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Die Weißen nach dem Bürgerkrieg

General Wrangel übernahm nach der Flucht Denikins den Oberbefehl über die weißen Streitkräfte in Südrußland und sicherte ebenso den Kosaken ihre Unabhängigkeit zu, wie er versuchte, mit den antibolschewistischen Bergvölkern des Kaukasus zu einer Einigung zu kommen. Auch führte er die zuvor von allen weißen Regierungen versäumte Bodenreform durch. Trotzdem ließ ihn die Entente fallen; Wrangel ermöglichte aber noch allen antibolschewistischen Kräften – insgesamt 150.000 Militärs und Zivilisten – die Flucht von der Krim. Der aus einer deutschbaltischen Familie stammende Wrangel wurde der Erste Vorsitzende des Exilrussischen Allgemeinen Kriegerbundes ROWS. 1928 wurde er durch einen sowjetischen Geheimagenten in Brüssel vergiftet.
Großfürst Nikolai Nikolajewitsch Romanow (1856–1929), ein Onkel von Zar Nikolaus II. und Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg, wurde 1924 zum Oberbefehlshaber der russischen Kriegsmacht im Ausland berufen. Er starb 1929 in Frankreich.

Die russischen Militäremigranten

Von Wolfgang Akunow

Die weiße bzw. weißgardistische Militäremigration bildete den am besten organisierten antibolschewistischen Machtfaktor im Exil. Die russischen Offiziere im Exil waren wie keine andere russische Emigrantengruppe ständig darum bemüht, nicht in der Flüchtlingsmasse aufzugehen, nicht im Ausland verlorenzugehen. Dazu mußte jedoch die Struktur ihrer Truppen und Verbände erhalten werden. Bereits Ende 1920 setzte im Exilanten-Offiziersmilieu ein spontaner Prozeß der Bildung verschie­dener Vereine, Bünde, Kameradschaften und anderer Organisationen ein. So gehörten Anfang 1923 dem „Rat der Vereinigten Offiziersgesellschaften im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“1 16 Mitgliedsorganisationen an, insbesondere die „Gesellschaft der Generalstabsoffiziere“, die „Gesellschaft der Artillerieoffiziere“, die „Gesellschaft der Träger des St.-Ge­org-Ordens und der St.-Georg-Waffen“, die „Gesellschaft der Marineoffiziere“, die „Gesellschaft der Militärjuristen“ u.a.m.

Am 1. September 1924 erließ der letzte Oberbefehlshaber (OB) der größten­teils in Serbien und Bulgarien stationier­ten (weißen) Russischen Armee General Baron P. N. Wrangel (1878–1928) seinen Befehl Nr. 82 über die Umwandlung der Weißen Armee in den „Russischen Allge­meinen Kriegerbund“ (Russkij Obscht­sche-Woinskij Sojus, ROWS). Dem ROWS gehörten alle weißen russischen Verbände sowie Kriegerbünde und -ver­eine an, die bereit waren, sich diesem Be­fehl zu fügen. Das innere Leben all dieser im Exil entstandenen russischen Krieger-(vornehmlich Offiziers-)organisationen, die in verschiedenen Ländern existierten und den Militärvertretern des ROWS-OB in diesen Ländern unterstanden, blieb unangetastet. Deren Dachverband ROWS verstand sich als Sammel-und Führungsstruktur für alle über die ganze Welt verstreuten weißen russischen Bür­gerkriegsveteranen. Der OB General Ba­ron Wrangel wurde ROWS-Vorsitzen­der.

Der Russische Allgemeine Kriegerbund ROWS

Die meisten in Europa, Nah-und Fernost sowie in Amerika gegründeten weißen russischen Krieger-bzw. Offiziersverei­ne traten dem ROWS bei. Als Aufnahme­bedingung galt der obligatorische Ver­zicht auf Mitgliedschaft in jeglicher poli­tischen Partei. ROWS galt als Zukunfts­armee des vom Bolschewismus mit be­waffneter Hand mit Hilfe der „freien Welt“ befreiten Rußland und sollte des­halb unpolitisch sein, wie es die Armee im vorbolschewistischen Rußland war, die über allen politischen Parteien und Bestrebungen zu stehen hatte. Die ROWS-Führungsspitze paßte scharf auf die Einhaltung des Grundsatzes der Nichteinmischung ins politische Leben der Exilrussen auf. Manche Kritiker aus den Kreisen der politisch engagierten Exilrussen hielten dies allerdings für ei­nen schweren Fehler Baron Wrangels. Sein beharrliches Bestehen auf dem un­politischen Charakter des ROWS würde die Möglichkeit einer tatsächlichen Ein­heit aller russischen Militärs im Exil ver­hindern. Die zumindest äußerlich unpo­litische Haltung des ROWS würde den realen Stimmungen der russischen Offi­ziere zuwiderlaufen, den Zustrom gei­stig und ideologisch instabiler, zufälliger Personen in die ROWS-Reihen fördern und vor allem für die Resignation der aufrecht patriotischen Armee-Elemente sorgen, die nach wie vor im unversöhnli­chen Haß gegen den Bolschewismus ver­harrten und jederzeit zum weiteren be­waffneten Kampf bereit waren. Gerade diese aufrechten Patrioten bildeten den Kern der elitären Vereine ehemaliger Gardeoffiziere sowie den ROWS-Grund­stock und waren in der Regel monarchi­stisch gesinnt, während liberal gesinnte bzw. völlig demoralisierte russische Offi­ziere im Exil meistens nicht auf die Be­freiung Rußlands vom Bolschewismus, sondern nur auf ihr eigenes Schicksal und Wohl bedacht waren.

Nichtdestotrotz dehnte der ROWS in den 20er/30er Jahren des 20. Jhd. seinen Einfluß auf die russischen Militäremi­grantenkreise in fast allen Ländern der Welt aus. Die Zahl der ROWS-Mitglieds­organisationen nahm im Laufe der Zeit ständig zu. Anfang der 1930er Jahre ge­hörten über 200 Vereine und Bünde mit 40.000 bis 60.000 Mitgliedern dem ROWS an. Allerdings belief sich die Anzahl der ROWS-Mitglieder, die nicht nur in den ROWS-Listen geführt wurden, sondern die ROWS-Versammlungen und -Veran­staltungen regelmäßig besuchten, Mit­gliedschaftsbeiträge zahlten und ggf. vom ROWS Sozialhilfe beantragten und erhielten, nur auf knapp 10.000–12.000. Die Anzahl der Aktivisten, die in den ROWS-Führungsstrukturen tätig waren, betrug aber weltweit noch weniger, höchstens 2.000.

Der ROWS war in Abteilungen (Zweigstellen) gegliedert:

  1. 1: Frankreich (Sammel­punkt der meisten russischen Emigran­ten), England, Dänemark, Holland, Nor­wegen, Italien, Ägypten, Syrien;
  2. 2: Deutschland (sehr ak­tiv), Österreich, Ungarn, Lettland, Est­land, Litauen, Danzig;
  3. 3: Bulgarien, Türkei;
  4. 4: Jugoslawien (zweit­größter Emigranten-Sammelpunkt), Griechenland, Rumänien;
  5. 5: Belgien (sehr aktiv), Luxemburg;
  6. 6 (seit 1930): Tschecho­slowakei.

Außerdem hatte der ROWS eine Fern­ost-Abteilung, zwei Abteilungen in den USA sowie Abteilungen in Kanada, Süd­amerika und in Australien und eine Filia­le in Polen (die sogenannte Unterabtei­lung Watschau).
Als Abteilungschefs benannte General Baron Wrangel nur ihm persönlich gut bekannte und ergebene hochrangige rus­sische Militärs, die im Offiziersmilieu ein hohes, im Welt-und Bürgerkrieg ver­dientes Ansehen besaßen. Die Abtei­lung 1 leitete 1924–1934 sein alter Kampf­gefährte und persönlicher Freund Gene­ral der Infanterie P. N. Schatilow (1881– 1962), Stabschef der Russischen Armee im Bürgerkrieg. Chef der Abteilung 2 war Generalmajor A. A. von Lampe (1885–1967), Auslandsbeauftragter des OB 1920. Chef der Abteilung 3 war Gene­ralleutnant F. F. Abramow (1870–1963), Kommandeur des Don(kosaken)-Korps auf der Krim und im Exil. Die Abtei­lung 4 leitete 1924–1933 General der In­fanterie E. E. Eck (1851–1937), Feldge­richt-Vorsitzender des Stabs der (weiß­gardistischen) Streitkräfte Südrußlands2 unter dem Oberbefehl des Generals A. I. Denikin (die unter Wrangel in „Russi­sche Armee“ umbenannt wurden) 1919/20. Chef der Abteilung 5 war Gene­ralmajor B. G. Hartmann bzw. Gartman (1878–1950), Vertreter des OB in Großbri­tannien 1919–1924.

Die ROWS-Mitgliedsorganisationen können wie folgt klassifiziert werden:
Die interne ROWS-Verwaltungsstruk­tur bestand aus Abteilungen, deren Chefs dem OB direkt unterstanden. Sie waren für die allgemeine Führung zu­ständig, was gewisse Widersprüche ver­ursachte. Gemäß den Satzungen der Offi­ziersvereine wurden diese von Vorsit­zenden geleitet, die per Kollektivabstim­mung von den Mitgliedern gewählt wur­den. Infolge der Ausdehnung des OB-Be­fehls Nr. 82 auf diese Vereine hatten sie jedoch die Weisungen der ROWS-Füh­rungsspitze zu befolgen. Dies lief nicht immer konflikt-und reibungslos ab. Ob­wohl die ROWS-Zentralgremien und die örtlichen Kriegervereine am Ende immer beiderseitig annehmbare Lösungen fan­den, wurden die Vorsitzenden der Orts­vereine mit der Zeit nicht mehr von den Mitgliedern gewählt, sondern per Befehl der ROWS-Spitze benannt.
Die ROWS-Struktur fand im Dezem­ber 1924 ihre Vollendung, als Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, Oberbefehlsha­ber der russischen Zarenarmee im Ersten Weltkrieg, Onkel des 1918 von den Bol­schewisten ermordeten Zaren Niko­laus I., oberster Chef der russischen Kriegsmacht im Ausland wurde, dem der ROWS-OB nunmehr formell unter­stand.

General Alexander Pawlowitsch Kutepow (1882–1930) war im Bürgerkrieg Generalgouverneur der Schwarzmeerregion und kämpfte unter Denikin und Wrangel gegen die Bolschewiki. 1920 flüchtete er aus Rußland und erlangte innerhalb des ROWS nach dem Tode Wrangels und des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch immer mehr Einfluß. 1930 gelang es bolschewistischen Agenten mit Hilfe des im Exil zu ihnen übergelaufenen Generals Nikolai Skoblin, Kutepow in die Sowjetunion zu entführen.

General Kutepows Aufstieg

Eine wichtige Rolle in der ROWS-Füh­rung spielte General Wrangels Stellver­treter, General der Infanterie A. P. Kute­pow (1882–1930), der letzte Komman­deur des Preobraschensker-Garderegi­ments und Kommandeur des 1. (Freiwil­ligen) Armeekorps 1919/20 sowie Kom­mandant des Lagers der von den Roten aus Rußland verdrängten Russischen Ar­mee auf der Halbinsel Gallipoli vor Istan­bul in der Türkei. Es waren die Überle­benden von Gallipoli, die später die „Gallipoli-Gesellschaft“ gründeten, eine Art Kameradschaft bzw. Traditionsver­band ihrer Schicksalsgemeinschaft. Dazu gehörten nicht nur die in den Lagern von Gallipoli stationierten russischen Mili­tärs, sondern auch betroffene Zivilisten, vor allem Familienangehörige (von den 150.000 russischen Emigranten, die 1920 mit General Wrangel unter dem Druck der Roten Armee die Halbinsel Krim auf dem Seeweg verlassen mußten, waren nur 50.000 Militärs).

1921–1923 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Generalen Ku­tepow und Wrangel, das auch im Bürger­krieg nicht besonders vertrauensvoll war, zunehmend. General Baron Wran­gel, der in Serbien Zuflucht fand und so­mit von dem in Bulgarien stationierten Gros der russischen Exiltruppen isoliert war, mißtraute Kutepow, der Anspruch auf den OB-Posten erhob. Dem einge­fleischten Monarchisten Kutepow, der in den Februartagen 1917 in der russischen Hauptstadt Petrograd noch vergeblich versucht hatte, mit seinem Regiment die Einnahme des Winterpalais durch die Revolutionäre zu verhindern, konnte der (zumindest äußerlich) unpolitische Di­plomat Baron Wrangel keinesfalls impo­nieren.

1924 zog General Kutepow nach Paris um und stellte sich Großfürst Nikolai Ni­kolajewitsch zur Verfügung, weswegen er als Stellvertreter des ROWS-Vorsitzen­den von Wrangel abgesetzt wurde. Die Einbeziehung des Großfürsten als Senior des ehemals regierenden Zarenhauses Romanow in den Kreis der russischen Exilarmee bedeutete einen schleichenden Versuch, die „unpolitische“ Haltung des ROWS zugunsten russischer Exilmonar­chistenkreise zu unterwandern. In Paris wohnte Kutepow im gleichen Haus, in dem sich das ROWS-Hauptquartier be­fand. Da Wrangel in Sremski Karlowzy (Serbien), ab 1926 jedoch in Brüssel lebte und nur ab und zu Paris besuchte, über­nahm Kutepow allmählich die Leitung der ROWS-Zentrale und der ROWS-Ab­teilungen. Ohne seine Absichten offen zu erklären, umgab sich der Aktivist Kute­pow mit Anhängern aktiver Aufklä­rungs-und Diversionsaktivitäten gegen die Sowjetunion. Mit ihrer Hilfe schuf er innerhalb des ROWS die sogenannte In­nere Linie, eine informelle Struktur, über die diese Geheimaktivitäten lanciert wurden.

Wrangel war über Kutepows Geheim­aktivitäten zutiefst besorgt, die den ROWS einem Schlag des bolschewisti­schen Aufklärungs-und Abschirmdien­stes aussetzen und ihn zum Opfer von Provokationen machen konnten. So wei­gerte sich Wrangel im Unterschied zu Kutepow, zu Vertretern der vom bol­schewistischen Geheimdienst geschaffe­nen, angeblich antisowjetischen Attrap­penorganisation „Trust“ Kontakte aufzu­nehmen, deren Ziel darin bestand, ROWS-Aktivisten in die Sowjetunion zu locken sowie eigene Spione in den ROWS einzuschleusen.

Angesichts des schwindenden Einflus­ses Wrangels im ROWS-Rahmen blieb vielen ROWS-Abteilungsleitern ein­schließlich Schatilows sowie Vorsitzen­den von Offiziersvereinen nichts anderes übrig, als eine gemeinsame Sprache mit Kutepow zu finden. In seinen letzten Le­bensjahren kontrollierte Wrangel nur all­gemeine Schwerpunkte der ROWS-Akti­vitäten und suchte nach neuen Finanzie­rungsquellen, während der ROWS-Zen­tralapparat bereits fest in der Hand Kute­pows und dessen Anhangs war.

Nach dem mysteriösen Tod Baron Wrangels (man vermutete ein bolschewi­stisches Giftattentat) in Belgien im April 1928 benannte Großfürst Nikolaj Nikola­jewitsch, General Kutepow zum ROWS-Vorsitzenden. Ab 1929 erschien in Paris die Zeitschrift „Tschasowoj“ (Le Senti­nel). Diese formell unabhängige exilrus­sische Militärzeitschrift bildete praktisch das offizielle ROWS-Sprachrohr, das vor allem General Kutepows Ansichten und Vorstellungen in die Welt trug.

Nach dem Tod des Großfürsten Niko­laj Nikolajewitsch im Januar 1929 wurde Kutepow zu einer völlig selbständigen politischen Figur. Nunmehr setzte er voll und ganz auf die Innere Linie im ROWS. Neben der Fortsetzung traditioneller ROWS-Aktivitäten (Erfassung der Offi­zierskaderlisten, Wohlfahrt, Sozialhilfe, Gedenkfeiern, Kameradschaftsabende usw.) wurde die Innere Linie immer häu­figer aktiviert. Natürlich alarmierte dies auch die Bolschewisten. In der Auslands­abteilung des sowjetischen Geheimdien­stes OGPU wurde extra eine Sonderab­teilung für Gegenpropaganda, Desinfor­mation und Desorganisation gebildet. Durch die großangelegte Anwendung gefälschter Dokumente und im Emigran­tenmilieu angeworbene Agenten provo­zierten die sowjetischen Geheimdienstler die Innere Linie zu voreiligen und unter bolschewistischer Kontrolle ablaufenden Aktivitäten, die den ROWS viel Zeit, Geld, zahlreiche wertvolle Menschenle­ben und zunehmend das Ansehen koste­ten.

Der einer verarmten polnisch-litauischen Adelsfamilie entstammende Felix Dserschinski (Bild unten) schuf die bolschewistische Geheimpolizei Tscheka und organisierte auf Befehl Lenins den Roten Terror nach dem Sieg der Bolschewiki. 1922 ging aus der Tscheka die GPU (im Bild oben einige ihrer Offiziere) hervor, die wiederum 1934 vom NKWD abgelöst wurde.

Lebensaufgabe Kampf gegen den Bolschewismus

Die weiße russische Militäremigration setzte große Hoffnungen in die innere Spaltung der sowjetischen Kommunisti­schen Partei und/oder der Roten Armee. Im durch die analytische ROWS-Ab­teilung für die Chefs der ROWS-Territo­rialabteilungen sowie Kriegervereine und -gesellschaften erstellten Informati­onsbericht „Zur inneren Lage in der WKP (b)3 Anfang 1928“ wurde auf die hohe Wahrscheinlichkeit einer Spaltung der bolschewistischen Partei hingewie­sen. Der ROWS-Abschirmdienst verfolg­te aufmerksam die Entwicklung inner­halb der sowjetischen Roten Armee. Mit­glieder der ROWS-Untergrundstruktu­ren in der Sowjetunion hatten den Auf­trag, in die Rote Armee einzutreten und auf Kontakte zu deren Komman­deurskorps4 besonderes Augenmerk zu legen. Man plante, die Rote Armee von innen zu zerschlagen, sie unter die eige­ne Kontrolle zu nehmen, die kommuni­stischen Parteistrukturen in der Armee („das Armee-Kommissarentum“) zu ver­nichten und die Armee auf die eigene Seite übertreten zu lassen. Dabei wurde berücksichtigt, daß die Rote Armee von ihrer Sozialstruktur her eine Armee von Bauern und Bauernsöhnen war. Der Bau­ernstand war aber gegen die von den Bolschewiken beabsichtigte Zwangskol­lektivierung gestimmt. Folglich stand auch die Bauernarmee dem bolschewisti­schen Regime potentiell feindlich gegen­über. Bezeichnenderweise wurde dank dieser Einsicht die Rote Armee als solche für die weiße Emigrantenarmee immer weniger zum Feindbild. Der Haß der ROWS-Exilrussen konzentrierte sich im­mer mehr auf die kommunistischen Par­teitruppen WOCHR, TschON, OGPU-Einheiten usw.
Auf jeden Fall war aber die russische Militäremigration allzeit bereit und fest entschlossen, heimzukehren, um dort ihr Lebenswerk im Kampf gegen den Bol­schewismus zu vollenden. So hieß es im ROWS-Befehl vom 11. November 1930 u. a.: „…laßt uns glauben, daß die Zeit nicht mehr weit ist, da es den ROWS-Dienstgraden, durch alle waffenfähigen russischen Menschen, die im Ausland le­ben, unterstützt, bevorsteht, an der neu­en Stufe des Weißen Kampfes teilzuneh­men, der diesmal im UdSSR-Gebiet aus­gefochten werden soll“.

Zur Wahrnehmung dieses Auftrags mußten nicht nur alte Militärkader erhal­ten, sondern auch neue ausgebildet wer­den. Daher schenkte die ROWS-Füh­rungsspitze der militärischen Ausbil­dung immer größere Beachtung. Im März 1927 wurden in Paris dank der Be­mühungen von General N. N. Golowin Militärwissenschaftliche Führungskurse (eine Art Generalstab der russischen Ar­mee im Exil) etabliert. Die Kursdauer umfaßte 4,5–5 Jahre. Namhafte russische Militärfachleute wie N. N. Golowin, P. N. Schatilow, A. A. Sajzow u.a.m. un­terrichteten Strategie, Artillerietaktik, Luftwaffentaktik, Kampfstoff-Chemie, Militärpsychologie, Kriegs-und Völker­recht usw.

Für ROWS-Mitglieder wurde ferner ei­ne Offiziersschule zur Vervollkomm­nung militärischer Kenntnisse gegrün­det, wo sie mit den modernsten Erkennt­nissen der internationalen Militärwissen­schaft vertrautgemacht wurden. Auf Be­fehl des Chefs der ROWS-Abteilung 3 General F. F. Abramow wurde 1932 im Rahmen der Offiziersschule ein Referat zum Studium Sowjetrußlands gebildet. Folglich konnte der ROWS trotz aller Mißerfolge und Fehlkalkulationen, inter­ner Reibungen und Finanzschwierigkei­ten in den 1920er und 1930er Jahren das russische Offiziersmilieu im Exil konsoli­dieren. Für die russische Militäremigrati­on war der ROWS ein einheitlicher Stab, der die meisten Kriegerbünde und -ver­eine zusammenfügte, sowie ein Sinnbild des unversöhnlichen Kampfes gegen den Bolschewismus. Das rote Moskau, der Stab der Kom­munistischen Internationale und der „proletarischen Weltrevolution“, hatte ernsthafte Befürchtungen hinsichtlich dieses keinesfalls zu unterschätzenden militärpolitischen Gegners. Eine Ge­heimbesprechung der sowjetischen Ge­heimdienste, der OGPU-Auslandsabtei­lung und der Aufklärungsverwaltung des RKKA-Hauptstabes beschloß, den Auslandsorganisationen der russischen Weißgardisten einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Zum Hauptobjekt der sowjetischen Geheimdienstunterneh­men wurden das ROWS-Hauptquartier und der ROWS-Chef persönlich.

Am 26. Januar 1930 entführten sowjeti­sche Geheimagenten (denen u. a. ein französischer Gendarmeriebeamter an­gehörte) General Kutepow in Paris. Nach der meistverbreiteten Version wurde er betäubt an Bord eines sowjetischen Frachters von Frankreich bis nach Nowo­rossijsk transportiert, erlag aber an Bord einem Herzinfarkt. Kutepow wurde im Amt des ROWS-Vorsitzenden durch Generalleutnant J. K. Miller (1867–1939) abgelöst. 1919/20 war Miller Oberbefehlshaber der weiß­gardistischen Truppen im russischen Nordgebiet um Murmansk und Archan­gelsk gewesen. Mit seiner Zustimmung beteiligten sich ROWS-Freiwillige ge­meinsam mit Freiwilligen aus den Rei­hen anderer russischer, vornehmlich monarchistischer Exilvereine, u. a. des Russischen Kaiserlichen Bundes-Or­dens5, des Russischen Nationalen Kriegs­teilnehmerbundes6 u.a.m. am Spani­schen Bürgerkrieg 1936–1939 auf der Sei­te von General Francisco Francos Natio­nalisten vornehmlich in den Reihen der royalistischen Carlistenmilizen Requeté). Jedoch wurde auch General Miller am 22. September 1937 in Paris durch Agen­ten des sowjetischen Volkskommissari­ats für Innere Angelegenheiten (NKWD) entführt, heimlich in die Sowjetunion ge­bracht, in Moskau in einem Geheimpro­zeß abgeurteilt und erschossen.

General Jewgeni Karlowitsch Miller (1867– 1939) stammte ebenfalls aus einer deutschbaltischen Familie. Im Bürgerkrieg kämpfte er unter Admiral Koltschak in Nordrußland, doch mußte er nach dem Abzug der Briten aus Rußland fliehen. Nach der Entführung von General Kutepow wurde er Vorsitzender des ROWS, der sich auch im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos engagierte. 1937 wurde er, wiederum unter Beteiligung des zu den Bolschewiki übergelaufenen weißen Generals Nikolai Skoblin, von russischen Agenten in Paris entführt und 1939 in Moskau ermordet.
General Alexei Petrowitsch Archangelskij (1872–1959) wurde 1938 zum Vorsitzenden des ROWS. Die Nachfolgeorganisation ORWS des mit Kriegsausbruch aufgelösten ROWS stellte es ihren Mitgliedern frei, auf welcher Seite auch immer in den Krieg einzutreten, und Archangelskij bemühte sich, die Interessen der russischen Militäremigranten gegenüber den deutschen Besatzungsbehörden zu schützen. Nach Kriegsende gelang es ihm, den ROWS neu zu begründen.

Die russischen Kriegerverbände: Zweiter Weltkrieg

Bis zum März 1938 war General F. F. Ab­ramow amtierender ROWS-Vorsitzen­der. Da sein Sohn jedoch der Zusammen­arbeit mit Sowjetagenten beschuldigt wurde, sah sich der General gezwungen, sein Amt niederzulegen. Danach ersuch­ten alle ROWS-Abteilungschefs General­leutnant A. P. Archangelskij (1872–1959), ROWS-Vorsitzender zu werden. Archan­gelskij, der 1919/20 in der Militärverwal­tung der Streitkräfte Südrußlands ge­dient hatte, gehörte zu General Wrangels nächstem Vertrautenkreis. Ende 1920 bis 1926 war er Personalabteilungschef im Stab des Oberbefehlshabers der Russi­schen Armee. Danach zog er mit Wran­gel von Serbien nach Belgien um, wo er jahrelang als Mitarbeiter eines Brüsseler Transportunternehmens tätig war und gleichzeitig die „Gesellschaft der Gene­ralstabsoffiziere in Belgien“ leitete.

Am 22. März 1938 wurde General Ar­changelskij ins Amt des ROWS-Vorsit­zenden eingeführt. Es gelang ihm, die Organisationseinheit mehr oder weniger wiederherzustellen und den Kampfgeist der ROWS-Mitglieder wiederzubeleben, der infolge der durch sowjetische Ge­heimdienste versetzten schweren Schlä­ge beachtlich geschwächt war. Am 1. September 1939 brach der Zweite Welt­krieg aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch wurde der ROWS gleich vielen anderen weißen russischen Krie­gervereinen und -bünden in vielen Län­dern offiziell aufgelöst. An die Stelle des formell aufgelösten ROWS trat seine Nachfolgeorganisation ORWS (Objedi­nenije Russkich Woinskich Sojusow, d.h. Vereinigung Russischer Kriegerverbän­de), ein loser Dachverband ohne binden­de Statuten, dessen Mitgliedern es frei­stand, den Streitkräften jeglicher krieg­führenden Seite nach eigener Überzeu­gung beizutreten. Der ORWS entstand auf der Basis der von General von Lampe geleiteten ROWS-Abteilung 2. Gegen Frühjahr 1941 war die Bedeutung des ORWS bedeutend gewachsen, weil sich in den zu diesem Zeitpunkt von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebie­ten Europas vier der insgesamt sechs eu­ropäischen ROWS-Abteilungen befan­den. So fiel es General von Lampe viel einfacher, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, als dem in Brüssel befindli­chen General Archangelskij. Daher wur­de von Lampe von Archangelskij ersucht, neben der Leitung der ROWS-Abteilun­gen 2 (Deutschland samt Österreich und Luxemburg) und 6 (ehemalige Tschecho­slowakei) provisorisch auch die Leitung der ROWS-Abteilungen 5 (Belgien) und 4 (Jugoslawien) zu übernehmen. So ver­wandelte sich die von Lampe unterge­ordnete ORWS de facto bis zum Kriegsen­de in das Zentrum aller weißen russi­schen Militärorganisationen im gesam­ten großdeutschen Hoheitsgebiet sowie im gesamten deutsch besetzten Gebiet, indem sie praktisch zur ROWS-Ersatzor­ganisation wurde.

General Archangelskij lebte indessen im von der Wehrmacht besetzten Belgien und bemühte sich im Maße seiner Mög­lichkeiten, die Interessen der russischen Militäremigranten gegenüber den deut­schen Besatzungsbehörden zu schützen. Nach Kriegsende gelang es General Archangelskij dank seines hohen persön­lichen Einsatzes den ROWS neu zu grün­den. Am 25. Januar 1957 übertrug er das Amt des ROWS-Vorsitzenden aus Ge­sundheitsgründen seinem Stellvertreter und früheren ORWS-Chef General von Lampe. In seinem ersten Artikel in der Neuen Ord­nung I/2018 hat sich Wolfgang Akunow mit dem Bürgerkrieg in Rußland beschäftigt. Dieser Beitrag schließt direkt an den ersten Artikel an und findet seine Fortsetzung in der Neuen Ord­nung III/2018 mit einem Bericht über russische Freiwillige auf deutscher Seite im Zweiten Welt­krieg.

 

Anmerkungen

1 Offizielle damalige Bezeichnung des spä­teren Königreichs Jugoslawien.

2 Woorushonnyje Sily Juga Rossii (WSJuR).

3 Die damalige (abgekürzte) offizielle Be­zeichnung der Staatspartei der Sowjetunion: Wsesojusnaja Kommunistitscheskaja Partia (bolshewikow), d.h.: Kommunistische Alluni­onspartei (der Bolschewisten).

4 Bis etwa 1939 war der Begriff „Offizier“ in der Sowjetarmee verpönt, statt dessen wurde der Begriff „roter Kommandeur“ verwendet.

5 Rossijskij Imperskij Sojus-Orden (RIS-O).

6 Russkij Nazionalnyj Sojus Utschastnikow Wojny (RNSUW).

 
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