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„Weiße“ Russen an deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg

Zwischen Bolschewistenhaß und Vaterlandsliebe

Von Wolfgang Akunow

Bekanntlich werden von verschiedenen Forschern zwischen 700.000 und fast 1,5 Millionen „Russen“ (im weiten Sinne dieses Wortes1) gezählt, die 1941–1945 mit der Waffe in der Hand im Rahmen verschiedener Front- und Polizeieinheiten an deutscher Seite gegen die Sowjetmacht gekämpft haben sollen. Neben diversen Hiwi- (Hilfswilligen-) sowie zahlreichen anderen „Ost­bataillonen“, „Einwohnerkampfverbänden“, „Ordnungsdienstlern“, „Hilfswachmannschaften“ usw. sind vor allem die Rus­sische Befreiungsarmee (Russkaja Oswoboditelnaja Armija, ROA) des ehemaligen namhaften Sowjetgenerals A. A. Wlassow sowie die Russische Volksbefreiungsarmee (Russkaja Narodnaja Oswoboditelnaja Armija, RONA) B. V. Kaminskis (die spä­tere 29. Waffen-Grenadier-SS-Division RONA) bekannt.2 Diese Formationen bestanden jedoch fast ausschließlich aus So­wjetbürgern inklusive ehemaliger Kommunisten (wie z.B. Wlassow und Kaminski) und wurden meistens von ehemaligen Offizieren der roten Sowjetarmee befehligt (obwohl dem ROA-Offizierskorps auch weiße Offiziere angehörten). Sie sind al­so für uns weniger interessant, da wir uns zum Hauptziel gesetzt haben, die Beteiligung der echten „weißen“ Russen, Vetera­nen des „Ersten Bürgerkriegs“ 1917–1922, am Kampf gegen den Bolschewismus im II. Weltkrieg zu beschreiben, die ihren Kampf gegen die roten Machthaber nie für beendet hielten, den deutsch-sowjetischen Krieg aus ihrer Sicht als den „Zweiten Bürgerkrieg“ (bzw. als die Fortsetzung des Bürgerkriegs in neuer Form) betrachteten, nie die sowjetische Staatsbürgerschaft besessen, der Sowjetmacht niemals den Soldaten-Treueeid geschworen hatten und daher logischerweise in keinerlei Hinsicht als „Vaterlandsverräter“, „Überläufer“ oder „Fahnenflüchtige“ betrachtet werden konnten und sollten.

Gleich nach Beginn des deutschen Feldzugs im Osten am 22. Juni 1941 erschien eine Gruppe weißer russischer Emigrantenoffiziere mit dem ehemaligen zaristischen General A. W. Schwarz an der Spitze in der russisch-orthodoxen Kirche von Buenos Aires und ersuchte die Priesterschaft, für den Sieg der roten Sowjetarmee über die deutsche Wehr­macht zu beten. Die anfängliche Verblüf­fung der ganzen Gemeinde, welche aus russischen Emigranten bestand, die alle kommunistenfeindlich gestimmt waren, schlug rasch in helle Empörung um. Wie konnte man nur als wahrhaft russischer Patriot auf die Idee kommen, für den Sieg der Bolschewisten, dieser Todfeinde des historischen Rußland, beten zu wol­len und zu glauben, Gott der Allmächti­ge würde die Waffen dieser offenen Got­teslästerer und Kirchenschänder segnen? Der tiefbetroffene Priester zog sich zuerst an den Altar zurück. Bei seiner Rückkehr erklärte er laut, er werde keinesfalls für den Sieg der bolschewistischen Roten Armee über wen auch immer beten, weil diese Armee der Sowjetmacht diene, die in der russischen Heimat Gotteshäuser zerstöre, Gläubige verfolge und die or­thodoxe Kirche drangsaliere. Anderseits erklärte der Priester, er werde sehr wohl für die Seelen gefallener Rotarmisten und roter Kommandeure beten, die dem russisch-orthodoxen Christentum treu geblieben seien. Danach verließ General Schwarz mit seinem Offiziersgefolge de­monstrativ das Gotteshaus. Diese Episode aus dem Leben der wei­ßen russischen Emigrantenkolonie in Ar­gentinien verdeutlicht, was mit der ge­samten russischen Emigration am Tag der Sonnenwende passierte, da die Trup­pen NS-Deutschlands und ihrer Verbün­deten die Sowjetgrenze überschritten. In seinem Verhalten zum ausgebrochenen deutsch-sowjetischen Krieg spaltete sich das weiße Exilrussentum in drei zahlen­mäßig unterschiedliche Gruppen.

Forscher schätzen, daß zwischen 700.000 und fast 1,5 Mio. Sowjetbürger mit der Waffe in der Hand an deutscher Seite gegen den Bolschewismus gekämpft haben. – Einzug der Deutschen Wehrmacht in einem sowjetischen Dorf und in einer sowjetischen Stadt.
General Alexei Alexejewitsch von Lampe, der Führer der russischen Militäremigration, stellte sich und die von ihm geleitete Vereinigung russischer Kriegerverbände (ORWS) in persönlichen Briefen an Adolf Hitler und Generalfeldmarschall von Brauchitsch zur Verfügung des deutschen Oberkommandos und ersuchte um die Möglichkeit, am Kampf gegen die Sowjetunion teilzunehmen. Sein Hilfsangebot wurde jedoch abgewiesen. Nach dem Krieg führte von Lampe erneut von Paris aus den ROWS bis zu seinem Tod 1967.
Antikommunistisches weißrussisches Propaganda-Plakat aus den 1930er Jahren. Rußlands Wiedergeburt wird mit der Auferstehung Christi verbunden.
Alexejewitsch Graf Smyslowsky konnte schon 1941 in Estland ein anfangs nur aus Altemigranten bestehendes Bataillon aufstellen, das rasch durch übergelaufene oder kriegsgefangene Rotarmisten verstärkt wurde. Aufgrund von Smyslowskys Kontakten zur (deutschfeindlichen) Polnischen Heimatarmee und zur Ukrainischen Aufständischen Armee UPA wurde sein Bataillon jedoch aufgelöst und Smylowsky (vorübergehend) verhaftet. Später wurde er zum Oberst der Deutschen Wehrmacht befördert und konnte die „Erste Russische Nationalarmee“ aufstellen, die im Rahmen der Deutschen Wehrmacht zum Einsatz kam. Im April 1945 gelang es Smyslowsky, mit 462 Soldaten und zahlreichen Zivilflüchtlingen einschließlich des russischen Thronverwesers Großfürst Wladimir Kirillowitsch Romanow die Grenze des Fürstentums Liechtenstein zu überschreiten, das die Auslieferung Graf Smys¬lowskys und seiner Leute an die Sowjetunion ablehnte. Smyslowsky beriet später die argentinische Regierung Peron und starb 1988 in Vaduz.

Drei Gruppen weißer russischer Emigranten

Die erste (und zahlenmäßig stärkste) Gruppe bildeten jene Emigranten, die in diesem von vielen als „Kreuzzug des christlichen Abendlandes gegen den gottlosen Bolschewismus“ und als „Zweiten Bürgerkrieg gegen die So­wjets“ verstandenen oder zumindest dargestellten Krieg die einzige Möglich­keit erblickten, das unterjochte Rußland vom Sowjetregime zu befreien, und die bereit waren, sich um dieses hehren Zie­les willen mit jedem Gegner der Sowjets zu verbünden. „Wir paktieren selbst mit dem Teufel, wenn er gegen die Bolsche­wisten ist!“3 Dieser Spruch des bolsche­wistenfeindlichen Sozialrevolutionärs B.W. Sawinkow, der später von General Baron P.N. Wrangel wiederholt wurde,4 galt als Motto dieser Gruppe der Unver­söhnlichen, deren Kern das Gros der rus­sischen Militäremigration einschließlich der ROWS5- und RNSUW6-Aktivisten bildete. Ihre namhaftesten Vertreter wa­ren die Generale P.N. Krasnow, A.G. Schkuro,7 Graf M.N. Grabbe, Prof. N.N. Golowin, A.A. von Lampe, A.P. Archan­gelski, A.W. Turkul u.a., die fast alle noch im „ersten“ Bürgerkrieg deutschorien­tiert oder zumindest deutschfreundlich waren.

Die zweite, zahlenmäßig viel schwä­chere Gruppe plädierte für den Sieg der Roten Armee über den äußeren Feind, allerdings in der Hoffnung, die im Laufe des Krieges aus sowjetischen zu russi­schen gewordenen Truppen (der Krieg würde ja nicht mehr als Klassenkrieg um der proletarischen Weltrevolution willen, sondern als russischer Vaterländischer Krieg begriffen werden) nach Kriegsende gegen das kommunistische Regime wen­den zu können. Ihr schlossen sich Teile des ROWS und einiger anderer Emigran­tenorganisationen an. Die bekannteste Figur dieser Gruppe war der durch seine deutschfeindliche und Entente-freundli­che Haltung noch im „ersten russischen Bürgerkrieg“ bekannte ehemalige WS­JuR8-Oberbefehlshaber General A. I. De­nikin. Er glaubte, das von den sowjeti­schen Machthabern und Unterdrückern notgedrungen zur Vaterlandsverteidi­gung aufgerufene russische Volk würde, in den Besitz der Waffen gelangt, das bol­schewistische Regime stürzen. Im Unter­schied zur zweiten Emigrantengruppe meinte Denikin jedoch, daß – selbst wenn es nicht dazu kommen sollte, selbst wenn das einmütig zum Kampf gegen den äu­ßeren Feind angetretenen Volk Rußlands die Abrechnung mit dem inneren Feind (dem Sowjetregime) auf einen späteren Zeitpunkt verschieben sollte – die Aktivi­täten der weißen Emigration trotzdem nicht zugunsten der, sondern gegen die äußeren Feinde Rußlands ausgerichtet bleiben sollten.

Die dritte Emigrantengruppe, die an­fangs verschwindend klein war und erst 1943 (nach Stalingrad) zu wachsen be­gann, um im Frühjahr 1945 ihre Höchst­stärke zu erreichen, erklärte, jeder Russe sollte als Patriot seines Vaterlandes vor­behaltlos für die Sowjetunion als „das neue Rußland“ Partei ergreifen und sie bis zum Sieg über Hitlerdeutschland mit allen Mitteln unterstützen. Dazu gehör­ten anfangs ganz wenige weiße Militärs, sondern vornehmlich verschiedene „postrevolutionäre“, „nationalbolsche­wistische“ und „eurasische“ Splitter­gruppen, die zwar nichts von Kommuni­stischer Internationale und proletarischer Weltrevolution hielten, den Sieg der bol­schewistischen Revolution jedoch als endgültig und die UdSSR als Rechts­nachfolgerin des russischen Zarenreiches in neuer Form betrachteten.

Die Einstellung zum deutsch-sowjeti­schen Krieg kam aber nicht der Beteili­gung daran gleich. Während die zahlen­mäßige Stärke der drei Gruppen sich nur annähernd errechnen läßt, ist die Anzahl russischer Emigranten, die sich auf der deutschen Seite am bewaffneten Kampf beteiligten, wohlbekannt. Die Anzahl der Exilrussen (die sowjetrussischen Über­läufer und ehemaligen Kriegsgefange­nen nicht mitgerechnet), die in der Wehr­macht, Waffen-SS sowie in diversen anti­kommunistischen bewaffneten Forma­tionen dienten (allein im Russischen Bal­kan-Schutzkorps in Serbien waren es über 17.000), übertraf bei weitem die paar Tausend Exilrussen, die in den briti­schen, französischen, jugoslawischen u.a. Streitkräften dienten bzw. sich antifa­schistischen Widerstandsgruppen an­schlossen. Dabei sollte man sich auch fol­gendes merken: Während exilrussische Soldaten der Armeen der Antihitler-Ko­alition meistens als Bürger ihrer neuen Heimatländer, ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Überzeugungen, zum Pflichtwaffendienst einberufen wurden, wurden in Deutschland sowie in den deutsch besetzten Gebieten wohnhafte russische Emigranten weder zur Wehr­macht noch zur Waffen-SS einberufen, so daß ihre Waffendienst-Entscheidung von äußeren Einflüssen völlig frei und somit ganz bewußt war.

Von den Deutschen verschmähte Verbündete

Den Hauptsammelpunkt der weißen rus­sischen Militäremigration, die von An­fang an für die Beteiligung der Exilrus­sen am Kampf gegen das Sowjetregime plädierte, bildete die 1939 auf der Basis der ROWS-Abteilung 2 gegründete ORWS9 unter General A. A. von Lampe. In seinem Brief an den Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall W. von Brauchitsch, vom 21. Mai 1941, d.h. noch vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, stellte General von Lampe sich und die von ihm geleitete ORWS zur Ver­fügung des deutschen Oberkommandos und ersuchte für ORWS-Mitglieder, die dazu bereit und physisch in der Lage wä­ren, um die Möglichkeit am Kampf ge­gen die Sowjets teilzunehmen. Ferner unterstrich der ORWS-Chef seinen Glau­ben, daß im Ergebnis des von Deutsch­land geführten Kampfes ein Bündnis zwischen Deutschland und dem nationa­len Rußland entstehen werde, welches beiden Nationen zum Segen gereichen und den Frieden in Europa sichern kön­ne. Sofort nach Kriegsbeginn gegen die UdSSR verband sich General von Lampe mit den Chefs der ROWS-Abteilungen 3 (Bulgarien) und 4 (Serbien), denen die meisten Offiziere und Soldaten der ehe­maligen weißen Wrangel-Armee ange­hörten, die sich seiner Entscheidung an­schlossen und sich bereiterklärten, ihre Aktivitäten mit ihm zu koordinieren. Gleichzeitig wurde von Lampe buch­stäblich mit Briefen überschüttet, die von ORWS-Zweigstellenchefs und -Mitglie­dern, aber auch von weißen russischen Soldaten kamen, die vorher keine ORWS-Mitglieder gewesen waren. Sie alle stell­ten sich dem deutschen Kommando zur Verfügung, um gegen den Sowjetbol­schewismus als gemeinsamen Feind Schulter an Schulter mit Freiwilligen aus Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich und anderen Ländern Europas zu kämp­fen. Daher erklärte der ORWS-Chef sei­nen Abteilungschefs, der Verein „sei ge­wissermaßen mobilisiert“, und forderte sie zum Erhalt ihrer Mitgliedschaft für den späteren Waffendienst unter deut­schen Fahnen auf.

Generalfeldmarschall von Brauchitsch gab jedoch keine Antwort. Daher schrieb ihn General von Lampe erneut an. Au­ßerdem richtete er ein Schreiben direkt an Adolf Hitler. Der Führer und Reichs­kanzler übertrug jedoch die Entschei­dung in dieser Frage dem Oberkomman­do der Wehrmacht. Indessen wurde die Verwendungsmöglichkeit von weißen Exilrussen bereits am 30. Juni 1941 bei ei­ner Besprechung von Vertretern des OKW, des SS-Hauptamtes (SS-HA), des Auswärtigen Amtes und des Außenpoli­tischen Amtes der NSDAP (APA) erör­tert. Dort wurde beschlossen, Angehöri­ge aller europäischen Völker am „Kreuz­zug gegen den Bolschewismus“ teilneh­men zu lassen, von Tschechen und „wei­ßen“ Russen jedoch abgesehen. Zur Be­gründung dieser fatalen Entscheidung wurde auf folgendes hingewiesen: Die meisten Exilrussen hätten 20 Jahre lang keine Kampferfahrung mehr gehabt (von Ausnahmen wie der Teilnahme an Klein­kriegen in China, Mandschukuo10, Nor­dafrika, Lateinamerika und Spanien ab­gesehen) und kämen für einen modernen Krieg kaum in Frage. An die Tauglichkeit historisch offensichtlich überholter altza­ristischer „Zöpfe“ als antibolschewisti­sche Kampfmultiplikatoren für die So­wjetbevölkerung schien man auch nicht so recht zu glauben. Anderseits würde die Kriegsbeteiligung „reaktionärer“ rus­sischer Emigranten an deutscher Seite der Sowjetpropaganda den Anlaß zur Behauptung geben, die Deutschen wür­den in Rußland die Zarenmonarchie re­staurieren wollen (anfangs war das auch der Fall, selbst der Sowjetdiktator Josef Stalin erklärte in seiner Ansprache zum Kriegsbeginn, die „deutschfaschisti­schen“ Eindringlinge kämen, um die Macht des Zaren, der Grundbesitzer und Kapitalisten in Rußland wiederherzu­stellen), was wiederum den Widerstand der Roten Armee verstärken könnte (die­se Annahme erwies sich als völlig falsch, doch die Einsicht kam zu spät). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte wohl auch die Befürchtung mancher NS-Führer, die weiße Emigration könnte als Trägerin der zwar antibolschewistischen, jedoch großrussischen Nationalidee nach dem Sieg über den Bolschewismus zum Problem für die Neugestaltung Europas werden. Hinzu kamen auch Befürchtun­gen anderer deutscher Verbündeter (Fin­nen, Rumänen, Letten, Esten. Litauer, Georgier, Armenier, Nord­kaukasier, Turkmenen, Kosa­ken) um ihre territoriale Inte­grität bzw. Unabhängigkeit im Falle der Wiederstellung eines gleichwie gearteten Großrußlands. Und dennoch verspielte Deutschland die einmalige Möglichkeit, rote Russen mit Hilfe weißer Rus­sen zu besiegen.

Am 17. August 1941 erhielt von Lampe Generalfeldmar­schall von Brauchitschs Ant­wortschreiben mit der kur­zen Feststellung, die ORWS-Dienstgrade könnten bei der deutschen Wehrmacht zur Zeit keine Verwendung fin­den. Am gleichen Tag ließ von Lampe in seinem Tages­befehl Nr. 46 alle ORWS-Dienstgrade wissen, sie seien in ihrer Entscheidung frei, an der Befreiung der Heimat als Übersetzer bei der deutschen Wehrmacht, Postbeamte usw. mitzuwirken. Der Lei­ter der Russischen Vertrau­ensstelle in Deutschland, Ge­neral V.W. Biskupski riet A. A. von Lampe und seinem Anhang, abzuwarten, bis die deutschen Behörden die Notwendigkeit ihres be­waffneten Kampfeinsatzes endlich einge­sehen haben würden.

Doch Tausende und Abertausende Exilrussen wollten nicht bloß „abwar­ten“, sondern den bolschewistischen Erz­feind mit der Waffe in der Hand bekämp­fen. Vielen gelang es, an deutscher Seite am Krieg teilzunehmen, vornehmlich als Übersetzer, Fachleute von Bau- und Transportorganisationen bzw. als Umer­zieher kriegsgefangener Rotarmisten, aus denen das deutsche Kommando Schutz- und Wachmannschaften sowie Abteilungen zur „Banden“(Partisanen)- Bekämpfung formierte. Für die Ostfron­trekrutierung der Exilrussen waren die Russischen Vertrauensstellen in Deutsch­land und im (teilweise deutsch besetz­ten) Frankreich zuständig. Der Chef der letzteren, J.S. Scherebkow, konnte bald gemeinsam mit dem Leiter der ROWS-Abteilung 1, General Prof. N.N. Golo­win, über 1500 zum bedingungslosen an­tibolschewistischen Waffendienst bereite russische Offiziere registrieren. Sofort wurden 200 davon in spezieller, die alte zaristische nachahmender Uniform an die Ostfront geschickt. Das deutsche Frontkommando war mit ihrer Kampf­moral und Disziplin zufrieden und ver­lieh vielen Tapferkeitsabzeichen. Ab Juni 1942, als nach der erfolgreichen Som­meroffensive der deutsche Sieg über die Sowjets auch ohne Hilfe von Russen si­cher zu sein schien, wurde die Abkom­mandierung weiterer russischer Emi­grantenoffiziere an die Ostfront jedoch eingestellt. Auf OKW-Weisung Nr. 46 vom 18. August hin wurde der Frontein­satz von weißen Emigranten sowie „al­ten Intelligenzlern“ streng verboten. Die meisten ehemaligen weißen Offiziere wurden von der Front abberufen.

Viele Emigranten, die auf deutscher Seite kämpften, träumten von der For­mierung nationaler Verbände, die gleich den weißen Bürgerkriegstruppen 1917–1922 von Antibolschewismus, Vater­landsliebe, hoher Kampfmoral und vor­trefflicher Kampfausbildung geprägt ge­wesen wären. Trotz Hitlers (vor allem aber Martin Bormanns) Ablehnung sol­cher Vorhaben konnten mehrere Kampf­verbände dieses Formats aufgestellt wer­den. Dies war allerdings nicht nur der Beharrlichkeit und guten Beziehungen mancher Emigrantenspitzen, sondern auch der Unterstützung solcher Pläne durch hohe deutsche Berufsmilitärs zu verdanken, die es für notwendig hielten, um des Endsieges willen „unbequeme“ Weisungen der politischen NS-Führung zu ignorieren.

Smyslowskys Erste Russische Nationalarmee11

Bereits im Juli 1941 wurde auf Weisung des Stabs der Heeresgruppe Mitte die er­ste Russische Auslands-Lehrabteilung formiert. Ihr Organisator war der Zaren­gardeoffizier, weißer Bürgerkriegsvete­ran und Stabschef der ROWS-Unterabtei­lung Warschau, russischer Stabshaupt­mann und Sonderführer (K) der deut­schen Abwehr B.A. Smyslowsky alias A. Holmston oder auch von Regenau, der bereits in den 1920er Jahren aktiv mit dem deutschen militärischen Abschirm­dienst zusammenarbeitete und 1928– 1932 einen Truppenamt-Lehrgang für künftige Generalstabsoffiziere absolvier­te. Im Frühjahr 1941 kamen Smyslowsky und General V. A. Trussow, Chef der ROWS-Unterabteilung Warschau, nach Berlin, um mit A. A. von Lampe die künf­tige Kriegsbeteiligung russischer Emi­granten zu besprechen. Dank seiner weitverzweigten Beziehungen vermoch­te es Smyslowsky, trotz der amtlichen Weigerung deutscher Militärbehörden russische Emigranten in die Wehrmacht einzureihen und mittels Direktverhand­lungen mit hohen Generalstabsoffizieren des Heeres die Genehmigung zur Bil­dung dieser ersten russischen Lehr-Auf­klärungsabteilung zu erreichen. Dabei handelte es sich anfangs um ein Aufklä­rer- und Diversanten-Ausbildungszen­trum für Kommandounternehmen im sowjetischen Hinterland. Wichtig war aber, daß es sich bei dieser in Estland aufgestellten Truppe in Bataillonsstärke um die erste nationalrussische Einheit in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges handelte, die nach fast 25jähriger Unter­brechung den bewaffneten Kampf gegen den Bolschewismus für die Befreiung und Wiedergeburt des großen nationalen Rußland wiederaufnehmen konnte, und zwar unter der weißblauroten russischen Nationalflagge des Zarenreiches und der Weißen Garde (im Unterschied zur viel später formierten Russischen Befreiungs­armee12 des früheren Sowjetgenerals A. A. Wlassow, dem Smyslowsky stets mißtraute und kritisch gegenüberstand). Anfänglich bestand das Bataillon nur aus weißen russischen Altemigranten, wurde jedoch rasch durch übergelaufene und auf freien Fuß gesetzte kriegsgefangene Rotarmisten verstärkt. Sie trugen deut­sche Uniformen mit dem nationalrussi­schen weißblauroten Ärmelschild.13

Ende 1942 wurde Smyslowsky zum Oberstleutnant und Chef des Sonder­stabs R (Rußland), einer Geheimdienst­struktur zur Bekämpfung der Partisa­nenbewegung mit über 1000 Mitarbei­tern, befördert, die organisationsmäßig dem Abwehrstab Wally in Warschau un­terstand sowie Haupt-Residenturen in Pskow (Pleskau), Minsk, Kiew und Sim­feropol unterhielt, die wiederum zu örtli­chen Residenturen Kontakte pflegten. Dem Sonderstab R unterstanden ferner zwölf Lehr- und Aufklärungsabteilun­gen, insgesamt als „Sonderdivision R“ (Mannstärke: 10000) bezeichnet, die für die Banden-(d.h. Partisanen)-Bekämp­fung sowie für Kommandounternehmen im sowjetischen Hinterland bestimmt und ausgebildet waren. Außerdem pfleg­te der Sonderstab R rege Kontakte zu an­tisowjetischen Kampfgruppen im Hin­terland der Roten Armee sowie Guerilla- Abteilungen der antisowjetischen und antipolnischen Ukrainischen Aufständi­schen-Armee (UPA), aber auch der anti­sowjetischen und antiukrainischen pol­nischen Heimatarmee (Armija Krajowa, AK). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten im Sonderstab R Aktivisten der exilrussischen Organisation NTSNP14, auch als „Solidaristen“ bekannt, die sich als „Dritte Macht zwischen Weiß und Rot“ zu profilieren versuchten.

Nach vorübergehender Verhaftung Smyslowskys im Dezember 1943 und der Auflösung seiner Organisationsstruktu­ren infolge seiner Kontakte zu UPA und AK (die ja auch deutschfeindlich waren) wurde er freigesprochen, zum Klein­krieg-Organisator im sowjetischen Hin­terland und zum Chef des Ostfront- Nachrichtendienstes benannt. Nun konnte der zum Oberst der deutschen Wehrmacht beförderte und mit dem Deutschen Adlerorden ausgezeichnete Smyslowsky die über die ganze Ostfront verstreuten zahlreichen russischen Lehr-und Aufklärungsabteilungen zur Ersten Russischen Nationaldivision, später „Grünen Armee z.b.V.“ und schließlich „Ersten Russischen Nationalarmee (Er­sten RNA)“ zusammenfassen, die fortan als reguläre russische Fronttruppe im Be­stand der deutschen Wehrmacht zum Einsatz kam.

Alle Erste-RNA-Kommandostellen waren mit weißen Emigranten bzw. ehe­maligen Sowjetoffizieren besetzt, die vorher bei den Weißen gedient hatten und ausnahmsweise vor dem Krieg nicht bolschewistischen Repressalien zum Op­fer gefallen waren bzw. wieder aus der Haft entlassen wurden: die Obristen Rjasnjanski, Tarassow-Sobolew, Bobri­kow, die Oberstleutnants Meßner, Isto­min, Kondyrew, Koljubakin u.a.m. Smyslowsky weigerte sich bis zuletzt, sich Wlassow anzuschließen (obwohl dieser ihm den Posten des Stabschefs sei­ner Streitkräfte anbot), weil ihm Wlas­sows Programm „zu rot“ war. Vielleicht stand aber hinter Smyslowskys Scheinar­gumenten sein Hintergrundwissen als alter Geheimdienstler, der das Schicksal Deutschlands und all seiner Verbünde­ten und Mitstreiter bereits erahnte und folglich für sich und seine Leute nach Rückzugs- und Ausweichmöglichkeiten suchte.

Russische Nationale Volksarmee

Eine weitere Beteiligungsform russischer weißer Emigranten am Kampf an der Ostfront war die Aufstellung der soge­nannten Russischen Nationalen Volksar­mee (RNNA)15. Ihr geistiger Vater war der in Berlin wohnhafte russische Emi­grant Ingenieur S.N. Iwanow. Vor dem Krieg war Iwanow Vertreter der Allrussi­schen National-Revolutionären Partei16 des in den USA lebenden weißen Bürger­kriegsveteranen und exilrussischen fa­schistischen Politikers A A. Wonsjazki in Deutschland. Iwanow alias Graukopf, der sich weitreichender Kontakte zu Wehrmacht- und NSDAP-Spitzen erfreu­te, bildete eine Initiativgruppe zur For­mierung russischer weißer antisowjeti­scher Truppen im Ostfrontgebiet. Dazu gehörten K.G. Kromiadi alias Sanin (ehem. Offizier der Don-Armee) und I.K. Sacharow alias Lewin (Sohn des Kriegs­ministers der russischen Bürgerkriegsre­gierung von Admiral A.W. Koltschak), Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg auf Francos Seite, sowie weitere namhaf­te weiße Emigranten: I. Jung, W. Ressler (Rößler), Graf G. Lamsdorf, Graf S. Pah­len, Graf A. Woronzow-Daschkow, W. Sobolewski, der Priester Vater Hermoge­nes (Germogen) Kiwatschuk u.a. Das RNNA-Formierungskonzept bestand im allmählichen Mannstärke-Ausbau im Hinterland bis zur Division, die dann an der Front gegen die Rote Armee einge­setzt und zum massenhaften Überlaufen roter Kommandeure und Rotarmisten auf die „weiße“ Seite führen sollte. Die derart gewachsene RNNA sollte als Basis für eine russische Nationalarmee dienen, die mit deutscher Hilfe (und nicht umge­kehrt) Rußland vom Bolschewismus be­freien würde.

Ab März 1942 agierte Iwanow-Grau­kopf im Einvernehmen mit dem Chef der deutschen Heeresgruppe Mitte, General­feldmarschall von Kluge, der ihm die Anwerbung russischer Freiwilliger in deutschen Kriegsgefangenenlagern ge­nehmigte. Auch die Abwehr zeigte am russischen Emigrantenangebot reges In­teresse. Der Abwehr-Ansatz war jedoch viel pragmatischer: Neben der Partisa­nenbekämpfung wurde von der RNNA die Ausbildung von Kommandoeinhei­ten, Aufklärern, Diversanten sowie ein­zelner Züge und Kompanien erwartet, die ins sowjetische Hinterland einge­schleust werden sollten, um dort Einhei­ten der Roten Armee zu zersetzen und zum Überlaufen auf die deutsche Seite zu bewegen. Dafür sorgte der deutsche Abwehr-Verbindungsstab. Den RNNA-Organisatoren mit Hauptquartier in Osintorf bei Orscha wurden mehrere Kriegsgefangenenlager in Borissow, Smolensk, Roslawl und Wjasma zur Ver­fügung gestellt, wo sie unter Kriegsge­fangenen Freiwillige anwarben. Zuerst wählten die Emigranten nur überzeugte Gegner der Sowjetmacht, in erster Linie Opfer bolschewistischer Repressalien, aus. Sehr bald erwiesen sie sich jedoch infolge des Kriegsgefangenen-Wunsches, aus dem Lager zu entkommen, als außer­stande, eine derart sorgfältige Auslese fortzusetzen, und nahmen seitdem alle an, die sich freiwillig meldeten. Die nach den Ausbildungsvorschriften der Roten Armee ausgebildeten RNNA-Soldaten waren mit erbeuteten sowjetischen leich­ten und schweren Waffen (bis hin zu Granatwerfern, Geschützen und Panzer­wagen) ausgerüstet. Ihr ganzes Aussehen sollte ihren nationalrussischen Charakter unterstreichen. Sie trugen sowjetische Uniformen, jedoch mit Achselstücken (die in der Roten Armee erst 1943 nach Stalingrad eingeführt wurden) sowie weißblauroten Nationalkokarden und kämpften unter der weißblauroten russi­schen Zarenflagge (die auch die Flagge der russischen Weißen im und nach dem „Ersten Bürgerkrieg“ war). Die russi­schen Emigranten in RNNA-Offiziers­uniform versuchten, ihren aus ehemali­gen Rotarmisten bestehenden Mann­schaften mit dem für letztere neuen Kon­zept des „antibolschewistischen Befrei­ungskampfes“ vertraut zu machen. Die weißen Offiziere erklärten ihren Solda­ten, der RNNA-Auftrag bestehe im „Kampf gegen Bolschewismus und Ju­dentum für den Aufbau eines neuen rus­sischen Staates“. Iwanow betonte in sei­nen Ansprachen: „Weder Deutsche noch Japaner, sondern wir Russen werden Moskau befreien und unsere Ordnung wieder einführen.“ Noch weiter ging Kromiadi, der im Kreis seiner ehemals sowjetischen Offiziere unterstrich, daß sie eine Zwei-Millionen-Armee aufstel­len und mit allen Waffen ausstatten müß­ten, um nach dem Sturz der Sowjets ggf. auch den durch diesen Krieg geschwäch­ten Deutschen Paroli bieten zu können. Natürlich mußten solche Aussagen die deutschen Behörden bedenklich stim­men. Das besondere Augenmerk der RN­NA-Organisatoren galt der Herstellung reger Kontakte zur örtlichen Bevölke­rung, die sie mit Nahrungsmitteln, Klei­dung usw. sowie bei Landarbeiten unter­stützten. Mit Genehmigung General von Schenkendorfs von der Heeresgruppe Mitte begann das RNNA-Kommando mit der Formierung örtlicher Selbstver­waltungsbehörden. In Schklow fungierte z.B. Hauptmann Graf Pahlen als russi­scher Stadtkommandant. Nachdem die­ser jedoch in Anwesenheit von Mitarbei­tern im Bürgermeisteramt im Ansturm patriotischer Gefühle Hitlers Bild von der Wand genommen hatte, wurde er nach Paris versetzt.

Ihre Feuertaufe bestand die RNNA im Mai 1942 im Kampf gegen das im Raum Wjasma-Dorogobusch im deutschen Hinterland operierende sowjetische Ka­valleriekorps des roten Generals P.A. Be­low. Im Laufe des Sommers wurden 150 bis 200 Mann starke RNNA-Einheiten zu Kommandounternehmen im Hinterland der Roten Armee sowie zur Partisanen­bekämpfung eingesetzt. Anderseits ver­suchten auch die Sowjets, die RNNA durch die Propaganda eingeschleuster Agenten zu zersetzen.
Das RNNA-Experiment wurde schließlich von hohen deutschen Kom­mandostellen beendet, weil sie mit den „national orientierten“ Aktivitäten recht autonom handelnder russischer Einhei­ten unter dem Kommando nationalisti­scher russischer Offiziere nicht einver­standen waren. Ihre zu kühnen Äuße­rungen und Handlungen konnten nicht unbemerkt bleiben. Ende August 1942 wurden alle russischen Emigrantenoffi­ziere abgesetzt und nach Berlin ge­schickt. Ihre Einheiten wurden von den Deutschen endgültig auf die Partisanen­bekämpfung umorientiert und dem deutschen Kommandostab unterstellt. Später dienten Kromiadi, Graf Lamsdorf u. a. trotz aller Bedenken in Wlassows ROA.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich alle von einzelnen weißen Emi­granten unternommenen Versuche, an der Ostfront antibolschewistische russi­sche Nationaleinheiten zu bilden, nur als kurzfristige Erscheinungen örtlichen Maßstabs erwiesen.

Die Russische Nationale Volksarmee (Sonderverband Graukkopf) wurde vom weißrussischen Emigranten Sergei Iwanow ab März 1942 aus sowjetischen Kriegsgefangenen gebildet. Vor allem zur Partisanenbekämpfung eingesetzt, halfen die fast 3000 Männer der Einheit auch der Bevölkerung bei der Ernte und verteilten Hilfsmittel aus Sammlungen russischer Emigranten. Da sich die weißrussischen Führungskader offen russisch-national äußerten, wurden sie bereits im August 1942 wieder aus dem Verband entfernt, Sergei Iwanows Spur verliert sich daraufhin. Aus dem „Sonderverband Graukopf“ gingen schließlich die regulären Ostbataillone 633 bis 637 hervor, die zur Partisanenbekämpfung eingesetzt und im Herbst 1943 nach Frankreich verlegt wurden. Die Alliierten lieferten ihre Soldaten nach Kriegsende an die Sowjetunion aus. – Iwanow mit russischen Soldaten und einem deutschen Offizier.

Das weiße Russische Schutzkorps auf dem Balkan

Eine viel realere Verwirklichung des Traumes von der Neuformierung anti­bolschewistischer weißer Truppen an deutscher Seite war das Russische Schutzkorps in Serbien. Der Kriegsbe­ginn gegen die UdSSR sorgte im russi­schen Emigrantenmilieu auf ex-jugosla­wischem Territorium für einen wahren Aufschwung politischer Aktivitäten un­ter dem Motto der „baldigen Rückkehr in die Heimat mit der Waffe in der Hand“. Im Sinne dieser allgemeinen Auf­bruchstimmung schlug General M. F. Skorodumow, Chef der Russischen Ver­trauensstelle in Belgrad, den deutschen Besatzungsbehörden vor, eine Division aus weißen russischen Emigranten für den Einsatz an der Ostfront zu formie­ren. Er stieß jedoch auf Ablehnung.

Nachdem später im gesamten Ex-Ju­goslawien der Partisanenkrieg ausgebro­chen war, wandte sich Skorodumow er­neut an die deutschen Behörden mit dem Gesuch, eine Art russischen Selbstschutz zu bilden, um dem von roten Tito-Parti­sanen landesweit entfesselten Terror ge­gen weiße Emigrantenfamilien Einhalt zu gebieten. Diesmal fand er die Zustim­mung der Deutschen und erhielt von ih­nen jugoslawische Beutewaffen. Am 12. September 1941 erließ der alte weiße General den Befehl über die Aufstellung eines Russischen Korps und die allge­meine Mobilmachung aller russischen Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 55 Jahren. Der Zweck der Korpsformierung blieb unerwähnt. Der Befehl endete mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe führe ich euch, wenn wir alle einmütig sind, nach Erfüllung unserer Pflicht gegenüber un­serem Gastland nach Rußland.“ Das war für die deutschen Behörden etwas zuviel. Bereits am 14. September wurde Skorodumow als Korpskomman­deur abgesetzt und von der Gestapo ver­haftet. Die Perspektive, das Korps an der Ostfront einzusetzen, erschien den Deut­schen als nicht besonders aktuell und po­litisch zweifelhaft. Sie brauchten jedoch Schutz- und Polizeieinheiten zur Be­kämpfung roter Tito-Partisanen. Mit Un­terstützung des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen im Südosten wurde das Korps zwar aufgestellt, jedoch in „Russische Schutzgruppe“ umbenannt und verwaltungsmäßig dem Hauptbe­vollmächtigten für Handel und Industrie in Serbien, Gruppenführer Neuhausen, unterstellt. An Skorodumows Stelle trat der weiße General B.A. S?hteifon, ehe­maliger Stabschef von General Kutepows 1. Armeekorps.17 Das Schutzgruppen- Gros bildeten weiße Offiziere, Soldaten und Kosaken von General Baron P.N. Wrangels Russischer Armee, die sich 1921/1922 in Jugoslawien und Bulgarien niedergelassen hatten und vor dem Krieg verschiedenen russischen Kriegerverei­nen angehörten. In ihrem aufrichtigen Pflichtbewußtsein gegenüber der ge­knechteten russischen Heimat traten sie freiwillig dem Korps bei, indem sie Fa­milie, Dienststelle, Arbeitsplatz und Be­sitz verließen. Ehemalige russische Offi­ziere und Generäle traten dem Korps als einfache Soldaten bei, ohne etwas für sich zu verlangen. In klarem Bewußtsein, wie wenige Erfolgschancen sie hatten, hielten sie es jedoch für ihre Pflicht, selbst diese zu nutzen. Besonders schwer hatten es altgediente und zum Teil an den Folgen ihrer Verletzungen leidende Offiziere, die mangels Führungsstellen gezwungen waren, bestenfalls als Unter­offiziere oder Gefreite zu dienen. Nur 10 % der Korps-Mannstärke bildeten im Exil aufgewachsene russische Jungfrei­willige. Geworben wurde über russische Krie­gervereine in vielen Ländern, darunter Bulgarien, das Protektorat Böhmen und Mähren, die Slowakei, das Generalgou­vernement18, Frankreich, Griechenland, Italien. Im Großdeutschen Reich war die Freiwilligenwerbung für das Balkan- Korps jedoch verboten.

1941 bis Anfang 1943 trugen Offiziere und Mannschaften der Russischen Schutzgruppe meistens etwas „russifi­zierte“ jugoslawische Heeresuniformen mit ihrem letzten Dienstgrad in der wei­ßen Armee entsprechenden russischen Achselstücken, die jedoch unter den neu­en Bedingungen keine Rolle spielten. Die aktuellen Dienstgrade waren bei Offizie­ren durch Kragenspiegel, bei den Mann­schaften durch Ärmelstreifen markiert. Als Kopfbedeckung dienten Schiffchen und Schirmmützen mit alten „zaristi­schen“ Kokarden (die auch in den wei­ßen Bürgerkriegsarmeen getragen wur­den) sowie tschechoslowakische Stahl­helme mit weißem Georgskreuz. Die gesamte innere Ordnung und Kampfaus­bildung erfolgte zuerst nach den Ausbil­dungsvorschriften der russischen Zaren­armee, später (infolge der durch das Er­scheinen neuer Waffenarten veränderten Kampftaktik) nach denen der Roten Ar­mee.

Nach der Eingliederung des Russi­schen Schutzkorps in die deutsche Wehr­macht wurde es deutsch uniformiert und auf Adolf Hitler vereidigt. Trotzdem blieb es bis zum Kriegsende eine russi­sche Truppe unter russischem Komman­do. Im Unterschied zu den zahlreichen „Ostbataillonen“ der Wehrmacht besaß kein deutscher Offizier im Russischen Korps disziplinäre bzw. Befehlsgewalt. Nur der am 17. Juni 1944 mit dem deut­schen Kriegsverdienstkreuz mit Schwer­tern ausgezeichnete Korpskommandeur General Schteifon war unmittelbar dem deutschen Kommando unterstellt. Die Korps-Brigaden und ?Regimenter wur­den durch die weißen russischen Generä­le W. E. Sborowski, D. P. Drazenko, I. K. Kirijenko, A. N. Tscherepow, W. I. Moro­sow, weißen russischen Obristen A.I. Ro­goschin, B. S. Gesket, B. A. Morosow, A. A. Eichholz, D. W. Schatilow sowie Oberstleutnant D. W. Popow-Kokoulin befehligt. In seinem ganzen internen Le­ben behielt das Korps den Charakter ei­ner weißen russischen Truppe bei (ob­wohl seine Regimenter 4 und 5 ab Herbst 1943 fast ausschließlich aus in den deutsch besetzten Sowjetgebieten ange­worbenen Freiwilligen bestanden), deren Angehörige bis zuletzt fest daran glaub­ten, daß es ihnen noch gelingen würde, nach erfolgreicher Balkan-Partisanenbe­kämpfung an der Ostfront zum Sieg über die rote Sowjetarmee beitragen und an Rußlands Wiedergeburt teilnehmen zu können.

Es war ihnen zwar nicht beschieden, Rußland als Sieger wiederzusehen, die ehemaligen Denikin- und Wrangel-Sol­daten erhielten jedoch die lang ersehnte Gelegenheit, ihrem alten Feind, der roten Sowjetarmee, noch einmal auf dem Schlachtfeld zu begegnen. Der jähe Frontwechsel Rumäniens und Bulgariens im August/September 1944 führte dazu, daß die am Pruth und Sereth verlaufende Front innerhalb weniger Tage bis an die Grenzen Ex-Jugoslawiens aufgerollt wurde. Damals erwartete das Gros der deutschen Heeresgruppe in Südost die angloamerikanische Invasion des grie­chischen Festlands und der Ägäis. So mußte das weiße Russische Schutzkorps, von wenigen deutschen Einheiten ver­stärkt, den Hauptstoß der anstürmenden sowjetischen und bulgarischen Divisio­nen auf sich nehmen.

Die mehrfache zahlenmäßige und ma­terialtechnische Überlegenheit der Roten Armee, die Aktivierung roter Tito-Parti­sanen, der Frontwechsel antikommuni­stischer serbischer Regierungstruppen sowie monarchistischer Freischärler (Tschetniks) versetzten die über den Bal­kan verstreuten einzelnen Korps-Batail­lone in eine äußerst schwierige Lage. Nichtdestotrotz erwiesen sie sich als nicht nur zu hartnäckiger Verteidigung, sondern auch zu erfolgreichen Gegenan­griffen fähig, wie etwa bei Donji Milano­vac, wo sie ein ganzes Sowjetregiment in die Flucht schlugen, bei ?a?ak, wo sie ei­ne sowjetische Batterie erbeuteten usw. Besonders schwer hatten es die Korpsba­taillone im Grenzgebiet: Drei von ihnen wurden von der Roten Armee einge­schlossen und verloren beim Ausbruch aus dem Kessel 80 % ihrer Mannstärke.

Der Vormarsch der Roten Armee auf dem Balkan führte die Aussichtslosigkeit des weiteren Kampfes auf diesem Kriegs­schauplatz deutlich vor Augen. Schteifon beschloß, sein Korps nach Norden zu verlegen. Die Deutschen genehmigten ihm den Abzug des Korps sowie zahlrei­cher Zivilflüchtlinge unter der Bedin­gung, daß er zuerst den Rückzug deut­scher Truppen aus Griechenland decken müsse und erst danach sein Kampfgebiet verlassen könne. Die Erfüllung dieses Auftrags dauerte bis Kriegsende und führte zu Riesenverlusten. Anfang Mai 1945 zählte das weiße Balkan-Korps nur mehr 4500 Mannschaften und Offiziere (d.h. höchstens ein Viertel seiner gesam­ten Mannstärke).

Das Bataillon Semjonow

Neben dem Russischen Schutzkorps wurde in Belgrad ab März 1942 ein russi­sches Freiwilligenbataillon aufgestellt, das für die Landung im Raum des sowje­tischen Schwarzmeerhafens Noworossijsk bestimmt war. Seine Formierung verlief unter Stabführung des ehemali­gen Offiziers des Gesamt-Garderegi­ments von Denikins weißer Freiwilligen­armee, Hauptmann M.A. Semjonow. Sein Infanteriebataillon zählte 600 Mann. Operativ unterstand es dem Kommando der Wehrmachts-Heeres­gruppe auf dem Balkan sowie den Stä­ben der deutschen Divisionen, die es bei Erfüllung konkreter Kampfaufträge unterstützte. Verwaltungs- und versorgungs­mäßig unterstand es jedoch dem SS-Hauptamt. Hauptmann Sem­jonow selbst hatte den Dienst­grad eines Waffen-SS-Hauptsturmführers und führte als Angehöriger des russischen Ur-Adels ganz offiziell das Prä­dikat „von“.

In seiner Aufstellungszeit machte das für den Kampfein­satz in Rußland bestimmte Ba­taillon Semjonow sogar dem Russischen Schutzkorps Kon­kurrenz. Beiden weißen russi­schen Truppen war jedoch letzt­endlich das gleiche Schicksal beschieden. Wider Erwarten kam es nicht zum Ein­satz an der Ostfront. Ab August wurden beide Truppen nur zur Bekämpfung ro­ter Tito-Partisanen in Ex-Jugoslawien eingesetzt. Später wurde von Semjonow auf der Basis seines Bataillons sowie eini­ger in Deutschland aus sowjetischen Kriegsgefangenen formierten Detache­ments das russische SS-Freiwilligen-Re­giment „Warjag“ („Waräger“)19 aufge­stellt.

ROA und KONR: Pro und Contra

Das Verhältnis weißer Emigranten zur seit Anfang 1943 entfalteten Russischen Befreiungsbewegung unter Führung des kriegsgefangenen ehemals sowjetischen Generals A.A. Wlassow war bestenfalls ambivalent. Einerseits wurde in Emi­grantenkreisen bezüglich der von Wlas­sow formierten Russischen Befreiungsar­mee ROA behauptet, „diese [Wlassows] Truppen sind für uns Russen von im­menser Bedeutung“, sie sei „eine gewal­tige, gegen unsere Todfeinde, die Bol­schewisten, gerichtete Macht“, „je mehr Menschen, die die Bolschewisten hassen, diesen Formationen beitreten, um so bes­ser, weil wir dadurch immer mehr Er­folgschancen haben“ usw. Anderseits waren alte weiße Emigranten sehr da­durch verstimmt, daß die deutschen Be­hörden „einem Mann20 glauben, der durch 20jährige Kriecherei vor dem Ge­orgier21 dort22 eine glänzende Karriere machte, ohne den Emigranten zu glau­ben, die in ihrer Masse vorbehaltlos für Deutschland tätig sind“. Über die ROA-Soldaten und -Offiziere wurde geäußert: „All diese Soldaten sind ehemalige Kom­munisten, denen man überhaupt nicht vertrauen sollte“, weil sie „nur gegen Stalin, nicht aber gegen das Sowjetre­gime sind“ und nach dem Sturz des ro­ten Diktators mit deutscher Hilfe „wie­der das Sowjetregime verteidigen wer­den“. Anderseits waren die meisten Wlas­sow-Offiziere als ehemalige Rote-Armee- Kommandeure gegenüber weißen Emi­granten höchst voreingenommen. Sie legten ihnen das starre Festhalten an überholten monarchistischen Überzeu­gungen sowie die Nichtübereinstim­mung ihres militärischen Berufsniveaus mit den modernen Kriegsbedingungen zur Last, da der Krieg nicht mehr durch Heldenmut allein gewonnen werden könne. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten auch psychologische Bar­rieren: Schließlich hatten viele von Wlas­sows ehemaligen Sowjetoffizieren im „ersten Bürgerkrieg“ auf roter Seite ge­kämpft. Nun aber mußten sie an der Sei­te ihrer früheren Gegner, der Weißen, gegen die Roten kämpfen.

Dabei wurde den weißen Emigranten von Wlassow selbst große Bedeutung zu­gemessen. Im Unterschied zu vielen sei­ner Kampfgefährten, die die Emigranten geringschätzig als „Abdampf der Revo­lution“ abtaten, maß Wlassow, so Oberst Kromiadi, der Emigration im antikom­munistischen Kampf die Rolle der Träge­rin alter Traditionen, moralischer Werte, kultureller und religiöser Ideen des rus­sischen Volkes, die von den Bolschewi­sten zertreten wurden, und einer Art Bin­deglied zwischen Alt- und Neurußland bei.

Wlassow erklärte den weißen Emi­granten: „Im Bürgerkrieg kämpften wir gegeneinander, indem jeder von uns da­mals für die Wahrheit stritt, wie er sie verstand. Im Ergebnis habt ihr den Krieg verloren und wart ge­zwungen, die Heimat zu verlassen. Wir, die jenen Krieg gewon­nen hatten, gerieten jedoch in eine kei­nesfalls bessere Lage. Wir wurden von den Kommunisten betrogen, die die Macht ergriffen und eine für uns uner­trägliche Diktatur errichteten. Anders­rum, sowohl ihr Weißen als auch wir Ro­ten haben jenen Bürgerkrieg gleicherma­ßen verloren. Laßt uns den alten Zwist vergessen und als versöhnte Brüder, als Kinder der gleichen Mutter Heimat, un­ser Volk aus seiner Not erlösen“. Aller­dings fügte er noch hinzu: „Versteht mich richtig, die Geschichte kennt keinen Rücklauf. Wir kämpfen nicht für die Re­stauration, nicht für die Rückkehr der al­ten Ordnung, sondern für die Volksrech­te, die durch die Februarrevolution er­kämpft, von den Kommunisten jedoch im Oktober23 dem Volk wieder genom­men wurden.“

Diese Verherrlichung der Februarre­volution von 1917 entsprach keinesfalls den Vorstellungen und Stimmungen des konservativen Emigrantenteils. Daher verhielten sich die meisten militärischen Emigrantenvereine gegenüber Wlassow abwartend. General V. Biskupski erließ in Übereinstimmung mit Rosenbergs Mi­nisterium für die besetzten Ostgebiete ei­nen Befehl, der den russischen Emigran­ten jegliche Beteiligung an Wlassows Be­freiungsbewegung untersagte, die als „wegen ihrer Sympathien zur Demokra­tie verdächtig“ bezeichnet wurde.

Erst nachdem die Wlassow-Bewegung mit Himmlers Zustimmung im Herbst 1944 (viel zu spät) reale Formen anzu­nehmen begann, begann das Emigran­teninteresse dafür zuzunehmen. Zwi­schen verschiedenen weißen Kriegerver­einen wie z.B. ROWS und RNSUW ent­flammte ein regelrechter Wettbewerb um das Recht, die weiße militärische Emigra­tion im von Wlassow gegründeten „Be­freiungskomitee der Völker Rußlands“ (KONR) 24 vertreten zu dürfen. Der Son­derkommission zur Erörterung des KONR-Manifestes gehörten u.a. alte Emigranten an, die sich diesem Pro­grammdokument gegenüber recht kri­tisch verhielten. General Biskupski er­klärte, er wolle sich als Monarchist zu diesem Dokument gar nicht äußern. Ge­neral A.A. von Lampe wollte an Wlassow ein Protestschreiben richten, weil die weißen Kämpfer des Krieges 1917–1920 in Rußland im KONR-Manifest un­erwähnt blieben. Nichtdestotrotz muß­ten viele der „Ewig­gestrigen“ zum Zeit­punkt, da die unauf­haltsame Offensive der Roten Armee das Überleben der wei­ßen antibolschewisti­schen Emigration in Europa in Frage stell­te, die mögliche Rolle der Wlassow-Bewe­gung als reale Macht einsehen, die der her­annahenden bolsche­wistischen Schrec­kensherrschaft Einhalt gebieten könnte.

General A.A. von Lampe, der seinen ORWS als Kommandokaderreserve für die KONR-Streitkräfte betrachtete, ver­suchte, die Mannstärke aller Emigranten- Kriegervereine in Europa zu erfassen. Er war jedoch zur Feststellung gezwungen, daß „die Möglichkeit, russische Emi­granten auf deutschem Territorium zu verwenden, schwindet“. Anfang Herbst 1944 waren die Kriegervereine auf fran­zösischem, bulgarischem, italienischem und griechischem Territorium für von Lampes Organisation verloren. Die Krie­gervereine in Ungarn, Polen und der Slo­wakei wurden evakuiert. Besonders schmerzvoll war der Verlust Bulgariens, von wo nur der Chef der ROWS-Abtei­lung 3, General Abramow fliehen konn­te. Aus irgendeinem Grunde glaubte die russische Emigration in Bulgarien, ihr Gastland (vor allem Südbulgarien) sei vor den Bolschewisten sicher. Nun muß­te sie diesen Irrtum teuer bezahlen. In seinem ORWS-Befehl vom 21. Janu­ar 1945 gestattete es General A.A. von Lampe allen Dienstgraden, die willens waren, der Russischen Befreiungsarmee ROA beizutreten, ihn darum schriftlich zu ersuchen, und schrieb als erster das entsprechende Gesuch samt Dienstzeug­nis. Auch ROWS-Chef General A.P. Ar­changelski, die Generäle A.M. Dragomi­row, N.N. Golowin und W.W. von Krei­ter (Chef der Russischen Vertrauensstelle in Jugoslawien) traten in A.A. von Lam­pes Fußstapfen der ROA bei. W.W. von Kreiter übergab Wlassow den Schatz, der von General Baron P.N. Wrangel 1920 aus Rußland ausgeführt wurde. General Prof. N.N. Golowin erstellte kurz vor sei­nem Tod in Paris noch die ROA-Ausbil­dungsvorschriften.

Die Reibungen zwischen weißen Emi­granten und ehemaligen Sowjetbürgern blieben jedoch bestehen. So lehnte ROA-Stabschef General F.I. Truchin das ROA-Aufnahmegesuch des weißen Generals, Kommandeurs der Drozdowski-Division und RNSUW-Chefs A.W. Turkul ab, der ihm „zu reaktionär“ erschien. Turkul mußte in Abstimmung mit dem deut­schen Oberkommando einen eigenen Truppenverband formieren (der in ver­schiedenen Unterlagen mal als „Gruppe Turkul“, mal als „Vierte ROA-Division“ usw. bezeichnet wurde), dessen Kom­mandostellen fast ausschließlich mit wei­ßen Emigranten besetzt waren. Ander­seits wechselte Wlassows General B.S. Permikin von der Ersten ROA-Division (die ihm wohl „zu rot“ war) zu Turkul über.

Anfang Januar 1945 traf sich Wlassow in Berlin mit General Schteifon, der sich bereit erklärte, sein Russisches Schutz­korps den KONR-Streikräften anzu­schließen. Wlassows Versuche, das Bal­kan-Korps nach Deutschland zu verle­gen, blieben jedoch ohne Erfolg, weil das OKH keine Ersatztruppen für die Balk­anfront mehr hatte. Man begnügte sich mit dem an die Korps-Soldaten gerichte­ten Befehl, ROA-Schilder mit dem An­dreaskreuz am Ärmel zu tragen.

Trotzdem gehörten weiße Emigranten dem Oberkommando der KONR-Streit­kräfte sowie Wlassows nächster Umge­bung an. Chef seiner Personalkanzlei war Oberst Kromiadi, einer von Wlassows Adjutanten war Oberst Sacharow, sein Offizier z.b.V. Oberleutnant Tomaschew­ski. ROA-Stabskommandant war eine Zeitlang Oberst Krawtschenko, ROA-Personalabteilungschef Oberst Schokoli, Leiter der Medizinabteilung Prof. Nowi­kow und Hauptmann Truschnowitsch (Veteran der Stoßdivision Kornilow und NTS-Aktivist).

Als im Februar 1945 eine ROA-Panzer­abwehrabteilung an der Ostfront im Raum Küstrin zwecks Besetzung eines sowjetischen Brückenkopfs am linken Oderufer eingesetzt wurde, stand sie un­ter dem Kommando der weißen Offiziere Oberst Sacharow und Hauptmann Graf Lamsdorf. Die musterhafte Haltung der russischen Kampfgruppe fand beim deutschen Kommando hohe Anerken­nung. Alle ROA-Kämpfer wurden deko­riert, vier Offiziere mit dem Eisernen Kreuz. Außerdem erhielt Oberst Sacha­row von Reichsführer SS Himmler als Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel eine Ehrenuhr. Nach Abzug der Kampf­gruppe aus dem zurückeroberten Gebiet blieben Sacharow und Graf Lamsdorf an der Oderfront mit dem aus Dänemark angekommenen Russischen Grenadier­regiment, welches später in die Erste ROA-Division eingegliedert wurde. Ein Regiment dieser Division stand unter dem Kommando des weißen Emigranten Oberstleutnant A.D. Archipow, der sei­nerzeit neben Sacharow am spanischen Bürgerkrieg auf General Francos Seite in Karli­stenmilizen „Requete“ gekämpft. Besonders erfolgreich konnten Wissen und Erfahrungen weißer russischer Emi­granten im Rahmen der ROA- bzw. KONR-Luftwaffe verwendet werden. Deren Chef General V.I. Malzew (ehema­liger sowjetischer Luftwaffenoberst und Direktor der Zivilfluggesellschaft „Aero­flot“) ließ sich in Personalfragen aus­schließlich von sachlichen Überlegungen leiten, ohne zwischen ehemals sowjeti­schen Kommandeuren und emigrierten weißen Offizieren zu unterscheiden, die sich trotz aller Ressentiments zum ROA-Dienst entschlossen hatten. Infolgedes­sen wurden die meisten Dienststellen des ROA-Luftwaffenstabes durch ehe­malige weiße Offiziere besetzt (obwohl sie in den ROA-Fronttruppen in der Min­derheit waren). Besonders tat sich unter diesen Emigranten eine Gruppe Offiziere hervor, die in der Zwischenkriegszeit in der königlich jugoslawischen Armee und danach im Russischen Schutzkorps ge­dient hatten: die Obristen Bajdak und Antonow, Oberstleutnant Wassiljew, Major Schebalin, die Leutnants Filatjew, Grischkow, Ljagin, Potozki u.a. Dem ROA-Luftwaffenstab war u.a. das aus Ex-Jugoslawien evakuierte, unter dem Kommando des weißen Generals P.Ch. Popow stehende Erste Russische Kadet­tenkorps zugeordnet, woraus ein Deta­chement z.b.V. zwecks Stabewachung gebildet wurde.

Fünf vor zwölf

Angesichts des unabwendbaren militäri­schen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches suchten KONR und Wlassows Stab fieberhaft nach Auswegen aus die­ser Lage. Es wurden vor allem folgende zwei Lösungen erwogen:

1. Abzug aller KONR-Truppen in den ostmärkischen (d.h. österreichischen) Al­penraum, Vereinigung mit den aus Ex- Jugoslawien abziehenden Russischen Schutzkorps, weißen Kosakentruppen, serbischen und slowenischen antikom­munistischen Kräften zwecks Fortset­zung des Kampfes gegen die Roten in der „Alpenfestung“ bis zum bitteren En­de;

2. Versuch, sich mit den tschechischen antikommunistischen Kräften im Protek­torat Böhmen und Mähren im Kampf ge­gen die deutschen Besatzungstruppen zu verbünden, um dafür mehr oder weniger sichere Garantien der Nichtauslieferung von ROA- bzw. KONR-Soldaten an die siegreichen Sowjets zu erlangen.

Für die Verwirklichung der ersten, eh­renhafteren, Lösung reichte die Zeit nicht mehr aus. Die Verwirklichung der zwei­ten, weniger ehrenhaften, jedoch schein­bar etwas bessere Aussichten bietenden Lösung, und zwar die Teilnahme der 20.000 Mann starken Ersten ROA-Divisi­on unter dem Kommando von General­major S.K. Bunjatschenko am tschechi­schen Prager Aufstand gegen die deut­schen Besatzungstruppen, forderte je­doch von der ROA im Endergebnis nur unnütze Opfer, weil die kommunistische Mehrheit des Tschechischen Nationalra­tes sich von den Wlassow-Soldaten los­sagte, sie nicht mehr als Verbündete ak­zeptierte und sich weigerte, mit ihnen zu verhandeln, nachdem diese ROA-Russen ihre Schuldigkeit getan hatten.25 Wlas­sow versuchte, zu diplomatischen Ver­tretungen und zum Alliierten-Komman­do Kontakte aufzunehmen, um ihnen die ROA-Kapitulation gegen die Gewährung politischen Asyls anzubieten. Sein Ver­such mißlang jedoch. Denn die Anglo­amerikaner zogen es zum damaligen Zeitpunkt vor, ungeachtet der ideellen und politischen Motive, die Wlassow und seine Soldaten zum Kampf gegen die Sowjets bewogen haben mochten, al­le Russen, Kosaken u.a., die so oder so mit den Deutschen zusammenarbeiteten, als Hochverräter zu betrachten, die we­der Nachsicht noch Pardon verdienten.

Im Wirrwarr der letzten Kriegstage waren die Befehlshaber einzelner russi­scher Formationen gezwungen, auf eige­nes Risiko zu handeln. Am 18. April 1945 befahl der Befehlshaber der Ersten Russi­schen Nationalarmee, Generalmajor Smyslowsky, angesichts des allgemeinen Frontenzusammenbruchs und Wirrwarrs seinen Truppen, zur Schweizerischen Grenze zu marschieren. Nach dem Ver­lust fast der gesamten Mannstärke unter­wegs überschritt die Erste RNA-Stabsko­lonne mit 462 Soldaten und zahlreichen Zivilflüchtlingen einschließlich des russi­schen Thronverwesers Großfürst Wladi­mir Kirillowitsch Romanow samt Gefol­ge in der Nacht zum 3. Mai die Staats­grenze des Fürstentums Liechtenstein, wo sie dann interniert wurde. Als eine sowjetische Repatriierungskommission am 16. August nach Liechtenstein kam, um die Auslieferung General Smyslows­kys und seiner 59 Stabsoffiziere als Kriegsverbrecher zu fordern, wurde ihre Forderung durch das liechtensteinische Parlament abgelehnt. Höchstwahrschein­lich standen hinter Smyslowsky einfluß­reiche Hintermänner, denen an seinen Erfahrungen und Kenntnissen, vor allem aber an seinem in der UdSSR hinterlasse­nen Agentennetz gelegen war. Bekannt­lich wurde er in der liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz vom US-Geheim­dienstchef in Europa, A.W. Dulles, sowie von anderen Westalliierten-Experten be­sucht. Wie dem auch sei: Die Rettung Smyslowskys und seiner Leute vor der Auslieferung an die Sowjets war wohl nicht dem prinzipienfesten Standpunkt der liechtensteinischen Behörden allein zu verdanken. Im September 1947 erhiel­ten etwa 100 RNA-Veteranen Visa (nach bereits erfolgter Ausreise des russischen Thronverwesers Großfürst Wladimir nach Spanien) und reisten nach Argentinien aus, wo Smyslowsky als Guerilla-Kriegsberater der argentinischen Regie­rung seine praktischen Erfahrungen ver­wenden konnte. Erst 1966 kehrte er nach Liechtenstein zurück, wo er 1988 im Al­ter von 91 Jahren verstarb. Am deutschen Kapitulationstag war das Russische Schutzkorps in Slowenien stationiert. Oberst A.I. Rogoschin, Nach­folger des am 30. April 1945 in Agram (Zagreb) einem Herzanfall erlegenen Ge­neralleutnants Schteifon, erklärte, er wer­de sich weder der Sowjetarmee noch ro­ten Tito-Partisanen, sondern nur den Bri­ten auf österreichischem Gebiet ergeben. Innerhalb von vier Tagen schlugen sich seine Korpseinheiten einzeln nach Öster­reich durch, wo sie am 12. Mai im Raum Klagenfurt vor den Briten die Waffen streckten, im Gefangenenlager Keller­berg interniert wurden und dort den „Bund der Dienstgrade des Russischen Korps“26 als Flüchtlingsorganisation gründeten. Nach fünfjähriger Lagerinter­nierung, die jedoch unvergleichbar bes­ser war als die sowjetische Gulag-Haft im Falle ihrer Auslieferung, konnten die meistern Korpsveteranen nach Argenti­nien bzw. in die USA ausreisen. Auch dem Gros von General A.W. Tur­kuls Heeresgruppe blieb die Ausliefe­rung an die Sowjets erspart. Ihr Stab in Salzburg wurde nach dem Einmarsch US-amerikanischer Truppen ins „Büro des Russischen Rot-Kreuz-Komitees“27 unter General Vygrans Vorsitz umwan­delt, in dessen Rahmen ein inoffizielles „Komitee Russischer Nichtheimkeh­rer“28 mit General Turkul an der Spitze tätig war.

Das bittere Ende

Gleichzeitig wurden Zigtausende weiße russische Emigranten, die meistens nie antisowjetischen bewaffneten Formatio­nen angehört hatten, zu „Vaterlandsver­rätern“ abgestempelt und in Güterzügen in die Sowjetunion abgeschoben, um schließlich in Stalins Straflagern zu lan­den. Für die Sowjet-Strafjustiz reichte die Beteiligung am antibolschewistischen Kampf in den Jahren des „ersten Bürger­kriegs“ 1917–1922. Das gleiche Schicksal erwartete auch viele weiße Emigranten, die, von „patriotischer“ Sowjetpropagan­da beeinflußt, an die angeblich erfolgte Transformation des Sowjetregimes im national-russischen Sinne glaubten und nach Kriegsende freiwillig in die „russi­sche Heimat“ zurückkehrten. Bestenfalls war ihnen die Verbannung nach Mittela­sien, schlimmstenfalls der Tod im Straf­lager beschieden. Viele mußten, wie Ge­neral A.I. Denikin, aus Angst vor sowjeti­schen SMERSch-Geheimdienstagenten, die bis zum Beginn des „Kalten Krieges“ zwischen den ehemaligen Antihitler-Ko­alitionspartnern ganz Europa auf der Su­che nach „immer noch nicht unschädlich gemachten weißen Konterrevolutionä­ren“ durchkämmten, in Übersee die letz­te Zuflucht suchen. Nach dem Sieg der Roten auch in China 1949 hörte die weiße russische Militäremigration in der ge­samten östlichen Hemisphäre praktisch auf, zu existieren. De facto gehörten die weißen Russen neben NS-Deutschland und dessen Verbündeten zu den Verlie­rern des Zweiten Weltkrieges, der von ihnen als ihr „Zweiter Bürgerkrieg“ ver­standen, geführt und verloren worden war.

Anmerkungen

1 Inklusive Angehörige der Völker, die seinerzeit Untertanen des russischen Zaren­reiches bzw. sowjetische Staatsbürger waren: Ukrainer, Weißrussen, Letten, Litauer, Esten, Tataren, Armenier, Georgier, Aserbaidscha­ner, Nordkaukasier, Turkmenen usw.), wel­che im Rahmen eigener Nationaleinheiten gegen die Sowjets kämpften.

2 Nicht minder bekannt sind die an deut­scher Seite kämpfenden Kosakenverbände, in erster Linie General H. v. Pannwitzs XV. Kosaken-Kavallerie- Korps, General P.N. Krasnows Kosaken- Feldlager (Kasatschij Stan) u.a., die, vor al­lem auf der Führungs­ebene zum beachtli­chen Teil aus weißen russischen Emigranten bestanden.

Doch diese Kosaken betrachteten sich trotz ihrer „zaristisch-groß­russischen“ Vergan­genheit meistens nicht als Russen, sondern als selbständige, von den alten Goten abstam­mende, mit dem Deut­schen Reich verbünde­te Nation und kämpf­ten nicht für die Befrei­ung „Großrußlands“ als Nationalstaat in den Grenzen von 1917 von den Sowjets, son­dern für den Aufbau ihres eigenen, unab­hängigen „kosaki­schen“ Staates auf den Trümmern der Sowjetunion.

3 Variante: „Wir paktieren selbst mit dem Teufel, wenn er gegen die Sowjets ist!“

4 Die Kritiker dieser Haltung betonten, sie würde dem Versuch gleichkommen, „den Teufel mit Beelzebub auszutreiben“, da die Bolschewisten des Teufels seien und der Teu­fel ihnen als seinen Handlangern ja nicht Feind sein könne. Freilich änderten derartige Haarspaltereien wenig an der Bereitschaft aufrechter weißer Emigranten, an wessen Seite auch immer gegen die Roten zu kämp­fen.

5 Russkij Obschtsche-Woinskij Sojus (All­gemeiner Russischer Kriegerbund).

6 Russkij Nazionalnyj Sojus Utschastni­kow Wojny (Russischer Nationaler Kriegs­teilnehmerbund).

7 Krasnow und Schkuro drifteten im Lau­fe des Krieges immer mehr von großrussi­schen Nationalisten und Monarchisten zu „kosakischen“ Autonomisten.

8 Wooruschonnyje Sily Juga Rossiji (Streitkräfte Südrußlands).

9 Objedinenije Russkich Woinskich Soju­sow (Vereinigung Russischer Kriegerverbän­de).

10 Von Japan in der chinesischen Grenz­provinz Mandschurei errichtetes Klientel- Kaiserreich.

11 1. Russkaja Nazionalnaja Armija.

12 Russkaja Oswoboditelnaja Armija (ROA). Die ROA führte bis Anfang 1945 nicht die nationalrussische Trikolore, sondern die Andreasflagge der nationalrussischen Kriegsmarine mit blauem Andreaskreuz auf weißem Grund sowie entsprechende Arm­schilder.

13 Häufig mit der Inschrift „Russland“ versehen.

14 Nazionalno-Trudowoj Sojus Nowogo Pokolenija (Nationaler Arbeiterbund der Neuen Generation), später NTS (Narodno- Trudowoj Sojus, d. h. Volks-Arbeiter-Bund).

15 Russkaja Nazionalnaja Narodnaja Ar­mija.

16 Wserossijskaja Nazional-Revoluzion­naja Partija.

17 Interessanterweise entstammte Schtei­fon, verdienter Bürgerkriegsveteran, Teilneh­mer von General L.G. Kornilows „Eisfeld­zug” nach Kuban 1918, Kommandant des weißen russischen Heereslagers in Gallipoli 1920/21, hoher ROWS-Funktionär und schließlich Generalleutnant der deutschen Wehrmacht, einer konvertierten jüdischen Familie.

18 Das von den Deutschen besetzte Rest­polen.

19 Als Waräger wurden im mittelalterli­chen Rußland normannische Wikinger be­zeichnet, denen die Großfürstendynastie der Rurikiden entstammte und die zahlreichen russischen Fürsten als Gefolgsleute dienten.

20 General Wlassow.

21 Stalin.

22 In der roten Sowjetarmee.

23 1917.

24 Komitet Oswoboshdenija Narodow Rossii.

25 Interessanterweise weigerte sich Oberst Sacharow, mit Bunjatschenko den Tschechen in Prag gegen die Deutschen zu helfen, und verwies als Grund seines Mißtrauens auf die perfide Auslieferung des Obersten Regenten Rußlands, Admiral A.W. Koltschak (dessen Kriegsminister Sacharows Vater gewesen war) durch tschechische Legionäre an die Roten 1920 in Sibirien. Allerdings diente Bunjatschenko damals, im Unterschied zu Sacharow senior wie Sacharow junior, nicht bei den Weißen, sondern bei den Roten.

26 Sojus Tschinow Russkogo Korpusa.

27 Büro Komiteta Russkogo Krassnogo Kresta.

28 Sojus Russkich Newoswraschtschen­zew.

 
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