstreiter bereits erahnte und folglich für sich und seine Leute nach Rückzugs- und Ausweichmöglichkeiten suchte.
Eine weitere Beteiligungsform russischer weißer Emigranten am Kampf an der Ostfront war die Aufstellung der sogenannten Russischen Nationalen Volksarmee (RNNA)15. Ihr geistiger Vater war der in Berlin wohnhafte russische Emigrant Ingenieur S.N. Iwanow. Vor dem Krieg war Iwanow Vertreter der Allrussischen National-Revolutionären Partei16 des in den USA lebenden weißen Bürgerkriegsveteranen und exilrussischen faschistischen Politikers A A. Wonsjazki in Deutschland. Iwanow alias Graukopf, der sich weitreichender Kontakte zu Wehrmacht- und NSDAP-Spitzen erfreute, bildete eine Initiativgruppe zur Formierung russischer weißer antisowjetischer Truppen im Ostfrontgebiet. Dazu gehörten K.G. Kromiadi alias Sanin (ehem. Offizier der Don-Armee) und I.K. Sacharow alias Lewin (Sohn des Kriegsministers der russischen Bürgerkriegsregierung von Admiral A.W. Koltschak), Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg auf Francos Seite, sowie weitere namhafte weiße Emigranten: I. Jung, W. Ressler (Rößler), Graf G. Lamsdorf, Graf S. Pahlen, Graf A. Woronzow-Daschkow, W. Sobolewski, der Priester Vater Hermogenes (Germogen) Kiwatschuk u.a. Das RNNA-Formierungskonzept bestand im allmählichen Mannstärke-Ausbau im Hinterland bis zur Division, die dann an der Front gegen die Rote Armee eingesetzt und zum massenhaften Überlaufen roter Kommandeure und Rotarmisten auf die „weiße“ Seite führen sollte. Die derart gewachsene RNNA sollte als Basis für eine russische Nationalarmee dienen, die mit deutscher Hilfe (und nicht umgekehrt) Rußland vom Bolschewismus befreien würde.
Ab März 1942 agierte Iwanow-Graukopf im Einvernehmen mit dem Chef der deutschen Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall von Kluge, der ihm die Anwerbung russischer Freiwilliger in deutschen Kriegsgefangenenlagern genehmigte. Auch die Abwehr zeigte am russischen Emigrantenangebot reges Interesse. Der Abwehr-Ansatz war jedoch viel pragmatischer: Neben der Partisanenbekämpfung wurde von der RNNA die Ausbildung von Kommandoeinheiten, Aufklärern, Diversanten sowie einzelner Züge und Kompanien erwartet, die ins sowjetische Hinterland eingeschleust werden sollten, um dort Einheiten der Roten Armee zu zersetzen und zum Überlaufen auf die deutsche Seite zu bewegen. Dafür sorgte der deutsche Abwehr-Verbindungsstab. Den RNNA-Organisatoren mit Hauptquartier in Osintorf bei Orscha wurden mehrere Kriegsgefangenenlager in Borissow, Smolensk, Roslawl und Wjasma zur Verfügung gestellt, wo sie unter Kriegsgefangenen Freiwillige anwarben. Zuerst wählten die Emigranten nur überzeugte Gegner der Sowjetmacht, in erster Linie Opfer bolschewistischer Repressalien, aus. Sehr bald erwiesen sie sich jedoch infolge des Kriegsgefangenen-Wunsches, aus dem Lager zu entkommen, als außerstande, eine derart sorgfältige Auslese fortzusetzen, und nahmen seitdem alle an, die sich freiwillig meldeten. Die nach den Ausbildungsvorschriften der Roten Armee ausgebildeten RNNA-Soldaten waren mit erbeuteten sowjetischen leichten und schweren Waffen (bis hin zu Granatwerfern, Geschützen und Panzerwagen) ausgerüstet. Ihr ganzes Aussehen sollte ihren nationalrussischen Charakter unterstreichen. Sie trugen sowjetische Uniformen, jedoch mit Achselstücken (die in der Roten Armee erst 1943 nach Stalingrad eingeführt wurden) sowie weißblauroten Nationalkokarden und kämpften unter der weißblauroten russischen Zarenflagge (die auch die Flagge der russischen Weißen im und nach dem „Ersten Bürgerkrieg“ war). Die russischen Emigranten in RNNA-Offiziersuniform versuchten, ihren aus ehemaligen Rotarmisten bestehenden Mannschaften mit dem für letztere neuen Konzept des „antibolschewistischen Befreiungskampfes“ vertraut zu machen. Die weißen Offiziere erklärten ihren Soldaten, der RNNA-Auftrag bestehe im „Kampf gegen Bolschewismus und Judentum für den Aufbau eines neuen russischen Staates“. Iwanow betonte in seinen Ansprachen: „Weder Deutsche noch Japaner, sondern wir Russen werden Moskau befreien und unsere Ordnung wieder einführen.“ Noch weiter ging Kromiadi, der im Kreis seiner ehemals sowjetischen Offiziere unterstrich, daß sie eine Zwei-Millionen-Armee aufstellen und mit allen Waffen ausstatten müßten, um nach dem Sturz der Sowjets ggf. auch den durch diesen Krieg geschwächten Deutschen Paroli bieten zu können. Natürlich mußten solche Aussagen die deutschen Behörden bedenklich stimmen. Das besondere Augenmerk der RNNA-Organisatoren galt der Herstellung reger Kontakte zur örtlichen Bevölkerung, die sie mit Nahrungsmitteln, Kleidung usw. sowie bei Landarbeiten unterstützten. Mit Genehmigung General von Schenkendorfs von der Heeresgruppe Mitte begann das RNNA-Kommando mit der Formierung örtlicher Selbstverwaltungsbehörden. In Schklow fungierte z.B. Hauptmann Graf Pahlen als russischer Stadtkommandant. Nachdem dieser jedoch in Anwesenheit von Mitarbeitern im Bürgermeisteramt im Ansturm patriotischer Gefühle Hitlers Bild von der Wand genommen hatte, wurde er nach Paris versetzt.
Ihre Feuertaufe bestand die RNNA im Mai 1942 im Kampf gegen das im Raum Wjasma-Dorogobusch im deutschen Hinterland operierende sowjetische Kavalleriekorps des roten Generals P.A. Below. Im Laufe des Sommers wurden 150 bis 200 Mann starke RNNA-Einheiten zu Kommandounternehmen im Hinterland der Roten Armee sowie zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Anderseits versuchten auch die Sowjets, die RNNA durch die Propaganda eingeschleuster Agenten zu zersetzen.
Das RNNA-Experiment wurde schließlich von hohen deutschen Kommandostellen beendet, weil sie mit den „national orientierten“ Aktivitäten recht autonom handelnder russischer Einheiten unter dem Kommando nationalistischer russischer Offiziere nicht einverstanden waren. Ihre zu kühnen Äußerungen und Handlungen konnten nicht unbemerkt bleiben. Ende August 1942 wurden alle russischen Emigrantenoffiziere abgesetzt und nach Berlin geschickt. Ihre Einheiten wurden von den Deutschen endgültig auf die Partisanenbekämpfung umorientiert und dem deutschen Kommandostab unterstellt. Später dienten Kromiadi, Graf Lamsdorf u. a. trotz aller Bedenken in Wlassows ROA.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich alle von einzelnen weißen Emigranten unternommenen Versuche, an der Ostfront antibolschewistische russische Nationaleinheiten zu bilden, nur als kurzfristige Erscheinungen örtlichen Maßstabs erwiesen.
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Eine viel realere Verwirklichung des Traumes von der Neuformierung antibolschewistischer weißer Truppen an deutscher Seite war das Russische Schutzkorps in Serbien. Der Kriegsbeginn gegen die UdSSR sorgte im russischen Emigrantenmilieu auf ex-jugoslawischem Territorium für einen wahren Aufschwung politischer Aktivitäten unter dem Motto der „baldigen Rückkehr in die Heimat mit der Waffe in der Hand“. Im Sinne dieser allgemeinen Aufbruchstimmung schlug General M. F. Skorodumow, Chef der Russischen Vertrauensstelle in Belgrad, den deutschen Besatzungsbehörden vor, eine Division aus weißen russischen Emigranten für den Einsatz an der Ostfront zu formieren. Er stieß jedoch auf Ablehnung.
Nachdem später im gesamten Ex-Jugoslawien der Partisanenkrieg ausgebrochen war, wandte sich Skorodumow erneut an die deutschen Behörden mit dem Gesuch, eine Art russischen Selbstschutz zu bilden, um dem von roten Tito-Partisanen landesweit entfesselten Terror gegen weiße Emigrantenfamilien Einhalt zu gebieten. Diesmal fand er die Zustimmung der Deutschen und erhielt von ihnen jugoslawische Beutewaffen. Am 12. September 1941 erließ der alte weiße General den Befehl über die Aufstellung eines Russischen Korps und die allgemeine Mobilmachung aller russischen Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 55 Jahren. Der Zweck der Korpsformierung blieb unerwähnt. Der Befehl endete mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe führe ich euch, wenn wir alle einmütig sind, nach Erfüllung unserer Pflicht gegenüber unserem Gastland nach Rußland.“ Das war für die deutschen Behörden etwas zuviel. Bereits am 14. September wurde Skorodumow als Korpskommandeur abgesetzt und von der Gestapo verhaftet. Die Perspektive, das Korps an der Ostfront einzusetzen, erschien den Deutschen als nicht besonders aktuell und politisch zweifelhaft. Sie brauchten jedoch Schutz- und Polizeieinheiten zur Bekämpfung roter Tito-Partisanen. Mit Unterstützung des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen im Südosten wurde das Korps zwar aufgestellt, jedoch in „Russische Schutzgruppe“ umbenannt und verwaltungsmäßig dem Hauptbevollmächtigten für Handel und Industrie in Serbien, Gruppenführer Neuhausen, unterstellt. An Skorodumows Stelle trat der weiße General B.A. S?hteifon, ehemaliger Stabschef von General Kutepows 1. Armeekorps.17 Das Schutzgruppen- Gros bildeten weiße Offiziere, Soldaten und Kosaken von General Baron P.N. Wrangels Russischer Armee, die sich 1921/1922 in Jugoslawien und Bulgarien niedergelassen hatten und vor dem Krieg verschiedenen russischen Kriegervereinen angehörten. In ihrem aufrichtigen Pflichtbewußtsein gegenüber der geknechteten russischen Heimat traten sie freiwillig dem Korps bei, indem sie Familie, Dienststelle, Arbeitsplatz und Besitz verließen. Ehemalige russische Offiziere und Generäle traten dem Korps als einfache Soldaten bei, ohne etwas für sich zu verlangen. In klarem Bewußtsein, wie wenige Erfolgschancen sie hatten, hielten sie es jedoch für ihre Pflicht, selbst diese zu nutzen. Besonders schwer hatten es altgediente und zum Teil an den Folgen ihrer Verletzungen leidende Offiziere, die mangels Führungsstellen gezwungen waren, bestenfalls als Unteroffiziere oder Gefreite zu dienen. Nur 10 % der Korps-Mannstärke bildeten im Exil aufgewachsene russische Jungfreiwillige. Geworben wurde über russische Kriegervereine in vielen Ländern, darunter Bulgarien, das Protektorat Böhmen und Mähren, die Slowakei, das Generalgouvernement18, Frankreich, Griechenland, Italien. Im Großdeutschen Reich war die Freiwilligenwerbung für das Balkan- Korps jedoch verboten.
1941 bis Anfang 1943 trugen Offiziere und Mannschaften der Russischen Schutzgruppe meistens etwas „russifizierte“ jugoslawische Heeresuniformen mit ihrem letzten Dienstgrad in der weißen Armee entsprechenden russischen Achselstücken, die jedoch unter den neuen Bedingungen keine Rolle spielten. Die aktuellen Dienstgrade waren bei Offizieren durch Kragenspiegel, bei den Mannschaften durch Ärmelstreifen markiert. Als Kopfbedeckung dienten Schiffchen und Schirmmützen mit alten „zaristischen“ Kokarden (die auch in den weißen Bürgerkriegsarmeen getragen wurden) sowie tschechoslowakische Stahlhelme mit weißem Georgskreuz. Die gesamte innere Ordnung und Kampfausbildung erfolgte zuerst nach den Ausbildungsvorschriften der russischen Zarenarmee, später (infolge der durch das Erscheinen neuer Waffenarten veränderten Kampftaktik) nach denen der Roten Armee.
Nach der Eingliederung des Russischen Schutzkorps in die deutsche Wehrmacht wurde es deutsch uniformiert und auf Adolf Hitler vereidigt. Trotzdem blieb es bis zum Kriegsende eine russische Truppe unter russischem Kommando. Im Unterschied zu den zahlreichen „Ostbataillonen“ der Wehrmacht besaß kein deutscher Offizier im Russischen Korps disziplinäre bzw. Befehlsgewalt. Nur der am 17. Juni 1944 mit dem deutschen Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern ausgezeichnete Korpskommandeur General Schteifon war unmittelbar dem deutschen Kommando unterstellt. Die Korps-Brigaden und ?Regimenter wurden durch die weißen russischen Generäle W. E. Sborowski, D. P. Drazenko, I. K. Kirijenko, A. N. Tscherepow, W. I. Morosow, weißen russischen Obristen A.I. Rogoschin, B. S. Gesket, B. A. Morosow, A. A. Eichholz, D. W. Schatilow sowie Oberstleutnant D. W. Popow-Kokoulin befehligt. In seinem ganzen internen Leben behielt das Korps den Charakter einer weißen russischen Truppe bei (obwohl seine Regimenter 4 und 5 ab Herbst 1943 fast ausschließlich aus in den deutsch besetzten Sowjetgebieten angeworbenen Freiwilligen bestanden), deren Angehörige bis zuletzt fest daran glaubten, daß es ihnen noch gelingen würde, nach erfolgreicher Balkan-Partisanenbekämpfung an der Ostfront zum Sieg über die rote Sowjetarmee beitragen und an Rußlands Wiedergeburt teilnehmen zu können.
Es war ihnen zwar nicht beschieden, Rußland als Sieger wiederzusehen, die ehemaligen Denikin- und Wrangel-Soldaten erhielten jedoch die lang ersehnte Gelegenheit, ihrem alten Feind, der roten Sowjetarmee, noch einmal auf dem Schlachtfeld zu begegnen. Der jähe Frontwechsel Rumäniens und Bulgariens im August/September 1944 führte dazu, daß die am Pruth und Sereth verlaufende Front innerhalb weniger Tage bis an die Grenzen Ex-Jugoslawiens aufgerollt wurde. Damals erwartete das Gros der deutschen Heeresgruppe in Südost die angloamerikanische Invasion des griechischen Festlands und der Ägäis. So mußte das weiße Russische Schutzkorps, von wenigen deutschen Einheiten verstärkt, den Hauptstoß der anstürmenden sowjetischen und bulgarischen Divisionen auf sich nehmen.
Die mehrfache zahlenmäßige und materialtechnische Überlegenheit der Roten Armee, die Aktivierung roter Tito-Partisanen, der Frontwechsel antikommunistischer serbischer Regierungstruppen sowie monarchistischer Freischärler (Tschetniks) versetzten die über den Balkan verstreuten einzelnen Korps-Bataillone in eine äußerst schwierige Lage. Nichtdestotrotz erwiesen sie sich als nicht nur zu hartnäckiger Verteidigung, sondern auch zu erfolgreichen Gegenangriffen fähig, wie etwa bei Donji Milanovac, wo sie ein ganzes Sowjetregiment in die Flucht schlugen, bei ?a?ak, wo sie eine sowjetische Batterie erbeuteten usw. Besonders schwer hatten es die Korpsbataillone im Grenzgebiet: Drei von ihnen wurden von der Roten Armee eingeschlossen und verloren beim Ausbruch aus dem Kessel 80 % ihrer Mannstärke.
Der Vormarsch der Roten Armee auf dem Balkan führte die Aussichtslosigkeit des weiteren Kampfes auf diesem Kriegsschauplatz deutlich vor Augen. Schteifon beschloß, sein Korps nach Norden zu verlegen. Die Deutschen genehmigten ihm den Abzug des Korps sowie zahlreicher Zivilflüchtlinge unter der Bedingung, daß er zuerst den Rückzug deutscher Truppen aus Griechenland decken müsse und erst danach sein Kampfgebiet verlassen könne. Die Erfüllung dieses Auftrags dauerte bis Kriegsende und führte zu Riesenverlusten. Anfang Mai 1945 zählte das weiße Balkan-Korps nur mehr 4500 Mannschaften und Offiziere (d.h. höchstens ein Viertel seiner gesamten Mannstärke).
Neben dem Russischen Schutzkorps wurde in Belgrad ab März 1942 ein russisches Freiwilligenbataillon aufgestellt, das für die Landung im Raum des sowjetischen Schwarzmeerhafens Noworossijsk bestimmt war. Seine Formierung verlief unter Stabführung des ehemaligen Offiziers des Gesamt-Garderegiments von Denikins weißer Freiwilligenarmee, Hauptmann M.A. Semjonow. Sein Infanteriebataillon zählte 600 Mann. Operativ unterstand es dem Kommando der Wehrmachts-Heeresgruppe auf dem Balkan sowie den Stäben der deutschen Divisionen, die es bei Erfüllung konkreter Kampfaufträge unterstützte. Verwaltungs- und versorgungsmäßig unterstand es jedoch dem SS-Hauptamt. Hauptmann Semjonow selbst hatte den Dienstgrad eines Waffen-SS-Hauptsturmführers und führte als Angehöriger des russischen Ur-Adels ganz offiziell das Prädikat „von“.
In seiner Aufstellungszeit machte das für den Kampfeinsatz in Rußland bestimmte Bataillon Semjonow sogar dem Russischen Schutzkorps Konkurrenz. Beiden weißen russischen Truppen war jedoch letztendlich das gleiche Schicksal beschieden. Wider Erwarten kam es nicht zum Einsatz an der Ostfront. Ab August wurden beide Truppen nur zur Bekämpfung roter Tito-Partisanen in Ex-Jugoslawien eingesetzt. Später wurde von Semjonow auf der Basis seines Bataillons sowie einiger in Deutschland aus sowjetischen Kriegsgefangenen formierten Detachements das russische SS-Freiwilligen-Regiment „Warjag“ („Waräger“)19 aufgestellt.
Das Verhältnis weißer Emigranten zur seit Anfang 1943 entfalteten Russischen Befreiungsbewegung unter Führung des kriegsgefangenen ehemals sowjetischen Generals A.A. Wlassow war bestenfalls ambivalent. Einerseits wurde in Emigrantenkreisen bezüglich der von Wlassow formierten Russischen Befreiungsarmee ROA behauptet, „diese [Wlassows] Truppen sind für uns Russen von immenser Bedeutung“, sie sei „eine gewaltige, gegen unsere Todfeinde, die Bolschewisten, gerichtete Macht“, „je mehr Menschen, die die Bolschewisten hassen, diesen Formationen beitreten, um so besser, weil wir dadurch immer mehr Erfolgschancen haben“ usw. Anderseits waren alte weiße Emigranten sehr dadurch verstimmt, daß die deutschen Behörden „einem Mann20 glauben, der durch 20jährige Kriecherei vor dem Georgier21 dort22 eine glänzende Karriere machte, ohne den Emigranten zu glauben, die in ihrer Masse vorbehaltlos für Deutschland tätig sind“. Über die ROA-Soldaten und -Offiziere wurde geäußert: „All diese Soldaten sind ehemalige Kommunisten, denen man überhaupt nicht vertrauen sollte“, weil sie „nur gegen Stalin, nicht aber gegen das Sowjetregime sind“ und nach dem Sturz des roten Diktators mit deutscher Hilfe „wieder das Sowjetregime verteidigen werden“. Anderseits waren die meisten Wlassow-Offiziere als ehemalige Rote-Armee- Kommandeure gegenüber weißen Emigranten höchst voreingenommen. Sie legten ihnen das starre Festhalten an überholten monarchistischen Überzeugungen sowie die Nichtübereinstimmung ihres militärischen Berufsniveaus mit den modernen Kriegsbedingungen zur Last, da der Krieg nicht mehr durch Heldenmut allein gewonnen werden könne. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten auch psychologische Barrieren: Schließlich hatten viele von Wlassows ehemaligen Sowjetoffizieren im „ersten Bürgerkrieg“ auf roter Seite gekämpft. Nun aber mußten sie an der Seite ihrer früheren Gegner, der Weißen, gegen die Roten kämpfen.
Dabei wurde den weißen Emigranten von Wlassow selbst große Bedeutung zugemessen. Im Unterschied zu vielen seiner Kampfgefährten, die die Emigranten geringschätzig als „Abdampf der Revolution“ abtaten, maß Wlassow, so Oberst Kromiadi, der Emigration im antikommunistischen Kampf die Rolle der Trägerin alter Traditionen, moralischer Werte, kultureller und religiöser Ideen des russischen Volkes, die von den Bolschewisten zertreten wurden, und einer Art Bindeglied zwischen Alt- und Neurußland bei.
Wlassow erklärte den weißen Emigranten: „Im Bürgerkrieg kämpften wir gegeneinander, indem jeder von uns damals für die Wahrheit stritt, wie er sie verstand. Im Ergebnis habt ihr den Krieg verloren und wart gezwungen, die Heimat zu verlassen. Wir, die jenen Krieg gewonnen hatten, gerieten jedoch in eine keinesfalls bessere Lage. Wir wurden von den Kommunisten betrogen, die die Macht ergriffen und eine für uns unerträgliche Diktatur errichteten. Andersrum, sowohl ihr Weißen als auch wir Roten haben jenen Bürgerkrieg gleichermaßen verloren. Laßt uns den alten Zwist vergessen und als versöhnte Brüder, als Kinder der gleichen Mutter Heimat, unser Volk aus seiner Not erlösen“. Allerdings fügte er noch hinzu: „Versteht mich richtig, die Geschichte kennt keinen Rücklauf. Wir kämpfen nicht für die Restauration, nicht für die Rückkehr der alten Ordnung, sondern für die Volksrechte, die durch die Februarrevolution erkämpft, von den Kommunisten jedoch im Oktober23 dem Volk wieder genommen wurden.“
Diese Verherrlichung der Februarrevolution von 1917 entsprach keinesfalls den Vorstellungen und Stimmungen des konservativen Emigrantenteils. Daher verhielten sich die meisten militärischen Emigrantenvereine gegenüber Wlassow abwartend. General V. Biskupski erließ in Übereinstimmung mit Rosenbergs Ministerium für die besetzten Ostgebiete einen Befehl, der den russischen Emigranten jegliche Beteiligung an Wlassows Befreiungsbewegung untersagte, die als „wegen ihrer Sympathien zur Demokratie verdächtig“ bezeichnet wurde.
Erst nachdem die Wlassow-Bewegung mit Himmlers Zustimmung im Herbst 1944 (viel zu spät) reale Formen anzunehmen begann, begann das Emigranteninteresse dafür zuzunehmen. Zwischen verschiedenen weißen Kriegervereinen wie z.B. ROWS und RNSUW entflammte ein regelrechter Wettbewerb um das Recht, die weiße militärische Emigration im von Wlassow gegründeten „Befreiungskomitee der Völker Rußlands“ (KONR) 24 vertreten zu dürfen. Der Sonderkommission zur Erörterung des KONR-Manifestes gehörten u.a. alte Emigranten an, die sich diesem Programmdokument gegenüber recht kritisch verhielten. General Biskupski erklärte, er wolle sich als Monarchist zu diesem Dokument gar nicht äußern. General A.A. von Lampe wollte an Wlassow ein Protestschreiben richten, weil die weißen Kämpfer des Krieges 1917–1920 in Rußland im KONR-Manifest unerwähnt blieben. Nichtdestotrotz mußten viele der „Ewiggestrigen“ zum Zeitpunkt, da die unaufhaltsame Offensive der Roten Armee das Überleben der weißen antibolschewistischen Emigration in Europa in Frage stellte, die mögliche Rolle der Wlassow-Bewegung als reale Macht einsehen, die der herannahenden bolschewistischen Schreckensherrschaft Einhalt gebieten könnte.
General A.A. von Lampe, der seinen ORWS als Kommandokaderreserve für die KONR-Streitkräfte betrachtete, versuchte, die Mannstärke aller Emigranten- Kriegervereine in Europa zu erfassen. Er war jedoch zur Feststellung gezwungen, daß „die Möglichkeit, russische Emigranten auf deutschem Territorium zu verwenden, schwindet“. Anfang Herbst 1944 waren die Kriegervereine auf französischem, bulgarischem, italienischem und griechischem Territorium für von Lampes Organisation verloren. Die Kriegervereine in Ungarn, Polen und der Slowakei wurden evakuiert. Besonders schmerzvoll war der Verlust Bulgariens, von wo nur der Chef der ROWS-Abteilung 3, General Abramow fliehen konnte. Aus irgendeinem Grunde glaubte die russische Emigration in Bulgarien, ihr Gastland (vor allem Südbulgarien) sei vor den Bolschewisten sicher. Nun mußte sie diesen Irrtum teuer bezahlen. In seinem ORWS-Befehl vom 21. Januar 1945 gestattete es General A.A. von Lampe allen Dienstgraden, die willens waren, der Russischen Befreiungsarmee ROA beizutreten, ihn darum schriftlich zu ersuchen, und schrieb als erster das entsprechende Gesuch samt Dienstzeugnis. Auch ROWS-Chef General A.P. Archangelski, die Generäle A.M. Dragomirow, N.N. Golowin und W.W. von Kreiter (Chef der Russischen Vertrauensstelle in Jugoslawien) traten in A.A. von Lampes Fußstapfen der ROA bei. W.W. von Kreiter übergab Wlassow den Schatz, der von General Baron P.N. Wrangel 1920 aus Rußland ausgeführt wurde. General Prof. N.N. Golowin erstellte kurz vor seinem Tod in Paris noch die ROA-Ausbildungsvorschriften.
Die Reibungen zwischen weißen Emigranten und ehemaligen Sowjetbürgern blieben jedoch bestehen. So lehnte ROA-Stabschef General F.I. Truchin das ROA-Aufnahmegesuch des weißen Generals, Kommandeurs der Drozdowski-Division und RNSUW-Chefs A.W. Turkul ab, der ihm „zu reaktionär“ erschien. Turkul mußte in Abstimmung mit dem deutschen Oberkommando einen eigenen Truppenverband formieren (der in verschiedenen Unterlagen mal als „Gruppe Turkul“, mal als „Vierte ROA-Division“ usw. bezeichnet wurde), dessen Kommandostellen fast ausschließlich mit weißen Emigranten besetzt waren. Anderseits wechselte Wlassows General B.S. Permikin von der Ersten ROA-Division (die ihm wohl „zu rot“ war) zu Turkul über.
Anfang Januar 1945 traf sich Wlassow in Berlin mit General Schteifon, der sich bereit erklärte, sein Russisches Schutzkorps den KONR-Streikräften anzuschließen. Wlassows Versuche, das Balkan-Korps nach Deutschland zu verlegen, blieben jedoch ohne Erfolg, weil das OKH keine Ersatztruppen für die Balkanfront mehr hatte. Man begnügte sich mit dem an die Korps-Soldaten gerichteten Befehl, ROA-Schilder mit dem Andreaskreuz am Ärmel zu tragen.
Trotzdem gehörten weiße Emigranten dem Oberkommando der KONR-Streitkräfte sowie Wlassows nächster Umgebung an. Chef seiner Personalkanzlei war Oberst Kromiadi, einer von Wlassows Adjutanten war Oberst Sacharow, sein Offizier z.b.V. Oberleutnant Tomaschewski. ROA-Stabskommandant war eine Zeitlang Oberst Krawtschenko, ROA-Personalabteilungschef Oberst Schokoli, Leiter der Medizinabteilung Prof. Nowikow und Hauptmann Truschnowitsch (Veteran der Stoßdivision Kornilow und NTS-Aktivist).
Als im Februar 1945 eine ROA-Panzerabwehrabteilung an der Ostfront im Raum Küstrin zwecks Besetzung eines sowjetischen Brückenkopfs am linken Oderufer eingesetzt wurde, stand sie unter dem Kommando der weißen Offiziere Oberst Sacharow und Hauptmann Graf Lamsdorf. Die musterhafte Haltung der russischen Kampfgruppe fand beim deutschen Kommando hohe Anerkennung. Alle ROA-Kämpfer wurden dekoriert, vier Offiziere mit dem Eisernen Kreuz. Außerdem erhielt Oberst Sacharow von Reichsführer SS Himmler als Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel eine Ehrenuhr. Nach Abzug der Kampfgruppe aus dem zurückeroberten Gebiet blieben Sacharow und Graf Lamsdorf an der Oderfront mit dem aus Dänemark angekommenen Russischen Grenadierregiment, welches später in die Erste ROA-Division eingegliedert wurde. Ein Regiment dieser Division stand unter dem Kommando des weißen Emigranten Oberstleutnant A.D. Archipow, der seinerzeit neben Sacharow am spanischen Bürgerkrieg auf General Francos Seite in Karlistenmilizen „Requete“ gekämpft. Besonders erfolgreich konnten Wissen und Erfahrungen weißer russischer Emigranten im Rahmen der ROA- bzw. KONR-Luftwaffe verwendet werden. Deren Chef General V.I. Malzew (ehemaliger sowjetischer Luftwaffenoberst und Direktor der Zivilfluggesellschaft „Aeroflot“) ließ sich in Personalfragen ausschließlich von sachlichen Überlegungen leiten, ohne zwischen ehemals sowjetischen Kommandeuren und emigrierten weißen Offizieren zu unterscheiden, die sich trotz aller Ressentiments zum ROA-Dienst entschlossen hatten. Infolgedessen wurden die meisten Dienststellen des ROA-Luftwaffenstabes durch ehemalige weiße Offiziere besetzt (obwohl sie in den ROA-Fronttruppen in der Minderheit waren). Besonders tat sich unter diesen Emigranten eine Gruppe Offiziere hervor, die in der Zwischenkriegszeit in der königlich jugoslawischen Armee und danach im Russischen Schutzkorps gedient hatten: die Obristen Bajdak und Antonow, Oberstleutnant Wassiljew, Major Schebalin, die Leutnants Filatjew, Grischkow, Ljagin, Potozki u.a. Dem ROA-Luftwaffenstab war u.a. das aus Ex-Jugoslawien evakuierte, unter dem Kommando des weißen Generals P.Ch. Popow stehende Erste Russische Kadettenkorps zugeordnet, woraus ein Detachement z.b.V. zwecks Stabewachung gebildet wurde.
Angesichts des unabwendbaren militärischen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches suchten KONR und Wlassows Stab fieberhaft nach Auswegen aus dieser Lage. Es wurden vor allem folgende zwei Lösungen erwogen:
1. Abzug aller KONR-Truppen in den ostmärkischen (d.h. österreichischen) Alpenraum, Vereinigung mit den aus Ex- Jugoslawien abziehenden Russischen Schutzkorps, weißen Kosakentruppen, serbischen und slowenischen antikommunistischen Kräften zwecks Fortsetzung des Kampfes gegen die Roten in der „Alpenfestung“ bis zum bitteren Ende;
2. Versuch, sich mit den tschechischen antikommunistischen Kräften im Protektorat Böhmen und Mähren im Kampf gegen die deutschen Besatzungstruppen zu verbünden, um dafür mehr oder weniger sichere Garantien der Nichtauslieferung von ROA- bzw. KONR-Soldaten an die siegreichen Sowjets zu erlangen.
Für die Verwirklichung der ersten, ehrenhafteren, Lösung reichte die Zeit nicht mehr aus. Die Verwirklichung der zweiten, weniger ehrenhaften, jedoch scheinbar etwas bessere Aussichten bietenden Lösung, und zwar die Teilnahme der 20.000 Mann starken Ersten ROA-Division unter dem Kommando von Generalmajor S.K. Bunjatschenko am tschechischen Prager Aufstand gegen die deutschen Besatzungstruppen, forderte jedoch von der ROA im Endergebnis nur unnütze Opfer, weil die kommunistische Mehrheit des Tschechischen Nationalrates sich von den Wlassow-Soldaten lossagte, sie nicht mehr als Verbündete akzeptierte und sich weigerte, mit ihnen zu verhandeln, nachdem diese ROA-Russen ihre Schuldigkeit getan hatten.25 Wlassow versuchte, zu diplomatischen Vertretungen und zum Alliierten-Kommando Kontakte aufzunehmen, um ihnen die ROA-Kapitulation gegen die Gewährung politischen Asyls anzubieten. Sein Versuch mißlang jedoch. Denn die Angloamerikaner zogen es zum damaligen Zeitpunkt vor, ungeachtet der ideellen und politischen Motive, die Wlassow und seine Soldaten zum Kampf gegen die Sowjets bewogen haben mochten, alle Russen, Kosaken u.a., die so oder so mit den Deutschen zusammenarbeiteten, als Hochverräter zu betrachten, die weder Nachsicht noch Pardon verdienten.
Im Wirrwarr der letzten Kriegstage waren die Befehlshaber einzelner russischer Formationen gezwungen, auf eigenes Risiko zu handeln. Am 18. April 1945 befahl der Befehlshaber der Ersten Russischen Nationalarmee, Generalmajor Smyslowsky, angesichts des allgemeinen Frontenzusammenbruchs und Wirrwarrs seinen Truppen, zur Schweizerischen Grenze zu marschieren. Nach dem Verlust fast der gesamten Mannstärke unterwegs überschritt die Erste RNA-Stabskolonne mit 462 Soldaten und zahlreichen Zivilflüchtlingen einschließlich des russischen Thronverwesers Großfürst Wladimir Kirillowitsch Romanow samt Gefolge in der Nacht zum 3. Mai die Staatsgrenze des Fürstentums Liechtenstein, wo sie dann interniert wurde. Als eine sowjetische Repatriierungskommission am 16. August nach Liechtenstein kam, um die Auslieferung General Smyslowskys und seiner 59 Stabsoffiziere als Kriegsverbrecher zu fordern, wurde ihre Forderung durch das liechtensteinische Parlament abgelehnt. Höchstwahrscheinlich standen hinter Smyslowsky einflußreiche Hintermänner, denen an seinen Erfahrungen und Kenntnissen, vor allem aber an seinem in der UdSSR hinterlassenen Agentennetz gelegen war. Bekanntlich wurde er in der liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz vom US-Geheimdienstchef in Europa, A.W. Dulles, sowie von anderen Westalliierten-Experten besucht. Wie dem auch sei: Die Rettung Smyslowskys und seiner Leute vor der Auslieferung an die Sowjets war wohl nicht dem prinzipienfesten Standpunkt der liechtensteinischen Behörden allein zu verdanken. Im September 1947 erhielten etwa 100 RNA-Veteranen Visa (nach bereits erfolgter Ausreise des russischen Thronverwesers Großfürst Wladimir nach Spanien) und reisten nach Argentinien aus, wo Smyslowsky als Guerilla-Kriegsberater der argentinischen Regierung seine praktischen Erfahrungen verwenden konnte. Erst 1966 kehrte er nach Liechtenstein zurück, wo er 1988 im Alter von 91 Jahren verstarb. Am deutschen Kapitulationstag war das Russische Schutzkorps in Slowenien stationiert. Oberst A.I. Rogoschin, Nachfolger des am 30. April 1945 in Agram (Zagreb) einem Herzanfall erlegenen Generalleutnants Schteifon, erklärte, er werde sich weder der Sowjetarmee noch roten Tito-Partisanen, sondern nur den Briten auf österreichischem Gebiet ergeben. Innerhalb von vier Tagen schlugen sich seine Korpseinheiten einzeln nach Österreich durch, wo sie am 12. Mai im Raum Klagenfurt vor den Briten die Waffen streckten, im Gefangenenlager Kellerberg interniert wurden und dort den „Bund der Dienstgrade des Russischen Korps“26 als Flüchtlingsorganisation gründeten. Nach fünfjähriger Lagerinternierung, die jedoch unvergleichbar besser war als die sowjetische Gulag-Haft im Falle ihrer Auslieferung, konnten die meistern Korpsveteranen nach Argentinien bzw. in die USA ausreisen. Auch dem Gros von General A.W. Turkuls Heeresgruppe blieb die Auslieferung an die Sowjets erspart. Ihr Stab in Salzburg wurde nach dem Einmarsch US-amerikanischer Truppen ins „Büro des Russischen Rot-Kreuz-Komitees“27 unter General Vygrans Vorsitz umwandelt, in dessen Rahmen ein inoffizielles „Komitee Russischer Nichtheimkehrer“28 mit General Turkul an der Spitze tätig war.
Gleichzeitig wurden Zigtausende weiße russische Emigranten, die meistens nie antisowjetischen bewaffneten Formationen angehört hatten, zu „Vaterlandsverrätern“ abgestempelt und in Güterzügen in die Sowjetunion abgeschoben, um schließlich in Stalins Straflagern zu landen. Für die Sowjet-Strafjustiz reichte die Beteiligung am antibolschewistischen Kampf in den Jahren des „ersten Bürgerkriegs“ 1917–1922. Das gleiche Schicksal erwartete auch viele weiße Emigranten, die, von „patriotischer“ Sowjetpropaganda beeinflußt, an die angeblich erfolgte Transformation des Sowjetregimes im national-russischen Sinne glaubten und nach Kriegsende freiwillig in die „russische Heimat“ zurückkehrten. Bestenfalls war ihnen die Verbannung nach Mittelasien, schlimmstenfalls der Tod im Straflager beschieden. Viele mußten, wie General A.I. Denikin, aus Angst vor sowjetischen SMERSch-Geheimdienstagenten, die bis zum Beginn des „Kalten Krieges“ zwischen den ehemaligen Antihitler-Koalitionspartnern ganz Europa auf der Suche nach „immer noch nicht unschädlich gemachten weißen Konterrevolutionären“ durchkämmten, in Übersee die letzte Zuflucht suchen. Nach dem Sieg der Roten auch in China 1949 hörte die weiße russische Militäremigration in der gesamten östlichen Hemisphäre praktisch auf, zu existieren. De facto gehörten die weißen Russen neben NS-Deutschland und dessen Verbündeten zu den Verlierern des Zweiten Weltkrieges, der von ihnen als ihr „Zweiter Bürgerkrieg“ verstanden, geführt und verloren worden war.
1 Inklusive Angehörige der Völker, die seinerzeit Untertanen des russischen Zarenreiches bzw. sowjetische Staatsbürger waren: Ukrainer, Weißrussen, Letten, Litauer, Esten, Tataren, Armenier, Georgier, Aserbaidschaner, Nordkaukasier, Turkmenen usw.), welche im Rahmen eigener Nationaleinheiten gegen die Sowjets kämpften.
2 Nicht minder bekannt sind die an deutscher Seite kämpfenden Kosakenverbände, in erster Linie General H. v. Pannwitzs XV. Kosaken-Kavallerie- Korps, General P.N. Krasnows Kosaken- Feldlager (Kasatschij Stan) u.a., die, vor allem auf der Führungsebene zum beachtlichen Teil aus weißen russischen Emigranten bestanden.
Doch diese Kosaken betrachteten sich trotz ihrer „zaristisch-großrussischen“ Vergangenheit meistens nicht als Russen, sondern als selbständige, von den alten Goten abstammende, mit dem Deutschen Reich verbündete Nation und kämpften nicht für die Befreiung „Großrußlands“ als Nationalstaat in den Grenzen von 1917 von den Sowjets, sondern für den Aufbau ihres eigenen, unabhängigen „kosakischen“ Staates auf den Trümmern der Sowjetunion.
3 Variante: „Wir paktieren selbst mit dem Teufel, wenn er gegen die Sowjets ist!“
4 Die Kritiker dieser Haltung betonten, sie würde dem Versuch gleichkommen, „den Teufel mit Beelzebub auszutreiben“, da die Bolschewisten des Teufels seien und der Teufel ihnen als seinen Handlangern ja nicht Feind sein könne. Freilich änderten derartige Haarspaltereien wenig an der Bereitschaft aufrechter weißer Emigranten, an wessen Seite auch immer gegen die Roten zu kämpfen.
5 Russkij Obschtsche-Woinskij Sojus (Allgemeiner Russischer Kriegerbund).
6 Russkij Nazionalnyj Sojus Utschastnikow Wojny (Russischer Nationaler Kriegsteilnehmerbund).
7 Krasnow und Schkuro drifteten im Laufe des Krieges immer mehr von großrussischen Nationalisten und Monarchisten zu „kosakischen“ Autonomisten.
8 Wooruschonnyje Sily Juga Rossiji (Streitkräfte Südrußlands).
9 Objedinenije Russkich Woinskich Sojusow (Vereinigung Russischer Kriegerverbände).
10 Von Japan in der chinesischen Grenzprovinz Mandschurei errichtetes Klientel- Kaiserreich.
11 1. Russkaja Nazionalnaja Armija.
12 Russkaja Oswoboditelnaja Armija (ROA). Die ROA führte bis Anfang 1945 nicht die nationalrussische Trikolore, sondern die Andreasflagge der nationalrussischen Kriegsmarine mit blauem Andreaskreuz auf weißem Grund sowie entsprechende Armschilder.
13 Häufig mit der Inschrift „Russland“ versehen.
14 Nazionalno-Trudowoj Sojus Nowogo Pokolenija (Nationaler Arbeiterbund der Neuen Generation), später NTS (Narodno- Trudowoj Sojus, d. h. Volks-Arbeiter-Bund).
15 Russkaja Nazionalnaja Narodnaja Armija.
16 Wserossijskaja Nazional-Revoluzionnaja Partija.
17 Interessanterweise entstammte Schteifon, verdienter Bürgerkriegsveteran, Teilnehmer von General L.G. Kornilows „Eisfeldzug” nach Kuban 1918, Kommandant des weißen russischen Heereslagers in Gallipoli 1920/21, hoher ROWS-Funktionär und schließlich Generalleutnant der deutschen Wehrmacht, einer konvertierten jüdischen Familie.
18 Das von den Deutschen besetzte Restpolen.
19 Als Waräger wurden im mittelalterlichen Rußland normannische Wikinger bezeichnet, denen die Großfürstendynastie der Rurikiden entstammte und die zahlreichen russischen Fürsten als Gefolgsleute dienten.
20 General Wlassow.
21 Stalin.
22 In der roten Sowjetarmee.
23 1917.
24 Komitet Oswoboshdenija Narodow Rossii.
25 Interessanterweise weigerte sich Oberst Sacharow, mit Bunjatschenko den Tschechen in Prag gegen die Deutschen zu helfen, und verwies als Grund seines Mißtrauens auf die perfide Auslieferung des Obersten Regenten Rußlands, Admiral A.W. Koltschak (dessen Kriegsminister Sacharows Vater gewesen war) durch tschechische Legionäre an die Roten 1920 in Sibirien. Allerdings diente Bunjatschenko damals, im Unterschied zu Sacharow senior wie Sacharow junior, nicht bei den Weißen, sondern bei den Roten.
26 Sojus Tschinow Russkogo Korpusa.
27 Büro Komiteta Russkogo Krassnogo Kresta.
28 Sojus Russkich Newoswraschtschenzew.