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Nikolaus Horthy

Nikolaus von Horthy (1868–1957) wurde im März 1920 von der Ungarischen Nationalversammlung als Reichsverweser zum provisorischen Staatsoberhaupt gewählt. 1921 verhinderte er aus außen- und innenpolitischen Gründen die beiden Restaurationsversuche Kaiser Karls (als ungarischer König Karl IV.). In den Zweiten Weltkrieg trat Ungarn unter der Führung Horthys als Verbündeter des Deutschen Reiches ein. Als dieser im Oktober 1944 mit der Roten Armee über einen Waffenstill-stand zu verhandeln begann, wurde er im Rahmen einer von Otto Skorzeny geleiteten Kommandoaktion gestürzt und auf Schloß Hirschberg in Bayern interniert. 1957 starb Horthy im portugiesischen Exil. Heute wird er vor allem von den ungarischen Rechtsparteien Jobbik und Fidesz als herausragender Staatsmann verehrt.

Die Wiener Jahre des späteren ungarischen Reichsverwesers

Von MMag. Erich Körner-Lakatos

Dem zeitgeschichtlich Interessierten ist Nikolaus Horthy kein Unbekannter: Sieger bei der Seeschlacht von Otranto im Mai 1917, Beförderung zum k. u. k. Flottenkommandanten per 27. Februar 1918, dies unter Übergehung von achtzehn dienstälteren Admirälen. Am 1. März 1920 Wahl zum provisorischen Staatsoberhaupt (Reichsverweser). Die Übergangslösung währt bis zum Oktober 1944. Als der Reichsverweser aus dem Krieg aussteigen will – Ungarn kämpft seit 1941 auf deutscher Seite –, wird er abgesetzt, es folgen die Exiljahre in Bayern, dann in Portugal, wo Horthy im Februar 1957 die Augen schließt. Nur we­nig bekannt sind seine Wiener Jahre, wo er zwischen 1909 und 1914 den Dienst als Flügeladjutant des greisen Monarchen versieht. Davon soll hier die Rede sein.

Im November 1909 tritt ein k. u. k. Kor­vettenkapitän seinen Dienst am Wie­ner Hofe an. „Seit meiner Kindheit hörte ich, Seine Majestät sei ein allmächtiges höheres Wesen. Nun werde ich ihm Auge in Auge gegenüberstehen und außerdem täglich den Dienst um seine Person ver­sehen. Als ich in sein Arbeitszimmer trat, kam mir Seine Majestät einige Schritte entgegen. In meinem Leben traf ich kei­nen Monarchen, der in ähnlichem Maß das Majestätische im wirklichen Sinne des Wortes verkörperte wie Franz Joseph. Diese Anschauung, die sich unter dem Eindruck der ersten Audienz in mir bildete, änderte sich niemals mehr. Aus seinem Wesen strahlte eine ergreifende Würde. Ich fühlte, wie unter dem Ein­druck seiner Güte und Ungezwungen­heit meine Beklommenheit verschwand. Es bleibt ein großes Ereignis in meinem Leben, als ich dem greisen Herrscher ge­genüberstand. Das Gefühl der Rührung und Liebe erfüllte meine Seele und das ist bis heute gleich geblieben.“ Mit solch bewegenden Worten beschreibt Niko­laus Horthy fast ein halbes Jahrhundert später in seinen Lebenserinnerungen die erste Begegnung mit seinem König und Kaiser1 Franz Joseph I. im November 1909. Damals ahnt der frischgebackene Flügeladjutant nichts vom eigenen stei­len Aufstieg, der ihn bis an die Spitze sei­nes Heimatlandes führen wird.

Wer ist nun dieser Korvettenkapitän, für den Franz Joseph am 28. Oktober 1909 die Ernennungsurkunde2 unterfer­tigt?
Nikolaus Horthy wird vor nunmehr 150 Jahren, am 18. Juni 1868, in Kenderes, einem Flecken in der ungarischen Tief­ebene östlich der Theiß, als fünftes Kind des Gutsherrn István Horthy und dessen Frau Paula geboren. Die magyarische Form seines Namens lautet nagybányai Horthy Miklós. Bekanntlich steht bei un­serem östlichen Nachbarn zuerst der Fa­milien-und dann erst der Taufname. Das Adelsprädikat nagybányai führen die Horthys seit 1697, es bedeutet so viel wie „von Nagybánya“, einem Ort im nördli­chen Siebenbürgen, der heute auf der Landkarte unter der rumänischen Be­zeichnung Baia Mare zu finden ist. Da sich Horthy während seines Wien-Auf­enthalts häufig Nikolaus (von) Horthy nennt, bleiben wir der Einfachheit halber bei der deutschen Version seines Na­mens.
Obschon Kalvinist, gilt Horthys Vater – Mitglied der Magnatentafel, also des Oberhauses des ungarischen Parlaments, sowie Vorsitzender der liberalen Partei des Burgkomitats Jász-Nagykun-Szolnok – als Befürworter des Ausgleichs, den Ungarn 1867 mit den erzkatholischen Habsburgern eingeht.
Nikolaus ist das fünfte von insgesamt neun Geschwistern; zwei seiner Brüder machen Karriere: István, zehn Jahre älter, leitet das Militär-Reitlehrer-Institut der k. u. k. Armee im dritten Wiener Gemein­debezirk (Ungargasse Nr. 60–62 sowie 69), 1917 avanciert er zum Generalmajor. Der andere, Szabolcs, steht mit sechs­unddreißig Lenzen am Beginn seines Wirkens als Bezirkshauptmann des Burgkomitats Szolnok. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwil­lig zu den Husaren und fällt bereits am 22. November 1914 in Galizien.
Der zahlenmäßig bedeutende, rund sieben Prozent3 der Bevölkerung umfas­sende Kleinadel, die sogenannte Gentry, ist zwar verarmt, hält es aber für standes­widrig, sich am modernen Wirtschaftsle­ben zu beteiligen. So stehen dem jungen Nikolaus nur das Leben als Gutsbesitzer, die öffentliche Verwaltung, etwa in den Komitatsbehörden, oder die militärische Laufbahn offen. Er wählt letztere, ent­scheidet sich für die Kriegsmarine. Die Eltern sind zuerst strikt dagegen, da ei­ner ihrer Söhne knapp vor Beendigung der harten Ausbildung bei einem Manö­ver zu Tode kommt.
Der Weg zum Offizierspatent ist nicht einfach. Horthy führt in seinen Memoi­ren mit sichtlichem Stolz an, 1882 hätten sich 612 Bewerber aus allen Teilen der Monarchie gemeldet, bloß 42 bestehen die Aufnahmeprüfung. Nach vierjähriger Ausbildung erhalten ganze 27 Kadetten, einer davon ist Horthy, das ersehnte Di­plom der k. u. k. Marineakademie zu Fi­ume, dem heutigen Rijeka, deren Leitsatz lautet: Höher als das Leben steht die Pflicht.

 

Die Seeschlacht von Otranto war das größte Seegefecht während des Ersten Weltkriegs in der Adria. Die Alliierten blockierten seit dem Kriegseintritt Italiens die nur 75 km breite Straße von Otranto zwischen dem italienischen Stiefel und der albanischen Küste, um die Durchfahrt von Schiffen und U Booten der Donaumonarchie aus der Adria ins offene Mittelmeer zu unterbinden. Am 15. Mai 1917 gelang es Horthy, bei einem nächtlichen Angriff mehrere feindliche Schiffe zu versenken und weitere zu beschädigen, ohne ein eigenes Schiff zu verlieren. Horthy selbst wurde bei dem Gefecht durch einen Granatsplitter allerdings fast getötet. – Der bewußtlose Horthy an Bord des Leichten Kreuzers „Novara“.

Horthys Englisch-Lehrer in Pola war James Joyce (Bild). Auch Italienisch, Kroatisch, Französisch und natürlich Deutsch sprach Horthy neben seiner ungarischen Muttersprache.

Fiume

Ein paar Anmerkungen zu Fiume, das damals der einzige Hafen der transleit­hanischen Reichshälfte ist. Fiume – das römische Tarsattica (auch: Tersatica); die Deutschen nennen die Siedlung St. Veit am Flaum, die Magyaren Szentvit, die Slawen Rijeka – gehört bis 1776 zur Krain, dann durch Verfügung Maria The­resias zu Ungarn, genauer gesagt: zu dessen Nebenland Kroatien. Seit 1868 ist die königliche Freistadt gemäß Artikel 66 des ungarisch-kroatischen Ausgleichs ein corpus separatum coronae Sancti Stephani. Ein Zustand, mit dem sich die Kroaten nie so recht anfreunden können.Ungarn investiert in die Hafenanlagen den Betrag von fünfzig Millionen Gold­kronen, die Stadt verändert durch bauli­che Maßnahmen ihr Gesicht. Fiume ist Heimathafen der ungarischen Handels­flotte, Sitz ansehnlicher Reedereien4, nach Triest zweitgrößter Ankerplatz der Monarchie.5 Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg umfaßt die ungarische Han­delsflotte 134 Dampf-sowie 411 Segel­schiffe. Viele Projekte werden durch Subven­tionen großzügig unterstützt. Mit einem Schiffsbauprogramm will sich Budapest von der österreichischen Reichshälfte unabhängig machen. Der Hafen erstreckt sich von der Riva Levante im Osten eini­ge Kilometer nach Westen bis über das Bahnhofsareal hinaus. Die Mole Maria Theresia ist anderthalb Kilometer lang, sie schließt das Becken seeseitig ab.
Auf der riesigen Danubius-Werft mit ihren viertausend Arbeitern baut man Torpedoboote und, seit Jänner 1912, das modernste Schlachtschiff der Monarchie, die Szent István, welche am 17. Jänner 1914 vom Stapel läuft. Die Fiumaner Whitehead-Werft (1853 unter dem Na­men Stabilimento Tecnico Fiumano ins Le­ben gerufen) produziert sogar U-Boote. Das Zentrum – die Oberstadt (Alt­stadt) auf einem Hügel, die Unterstadt am Meer – strahlt mediterranes Flair aus: der belebte Corso, das 1885 von den Ar­chitekten Fellner und Helmer entworfe­ne Stadttheater, zahlreiche Jugendstil-Fassaden. Nicht zu vergessen der aus rö­mischer Zeit herrührende Triumphbo­gen Arco Romano. Am Ostrand, jenseits des Flüßchens Fiumere, erstreckt sich das Villenviertel Sušak. Von dort führt ein Weg auf die Anhöhe von Tersatto, von wo sich eine herrliche Aussicht auf die Quarner Bucht bietet.
Fiume umfaßt eine Fläche von bloß 21 qkm. 1851 beträgt der Anteil der Kroa­ten an der Einwohnerschaft noch mehr als drei Viertel, dann erfolgt ein starker Zuzug von Italienern. Nach der Volks­zählung von 1910 leben 24.212 Italiener und 12.926 Kroaten (26 %) in der Hafen­stadt; dazu kommen 6.493 Magyaren so­wie jeweils knapp über 2.300 Slowenen und Deutsche. Horthy schreibt in seinen Memoiren viel über die Zeit, die er in Fiume an der Marineakademie verbringt.
Dort sind Italienisch und Kroatisch Pflichtfächer, danach eignet er sich in Pola Englisch an, sein Lehrer ist kein anderer als James Joyce. Daneben gehören Deutsch, Fran­zösisch, etwas Spanisch und ein paar Brocken Slowakisch zum Repertoire des Sprachtalents, das noch dazu gesell­schaftlich gewandt ist. Freilich mit einem Nachteil: Er vergißt allmählich seine Muttersprache. Noch in der Zeit als Reichsverweser ermüdet ihn eine längere Unterhaltung auf Ungarisch. Auch auf sportlichem Gebiet können sich die Erfolge sehen lassen. Er besticht als Golfspieler, Segler, Schwimmer und Reiter; bei der Militär-Olympiade 1896 erringt der durchtrainierte Athlet im Fechten und im Tennis den ersten Rang, im Radfahren erreicht er die Bronze-Me­daille. 1908/09 weilt Horthy samt Familie in Konstantinopel. Die Stadt ist während seines Aufenthalts als Kapitän eines Kriegsschiffes, das die diplomatische Vertretung der Doppelmonarchie schüt­zen soll, ein Unruheherd ersten Ranges, vor allem wegen der Jungtürken und der Minderheiten. Denn Stambul ist zwar die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, doch für die Griechen ist es ihre große Stadt.

Fiume/Rijeka (zu deutsch St. Veit am Flaum) war in der Zeit der Doppelmonarchie der einzige Hafen der ungarischen Reichshälfte, während der Kriegshafen Pola und der Handelshafen Triest zur österreichischen Reichshälfte zählten.

Flügeladjutant

Dann folgt der Ruf an den Wiener Hof. Vom 1. November 1909 bis zum 30. April 1914 ist Horthy einer von vier Flügelad­jutanten. Der monatliche Dienstplan des Quartetts sieht vor, daß zwei Adjutanten einander täglich abwechseln, der dritte hält sich für besondere Aufgaben bereit, während der vierte frei hat. Der Adjutant sitzt in einem Raum neben dem Arbeits­zimmer des Kaisers. Der ist bekanntlich Frühaufsteher, läßt sich um halb vier wecken, so daß der Diensttuende noch früher aus den Federn muß. Zu den Auf­gaben des Flügeladjutanten gehört die Betreuung der Würdenträger, die zur Audienz kommen und auf ihren Emp­fang warten. Außerdem die Begleitung des Herrschers, sei es zu Veranstaltun­gen, auf die Jagd, zur Sommerfrische nach Ischl oder in die Oper. Alles Her­ausforderungen, die Nikolaus Horthy mühelos bewältigt.

Jedem Flügeladjutanten steht in der Hofburg und in Schönbrunn jeweils ein Dienstzimmer zur Verfügung. Die Pri­vatwohnung der Familie Horthy befin­det sich unweit der Urania im ersten Wiener Gemeindebezirk. Vorschriftsmä­ßig meldet sich der frischgebackene Hof­bedienstete unter dem eingedeutschten Namen Nikolaus von Horthy samt Ehefrau Magdolna (Magda) und den vier Kin­dern (Magdolna, Paula, István sowie Ni­kolaus junior) am 27. November 1909 in der Biberstraße Nr. 26, vierter Stock, Tür 7 an; als Beruf scheint auf dem Mel­dezettel „k. u. k. Korvettenkapitän, Flü­geladjutant Sr. Majestät“ auf. Als bisheri­gen Wohnort gibt Horthy Pola („eigene Villa“) und Konstantinopel an.

Horthy bewohnt die oberste Etage des innen im Jugendstil gehaltenen Gründer­zeithauses mit einem Fahrstuhl (was da­mals bei nur 3.000 Gebäuden Wiens der Fall ist), in dessen Mezzanin sowie in den einzelnen Stockwerken sich je eine groß­bürgerliche Mietwohnung mit einer Flä­che von rund 250 qm befindet; groß ge­nug, um ein Ehepaar mit vier Kindern und Personal unterzubringen. Im Gegen­satz zu Franz Joseph bedient sich sein Flügeladjutant der damals hochmoder­nen Einrichtung des Fernsprechapparats. In seiner Patrizierwohnung ist ein Tele­phon installiert, die Nummer des An­schlusses ist 20 921. Nebenbei: In Wien gibt es damals rund 60.000 Telephonan­schlüsse und 543 öffentliche Sprechstel­len. Als „Abonnent“ (Anschlußinhaber) scheint nicht Nikolaus von Horthy (wie auf dem Meldezettel) auf, sondern eine un­garisch-französisch-deutsche Mischver­sion, nämlich Horthy de Nagybánya, Niko­laus.

In der Wiener Zeit Horthys lernen sei­ne vier Kinder – auch die beiden Söhne kalvinistischen Glaubens – bei katholi­schen Priestern in der Hofburg, am Ende des Schuljahres legen sie die vorgeschrie­benen Prüfungen für Privatschüler in Ungarn, genauer gesagt: in Preßburg (Pozsony) ab. In dem Zusammenhang findet sich in Horthys Memoiren eine köstliche Stelle, Beleg für seinen feinen Humor, er schreibt:

„Für unsere vier Kinder hatten wir ei­ne Erzieherin und sie wurden nach unga­rischem Lehrplan von den hervorragen­den Priestern im Augustineum6 unter­richtet. … Am Ende des Schuljahres fuh­ren wir mit den Kindern nach Preßburg, wo sie die Prüfungen ablegten. Nach un­serer Rückkehr traf ich am Abend in der Oper den Kavalleriegeneral Graf Lónyay, den Befehlshaber der Ungarischen Leib­garde, und dieser erkundigte sich lie­benswürdigerweise nach meiner Familie. Natürlich erzählte ich ihm stolz vom aus­gezeichneten Prüfungserfolg meiner Kinder. Ja, ja, das kenne ich, meinte er, nach der großartigen ersten Prüfung ver­fällt man ins Grübeln, auf was für eine Laufbahn man einen so klugen Kerl er­ziehen soll. Vielleicht Außenminister? Oder aber auf etwas noch Höheres? Er kommt daher ins Gymnasium und der Vater fragt ein paar Jahre später den Di­rektor: Sagen Sie mir bitte, aber aufrichtig, ist der Bub eh kein Trottel? Hierauf erhält er zur Antwort: Na ja, das gerade nicht, aber…

Ursprünglich überbrachte ein Flügeladjutant die Befehle des Feldherren an verschiedene Truppenteile. Später wird die Bezeichnung für Offiziere verwendet, die einem Regenten persönlich für verschiedene zivile und militärische Dienste zugeteilt sind. Im Bild Adalbert von Spanyik, der letzte Flügeladjutant Kaiser Franz Josephs, in seiner Dienstuniform

Hitler, Trotzki, Stalin

In der Literatur wird gelegentlich der zeitliche Zusammenfall der Wien-Auf­enthalte Horthys und Adolf Hitlers er­wähnt und die Möglichkeit eines persön­lichen Kontaktes in den Raum gestellt, den man freilich so gut wie ausschließen kann. Was hätte der 41jährige Familien­vater, enge Mitarbeiter des Monarchen und Sohn eines adeligen Gutsherrn mit dem knapp 20jährigen Junggesellen aus kleinbürgerlichem Hause auch zu be­sprechen gehabt?

Ein zufälliges Tête-à-tête mit einem Herrn namens Leib Bronstein7, später als Leo Trotzki bekannt, kann man hingegen nicht ganz von der Hand weisen. Aus ei­nem naheliegenden Grund: Bronstein ist Stammgast im Café Central, das sich in der Herrengasse, in unmittelbarer Nähe der kaiserlichen Hofburg, Horthys Ar­beitsplatz, befindet. Warum sollte der Flügeladjutant beim Nachhauseweg nicht in jenem Kaffeehaus einkehren? Die zwei Herren, der eine Magyare, der andere Russe, sprechen ausgezeichnet Deutsch und hätten trotz des Altersun­terschieds von elf Jahren einigen Ge­sprächsstoff: Beide sind Söhne aufstre­bender Gutsbesitzer, sowohl Horthy wie auch Bronstein haben vier Kinder, beide werden zuerst Väter von zwei Töchtern, danach kommen zwei Söhne. Auch die gemeinsame Neigung zum Schachspie­len ist in einem Alt-Wiener Kaffeehaus ein Grund zum Kennenlernen. Während wir über eine allfällige Bekanntschaft nur müßig spekulieren können, ist eines ge­wiß: Bronstein erblickt in Wien zum er­sten Mal den Mann, der später sein Mör­der wird – Jossif Stalin.8

Doppelmonarchie

Der Flügeladjutant Horthy pflegt per­sönlichen Kontakt zu den Inhabern der wichtigsten Hofämter, die da sind: erster Oberst-Hofmeister Alfred Fürst Mon­tenuovo, Oberst-Kämmerer Leopold Graf von Gudenus, Oberst-Hofmarschall Ágost Graf Zichy von Zich und Vásony­keö, Oberst-Stallmeister Ferdinand Graf Kinsky von Wchinitz und Tettau sowie Generaladjutant Eduard Graf Paar. Franz Joseph ist recht zufrieden mit dem Seemann aus dem Ungarnland, denn nach Ablauf der obligaten vierjähri­gen Dienstzeit erfolgt eine außertourli­che Verlängerung um ein halbes Jahr. Den Abschied versüßt der Hof einem ausscheidenden Flügeladjutanten9 im Regelfall mit einem Reitpferd. Bei Hor­thy ist die besondere Gunst des Hauses Habsburg augenscheinlich, der Kaiser schenkt seinem Adjutanten zwei Lipizza­ner.
Durch den Dienst rund um die Person des Monarchen lernt Horthy das Innen­leben der Doppelmonarchie kennen. Stets bleibt er ein Bewunderer des alten Kaisers, dessen Führungsstil er als unga­rischer Reichsverweser nachahmt. Er übernimmt von ihm die Leidenschaft für die Jagd und den gleichen konservativen Geschmack in Fragen der Kunst.
Selbst beim Essen hält er es mit der Be­scheidenheit Franz Josephs, zu seinen be­vorzugten Speisen gehören Beuschel mit Knödel, Gulasch und die für einen Ma­gyaren unverzichtbare Fischsuppe. Hor­thys langjähriger Kammerdiener Miklós Kerencsi wiederum ist sozusagen die un­garische Ausgabe des berühmten Eugen Ketterl. Ein bißchen Eitelkeit spielt mit, wenn Horthy anläßlich der hauptstädti­schen Verwaltungsreform einen Budape­ster Bezirk nach seiner Ehefrau benennen läßt, ab 16. Februar 1938 heißt der XIII. Gemeindebezirk Magdolnaváros. Schließlich ist ein anderer Bezirk, näm­lich Erzsébetváros (Elisabethstadt), nach der Gattin Franz Josephs benannt.

Tragisch ist der Gleichklang im Leben des Monarchen und dessen Flügeladju­tanten, was die familiären Schicksals­schläge anlangt. Franz Joseph stirbt die erste Tochter Sophie im Kindesalter, Sohn Rudolf gibt sich den Freitod, die vergötterte Elisabeth fällt dem Dolch ei­nes Anarchisten zum Opfer. Horthy trägt drei seiner vier Kinder zu Grabe: Mag­dolna stirbt mit sechzehn am Scharlach, Paula erliegt als junge Frau ihrem Lun­genleiden, István stürzt im August 1942 an der Ostfront mit seiner Jagdmaschine ab.

Was die Einsilbigkeit des alten Kaisers betrifft10, so nimmt sich Horthy in seiner Zeit als Landesvater kein Beispiel daran, er gilt als redseliger Gesprächspartner, was bei Audienzen mitunter zu Monolo­gen ausartet. Zudem ist der Tagesrhythmus etwas anders: Während Franz Jose­ph, wie erwähnt, um 3:30 Uhr aufsteht, läßt sich der Reichsverweser erst um sie­ben wecken. Beim Staatsbesuch in Wien im Novem­ber 1936 steigt der nunmehr selbst schon fast Siebzigjährige allein die Stufen in die Kapuzinergruft hinunter, wo er vor dem Sarg Franz Josephs einen Kranz nieder­legt. Horthy beschreibt die bewegenden Minuten: Ich kniete nieder und betete ein Vaterunser. Seine Majestät war mein Lehr­meister, dem ich viel verdanke. Als Staats­oberhaupt stand ich oft vor schwerwiegenden Entscheidungen. Immer dachte ich daran, wie würde Franz Joseph an meiner Stelle ent­scheiden. Auf seine Weisheit konnte ich im­mer vertrauen und bin niemals enttäuscht worden.
Die Prägung durch den König und Kaiser führen manche auf den Umstand zurück, daß Horthys Vater und der Herr­scher derselbe Jahrgang (1830) sind und der Adjutant im Monarchen das Eben­bild seines früh verstorbenen Vater sieht.

In seinen nach dem Zweiten Weltkrieg verfaßten Lebenserinnerungen bezeichnet Nikolaus Horthy Kaiser Franz Joseph als seinen Lehrmeister, dem er zeit seines Lebens verbunden geblieben sei. Noch im November 1936 hat er ihm in der Wiener Kapuzinergruft einen letzten Besuch abgestattet. – Kaiser Franz Joseph auf seinem Sterbebett. Zeichnung von Ladislaus Tuszynski.

Höchste Würde

Wenden wir uns abschließend Horthys Sehnsucht nach der Würde eines k. u. k Kämmerers zu. Sowohl er als auch sein ältester Bruder István bemühen sich ab 1896 jahrelang um die Ehrenstelle eines Kämmerers. Sonderbarerweise verliert der exilierte Reichsverweser in seinen Memoiren darüber kein Wort.
Seit 1760 muß ein Bewerber zwölf il­lustres et magni nobiles, sohin adelig gebo­rene Vorfahren (je sechs in der väterli­chen und mütterlichen Linie) aufweisen. Allerdings werden 1898 die Richtlinien verschärft, ab da verlangt man die Ah­nenprobe auf sechzehn adelig geborene Vorfahren. Der damalige Oberst-Käm­merer Hugo Graf Traun führt dazu aus: … und dem sich namentlich in den höheren aristokratischen Kreisen geltend gemachten unliebsamen Empfinden, daß wiederholt An­gehörige des galizischen wie ungarischen Landadels der Verleihung der k. und k. Käm­mererwürde theilhaftig wurden, welche we­der durch Namen, gesellige Stellung, noch Besitz jene Position einnehmen, wie solche bei Bekleidung der gedachten Hof-Würde vorausgesetzt werden muß, ja bei der Thatsa­che, daß detaillirte personelle Informationen über hier unbekannte Bewerber … zumalen in Bezug auf solche welche in entlegenen Pro­vinztheilen domiciliren, nur sehr schwer zu erlangen sind …

Die Ahnenprobe fällt bei den Horthys negativ aus. Denn bei Elisabeth (von) Gerber, der Großmutter mütterlicher­seits, ist die adelige Herkunft zweifel­haft. Die Familie verfügt bloß über eine Heiratsurkunde über die Eheschließung zwischen József Hallasy und Elisabeth Gerber. Und aus der ist eine adelige Ab­stammung letzterer nicht ersichtlich.
Wie früh Horthys Ehrgeiz im Hinblick auf die Kämmererwürde erwacht, geht hervor aus Briefen an Doktor Johann Baptist Witting, dem im ausgehenden 19. Jahrhundert führenden Fachmann für genealogische Fragen, die Horthy im Jahr 1896 und 1897 an ihn mit der Bitte richtet, den Adel der Großmutter nach­zuweisen. Denn es gebe den Taufschein seiner Mutter, wo der Adel von deren Mutter aufscheine. Der damals in Pola stationierte Linien­schiffsleutnant schreibt am 30. Novem­ber 1896 nachstehenden Brief an Doktor Witting:

Hochgeehrter Herr Doctor!

Auf Anrathen meines Freundes Schlt. Graf Lanjus wende ich mich mit einer ziemlich verzwickten Angelegenheit an Sie, mit der Bitte mir baldmöglichst zu antworten, ob Sie Herr Doctor die Güte haben wollten die Sa­che in die Hand zu nehmen, und ob Aussicht auf eine baldige günstige Lösung vorhanden.

Es handelt sich um die Kämmererwürde. – Sowohl die Familie Horthy wie die Familie Halassy (die meiner Mutter) haben einen Adelsbrief aus dem Jahre 1520 worin der vor­handene Adel vom Kaiser Ferdinand neu be­stättigt wird. Wir haben alles in Ordnung, und in der obersten Reihe wies mein Bruder (der die Angelegenheit in die Hand nahm; er ist Rittmeister im 13. Husz. Rgmt.) statt der vorgeschriebenen 12 – ich glaube 24 Wappen aus. Mit einem Wort der Stammbaum wäre bis auf einen Fehler in vollkommenster Ord­nung. Dieser Fehler ist folgender. Mein Großvater mütterlicherseits heirathete eine Wienerin Elisabeth von Gerber. Sie soll ade­lig gewesen sein, ein Bruder von ihr soll Ge­neral gewesen sein und in allen Schematis­men figurirt auch ein Pensionist General v. Gerber. Ich schreibe überall „soll“, denn wir wissen, da mein Großvater mit einer Comtes­se Teleky verlobt war und geheim gegen den Willen der Familie heirathete nichts gewis­ses. Die Ehe war legal, den Trauschein haben wir in Händen, da ist meine Großmutter nicht als adelig eingetragen. Wir liessen die Wappentafel malen, oben (ich glaube 24 Wap­pen) die Großmutter liessen wir aus, 4 Käm­merer unterschrieben, und wollten so mit Majestätsgesuch einreichen; da sagte ein massgebender Herr im Oberstkämmereramt – es wäre schade die Sache nicht früher in Ordnung zu bringen, sie wäre ja leicht zu ar­rangiren. Ich bitte Sie daher Herr Doctor die­ses schwere „leicht zu arrangiren“ zu über­nehmen. Ich brauche adelige Eltern für Elisa­beth Gerber geboren am 1. Mai 1810 in Wien. Verheirathet an Josef von Halassy de Déva­ványa. Ob es wohl gehen wird!? Erwarte mit begreiflicher Ungeduld Ihre geschätzte aus­führliche Antwort.
Horthy Lt. m.p.

Die Befassung des Experten verläuft im Sande, obwohl die Taufregister aller Wie­ner Pfarren durchforstet werden und Horthy durchaus willens ist, die Mühe­waltung des Experten großzügig zu ent­gelten. Er formuliert in einem der Briefe: Gleichzeitig expedire ich 25 fl., wenn Sie je­doch diese Angelegenheit bald in Ordnung brächten, honoriren wir mit Wollust… An­fang 1897 ist Horthy bereits recht unge­halten und antwortet Doktor Witting auf dessen Bitte um Zumittlung des Trau­scheins der Großeltern mütterlicherseits mit der unwirschen Wendung … über­zeugt, daß Ihnen dieser Wisch nicht dient…

Das Amt des Kämmerers stammt aus dem Mittelalter und gehörte neben dem Mundschenk, dem Marschall und dem Truchseß zu den vier höchsten Hofämtern. Da dem Kämmerer die Aufsicht über die Schatzkammer oblag, gebührte ihm ein Ehrenvorrang. Jahrhundertelang bekleidete der Markgraf von Brandenburg die Würde des Erzkämmerers des Reiches und trug bei einer Krönung dem neuen König das Zepter voran. Das Bild zeigt die sieben Kurfürsten um Kaiser Maximilian II. versammelt, der Markgraf von Brandenburg ganz rechts. In der Zeit Kaiser Franz Josephs ist aus dem Amt schon längst ein (allerdings hochbegehrter) Ehrentitel geworden, mit dem weder eine konkrete Aufgabenstellung noch eine Besoldung mehr verbunden waren. Kaiser Franz Joseph ernannte tausende Adelige zu „Kämmerern“.

Was ist ein Kämmerer?

Das Amt des Kämmerers ist uralt und ge­hört neben dem Mundschenk, dem Mar­schall und dem Truchseß zu den vier höchsten Ämtern am Hof des Herrschers (quatuor officia principalia), wobei sich der Kämmerer eines gewissen Vorranges ge­genüber den anderen erfreut. Ihm obliegt nämlich die Aufsicht über die königliche Schatzkammer, deren Schlüssel ihm an­vertraut sind. Mit der Zeit wird aus der mit einer konkreten Aufgabenstellung verbundenen Hofstelle ein Ehrenamt, das immer öfter verliehen wird. So er­nennt Franz Joseph I. bis September 1903 insgesamt 2.600 (!) Kämmerer, was aber der Attraktion der unbesoldeten Ehren­stellung keinen Abbruch tut.
Jeder Bewerber muß außer seiner ade­ligen Abstammung die Staatsangehörig­keit eines der beiden Teile der Doppel­monarchie besitzen, das 24. Lebensjahr vollendet haben, eine ehrenvolle soziale Stellung einnehmen und ein standesge­mäßes Vermögen nachweisen können. Militärangehörige haben eine Offizier­scharge zu bekleiden. Näheres regeln die „Allerhöchst sanctionirten Directiven für das Einschreiten um die Allergnädigste Verleihung der k. u. k. Kämmerer-Wür­de“, die vom Oberst-Kämmereramt dem Interessenten zugemittelt werden.
Am 16. Jänner 1912 stellt Horthy, in­zwischen Flügeladjutant, trotz der er­folglosen Nachforschungen einen Antrag in Form eines sogenannten Majestätsge­suches. Es beginnt wie folgt:

Euere Majestät!

In angestammter Treue und wahrster Er­gebenheit wage ich Euere kaiserliche und kö­nigliche Apostolische Majestät in tiefster Un­tertänigkeit um die allergnädigste Verleihung der k. u. k. Kämmererwürde – mit Nachsicht der Kameraltaxe zu bitten … Ich entstamme einem altadeligen Geschlecht Ungarns …

Horthy verweist auf die Schlacht bei Mohács 1526, in der Mitglieder seiner Fa­milie im Kampf gegen die Osmanen ge­fallen sind. Der zuständige Referent im Oberst­kämmereramt, Alfred Anthony von Sie­genfeld, an den das Gesuch acht Tage darauf unter der Präsidial-Nummer 246/1912 weitergeleitet wird, bestätigt grundsätzlich das Vorliegen der Voraus­setzungen und merkt wohlwollend an:

Der Herr Kandidat hat durch die beige­brachten Dokumente seine Filiation … nur für die väterliche Seite und die von seinem mütterlichen Großvater aufsteigende Aszen­denz einwandfrei erbracht. … Dagegen konnte trotz aller Mühe weder der Taufschein der mütterlichen Großmutter Elisabeth von Gerber noch ein entsprechendes Ersatz-Do­kument für den Nachweis ihrer Abstammung von dem Ehepaare Joseph von Gerber und Rosalia, geb. von Szládovits, beigebracht werden … Nach der Aktenlage kann es jedoch kaum einem Zweifel unterliegen, daß Elisa­beth von Gerber … jener Familie dieses Na­mens angehörte.

Unter den vorgelegten Dokumenten findet sich die Qualifikationsliste Z. 3089 ex 1913 der k. u. k. Kriegsmarine, in der sich interessante Angaben finden. Nach deren Inhalt ist Horthy am 1. Oktober 1886 aus der Marineakademie mit dem Gesamtkalkül „genügend“ ausgeschie­den. Unter den 27 Zöglingen seines Jahr­ganges nimmt er den 26. Platz ein. Ein Umstand, den er in seinen Memoiren freimütig eingesteht – er habe nicht zu den fleißigen Schülern gehört. Mit den Jahren bessert sich die Benotung: 1896 wird ein Torpedo-Offizierskurs mit gu­tem, 1899 ein Taucherkurs sogar mit sehr gutem Erfolg absolviert. Unter der Rubrik „Eigenschaften des Charakters, Geistes und Gemütes“ ver­merken die Marine-Oberen: offener, sehr energischer Charakter, begabt, heiteres, sehr einnehmendes Wesen, guter Kame­rad, sehr empfehlenswerter See-Stabsof­fizier. Das Benehmen sei Vorgesetzten gegenüber sehr korrekt und militärisch anhänglich, zu Untergebenen maßvoll streng und wohlwollend.
Im Gegensatz zum Ahnenprobenex­aminator von Siegenfeld findet der ge­strenge Erste Oberst-Hofmeister Alfred Fürst Montenuovo die adelige Herkunft der Großmutter des Flügeladjutanten recht zweifelhaft. Er schreibt in seinem Allerunterthänigsten Vortrag: „Die Ahnen­probe dieses Bittstellers wurde für die väterliche Probeseite in einwandfreier Weise erbracht, auf der mütterlichen Sei­te hingegen erscheint dieselbe dadurch alteriert, daß die adelige Abstammung der mütterlichen Großmutter Elisabeth von Gerber nicht mit voller Sicherheit nachgewiesen zu werden vermag, wo­durch auch die von ihr aufsteigenden vier Quartiere zweifelhaft erscheinen. Euer Majestät haben jedoch über meinen diesfalls bereits mündlich erstatteten al­lerunterthänigsten Vortrag die huldvoll­ste Nachsicht der sich hieraus ergeben­den Probemängel Allergnädigst in Aus­sicht zu stellen geruht.“ Deswegen leitet er den Akt am 7. No­vember 1913 dem Generaladjutanten Graf Paar zu und empfiehlt die Annahme des Gesuchs, das gleichsam im Gnaden­weg von Franz Joseph durch Allerhöch­ste Entschließung vom 24. November 1913 genehmigt wird. Horthy ist der letz­te Kämmerer des Kalenderjahres 1913, denn im Hof-und Staats-Kalender für die österreichisch-ungarische Monarchie (Jg. 1915, 268) scheint im Kapitel K. u. K. Kämmerer nach dem Datum der Allerhöch­sten Ernennung im Jahr 1913 als letzter Name Horthy von Nagybánya Nikolaus auf. Der Monarch ernennt im Jahr 1913 insge­samt 36 Kämmerer.
Horthy legt am 5. Dezember 1913 vor Oberst-Hofmeister Montenuovo den Kämmerer-Eid ab. Der Text wird verle­sen, die Schlüsselstelle lautet:

Sie werden einen Eid zu Gott dem Allmächti­gen schwören und bei Ihrer Ehre und Treue geloben, dem allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn Franz Joseph dem Ersten … wie auch Seiner kaiserlichen und königlichen Apostolischen Majestät Erben und Nach­kommen getreu zu sein…, worauf Horthy wie folgt zu antworten hat: Was mir jetzt vorgelesen worden ist und ich in Allem wohl und deutlich verstanden habe, demselben soll und will ich getreu und fleißig nachkommen, so wahr mir Gott helfe.

Sohin: Ende gut, alles gut. Und wie beur­teilt Nikolaus Horthy den Wien-Aufent­halt zwischen 1909 und 1914? In seinen Memoiren ist dazu zu lesen: Diese fünf Jahre waren die schönste und sorgloseste Zeit meines Lebens.
 

Anmerkungen

1 „König und Kaiser“: Horthy bedient sich dieser magyarischen Eigenheit – sohin zuerst der ungarische König, dann Österreichs Kaiser – bei der Erwähnung des Herrschers in Wien.

2 Die an den Oberst-Hofmeister gerichtete Note hat nachstehenden Wortlaut:

Lieber Fürst Montenuovo!

Ich ernenne mit 1. November 1909 den Korvet­tenkapitän Nikolaus Horthy de Nagybánya zu Mei­nem Flügeladjutanten, bei Überkomplettführung im Seeoffizierskorps.

Wien, am 28. Oktober 1909.

Franz Joseph

In der Folge weist der Oberst-Hofmeister die Hofkasse an, Horthy ab 1. November 1909 jähr­lich 4.800 Kronen auszuzahlen. Darüber hinaus wird die Burghauptmannschaft verständigt, sie möge dem neuen Flügeladjutanten ein standes­gemäßes Dienstquartier zuteilen.

3 Nur in Polen ist der Prozentsatz an Klein­adeligen noch etwas höher.

4 Darunter die Adria sowie die Ungaro- Kroata, die ewige Rivalin des Österreichischen Lloyd auf den Eilkursen entlang der dalmatini­schen Küste.

5 Fiume hat 1913 einen Hafenumschlag von 2.096,800 Tonnen, davon entfallen 1.175,800 auf die Ausfuhr. Exportiert werden vor allem Zucker, Holz und Getreide. Bei den Importen stehen Kohle und Reis an der Spitze.

6 Das Augustineum (auch Frintaneum ge­nannt) ist das von 29. Oktober 1816 bis 30. Juni 1919 in Wien bestehende K. u. K. höhere Weltprie­ster-Bildungsinstitut zum Heiligen Augustin zur Weiterbildung begabter Geistlicher aus dem Donau-Alpen-Adria-Raum. Das Institut ist im Kloster der unbeschuhten Augustiner im Alber­tina-Trakt der Wiener Hofburg, Augustinerstra­ße Nr. 3, situiert. Die Bezeichnung Frintaneum ist auf den ersten Leiter des Instituts, Jakob Frint, den nachmaligen Bischof von St. Pölten, zurückzuführen. Das Institut hat rund vierzig Studienplätze, seit 1851 sind acht Plätze für Priester aus Ungarn reserviert, außerdem je zwei für Kroatien und Siebenbürgen.

7 Bronstein verschlägt es 1907 nach Wien, in der durchaus berechtigten Annahme, unter dem milden Auge Habsburgs für die nicht all­zuferne Revolution in Rußland arbeiten zu kön­nen. Er wohnt in Sievering, zuletzt in der Rodlergasse Nr. 25, Tür 11, und verläßt Wien erst am Abend des 3. August 1914 in Richtung Schweiz.

8 Im Jänner 1913 in der Wohnung des rus­sischen Emigranten Matvej Skobelew in Wien IV. Kolschitzkygasse Nr. 30, Tür 13. Bronstein unterhält sich gerade mit dem Gastgeber, als plötzlich und ohne anzuklopfen ein Mann mit einem schwärzlich-grauen Gesicht, das die Spu­ren der Pockenkrankheit trägt, wortlos ins Zim­mer tritt, einen Augenblick lang in der Tür ste­hen bleibt und dem Gast einen unheimlichen Blick zuwirft. Dann nimmt er sich ein Glas Tee, um damit schweigend zu verschwinden.

9 Außer Horthy versehen folgende Perso­nen den Dienst als Aide-de-camp respektive Flü­geladjutant (Stand 1913): Artur Graf Manzano, Heinrich Graf Hoyos, Karl Freiherr von Bie­nerth sowie Ludwig Walluschek von Wallfeld. Diese Flügeladjutanten gehören zum militäri­schen Stab des Herrschers.

10 Ein Flügeladjutant meint bei der ersten Kutschenfahrt mit dem Monarchen, es sei schö­nes Wetter. Franz Joseph macht am nächsten Tag seinem Generaladjutanten Graf Paar Vor­haltungen, er habe einen Schwätzer an den Hof geholt.

 
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