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Dem zeitgeschichtlich Interessierten ist Nikolaus Horthy kein Unbekannter: Sieger bei der Seeschlacht von Otranto im Mai 1917, Beförderung zum k. u. k. Flottenkommandanten per 27. Februar 1918, dies unter Übergehung von achtzehn dienstälteren Admirälen. Am 1. März 1920 Wahl zum provisorischen Staatsoberhaupt (Reichsverweser). Die Übergangslösung währt bis zum Oktober 1944. Als der Reichsverweser aus dem Krieg aussteigen will – Ungarn kämpft seit 1941 auf deutscher Seite –, wird er abgesetzt, es folgen die Exiljahre in Bayern, dann in Portugal, wo Horthy im Februar 1957 die Augen schließt. Nur wenig bekannt sind seine Wiener Jahre, wo er zwischen 1909 und 1914 den Dienst als Flügeladjutant des greisen Monarchen versieht. Davon soll hier die Rede sein.
Im November 1909 tritt ein k. u. k. Korvettenkapitän seinen Dienst am Wiener Hofe an. „Seit meiner Kindheit hörte ich, Seine Majestät sei ein allmächtiges höheres Wesen. Nun werde ich ihm Auge in Auge gegenüberstehen und außerdem täglich den Dienst um seine Person versehen. Als ich in sein Arbeitszimmer trat, kam mir Seine Majestät einige Schritte entgegen. In meinem Leben traf ich keinen Monarchen, der in ähnlichem Maß das Majestätische im wirklichen Sinne des Wortes verkörperte wie Franz Joseph. Diese Anschauung, die sich unter dem Eindruck der ersten Audienz in mir bildete, änderte sich niemals mehr. Aus seinem Wesen strahlte eine ergreifende Würde. Ich fühlte, wie unter dem Eindruck seiner Güte und Ungezwungenheit meine Beklommenheit verschwand. Es bleibt ein großes Ereignis in meinem Leben, als ich dem greisen Herrscher gegenüberstand. Das Gefühl der Rührung und Liebe erfüllte meine Seele und das ist bis heute gleich geblieben.“ Mit solch bewegenden Worten beschreibt Nikolaus Horthy fast ein halbes Jahrhundert später in seinen Lebenserinnerungen die erste Begegnung mit seinem König und Kaiser1 Franz Joseph I. im November 1909. Damals ahnt der frischgebackene Flügeladjutant nichts vom eigenen steilen Aufstieg, der ihn bis an die Spitze seines Heimatlandes führen wird.
Wer ist nun dieser Korvettenkapitän, für den Franz Joseph am 28. Oktober 1909 die Ernennungsurkunde2 unterfertigt?
Nikolaus Horthy wird vor nunmehr 150 Jahren, am 18. Juni 1868, in Kenderes, einem Flecken in der ungarischen Tiefebene östlich der Theiß, als fünftes Kind des Gutsherrn István Horthy und dessen Frau Paula geboren. Die magyarische Form seines Namens lautet nagybányai Horthy Miklós. Bekanntlich steht bei unserem östlichen Nachbarn zuerst der Familien-und dann erst der Taufname. Das Adelsprädikat nagybányai führen die Horthys seit 1697, es bedeutet so viel wie „von Nagybánya“, einem Ort im nördlichen Siebenbürgen, der heute auf der Landkarte unter der rumänischen Bezeichnung Baia Mare zu finden ist. Da sich Horthy während seines Wien-Aufenthalts häufig Nikolaus (von) Horthy nennt, bleiben wir der Einfachheit halber bei der deutschen Version seines Namens.
Obschon Kalvinist, gilt Horthys Vater – Mitglied der Magnatentafel, also des Oberhauses des ungarischen Parlaments, sowie Vorsitzender der liberalen Partei des Burgkomitats Jász-Nagykun-Szolnok – als Befürworter des Ausgleichs, den Ungarn 1867 mit den erzkatholischen Habsburgern eingeht.
Nikolaus ist das fünfte von insgesamt neun Geschwistern; zwei seiner Brüder machen Karriere: István, zehn Jahre älter, leitet das Militär-Reitlehrer-Institut der k. u. k. Armee im dritten Wiener Gemeindebezirk (Ungargasse Nr. 60–62 sowie 69), 1917 avanciert er zum Generalmajor. Der andere, Szabolcs, steht mit sechsunddreißig Lenzen am Beginn seines Wirkens als Bezirkshauptmann des Burgkomitats Szolnok. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig zu den Husaren und fällt bereits am 22. November 1914 in Galizien.
Der zahlenmäßig bedeutende, rund sieben Prozent3 der Bevölkerung umfassende Kleinadel, die sogenannte Gentry, ist zwar verarmt, hält es aber für standeswidrig, sich am modernen Wirtschaftsleben zu beteiligen. So stehen dem jungen Nikolaus nur das Leben als Gutsbesitzer, die öffentliche Verwaltung, etwa in den Komitatsbehörden, oder die militärische Laufbahn offen. Er wählt letztere, entscheidet sich für die Kriegsmarine. Die Eltern sind zuerst strikt dagegen, da einer ihrer Söhne knapp vor Beendigung der harten Ausbildung bei einem Manöver zu Tode kommt.
Der Weg zum Offizierspatent ist nicht einfach. Horthy führt in seinen Memoiren mit sichtlichem Stolz an, 1882 hätten sich 612 Bewerber aus allen Teilen der Monarchie gemeldet, bloß 42 bestehen die Aufnahmeprüfung. Nach vierjähriger Ausbildung erhalten ganze 27 Kadetten, einer davon ist Horthy, das ersehnte Diplom der k. u. k. Marineakademie zu Fiume, dem heutigen Rijeka, deren Leitsatz lautet: Höher als das Leben steht die Pflicht.
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Ein paar Anmerkungen zu Fiume, das damals der einzige Hafen der transleithanischen Reichshälfte ist. Fiume – das römische Tarsattica (auch: Tersatica); die Deutschen nennen die Siedlung St. Veit am Flaum, die Magyaren Szentvit, die Slawen Rijeka – gehört bis 1776 zur Krain, dann durch Verfügung Maria Theresias zu Ungarn, genauer gesagt: zu dessen Nebenland Kroatien. Seit 1868 ist die königliche Freistadt gemäß Artikel 66 des ungarisch-kroatischen Ausgleichs ein corpus separatum coronae Sancti Stephani. Ein Zustand, mit dem sich die Kroaten nie so recht anfreunden können.Ungarn investiert in die Hafenanlagen den Betrag von fünfzig Millionen Goldkronen, die Stadt verändert durch bauliche Maßnahmen ihr Gesicht. Fiume ist Heimathafen der ungarischen Handelsflotte, Sitz ansehnlicher Reedereien4, nach Triest zweitgrößter Ankerplatz der Monarchie.5 Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg umfaßt die ungarische Handelsflotte 134 Dampf-sowie 411 Segelschiffe. Viele Projekte werden durch Subventionen großzügig unterstützt. Mit einem Schiffsbauprogramm will sich Budapest von der österreichischen Reichshälfte unabhängig machen. Der Hafen erstreckt sich von der Riva Levante im Osten einige Kilometer nach Westen bis über das Bahnhofsareal hinaus. Die Mole Maria Theresia ist anderthalb Kilometer lang, sie schließt das Becken seeseitig ab.
Auf der riesigen Danubius-Werft mit ihren viertausend Arbeitern baut man Torpedoboote und, seit Jänner 1912, das modernste Schlachtschiff der Monarchie, die Szent István, welche am 17. Jänner 1914 vom Stapel läuft. Die Fiumaner Whitehead-Werft (1853 unter dem Namen Stabilimento Tecnico Fiumano ins Leben gerufen) produziert sogar U-Boote. Das Zentrum – die Oberstadt (Altstadt) auf einem Hügel, die Unterstadt am Meer – strahlt mediterranes Flair aus: der belebte Corso, das 1885 von den Architekten Fellner und Helmer entworfene Stadttheater, zahlreiche Jugendstil-Fassaden. Nicht zu vergessen der aus römischer Zeit herrührende Triumphbogen Arco Romano. Am Ostrand, jenseits des Flüßchens Fiumere, erstreckt sich das Villenviertel Sušak. Von dort führt ein Weg auf die Anhöhe von Tersatto, von wo sich eine herrliche Aussicht auf die Quarner Bucht bietet.
Fiume umfaßt eine Fläche von bloß 21 qkm. 1851 beträgt der Anteil der Kroaten an der Einwohnerschaft noch mehr als drei Viertel, dann erfolgt ein starker Zuzug von Italienern. Nach der Volkszählung von 1910 leben 24.212 Italiener und 12.926 Kroaten (26 %) in der Hafenstadt; dazu kommen 6.493 Magyaren sowie jeweils knapp über 2.300 Slowenen und Deutsche. Horthy schreibt in seinen Memoiren viel über die Zeit, die er in Fiume an der Marineakademie verbringt.
Dort sind Italienisch und Kroatisch Pflichtfächer, danach eignet er sich in Pola Englisch an, sein Lehrer ist kein anderer als James Joyce. Daneben gehören Deutsch, Französisch, etwas Spanisch und ein paar Brocken Slowakisch zum Repertoire des Sprachtalents, das noch dazu gesellschaftlich gewandt ist. Freilich mit einem Nachteil: Er vergißt allmählich seine Muttersprache. Noch in der Zeit als Reichsverweser ermüdet ihn eine längere Unterhaltung auf Ungarisch. Auch auf sportlichem Gebiet können sich die Erfolge sehen lassen. Er besticht als Golfspieler, Segler, Schwimmer und Reiter; bei der Militär-Olympiade 1896 erringt der durchtrainierte Athlet im Fechten und im Tennis den ersten Rang, im Radfahren erreicht er die Bronze-Medaille. 1908/09 weilt Horthy samt Familie in Konstantinopel. Die Stadt ist während seines Aufenthalts als Kapitän eines Kriegsschiffes, das die diplomatische Vertretung der Doppelmonarchie schützen soll, ein Unruheherd ersten Ranges, vor allem wegen der Jungtürken und der Minderheiten. Denn Stambul ist zwar die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, doch für die Griechen ist es ihre große Stadt.
Dann folgt der Ruf an den Wiener Hof. Vom 1. November 1909 bis zum 30. April 1914 ist Horthy einer von vier Flügeladjutanten. Der monatliche Dienstplan des Quartetts sieht vor, daß zwei Adjutanten einander täglich abwechseln, der dritte hält sich für besondere Aufgaben bereit, während der vierte frei hat. Der Adjutant sitzt in einem Raum neben dem Arbeitszimmer des Kaisers. Der ist bekanntlich Frühaufsteher, läßt sich um halb vier wecken, so daß der Diensttuende noch früher aus den Federn muß. Zu den Aufgaben des Flügeladjutanten gehört die Betreuung der Würdenträger, die zur Audienz kommen und auf ihren Empfang warten. Außerdem die Begleitung des Herrschers, sei es zu Veranstaltungen, auf die Jagd, zur Sommerfrische nach Ischl oder in die Oper. Alles Herausforderungen, die Nikolaus Horthy mühelos bewältigt.
Jedem Flügeladjutanten steht in der Hofburg und in Schönbrunn jeweils ein Dienstzimmer zur Verfügung. Die Privatwohnung der Familie Horthy befindet sich unweit der Urania im ersten Wiener Gemeindebezirk. Vorschriftsmäßig meldet sich der frischgebackene Hofbedienstete unter dem eingedeutschten Namen Nikolaus von Horthy samt Ehefrau Magdolna (Magda) und den vier Kindern (Magdolna, Paula, István sowie Nikolaus junior) am 27. November 1909 in der Biberstraße Nr. 26, vierter Stock, Tür 7 an; als Beruf scheint auf dem Meldezettel „k. u. k. Korvettenkapitän, Flügeladjutant Sr. Majestät“ auf. Als bisherigen Wohnort gibt Horthy Pola („eigene Villa“) und Konstantinopel an.
Horthy bewohnt die oberste Etage des innen im Jugendstil gehaltenen Gründerzeithauses mit einem Fahrstuhl (was damals bei nur 3.000 Gebäuden Wiens der Fall ist), in dessen Mezzanin sowie in den einzelnen Stockwerken sich je eine großbürgerliche Mietwohnung mit einer Fläche von rund 250 qm befindet; groß genug, um ein Ehepaar mit vier Kindern und Personal unterzubringen. Im Gegensatz zu Franz Joseph bedient sich sein Flügeladjutant der damals hochmodernen Einrichtung des Fernsprechapparats. In seiner Patrizierwohnung ist ein Telephon installiert, die Nummer des Anschlusses ist 20 921. Nebenbei: In Wien gibt es damals rund 60.000 Telephonanschlüsse und 543 öffentliche Sprechstellen. Als „Abonnent“ (Anschlußinhaber) scheint nicht Nikolaus von Horthy (wie auf dem Meldezettel) auf, sondern eine ungarisch-französisch-deutsche Mischversion, nämlich Horthy de Nagybánya, Nikolaus.
In der Wiener Zeit Horthys lernen seine vier Kinder – auch die beiden Söhne kalvinistischen Glaubens – bei katholischen Priestern in der Hofburg, am Ende des Schuljahres legen sie die vorgeschriebenen Prüfungen für Privatschüler in Ungarn, genauer gesagt: in Preßburg (Pozsony) ab. In dem Zusammenhang findet sich in Horthys Memoiren eine köstliche Stelle, Beleg für seinen feinen Humor, er schreibt:
„Für unsere vier Kinder hatten wir eine Erzieherin und sie wurden nach ungarischem Lehrplan von den hervorragenden Priestern im Augustineum6 unterrichtet. … Am Ende des Schuljahres fuhren wir mit den Kindern nach Preßburg, wo sie die Prüfungen ablegten. Nach unserer Rückkehr traf ich am Abend in der Oper den Kavalleriegeneral Graf Lónyay, den Befehlshaber der Ungarischen Leibgarde, und dieser erkundigte sich liebenswürdigerweise nach meiner Familie. Natürlich erzählte ich ihm stolz vom ausgezeichneten Prüfungserfolg meiner Kinder. Ja, ja, das kenne ich, meinte er, nach der großartigen ersten Prüfung verfällt man ins Grübeln, auf was für eine Laufbahn man einen so klugen Kerl erziehen soll. Vielleicht Außenminister? Oder aber auf etwas noch Höheres? Er kommt daher ins Gymnasium und der Vater fragt ein paar Jahre später den Direktor: Sagen Sie mir bitte, aber aufrichtig, ist der Bub eh kein Trottel? Hierauf erhält er zur Antwort: Na ja, das gerade nicht, aber…“
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In der Literatur wird gelegentlich der zeitliche Zusammenfall der Wien-Aufenthalte Horthys und Adolf Hitlers erwähnt und die Möglichkeit eines persönlichen Kontaktes in den Raum gestellt, den man freilich so gut wie ausschließen kann. Was hätte der 41jährige Familienvater, enge Mitarbeiter des Monarchen und Sohn eines adeligen Gutsherrn mit dem knapp 20jährigen Junggesellen aus kleinbürgerlichem Hause auch zu besprechen gehabt?
Ein zufälliges Tête-à-tête mit einem Herrn namens Leib Bronstein7, später als Leo Trotzki bekannt, kann man hingegen nicht ganz von der Hand weisen. Aus einem naheliegenden Grund: Bronstein ist Stammgast im Café Central, das sich in der Herrengasse, in unmittelbarer Nähe der kaiserlichen Hofburg, Horthys Arbeitsplatz, befindet. Warum sollte der Flügeladjutant beim Nachhauseweg nicht in jenem Kaffeehaus einkehren? Die zwei Herren, der eine Magyare, der andere Russe, sprechen ausgezeichnet Deutsch und hätten trotz des Altersunterschieds von elf Jahren einigen Gesprächsstoff: Beide sind Söhne aufstrebender Gutsbesitzer, sowohl Horthy wie auch Bronstein haben vier Kinder, beide werden zuerst Väter von zwei Töchtern, danach kommen zwei Söhne. Auch die gemeinsame Neigung zum Schachspielen ist in einem Alt-Wiener Kaffeehaus ein Grund zum Kennenlernen. Während wir über eine allfällige Bekanntschaft nur müßig spekulieren können, ist eines gewiß: Bronstein erblickt in Wien zum ersten Mal den Mann, der später sein Mörder wird – Jossif Stalin.8
Der Flügeladjutant Horthy pflegt persönlichen Kontakt zu den Inhabern der wichtigsten Hofämter, die da sind: erster Oberst-Hofmeister Alfred Fürst Montenuovo, Oberst-Kämmerer Leopold Graf von Gudenus, Oberst-Hofmarschall Ágost Graf Zichy von Zich und Vásonykeö, Oberst-Stallmeister Ferdinand Graf Kinsky von Wchinitz und Tettau sowie Generaladjutant Eduard Graf Paar. Franz Joseph ist recht zufrieden mit dem Seemann aus dem Ungarnland, denn nach Ablauf der obligaten vierjährigen Dienstzeit erfolgt eine außertourliche Verlängerung um ein halbes Jahr. Den Abschied versüßt der Hof einem ausscheidenden Flügeladjutanten9 im Regelfall mit einem Reitpferd. Bei Horthy ist die besondere Gunst des Hauses Habsburg augenscheinlich, der Kaiser schenkt seinem Adjutanten zwei Lipizzaner.
Durch den Dienst rund um die Person des Monarchen lernt Horthy das Innenleben der Doppelmonarchie kennen. Stets bleibt er ein Bewunderer des alten Kaisers, dessen Führungsstil er als ungarischer Reichsverweser nachahmt. Er übernimmt von ihm die Leidenschaft für die Jagd und den gleichen konservativen Geschmack in Fragen der Kunst.
Selbst beim Essen hält er es mit der Bescheidenheit Franz Josephs, zu seinen bevorzugten Speisen gehören Beuschel mit Knödel, Gulasch und die für einen Magyaren unverzichtbare Fischsuppe. Horthys langjähriger Kammerdiener Miklós Kerencsi wiederum ist sozusagen die ungarische Ausgabe des berühmten Eugen Ketterl. Ein bißchen Eitelkeit spielt mit, wenn Horthy anläßlich der hauptstädtischen Verwaltungsreform einen Budapester Bezirk nach seiner Ehefrau benennen läßt, ab 16. Februar 1938 heißt der XIII. Gemeindebezirk Magdolnaváros. Schließlich ist ein anderer Bezirk, nämlich Erzsébetváros (Elisabethstadt), nach der Gattin Franz Josephs benannt.
Tragisch ist der Gleichklang im Leben des Monarchen und dessen Flügeladjutanten, was die familiären Schicksalsschläge anlangt. Franz Joseph stirbt die erste Tochter Sophie im Kindesalter, Sohn Rudolf gibt sich den Freitod, die vergötterte Elisabeth fällt dem Dolch eines Anarchisten zum Opfer. Horthy trägt drei seiner vier Kinder zu Grabe: Magdolna stirbt mit sechzehn am Scharlach, Paula erliegt als junge Frau ihrem Lungenleiden, István stürzt im August 1942 an der Ostfront mit seiner Jagdmaschine ab.
Was die Einsilbigkeit des alten Kaisers betrifft10, so nimmt sich Horthy in seiner Zeit als Landesvater kein Beispiel daran, er gilt als redseliger Gesprächspartner, was bei Audienzen mitunter zu Monologen ausartet. Zudem ist der Tagesrhythmus etwas anders: Während Franz Joseph, wie erwähnt, um 3:30 Uhr aufsteht, läßt sich der Reichsverweser erst um sieben wecken. Beim Staatsbesuch in Wien im November 1936 steigt der nunmehr selbst schon fast Siebzigjährige allein die Stufen in die Kapuzinergruft hinunter, wo er vor dem Sarg Franz Josephs einen Kranz niederlegt. Horthy beschreibt die bewegenden Minuten: Ich kniete nieder und betete ein Vaterunser. Seine Majestät war mein Lehrmeister, dem ich viel verdanke. Als Staatsoberhaupt stand ich oft vor schwerwiegenden Entscheidungen. Immer dachte ich daran, wie würde Franz Joseph an meiner Stelle entscheiden. Auf seine Weisheit konnte ich immer vertrauen und bin niemals enttäuscht worden.
Die Prägung durch den König und Kaiser führen manche auf den Umstand zurück, daß Horthys Vater und der Herrscher derselbe Jahrgang (1830) sind und der Adjutant im Monarchen das Ebenbild seines früh verstorbenen Vater sieht.
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Wenden wir uns abschließend Horthys Sehnsucht nach der Würde eines k. u. k Kämmerers zu. Sowohl er als auch sein ältester Bruder István bemühen sich ab 1896 jahrelang um die Ehrenstelle eines Kämmerers. Sonderbarerweise verliert der exilierte Reichsverweser in seinen Memoiren darüber kein Wort.
Seit 1760 muß ein Bewerber zwölf illustres et magni nobiles, sohin adelig geborene Vorfahren (je sechs in der väterlichen und mütterlichen Linie) aufweisen. Allerdings werden 1898 die Richtlinien verschärft, ab da verlangt man die Ahnenprobe auf sechzehn adelig geborene Vorfahren. Der damalige Oberst-Kämmerer Hugo Graf Traun führt dazu aus: … und dem sich namentlich in den höheren aristokratischen Kreisen geltend gemachten unliebsamen Empfinden, daß wiederholt Angehörige des galizischen wie ungarischen Landadels der Verleihung der k. und k. Kämmererwürde theilhaftig wurden, welche weder durch Namen, gesellige Stellung, noch Besitz jene Position einnehmen, wie solche bei Bekleidung der gedachten Hof-Würde vorausgesetzt werden muß, ja bei der Thatsache, daß detaillirte personelle Informationen über hier unbekannte Bewerber … zumalen in Bezug auf solche welche in entlegenen Provinztheilen domiciliren, nur sehr schwer zu erlangen sind …
Die Ahnenprobe fällt bei den Horthys negativ aus. Denn bei Elisabeth (von) Gerber, der Großmutter mütterlicherseits, ist die adelige Herkunft zweifelhaft. Die Familie verfügt bloß über eine Heiratsurkunde über die Eheschließung zwischen József Hallasy und Elisabeth Gerber. Und aus der ist eine adelige Abstammung letzterer nicht ersichtlich.
Wie früh Horthys Ehrgeiz im Hinblick auf die Kämmererwürde erwacht, geht hervor aus Briefen an Doktor Johann Baptist Witting, dem im ausgehenden 19. Jahrhundert führenden Fachmann für genealogische Fragen, die Horthy im Jahr 1896 und 1897 an ihn mit der Bitte richtet, den Adel der Großmutter nachzuweisen. Denn es gebe den Taufschein seiner Mutter, wo der Adel von deren Mutter aufscheine. Der damals in Pola stationierte Linienschiffsleutnant schreibt am 30. November 1896 nachstehenden Brief an Doktor Witting:
Hochgeehrter Herr Doctor!
Auf Anrathen meines Freundes Schlt. Graf Lanjus wende ich mich mit einer ziemlich verzwickten Angelegenheit an Sie, mit der Bitte mir baldmöglichst zu antworten, ob Sie Herr Doctor die Güte haben wollten die Sache in die Hand zu nehmen, und ob Aussicht auf eine baldige günstige Lösung vorhanden.
Es handelt sich um die Kämmererwürde. – Sowohl die Familie Horthy wie die Familie Halassy (die meiner Mutter) haben einen Adelsbrief aus dem Jahre 1520 worin der vorhandene Adel vom Kaiser Ferdinand neu bestättigt wird. Wir haben alles in Ordnung, und in der obersten Reihe wies mein Bruder (der die Angelegenheit in die Hand nahm; er ist Rittmeister im 13. Husz. Rgmt.) statt der vorgeschriebenen 12 – ich glaube 24 Wappen aus. Mit einem Wort der Stammbaum wäre bis auf einen Fehler in vollkommenster Ordnung. Dieser Fehler ist folgender. Mein Großvater mütterlicherseits heirathete eine Wienerin Elisabeth von Gerber. Sie soll adelig gewesen sein, ein Bruder von ihr soll General gewesen sein und in allen Schematismen figurirt auch ein Pensionist General v. Gerber. Ich schreibe überall „soll“, denn wir wissen, da mein Großvater mit einer Comtesse Teleky verlobt war und geheim gegen den Willen der Familie heirathete nichts gewisses. Die Ehe war legal, den Trauschein haben wir in Händen, da ist meine Großmutter nicht als adelig eingetragen. Wir liessen die Wappentafel malen, oben (ich glaube 24 Wappen) die Großmutter liessen wir aus, 4 Kämmerer unterschrieben, und wollten so mit Majestätsgesuch einreichen; da sagte ein massgebender Herr im Oberstkämmereramt – es wäre schade die Sache nicht früher in Ordnung zu bringen, sie wäre ja leicht zu arrangiren. Ich bitte Sie daher Herr Doctor dieses schwere „leicht zu arrangiren“ zu übernehmen. Ich brauche adelige Eltern für Elisabeth Gerber geboren am 1. Mai 1810 in Wien. Verheirathet an Josef von Halassy de Dévaványa. Ob es wohl gehen wird!? Erwarte mit begreiflicher Ungeduld Ihre geschätzte ausführliche Antwort.
Horthy Lt. m.p.
Die Befassung des Experten verläuft im Sande, obwohl die Taufregister aller Wiener Pfarren durchforstet werden und Horthy durchaus willens ist, die Mühewaltung des Experten großzügig zu entgelten. Er formuliert in einem der Briefe: Gleichzeitig expedire ich 25 fl., wenn Sie jedoch diese Angelegenheit bald in Ordnung brächten, honoriren wir mit Wollust… Anfang 1897 ist Horthy bereits recht ungehalten und antwortet Doktor Witting auf dessen Bitte um Zumittlung des Trauscheins der Großeltern mütterlicherseits mit der unwirschen Wendung … überzeugt, daß Ihnen dieser Wisch nicht dient…
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Das Amt des Kämmerers ist uralt und gehört neben dem Mundschenk, dem Marschall und dem Truchseß zu den vier höchsten Ämtern am Hof des Herrschers (quatuor officia principalia), wobei sich der Kämmerer eines gewissen Vorranges gegenüber den anderen erfreut. Ihm obliegt nämlich die Aufsicht über die königliche Schatzkammer, deren Schlüssel ihm anvertraut sind. Mit der Zeit wird aus der mit einer konkreten Aufgabenstellung verbundenen Hofstelle ein Ehrenamt, das immer öfter verliehen wird. So ernennt Franz Joseph I. bis September 1903 insgesamt 2.600 (!) Kämmerer, was aber der Attraktion der unbesoldeten Ehrenstellung keinen Abbruch tut.
Jeder Bewerber muß außer seiner adeligen Abstammung die Staatsangehörigkeit eines der beiden Teile der Doppelmonarchie besitzen, das 24. Lebensjahr vollendet haben, eine ehrenvolle soziale Stellung einnehmen und ein standesgemäßes Vermögen nachweisen können. Militärangehörige haben eine Offizierscharge zu bekleiden. Näheres regeln die „Allerhöchst sanctionirten Directiven für das Einschreiten um die Allergnädigste Verleihung der k. u. k. Kämmerer-Würde“, die vom Oberst-Kämmereramt dem Interessenten zugemittelt werden.
Am 16. Jänner 1912 stellt Horthy, inzwischen Flügeladjutant, trotz der erfolglosen Nachforschungen einen Antrag in Form eines sogenannten Majestätsgesuches. Es beginnt wie folgt:
Euere Majestät!
In angestammter Treue und wahrster Ergebenheit wage ich Euere kaiserliche und königliche Apostolische Majestät in tiefster Untertänigkeit um die allergnädigste Verleihung der k. u. k. Kämmererwürde – mit Nachsicht der Kameraltaxe zu bitten … Ich entstamme einem altadeligen Geschlecht Ungarns …
Horthy verweist auf die Schlacht bei Mohács 1526, in der Mitglieder seiner Familie im Kampf gegen die Osmanen gefallen sind. Der zuständige Referent im Oberstkämmereramt, Alfred Anthony von Siegenfeld, an den das Gesuch acht Tage darauf unter der Präsidial-Nummer 246/1912 weitergeleitet wird, bestätigt grundsätzlich das Vorliegen der Voraussetzungen und merkt wohlwollend an:
Der Herr Kandidat hat durch die beigebrachten Dokumente seine Filiation … nur für die väterliche Seite und die von seinem mütterlichen Großvater aufsteigende Aszendenz einwandfrei erbracht. … Dagegen konnte trotz aller Mühe weder der Taufschein der mütterlichen Großmutter Elisabeth von Gerber noch ein entsprechendes Ersatz-Dokument für den Nachweis ihrer Abstammung von dem Ehepaare Joseph von Gerber und Rosalia, geb. von Szládovits, beigebracht werden … Nach der Aktenlage kann es jedoch kaum einem Zweifel unterliegen, daß Elisabeth von Gerber … jener Familie dieses Namens angehörte.
Unter den vorgelegten Dokumenten findet sich die Qualifikationsliste Z. 3089 ex 1913 der k. u. k. Kriegsmarine, in der sich interessante Angaben finden. Nach deren Inhalt ist Horthy am 1. Oktober 1886 aus der Marineakademie mit dem Gesamtkalkül „genügend“ ausgeschieden. Unter den 27 Zöglingen seines Jahrganges nimmt er den 26. Platz ein. Ein Umstand, den er in seinen Memoiren freimütig eingesteht – er habe nicht zu den fleißigen Schülern gehört. Mit den Jahren bessert sich die Benotung: 1896 wird ein Torpedo-Offizierskurs mit gutem, 1899 ein Taucherkurs sogar mit sehr gutem Erfolg absolviert. Unter der Rubrik „Eigenschaften des Charakters, Geistes und Gemütes“ vermerken die Marine-Oberen: offener, sehr energischer Charakter, begabt, heiteres, sehr einnehmendes Wesen, guter Kamerad, sehr empfehlenswerter See-Stabsoffizier. Das Benehmen sei Vorgesetzten gegenüber sehr korrekt und militärisch anhänglich, zu Untergebenen maßvoll streng und wohlwollend.
Im Gegensatz zum Ahnenprobenexaminator von Siegenfeld findet der gestrenge Erste Oberst-Hofmeister Alfred Fürst Montenuovo die adelige Herkunft der Großmutter des Flügeladjutanten recht zweifelhaft. Er schreibt in seinem Allerunterthänigsten Vortrag: „Die Ahnenprobe dieses Bittstellers wurde für die väterliche Probeseite in einwandfreier Weise erbracht, auf der mütterlichen Seite hingegen erscheint dieselbe dadurch alteriert, daß die adelige Abstammung der mütterlichen Großmutter Elisabeth von Gerber nicht mit voller Sicherheit nachgewiesen zu werden vermag, wodurch auch die von ihr aufsteigenden vier Quartiere zweifelhaft erscheinen. Euer Majestät haben jedoch über meinen diesfalls bereits mündlich erstatteten allerunterthänigsten Vortrag die huldvollste Nachsicht der sich hieraus ergebenden Probemängel Allergnädigst in Aussicht zu stellen geruht.“ Deswegen leitet er den Akt am 7. November 1913 dem Generaladjutanten Graf Paar zu und empfiehlt die Annahme des Gesuchs, das gleichsam im Gnadenweg von Franz Joseph durch Allerhöchste Entschließung vom 24. November 1913 genehmigt wird. Horthy ist der letzte Kämmerer des Kalenderjahres 1913, denn im Hof-und Staats-Kalender für die österreichisch-ungarische Monarchie (Jg. 1915, 268) scheint im Kapitel K. u. K. Kämmerer nach dem Datum der Allerhöchsten Ernennung im Jahr 1913 als letzter Name Horthy von Nagybánya Nikolaus auf. Der Monarch ernennt im Jahr 1913 insgesamt 36 Kämmerer.
Horthy legt am 5. Dezember 1913 vor Oberst-Hofmeister Montenuovo den Kämmerer-Eid ab. Der Text wird verlesen, die Schlüsselstelle lautet:
Sie werden einen Eid zu Gott dem Allmächtigen schwören und bei Ihrer Ehre und Treue geloben, dem allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn Franz Joseph dem Ersten … wie auch Seiner kaiserlichen und königlichen Apostolischen Majestät Erben und Nachkommen getreu zu sein…, worauf Horthy wie folgt zu antworten hat: Was mir jetzt vorgelesen worden ist und ich in Allem wohl und deutlich verstanden habe, demselben soll und will ich getreu und fleißig nachkommen, so wahr mir Gott helfe.
Sohin: Ende gut, alles gut. Und wie beurteilt Nikolaus Horthy den Wien-Aufenthalt zwischen 1909 und 1914? In seinen Memoiren ist dazu zu lesen: Diese fünf Jahre waren die schönste und sorgloseste Zeit meines Lebens.
1 „König und Kaiser“: Horthy bedient sich dieser magyarischen Eigenheit – sohin zuerst der ungarische König, dann Österreichs Kaiser – bei der Erwähnung des Herrschers in Wien.
2 Die an den Oberst-Hofmeister gerichtete Note hat nachstehenden Wortlaut:
Lieber Fürst Montenuovo!
Ich ernenne mit 1. November 1909 den Korvettenkapitän Nikolaus Horthy de Nagybánya zu Meinem Flügeladjutanten, bei Überkomplettführung im Seeoffizierskorps.
Wien, am 28. Oktober 1909.
Franz Joseph
In der Folge weist der Oberst-Hofmeister die Hofkasse an, Horthy ab 1. November 1909 jährlich 4.800 Kronen auszuzahlen. Darüber hinaus wird die Burghauptmannschaft verständigt, sie möge dem neuen Flügeladjutanten ein standesgemäßes Dienstquartier zuteilen.
3 Nur in Polen ist der Prozentsatz an Kleinadeligen noch etwas höher.
4 Darunter die Adria sowie die Ungaro- Kroata, die ewige Rivalin des Österreichischen Lloyd auf den Eilkursen entlang der dalmatinischen Küste.
5 Fiume hat 1913 einen Hafenumschlag von 2.096,800 Tonnen, davon entfallen 1.175,800 auf die Ausfuhr. Exportiert werden vor allem Zucker, Holz und Getreide. Bei den Importen stehen Kohle und Reis an der Spitze.
6 Das Augustineum (auch Frintaneum genannt) ist das von 29. Oktober 1816 bis 30. Juni 1919 in Wien bestehende K. u. K. höhere Weltpriester-Bildungsinstitut zum Heiligen Augustin zur Weiterbildung begabter Geistlicher aus dem Donau-Alpen-Adria-Raum. Das Institut ist im Kloster der unbeschuhten Augustiner im Albertina-Trakt der Wiener Hofburg, Augustinerstraße Nr. 3, situiert. Die Bezeichnung Frintaneum ist auf den ersten Leiter des Instituts, Jakob Frint, den nachmaligen Bischof von St. Pölten, zurückzuführen. Das Institut hat rund vierzig Studienplätze, seit 1851 sind acht Plätze für Priester aus Ungarn reserviert, außerdem je zwei für Kroatien und Siebenbürgen.
7 Bronstein verschlägt es 1907 nach Wien, in der durchaus berechtigten Annahme, unter dem milden Auge Habsburgs für die nicht allzuferne Revolution in Rußland arbeiten zu können. Er wohnt in Sievering, zuletzt in der Rodlergasse Nr. 25, Tür 11, und verläßt Wien erst am Abend des 3. August 1914 in Richtung Schweiz.
8 Im Jänner 1913 in der Wohnung des russischen Emigranten Matvej Skobelew in Wien IV. Kolschitzkygasse Nr. 30, Tür 13. Bronstein unterhält sich gerade mit dem Gastgeber, als plötzlich und ohne anzuklopfen ein Mann mit einem schwärzlich-grauen Gesicht, das die Spuren der Pockenkrankheit trägt, wortlos ins Zimmer tritt, einen Augenblick lang in der Tür stehen bleibt und dem Gast einen unheimlichen Blick zuwirft. Dann nimmt er sich ein Glas Tee, um damit schweigend zu verschwinden.
9 Außer Horthy versehen folgende Personen den Dienst als Aide-de-camp respektive Flügeladjutant (Stand 1913): Artur Graf Manzano, Heinrich Graf Hoyos, Karl Freiherr von Bienerth sowie Ludwig Walluschek von Wallfeld. Diese Flügeladjutanten gehören zum militärischen Stab des Herrschers.
10 Ein Flügeladjutant meint bei der ersten Kutschenfahrt mit dem Monarchen, es sei schönes Wetter. Franz Joseph macht am nächsten Tag seinem Generaladjutanten Graf Paar Vorhaltungen, er habe einen Schwätzer an den Hof geholt.