Die „Flüchtlingskrise“ 2015 war der Beginn einer ostentativen Diskussion über sogenannte „Haßsprache“ (Hate speech), die auch unter den Titeln „Haßkommentare“ oder „Haßpostings“ geführt wird (unter letzterem vor allem in Österreich). Aufgrund der gegebenen medialen Machtkonzentration debattieren hauptsächlich etablierte Zeitungen und Fernsehsender mit der ihnen eigenen Betroffenheit untereinander. Wohlfeile Expertenmeinungen unterfüttern und stabilisieren dabei die Sichtweise, daß ein „Haß“ im Netz grassiere, der letztlich sogar die Demokratie bedrohe, und zwar – so der ideologische Rahmen –, weil er von „rechts“ komme.
„Zuckerberg gibt Merkel ein Versprechen“, hieß es am 26. September 2015 auf n-tv.de. Gemeint ist damit das von Zuckerberg bei einem UN-Gipfel gegebene Versprechen, Maßnahmen „gegen Haß bei Facebook“ zu ergreifen. Angela Merkel hatte damals von einer „Häufung menschenverachtender und rechtsradikaler Parolen gegen Flüchtlinge“ gesprochen, um ihrer impliziten Forderung nach Löschungen von Beiträgen und Sperren von Benutzern Nachdruck zu verleihen. Es war die Hochzeit der sogenannten Flüchtlingskrise, die Medien überschlugen sich mit Meldungen: einerseits pure Euphorie in etablierten Medien ob der illegalen und illegitimen Zuwanderung, andererseits blanke Empörung aufgrund angeblicher oder tatsächlicher „Haßkommentare“ in den Weiten des Internets. Zwar ist seither auf politischer Bühne in bezug auf Haßpostings einiges geschehen, doch bewegt sich die gesamte Thematik nach wie vor zwischen Aufbauschung, Zensurgelüsten, Einseitigkeit und Heuchelei.
Zunächst ist der erlittene Machtverlust der Politik und vor allem der Medien zu nennen, der durch das Internet ganz allgemein in den letzten Jahren Einzug hielt. Mittels der entstandenen sozialen Medien wie YouTube, Facebook oder Twitter ist es jedem Menschen möglich, selbst zum Sender von Informationen zu avancieren; die Zeit des sturen Empfangens von Neuigkeiten aus dem Fernseher oder Radio sind vorüber. Dies klingt banal und mittlerweile fast selbstverständlich, doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß sich hier vor unseren Augen eine kleine Revolution abspielt. Weiterhin unbekannt ist, daß damit Demokratisierungsbestrebungen etwa eines – nicht gerade als „rechts“ oder „konservativ“ verschrienen – Bertolt Brechts verwirklicht werden.1
Noch nie war es so einfach und günstig, sich über alle Schranken hinweg anderen mitzuteilen und mit ihnen zu interagieren. Vorbei oder zumindest relativiert ist die Zeit, wo z.B. Leserbriefschreiber bei unliebsamer Meinung wortlos von Redaktionen abgelehnt und sich damit ihrer Ohnmacht bewußt wurden. Wie leicht und erfolgversprechend ist es dagegen, einer Zeitung oder Fernsehanstalt auf deren Facebookseite eine Meinung zu einem Bericht zukommen zu lassen? Nicht von ungefähr kommt der im Netz aufgeschnappte Spruch: „Am interessantesten an den Meldungen der Mainstreammedien sind die Kommentare unter ihren Artikeln.“ Es entstehen regelrechte Gegendiskurse, Gegenöffentlichkeiten. Dafür hätten früher mühsam und aufwendig eigene Zeitungen gegründet werden müssen, in denen sich abtrünnige Meinungen und Köpfe eingefunden hätten.
Diese Errungenschaften sind ohne Vergleich, doch fordern sie die alten Platzhirsche heraus, die sich in ihren Revieren bedrängt sehen: Wer verfügt über das Recht auf Informationsverbreitung? Wer entscheidet, was gesendet, gehört, gelesen, diskutiert wird? Vor nicht allzulanger Zeit waren die Rollen klar verteilt: hier der passive Empfänger: der Bürger; dort der aktive Sender: Politiker und Journalisten, Industrielle und (angebliche oder wirkliche) Intellektuelle. Ein eingespieltes System, in dem jeder seine Rolle kannte und zu nutzen verstand. Nun aber erodiert die Vertrautheit, und damit schwindet die Macht. Doch wer ist bereit, tatsächlich Macht an das „gemeine Volk“ abzugeben? Bei vielen Journalisten und Politikern ist keine große Lust auszumachen, das oftmals propagierte Denken vom Abbau der Hierarchien auch tatsächlich zu leben. Vielmehr hat die Entwicklung bisher gezeigt, daß seitens der Eliten ein großes Unbehagen herrscht, was ihrer Meinung nach die Mündigkeit, Ernsthaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit der neuen Akteure in der Informationsarbeit anbelangt. Dabei wurde von ihnen ziemlich lange übersehen, daß dieses Urteil nicht nur auf Gegenseitigkeit beruht, sondern die fundamentale Kritik am herrschenden System im Internet ein schwer zu regulierendes Ventil gefunden hat. Es hat ein regelrechtes Ringen um die Deutungshoheit über Information und ihre Vermittlung eingesetzt, dem sich die starren Apparate von Zeitungen und Fernsehanstalten nicht mehr gewachsen sahen. Den vorläufigen Kulminationspunkt bildete die erwähnte „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015. Die kritischen Kommentare von Bürgern zur Politik Angela Merkels oder Werner Faymanns, aber auch zu der einmütigen medialen Begleitmusik2 machten schlagartig klar, daß das ansonsten fast sediert wirkende Volk auch einmal aufbrausend sein kann. Wobei, vielleicht ist „aufbrausend“ schon zuviel gesagt: Es wurde zu einer fundamentalen Frage der eigenen Selbstbestimmung, einmal eine prononcierte Gegenmeinung zum elitären Denken der „offenen Grenzen“ zu äußern. Journalisten und Politiker interpretierten das gemeinhin als „Haß“ gegen Flüchtlinge und Entscheidungsträger und gaben sich überdies besorgt über das politische Kleingeld, das die AfD damit auf politischer Ebene mache.
Mit dem Vorschützen moralistischer Begriffe wie „Menschenfeindlichkeit“, „Unmenschlichkeit“, „Rassismus“ und dergleichen mehr konnte eine Gegenrevolution von oben gegen das bis dato recht freie Internet lanciert und legitimiert werden. Die Machtverhältnisse sollten mit Vokabeln, die viele im Volk ins Mark treffen, wiederhergestellt werden. Merkel traf Zuckerberg, der einlenkte und heute eigene Löschabteilungen beschäftigt, um den „Haß“ zu bekämpfen. Es mehren sich die Beschwerden, daß Facebook unverhältnismäßig viele Beiträge lösche und Konten sperre. Die Politik ficht das nicht an, schließlich handele Facebook als Unternehmen autonom, auch wenn sie Facebook mit dem „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ drakonische Geldstrafen androht, wenn das Unternehmen nicht rigoros gegen unerwünschte Kommentare vorgehe. Dem maßgeblich vom ehemaligen deutschen Justizminister Heiko Maas entwickelten „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ ging das – nach wie vor bestehende – Portal „Fair im Netz“ voraus, das sich mit Informationen gegen „fremdenfeindliche und rassistische Haßbotschaften“ richtet. In der dortigen „Taskforce“ findet sich auch die mit Steuergeld versorgte umstrittene Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Vorstandsvorsitzende, Anetta Kahane, unwidersprochen sagen darf, der Osten der BRD sei zu weiß geblieben und müsse bunter werden. Wie kann so eine Stiftung glaubwürdig gegen Haß vorgehen?
Auch Österreich hatte zur selben Zeit eine Beratungs-und Meldestelle (counteract.or.at) im Auftrag der ehemaligen Staatssekretärin für Diversität, Öffentlichen Dienst und Digitalisierung Muna Duzdar (SPÖ) eingerichtet, die sich mit Haßpostings und Cybermobbing beschäftigt. Die Einrichtung wird von der bekannten Anti-Rassismus-Nichtregierungsorganisation „Zara“ geführt, die mit medial verbreiteten Berichten über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit von sich reden macht. Doch nicht nur der Staat Österreich durch den Bund, sondern auch das Land Steiermark finanziert und betreibt (durch die hauseigene „Antidiskriminierungsstelle“) mit „Ban Hate“ eine eigene Kampagne, bei der gegen „Haßpostings“ vorgegangen wird. Nun liegt klar auf der Hand, daß ein Netzwerk von „Antirassisten“ vom angeblichen Haß im Netz profitiert, da Arbeitsplätze und Einfluß gesichert sind. Dort wird wenig Interesse bestehen, daß kein oder wenig Haß existiert. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, weshalb ausgerechnet derart vorbelastete NGOs den Zuschlag für solche Beratungsstellen erhalten. Sind Vertreter dieser Vereine moralisch höherwertig als andere Gruppen? Wissen sie eher, was sich gehört und was nicht? Es ist ein fatales Zeichen und ein Sittenbild, das die herrschende Politik als Finanzier hierbei abgibt.
Die genannten Beratungsstellen ergänzen einerseits gewissermaßen die juristischen Möglichkeiten der staatlichen Obrigkeit, da sie auch selbst tätig werden und Fälle zur Anzeige bringen. Andererseits helfen sie tatkräftig dabei, für das Thema Stimmung zu machen und es aktuell und wichtig zu halten. Dabei ist augenfällig, daß es sich um den digitalen Arm des allumfassenden „Kampfs gegen Rechts“ handelt. „Haß“ ist ein Wort, das Emotionen weckt, also prinzipiell Irrationales hervorruft. Das mag der Agenda förderlich sein, doch ist es nicht stichhaltig. Es wird nicht mehr sauber getrennt zwischen der Kritik an bestehenden Zuständen und gesetzlich strafbaren Äußerungen. Letztere aber waren schon in jeder kundgetanen Form strafbar, dazu hat es keiner monetär aufgeblasenen Kampagne und keines medialen Trommelfeuers bedurft. In all den Anti-„Haßposting“-Aktionen drängt sich deshalb der Verdacht auf, daß es um einen politischen Kampf geht – erneut um die Deutungshoheit. Subtil soll suggeriert werden, daß harsche Kritik beinahe „Haß“ sei, also etwas Verwerfliches, das der Normalbürger zu unterlassen habe. Entscheidend ist dabei, daß der soziale Druck zunehmen soll, und dies tut er, weil – und hier kann sich jeder selbst beobachten – wer „Haßposting“ oder „Haßkommentar“ hört oder liest, wohl kaum an einen Fremden denkt, der über Österreicher oder Deutsche schimpft, oder eine Frau, die über weiße Männer herzieht. Nein, durch die mediale und politische Beeinflussung wird die Assoziation hergestellt, daß Haß im Netz etwas mit „rechts“ zu tun habe, also zum Beispiel mit einem Österreicher Mitte 50, FPÖ-affin, der im Netz Flüchtlinge beleidigt. Dies ist ein wahrlich gelungener Akt der Manipulation.
Zur Untermalung nun eine eklektische Auswahl an Zeitungsartikeln zum Thema „Haßkommentare“ der jüngeren Vergangenheit: „Haßposts gegen Neujahrsbaby: Juristen prüfen“ (3. Jänner 2018, Orf.at). 17. April 2018, „Standard“: „Haßpostings und Häme nach HIV-Outing von Conchita im Netz“. „Erstochenes Mädchen: Familie mit Haßpostings konfrontiert“, schreibt der „Kurier“ am 13. Mai 2018, als ein 16jähriger Tschetschene eine 7jährige Landsfrau erstochen hatte. Der „Standard“ kommentierte den Fall dann noch mit folgendem Satz: „Sobald ein Migrationshintergrund vorhanden ist, werden chronikale Meldungen zu Auslösern von rassistischen Kommentaren. Für Entsetzen sorgten etwa unzählige Haßpostings gegen das Wiener Neujahrsbaby, das Eltern mit Migrationshintergrund hat.“ Wer war „entsetzt“? Man selber? Und was ist mit „rassistisch“ gemeint? Eine Kritik am ethnischen Wandel der Gesellschaft? Auffallend ist dabei zudem, daß Medien gerne von „Haß“ im Internet schreiben, wenn es um sogenannte Minderheiten geht, die politisch und moralisch zu schützen seien. Berichte über „Haßpostings“, die sich z.B. gegen die Mehrheitsgesellschaft richten, sind Mangelware. Wenn über den Fall berichtet wird, daß Deutsche von Türken straffrei „Köterrasse“ genannt werden dürfen, fragt sich die „Welt“, ob sich „Haß und Hetze im Netz definieren“ lassen. Plötzlich ist man ganz vage und weiß nicht, wie man sich dem Spektrum nähern könnte. Auch in der Überschrift heißt es lapidar: „Deutsche dürfen ungestraft ‚Köterrasse‘ genannt werden“. Haß ist relativ und subjektiv; außerdem ein zunehmend politischer Begriff, der im Zweifelsfall gegen Kritiker mit der falschen ethnischen oder politischen Zugehörigkeit eingesetzt wird. Das spiegeln auch die von den genannten Beratungsstellen herausgegebenen Zahlen und Berichte wider, die jedes Mal aufs Neue belegen sollen, wie „rechts“ das Land sei und was für einen „Wilden Westen“ das Internet (Duzdar) abgebe.
Daniela Grabovac, Initiatorin und Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Steiermark, zeigte sich verblüfft gegenüber der „Zeit im Bild“, „wie groß das zivilcouragierte Hinschauen“ im Netz geworden sei. Sie und mit ihr all die Journalisten, die unkritisch Sachverhalte übernehmen, begreifen nicht, daß es hier um einen subjektiven Ausschnitt der Realität geht. Abgesehen davon, daß Grabovac unter „zivilcouragiert“ beispielsweise wohl keine Aktion der Identitären verstehen würde, zeigen die vorliegenden Meldungen (pro Jahr ca. 500 bis 1.000) weniger ein realistisches Bild über das Tatsächliche im Netz, sondern eher, wie emsig und pflichtbewußt das eigene ideologisch-aktionistische Lager in der Zusammenarbeit ist. Statt solche Zusammenhänge zu reflektieren, wird über „das Internet“ und mehr oder weniger implizit über „die Rechten“ schwadroniert: „Wir müssen die Hoheit über das Internet zurückgewinnen, denn der Haß im Netz ist keine Randerscheinung“, sagt Duzdar. In der Einleitung der von Duzdar aufgestellten Beratungsstelle wird als erster Satz die entlarvende Frage an den Leser (angeredet mit „du“) gestellt, ob er auf Facebook beschimpft werde, „weil [s]ein Name ‚ausländisch‘ klingt“. Wie ist das zu verstehen? Es ist anzunehmen, daß damit Ausländer gemeint sind, die von der bösen einheimischen Gesellschaft traktiert werden, nicht aber etwa Wiener oder Grazer Schüler, die wegen ihrer deutschen Namen von Fremden verunglimpft werden. Mit einem Wort: Entweder gibt es Haß als solchen, also unabhängig von den betroffenen Gruppen, oder es ist ein einseitig konnotierter Begriff in einem als gut und richtig angesehenen Kampf gegen „Rechts“, der in Wahrheit aber auch gegen die autochthone Bevölkerung als solche ausgetragen wird.
Die einschlägige Forschung ist erst in den letzten zwei Jahren einigermaßen zu den Fragen des internetbasierten Hasses in den sozialen Medien vorgedrungen. Sie wurde bis dato von der Politik und den Medien unter Zugzwang gesetzt. Auch hier sollte stets im Auge behalten werden, daß Forscher, die sich diesem Thema widmen, ein Interesse daran haben, Haß zu finden, wenn sie danach suchen. Das heißt, wenn jemand bestimmten Foren oder geschlossenen Facebook-Gruppen beitritt, will er gezielt nach zuvor (oder danach) definierten Kriterien Haß ausfindig machen. In der Forschung liegt aber nach wie vor keine einheitliche Definition vor, was denn genau Haß sei, was dazu führt, daß jede Arbeit eine etwas andere Sichtweise auf das Thema hat (analog verhält es sich z.B. mit dem gerne verwendeten Begriff des Rechtspopulismus, auch dieser ist nicht einheitlich definiert‘). Mal geht es um „psychische Schäden“, die durch einen Haßkommentar beim Empfänger entstünden, dann um das Verwenden von Schimpfwörtern in bezug auf Gruppen, die einem opportun erscheinen. Zieht man nun Ergebnisse von Studien heran, wird schnell deutlich, daß von den apokalyptischen Bildern nicht viel übrigbleibt. Eine jüngste Untersuchung‘, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, 22 Millionen Beiträge des Twitter-Pendants Gab zu untersuchen. Gab hat den Ruf, eine Ausweichroute für gesperrte Nutzer von Twitter zu sein, also eine – nach beliebter Anschauung – Hochburg von Haß, Tod und Teufel (Gab wurde von Google der Zugang zum „App-Store“ versagt, da der Internetgigant dort Haßsprache vermutete; es muß seither umständlich installiert werden). In der Studie waren jedoch lediglich 5,4 % der Beiträge „Haßkommentare“ (der Wert an Haß für die Plattform Twitter liegt um einiges darunter, zum Teil sogar weit – je nach Studienaufbau), in der Untersuchung ging es dabei rein um die Wortebene, d.h. wenn das Schimpfwort ironisch gebraucht wurde, wurde es trotzdem als Haßkommentar gewertet. Daß die zugrunde liegende Wortliste für deutsche Begriffe unzureichend ist, da „Kuffar“, „Kartoffel“ etc. darin nicht zu finden sind, sondern ausschließlich Beschimpfungen gegen Fremde, sagt schon viel über die Schlagseite und damit die wissenschaftliche Seriosität aus.
Die Forschungslandschaft ist in dieser Angelegenheit eben recht eindeutig positioniert. Es geht nie um den „Haß“ auf Autochthone, sondern stets um Flüchtlinge, um Antisemitismus, um Haß von Rechtsextremisten, um Haß auf Schwarze in den USA etc. Damit wird zwar politisch konform geforscht, jedoch stellt sich die Frage, mit welcher Legitimation in einer angeblichen Wissensgesellschaft steuergeldfinanzierte Kampagnen ins Leben gerufen werden. Der Geruch der Eindimensionalität ist sehr streng, wird aber der Realität des Internets nicht gerecht. Mit dem sich wechselseitig bestärkenden Vorwurf oder Gefühl des allgegenwärtigen Hasses im Internet wird rationales Denken verhindert, weshalb das Faktum, daß es – wissenschaftlich betrachtet – nur eine kleine Minderheit ist, die nach mehr oder weniger nachvollziehbaren Kriterien Haß verbreitet, in der politischen und medialen Debatte nicht vorkommt. Bei juristischer Betrachtung fällt zudem auf, daß in weiten Teilen Fragen des guten Geschmacks die Haß-Debatte überlagern, da in Anbetracht der Abermillionen Kommentare, die jährlich alleine in den sozialen Medien abgesetzt werden, die ganz konkreten gerichtlichen Verurteilungen marginal sind. Es sollte also viel weniger davon die Rede sein, sondern offengelegt werden, daß es z. B. um Fragen der politischen Korrektheit geht, was erwünscht ist, zu sagen, und was nicht. Es ist gar nicht so einfach, diesen proklamierten Haß festzumachen, da es weder in Österreich noch in Deutschland einen Paragraphen für „Haßkommentare“ gibt, weswegen der geschmeidige Weg eingeschlagen wird, vor allem Verhetzung mit den „Haßkommentaren“ in Zusammenhang zu bringen. Im Jahr 2015 gab es in Österreich wegen dieses Paragraphen insgesamt (offline wie online) genau 44 Verurteilungen, 2016 waren es 55. Die Anzahl der Verurteilungen insgesamt in diesen Jahren betrug 32.118 (2015) und 30.450 (2016), damit machten die Verurteilungen wegen Verhetzung 0,13 bzw. 0,18 % der Gesamtverurteilungen in Österreich aus. Es muß also in der Debatte um Verhältnismäßigkeit und Redlichkeit gehen, nicht um Panik und Ideologie. Doch werden in der gesamten Extremismusdiskussion die ebenfalls verhältnismäßig geringen Anteile einschlägiger Verurteilungen rechts-und linksextremer Straftäter an der Gesamtverurteilungszahl hochgekocht und vor allem beim „Rechtsextremismus“ zum Dauerbrenner veröffentlichter Skandalisierungen gemacht. Es wird von einem privilegierten linksliberalen Sitz aus der Eindruck erweckt, erhebliche Teile des Volkes seien irgendwie radikal oder extremistisch, obwohl es eine Minderheit ist (da soll noch gar nicht diskutiert werden, inwieweit dieses Vorgehen qualitativ unzulässig ist und was es für eine Demokratie impliziert).
Die Unglaubwürdigkeit und Heuchelei nimmt auch dann nicht ab, wenn sich aus Journalistenkreisen Experten herausbilden, die durch das Land ziehen und den Menschen erklären, welche Gefahren (natürlich hauptsächlich „von rechts“) im Internet lauern. Die prominenteste ist Ingrid Brodnig, eine (ehemalige) Journalistin des „Falter“ und „Profil“, die mit ihren Büchern zu Internetphänomenen („Haß im Netz“, „Lügen im Netz“) Bekanntheit erlangt und in politischen Sphären Sympathie geweckt hat. So wurde sie von Muna Duzdar zur „Digitalbotschafterin Österreichs“ ernannt, auch werden Vorträge von ihr bei der erwähnten österreichischen Beschwerdestelle „counteract“ zur Verfügung gestellt. Der jüngste mit dem Titel „Warum sind die Rechten so hip im Netz?“ betraf mit der re:publica das Echokammer-Treffen linksliberaler Internetmenschen, wo sie unter anderem von der nicht minder einschlägigen „Süddeutschen Zeitung“ im Nachgang wohlwollend rezensiert und präsentiert wurde. Auch ihr Tun ist eindrücklich von der Auseinandersetzung mit „rechts“ geprägt3; die jahrelangen journalistischen Tätigkeiten machen betriebsblind, zu ausgeprägt ist die Verwobenheit mit persönlichen Wertehaltungen und gesellschaftspolitischen Wünschen. Kommentare in einer Zeitung würden von solchen Experten kaum als „Getrolle“ bezeichnet, und auch die Verbreitung von „Fake News“ bliebe den nicht im Mainstreammetier befindlichen Bloggern und sonstigen Nutzern vorbehalten, zumal solchen zugeschriebener „rechter“ Couleur. Linksliberale tragen dagegen – zumindest glauben sie das – das Gute, Richtige vor sich her. Sie sind die Demokraten, Pluralisten und Menschenfreunde. Geschickt schaffen sie es, Abweichler als Trolle, Lügner, Rechte und Rechtsextreme zu bezeichnen und nicht einfach als Gegner oder Menschen anderer Meinung.
Sie sind beseelt von der Idee, zu erziehen und zu formen. Der Verein „Neustart“ bietet seit kurzem ein Sensibilitätstraining für tatsächlich straffällige „Haßposter“ (wobei der Begriff irreführend ist, da man nicht wegen Haß per se verurteilt werden kann) an, es nennt sich „Dialog statt Haß“4. Man kenne dort die „Systemverlierer“, die zu Haß neigen: „körperlich oder psychisch beeinträchtigte Menschen, langzeitarbeitslos oder in Frühpension, wenig Geld, wenig soziale Einbindung, viele negative Erfahrungen im Leben, insgesamt pessimistisch und frustriert.“ Es gebe aber auch „gut integrierte, sozial und wirtschaftlich erfolgreiche gutbürgerliche Existenzen, die häufig am Land leben und keine direkte Berührung mit Ausländern oder Flüchtlingen haben.“ Die Haßposter verbinde, das sie über soziale Medien zuwenig wüßten, wofür es aber ein „Sozialarbeit-Angebot“ gebe, daß u.a. der „Bewußtseinsbildung und der Diskursfähigkeit dienen soll“. Mit anderen Worten geht es um Disziplinierung. Wie weit sind die von den Medien nicht mit österreichischen oder deutschen Verhältnissen in Zusammenhang gebrachten Maßnahmen der chinesischen Führung der sozialen Überwachung und Drangsalierung („Social Credit System“) von uns entfernt? Hiesige Eliten heucheln ein feines Sensorium gegenüber Ungarn, Polen oder auch China, wo sie überall Demokratieabbau, Menschenfeindlichkeit und „ein Klima der Angst“ wittern, um von den endogenen Entwicklungen in ihren angeblich liberalen und moralisch guten Staaten abzulenken.
1 Brecht, Bertolt. 1967 [1932]. Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In Brecht, Bertolt (Hrsg.), Gesammelte Werke, Band 18. 127–134. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
2 Smyka?a, Marta. 2016. „Wir schaffen das!“ Diskursive Strategien sprachlicher Konstituierung des Beginns der Flüchtlingskrise und ihrer Hauptakteure im Pressediskurs am Beispiel der Wochenzeitung „Die Zeit“. tekst i dyskurs – text und diskurs 9, 187–205.
Haller, Michael. 2017. Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien: Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Frankfurt/Main: Otto-Brenner-Stiftung.
3 Wodak, Ruth. 2018. Vom Rand in die Mitte – „Schamlose Normalisierung“. Politische Vierteljahresschrift. 1–13.
4 Zannettou, Savvas et al. 2018. What is Gab? A Bastion of Free Speech or an Alt-Right Echo Chamber? arxiv.org abs/1802.05287.
5 www.brodnig.org/2018/05/08/ warum-sind-die-rechten-so-hip-im-netz/.
6 www.sn.at/panorama/oesterreich/bei-hass-und-hetze-im-netz-gibt-es-keine-hemmschwelle-25650103.