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Praeceptor Germaniae

„Ich gehe meinen Weg weiter, wie Sie ihn kennen und mache mir keine Illusionen darüber, daß man für die innere Freiheit, die man sich wahrt, in der heutigen Welt einen höheren Preis zu zahlen hat, als das in anständigen Zeiten der Fall war.“
Ernst Forsthoff (1902–1974) an Carl Schmitt in einem Brief vom 9. Mai 1963

Erinnerungen an Hans-Dietrich Sander

Von Dr. Dr. Thor v. Waldstein

Als ich zum Wintersemester 1978/79 an der altehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Universität in München zu studieren be­gann, hatte die bayerische Metropole den Ruf der „heimlichen Hauptstadt Deutschlands“. Mir schien dieser Titel schon da­mals – ein gutes Jahrzehnt vor der Wende – fragwürdig, mochte er doch kaum vereinbar sein mit dem ländlichen Charakter, den München damals ausstrahlte. Von dem München der Jahrhundertwende, der Belle Époque Schwabings, von der Aura der Kosmiker, dem Glanz des Blauen Reiters, von den skurrilen Faschingsfesten Karl Wolfskehls und Stefan Georges oder den eroti­schen Streifzügen einer Franziska Reventlow war jedenfalls kein Nachhall mehr zu spüren. Der Reiz, den die Stadt aber für den aufmerksamen Beobachter, gerade auf den zweiten Blick, ausmachte, ließ sich mit der vielbesungenen Libertas bavariae, den Meisterwerken der Alten Pinakothek, den Weiten des Englischen Gartens und der Geselligkeit bayerischer Biergärten alleine nicht erklären. Hinter der äußeren Fassade – der typische Münchener schien eine gewagte Kreuzung aus abgehobener Schic­keria und stiernackigem Niederbayerntum zu sein – eröffneten sich nach den ersten Wochen und Monaten für den jungen Studenten ganz neue, ungeahnte geistige Horizonte.

Auf der Seite der politischen Rechten war die Szenerie von zahlreichen Organisationen und Denkzirkeln ge­prägt, deren Vielfalt heute kaum mehr vorstellbar erscheint. Das nationale Ar­gument war zwar schon damals – meta­politisch, parteipolitisch, erst recht medi­al – in einer Minderheitenposition; als Student konnte man aber seinerzeit noch auf einem „Teach-in“ der legendären Marxistischen Gruppe (MG) offen für die Wiedervereinigung Deutschlands eintre­ten, ohne daß man hierfür verprügelt oder für klapsmühlenreif erklärt wurde. Auf intellektueller Ebene glänzte neben dem „Criticón“-Kreis um Armin Mohler und Caspar v. Schrenck-Notzing vor allem ein Name: Hans-Dietrich Sander. Auf­merksam geworden durch verschiedene Artikel Sanders in William Schlamms „Zeitbühne“ und in „Criticón“ hatte ich im Sommer 1981 – sinnigerweise auf ei­ner zweimonatigen Reise quer durch die USA – den „Nationalen Imperativ“ gele­sen. Fasziniert von dessen Stil, seinen präzisen Analysen der politischen Lage und den Rezepten Sanders für eine „mögliche Aufhebung der geistigen Knechtschaft der Deutschen“ beschloß ich im Herbst 1981, mit Sander persön­lich Kontakt aufzunehmen. Auf meine Anfrage hin lud er mich sogleich zu ei­nem persönlichen Gespräch in seine Wohnung unweit des Viktualienmarktes ein.

Die Zukunft Deutschlands

Als ich die knarrenden Holztreppen in den fünften Stock des Hauses in der But­termelcherstraße hinaufgestiegen war, begrüßte mich Sander an der Wohnungs­tür freundlich. Von An­fang an war ich gefan­gen von der geistigen Ausstrahlung dieses Mannes, die den Ein­druck vermittelte, daß es kaum etwas geben könnte, was der messer­scharfe Intellekt San­ders nicht in Sekunden­schnelle zerlegen wür­de. Kaum hatte ich Platz genommen, wurde ich kalt von seiner spitzen Frage überrascht: „Was halten Sie von Armin Mohler?“ Ausgerüstet mit einem blitzartig an­gestiegenen Adrenalinspiegel überlegte ich kurz, was darauf zu erwidern sei. Ich hatte zwar von diversen Spannungen zwischen den beiden Münchener Platz­hirschen der national-konservativen Pu­blizistik gehört, war aber nicht darauf vorbereitet, als Unbeteiligter aus dem Stand heraus votieren zu müssen. Schließlich gab ich die etwas überspannt-geistreichelnde Antwort: „Ich halte Moh­ler für einen ‚feinen Konservativen’.“ So­gleich bemerkte ich, wie sich seine Ge­sichtszüge entspannten. Mit dieser Ant­wort, die mit meinem heutigen positiven Bild von Mohler und seinem Werk nicht mehr viel zu tun hat, hatte ich die erste Hürde bei Sander genommen. Nach eini­gen Präliminarien über Persönliches ent­wickelte er mir in der Folge seine Gedan­kengänge für eine Wiedererlangung der deutschen Souveränität und für eine Überwindung der deutschen Teilung. Im Gegensatz zu den flachwurzelnden Wort-und Schriftbeiträgen, die nicht nur in der etablierten Szenerie, sondern auch in der nationalen Opposition dominier­ten, verstand es Sander, seinen aktuellen Analysen stets ein fundiertes geistesge­schichtliches Raster zu unterlegen. So er­gaben sich weiterführende und echtes Verständnis überhaupt erst ermöglichen­de Bezüge auf philosophisches, theologi­sches und soziologisches Terrain quasi von selbst. Niemand hatte mir zuvor so plastisch und überzeugend die links-und rechtshegelianischen Weggabelun­gen (einschließlich den dazugehörigen Umleitungsstrecken und Sackbahnhö­fen) der deutschen Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, den Weg „von Hegel zu Nietzsche“ (Karl Löwith), erklärt. Da­bei kam Sander besonders seine biswei­len unfaßbar gründliche Kenntnis des Werkes von Marx und Engels zugute. Da­neben zählte das Herstellen historischer Parallelen, etwa zum preußischen Verfassungskonflikt oder zum italienischen Ri­sorgimento, zu seinen Lieblingsgedan­kenspielen. Dabei konnte er im Rückgriff auf seinen reichen historischen Fundus ganz blitzartig Verknüpfungen zur Jetzt­zeit vornehmen, die mich verblüfften. Auf diese Weise ergaben sich im Ge­spräch häufig ganz ungeahnte Gedan­kenkonstellationen, die ich als überaus anregend und spannend in Erinnerung habe. Ich hatte mich zwar schon seit Jah­ren intensiv mit Philosophie und Ideen­geschichte befaßt, plötzlich paßten aber die angelesenen Puzzleteile alle zueinan­der, und mir erschlossen sich geistige Zusammenhänge, die ich als neu und be­glückend empfand. Solange die Nation – so meine damalige Einschätzung – über Köpfe vom Zuschnitt Hans-Dietrich San­ders verfügte, mußte man sich trotz der Mauer und der Todesschußanlagen, die Deutschland trennten, und trotz der so­wjetisch-amerikanischen Doppelfremd­herrschaft über die Zukunft dieses Lan­des keine Gedanken machen.

 

„Vom äußeren Habitus und der absoluten Unbestechlichkeit seiner Person her verkörperte er [Sander] für mich das Idealbild eines deutschen Professors Humboldtschen Zuschnitts. Charaktere solchen geistigen Gepräges mußten es gewesen sein, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Weltruhm der deutschen Universität begründet hatten – Lange vor den heutigen Backelohren und der durch sie verabreichten Trivialbildung à la Bolognese.“ – Auf Wilhelm von Humboldt (1767–1835), den Bruder Alexanders, geht die deutsche Bildungs- und Universitätsreform im humanistischen Geiste zurück
Hans-Dietrich Sander verstand es, „seinen aktuellen Analysen stets ein fundiertes geistesgeschichtliches Raster zu unterlegen. … Niemand hatte mir zuvor so plastisch und überzeugend die links- und rechtshegelianischen Weggabelungen … der deutschen Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts … erklärt. Dabei kam Sander besonders seine bisweilen unfaßbar gründliche Kenntnis des Werkes von Marx und Engels zugute. Daneben zählte das Herstellen historischer Parallelen … zu seinen Lieblingsgedankenspielen. Dabei konnte er … ganz blitzartig Verknüpfungen zur Jetztzeit vornehmen, die mich verblüfften.“

Solche Charaktere haben die Universitäten geprägt

Ich habe Sanders Wohnung an diesem Tage ebenso wie in den darauffolgenden Monaten und Jahren an noch so man­chem Abend mit einem rauchenden Kopf verlassen. Denn die Gespräche hatten der Natur der Sache nach einen einseiti­gen Charakter, schon deswegen, weil ich mit der umfassenden Bildung und Bele­senheit dieses Mannes unter keinen Um­ständen mithalten konnte. So entwickel­ten sich regelrechte Privatvorlesungen über die verschiedensten Themenberei­che, von der preußischen und russischen Geschichte bis zu philosophischen und theologischen Fragen, von dem Werk Ernst Jüngers bis zu der Kulturkreislehre Oswald Spenglers. Besonders dankbar bin ich Sander noch heute, daß er mein Inter­esse für Carl Schmitt geweckt hat, von dem man damals im Rah­men eines Jura-Studiums kein Sterbenswörtchen hör­te. Die staatsrechtlichen Analysen Sanders, die schmittianisch geprägt wa­ren und an Punktgenauig­keit wenig Wünsche offen­ließen, ließen i.ü. ganz ver­gessen, daß er selbst kein Jura studiert hatte. Eine Ei­genheit Sanders war es, daß er, sobald sich im Gespräch ein neuer, bislang scheinbar noch nicht berücksichtigter Gesichtspunkt ergab, hier­über erst einmal stumm nachdachte und mich Glei­ches zu tun hieß. Bisweilen wurde die Unterhaltung so erst nach einer kurzen Unterbrechung von vielleicht zwei oder drei Minuten fortgesetzt, ohne daß wir beide dies als unangenehme Stockung o.ä. empfunden hätten. Neben seinen markanten Gesichtszügen und den schmalen Lippen fesselten mich vor al­lem Sanders Augen, deren Wirkung durch die Brille nicht gebrochen wurde und die in besonderer Weise jene geistige Intensität ausstrahlten, die schon damals – lange vor den heutigen Backelohren und der ihnen verabreichten Trivialbildung à la Bolognese – an bundesdeutschen Uni­versitäten Mangelware war. Vom äuße­ren Habitus und der absoluten Unbe­stechlichkeit seiner Person her verkör­perte er für mich das Idealbild eines deutschen Professors Humboldtschen Zu­schnitts. Charaktere solchen geistigen Gepräges mußten es gewesen sein, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Weltruhm der deutschen Universität begründet hatten. Trotz der Fülle seiner Gedanken bzw. seiner Fähigkeit, ein und denselben Gedanken aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu beleuchten, at­meten Sanders Worte niemals den Duft der Beliebigkeit. Ganz im Gegenteil: Die von bundesdeutschen Erbaulichkeiten und Verlegenheitsvokabeln gänzlich freie Gründlichkeit seiner Art, zu den­ken, legte erst das ganze Elend offen, in dem die Deutschen damals wie heute meinen, politisch weiterwursteln zu sol­len. Trotz seiner wissenschaftlichen Me­thode entsprach Sander gerade nicht dem klassischen Typus des heutigen Ex­zellenzakademikers, der gern in kühlem Schatten sitzt, noch lieber lau badet und sich am allerliebsten hochmütig an der deutschen Tragimisere abarbeitet. Diese nun hundert Jahre währende Misere zu beenden und die Deutschen mit spitzer, zuweilen auch polemischer Feder dazu zu ermuntern, die herrschenden politi­schen Neurosen zu überwinden und ein neues, einem alten Kulturvolk würdiges Kapitel ihrer Geschichte aufzuschlagen, war Sanders Movens. Nicht umsonst und in der Sache zutreffend warnte Peter Glotz kurz vor dem Mauerfall vor dessen Kleistscher Radikalität, jener stilisierten Einsamkeit, die, würde sie auch nur ein paar tausend Anhänger finden, „zu viel (wäre) für die zivile, parlamentarische Bundesrepublik.“

Schroffheit und Offenheit Sanders

Auf verschiedenen Vortragsveranstal­tungen und Seminaren in ganz West­deutschland, zu denen ich mit Sander Anfang der 1980er Jahre aufbrach, konn­te ich die Wirkung seiner Worte auf eine größere Versammlung studieren. Dabei hatte man oft den Eindruck, als ob – ne­ben begeistertem Zuspruch der Sander-Kenner – nicht wenige Zuhörer, die mit seinen Thesen (noch) nicht vertraut wa­ren, sich geistig überfordert zeigten. Das schien Sander aber nicht weiter zu be­kümmern, war er doch der mir gegen­über geäußerten Meinung, er sei zufrie­den, wenn es ihm durch einen Vortrag gelinge, in vielleicht vier oder fünf Köp­fen einen wesentlichen Gedankensprung auszulösen. Diese Haltung wurde auch bei den sich häufig anschließenden Diskussionen deutlich, bei denen Sander mitunter anderslautende Standpunkte in schneidender Tonlage zurückwies. Diese Eigenwilligkeit, die von einigen als Arro­ganz aufgefaßt wurde, hat ihn nicht sel­ten ganz unnötig um Sympathien ge­bracht. Mir erschien ein solches Abkan­zeln auch unverständlich, hatte ich doch selbst Sander als gänzlich unprätentiös und wirklich offen für neue Gedanken erlebt. Vielleicht entsprang ein solches nervös wirkendes Verhalten auch der gesellschaftlichen Ächtung, der San­der ausgesetzt war. Er hatte – in einem heute noch lesenswerten „Nachwort zur Person“ seines „Nationalen Imperativs“ – schon die 1970er Jahre als eine Zeit be­schrieben, „in der ich jeden Fortschritt in der Erkenntnis mit einer Schmälerung meines Spielraums und meiner Existenz­basis bezahlen mußte.“ Daß es in dem real existierenden Liberalismus, betritt man seine Innenhöfe und entzaubert man seine Herrschaftsarcana, alles ande­re als liberal zugeht, hatte Sander in der Tat früh am eigenen Leib erfahren. Späte­stens nach seiner 1969 bei Hans-Joachim Schoeps entstandenen luziden Dissertati­on „Marxistische Ideologie und allgemei­ne Kunsttheorie“ – die Schiffe einer von Bertolt Brecht beeinflußten marxistischen Frühphase hatte er schon Mitte der 1950er Jahre hinter sich verbrannt – galt Sander als „gefährlich“, weil nicht kom­patibel mit den beiden wesentlichen Dogmen, von denen die Deutschen auch heute gefangen sind: dem alles und jedes zerbröselnden Linksliberalismus à la Ha­bermas et al. und dem – auf Hegels Staats­vergottung zurückgehenden – verhäng­nisvollen „Aufhaltungs“-Irrweg der Konservativen und ihrem Sisyphos-Wahn, einen in Selbstauflösung befindli­chen Staat wie die BRD à fonds perdu ret­ten zu wollen. Der vor Jahren veröffent­lichte Briefwechsel Sanders mit Carl Schmitt dokumentiert seine in den 1970er Jahren gescheiterten Habilitationsbemü­hungen, wobei gleichzeitig deutlich wird, was für nationale Dissidenten sei­nes Kalibers in dieser Zeit, als u.a. Hans- Joachim Arndt, Hellmut Diwald, Robert Hepp und Bernard Willms Professuren ausübten, immerhin noch im Bereich des Möglichen erschien. Die letzten akade­mischen Türchen schlossen sich für San­der Ende der 1970er Jahre. Der Versuch Jacob Taubes’, Sander an der TU Berlin zu verwurzeln, um – wie Taubes sich ausdrückte – „styles of radi­cal will dem justen Milieu ge­genüberzustellen“, kam über ei­ne Gastdozentur im Winterse­mester 1978/79 nicht hinaus. Da­nach war Sander im bundesre­publikanischen Wissenschafts­betrieb ein Nobody, ein Mann, dessen Karrierezüge endgültig abgefahren schienen.

Der SPD-Politiker Peter Glotz warnte kurz vor dem Mauerfall vor Sander und dessen Kleistscher Radikalität, die, würde sie auch nur ein paar tausend Anhänger finden, „zu viel [wäre] für die zivile, parlamentarische Bundesrepublik.“ – Der preußische Dichter Heinrich von Kleist (1777–1811) wurde durch seine politischen Werke wie „Die Herrmannsschlacht“ und „Katechismus der Deutschen“ zu einem frühen Rufer gegen die Napoleonische Bedrohung und Vereinnahmung Deutschlands.
Sander galt als „gefährlich“, „weil nicht kompatibel mit den beiden wesentlichen Dogmen, von denen die Deutschen auch heute gefangen sind: dem alles und jedes zerbröselnden Linksliberalismus à la Habermas et alt und dem – auf Hegels Staatsvergottung zurückgehenden – verhängnisvollen ,Aufhaltungs‘-Irrweg der Konservativen und ihrem Sisyphos-Wahn, einen in Selbstauflösung befindlichen Staat wie die BRD à fonds perdu retten zu wollen.“

Die „Staatsbriefe“

Durch seinen „Nationalen Impe­rativ“ (1980) war er freilich un­terdessen zu einem der wenigen Stars der intellektuell ausge­zehrten Szene der rechten Publi­zistik geworden, so daß es nur konse­quent war, als er sich in den 1980er Jah­ren nach und nach dezidiert „unkonser­vativen“ nationalen Zeitschriftenprojek­ten zuwandte, zunächst von 1983 bis 1986 als Chefredakteur der „Deutschen Monatshefte“, danach „Nation Europa“, und schließlich unmittelbar nach dem Mauerfall in den selbstgegründeten und von ihm zwölf Jahre lang (1990-2001) verantworteten „Staatsbriefen“. 1988 hatte er mit seiner fulminanten „Auflö­sung aller Dinge“ eine programmatische Streitschrift vorgelegt, die sich souverän über die hiesigen philo-und antisemiti­schen Dogmen erhob und die nach dem Urteil Hartmut Langes „de(n) einzige(n) ernsthafte(n) Versuch (darstellte), die Neue Rechte geschichtsphilosophisch zu verpflichten und einzuordnen.“

Blinde Flecken

Noch öfter habe ich in diesen Jahren Ge­spräche mit ihm geführt, wobei ich er­freut feststellte, wie wenig sein fort­schreitendes Alter seinem Esprit und sei­nem Glauben an die deutsche Nation an­haben konnte. Natürlich gab es im Welt­bild Sanders auch „blinde Flecken“, also Themen, zu denen er keinen geistigen Zugang fand oder deren politische Be­deutung er sogar bündig abstritt. So konnte man mit ihm über so wichtige Po­litikfelder wie Demographie oder Ökolo­gie kaum ein fruchtbares Gespräch füh­ren. Das Gleiche gilt in bezug auf die ge­schichtliche Rolle Konrad Adenauers, der bei Sander als trick-und listenreicher, gesamtdeutsch orientierter Kanzler figu­riert und von ihm sogar zu einer Art – die Alliierten nach Strich und Faden einsei­fender – Nachkriegsbismarck hinaufstili­siert wurde, was mit der historischen Faktenlage kaum in Übereinstimmung zu bringen sein dürfte. Als kuriose Epi­sode seines umfangreichen publizisti­schen Werkes kann daneben Sanders Wahlaufruf für Gerhard Schröder anläß­lich der Bundestagswahl 1998 gelten. Noch heute habe ich im Ohr, was er mir, der ich dieses seltsame Buhlen zugun­sten eines Parvenu zu kritisieren wagte, in klassischer Hegelscher Dialektik am Telefon erwiderte: „Wollen Sie etwa wei­ter Kohl?“

Die Jugend zählt

Unbeschadet dieser bizarren Kapriolen wirkten seine Leitartikel in den „Staats­briefen“ bis zur letzten Ausgabe frisch, bisweilen sogar jugendlich und frei von der mürrisch-verstockten Tonlage, die andernorts von meist erheblich jüngeren Autoren konservativer Provenienz aus­ging. Diese geistige Frische mochte mit Attributen zu tun haben, die Herbert Cys­arz – von Sander selbst oft zitiert – dem deutschen Geist zuerkannte: dieser sei radikal und weltoffen zugleich. Diese Be­schreibung schien mir auch bezogen auf die wesentlichen Charakterzüge Sanders überaus treffend. Die männliche Wider­standskraft Sanders brach aber auch des­wegen nie, weil er – in einer über 50 Jahre währenden glücklichen Ehe – von seiner Frau Elke durch alle Höhen und Tiefen treu unterstützt und begleitet wurde. Als promovierte Historikerin stand sie ihm zwar auch fachlich nicht fern, Sander verdankte aber vor allem ihrer Liebe und Sei­ten des Lebens, daß er trotz herber Ent­täuschungen und trotz nicht weniger Filmrisse in seiner Vita am Leben nicht verzweifelte. Als ihn die Münchener Ju­stiz Ende der 1990er Jahre wegen zweier nicht aus seiner Feder stammender „Staatsbriefe“-Artikel mit einer Haus­durchsuchung, mit einer an den Haaren herbeigezogenen Anklageschrift und mit einem über weite Strecken surreal wir­kenden Strafverfahren wegen „Volksver­hetzung“ überzog, wirkte Sander unbe­eindruckt und gänzlich über den Dingen stehend. Zunächst gelang es ihm erfolg­reich, die hausdurchsuchenden Polizei­beamten davon zu überzeugen, sie soll­ten am Folgetag wieder kommen, er und seine Frau hätten Karten für eine Gene­ralprobe in der Staatsoper und müßten in Kürze das Haus verlassen(!). In dem mehrtägigen, sich über zwei Instanzen hinziehenden Prozeß, von dem mir ein noch junger Zuhörer in einer Verhand­lungspause sagte, man lerne hier über geistige Freiheit in Deutschland an ei­nem Vormittag mehr als in acht Jahren Gemeinschaftskundeunterricht, hatte es dann mitunter den Anschein, als ob San­der die Spielregeln dieser Polit-Posse gründlicher durchschaute als die Ge­richtsakteure selbst. Die kafkaesk-orwel­lartige „Beweisaufnahme“ – u.a. wurde anhand eines in der Akte befindlichen Fotobandes, der nahezu sämtliche Buch­rücken seiner umfassenden, fast jede Wohnungswand in Anspruch nehmen­den Bibliothek wiedergab, über Stunden hinweg gerichtlich „geprüft“, welche Bü­cher der Angeklagte wohl gelesen habe und welchen Inhalts (links-oder rechts­extrem?) diese nach Einschätzung eines Beamten des mittleren Dienstes der Münchener Politischen Polizei seien – schien ihn regelrecht zu erheitern. Die von vorneherein feststehende Verurtei­lung nahm er gelassen hin. Nicht nur we­gen dieses souveränen Verhaltens habe ich mich nie mit der Einschätzung Dritter anfreunden können, Sanders Mut sei über die bleiernen Jahre der deutschen Ohnmacht hinweg zu Starrsinn chan­giert, seine Neigung zur Dissidenz ent­springe nicht politischen Sachzwängen in einer fremdbestimmten Republik, son­dern vermeintlichen charakterlichen Webfehlern. Ich habe diese solitäre, zum Teil auch isolierte Position seiner Exi­stenz stets als den Preis begriffen, der zu zahlen ist, wenn man nicht bereit ist, ir­gendwelche Kompromisse einzugehen mit einem intellektuellen Establishment, das seine Macht schon lange nicht mehr auf bessere Argumente, sondern auf ob­szön-totalitäre Methoden und Intrigen­spiele in Medien und Wissenschaft grün­det.

Als ich Sander vor einigen Jahren zum letzten Mal in Fürstenwalde an der Spree – dort hatte er sich 2002 mit seiner Frau ein Haus gebaut – besuchte, machten wir einen langen Spaziergang entlang der Spreeauen. Diese Fontanesche Landschaft südlich des Oderbruchs und ihre märki­schen Einwohner schienen mir viel besser zu seinem Wesen zu passen als das bajuwarische Treiben auf dem Viktualienmarkt. Im Gespräch machte er auf mich einen geistig unge­brochenen Eindruck; ir­gendeine Altersmilde bei der Beschreibung des fort­schreitenden Verfalls der BRD war bei ihm nicht festzustellen. Die Tatsache, daß er im Verlauf der zu­rückliegenden Jahrzehnte nicht wenige – vor allem junge – Deutsche durch seine geistige Arbeit prä­gen, gegen den lagevergessenen und machtbesessenen Politjargon der Herr­schenden immunisieren und zur Wieder­erweckung des Furor teutonicus ermun­tern konnte, schien ihn mit berechtigtem Stolz zu erfüllen. Unverändert strahlten seine Augen die Hoffnung aus, daß die Deutschen, denen Sander sein Leben lang gedient hat, ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen würden.

 
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