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Als ich zum Wintersemester 1978/79 an der altehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Universität in München zu studieren begann, hatte die bayerische Metropole den Ruf der „heimlichen Hauptstadt Deutschlands“. Mir schien dieser Titel schon damals – ein gutes Jahrzehnt vor der Wende – fragwürdig, mochte er doch kaum vereinbar sein mit dem ländlichen Charakter, den München damals ausstrahlte. Von dem München der Jahrhundertwende, der Belle Époque Schwabings, von der Aura der Kosmiker, dem Glanz des Blauen Reiters, von den skurrilen Faschingsfesten Karl Wolfskehls und Stefan Georges oder den erotischen Streifzügen einer Franziska Reventlow war jedenfalls kein Nachhall mehr zu spüren. Der Reiz, den die Stadt aber für den aufmerksamen Beobachter, gerade auf den zweiten Blick, ausmachte, ließ sich mit der vielbesungenen Libertas bavariae, den Meisterwerken der Alten Pinakothek, den Weiten des Englischen Gartens und der Geselligkeit bayerischer Biergärten alleine nicht erklären. Hinter der äußeren Fassade – der typische Münchener schien eine gewagte Kreuzung aus abgehobener Schickeria und stiernackigem Niederbayerntum zu sein – eröffneten sich nach den ersten Wochen und Monaten für den jungen Studenten ganz neue, ungeahnte geistige Horizonte.
Auf der Seite der politischen Rechten war die Szenerie von zahlreichen Organisationen und Denkzirkeln geprägt, deren Vielfalt heute kaum mehr vorstellbar erscheint. Das nationale Argument war zwar schon damals – metapolitisch, parteipolitisch, erst recht medial – in einer Minderheitenposition; als Student konnte man aber seinerzeit noch auf einem „Teach-in“ der legendären Marxistischen Gruppe (MG) offen für die Wiedervereinigung Deutschlands eintreten, ohne daß man hierfür verprügelt oder für klapsmühlenreif erklärt wurde. Auf intellektueller Ebene glänzte neben dem „Criticón“-Kreis um Armin Mohler und Caspar v. Schrenck-Notzing vor allem ein Name: Hans-Dietrich Sander. Aufmerksam geworden durch verschiedene Artikel Sanders in William Schlamms „Zeitbühne“ und in „Criticón“ hatte ich im Sommer 1981 – sinnigerweise auf einer zweimonatigen Reise quer durch die USA – den „Nationalen Imperativ“ gelesen. Fasziniert von dessen Stil, seinen präzisen Analysen der politischen Lage und den Rezepten Sanders für eine „mögliche Aufhebung der geistigen Knechtschaft der Deutschen“ beschloß ich im Herbst 1981, mit Sander persönlich Kontakt aufzunehmen. Auf meine Anfrage hin lud er mich sogleich zu einem persönlichen Gespräch in seine Wohnung unweit des Viktualienmarktes ein.
Als ich die knarrenden Holztreppen in den fünften Stock des Hauses in der Buttermelcherstraße hinaufgestiegen war, begrüßte mich Sander an der Wohnungstür freundlich. Von Anfang an war ich gefangen von der geistigen Ausstrahlung dieses Mannes, die den Eindruck vermittelte, daß es kaum etwas geben könnte, was der messerscharfe Intellekt Sanders nicht in Sekundenschnelle zerlegen würde. Kaum hatte ich Platz genommen, wurde ich kalt von seiner spitzen Frage überrascht: „Was halten Sie von Armin Mohler?“ Ausgerüstet mit einem blitzartig angestiegenen Adrenalinspiegel überlegte ich kurz, was darauf zu erwidern sei. Ich hatte zwar von diversen Spannungen zwischen den beiden Münchener Platzhirschen der national-konservativen Publizistik gehört, war aber nicht darauf vorbereitet, als Unbeteiligter aus dem Stand heraus votieren zu müssen. Schließlich gab ich die etwas überspannt-geistreichelnde Antwort: „Ich halte Mohler für einen ‚feinen Konservativen’.“ Sogleich bemerkte ich, wie sich seine Gesichtszüge entspannten. Mit dieser Antwort, die mit meinem heutigen positiven Bild von Mohler und seinem Werk nicht mehr viel zu tun hat, hatte ich die erste Hürde bei Sander genommen. Nach einigen Präliminarien über Persönliches entwickelte er mir in der Folge seine Gedankengänge für eine Wiedererlangung der deutschen Souveränität und für eine Überwindung der deutschen Teilung. Im Gegensatz zu den flachwurzelnden Wort-und Schriftbeiträgen, die nicht nur in der etablierten Szenerie, sondern auch in der nationalen Opposition dominierten, verstand es Sander, seinen aktuellen Analysen stets ein fundiertes geistesgeschichtliches Raster zu unterlegen. So ergaben sich weiterführende und echtes Verständnis überhaupt erst ermöglichende Bezüge auf philosophisches, theologisches und soziologisches Terrain quasi von selbst. Niemand hatte mir zuvor so plastisch und überzeugend die links-und rechtshegelianischen Weggabelungen (einschließlich den dazugehörigen Umleitungsstrecken und Sackbahnhöfen) der deutschen Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, den Weg „von Hegel zu Nietzsche“ (Karl Löwith), erklärt. Dabei kam Sander besonders seine bisweilen unfaßbar gründliche Kenntnis des Werkes von Marx und Engels zugute. Daneben zählte das Herstellen historischer Parallelen, etwa zum preußischen Verfassungskonflikt oder zum italienischen Risorgimento, zu seinen Lieblingsgedankenspielen. Dabei konnte er im Rückgriff auf seinen reichen historischen Fundus ganz blitzartig Verknüpfungen zur Jetztzeit vornehmen, die mich verblüfften. Auf diese Weise ergaben sich im Gespräch häufig ganz ungeahnte Gedankenkonstellationen, die ich als überaus anregend und spannend in Erinnerung habe. Ich hatte mich zwar schon seit Jahren intensiv mit Philosophie und Ideengeschichte befaßt, plötzlich paßten aber die angelesenen Puzzleteile alle zueinander, und mir erschlossen sich geistige Zusammenhänge, die ich als neu und beglückend empfand. Solange die Nation – so meine damalige Einschätzung – über Köpfe vom Zuschnitt Hans-Dietrich Sanders verfügte, mußte man sich trotz der Mauer und der Todesschußanlagen, die Deutschland trennten, und trotz der sowjetisch-amerikanischen Doppelfremdherrschaft über die Zukunft dieses Landes keine Gedanken machen.
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Ich habe Sanders Wohnung an diesem Tage ebenso wie in den darauffolgenden Monaten und Jahren an noch so manchem Abend mit einem rauchenden Kopf verlassen. Denn die Gespräche hatten der Natur der Sache nach einen einseitigen Charakter, schon deswegen, weil ich mit der umfassenden Bildung und Belesenheit dieses Mannes unter keinen Umständen mithalten konnte. So entwickelten sich regelrechte Privatvorlesungen über die verschiedensten Themenbereiche, von der preußischen und russischen Geschichte bis zu philosophischen und theologischen Fragen, von dem Werk Ernst Jüngers bis zu der Kulturkreislehre Oswald Spenglers. Besonders dankbar bin ich Sander noch heute, daß er mein Interesse für Carl Schmitt geweckt hat, von dem man damals im Rahmen eines Jura-Studiums kein Sterbenswörtchen hörte. Die staatsrechtlichen Analysen Sanders, die schmittianisch geprägt waren und an Punktgenauigkeit wenig Wünsche offenließen, ließen i.ü. ganz vergessen, daß er selbst kein Jura studiert hatte. Eine Eigenheit Sanders war es, daß er, sobald sich im Gespräch ein neuer, bislang scheinbar noch nicht berücksichtigter Gesichtspunkt ergab, hierüber erst einmal stumm nachdachte und mich Gleiches zu tun hieß. Bisweilen wurde die Unterhaltung so erst nach einer kurzen Unterbrechung von vielleicht zwei oder drei Minuten fortgesetzt, ohne daß wir beide dies als unangenehme Stockung o.ä. empfunden hätten. Neben seinen markanten Gesichtszügen und den schmalen Lippen fesselten mich vor allem Sanders Augen, deren Wirkung durch die Brille nicht gebrochen wurde und die in besonderer Weise jene geistige Intensität ausstrahlten, die schon damals – lange vor den heutigen Backelohren und der ihnen verabreichten Trivialbildung à la Bolognese – an bundesdeutschen Universitäten Mangelware war. Vom äußeren Habitus und der absoluten Unbestechlichkeit seiner Person her verkörperte er für mich das Idealbild eines deutschen Professors Humboldtschen Zuschnitts. Charaktere solchen geistigen Gepräges mußten es gewesen sein, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Weltruhm der deutschen Universität begründet hatten. Trotz der Fülle seiner Gedanken bzw. seiner Fähigkeit, ein und denselben Gedanken aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu beleuchten, atmeten Sanders Worte niemals den Duft der Beliebigkeit. Ganz im Gegenteil: Die von bundesdeutschen Erbaulichkeiten und Verlegenheitsvokabeln gänzlich freie Gründlichkeit seiner Art, zu denken, legte erst das ganze Elend offen, in dem die Deutschen damals wie heute meinen, politisch weiterwursteln zu sollen. Trotz seiner wissenschaftlichen Methode entsprach Sander gerade nicht dem klassischen Typus des heutigen Exzellenzakademikers, der gern in kühlem Schatten sitzt, noch lieber lau badet und sich am allerliebsten hochmütig an der deutschen Tragimisere abarbeitet. Diese nun hundert Jahre währende Misere zu beenden und die Deutschen mit spitzer, zuweilen auch polemischer Feder dazu zu ermuntern, die herrschenden politischen Neurosen zu überwinden und ein neues, einem alten Kulturvolk würdiges Kapitel ihrer Geschichte aufzuschlagen, war Sanders Movens. Nicht umsonst und in der Sache zutreffend warnte Peter Glotz kurz vor dem Mauerfall vor dessen Kleistscher Radikalität, jener stilisierten Einsamkeit, die, würde sie auch nur ein paar tausend Anhänger finden, „zu viel (wäre) für die zivile, parlamentarische Bundesrepublik.“
Auf verschiedenen Vortragsveranstaltungen und Seminaren in ganz Westdeutschland, zu denen ich mit Sander Anfang der 1980er Jahre aufbrach, konnte ich die Wirkung seiner Worte auf eine größere Versammlung studieren. Dabei hatte man oft den Eindruck, als ob – neben begeistertem Zuspruch der Sander-Kenner – nicht wenige Zuhörer, die mit seinen Thesen (noch) nicht vertraut waren, sich geistig überfordert zeigten. Das schien Sander aber nicht weiter zu bekümmern, war er doch der mir gegenüber geäußerten Meinung, er sei zufrieden, wenn es ihm durch einen Vortrag gelinge, in vielleicht vier oder fünf Köpfen einen wesentlichen Gedankensprung auszulösen. Diese Haltung wurde auch bei den sich häufig anschließenden Diskussionen deutlich, bei denen Sander mitunter anderslautende Standpunkte in schneidender Tonlage zurückwies. Diese Eigenwilligkeit, die von einigen als Arroganz aufgefaßt wurde, hat ihn nicht selten ganz unnötig um Sympathien gebracht. Mir erschien ein solches Abkanzeln auch unverständlich, hatte ich doch selbst Sander als gänzlich unprätentiös und wirklich offen für neue Gedanken erlebt. Vielleicht entsprang ein solches nervös wirkendes Verhalten auch der gesellschaftlichen Ächtung, der Sander ausgesetzt war. Er hatte – in einem heute noch lesenswerten „Nachwort zur Person“ seines „Nationalen Imperativs“ – schon die 1970er Jahre als eine Zeit beschrieben, „in der ich jeden Fortschritt in der Erkenntnis mit einer Schmälerung meines Spielraums und meiner Existenzbasis bezahlen mußte.“ Daß es in dem real existierenden Liberalismus, betritt man seine Innenhöfe und entzaubert man seine Herrschaftsarcana, alles andere als liberal zugeht, hatte Sander in der Tat früh am eigenen Leib erfahren. Spätestens nach seiner 1969 bei Hans-Joachim Schoeps entstandenen luziden Dissertation „Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie“ – die Schiffe einer von Bertolt Brecht beeinflußten marxistischen Frühphase hatte er schon Mitte der 1950er Jahre hinter sich verbrannt – galt Sander als „gefährlich“, weil nicht kompatibel mit den beiden wesentlichen Dogmen, von denen die Deutschen auch heute gefangen sind: dem alles und jedes zerbröselnden Linksliberalismus à la Habermas et al. und dem – auf Hegels Staatsvergottung zurückgehenden – verhängnisvollen „Aufhaltungs“-Irrweg der Konservativen und ihrem Sisyphos-Wahn, einen in Selbstauflösung befindlichen Staat wie die BRD à fonds perdu retten zu wollen. Der vor Jahren veröffentlichte Briefwechsel Sanders mit Carl Schmitt dokumentiert seine in den 1970er Jahren gescheiterten Habilitationsbemühungen, wobei gleichzeitig deutlich wird, was für nationale Dissidenten seines Kalibers in dieser Zeit, als u.a. Hans- Joachim Arndt, Hellmut Diwald, Robert Hepp und Bernard Willms Professuren ausübten, immerhin noch im Bereich des Möglichen erschien. Die letzten akademischen Türchen schlossen sich für Sander Ende der 1970er Jahre. Der Versuch Jacob Taubes’, Sander an der TU Berlin zu verwurzeln, um – wie Taubes sich ausdrückte – „styles of radical will dem justen Milieu gegenüberzustellen“, kam über eine Gastdozentur im Wintersemester 1978/79 nicht hinaus. Danach war Sander im bundesrepublikanischen Wissenschaftsbetrieb ein Nobody, ein Mann, dessen Karrierezüge endgültig abgefahren schienen.
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Durch seinen „Nationalen Imperativ“ (1980) war er freilich unterdessen zu einem der wenigen Stars der intellektuell ausgezehrten Szene der rechten Publizistik geworden, so daß es nur konsequent war, als er sich in den 1980er Jahren nach und nach dezidiert „unkonservativen“ nationalen Zeitschriftenprojekten zuwandte, zunächst von 1983 bis 1986 als Chefredakteur der „Deutschen Monatshefte“, danach „Nation Europa“, und schließlich unmittelbar nach dem Mauerfall in den selbstgegründeten und von ihm zwölf Jahre lang (1990-2001) verantworteten „Staatsbriefen“. 1988 hatte er mit seiner fulminanten „Auflösung aller Dinge“ eine programmatische Streitschrift vorgelegt, die sich souverän über die hiesigen philo-und antisemitischen Dogmen erhob und die nach dem Urteil Hartmut Langes „de(n) einzige(n) ernsthafte(n) Versuch (darstellte), die Neue Rechte geschichtsphilosophisch zu verpflichten und einzuordnen.“
Noch öfter habe ich in diesen Jahren Gespräche mit ihm geführt, wobei ich erfreut feststellte, wie wenig sein fortschreitendes Alter seinem Esprit und seinem Glauben an die deutsche Nation anhaben konnte. Natürlich gab es im Weltbild Sanders auch „blinde Flecken“, also Themen, zu denen er keinen geistigen Zugang fand oder deren politische Bedeutung er sogar bündig abstritt. So konnte man mit ihm über so wichtige Politikfelder wie Demographie oder Ökologie kaum ein fruchtbares Gespräch führen. Das Gleiche gilt in bezug auf die geschichtliche Rolle Konrad Adenauers, der bei Sander als trick-und listenreicher, gesamtdeutsch orientierter Kanzler figuriert und von ihm sogar zu einer Art – die Alliierten nach Strich und Faden einseifender – Nachkriegsbismarck hinaufstilisiert wurde, was mit der historischen Faktenlage kaum in Übereinstimmung zu bringen sein dürfte. Als kuriose Episode seines umfangreichen publizistischen Werkes kann daneben Sanders Wahlaufruf für Gerhard Schröder anläßlich der Bundestagswahl 1998 gelten. Noch heute habe ich im Ohr, was er mir, der ich dieses seltsame Buhlen zugunsten eines Parvenu zu kritisieren wagte, in klassischer Hegelscher Dialektik am Telefon erwiderte: „Wollen Sie etwa weiter Kohl?“
Unbeschadet dieser bizarren Kapriolen wirkten seine Leitartikel in den „Staatsbriefen“ bis zur letzten Ausgabe frisch, bisweilen sogar jugendlich und frei von der mürrisch-verstockten Tonlage, die andernorts von meist erheblich jüngeren Autoren konservativer Provenienz ausging. Diese geistige Frische mochte mit Attributen zu tun haben, die Herbert Cysarz – von Sander selbst oft zitiert – dem deutschen Geist zuerkannte: dieser sei radikal und weltoffen zugleich. Diese Beschreibung schien mir auch bezogen auf die wesentlichen Charakterzüge Sanders überaus treffend. Die männliche Widerstandskraft Sanders brach aber auch deswegen nie, weil er – in einer über 50 Jahre währenden glücklichen Ehe – von seiner Frau Elke durch alle Höhen und Tiefen treu unterstützt und begleitet wurde. Als promovierte Historikerin stand sie ihm zwar auch fachlich nicht fern, Sander verdankte aber vor allem ihrer Liebe und Seiten des Lebens, daß er trotz herber Enttäuschungen und trotz nicht weniger Filmrisse in seiner Vita am Leben nicht verzweifelte. Als ihn die Münchener Justiz Ende der 1990er Jahre wegen zweier nicht aus seiner Feder stammender „Staatsbriefe“-Artikel mit einer Hausdurchsuchung, mit einer an den Haaren herbeigezogenen Anklageschrift und mit einem über weite Strecken surreal wirkenden Strafverfahren wegen „Volksverhetzung“ überzog, wirkte Sander unbeeindruckt und gänzlich über den Dingen stehend. Zunächst gelang es ihm erfolgreich, die hausdurchsuchenden Polizeibeamten davon zu überzeugen, sie sollten am Folgetag wieder kommen, er und seine Frau hätten Karten für eine Generalprobe in der Staatsoper und müßten in Kürze das Haus verlassen(!). In dem mehrtägigen, sich über zwei Instanzen hinziehenden Prozeß, von dem mir ein noch junger Zuhörer in einer Verhandlungspause sagte, man lerne hier über geistige Freiheit in Deutschland an einem Vormittag mehr als in acht Jahren Gemeinschaftskundeunterricht, hatte es dann mitunter den Anschein, als ob Sander die Spielregeln dieser Polit-Posse gründlicher durchschaute als die Gerichtsakteure selbst. Die kafkaesk-orwellartige „Beweisaufnahme“ – u.a. wurde anhand eines in der Akte befindlichen Fotobandes, der nahezu sämtliche Buchrücken seiner umfassenden, fast jede Wohnungswand in Anspruch nehmenden Bibliothek wiedergab, über Stunden hinweg gerichtlich „geprüft“, welche Bücher der Angeklagte wohl gelesen habe und welchen Inhalts (links-oder rechtsextrem?) diese nach Einschätzung eines Beamten des mittleren Dienstes der Münchener Politischen Polizei seien – schien ihn regelrecht zu erheitern. Die von vorneherein feststehende Verurteilung nahm er gelassen hin. Nicht nur wegen dieses souveränen Verhaltens habe ich mich nie mit der Einschätzung Dritter anfreunden können, Sanders Mut sei über die bleiernen Jahre der deutschen Ohnmacht hinweg zu Starrsinn changiert, seine Neigung zur Dissidenz entspringe nicht politischen Sachzwängen in einer fremdbestimmten Republik, sondern vermeintlichen charakterlichen Webfehlern. Ich habe diese solitäre, zum Teil auch isolierte Position seiner Existenz stets als den Preis begriffen, der zu zahlen ist, wenn man nicht bereit ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen mit einem intellektuellen Establishment, das seine Macht schon lange nicht mehr auf bessere Argumente, sondern auf obszön-totalitäre Methoden und Intrigenspiele in Medien und Wissenschaft gründet.
Als ich Sander vor einigen Jahren zum letzten Mal in Fürstenwalde an der Spree – dort hatte er sich 2002 mit seiner Frau ein Haus gebaut – besuchte, machten wir einen langen Spaziergang entlang der Spreeauen. Diese Fontanesche Landschaft südlich des Oderbruchs und ihre märkischen Einwohner schienen mir viel besser zu seinem Wesen zu passen als das bajuwarische Treiben auf dem Viktualienmarkt. Im Gespräch machte er auf mich einen geistig ungebrochenen Eindruck; irgendeine Altersmilde bei der Beschreibung des fortschreitenden Verfalls der BRD war bei ihm nicht festzustellen. Die Tatsache, daß er im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte nicht wenige – vor allem junge – Deutsche durch seine geistige Arbeit prägen, gegen den lagevergessenen und machtbesessenen Politjargon der Herrschenden immunisieren und zur Wiedererweckung des Furor teutonicus ermuntern konnte, schien ihn mit berechtigtem Stolz zu erfüllen. Unverändert strahlten seine Augen die Hoffnung aus, daß die Deutschen, denen Sander sein Leben lang gedient hat, ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen würden.