![]() |
![]() |
Die russischen Militäremigranten
Von Wolfgang Akunow
Die weiße bzw. weißgardistische Militäremigration bildete den am besten organisierten antibolschewistischen Machtfaktor im Exil. Die russischen Offiziere im Exil waren wie keine andere russische Emigrantengruppe ständig darum bemüht, nicht in der Flüchtlingsmasse aufzugehen, nicht im Ausland verlorenzugehen. Dazu mußte jedoch die Struktur ihrer Truppen und Verbände erhalten werden. Bereits Ende 1920 setzte im Exilanten-Offiziersmilieu ein spontaner Prozeß der Bildung verschiedener Vereine, Bünde, Kameradschaften und anderer Organisationen ein. So gehörten Anfang 1923 dem „Rat der Vereinigten Offiziersgesellschaften im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“1 16 Mitgliedsorganisationen an, insbesondere die „Gesellschaft der Generalstabsoffiziere“, die „Gesellschaft der Artillerieoffiziere“, die „Gesellschaft der Träger des St.-Georg-Ordens und der St.-Georg-Waffen“, die „Gesellschaft der Marineoffiziere“, die „Gesellschaft der Militärjuristen“ u.a.m.
Am 1. September 1924 erließ der letzte Oberbefehlshaber (OB) der größtenteils in Serbien und Bulgarien stationierten (weißen) Russischen Armee General Baron P. N. Wrangel (1878–1928) seinen Befehl Nr. 82 über die Umwandlung der Weißen Armee in den „Russischen Allgemeinen Kriegerbund“ (Russkij Obschtsche-Woinskij Sojus, ROWS). Dem ROWS gehörten alle weißen russischen Verbände sowie Kriegerbünde und -vereine an, die bereit waren, sich diesem Befehl zu fügen. Das innere Leben all dieser im Exil entstandenen russischen Krieger-(vornehmlich Offiziers-)organisationen, die in verschiedenen Ländern existierten und den Militärvertretern des ROWS-OB in diesen Ländern unterstanden, blieb unangetastet. Deren Dachverband ROWS verstand sich als Sammel-und Führungsstruktur für alle über die ganze Welt verstreuten weißen russischen Bürgerkriegsveteranen. Der OB General Baron Wrangel wurde ROWS-Vorsitzender.
Die meisten in Europa, Nah-und Fernost sowie in Amerika gegründeten weißen russischen Krieger-bzw. Offiziersvereine traten dem ROWS bei. Als Aufnahmebedingung galt der obligatorische Verzicht auf Mitgliedschaft in jeglicher politischen Partei. ROWS galt als Zukunftsarmee des vom Bolschewismus mit bewaffneter Hand mit Hilfe der „freien Welt“ befreiten Rußland und sollte deshalb unpolitisch sein, wie es die Armee im vorbolschewistischen Rußland war, die über allen politischen Parteien und Bestrebungen zu stehen hatte. Die ROWS-Führungsspitze paßte scharf auf die Einhaltung des Grundsatzes der Nichteinmischung ins politische Leben der Exilrussen auf. Manche Kritiker aus den Kreisen der politisch engagierten Exilrussen hielten dies allerdings für einen schweren Fehler Baron Wrangels. Sein beharrliches Bestehen auf dem unpolitischen Charakter des ROWS würde die Möglichkeit einer tatsächlichen Einheit aller russischen Militärs im Exil verhindern. Die zumindest äußerlich unpolitische Haltung des ROWS würde den realen Stimmungen der russischen Offiziere zuwiderlaufen, den Zustrom geistig und ideologisch instabiler, zufälliger Personen in die ROWS-Reihen fördern und vor allem für die Resignation der aufrecht patriotischen Armee-Elemente sorgen, die nach wie vor im unversöhnlichen Haß gegen den Bolschewismus verharrten und jederzeit zum weiteren bewaffneten Kampf bereit waren. Gerade diese aufrechten Patrioten bildeten den Kern der elitären Vereine ehemaliger Gardeoffiziere sowie den ROWS-Grundstock und waren in der Regel monarchistisch gesinnt, während liberal gesinnte bzw. völlig demoralisierte russische Offiziere im Exil meistens nicht auf die Befreiung Rußlands vom Bolschewismus, sondern nur auf ihr eigenes Schicksal und Wohl bedacht waren.
Nichtdestotrotz dehnte der ROWS in den 20er/30er Jahren des 20. Jhd. seinen Einfluß auf die russischen Militäremigrantenkreise in fast allen Ländern der Welt aus. Die Zahl der ROWS-Mitgliedsorganisationen nahm im Laufe der Zeit ständig zu. Anfang der 1930er Jahre gehörten über 200 Vereine und Bünde mit 40.000 bis 60.000 Mitgliedern dem ROWS an. Allerdings belief sich die Anzahl der ROWS-Mitglieder, die nicht nur in den ROWS-Listen geführt wurden, sondern die ROWS-Versammlungen und -Veranstaltungen regelmäßig besuchten, Mitgliedschaftsbeiträge zahlten und ggf. vom ROWS Sozialhilfe beantragten und erhielten, nur auf knapp 10.000–12.000. Die Anzahl der Aktivisten, die in den ROWS-Führungsstrukturen tätig waren, betrug aber weltweit noch weniger, höchstens 2.000.
Der ROWS war in Abteilungen (Zweigstellen) gegliedert:
Außerdem hatte der ROWS eine Fernost-Abteilung, zwei Abteilungen in den USA sowie Abteilungen in Kanada, Südamerika und in Australien und eine Filiale in Polen (die sogenannte Unterabteilung Watschau).
Als Abteilungschefs benannte General Baron Wrangel nur ihm persönlich gut bekannte und ergebene hochrangige russische Militärs, die im Offiziersmilieu ein hohes, im Welt-und Bürgerkrieg verdientes Ansehen besaßen. Die Abteilung 1 leitete 1924–1934 sein alter Kampfgefährte und persönlicher Freund General der Infanterie P. N. Schatilow (1881– 1962), Stabschef der Russischen Armee im Bürgerkrieg. Chef der Abteilung 2 war Generalmajor A. A. von Lampe (1885–1967), Auslandsbeauftragter des OB 1920. Chef der Abteilung 3 war Generalleutnant F. F. Abramow (1870–1963), Kommandeur des Don(kosaken)-Korps auf der Krim und im Exil. Die Abteilung 4 leitete 1924–1933 General der Infanterie E. E. Eck (1851–1937), Feldgericht-Vorsitzender des Stabs der (weißgardistischen) Streitkräfte Südrußlands2 unter dem Oberbefehl des Generals A. I. Denikin (die unter Wrangel in „Russische Armee“ umbenannt wurden) 1919/20. Chef der Abteilung 5 war Generalmajor B. G. Hartmann bzw. Gartman (1878–1950), Vertreter des OB in Großbritannien 1919–1924.
Die ROWS-Mitgliedsorganisationen können wie folgt klassifiziert werden:
Die interne ROWS-Verwaltungsstruktur bestand aus Abteilungen, deren Chefs dem OB direkt unterstanden. Sie waren für die allgemeine Führung zuständig, was gewisse Widersprüche verursachte. Gemäß den Satzungen der Offiziersvereine wurden diese von Vorsitzenden geleitet, die per Kollektivabstimmung von den Mitgliedern gewählt wurden. Infolge der Ausdehnung des OB-Befehls Nr. 82 auf diese Vereine hatten sie jedoch die Weisungen der ROWS-Führungsspitze zu befolgen. Dies lief nicht immer konflikt-und reibungslos ab. Obwohl die ROWS-Zentralgremien und die örtlichen Kriegervereine am Ende immer beiderseitig annehmbare Lösungen fanden, wurden die Vorsitzenden der Ortsvereine mit der Zeit nicht mehr von den Mitgliedern gewählt, sondern per Befehl der ROWS-Spitze benannt.
Die ROWS-Struktur fand im Dezember 1924 ihre Vollendung, als Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, Oberbefehlshaber der russischen Zarenarmee im Ersten Weltkrieg, Onkel des 1918 von den Bolschewisten ermordeten Zaren Nikolaus I., oberster Chef der russischen Kriegsmacht im Ausland wurde, dem der ROWS-OB nunmehr formell unterstand.
![]() |
Eine wichtige Rolle in der ROWS-Führung spielte General Wrangels Stellvertreter, General der Infanterie A. P. Kutepow (1882–1930), der letzte Kommandeur des Preobraschensker-Garderegiments und Kommandeur des 1. (Freiwilligen) Armeekorps 1919/20 sowie Kommandant des Lagers der von den Roten aus Rußland verdrängten Russischen Armee auf der Halbinsel Gallipoli vor Istanbul in der Türkei. Es waren die Überlebenden von Gallipoli, die später die „Gallipoli-Gesellschaft“ gründeten, eine Art Kameradschaft bzw. Traditionsverband ihrer Schicksalsgemeinschaft. Dazu gehörten nicht nur die in den Lagern von Gallipoli stationierten russischen Militärs, sondern auch betroffene Zivilisten, vor allem Familienangehörige (von den 150.000 russischen Emigranten, die 1920 mit General Wrangel unter dem Druck der Roten Armee die Halbinsel Krim auf dem Seeweg verlassen mußten, waren nur 50.000 Militärs).
1921–1923 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Generalen Kutepow und Wrangel, das auch im Bürgerkrieg nicht besonders vertrauensvoll war, zunehmend. General Baron Wrangel, der in Serbien Zuflucht fand und somit von dem in Bulgarien stationierten Gros der russischen Exiltruppen isoliert war, mißtraute Kutepow, der Anspruch auf den OB-Posten erhob. Dem eingefleischten Monarchisten Kutepow, der in den Februartagen 1917 in der russischen Hauptstadt Petrograd noch vergeblich versucht hatte, mit seinem Regiment die Einnahme des Winterpalais durch die Revolutionäre zu verhindern, konnte der (zumindest äußerlich) unpolitische Diplomat Baron Wrangel keinesfalls imponieren.
1924 zog General Kutepow nach Paris um und stellte sich Großfürst Nikolai Nikolajewitsch zur Verfügung, weswegen er als Stellvertreter des ROWS-Vorsitzenden von Wrangel abgesetzt wurde. Die Einbeziehung des Großfürsten als Senior des ehemals regierenden Zarenhauses Romanow in den Kreis der russischen Exilarmee bedeutete einen schleichenden Versuch, die „unpolitische“ Haltung des ROWS zugunsten russischer Exilmonarchistenkreise zu unterwandern. In Paris wohnte Kutepow im gleichen Haus, in dem sich das ROWS-Hauptquartier befand. Da Wrangel in Sremski Karlowzy (Serbien), ab 1926 jedoch in Brüssel lebte und nur ab und zu Paris besuchte, übernahm Kutepow allmählich die Leitung der ROWS-Zentrale und der ROWS-Abteilungen. Ohne seine Absichten offen zu erklären, umgab sich der Aktivist Kutepow mit Anhängern aktiver Aufklärungs-und Diversionsaktivitäten gegen die Sowjetunion. Mit ihrer Hilfe schuf er innerhalb des ROWS die sogenannte Innere Linie, eine informelle Struktur, über die diese Geheimaktivitäten lanciert wurden.
Wrangel war über Kutepows Geheimaktivitäten zutiefst besorgt, die den ROWS einem Schlag des bolschewistischen Aufklärungs-und Abschirmdienstes aussetzen und ihn zum Opfer von Provokationen machen konnten. So weigerte sich Wrangel im Unterschied zu Kutepow, zu Vertretern der vom bolschewistischen Geheimdienst geschaffenen, angeblich antisowjetischen Attrappenorganisation „Trust“ Kontakte aufzunehmen, deren Ziel darin bestand, ROWS-Aktivisten in die Sowjetunion zu locken sowie eigene Spione in den ROWS einzuschleusen.
Angesichts des schwindenden Einflusses Wrangels im ROWS-Rahmen blieb vielen ROWS-Abteilungsleitern einschließlich Schatilows sowie Vorsitzenden von Offiziersvereinen nichts anderes übrig, als eine gemeinsame Sprache mit Kutepow zu finden. In seinen letzten Lebensjahren kontrollierte Wrangel nur allgemeine Schwerpunkte der ROWS-Aktivitäten und suchte nach neuen Finanzierungsquellen, während der ROWS-Zentralapparat bereits fest in der Hand Kutepows und dessen Anhangs war.
Nach dem mysteriösen Tod Baron Wrangels (man vermutete ein bolschewistisches Giftattentat) in Belgien im April 1928 benannte Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch, General Kutepow zum ROWS-Vorsitzenden. Ab 1929 erschien in Paris die Zeitschrift „Tschasowoj“ (Le Sentinel). Diese formell unabhängige exilrussische Militärzeitschrift bildete praktisch das offizielle ROWS-Sprachrohr, das vor allem General Kutepows Ansichten und Vorstellungen in die Welt trug.
Nach dem Tod des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch im Januar 1929 wurde Kutepow zu einer völlig selbständigen politischen Figur. Nunmehr setzte er voll und ganz auf die Innere Linie im ROWS. Neben der Fortsetzung traditioneller ROWS-Aktivitäten (Erfassung der Offizierskaderlisten, Wohlfahrt, Sozialhilfe, Gedenkfeiern, Kameradschaftsabende usw.) wurde die Innere Linie immer häufiger aktiviert. Natürlich alarmierte dies auch die Bolschewisten. In der Auslandsabteilung des sowjetischen Geheimdienstes OGPU wurde extra eine Sonderabteilung für Gegenpropaganda, Desinformation und Desorganisation gebildet. Durch die großangelegte Anwendung gefälschter Dokumente und im Emigrantenmilieu angeworbene Agenten provozierten die sowjetischen Geheimdienstler die Innere Linie zu voreiligen und unter bolschewistischer Kontrolle ablaufenden Aktivitäten, die den ROWS viel Zeit, Geld, zahlreiche wertvolle Menschenleben und zunehmend das Ansehen kosteten.
![]() |
![]() |
Lebensaufgabe Kampf gegen den Bolschewismus
Die weiße russische Militäremigration setzte große Hoffnungen in die innere Spaltung der sowjetischen Kommunistischen Partei und/oder der Roten Armee. Im durch die analytische ROWS-Abteilung für die Chefs der ROWS-Territorialabteilungen sowie Kriegervereine und -gesellschaften erstellten Informationsbericht „Zur inneren Lage in der WKP (b)3 Anfang 1928“ wurde auf die hohe Wahrscheinlichkeit einer Spaltung der bolschewistischen Partei hingewiesen. Der ROWS-Abschirmdienst verfolgte aufmerksam die Entwicklung innerhalb der sowjetischen Roten Armee. Mitglieder der ROWS-Untergrundstrukturen in der Sowjetunion hatten den Auftrag, in die Rote Armee einzutreten und auf Kontakte zu deren Kommandeurskorps4 besonderes Augenmerk zu legen. Man plante, die Rote Armee von innen zu zerschlagen, sie unter die eigene Kontrolle zu nehmen, die kommunistischen Parteistrukturen in der Armee („das Armee-Kommissarentum“) zu vernichten und die Armee auf die eigene Seite übertreten zu lassen. Dabei wurde berücksichtigt, daß die Rote Armee von ihrer Sozialstruktur her eine Armee von Bauern und Bauernsöhnen war. Der Bauernstand war aber gegen die von den Bolschewiken beabsichtigte Zwangskollektivierung gestimmt. Folglich stand auch die Bauernarmee dem bolschewistischen Regime potentiell feindlich gegenüber. Bezeichnenderweise wurde dank dieser Einsicht die Rote Armee als solche für die weiße Emigrantenarmee immer weniger zum Feindbild. Der Haß der ROWS-Exilrussen konzentrierte sich immer mehr auf die kommunistischen Parteitruppen WOCHR, TschON, OGPU-Einheiten usw.
Auf jeden Fall war aber die russische Militäremigration allzeit bereit und fest entschlossen, heimzukehren, um dort ihr Lebenswerk im Kampf gegen den Bolschewismus zu vollenden. So hieß es im ROWS-Befehl vom 11. November 1930 u. a.: „…laßt uns glauben, daß die Zeit nicht mehr weit ist, da es den ROWS-Dienstgraden, durch alle waffenfähigen russischen Menschen, die im Ausland leben, unterstützt, bevorsteht, an der neuen Stufe des Weißen Kampfes teilzunehmen, der diesmal im UdSSR-Gebiet ausgefochten werden soll“.
Zur Wahrnehmung dieses Auftrags mußten nicht nur alte Militärkader erhalten, sondern auch neue ausgebildet werden. Daher schenkte die ROWS-Führungsspitze der militärischen Ausbildung immer größere Beachtung. Im März 1927 wurden in Paris dank der Bemühungen von General N. N. Golowin Militärwissenschaftliche Führungskurse (eine Art Generalstab der russischen Armee im Exil) etabliert. Die Kursdauer umfaßte 4,5–5 Jahre. Namhafte russische Militärfachleute wie N. N. Golowin, P. N. Schatilow, A. A. Sajzow u.a.m. unterrichteten Strategie, Artillerietaktik, Luftwaffentaktik, Kampfstoff-Chemie, Militärpsychologie, Kriegs-und Völkerrecht usw.
Für ROWS-Mitglieder wurde ferner eine Offiziersschule zur Vervollkommnung militärischer Kenntnisse gegründet, wo sie mit den modernsten Erkenntnissen der internationalen Militärwissenschaft vertrautgemacht wurden. Auf Befehl des Chefs der ROWS-Abteilung 3 General F. F. Abramow wurde 1932 im Rahmen der Offiziersschule ein Referat zum Studium Sowjetrußlands gebildet. Folglich konnte der ROWS trotz aller Mißerfolge und Fehlkalkulationen, interner Reibungen und Finanzschwierigkeiten in den 1920er und 1930er Jahren das russische Offiziersmilieu im Exil konsolidieren. Für die russische Militäremigration war der ROWS ein einheitlicher Stab, der die meisten Kriegerbünde und -vereine zusammenfügte, sowie ein Sinnbild des unversöhnlichen Kampfes gegen den Bolschewismus. Das rote Moskau, der Stab der Kommunistischen Internationale und der „proletarischen Weltrevolution“, hatte ernsthafte Befürchtungen hinsichtlich dieses keinesfalls zu unterschätzenden militärpolitischen Gegners. Eine Geheimbesprechung der sowjetischen Geheimdienste, der OGPU-Auslandsabteilung und der Aufklärungsverwaltung des RKKA-Hauptstabes beschloß, den Auslandsorganisationen der russischen Weißgardisten einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Zum Hauptobjekt der sowjetischen Geheimdienstunternehmen wurden das ROWS-Hauptquartier und der ROWS-Chef persönlich.
Am 26. Januar 1930 entführten sowjetische Geheimagenten (denen u. a. ein französischer Gendarmeriebeamter angehörte) General Kutepow in Paris. Nach der meistverbreiteten Version wurde er betäubt an Bord eines sowjetischen Frachters von Frankreich bis nach Noworossijsk transportiert, erlag aber an Bord einem Herzinfarkt. Kutepow wurde im Amt des ROWS-Vorsitzenden durch Generalleutnant J. K. Miller (1867–1939) abgelöst. 1919/20 war Miller Oberbefehlshaber der weißgardistischen Truppen im russischen Nordgebiet um Murmansk und Archangelsk gewesen. Mit seiner Zustimmung beteiligten sich ROWS-Freiwillige gemeinsam mit Freiwilligen aus den Reihen anderer russischer, vornehmlich monarchistischer Exilvereine, u. a. des Russischen Kaiserlichen Bundes-Ordens5, des Russischen Nationalen Kriegsteilnehmerbundes6 u.a.m. am Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 auf der Seite von General Francisco Francos Nationalisten vornehmlich in den Reihen der royalistischen Carlistenmilizen Requeté). Jedoch wurde auch General Miller am 22. September 1937 in Paris durch Agenten des sowjetischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) entführt, heimlich in die Sowjetunion gebracht, in Moskau in einem Geheimprozeß abgeurteilt und erschossen.
![]() |
![]() |
Bis zum März 1938 war General F. F. Abramow amtierender ROWS-Vorsitzender. Da sein Sohn jedoch der Zusammenarbeit mit Sowjetagenten beschuldigt wurde, sah sich der General gezwungen, sein Amt niederzulegen. Danach ersuchten alle ROWS-Abteilungschefs Generalleutnant A. P. Archangelskij (1872–1959), ROWS-Vorsitzender zu werden. Archangelskij, der 1919/20 in der Militärverwaltung der Streitkräfte Südrußlands gedient hatte, gehörte zu General Wrangels nächstem Vertrautenkreis. Ende 1920 bis 1926 war er Personalabteilungschef im Stab des Oberbefehlshabers der Russischen Armee. Danach zog er mit Wrangel von Serbien nach Belgien um, wo er jahrelang als Mitarbeiter eines Brüsseler Transportunternehmens tätig war und gleichzeitig die „Gesellschaft der Generalstabsoffiziere in Belgien“ leitete.
Am 22. März 1938 wurde General Archangelskij ins Amt des ROWS-Vorsitzenden eingeführt. Es gelang ihm, die Organisationseinheit mehr oder weniger wiederherzustellen und den Kampfgeist der ROWS-Mitglieder wiederzubeleben, der infolge der durch sowjetische Geheimdienste versetzten schweren Schläge beachtlich geschwächt war. Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch wurde der ROWS gleich vielen anderen weißen russischen Kriegervereinen und -bünden in vielen Ländern offiziell aufgelöst. An die Stelle des formell aufgelösten ROWS trat seine Nachfolgeorganisation ORWS (Objedinenije Russkich Woinskich Sojusow, d.h. Vereinigung Russischer Kriegerverbände), ein loser Dachverband ohne bindende Statuten, dessen Mitgliedern es freistand, den Streitkräften jeglicher kriegführenden Seite nach eigener Überzeugung beizutreten. Der ORWS entstand auf der Basis der von General von Lampe geleiteten ROWS-Abteilung 2. Gegen Frühjahr 1941 war die Bedeutung des ORWS bedeutend gewachsen, weil sich in den zu diesem Zeitpunkt von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten Europas vier der insgesamt sechs europäischen ROWS-Abteilungen befanden. So fiel es General von Lampe viel einfacher, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, als dem in Brüssel befindlichen General Archangelskij. Daher wurde von Lampe von Archangelskij ersucht, neben der Leitung der ROWS-Abteilungen 2 (Deutschland samt Österreich und Luxemburg) und 6 (ehemalige Tschechoslowakei) provisorisch auch die Leitung der ROWS-Abteilungen 5 (Belgien) und 4 (Jugoslawien) zu übernehmen. So verwandelte sich die von Lampe untergeordnete ORWS de facto bis zum Kriegsende in das Zentrum aller weißen russischen Militärorganisationen im gesamten großdeutschen Hoheitsgebiet sowie im gesamten deutsch besetzten Gebiet, indem sie praktisch zur ROWS-Ersatzorganisation wurde.
General Archangelskij lebte indessen im von der Wehrmacht besetzten Belgien und bemühte sich im Maße seiner Möglichkeiten, die Interessen der russischen Militäremigranten gegenüber den deutschen Besatzungsbehörden zu schützen. Nach Kriegsende gelang es General Archangelskij dank seines hohen persönlichen Einsatzes den ROWS neu zu gründen. Am 25. Januar 1957 übertrug er das Amt des ROWS-Vorsitzenden aus Gesundheitsgründen seinem Stellvertreter und früheren ORWS-Chef General von Lampe. In seinem ersten Artikel in der Neuen Ordnung I/2018 hat sich Wolfgang Akunow mit dem Bürgerkrieg in Rußland beschäftigt. Dieser Beitrag schließt direkt an den ersten Artikel an und findet seine Fortsetzung in der Neuen Ordnung III/2018 mit einem Bericht über russische Freiwillige auf deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg.
1 Offizielle damalige Bezeichnung des späteren Königreichs Jugoslawien.
2 Woorushonnyje Sily Juga Rossii (WSJuR).
3 Die damalige (abgekürzte) offizielle Bezeichnung der Staatspartei der Sowjetunion: Wsesojusnaja Kommunistitscheskaja Partia (bolshewikow), d.h.: Kommunistische Allunionspartei (der Bolschewisten).
4 Bis etwa 1939 war der Begriff „Offizier“ in der Sowjetarmee verpönt, statt dessen wurde der Begriff „roter Kommandeur“ verwendet.
5 Rossijskij Imperskij Sojus-Orden (RIS-O).
6 Russkij Nazionalnyj Sojus Utschastnikow Wojny (RNSUW).