Archiv > Jahrgang 2018 > NO II/2018 > Das verspielte Erbe – Tradition, Dankbarkeit, Pietät 

Das verspielte Erbe – Tradition, Dankbarkeit, Pietät

Dankbarkeit war für den katholischen Philosophen Gabriel Marcel (1889–1973) ein wesentlicher Grundbaustein der Kultur: „Die in der Dankbarkeit enthaltene Bejahung bezieht sich auf das, was mir gegeben wird, und wendet sich dem zu, der mir das Geschenk gemacht hat.“ Auch dort, wo Gabe und Geber in der Dämmerung der Zeit dem langsamen Vergessen preisgegeben sind, zum Beispiel am Grabmal des Unbekannten Soldaten, äußert sich diese Grundlage unserer Moral, ein Gebiet, auf dem die Anwendung der geometrischen Kausalität unmöglich ist.

Von Univ.-Prof. Dr. Endre A. Bárdossy

Nachruf auf die rasend schwindenden Werte in dürftiger Zeit

Gabriel Marcel (1889–1973) hielt im Jahre 1951 in verschiedenen Städten des da­maligen Westdeutschland eine vielbeachtete Vortragsreihe über die hochkom­plexe Thematik Das Große Erbe. Tradition, Dankbarkeit, Pietät.1

Als Sohn nicht praktizierender jüdischer Eltern war Marcel Atheist. Im reifen Mannesalter von 40 Jahren konvertierte er, der sich mit sokratischer Weisheit gerne als Wanderer – Homo viator – bezeichnete, vom Atheismus zum Katholi­zismus. Das Große Erbe jedoch, von dem er vor 67 Jahren sprach, scheint heute bereits verspielt zu sein. Seine denkwürdige Reflexion über den Begriff des gei­stigen Erbes wird selbst im laufenden Pontifikat von höchster Stelle ausgehöhlt, so daß man sich kaum des Eindrucks erwehren kann: Das Spiel ist aus! Wir sind am Ende unseres Lateins angekommen, wenn sogar Anglikaner fragen können: Is Pope Francis a Liberal Protestant?2 Heute ist die Säkularisierung der Gesell­schaft, der Politik und der Kirche keine Drohung mehr, wie sie seit der Franzö­sischen Revolution zweihundert Jahre hindurch üblich war. Heute ist die Säku­larisierung eine stillschweigende, allgemein akzeptierte, vollendete Tatsache geworden. Heute muß sogar nachgehakt werden: Viele, nicht nur unerfahrene Jugendliche, werden nicht einmal die Frage verstehen können: Was heißt über­haupt säkular und säkularisiert? (Hinweise auf die Seitenzahlen im Original­text von G. Marcel sind in eckige Klammern gesetzt.)

1951, nur sechs Jahre nach dem größten aller Kriege (1914–1945), riefen die sichtbaren Zerstörungen auf Schritt und Tritt eher Erinnerungen an eine Unmenge von Not, Schmerz und Ver­brechen wach und erweckten keinerlei Gefühle der Dankbarkeit und Vereh­rung für die Vergangenheit. Bei Dank­barkeit und Verehrung handelt es sich um die flüchtigsten Gefühle, die es überhaupt gibt. Ohne sie sind jedoch unsere Sitten, Bräuche und Kulturgüter auf Dauer nicht zu retten. Die furchtba­re Hinterlassenschaft der Politik und des Kriegs müssen wir also vorerst in Klammern setzen. Erst so können wir nach dem Grund der damals wie heute ständig wachsenden Ungeduld fragen, die man allgemein gegenüber all dem empfindet, was von progressiven Eife­rern der intellektuellen Eliten als Hin­dernis für das Anbrechen einer neuen Welt erachtet wird.
In einer fast völlig zerstörten Stadt in Burgund kommentierte ein amerikani­scher Offizier dieses Lebensgefühl – freilich völlig ohne Geist und Niveau – mit den Worten: „Sie sollten uns dank­bar sein, daß wir diesen ganzen Plun­der bombardiert und zerstört haben; jetzt können Sie eine neue und saubere­re Stadt bauen.“ [17]
Analog vermögen viele, insbesonde­re junge Leute, überhaupt kein Erbe an­zunehmen. Dazu müssen wir weiter ausholen. Seit Immanuel Kant (1724– 1804), dem Paradephilosophen der Auf­klärung, werden ehrwürdige Traditio­nen pauschal abgelehnt, wie ein Ver­mächtnis, das für die Erben nur lästige Verpflichtungen mit sich bringt. Ganz allgemein werden die Erfahrungen der Jahrhunderte in Verruf gebracht, um der Eitelkeit des Sensationellen und dem Niedagewesenen [22] Platz zu machen. Das Althergebrachte wird mehr und mehr als das angesehen, was zu nichts mehr taugt. Dies ist wiederum Folge ei­nes verbissenen Leistungsstrebens, das als einziger Wertmaßstab angesehen wird. In allen großen Städten hüben und drüben der Weltmeere werden die glei­chen uniformen Glas- und Betonhoch­häuser sowie übereinandergetürmte Bü­ros ohne Gesicht errichtet, die nur Men­schensilos und Lagerräume sind. [18]

Im Lehrgedicht des Lukrez wird der ewige Kreislauf der Dinge als Fackellauf der Natur ge­priesen. [20] Von Titus Lucretius Carus aus dem ersten Jahrhun­dert vor Christi Geburt blieb ein­zig und allein dieses Werk über die Natur der Dinge mit dem Titel „De rerum natura“ erhalten. Materie bestünde danach aus einer Unzahl von un­endlich kleinen Teilchen, die als un-teil­bar (?????? / a-tomos) angenommen wer­den. Die Atome würden sich bewegen, die Verbindung miteinander verlieren und wiedergewinnen, haufenweise hin­geworfen in den leeren, unendlichen Raum. Vorhandenes vergeht, die neuen Dinge und Lebewesen entstehen aus den Trümmern der alten Welt durch die ver­änderte Position ihrer Teile mit zufälli­gen Abweichungen. In einem so verfaß­ten Weltbild macht es freilich keinen Sinn, von geistigem Erbe zu reden. Die anonyme Natur „experimentiert“ unauf­hörlich per saecula saeculorum. Lukrez bot damit eine Quelle der Inspiration für den Aufstand der enterbten Massen bei Marx, Darwin und anderen Materialisten.

Es gibt keine spontane Neue Ordnung

Marcel gibt uns eine Anekdote zum Be­sten, wie seine Eltern einmal das wun­derbare Tor der Kathedrale von Alençon, Region Normandie, betrachteten. Seitlich bemerkten sie zwei Frauenzimmer, die stehenblieben und sich wunderten, wie man ein Bauwerk so eingehend studie­ren kann, das für sie selbst nur einen Ge­brauchswert zum Hinein- und Heraus­gehen hatte. [21]
Dankbarkeit setzt also ein intensives Bewußtsein der eigenen Rezeptivität voraus. Der andere wird als wohltuende Quelle betrachtet: „Die in der Dankbar­keit enthaltene Bejahung bezieht sich auf das, was mir gegeben wird, und wendet sich dem zu, der mir das Geschenk ge­macht hat.“ [23] Das gilt nicht nur im einfachsten Fall, wenn ein Wohltäter mit Namen und Adresse bekannt ist, sondern auch bei ei­nem völlig entäußerten Andenken, wo Gabe und Geber in der Dämmerung der Zeit und im Geflecht der Umstände dem langsamen Vergessen preisgegeben sind, zum Beispiel am Grabmal des Unbe­kannten Soldaten. Obwohl dieser auch für mich, für meine Verteidigung sein Le­ben ließ, weiß ich nicht einmal seinen Namen. Zu Allerheiligen verdient er trotzdem ein Stoßgebet und eine Blume von uns.In solchen Beziehungen kann nicht more geometrico von Ursache und Wir­kung gesprochen werden. [23] Von latei­nischem Mos (Brauch, Sitte), also von ei­nem ungeschriebenen Gesetz, kommt unsere Moral, ein Gebiet, auf dem die An­wendung der geometrischen Kausalität unmöglich ist.
Auch dort, wo sich die Dankbarkeit nur andeutungsweise darstellen kann, in einer Gebärde, in einem Lächeln, ist sie immer wieder eine geistige Rückerstat­tung. In den romanischen Sprachen deu­tet das Wort Reconnaissance (frz.), Reco­nocimiento (span.) sowohl Anerkennung als auch Dankbarkeit an. Das Wesentli­che scheint dabei in einem Kampf gegen die Kräfte der Zerstreuung und der Un­treue zu liegen. [24f.]
Nichts ist verderblicher als die Ver­wechslung zwischen dem Unter- und Überpersönlichen. Atomisierung und Kollektivierung, Entvitalisierung und Entspiritualisierung sind Aspekte dessel­ben Prozesses der Enterbung. [27] Nur dort, wo eine organische, konkrete, über­persönliche Einheit und nicht bloß eine unterpersönliche Akkumulation (Anhäu­fung) im Spiel ist, kann von geistigem Er­be gesprochen werden: „Der Mensch, der in der bloßen Ansammlung lebt, ist im tiefsten Sinne des Wortes ein Mensch oh­ne Erbe und ein Mensch, der niemandem etwas hinterlassen wird. Man kann ver­sucht sein zu sagen, daß die Welt, in der er lebt, eine Welt der Dankbarkeitslosig­keit ist. Ich sage nicht: Undankbarkeit, denn Undankbarkeit setzt eine Wohltat ohne Anerkennung voraus. Hier aber ist es wirklich die Wohltat selbst, die im Verschwinden ist. […] In einer verstaat­lichten Welt ist der Begriff der Wohltat selbst gar nicht mehr anwendbar. Was an die Stelle der Wohltat tritt, ist immer nur teilweise, immer nur unzulängliche Er­füllung eines Anspruches, der sich selbst für grundsätzlich gerecht und wohl auch für unbegrenzt hält. […] Eine solche Welt der Ansprüche ist jedoch eine Welt, in welcher Gnade – im weitesten Sinne des Wortes – absolut undenkbar ist.“ [27f.]
In einer voll mechanisierten Welt, wo das Leben gnadenlos mit unabdingbarer Notwendigkeit geregelt wird, geht auch die Pietät unter. Pietät ist das Gefühl für das Heilige, angefangen vom keimen­den, noch ungeborenen, bis zum lang­sam verlöschenden Leben. Das Heilige aber ist das Unverletzliche, das Unan­tastbare, das uns Respekt abverlangt. [32f.] Wir befinden uns hier in einer Dimen­sion, die absolut nichts mit der entvitali­sierten Geschichte zu tun hat. [34] In der Geschichtsschreibung, die nur noch ein Krematorium der geschehenden Ge­schichte ist, werden die realen Ereignisse zu historischen, zu Asche verwandelten Daten reduziert. Der Begriff des geisti­gen Erbes entleert sich in dem Maße, wie die Geschichte aufhört, Leben zu sein, und zu einer Registrierkasse degeneriert, wo es nur noch Eintragung, aber keine Erinnerung mehr gibt. [35] Die subjekti­ve, oft verdrehte, aber auch die objektive, von Max Weber (1864–1920) „wertfrei“ geforderte, bloße Dokumentation muß von einer inneren Disposition belebt werden, um Er-Innerung zu sein, die sich über die webersche „Wertlosigkeit“ erhe­ben und ihr allein einen Sinn verleihen kann.
Können Werte überhaupt bewahrt werden, wenn wir uns von der Idee des geistigen Erbes freimachen? Nun ist es nötig, den Begriff des Wertes einer gründlichen Revision zu unterziehen: „Inzwischen sind wir soweit, daß man, je mehr man von Werten spricht, desto we­niger weiß, wovon man eigentlich redet.“ [36] Das rührt daher, daß man die Univer­salien: das Wahre, Gute, Schöne (Verum, Bonum, Pulchrum), das Tugendhafte (Vir­tus) und Vollendete (Virtuose), die seit Platon über die Vermittlung der Hoch­scholastik im Mittelpunkt aller ethischen Reflexionen standen, unberechtigterwei­se durch einen schmalspurigen Wertbe­griff ersetzte, der in der Tat eine Münze der Kaufmannssprache ist. Somit liegt der Verdacht nahe, daß die Einführung des Wertbegriffs in die Philosophie eher einer vorgängigen Entwertung der Realität [37] selbst zu verdanken war, die akade­misch von Rudolf Hermann Lotze (1817– 1881) und schließlich völlig unakade­misch von der populistischen Umwertung aller Werte des Friedrich Nietzsche (1844– 1900) ausgegangen ist.

Damit haben wir nicht nur Nietzsche und seinen degenerierten Schüler Sartre im Auge, sondern den langen Weg über Luthers Revolution, die Vorzeige-Prote­stanten Kant und Hegel, die Barrikaden in Paris und das Gemetzel an den Katho­liken in der Vendée. Bei Kant und Sartre finden sich expressis verbis die perversen Gedanken, daß die Werte vom autono­men Subjekt, das sie jeweils wählt, buch­stäblich auch geschaffen werden. Seit der Aufklärung liegt die Freiheit der libera­len Meuterei tatsächlich vor den Werten. Dies ist der einzige Sinn der Kantischen Autonomie und der berühmten Sartre­schen Formel: Die Existenz geht der Essenz voraus. [38] Wobei die Großen des Alter­tums, Platon und Aristoteles, und der Hochscholastik mit Thomas von Aquin an der Spitze das Gegenteil lehrten: Die Essenz ist das Vorausgehende, d.h. der Exi­stenz Übergeordnete. Das Wesentliche steht – meta-physisch – oberhalb unserer physi­schen Vergänglichkeit.
Marcels Auffassung ist Kant, dem Be­gründer der deutschen Philosophie, ge­nau entgegengesetzt. Nichts kann das besser zeigen, als die Beziehung der Dankbarkeit zur unverdienten Gnade. [38] Die Kantische Freiheit und Autono­mie an den Anfang zu setzen, heißt, die Realität der Gabe und die Gegebenheit der Realität systematisch zu verkennen. Wei­ters heißt das, Machenschaften an die Stelle der Schöpfung zu setzen. Echte Freiheitsräume entstehen allein durch die demütig dem göttlichen Souverän, der unser Anfang und Ende ist, unterge­ordneten Prinzipien. Damit aber anerkennen wir, daß das bestän­dige Ius divinum dem wackligen Ius humanum überlegen ist. Einst, im Altertum und im Hochmittel­alter, waren die universalen Wer­te [38] und Tugenden als Ius na­turae (Naturrecht) beheimatet. Ihre Reduktion auf skrupellose Gemächte wurde definitiv durch die Aufklärung sanktioniert, frei­lich zuvor aber durch den prote­stantischen Aufruhr inauguriert. Der Grundsatz Cuius regio eius religio zeigt deutlich, daß die theologischen Dispute nicht nur zweitrangig und weitgehend unverstan­den waren, sondern die rein politischen Interessen, Machenschaften und der letz­te Sinn der „Säkularisierung: die Beute“ im Vordergrund standen. Die Enteig­nung landwirtschaftlicher Kirchengüter, Schulen, Paläste, Kathedralen, Kirchen usw., egal ob durch Verstaatlichung, Pri­vatisierung oder Übertragung an die Protestanten, gehörte jederzeit zum Pro­gramm des profanen und interkonfessio­nellen Kampfes gegen die katholische Kirche. Alles deutet darauf hin, daß sich die Eigenschaftsworte „säkular“ und „li­beral“ seit der Französischen Revolution zu vollwertigen, austauschbaren Syn­onymen entwickelt haben.

Zunehmende Koinzidenz der Kampfbegriffe: Säkularisierung & Liberalismus

Die kürzeste Formel für Säkularisierung steht im Duden: „Loslösung des Einzel­nen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an die Kir­che.“ Mit der Einführung von Meinungsde­likten, mit der Sexualisierung der Schule und des öffentlichen Lebens, mit politi­scher Korrektheit, Genderismus und Umwelthysterie, vor allem aber mit Ab­treibung, Sterbehilfe, Klonen, Stammzel­lenforschung und mit Abertausenden le­bender, eingefroren gelagerter Em­bryonen als Versuchskaninchen geht es um die totale Verweltlichung und Profa­nierung, Verfremdung und Verstaatli­chung aller Lebensbereiche. Die Wahr­heitsfrage wird jedoch von den enterbten Massen nicht mehr gestellt, sondern, wie Papst Benedikt XVI. beklagte, unter der Diktatur des Relativismus per Abstim­mung mit einem simplen Mehrheitsbe­schluß der „repräsentativen“ Demokra­tie hinter den verschlossenen Türen der Regierenden entschieden.
Paradoxerweise ist die Kirche seit dem Vaticanum II selbst eifrig dabei, den Zer­störungsprozeß anzufachen. Nach Jahr­hunderten des Kulturkampfes, die von Luther, Kant und anderen sogenannten „Aufklärern“ von außen angezettelt wur­den, säkularisiert sich die Kirche nun­mehr von innen her, was im Bergogliani­schen Pontifikat einen neuen, bislang unerhörten Tiefpunkt erlangt hat.
Das lateinische Stammwort von „Sä­kularisierung“, Saeculum, bedeutet aber nur schlicht und einfach „Jahrhundert“ – wie kam es dann zu dieser gewaltigen Erweiterung des Bedeutungsfeldes im oben bezeichneten Sinne?

In einer verstaatlichten Welt ist nach Marcel der Begriff der Wohltat nicht mehr anwendbar. An seine Stelle tritt die immer nur unzulängliche Erfüllung eines Anspruches, der sich selbst für gerecht und auch für unbegrenzt hält, doch Respekt verlangt uns nur das Heilige, das Unverletzliche und Unantastbare ab. – Russische Tagelöhner um 1900
Das Gute (Bonum), das Tugendhafte (Virtus) und das Vollendete (Virtuose), die seit Platon (428–348 v. Chr.) im Mittelpunkt aller ethischen Reflexionen standen, werden in der Moderne durch einen schmalspurigen Wertbegriff ersetzt, der bloß eine Münze der Kaufmannssprache ist.
Weder die Selbstgerechtigkeit des Satzes „Cogito ergo sum“ eines René Descartes (1596– 1650) noch die Reduzierung des Subjektes auf die Kausalzusammenhänge der geschichtlichen Kontinuität, welche ihm die Fähigkeit zur Initiative und Entfaltung, zur Reue und Konversion entzieht, liefern eine echte Antwort. Wir können nur auf den Begriff des geistigen Erbes bauen, der eher einen fortgesetzten Aufruf als die Übermittlung einer inventarisierten Habe bedeutet.

Über viele Jahrhunderte hinweg war das geistige Erbe – die große Überliefe­rung aus dem griechisch-römischen Al­tertum und dem Hochmittelalter – das Erbgut für Schule und Erziehung, die Richtlinie für die Politik aus dem Gottes­gnadentum und das Grundprinzip für die Gestaltung des Lebens gewesen. Die Sä­kularisation stellt nicht nur eine platte, liberale Loslösung aus den konfessionel­len Bindungen der Kirche dar. Die eine heilige katholische Kirche war nämlich nicht nur eine Glaubensgemeinschaft mit einem starren Blick aufs Jenseits. Viel­mehr übermittelte sie mit dem Pflug, dem lateinischen Alphabet und dem Kreuz auch eine ethisch verfaßte, theore­tisch und praktisch konsolidierte Zivili­sation, die, einmal aus den Fugen gera­ten, vom modernen, säkularen Staat nicht mehr reproduziert werden kann. Oft schätzen wir die Dienste der Kirche erst, wenn wir sie verloren haben. Das Böckenförde-Dilemma hat dieses Pro­blem der Undankbarkeit messerscharf aufgeworfen: „Der freiheitliche, säkulari­sierte Staat lebt von Voraus­setzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, ein­gegangen ist. Als freiheitli­cher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bür­gern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesell­schaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regu­lierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mit­teln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu ga­rantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf sä­kularisierter Ebene – in jenen Totalitäts­anspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen her­ausgeführt hat.“3

Die finsteren Folgen der Aufklärung

Das 18. Jahrhundert, das sich nicht zierte, das „Saeculum des Lichts“, der Freiheit und Menschenwürde genannt zu wer­den, endete mit dem Gemetzel der Fran­zösischen Revolution. Der Prozeß der Säkularisation entstammt also dem rei­nen Willen zur Macht, um die Wirklich­keit nach der Façon des jeweiligen Saecu­lums (Zeitalters) zurechtzuschneidern.

Das 19. begann in der Folge mit dem europaweiten Terror des Parvenüs Nabu­lione Buonaparte aus Korsika, der den deutsch-römischen Kaiser, den mächti­gen König von Preußen und zugleich den allein wegen seiner Größe unbesieg­baren russischen Bären das Fürchten lehrte.

Das finstere 20. kulminierte dann im Weltkrieg aller Kriege (1914–1945). Somit hat das entfesselte „Saeculum des Lichts“ die Freiheit von allen überlieferten Werten und Tugenden eingeleitet und die größ­ten Verbrechen aller Zeiten nicht verhin­dern können. Niemals zuvor sind so vie­le Menschen der nackten Gewalt zum Opfer gefallen. Die wahre Freiheit ist aber nicht die Freiheit von…, sondern die Freiheit zu… – den universalen Werten, die einstens den gottesfürchtigen Namen des Gemeinwohls unter dem Titel des Bo­num commune trugen.

Marcel betont abermals, daß der Ver­such, die Werte und Tugenden aus der Inkarnation herauslösen und als solche subjektivieren oder objekti­vieren zu wollen, sie ihrer wahren Natur beraubt. Sind also alle Werte in gewissem Sinne historisch verwurzelte und situationsbedingte, die aus ihrem jeweiligen aktuel­len Kontext nicht herausgelöst werden können? Müßte man nicht viel eher für die Menschen von 1951 Gut und Böse in Begriffen definieren können, die auch unabhängig von dem Zeitgeist und einer wankelmütigen Situations­ethik einen Sinn haben? [39]

Heute sind sie die Speer­spitzen der Dubia, die auch den explosiven „Atomkern“ der laufenden Amoris-Laeti­tia-Diskussion ausmachen, womit praktisch die Legali­sierung der „katholischen Scheidung“ unter dem Vorwand der „barmherzigen Unterscheidung“ in die Kirche eingeführt worden ist. Die doktri­nelle Verwirrung wurde durch das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia / Freude der Liebe“ 2016 ausgelöst. Die fa­denscheinige Begründung bedient sich der Polarisierung der Gemüter, indem sie subjektive Vergehen und objektive Gesetze aufeinanderprallen läßt. Uns in­teressiert in diesem Zusammenhang nicht das konkrete Thema des Konfliktes, sondern die klassische Konfliktsituation: Sollte der Gesetzgeber ohne weiteres dem Zeitgeist nachgeben, das göttliche Gesetz eigenmächtig abändern, indem man an den Prinzipien Verrat und Ver­wässerung übt – oder müssen für wi­dersinniges Verhalten die verdienten Konsequenzen eingefordert werden? Vier angesehene Kardinäle, Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller sowie die jüngst verstorbenen Joachim Meisner und Carlo Caffarra, äußerten schriftlich und respektvoll ihre Dubia (= Bedenken, Zweifel, nach dem lateinischen Wort du­bitare) über den Bruch der traditionellen Lehre, die dadurch anrüchig, fragwür­dig, übel mißbraucht und undurchsich­tig geworden ist. Wie ein erregter, nervö­ser Wespenschwarm haben alle, die von der Sache auch über Emotionen hinaus etwas verstehen, gebührend geantwor­tet, nur der Papst nicht. Der Oberste Leh­rer weigert sich bis heute, Klartext zu re­den.

Die Entgegensetzung überlieferter Prinzipien und einer wankelmütigen, an­gebiederten Situationsethik beruht aber – nach Marcels Auffassung – auf einem falschen Verständnis der Inkarnation. Es ist eher so, daß zwischen der Partikulari­tät bestimmter Umstände und der Allge­meinheit des Gesetzes immer und über­all eine Spannung besteht. „Ja, es scheint, daß gerade in dieser Spannung der Wert beheimatet ist“ [39f.] Wir müssen eben­sosehr einen hohlen Formalismus ableh­nen, für den weder die Geschichte exi­stiert noch die (mildernden bzw. gravie­renden) Umstände zählen, wie auch ei­nen reinen Relativismus tadeln, der übri­gens schon insofern widersprüchlich ist, als er Schwäche und Geschichtlichkeit in ein Absolutes zu verwandeln sucht. Man muß jedoch sehen, daß die Idee einer sol­chen Spannung selbst noch abstrakt und zweideutig ist. Inwieweit läßt sie sich konkretisieren?

Hier droht eine Gefahr, nämlich jene, den berühmten Satz Cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich) des Renatus Cartesi­us (frz. René Descartes, 1596–1650) zum Ausgangspunkt zu erkiesen und die Ge­wißheit des Bewußtseins mit strengster, abstrakter Rationalität zu begründen. [40]

Andererseits: Wenn man das Subjekt in den Zusammenhängen einer ge­schichtlichen Kontinuität und im Wur­zelwerk einer Situation fixiert, dann ent­zieht man ihm die Fähigkeit zu Initiative und Entfaltung, zu Reue und Konversi­on. Damit reduziert man die ungeschore­nen „straffreien Delinquenten“ zu Zähn­chen in ihrem Räderwerk, in der Rolle von Gefangenen, die an eine endlose Ket­te der Verfehlungen gefesselt sind. Über­dies belasten wir sie mit dem Vorwurf der Selbstgerechtigkeit. Aber genau an dieser Stelle taucht noch einmal der Be­griff des geistigen Erbes auf. Das Erbestellt sich eher als ein fortgesetzter Auf­ruf dar denn als die Übermittlung einer inventarisierten Habe. Das eigene Wesen ist nicht als starres, unbeugsames Gesetz, sondern als Einladung, als schöpferi­sches Streben nach oben zu verstehen. [40]

Der griechische Dichter Pindar aus Theben (517–438 v. Chr.) führte den Losspruch des spartanischen Philosophen Chilon „Erkenne dich selbst!“ mit dem folgenden Satz weiter: „Werde, der du bist!“

Die berühmten Inschriften von Delphi

Somit finden wir uns wieder einmal bei der weltberühmten Inschrift, die in der Frühe des Abendlandes einmal die Ein­gangshalle des Apollo-Tempels zierte: (Gnothi seauton): Erken­ne dich selbst!

Ins Lateinische übernommen Nosce te ipsum: Erkenne dich selbst!

Der Satzaufbau ist sonnenklar: Prädi­kat (erkennen) + Subjekt (du) + Akkusati­vobjekt (dich selbst). Die intrinsischen, also von innen her, aus eigenem Antrieb quellende Form und der Inhalt klingen sehr vernünftig. Die Satzaussage fordert eine Erkenntnis in Imperativform, mit kategorischem Nachdruck. Das Verb er­kennen ist transitiv, muß also auf ein klar definiertes Akkusativobjekt zielen. Es ist also weder rätselhaft noch so tiefgrün­dig, wie die Nachwelt gern der Versu­chung erlag, sie zu mystifizieren. Jeder Schulmeister kann seinem Zögling die elementare Weisheit auftragen: Es ist je­dermanns Aufgabe, sich selbst zu ken­nen! Es ist nötig und gut, nicht nur die Spielkameraden und die Mitwelt, son­dern auch sich selbst richtig einzuschät­zen, nämlich die eigenen Fehler, Vorzüge usw. Der Satz bezog sich nicht auf irgendei­ne gnostische Geheimlehre, sondern auf den gesunden Menschenverstand. Ver­fasser war höchstwahrscheinlich Chilon (um 550 v. Chr.) von Sparta, einer der sie­ben Weisen Griechenlands. Im gleichen Atemzug damit wird die nicht minder berühmte Anweisung des jüngeren Dich­ters Pindar aus Theben (517–438 v. Chr.) genannt, die ebenfalls den Apollo-Tem­pel zierte: (Genoio ho­ios essi): Werde, der du bist! [41]
Pindar motivierte mit diesem Spruch die griechischen Athleten zur Verausga­bung all ihrer gebündelten Kräfte. Wir sind zur Höchstleistung eingeladen, nicht zur Duckmäuserei! Pindar geht da­mit einen Schritt über den Lehrmeister Chilon hinaus: Mit dem Auftrag zur Selbsterkenntnis ist die Entfaltung der vollen Persönlichkeit obligatorisch ver­bunden. In zahlreichen Texten der Klas­sik findet sich die Deutung, daß ein ehr­fürchtiger alter Grieche oder Römer – im Gegensatz zu den Göttern – demütig an­erkennen und akzeptieren sollte, daß er ein sterbliches, dem Werden und Verge­hen unterworfenes, unvollkommenes Mängelwesen ist.

Kant – der pedante Stubengelehrte – möchte uns dagegen weismachen, daß zu einer validen Erkenntnis nach be­währter, altgriechischer Manier nicht auch diese Bescheidenheit gehöre, son­dern daß Erkenntnis an der Realität vor­bei nur Selbstbespiegelung, eitle Kal­mäuserei, unbrauchbares Wissen sei und somit zwangsläufig subjektiv und imma­nent bleiben müsse. Insofern konstruiere der Erkennende nicht nur das Erkannte selber, sondern schaffe sogar die Natur­gesetze. Frevel, Hochmut, Hybris nannten die Griechen eine solche Hoch­staplerei und Spinnerei. Wer das wirk­lich Seiende leugnet, kann keine gülti­gen, objektiven Aussagen treffen und müßte logischerweise seine eigenen, sub­jektiven Vermutungen zuvorderst be­zweifeln. Wenn alles nur eine Erschei­nung innerhalb eines Bewußtseins und lediglich für dieses Subjekt da ist, na, dann gibt es eben keine vernünftige Rede mehr. Ein professioneller Skeptiker muß an seinen eigenen Aussagen zugrunde gehen. Die Welt wird laut Kant ausschließlich als Vorstellung erkennbar: erstens als Traum, zweitens als Autonomie. Das er­kennende Subjekt ist zugleich Gesetzge­ber und Verwalter der Welt. Die erkannte Welt ist nicht die tatsächlich per se seien­de Gegebenheit – das Ding an sich, son­dern eine selbstgemachte Konstruktion. Daher kann bei Kant unmöglich an ein wie immer geartetes „Erbe“ gedacht werden.

Auch Sigmund Freud und seine Ana­lytiker werden unsereins lechzend befra­gen: Na, wer bist du eigentlich? Nicht dein Name, Adresse und Beruf sind aus­schlaggebend, sondern deine Äng­ste, deine unterdrückten Sehnsüchte, Wünsche und Schwächen, die kleinen Unterteufel und Mon­ster, die in deiner Seele hausen… All das bist du „eigentlich“, und keiner kann das heraus­graben außer dir selbst. Trau dich! Erforsche dich! In den Tiefen der Seele ge­hören auch ganz finstere „Dinge“ zu dir, nicht nur die offi­zielle, die schein­heilige, oberfläch­liche Moral! Und beginne, zu phi­losophieren! Wer­de der ganz ge­meine Kerl, der du bist! Erkenne dich selbst und die Welt, in die du einge­bettet bist! Lebe deine Triebe!

Aber welcher Weg führt zur Selbster­kenntnis? Schließlich und endlich kommt es auf die Details an! Ehrliche Agnostiker wie der moralisch tadellose, zu jung durch einen fatalen Autounfall umge­kommene Albert Camus (1913–1960) ne­gieren nicht die Condition humaine, wo­nach sie hungern und dursten, wenn sie auch keine Antwort finden können. Suchst du die Wegweiser für dich selber aus? Darfst und kannst du diese Freiheit allein tragen? Den zu besteigenden Berg­hang für Sisyphos kann kein Kantianer erfinden oder negieren. Der ist da, wie ein harter Granit- oder ein verwitterter Basaltblock. Vielleicht erkennst du dich selber gerade zufällig, während du mit deiner Lieblingstätigkeit beschäftigt bist oder deine Musik hörst, und plötzlich steht ein klares Bild vor deinem geistigen Auge. Wie und wann auch immer das ge­schehen mag, ob gezielt und bewußt durch Meditieren oder zufällig im Vor­beigehen – halte inne, lerne, und bete, wenn du kannst! Lerne, wer du bist, was du brauchst, und bestehe darauf, daß du das Leben willst!
Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819), ein illustrer Philosoph, Schriftsteller und Streitgesprächspartner für den erdrüc­kend großen Goethe, erkannte des Pu­dels Kern im bescheidenen Satz: „Sich selbst kennen, heißt darauf merken, daß wir nicht von uns selbst sind, und die Wahrheit nicht in und an uns selbst ha­ben, sondern daß wir sie woandersher empfangen müssen.“

Für Gabriel Marcel, der sich als „Neo­sokratiker“ bezeichnete, sind die ge­nannten Interpretationen nur unvollstän­dige Vorstufen, wenn nicht ganz und gar unpassende Mißverständnisse. Eine so­kratische Deutung läßt sich in Pla­tons Höhlengleichnis finden. Die ewigen Ideen am leuchtenden Sternenhimmel und im vollen Licht der Sonne befinden sich außer- und oberhalb der Schat­tenwelt der enterbten Höhlenbe­wohner. Das wahre Erbe ist aber die oberirdische Substanz, die al­lein menschenwürdige, universale Condition humaine, die als erstre­benswerte menschliche Verfassung den Kindern Gottes vorbehalten ist (Johannes 1, 12–13).
Die platonische Interpre­tation der angewandten Selbsterkenntnis für die eigene virtuose, mann­hafte Entfaltung und für die Erziehung der näch­sten Generation vertrat auch Cicero in einem Brief an seinen Bruder Quintus, demnach der Sinn der Orakelsprüche aus dem Apollo-Tempel sich nicht darauf be­schränke, die Hybris einzudämmen, son­dern es um die optimistischere Aufforde­rung gehe, das uns eigentümliche Gute – die Bona nostra – zu erkennen.

Wir, die zu den Erben gehören, müssen die Situation gleichzeitig unter dem Gesichtspunkt der Enterbten betrachten, jener, die rings um uns sind, innerhalb und außerhalb der einst eurozentrischen Welt. Menschsein, heißt nicht einfach, die biologischen Merkmale der Gattung Mensch aufzuweisen; Menschsein heißt, menschlich leben zu können. Es geht um die Frage, ob wir überhaupt imstande sind, den Enterbten der dritten, vierten oder fünften Welt und der säkularen Mitwelt daheim die rechte Richtung zu weisen, daß auch sie am vollen geistigen Erbe teilhaben können.

Sin mástica no hay mística

Wir, die zu den Erben gehören, müssen die Situation gleichzeitig unter dem Ge­sichtspunkt der Enterbten betrachten, [41] der zahllosen Enterbten nämlich, die rings um uns sind, innerhalb und außer­halb der einst eurozentrischen Welt. Ob und wieviel Schuld sie an ihrem Zustand der Enterbung selber tragen, sei in die­sem Traktat dahingestellt. Gott weiß es und wird es einem jeden von uns anrech­nen. Aber auch das betroffene Subjekt sollte sich in eigener Sache erkundigen, wenn es sich endlich einmal zum Lernen, zu einer Gewissensforschung und zum Beichten aufrafft. Unser aller erste Pflicht ist, uns gegen die Lüge zu wehren, die immer noch herumgeistert, die Enterbten seien im Grunde doch auch Erben. [41] In der Tat können sie erst dann in die Situa­tion des Erben kommen, wenn sie zu­nächst einmal in eine menschliche Situa­tion gelangt sind. Mensch zu sein, heißt aber nicht einfach, nur die biologischen Merkmale der Gattung Mensch aufzu­weisen: Das wäre ein Rassismus der schlimmsten Sorte. Mensch zu sein heißt, menschlich leben zu können. Es bedeu­tet, unter materielle Umstände zu kom­men, die verhindern, daß das Dasein un­ter existentiellen Sorgen erdrückt wird. [41f.] Die Missionare der katholischen Kirche kümmerten sich allzeit um die Be­friedigung elementarer Bedürfnisse: Wohnung, Nahrung und Trinkwasser, Medizin und Schulung für ihre Anver­trauten. Die ansteigende Erfüllung dieser Bedingungen erlaubte erst, eine dreidi­mensionale Apperzeption anzustreben. [42]

Da Perception im klassischen Latein „Wahrnehmung, Erfassen“ heißt, so be­deutet diese neulateinische Wortbildung von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646– 1716) eine Ad-Perception: Eine „Weiter- Perzeption“, ein Herankommen, Heranwa­gen an die Sache selbst. Das ist also der Sinn von „Apperzeption“ im Vollzug ei­ner bewußten Wahrnehmung, einer akti­ven, kristallklaren Annahme von Tatsa­chen: erstens als Selbstbewußtsein, zwei­tens als Bewußtsein vom Andern und drit­tens als Bewußtsein von einer Realität, [42] deren Einordnung in einen objektiven Zusammenhang von Kant beharrlich verweigert wurde. Das trans-scendentale (lat. die gewöhnliche Erfahrung über-stei­gende) Ding an sich, das als unerreichba­res Traumgebilde, Ideal oder Hirnge­spinst an den Rand der existentiellen Re­flexion hingestellt worden war, ist nur eine ungute Ausrede des Königsberger Professors, um sich nicht mannhaft der Realität stellen zu müssen.

Die Teilwahrheit im Marxismus [42] liegt hier. Im argentinischen Spanisch heißt es: Sin mástica no hay mística. Auf gut deutsch: Ohne Mástica gibt es keine Mystik… Wie aber sollte ich das Schlüs­selwort Mástica übersetzen? In diesem Wortspiel heißt das Verb masticar ein Dreifaches, nämlich kauen, grübeln und wiederkäuen:

Erstens also das Essen: Ohne ein men­schenwürdiges Existenzminimum gibt es keine Zivilisation. Nicht die Kantischen Kategorien der reinen Vernunft, sondern gewisse Standardwerte sind das Apriori jeglicher Edukation und Emanzipation. Zweitens ein grübelndes Nachdenken: Die steigenden Belastungen der Perzeption und Apperzeption dürfen zwar dem Zögling nur allmählich zugemutet, aber die ganze Wahrheit muß ihm auf den Kopf zugesagt werden. Es darf nichts verschwiegen werden. Drittens ist uns aufgegeben, die ideologische Rumination zu entlarven. Bertolt Brechts politisch be­ladene Programm-Verskunst und seine Programm-Dramen (etwa „Der gute Mensch von Sezuan“) sind hermetisch geschlossene Blockaden für die geistige Entfaltung, womit auch die Wiederkäuer der 68er-Generation ihre Geschäfte bis heute gut verrichten können.

Wir dürfen aber auch nicht zögern, un­sere eigenen am falschen Ort, zu falscher Zeit zelebrierten Mystifikationen eben­falls aufzudecken. Wir machen uns schuldig, wenn wir zu früh oder unzeitig mit geistigen Betrachtungen kommen, um eine Lage der Dinge zu verschleiern, die in ihrer Nacktheit zu sehen wir nicht die Kraft und den Mut aufbringen. Es geht um die delikate Frage, inwieweit und ob überhaupt die Erben imstande sind, der ausgedehnten Dritten, Vierten und Fünften Welt der Enterbten oder der säkularisierten Mitwelt daheim eine Richtung zu weisen, sie so umzugestal­ten oder zumindest so zu beeinflussen zu versuchen, daß auch sie am vollen geisti­gen Erbe teilhaben werden können.

Der Kapitalismus ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit in der entwickelten Welt, die „freie“, enthemmte Marktwirtschaft des Liberalismus setzt aber eine Welt der Enterbten geradezu voraus; sie gehört nicht zum Wesen der Zivilisation, sondern ist deren Totengräber. Auch die Religion kann in einem gewissen Zustand des Elends von den Ausbeutern leicht als zusätzliches Mittel ihrer Herrschaft betrachtet werden. – Teefabrik auf Sri Lanka

Sind die paläokonservativen Katholiken Komplizen des Liberalismus?

Eine der außerordentlichen Schwierig­keiten des Problems ist daran zu ersehen, daß wir, die Erben, unter reichlich unbe­stimmten, vagen Gesichtspunkten als Komplizen der sogenannten „freien“, ent­hemmten Marktwirtschaft des Liberalis­mus verrufen sind, bei dem man ernst­lich fragen kann, ob diese Wirtschaft die Welt der Enterbten nicht geradezu vor­aussetzt, anstatt sie zu aufzuheben. „Man müßte also die Natur dieser Solidarität genau zu untersuchen beginnen.“ [43]

Als Professor der Betriebswirtschafts­lehre sage ich dezidiert: Im technischen Zeitalter sind wir unwiderruflich an den Kapitalismus in dem Sinne gebunden, daß ohne hochdotierte Kapitalausstattung im Privateigentum kein Wirtschaftsleben mehr möglich ist. Wir können nicht wie­der primitiv werden. Aber auch nicht ei­nem historisch verkommenen, substanz­losen, völlig abgewirtschafteten Kollekti­vismus den Steigbügel halten. Die An­schuldigung einer Komplizenschaft mit dem Liberalismus ist aber eine grundle­gend andere Sache! Mit dem unfeinen Etikett der „Ausbeutung“ werden die pa­läokonservativen – ich sage lieber wert-oder altkonservativen – Katholiken oft für Mittäter einer ethikfreien Marktwirt­schaft gehalten. Dabei geht es keines­wegs um eine intrinsische Verdorbenheit des Marktes als Schauplatz des Waren­austausches, sondern allein um jene un­moralischen Verhaltensweisen, die nicht zum Wesen der Handelskunde und nicht zum Wesen der Zivilisation gehören, sondern deren Totengräber sind. Von Korruption, Mißwirtschaft und Räuber­banden sind weder Politiker noch Beam­te oder gewerkschaftlich organisierte Funktionäre der Arbeitnehmer frei. Frei­lich sind auch die Unternehmer nicht Gralshüter der Moral – nach aller histori­schen Erfahrung sind sie aber wenigstens effizient. Eine Hebung der Wirtschafts­moral ist somit keineswegs an eine Klas­se gebunden, sondern eine Variable der allgemeinen Wirtschaftskultur. Gute Ge­schäftsmoral ist jedenfalls die elementar­ste Voraussetzung jeder Konjunktur. Eine nicht auf reine Piraterie gegrün­dete, nicht freibeuterisch und ausbeute­risch verkommene, sondern (mehr oder minder) moralisch integre, wertkonser­vative Marktwirtschaft gab es immer schon im Mittelmeerraum, bereits seit den alten Phöniziern, Griechen, Römern und den venezianischen, toskanischen, genuesischen Handelszentren. Später auch in den Hansestädten, den Nieder­landen, London, New York und Buenos Aires. Somit plädiere ich nicht für eine sogenannte enthemmte, moralfreie, liberal­konservative, klassisch-liberale, sondern für eine wertkonservative, konsolidierte Markt­wirtschaft der ordentlichen Kaufleute mit Handschlagsqualität. Freilich spre­che ich auch ein kräftiges Ja für den Ka­pitalismus aus, der seit der Industriellen Revolution in der Mitte des 18. Jahrhun­derts eine rein technische und betriebli­che Notwendigkeit geworden ist. Um die Produktionsfaktoren Güter (Kapital), Dienste (Arbeit) und Rechte erfolgreich einzusetzen, bedürfen die unverzichtba­ren Kapitalisten (Unternehmer) heute enormer, hochkomplexer Reichtümer, die im vorindustriellen Zeitalter unvor­stellbar waren. Nur ungebildete, neider­füllte Primitivlinge können in diesem Sinne den technisch einwandfreien Kapi­talismus verdammen.

Welch himmelhoher Unterschied be­steht zwischen einem Ingenieur der In­dustriellen Revolution wie James Watt am einen und Robespierre, Danton und den Hundertschaften von Verbrechern der Französischen Revolution am ande­ren Ufer des Ärmelkanals. Der Marxis­mus als Pseudophilosophie und als fal­sche Weltanschauung erhebt hier mit dummen Einwänden einen revolutionä­ren Einspruch, ohne die elementare Un­terscheidung nachvollziehen zu können: zwischen einerseits dem produktiven, technisch bedingten und erwünschten Kapitalismus und andererseits der un­produktiven Ausbeutung, der empören­den Spekulation im entfesselten, ruinö­sen, unerwünschten Liberalismus, in dem um der Gewinnmaximierung und Kostenminimierung willen alles – jede Lüge, jeder Betrug – erlaubt ist.

Marcel warnt nachdrücklich davor, daß die Religion in einem gewissen Zu­stand des Elends von den Ausbeutern leicht als zusätzliches Mittel ihrer Herr­schaft betrachtet werden kann. Somit er­kennen wir nur als Tatsache an, wofür es leider genug Beispiele gibt. [43] Dagegen ist es völlig unberechtigt, aus derartigen Tatsachen Folgerungen zu ziehen, die das Wesen des Katholizismus selbst be­treffen. [43] Ein treuer, wertkonservati­ver Katholik wird einfach erklären müs­sen, daß bei all den Schwächen und Sün­den des Handel treibenden Menschen­tums eine Verkehrung der Werte immer möglich bleibt. Aberrationen können aber weder dem Inhalt des Glaubens noch dem Inhalt des Berufes wirklich et­was anhaben. Trotzdem kommen sie auf der alltäglichen, existentiellen Ebene im­mer wieder vor und führen zu ideologi­schen Fixierungen.

Zum Schluß sei im Einklang mit Gabriel Marcel die Überzeugung ausge­sprochen, daß ein strikter, stockkonser­vativer Immobilismus nicht weniger als die antagonistische Mobilisierung des totalen Progressismus eine doppelte Ver­letzung in sich schließt: Beide lädieren zuerst die Wahrheit und die Liebe außer­dem. [46] Hier mehr als irgendwo sonst – so betont Marcel – müssen wir uns von einer fruchtbaren Unterscheidung inspi­rieren lassen, die Henri Bergson (1859– 1941) in seinen letzten Schriften einge­führt hat: der Unterscheidung zwischen dem Offenen und Geschlossenen. [46] Der Begriff des geistigen Erbes muß ein offenes, aber nicht ungeschütztes Denken zur Grundlage haben. Das Denken bleibt aber nur offen und zugleich zureichend geschützt unter der Bedingung, daß in ihm die Sorge um die Enterbten wie ein Stachel im Fleische ist. Die Revolution des Nihilismus in der Ersten und das Elend in der Dritten Welt vor sich hin­starrend als unabänderliches Schicksal zu betrachten, ist genauso gemein, wie die naive Illusion der „Gutmenschen“, wenn die katastrophalen Dimensionen des verspielten Erbes durch eine großan­gelegte Völkerwanderung oder lediglich mit kleinlichen, „milden“ Gaben, Almo­sen oder nichtssagenden Worten über­tüncht werden. Diese unerträgliche Al­ternative kann für altkonservative – und somit per definitionem illiberale – Katholi­ken nichts anderes sein als der Anruf des Geistes nicht nur an den guten Willen, sondern auch an die gute, effiziente Tat.

Bei dieser klaren Frontstellung möchte ich in Erinnerung rufen, daß Viktor Or­bán – der erklärte und zur Zeit erfolg­reichste Vorkämpfer gegen die Beliebig­keiten des Liberalismus – seine Politik seit geraumer Zeit als illiberal definiert hat. Für die aufrechte wertkonservative Gesinnung ist der Liberalismus der ver­pönte Erzfeind. Das heißt nicht, daß zwi­schen echten Wertkonservativen und den terminologisch holprigen, weil begriff­lich und historisch widersprüchlichen Li­beralkonservativen in der Sache selbst kei­ne weitgehende Übereinstimmung statt­finden kann. Dann kämpfen allerdings die Liberalkonservativen unter einem falschen Etikett um die gleichen Ziele.

Nach allen angeführten Argumenten müssen wir zugeben, daß die historische Spielzeit der Generation meiner Wenig­keit bereits abgelaufen ist. Das Spiel ist aus. Nur noch das Festhalten am Großen Erbe könnte uns vor dem Abgrund be­wahren. Aber… Wenn das Aber nicht wäre! Ja selbst nach dem Weltkrieg gab es noch mehr Gründe für einen Zweck­optimismus als heute. Die knapp wer­denden Werte des Abendlandes ver­schwinden rasend schnell an jenen Ort, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen!

Gefordert ist offenes Denken, dem die Sorge um die Enterbten ein Stachel im Fleische ist. Die Revolution des Nihilismus in der ersten und das Elend in der dritten Welt darf ebenso¬wenig als unabänderliches Schicksal betrachtet werden, wie die naive Illusion der „Gutmen¬schen“ annehmbar ist, die katastrophalen Aus¬wirkungen des verspielten Erbes durch eine großangelegte Völkerwanderung oder lediglich mit kleinlichen, „milden“ Gaben, Almosen oder nichtssagenden Worten zu übertünchen. – Australisches Plakat auf Sri Lanka

Anmerkungen

1 Übersetzung von Robert Spaemann,
Münster 1952, S.13–46.
2 www.katholisches.info/2017/11/ist-papstfranziskus-
ein-liberaler-protestant/
3 Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Staat, Gesellschaft,
Freiheit“, Frankfurt a. M. 1976, S. 60.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com