Archiv > Jahrgang 2018 > NO III/2018 > Ist die Geschichte vorherbestimmt? 

Ist die Geschichte vorherbestimmt?

Der Spökenkieker. Holzschnitt von Heinz Everz

Der Zweite Weltkrieg im Vorgesicht

Von Andreas van Ach

Vorschau-Erlebnisse sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer gab es Menschen, die im Traum oder im reduzierten Wachzustand Dinge und Ereignisse vorhersahen, die später Wirklichkeit wurden. So mancher kennt aus sei­ner Familie Berichte von Gesichten, die den Tod eines Familienangehörigen ankündigten. 36,7 Prozent der deutschen Bevöl­kerung wollen schon einmal einen präkognitiven Traum gehabt haben.1

Hier ist ein typisches Beispiel aus einer Befragung aus dem Jahr 2000. Eine 35jäh­rige Frau sieht in einem Traum den Un­falltod ihrer Cousine voraus:

„Ja, da ist meine Cousine tödlich verun­glückt und hab ich Wochen vorher geträumt, daß ich mit meiner Mutter und meiner Tante im Auto sitze und meine Tante immer sagt: ‚Ja, daß das passiert ist, ich weiß auch nicht.‘ Und irgendwie so halt, und wir haben es ge­wußt. Wir waren alle schwarz gekleidet im Auto, ja, und Wochen später ist die dann in einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt.“2

Der Inhalt solcher Vorgesichte ist fast immer negativ. Er betrifft den Tod von Angehörigen oder Bekannten, Brände oder Kriege. Nur selten kündigen sie freudige oder neutrale Ereignisse wie ei­nen neuen Lebenspartner oder einen neuen Wohnort an. Wahrscheinlich be­sitzt jeder Mensch mindestens in der An­lage die Fähigkeit, paranormale Informa­tionen aufzunehmen. Viele Menschen machen nur einmal oder nur einige we­nige Male in ihrem Leben die Erfahrung, Dinge im voraus zu wissen oder eine Vorahnung zu haben. Sehr selten sind dagegen die eigentlichen Seherbegabun­gen, die häufig Vorgesichte haben und diese bis zu einem gewissen Grad auch willentlich herbeiführen können. Wenn das Schicksal weitgehend vor­herbestimmt ist, was bedeutet das für die Geschichte? Ist die Geschichte vorherbe­stimmt? Ich will dieser Frage anhand ei­ner für uns Deutsche besonders wichti­gen Zeit nachgehen, nämlich der des Zweiten Weltkrieges.

Die wissenschaftliche Erforschung der Präkognition

Die wissenschaftliche Bezeichnung für die Vorschau-Erlebnisse ist Präkogniti­on. Der wissenschaftlichen Erforschung der Präkognition widmet sich die Para­psychologie. Diese versucht mit kriti­schen Methoden, ihren Existenznachweis zu erbringen und ihr Wesen zu erkun­den. Bei umfangreichen Serien von Expe­rimenten, in denen Symbole auf Karten oder Bilder im vorhinein erraten werden mußten, ergaben sich kleine, aber stati­stisch signifikante Ergebnisse. Bei sogenannten Free-Response-Expe­rimenten, wo zum Beispiel Photographi­en von Naturszenen oder tatsächlichen Orten vorausgesehen werden mußten und die Probanden ihre Eindrücke von dem künftigen Ziel mit eigenen Worten wiedergeben oder auch aufzeichnen konnten, ergab sich eine durchschnittli­chen Effektstärke von 0,20, was der Vor­hersagekraft von sozialpsychologischen Experimenten entspricht. Eine Metaana­lyse über 74 Free-Response-Experimente am Stanford Research Institute (SRI) er­gab eine Wahrscheinlichkeit gegen die Zufallserwartung von 300 Millionen zu eins.3  Nimmt man die normalen Kriterien statistischer Signifikanz, wie sie in ande­ren Wissenschaften wie der Medizin oder der Psychologie gefordert werden, ist die Präkognition längst nachgewie­sen. In einem offiziellen Gutachten über die moderne parapsychologische For­schung urteilte die Statistikerin Jessica Utts, Professorin an der Universität von Kalifornien in Davis: „Die statistischen Er­gebnisse der begutachteten Studien liegen weit jenseits dessen, was durch Zufall erwar­tet wird. Argumente, daß diese Resultate auf methodologischen Fehlern in den Experimen­ten basieren könnten, konnten eindeutig zu­rückgewiesen werden […] Es wird empfoh­len, daß künftige Experimente sich darauf konzentrieren, zu verstehen, wie dieses Phänomen funktioniert und wie man es so brauchbar wie möglich macht. Es besteht wenig Gewinn darin, weiterhin Experimente anzustellen, die nur Beweise liefern.“ 4

Die Erklärung der Präkognition

Von einer naturwissenschaftlichen Erklä­rung der paranormalen Phänomene wie der Präkognition ist man heute noch weit entfernt. Nur so viel ist klar: Sie sind nicht „übernatürlich“, sondern Teil der Natur. Sie finden in Bereichen der Reali­tät statt und nach Gesetzmäßigkeiten, die wir noch nicht kennen. Man geht heute davon aus, daß die älteren Modelle, nach denen die parapsychologischen Informa­tionen analog zu den übrigen Sinnen en­ergetisch durch Wellen, Strahlen oder Teilchen übertragen werden, falsch sind. Es findet keine physische Signalübertra­gung statt, etwa durch Schallwellen oder Lichtstrahlen. Vielmehr sieht es im Moment so aus, als handele es sich um nicht-lokale, einander verschränkten Photonen in der Quantenmechanik. Die Relativitätstheo­rie und die Quantenphysik haben uns gezeigt, daß die verborgene Natur der Wirklichkeit nicht mit unseren normalen Begriffen von Raum, Zeit und Kausalität übereinstimmt. Unsere Ratio ist in An­passung an unsere dreidimensionale, in einer eindimensionalen Zeit und nach kausalen Gesetzmäßigkeiten vor sich ge­hende Realität evoluiert. Die darüber hinausgehende Natur der Welt läßt sich nur noch mit einer völlig unanschauli­chen, der Alltagslogik widersprechenden Mathematik entschlüsseln. In ihrer logi­schen und mathematischen Struktur ist die Quantentheorie vollkommen wider­spruchsfrei, wir können sie uns nur nicht begreiflich machen. In der Quantentheorie gibt es das Phä­nomen der Nichtlokalität.5 Darunter ver­steht man, daß in einem System von zwei Teilchen, die anfänglich direkt miteinan­der wechselwirkten und sich daraufhin weit voneinander entfernten, die Beein­flussung des einen Teilchens zugleich die Beeinflussung des anderen bedeutet, oh­ne daß es zwischen beiden einen lokalen und kausalen Zusammenhang gibt. Man nennt das eine Quantenkorrelation oder Verschränkung. Albert Einstein sprach von einer „spukhaften Fernwirkung“. In­zwischen ist diese Fernwirkung auch auf Entfernungen von vielen Kilometern und für viele Millionen Teilchen gleichzeitig nachgewiesen worden.

Durch diese „spukhafte Fernwirkung“ stehen die paranormalen Phänomene auch nicht im Widerspruch zur moder­nen Physik. Es findet keine Verletzung elementarer Naturgesetze wie der Erhal­tungssätze und Symmetrien statt, son­dern nur quantenphysikalisch-stochasti­sche (Zufalls-)Prozesse können „para­normal“ verändert werden. Der französi­sche Quantenphysiker und Wissen­schaftsphilosoph Oliver Costa de Beaure­gard (1911–2007) sagte: „Die heutige Phy­sik hat Raum für die Existenz sogenannter paranormaler Phänomene wie Telepathie, Präkognition und Psychokinese […] Das ganze Konzept der Nichtlokalität in der heu­tigen Physik setzt diese Möglichkeit vor­aus.“6

Parapsychologen wie Dean Radin (geb. 1952), Russel Targ (geb. 1934) oder Walter von Lucadou (geb. 1945) speku­lieren, daß auch das Bewußtsein ein nichtlokales Phänomen ist oder doch zu­mindest mit nichtlokalen Prozessen ver­bunden ist. Das heißt, daß die nichtloka­len Vorgänge im subatomaren Quanten­bereich den nichtlokalen paranormalen Ereignissen zugrunde liegen, die wir auf menschlicher Ebene erleben.7 Die paranormalen Phänomene funk­tionieren in einem Bereich der Realität – möglicherweise einer fünften Dimension neben den drei Raumdimensionen und der Zeit –, in dem Informationsprozesse vor sich gehen, den wir noch nicht ken­nen. Dort geht es nicht um räumliche oder zeitliche Nähe, sondern um Bedeu­tung. Je stärker die emotionale Ladung eines Psi-Signals, desto größer die Wahr­scheinlichkeit, daß es zu einer Reaktion führt oder die Bewußtseinsschwelle er­reicht.8

 

Hans Bender.
Wolf Messing.
Wilhelm H.C. Tenhaeff.
Ursula Kardos.
Die Helmsauer Marie.
Major Friedrich Jäger.

Der Zweite Weltkrieg im Vorgesicht

Es gibt viele Berichte über paranormale Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, oft verbunden mit dem Schicksal von nahen Angehörigen. Für unsere Fragestellung sind diese Vorgesichte jedoch nur dann von Interesse, wenn sie Informationen über das kollektive Schicksal, den Ver­lauf der Geschichte, enthalten. Wenn also jemand 1930 die Zerstörung von Rotter­dam vorhersah, dann ist das für uns wichtig, weil er damit den Zweiten Welt­krieg und den deutschen Angriff auf die Niederlande von 1940 vorhergesehen hat. Man kann dann sagen – die Echtheit der Vorgesichte einmal vorausgesetzt –, daß diese Ereignisse zu jenem Zeitpunkt schon feststanden oder zumindest schon wahrscheinlich waren. Anhand von ihnen will ich versuchen, nachzuvollziehen, wie sich der Zweite Weltkrieg jenseits der vordergründigen Realität in der zunächst nur hypothetisch angenommenen virtuellen Dimension vorbereitet hat. Es ist ein Versuch, einen Blick hinter den Vorhang der Geschichte zu werfen. Außer aus Deutschland, wo der Frei­burger Parapsychologe Hans Bender vie­le Vorgesichte gesammelt hat, stammen viele von Wilhelm Tenhaeff aus den Nie­derlanden, der schon während des Krie­ges mit seiner Sammlung begann.

Der Rabbi Hile Wechsler (1843–1894) veröffentlichte 1881 in Würzburg unter dem Namen Jaschar Milo Davar ein Buch in Hebräisch mit dem Titel „Ein Wort der Mahnung an Israel um Beherzigung der Judenhetze und merkwu?rdige darauf bezu?gliche Tra?ume“. Das Buch stand ganz unter dem Eindruck der Bewegung des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stoecker. In einem seiner Träume sah Wechsler von Rumänien aus ein großes Unheil in Form einer dunklen Wolke auf die deutschen Juden zukommen, das zu­erst Deutschland und dann Österreich erreichte.9 Die Vorhersage Wechslers ist vor allem im Judentum bekannt. Aller­dings ist sie wenig spezifisch, und man kann in ihr auch nur den Ausdruck des Bedrohtheitsgefühls durch den Antise­mitismus der Zeit sehen. Ein Brand in einem norddeutschen Dorf war der Gegenstand des Vorge­sichts, das um 1900 die für ihre Visionen bekannte Magd Meta Margerete Meyer, „die Gret“ genannt, im Dorf Ahausen im Landkreis Rotenburg (Wümme) in der Lüneburger Heide hatte. Er werde ge­genüber der Kirche während des Gottes­dienstes beginnen. Die Leute kämen kaum noch aus der Kirche heraus, da vor ihr schon ein großer Baum brenne. Das Feuer breite sich rasch aus und komme erst vor einem bestimmten Haus zum Stehen. Männer in merkwürdigen Uni­formen würden beim Löschen helfen, wobei einer vom Pferde fallen werde. Die Bewohner von Ahausen stellten jah­relang Brandwachen auf. Am Pfingst­sonntag 1933, die Bewohner des Dorfes waren im Gottesdienst, brach der Brand aus. Er vollzog sich wie von der Gret vor­hergesagt, insgesamt verbrannten elf Hö­fe von 30 im Ort. Eine zufällig anwesen­de Staffel Reiter-SA in ihren ockerfarbe­nen Uniformen half bei der Brandbe­kämpfung, wobei einer von ihnen vom Pferde fiel. Das Vorgesicht war nach über 30 Jahren in Erfüllung gegangen. Bei ei­ner Nachuntersuchung vor Ort fand Hans Bender im Jahr 1962 die Geschichte im wesentlichen bestätigt.
Ein weiteres Vorgesicht, das spezifisch genug ist, um als Vorgesicht des Natio­nalsozialismus und zwar des Holocaust gelten zu können, sofern es denn echt ist, stammt von dem jüdischen Paragnosten Wolf Gregorevich Messing (1899–1974)10 aus Góra Kalwaria in Polen. Wolf Mes­sing war eine schillernde Persönlichkeit, die sich in unterschiedlichen Berufen durchschlug. Sein Vorgesicht hatte Mes­sing 1911 in Polen auf einer jüdischen Fa­milienfeier, einer Bar Mitzwa. An die hundert meist wohlhabende Gäste waren im besten Hotel der Stadt versammelt. Als Messing auf die Gesellschaft blickte, bildete sich ein Nebel, und plötzlich wa­ren alle Gäste nackt, sie waren nur noch Knochengerippe und gingen im Gänse­marsch einher. Messing wandte den Blick ab, und danach war das Gesicht wieder verschwunden.11

Hans Bender berichtet von dem Fall der Frau J. Suchland. Bereits im Jahr 1919, 14 Tage nach der Geburt ihres jüng­sten Sohnes, hatte sie folgenden Traum: Sie war in einer fremden Landschaft am Ufer eines Meeres und wußte, daß dort ihr jüngster Sohn begraben lag. Angster­füllt suchte sie mit den Händen im Sand­strand nach ihm und wachte mit einem Schrei auf. Noch ganz im Traum gefan­gen forderte sie ihren Mann auf: „Du mußt mir helfen, unseren Hans zu su­chen, er liegt beim Meer unter dem Sand.“ Der Säugling Hans schlief wäh­renddessen ruhig in seinem Bett. 1945, 26 Jahre nach diesem Traum, erhielt Frau Suchland vom Roten Kreuz die Todes­nachricht ihres Sohnes, der in französi­scher Gefangenschaft gestorben war. Sein Grab lag bei Fort Mahon in den Dü­nen der französischen Kanalküste.12

In die Zeit vor 1920 fällt auch noch das Vorgesicht, das Theodor Caspar Wrees­mann (1855–1941), der Stadtschreiber von Friesoythe, einer kleinen Stadt im Oldenburger Münsterland, hatte. Schon damals sprach man in dem Ort von dem Vorgesicht des alten Wreesmanns. Er sah eine große Zerstörung Friesoythes vor­aus, zwischen dem Krankenhaus und dem Amtsgericht werde alles platt danie­derliegen. Wenn es soweit sei, sollten die Friesoyther nach Pehmertange gehen, ei­nem Ort in der Nachbarschaft, dort seien sie sicher. Vier Jahre nach Wreesmanns Tod im Jahr 1941 ging sein Vorgesicht in Erfüllung. Als am 14. März 1945 kanadi­sche Truppen in die Stadt vorrückten, die von deutschen Soldaten verteidigt wurde, fiel gleich zu Beginn des Kamp­fes ein beliebter Offizier der Kanadier. Aus Rache zerstörten die Kanadier mit Flammenwerfern und Bulldozern die ge­samte Innenstadt. Vom Krankenhaus bis zum Amtsgericht stand kein Haus mehr, alles war eine ebene Fläche. Von den Ein­wohnern Friesoythes, die in die Nach­barorte geflohen waren, war keinem et­was geschehen.13

Schon 1930 träumte eine Ostpreußin ihr Flüchtlingsschicksal voraus. In ihrem Traum war sie voller Angst, die dann da­durch gemildert wurde, daß sie in ein ihr unbekanntes Haus mit lauter alten Mö­beln aufgenommen wurde. Es gehörte einem alten, ihr unbekannten Verwand­ten, der gerade verstorben war. Im Traum konnte sie sich nicht erklären, wa­rum sie so glücklich war, in dieser Woh­nung eines Verstorbenen wohnen zu dürfen. 15 Jahre später führte sie ein Treck vor den Russen fliehender Ost­preußen in letzter Not in dieses Haus ei­nes entfernten Verwandten, welcher durch die Aufregung über die Ereignisse starb, und in dem sie bleiben durfte.14

Tenhaeff berichtet von einem Herrn S. (J. H. Schell), einem Sonderling, der ab 1930 damit begann, Gemälde zu fabrizie­ren, die nach seinen Angaben propheti­schen Charakter haben sollten. Die Ge­mälde entstanden dadurch, daß er mit den Fingern Farbe auf ein Papier schmierte. Im Jahr 1936 veröffentlichte Schell ein kleines Buch, das die gereim­ten Beschreibungen von 160 seiner Ge­mälde enthielt. Als Schell etwa im Jahr 1937 Tenhaeff seine Malereien zeigte, be­hauptete er, sie hätten etwas mit der Zer­störung der Innenstadt von Rotterdam zu tun. Tenhaeff muteten diese Bilder pa­thologisch an, etwa wie die Bilder von Schizophrenen in dem Buch von Prinz­horn. Daß sie die Zerstörung von Rotter­dam zeigen sollten, hielt er dagegen eher für nebensächlich. Nach der Zerstörung der alten Innenstadt von Rotterdam durch den deutschen Luftangriff am 14. Mai 1940 scheint es dagegen eher so zu sein, als habe der Sonderling Schell ei­ne intuitive Vorahnung der Zerstörung der Stadt gehabt.15 1932 suchte in Berlin ein jüdischer Me­dizinstudent die aus Ungarn stammende Hellseherin Ursula Kardos (1898–1971) auf. Frau Kardos war die bekannteste Hellseherin Berlins, zu der viele promi­nente Besucher kamen. Der Medizinstu­dent wollte wissen, ob er sein bevorste­hendes Examen bestehen werde. Frau Kardos sagte ihm, daß er sein Examen nicht machen werde und bald fluchtartig Deutschland verlassen müsse. Er werde verfolgt werden, ohne ein Verbrechen be­gangen zu haben. Später würden auch seine Eltern verfolgt werden, aber das Land nicht verlassen. Der Medizinstu­dent werde eines Tages zurückkehren, ohne aber seine Eltern oder sein Heim vorzufinden. Er werde deshalb nicht in Deutschland bleiben wollen, sondern wieder ins Ausland gehen. Seine Eltern werde er nicht wiedersehen. Nach Kriegsende wurde Frau Kardos von einem amerikanischen Soldaten be­sucht, der sich als der frühere Medizin­student vorstellte. Er sagte ihr, daß sie mit ihrer Vorhersage völlig recht gehabt habe. Als die Judenverfolgung einsetzte, habe er fluchtartig Deutschland verlas­sen, ohne sein Examen gemacht zu ha­ben. Seine Eltern waren nicht zur Flucht zu bewegen gewesen, hatten geglaubt, daß ihnen nichts geschehen würde, und waren wahrscheinlich in einem KZ um­gebracht worden.16

Die nächste Geschichte berichtet der schwedische Psychiater Nils-Olof Jacob­son (1937–2017). Eine 15jährige Schwe­din träumte am Heiligabend des Jahres 1933, sie säße zusammen mit ihrer Mut­ter und ihrer nur selten anwesenden älte­ren Freundin Elin am Tisch. Als sie aus dem Fenster blickte, sah sie ihren Nach­barn, einen Deutschen, aus dem Haus kommen und eine Fahne hissen.
„Es war keine schwedische Fahne, sondern eine mit einem sonderbaren Kreuz. Als die Fahne den ganzen Himmel bedeckte, öffnete sich das Kreuz, und ein Heer von Menschen, Panzerwagen und Bombenflugzeugen wälzte sich über den Himmel, ein Strom von Blut ergoß sich auf die Erde. Starr vor Schreck fuhr ich auf, zeigte auf die Erscheinung und rief: ‚Sieh, sieh, sieh!‘ Auch Elin war aufge­standen und sah – dann sagte sie: ‚Es wird einen furchtbaren Krieg geben in Europa, aber dann bin ich schon tot.‘ Dann faßte sie sich an die Brust und fiel auf den Boden, Blut floß aus ihrem Mund. Im Augenblick, in dem ich mich über sie beugte, wachte ich auf.“

Der Schwedin war sofort klar, daß sie die Wahrheit geträumt hatte. Die Jahre vergingen, die Schwedin wurde erwach­sen, ergriff einen Beruf und zog in eine andere Gegend. Nach Jahren traf sie ihre Freundin Elin wieder. Die Freundin hatte einen trockenen Husten, lehnte es aber ab, zu einem Arzt zu gehen. Die Fahne, die die Schwedin in ihrem Traum gese­hen hatte, war jetzt in jeder Zeitung zu sehen. Im August 1938 erhielt sie die Nachricht, daß Elin plötzlich an einem Blutsturz gestorben war. Ein Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.17

Die Berliner Hellseherin Ursula Kar­dos schreibt in ihren Erinnerungen: „Hit­ler hatte schon seinen Thron bestiegen, da fing mein innerer Frieden an zu schwinden. Ich erinnere mich noch an den ersten SA-Mann, den ich sah. Ein kleines Erdbeben hät­te mich nicht mehr erschüttern können. – ‚Das ist der Anfang vom Kriege‘, sagte ich zu einem Bekannten. ‚Sie Wahnsinnige‘, entgeg­nete er, die Leute machen Deutschland groß.“18 Als sich ihre Voraussagen her­umsprachen, wurde Frau Kardos verhaf­tet und wegen Hochverrats angeklagt.

Der Schriftsteller Heinrich Bessler (geb. 1912) berichtet von seiner Tante, die Else Schneider hieß. Die war mit einem Pastor verheiratet, der nach dem Ersten Weltkrieg von den Polen aus seiner Pfar­rei in den damals verlorenen Gebieten im Osten vertrieben worden war. Eher kon­servativ eingestellt, hatte sie für Hitler und seine Ziele durchaus einige Sympa­thien. Sie war eine nüchterne Frau, die nie irgendwelche paranormalen Erfah­rungen gemacht hatte. Als sie Mitte 60 war, ging eine merkwürdige Verände­rung mit ihr vor sich. Sie war in kurzer Zeit sehr gealtert, war aber auch gelöster und den Menschen ihrer Umgebung mehr zugetan als zuvor, wirkte aber auch ein bißchen, als sei sie nicht von dieser Welt. In der Zeit von 1933 bis 1936 wurde sie von eigenartigen Träumen heimgesucht. Sie sprach mit niemandem darüber, bis sie sich ihrem Neffen anver­traute, von dem sie wußte, daß er sich mit parapsychologischen Dingen befaß­te. Die meisten Träume handelten von der Zerstörung Berlins und dem Tod der neuen Machthaber in Deutschland. Sie haben sich nicht in allen Einzelheiten be­wahrheitet, aber immer wieder sah Else die ihr gut bekannten Straßen der Berli­ner Innenstadt zwischen Friedrichstraße und Leipziger Straße. Sie waren mit Schutt bedeckt, und Leichen lagen her­um. Von vielen Häusern standen nur noch Fassaden mit leeren Fensterhöhlen, aus anderen schlugen die Flammen. Der Himmel hatte eine rötliche Färbung, und die Luft war rauchig wie im Nebel. Dann sah sie Panzerwagen durch die Stadt fah­ren, an denen sie den Roten Stern er­kannte. Zwei- oder dreimal sah sie auch die Leiche Hitlers am Boden liegen, die von den Füßen an zu brennen begann. Die Traumbilder bedrückten Else Schnei­der sehr. Sie war davon überzeugt, daß ihre Träume keine gewöhnlichen Träu­me seien, sondern prophetischen Cha­rakter hätten. Ihr Neffe, der ihre Traum­bilder nicht so ernst nahm, versuchte ver­geblich, ihr das auszureden.19

Zu der Sammlung Wilhelm Tenhaeffs gehören auch Notizen aus dem Nachlaß des Philologen Dr. G. v. W., der während des Krieges als Widerstandskämpfer ver­haftet wurde und in der Gefangenschaft umkam. Dr. G. v. W. war sehr an Para­psychologie interessiert und suchte in den Jahren von 1930 bis 1943 mehrfach Hellseher auf. Oft besprach er das, was er von diesen erfahren hatte, mit Tenhaeff. Keiner der Paragnosten hat sein tragi­sches Ende vorhergesehen, doch enthiel­ten die Vorhersagen manche Einzelhei­ten, die sich verwirklichten. Am 6. Febru­ar 1936 sagte ihm Fräulein H. „[…] Sie bleiben nicht in den Niederlanden. Sie wer­den mit Maschinen zu tun haben. Ich sehe Maschinen rings um Sie […]“ Und am 11. August 1942 sagte ihm Frau M. voraus, er werde im nächsten Jahr ins Ausland kommen und dort vor allem deutsch und französisch sprechen. Am 2. Oktober sagte ihm Frau G. „[…] Es steht Ihnen eine Veränderung bevor. Sie werden plötzlich ab­gerufen werden. Ich sehe Sie hastig packen. Sie gehen sehr widerwillig fort […] Ich sehe Sie im Ausland. Tragen Sie eine Uniform? (Dr. G. v. W.: ‚Nein.‘). Ich meine mit einer Uniform nicht ein militärisches Kleidungs­stück, sondern eine Kleidung, die viele Leute in einer bestimmten Umgebung tragen. Ich sehe Sie inmitten von Uniformen.“ Am 9. April 1943 wird auch von einer anderer Hellseherin, Frau C., eine Uniform er­wähnt.

Dr. G. v. W. mußte während seiner Ge­fangenschaft in Deutschland Zwangsar­beit leisten. Dort war er viel mit französi­schen Zwangsarbeitern zusammen. Er bat seine Angehörigen, ihm ein französi­sches Wörterbuch zu schicken. Tenhaeff sieht in dem Fehlen des eigentlichen Kerns des Schicksals des Philologen in den Vorhersagen der Paragnosten die Folge eines psychischen Abwehrmecha­nismus bei diesen. Dr. G. v. W. hatte von seinem Besuch bei der Hellseherin Frau H. v. B. im Oktober 1942 geschrieben, daß diese anscheinend nichts für ihn zu sehen vermochte. „Ich bin völlig abge­schlossen“, sagte sie.20

Im November 1938 erzählte Herr B. L., der jüdischer Herkunft und Buchhalter bei einem großen Amsterdamer Ge­schäftshaus war, Wilhelm Tenhaeff in Anwesenheit von Zeugen von einem Traum, den er einige Tage zuvor gehabt hatte. Tenhaeff notierte sich den Traum, wodurch seine Echtheit in einer Weise dokumentiert ist, wie man sich das nur wünschen kann. Herr L. erzählte: „Ich be­fand mich im Traum auf der Nieuwe Keizers­gracht in Amsterdam. Ich schaute die Gracht entlang und sah dort das Selten-Haus. Ich nenne es Selten-Haus, weil dort früher ein­mal die Glühbirnenfabrik Selten unterge­bracht war. Deutlich sah ich deutsche Solda­ten vor dem Haus stehen. Dann drangen sie ins Haus ein.“ Einige Wochen später er­zählte er Tenhaeff wiederum von einem Traum, den dieser gleichfalls notierte. Darin sah er sich selbst „in einer Art Uni­form“ in einem Lager. 1942 wurde das Selten-Haus vom Jüdischen Rat aufge­kauft, einer Institution, die, soweit das damals möglich war, die Interessen der jüdischen Bevölkerung gegenüber den deutschen Besatzern vertrat. Einige Mo­nate später übernahm Herrn L. eine An­stellung beim Jüdischen Rat. Im Juli 1943 drangen deutsche Soldaten dort ein, die Herrn L. aber unbehelligt ließen. Der sah darin die Bestätigung, daß er wegen sei­ner Anstellung beim Jüdischen Rat vor weiterer Verfolgung sicher sei. Tenhaeff erinnerte ihn an den Traum mit dem La­ger, doch L. lehnte es ab, in den Unter­grund zu gehen. Schließlich wurde auch Herr L. deportiert, er gehörte zu denen, die nicht wieder zurückkehrten.21

In einer Vollmondnacht im Frühjahr 1939 ging ein Berichterstatter Hans Ben­ders durch die Hauptgeschäftsstraße der Innenstadt von Freiburg (Breisgau). Er wollte noch die letzte Straßenbahn errei­chen. Plötzlich veränderte sich das Stadt­bild. Um ihn herum waren nur noch Trümmer. Nur das Freiburger Münster stand unversehrt inmitten des Trümmer­feldes. Dem Mann brach der Schweiß aus, er wußte: „Das muß ich sofort auf­schreiben und Zeugen mitteilen.“ In der Straßenbahn war er so verstört, daß der Schaffner einen anderen Fahrgast auffor­derte, ihm den Sitz freizumachen. Die Vi­sion veranlaßte ihn, im Juli 1939 aus Frei­burg wegzuziehen. Fünf Jahre später, am 27. November 1944, wurde die Freibur­ger Innenstadt bei einem britischen Luft­angriff völlig zerstört. Nur das Münster blieb wie durch ein Wunder erhalten.22

Im Mai 1939 träumte ein deutscher Student in Prag, ein besonnener Mann, er gehe in Uniform zusammen mit anderen Kameraden hinter einem roh gezimmer­ten Holzsarg her. Der Zug bewegte sich durch eine Stadt mit Häusern in fremder Bauweise, und es roch nach Fisch und stehendem Wasser. Der Student besah sich im Traum die Schaufenster der Lä­den und wunderte sich über die abwei­senden Gesichter der Bewohner des Or­tes. Sein Traum erfüllte sich nach sechs Jahren. Im Mai 1945 geriet der ehemalige Student in kanadische Kriegsgefangen­schaft und wurde einer deutschen Mi­nenräumeinheit in Dubbeldam in der Provinz Südholland zugeteilt. Als die ih­ren ersten Verlust beklagte, trug man den Kameraden in einem roh zusammenge­zimmerten Holzsarg zu Grabe. Alles ging so vonstatten, wie der Student es in seinem Traum gesehen hatte.23

Das nächste Vorgesicht des Krieges kommt aus Bayern. Die Helmsauer Ma­rie war eine wunderliche alte Frau. In der ganzen Gegend war sie für ihre Hellsich­tigkeit bekannt, und die Leute kamen zu ihr, wenn sie etwas verloren hatten oder sonst nicht weiterwußten. Geld nahm die Helmsauer Marie nie, sonst wäre sie Mil­lionärin geworden – sagte man. Schon vor Ausbruch des Krieges erklärte sie, daß viele Leute, die eine fremde Sprache sprachen, zum Arbeiten kommen wur­den. Offensichtlich meinte sie die vielen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter, die man während des Krieges auf die Höfe verteilte, um die Männer für den Krieg freizumachen. Während des Krie­ges kamen immer mehr Menschen zu ihr, um zu erfahren, ob ihre Männer und Söhne eingezogen werden, den Krieg überstehen oder aus der Gefangenschaft zurückkehren wurden. Viele Ohrenzeu­gen konnten bestätigen, daß die Helm­sauer Marie schon kurz nach Kriegsbe­ginn voraussagte, daß dieser bis zum Jahr 1945 dauern werde. Ihre Worte wa­ren: „45 macht da Ami am 1. Mai d‘ Tür auf!“ Und als man sie dann entsetzt frag­te, ob das heiße, daß Deutschland den Krieg verlieren werde, erwiderte sie un­erschrocken, „Moast‘, daß d‘ Hadalumpn (Taugenichtse) an Kriag gwinga?“

Die Zerstörung von Rotterdam war auch das Thema eines niederländischen Vorgesichts kurz nach Kriegsausbruch. Der Mann einer Vertrauten von Tenhaeff, Herr v. d. N., bezog Getreide von einem Getreidehändler, der als äußerst schwie­rig im Umgang galt. Im Oktober 1939 weigerte sich dieser Getreidehändler plötzlich, ohne dafür Gründe angeben zu können, eine Partie Mehl in einen Spei­cher des Herrn v. d. N. am Scheepma­kershaven in Rotterdam zu liefern. Nach längerem Hin und Her schien der Mann verworrenes Zeug zu reden. Er sagte, er sehe den Speicher des Herrn v. d. N. und die ganze Umgebung abbrennen. Sein ei­genes Geschäft werde ebenfalls in Flam­men aufgehen, und schließlich „ganz Rot­terdam“. Am 14. Mai wurden bei dem Luftangriff auf Rotterdam tatsächlich die Häuser am Scheepmakershaven und in den angrenzenden Straßen ein Raub der Flammen. Der Getreidehändler, der das Gesicht gehabt hatte, geriet nach dem Angriff in einen völlig überspannten Zu­stand und wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Tenhaeff spekuliert darüber, daß der Mann unter einer psy­chischen Störung litt, die sich schon vor seinem Zusammenbruch in seinem un­berechenbaren Verhalten geäußert habe, und die die Manifestierung seiner latent paragnostischen Fähigkeiten begünstig­te.24

Pater Norbert Backmund (1907–1987) war Historiker und befaßte sich unter an­derem mit den bayerischen Hellsehern, von denen er viele seiner Zeit persönlich kannte. Im November 1939 sprach er mit Herrn B., von dessen paranormaler Bega­bung er wußte. Das Thema Politik ver­mied er, denn B. war überzeugter Natio­nalsozialist, und da gerieten sie immer aneinander. Um so größer war Back­munds Staunen, als B. zu ihm sagte: „Sie glauben, daß der Krieg bald aus ist? Haben Sie eine Ahnung! Der dauert lang. Was ich ihnen jetzt sage, müssen Sie aber unbedingt für sich behalten. Ab 1943 wird es für uns schlimmer. Es kommen schreckliche Dinge über uns. Und zwei Jahre später wird es so furchtbar, daß es nicht sicher ist, ob wir es überleben.“ 25

Der Jurist, Kunsthändler und Schrift­steller Wilhelm Moufang (1895–1989) be­richtete in seinem Buch über Träume von einem präkognitiven Traum, den eine ihm als besonders kritisch bekannte Da­me, Frau Charlotte T.-H., im Winter 1939/40 in Dresden hatte. Sie hat den Traum vielen Bekannten erzählt. „Im er­sten Kriegsjahr, im Winter 1939/40, träumte ich in Dresden im Hause meiner Eltern, daß ich durch die Nürnberger Straße, unsere Straße in Dresden, gehe, die ganz hell vom Mond beleuchtet war. Zuerst war ich sehr be­ruhigt über den Mondschein. Zugleich er­schienen mir die Häuser besonders hoch, hö­her, als sie in Wirklichkeit waren. Aber plötz­lich überkam mich im Traum das Gefühl, diese Stille sei unheimlich. Darauf fing ich an, schneller und immer schneller zu laufen. – Schließlich rannte ich so, daß ich das Klap­pern meiner eigenen Schuhe hörte, und fragte mich, was mich eigentlich so beängstigte. Dann sah ich auf einmal an den Häusern hoch und bemerkte mit Schrecken, daß es nur leere Fassaden waren. […] Ich erzählte den Traum, da er mich schwer beeindruckt hatte, sofort meinen Angehörigen.“ 26

Ebenfalls Anfang 1940, noch vor dem Angriff auf die Niederlande, lief eine ver­wirrte Frau schreiend durch eine der Straßen des Bezuidenhout-Viertels in Den Haag. Wie verschiedene Berichter­statter bezeugten, rief sie – offenbar hal­luzinierend – immer wieder „Paßt auf! Alles brennt! Alles brennt! […] Seht ihr denn Hitler nicht?“ Am 3. März 1945 wur­de das Bezuidenhout-Viertel bei einem britischen Luftangriff fast völlig zerstört. Der Angriff hatte eigentlich einer be­nachbarten V2-Stellung gegolten. Bei dem Angriff wurde auch das Haus der verwirrten Frau zerstört.27 Ursula Kardos sagte in der Zeit nach dem gewonnen Polenfeldzug Frierich Jaeger (1895-1944), der damals Major bei der Wehrmacht war, voraus, daß er einen Flußübergang durchführen und dafür die höchste Auszeichnung bekommen werde. Auch einen zweiten Fluß werde er überqueren, dabei aber verwundet werden. „Du wirst am zweiten Fluß an der gleichen Stelle verwundet werden wie im er­sten Krieg und dann ganz schnell nach Ber­lin kommen, um in höchsten Stäben Verwen­dung zu finden.“ Tatsächlich erhielt Major Jaeger für die Erzwingung des Maas­übergangs bei Nouzonville das Ritter­kreuz. Bei der Überquerung der Aisne wurde er an derselben Körperstelle ver­wundet wie im Ersten Weltkrieg. Die Verwundung lag nur einen Zentimeter tiefer als die von 1914. Der inzwischen zum Oberst beförderte Jaeger war später am Staatsstreichversuch des 20. Juli be­teiligt und wurde im August 1944 hinge­richtet. Sein Sohn, der Werbegraphiker Jaeger, bestätigte 1949 die Vorhersage von Frau Kardos.28

Um 1940 war Herr P. v. d. K. aus Am­sterdam Zollbeamter an der niederlän­disch-deutschen Grenze in `s-Heeren­berg. Bis zum Krieg kam regelmäßig ein deutscher Klavierstimmer aus Emmerich am Niederrhein über die Grenze, um Kunden in den Niederlanden zu besu­chen. Vom 10. Mai bis Ende Juli 1940 durfte der Klavierstimmer die Grenze nicht passieren. Als er dann das erste Mal wieder an der Zollstelle von P. v. d. K. vorbei kam, frage dieser ihn – mehr zum Spaß – wie der Krieg wohl verlaufen werde. Er antwortete: „Der Krieg dauert noch viel länger als der vorige. Deutschland verliert ihn ebenfalls. Wir werden auch gegen Rußland kämpfen. Ich sehe hunderte von Flugzeugen Berlin verwüsten, sie werfen Feuer ab, so daß die Straßen brennen. Emme­rich wird zerstört. Holland wird befreit, aber es werden dort furchtbare Kämpfe sein. Der erste Stoß kommt in der Gegend von Nimwe­gen, wo eine Entscheidungsschlacht geliefert wird. Ich sehe dort eine Brücke, im Wasser treiben Soldaten, und alles ist rot von Blut.“29

Frau Kardos sagte 1942 einem Besu­cher, einem Herrn E. L., damals Offizier bei der Wehrmacht, daß alle, die damals in Deutschland an der Regierung wären, keines natürlichen Todes sterben wür­den. Herr L. bestätigte ihr das 1948 in ei­ner Erklärung.30

Im November 1944 lag ein junger Mann, der später Künstler werden sollte, in einem Bunker in der Eifel. Seine Ein­heit war die letzte, die sich vor den her­annahenden Amerikanern zurückzog. Er war gerade dabei, seiner Frau einen be­ruhigenden Brief zu schreiben, als er eine Vision hatte: „Ich sah mich, wie ich aus dem Abteil eines Schnellzuges stieg, in jeder Hand etwas tragend. Ich war braungebrannt, in bester körperlicher Verfassung, aber erheb­lich magerer als zu der Zeit, als ich den Brief schrieb. Ich blickte an mir herunter, gleich­sam meine Kleider kontrollierend, und stellte fest, daß ich eine graublaue Hose und einen Mantel in derselben Farbe trug. Ich ging ne­ben Eisenpfosten vorbei durch einen Ausgang vor dem Bahnhof, drehte mich um und sah ein schwer beschädigtes, mir unbekanntes Gebäude. Die Sonne stand tief. Ihre Richtung war ungefähr um 15 Uhr. Kein Laub an den Bäumen, kein Grün, aber trotzdem war es sehr heiß. Ich fühlte das Bedürfnis, den Man­tel auszuziehen. Im Westen horizontale leich­te, helle Wolken. Über dem ganzen Bild eine diesige Stimmung. Meine Frau in einem großgeblümten hellen Sommerkleid holte mich ab.“ Karfreitag 1945 kam der junge Mann in amerikanische Kriegsgefangen­schaft und blieb ein Jahr lang in einem Lager. Im Frühjahr 1946 wurde er über­raschend in ein Entlassungslager über­stellt, wo er noch vier Wochen warten mußte. Am Tag vor dem Abtransport er­hielten alle im Austausch zu der Gefan­genenkleidung deutsche Militärsachen. In der Kleiderkammer lagen auf einem großen Haufen grüngrauer Heeresmän­tel zwei blaugraue Luftwaffenmäntel. Der junge Mann war überzeugt, einen davon zu bekommen, und behielt recht. Außerdem erhielt er eine Hose aus grau­blauem Tuch. Am Karfreitag 1946 stieg der Kriegsheimkehrer in Freiburg aus dem Zug. Er bemerkte zwei Eisensäulen. An sich herunterblickend, hatte er diesel­be Kleidung an wie in seinem Vorgesicht. Als er sich umdrehte, sah er das völlig zerstörte Freiburger Bahnhofsgebäude, das er in seinem Vorschauerlebnis nicht erkannt hatte. Es war heiß, und die Son­ne stand genau an dem in der Vorschau gesehenen Punkt, vor ihr ein Dunst­schleier. Nur seine Frau war nicht am Bahnhof, sie empfing ihren Mann zu Hause im großgeblümten Sommer­kleid.31

Die Rote Flagge über den Trümmern von Berlin.

Ist die Geschichte vorherbestimmt?

Bei den vorstehenden Geschichten han­delt es sich um eine Auswahl von gut do­kumentierten und glaubwürdigen Visio­nen. Dennoch ist anzunehmen, daß sich unter unseren Vorgesichten auch einige befinden, die auf Schwindel oder Selbst­täuschung beruhen – oder auf schlichtem Zufall.

In Hinblick auf eine vorherbestimmte Zukunft sind solche Vorgesichte beson­ders interessant, die in Einzelheiten von der Realität abweichen. Als der Freibur­ger Kriegsheimkehrer am Karfreitag 1946 nach Hause zurückkehrte, stimm­ten zwar der Tag, das Wetter, seine Klei­dung und das Kleid seiner Frau überein, jedoch holte seine Frau ihn nicht am Bahnhof ab, sondern empfing ihn erst in ihrem Haus. Möglicherweise spielt das Unterbewußte des Vorschauers mit hin­ein, und der Heimkehrer wünschte sich, daß seine Frau ihn schon am Bahnhof ab­holen würde. Solche Abweichungen im Detail bei der Verwirklichung der Vorge­sichte können aber auch ein Hinweis dar­auf sein, daß die Zukunft zur Zeit des Vorgesichts noch nicht völlig feststand und sich bis zur Verwirklichung immer mehr verfestigte, das heißt immer wahr­scheinlicher wurde.

Parapsychologen, die glauben, daß die Zukunft nicht für immer feststeht, sehen in der Präkognition nicht die Vorweg­nahme der einen, feststehenden Zukunft, sondern vielmehr den Blick auf die sich entwickelnde Zukunft, wie sie zu dem Zeitpunkt der Präkognition gerade wahrscheinlich ist. Demnach entsteht die Zukunft im Laufe der Zeit und verfestigt sich bis zu ihrem Eintreten immer mehr. Erst im Moment des Eintretens erreicht sie eine Wahrscheinlichkeit von 100 Pro­zent. Der Prozeß der sich bildenden Zu­kunft beruht auf Informationsprozessen, die in einem uns noch nicht bekannten virtuellen Realitätsbereich stattfinden, in dem aus den vorhandenen Kausalitätsli­nien und dem zunächst noch ungeordne­ten Zufall die zukünftige Realität ent­steht.32

Allein vier der niederländischen Vor­gesichte beziehen sich auf die Zerstörung von Rotterdam. Diese hing am 14. Mai 1940 am seidenen Faden. Die Stadt war von den Niederländern zur Festung er­klärt worden und unterlag somit nicht mehr dem Schutz für zivile Einrichtun­gen gemäß dem Völkerrecht. Am Mor­gen des Tages hatten die deutschen und niederländischen Stäbe bei Rotterdam bereits die Übergabeverhandlungen auf­genommen. Die Nachricht davon er­reichte die Führung der Wehrmacht in den Niederlanden jedoch zu spät, sie hat­te bereits den Luftangriff auf Rotterdam befohlen. Es gelang noch, einen Teil der Bomber zurückzurufen. Als tragisch er­wies sich, daß bei den Bombern vom Typ Heinkel 111 vor dem Bombenabwurf die Schleppantenne eingezogen werden mußte. So erreichte der Befehl zum Ab­bruch über Funk einen Teil der angrei­fenden Flugzeugführer nicht mehr. Für uns bedeuten die vielen Vorgesichte zur Zerstörung von Rotterdam, daß diese trotz der vielen unvorher­sehbaren Unwägbarkeiten noch kurz vor ihrer Ver­wirklichung offenbar schon zehn Jahre zuvor vorherbestimmt war. Das Beispiel der Zerstö­rung von Rotterdam wi­derspricht der Annahme, daß die Zukunft sich lang­sam entwickelt und erst im Moment ihres Eintretens feststeht. Wäre das so, so wäre die Entscheidung über die Zerstörung Rotterdams erst kurz vor ihrer Verwirklichung gefallen. Das ist aber mit den vielen Vorgesichten der Zerstörung Rotterdams, die bereits ab 1930 auftreten und gut dokumentiert sind, nicht vereinbar. Sie legen nahe, daß die Zerstörung der Stadt bereits 1930 feststand. Das Gleiche gilt für die Schlacht um Arnheim, auf die sich mindestens drei der niederländischen Vorgesichte bezie­hen. Der Angriff der Alliierten auf Arn­heim war ein Kommandounternehmen, das erst 1944 erdacht wurde. Die ältesten Vorgesichte stammen aber schon aus dem Jahr 1927. Daraus folgt, daß schon fünf Jahre vor der Machtübernahme Hit­lers und 12 Jahre vor dem Beginn des Krieges nicht nur dessen Verlauf im gro­ßen und ganzen, sondern auch schon ei­ne ganz bestimmte Schlacht in seiner Endphase vorbestimmt war. Auch die Zerstörung von Friesoythe hing an einem De­tail, nämlich dem Tod des ka­nadischen Offiziers. Und doch scheint sie schon mindestens 26 Jahre vorher vorbe­stimmt gewesen zu sein. Daraus muß man wohl auf eine völlige Determiniert­heit der Zukunft und der Geschichte überhaupt schließen. Das ist nicht schön, aber so legen es die Vorgesichte nahe.

Anmerkungen

1 Ina Schmied-Knittel, Michael Schetsche: Psi-Report Deutschland. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu außergewöhnli­chen Erfahrungen, in: Eberhard Bauer, Mi­chael Schetsche (Hg.): Alltägliche Wunder. Erfahrungen mit dem Übersinnlichen – wis­senschaftliche Befunde. Würzburg 2011, S. 13–38, S. 28.

2 Teresa Temme: „Ich sehe was, was Du nicht siehst…“ Wahrträume und ihre subjek­tive Evidenz, in: Bauer u. Schetsche, Alltägli­che Wunder, S. 65–92, S. 73.

3 Dean Radin: Supernormal. Faszinieren­de Beweise für die unglaublichen Kräfte des Menschen, Amerang 2015, S. 179.

4 Zit. n. Elmar R. Gruber: Die PSI-Proto­kolle. Das geheime CIA-Forschungspro­gramm und die revolutionären Erkenntnisse der neuen Parapsychologie, München 2001, S. 14.

5 Nicolas Gisin: Der unbegreifliche Zufall. Nichtlokalität, Teleportation und weitere Seltsamkeiten der Quantenphysik, Berlin 2014.

6 Zit. n. Larry Dossey: Ich habe es geahnt! Wie Vorahnungen sich bestätigen und unser Leben bestimmen, Amerang 2011, S. 246.

7 Dossey, Ich habe es geahnt!, S. 263.

8 Gruber, PSI-Protokolle, S. 325.

9 James Kirsch: The Reluctant Prophet, Los Angeles 1973, S. 205.

10 Topsy Küppers: Wolf Messing. Hellse­her und Magier, München 2002.

11 Küppers, Wolf Messing, S. 65.

12 Hans Bender: Zukunftsvisionen, Kriegsprophezeiungen, Sterbeerlebnisse, Aufsätze zur Parapsychologie II, 2. Aufl., München 1986, S. 20f..

13 Ferdinand Cloppenburg: Stadtschrei­ber Theodor Caspar Anton Joseph Wrees­mann – Der „Seher“ von Friesoythe, in: Volkstum und Landschaft 132, 1993, S. 2–4; Ders.: der „Seher“ von Friesoythe, in: ders.: Die Stadt Friesoythe im zwanzigsten Jahr­hundert, Friesoythe 2003, S. 145–148.

14 Hans Bender: Der Krieg im Spiegel ok­kulter Erlebnisse, in: Neue Wissenschaft 9, 1960, Heft 1, S. 18–24, S. 22.

15 Wilhelm H. C. Tenhaeff: Das zweite Gesicht. Der Blick in die Zukunft, Berlin 1995, S. 204f..

16 Ursula Kardos: Hellsehen. 100 Fälle aus meiner Praxis, Berlin 1950, S. 77ff..

17 Nils-Olof Jacobson: Leben nach dem Tod? Bergisch Gladbach 1979, S. 69f..

18 Kardos, Hellsehen, S. 16.

19 Heinrich Bessler: Das Gespensterschiff. Vorzeichen, Wahrträume, Vorgesichte, Frankfurt a.M. 1978, S. 135f..

20 Tenheaff, Das zweite Gesicht, S. 111 u. 270.

21 Tenhaeff, Das zweite Gesicht, S. 52; ders.: Anthropologische Parapsychologie und historischer Idealismus, in: Andreas Resch (Hg.): Der kosmische Mensch, Mün­chen 1973, S. 263–307, S. 293.

22 Bender, Der Krieg, S. 20f..

23 Bender, Der Krieg, S. 20.

24 Tenhaeff, Sas zweite Gesicht, S. 203f..

25 Norbert Backmund: Hellseher schauen die Zukunft. Eine kritische Studie. 8. Aufl. Grafenau 1991, S. 114f..

26 Wilhelm Moufang, W.O. Stevens: My­sterium der Träume, München 1953, S. 287.

27 Tenhaeff, Das zweite Gesicht, S. 203.

28 Kardos, Hellsehen, S. 177ff..

29 Backmund, Hellsehen, S. 114.

30 Kardos, Hellsehen, S. 188f..

31 Hans Bender: Parapsychologie. Ihre Er­gebnisse und Probleme, Frankfurt a.M. 1982, S. 48f..

32 Dossey, Ich habe es geahnt!, S. 265.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com