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Im Jahr 2013 wurde im Bremer Focke-Museum die Ausstellung „Graben für Germanien – Archäologie unterm Hakenkreuz“ gezeigt. In diesem Zusammenhang konnte man in der Presse Frauke von der Haar, die Direktorin des Focke-Museums, mit der Aussagen lesen: „Die Germanen haben in Wirklichkeit nie existiert. Sie sind ein Mythos …“1 In ähnlicher Weise hieß es anläßlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, die Germanen hätten sich nicht als ethnische Einheit verstanden und seien eine römische Erfindung. Caesar, Tacitus und andere römische Schriftsteller hätten sie „erfunden“.2 „Kein Germane brüstete sich nach der Quellenlage je gegenüber anderen damit, dass er „Germane“ war“, schreibt der Hamburger Historiker Hans-Werner Goetz, „weil ihm das nämlich gar nicht bewusst war.“3 Was ist von solchen Aussagen zu halten? Was ist ihr wissenschaftlicher Hintergrund, und wie berechtigt sind sie? – Gab es „Germanen“?
Richtig ist, daß der uns heute geläufige Namen „Germanen“ in der Antike nie die allgemeine Selbstbezeichnung der Germanen war. Die erste Erwähnung eines Stammes oder Volkes mit dem Namen Germanen gibt es in den Triumphalfasten – der Liste der siegreichen Feldherren vom Senat bewilligten Triumphe – für das Jahr 222 v. Chr., nach denen der Consul Claudius Marcellus in Norditalien die Germ(ani) besiegt hat. Es handelte sich wahrscheinlich nicht um Germanen im eigentlichen Sinne, sondern um einen namensgleichen, vielleicht keltischen Stamm oder möglicherweise um eine Abteilung der erst später ins Licht der Überlieferung tretenden Germani cisrhenani in Nordostgallien. Die nächste Nennung findet sich im Jahr 80 v. Chr. in den Historien des Poseidonios (135 – 51 v. Chr.). Der spricht von Germanoi in Gallien. Die genaue Lokalisierung ist unklar, möglicherweise in der Belgica, möglicherweise aber auch als Grenznachbarn der Kelten auf dem rechten Ufer des Rheins.
Die etymologische Herkunft des Namens „Germanen“ ist seit jeher umstritten. Man hat keltische und sogar illyrische Ursprünge in Betracht gezogen. Nach der zur Zeit am meisten akzeptierten Theorie von Günter Neumann hat der Name einen germanischen Ursprung. Er bedeutete ursprünglich soviel wie „die Erwünschten“ oder „die das Erwünschte haben/bringen“. Der Stamm des Wortes ist in frühmittelalterlichen westfränkischen Personennamen wie Germenberga, Germenildis, Germeningus, Germentrada, Germenulfus, Girminburg enthalten.4
Der erste Autor, der die Germanen als eigene Großgruppe den Kelten gegenüberstellte, war Caesar (100–44 v. Chr.) in seinem Werk über den Gallischen Krieg 58–50 v. Chr. Gemäß Caesar bildete der Rhein die Grenze zwischen den Kelten (Galliern) und Germanen. Allerdings berichtete Caesar auch von Germanenstämmen westlich des Rheins, den sogenannten Germani cisrhenani im heutigen Rheinland und Belgien. Ebenso erwähnt er die Kelten östlich des Rheins, die tectosagischen Volkern (Volcae Tectosages) im Hercynischen Wald (Mittelgebirge einschließlich Schwarzwald). Tacitus (58 – um 120 n. Chr.) schließlich verwendet in seiner Germania den Namen Germanen für alle germanischen Stämme einschließlich des südlichen Skandinavien und des östlichen Mitteleuropa. In seinem berühmten „Namenssatz“ schrieb Tacitus unter Berufung auf seine Gewährsleute:
„Die Bezeichnung Germanien selbst sei übrigens neu und erst vor kurzem aufgekommen. Die nämlich, welche zuerst den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten – jetzt heißen sie Tungrer – seien damals Germanen genannt worden. So sei der Name eines einzelnen Stammes, nicht ein Volksname allmählich zur Geltung gekommen. Es wäre also die Gesamtbezeichnung Germanen zuerst vom Sieger ausgegangen, weil er Furcht erregte, nachdem nämlich der Name einmal gefunden war, hätte ihn dann auch die Gesamtheit des Volkes für sich selbst gebraucht.“ (Germania I, 2)
Der Name Germanen haftete ursprünglich also nur an einem kleinen Stamm und wurde dann auf alle anderen germanischen Stämme übertragen.
Spätestens seit Caesar war der Germanenname in seiner heutigen Bedeutung im Römischen Reich verbreitet, daran zweifeln auch seine Kritiker nicht. Es gibt Grabsteine von in der kaiserlichen Leibgarde dienenden Germanen, auf denen neben ihrer engeren Stammesherkunft auch ex collegio Germanorum steht (das collegium war ein Begräbnisverein). Zu ihm gehörten vor allem Bataver, Ubier und Friesen, aber auch Sueben und ostgermanische Peukiner sind überliefert. Ähnliche Belege gibt es auch von anderen militärischen Einheiten. So mußte der Germanenname zumindest den im Römischen Reich lebenden Germanen ein Begriff gewesen sein.5
Wenn wir Caesar und Tacitus glauben können, verwendeten auch die Germanen den Germanennamen für sich, so etwa der Suebenkönig Ariovist und der Cheruskerfürst Arminius. Ariovist wies unmäßige Forderungen der Gesandten Caesars damit zurück, Caesar werde erkennen, was die unbesiegten Germanen an Tapferkeit vermögen.6 Und in der Unterredung mit Caesar trat er als Vertreter einer gesamtgermanischen Sache auf.7 Arminius kämpfte nach Tacitus nicht nur für die Freiheit der Cherusker, sondern die aller Germanen.8 Auch der Bataver- Fürst Civilis sprach nach Tacitus während des Bataveraufstandes, dem sich weitere Stämme anschlossen, von den Germanen, ebenso wie die Ubier in Köln.9 Für die modernen Kritiker sind diese Zeugnisse eines gemeingermanischen Selbstverständnisses und eines Gemeinschaftsgefühls der Germanen allesamt Unterstellungen des Caesar und des Tacitus.
Sie behaupten, erst die Römer hätten die Germanen „erfunden“ und damit gleichsam eine neue Wirklichkeit erschaffen. „Wer fortan östlich des Rheins siedelte“, schreibt der Mainzer Ur- und Frühgeschichtler Hermann Ament (geb. 1936), „befand sich damit von selbst in einem germanischen Milieu, galt der Welt als germanisch, empfand sich schließlich selbst so und war es demzufolge auch.“10
Herwig Wolfram und andere Kritiker des Germanenbegriffs verweisen immer wieder darauf, daß die spätrömischen Autoren, wie zum Beispiel Prokop (um 500 – um 562 n. Chr.), die ostgermanischen Völker der Goten, Vandalen, Gepiden und die mit ihnen ziehenden nichtgermanischen Alanen nicht mehr Germanen, sondern nur noch die „gotischen Völker“ nennen. In der Spätantike habe es auch bei den Römern keinen übergreifenden Germanenbegriff mehr gegeben. Lediglich die westlichen Germanen, die Franken, Burgunder und Alemannen, seien noch als Germanen angesehen worden. Die Goten und Vandalen habe man nicht mehr zu den Germanen gezählt, und natürlich hätten diese auch selber nicht von ihrem Germanentum gewußt.11
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Wer die Schriften der Historiker Herwig Wolfram und Walter Pohl aufmerksam liest, kann nicht übersehen, daß es diesen nicht nur um wissenschaftliche Belange geht. Insbesondere ihre populärwissenschaftlichen Publikationen sind voll von Hinweisen auf den „Mißbrauch“ des Volksbegriffs in der Vergangenheit und durch den Nationalsozialismus. Bewußt verallgemeinern sie ihren aus den Zuständen der Völkerwanderung an wandernden und kämpfenden Völkern gewonnenen Volksbegriff auf alle anderen historischen Epochen einschließlich der Gegenwart. Sie sehen in ihm den wissenschaftlichen Beweis, daß Völker ganz allgemein keine Herkunfts- und Abstammungsgemeinschaften seien, sondern lediglich fiktive Konstrukte.
Der von Herder geprägte Volksbegriff, so schreibt Pohl, sei ein historischer Rückfall, ein Stück „Gegenaufklärung“ gewesen. Besonders verwerflich ist für Pohl und Wolfram die traditionelle Vorstellung, daß Völker so etwas wie ein „Wesen“, einen Volkscharakter haben, das heißt, daß sie sich auch in ihrer psychischen Struktur unterscheiden. „Volk, Kultur, Religion und Staat können solcherart [im traditionellen Volksbegriff] als zumindest in der Wurzel identisch beschrieben werden. Sozialer Kontext und politische Folgen dieser Gegenaufklärung unter Rückgriff auf die Frühgeschichte sind wohlbekannt.“12 Auch heute bestehe „die Gefahr, daß die Zuordnung zu den Germanen [.] überschießende Interpretationen mobilisiert und Germanenbilder hervorruft, die immer noch zur Verselbständigung neigen.“13
Mit ihrem Kampf gegen den traditionellen Volksbegriff vermeinen Wolfram, Pohl und ihre Anhänger, eine aufklärerische und humanitäre Mission zu erfüllen. Sie sehen im Volksbegriff die Ursache für die großen Übel der Menschheitsgeschichte, für Intoleranz, Krieg und Völkermord. Insbesondere der traditionelle Germanenbegriff und die mit ihm verbundene „völkische Germanenideologie“ hätten zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen geführt.
Herwig Wolfram und Walter Pohl verweisen immer wieder darauf, daß die spätantiken Ethnographen die nach 238 n. Chr. plötzlich in der heutigen Ukraine auftauchenden Goten nicht Germanen nannten. Nur die germanischen Völker im Westen, die Franken, Burgunder und Alemannen, seien noch als Germanen bezeichnet worden. Die Autoren der Spätantike sprachen von den „gotischen Völkern“, wenn sie die in Südrußland lebenden Germanen (Goten, Gepiden) und iranischen Alanen meinten, wenn sie diese nicht gleich als „Skythen“ bezeichneten. Wegen der Namensähnlichkeit setzten sie außerdem die Goten mit den „Geten“ gleich, einem thrakischen Volk, das schon Herodot gekannt hatte.
Hintergrund des Begriffs der „gotischen Völker“ in der Spätantike ist zweierlei. Zum einen unterschieden sich die südrussischen Germanen von den Germanen in der bisherigen Germania in Mitteleuropa durch ihre geographische Lage und durch viele Merkmale, die sie von den Steppenvölkern ihrer neuen Heimat übernommen hatten, insbesondere das Reiterkriegertum. Hinzu kam, daß sie dem arianischen Glauben anhingen, anders als die noch heidnischen und bald katholischen westlichen Germanen. Der Arianismus war eine christliche Lehre, die nur Gott Göttlichkeit zusprach, nicht jedoch Christus. Der Gegensatz zwischen arianischen (Ost-)Germanen und katholischen Römern beherrschte lange Zeit den Konflikt zwischen Germanen und Römern.
Der andere Punkt ist die Neigung der griechischen, spätantiken und byzantinischen Ethnographen, die fremden Völker ihrer Gegenwart mit denen gleichzusetzen, die sie aus der Literatur der klassischen Zeit Griechenlands kannten. So nannten sie nicht nur die Goten und Hunnen, sondern auch die türkischen Petschenegen und Kumanen „Skythen“, und noch bis an die Grenze zur Neuzeit hin die Seldschuken und Osmanen „Perser“, die Rumänen „Daker“, die Russen „Sarmaten“, die Bulgaren „Myser“ oder „Thraker“, die Ungarn „Päonen“ und die Serben „Triballer“.14
Die Gemeinsamkeiten wie das Reiterkriegertum, das erst sehr viel später von den westlichen Germanen übernommen wurde, und der arianische Glaube waren politisch und militärisch so wichtig, daß sich ein neuer, gemeinsamer Name anbot.
Daraus läßt sich aber keineswegs schließen, daß den spätantiken Römern das Germanentum der Goten unbekannt gewesen sei. Noch um 250 n. Chr. nennt der römisch-griechische Historiker Herodian in der Schilderung eines Feldzugs Kaiser Maximinus bei Sirmium (nahe Belgrad) die Goten Germanen.15 Und wo der griechische Historiker Zosimos (um 500 n. Chr.) die Goten irrtümlich östlich des Rheines lokalisiert, nennt er sie ebenfalls Germanen.16 Derselbe Autor nannte einmal auch die Alemannen Skythen.17 Die Burgunder wurden gelegentlich auch zu den gotischen Völkern gezählt, so von Agathias, wohl weil sie mehrheitlich Arianer waren.18
Wie der Würzburger Germanist und Mittelalterforscher Norbert Wagner (geb. 1929) schreibt, ist es „schwer vorstellbar, daß man sich in Anbetracht der militärischen und politischen Praxis der sprachlichen Nähe weiterer germanischer Stämme sowohl zu den Ostgermanen wie untereinander [.] nicht bewußt geworden sein sollte. [.] [Es] kann den Angehörigen germanischer Stammesverbände noch weniger als der Spätantike verborgen geblieben sein, daß sich trotz der dialektalen Verschiedenheiten, die während dieser Periode [4.–6. Jh.] gewiß noch nicht bis zur wechselseitigen Verständnislosigkeit gediehen waren, untereinander zu verständigen vermochten, ein Faktum, das durch die zahlreichen Kontakte untereinander immer wieder aktualisiert wurde.“19
Die Goten selbst wußten aus ihrer von Jordanes um 550 n. Chr. in seiner Getica überlieferten Stammessage, daß sie von der Insel Scandza (Skandinavien) kamen. Unter ihrem König Berig hätten sie diese mit drei Schiffen verlassen und seien an der baltischen Küste gelandet, wo sie die Rugier und die Vandalen besiegt hätten und von wo sie nach drei Generationen in den südrussischen Raum aufgebrochen seien.20
Dafür, daß in der Spätantike und dem frühen Mittelalter das Germanentum der Goten bekannt war, spricht auch die Tatsache, daß der Langobarde Paulus Diaconus in seiner um 770 n. Chr. verfaßten Historia gentis Langobardorum (Geschichte der Langobarden) davon wußte, daß Goten, Vandalen, Langobarden, Rugier, Heruler und andere Stämme aus der Germania stammten.21 Desgleichen wußte der Reichenauer Abt Walafrid Strabo (808/9– 849) noch im 9. Jahrhundert, daß die Goten einst „unsere, das heißt die deutsche [theodiske] Sprache sprachen“.22 Und der fränkische Bischof Frechulf von Lisieux schrieb in seiner 830 verfaßten Weltchronik, die Franken hätten ihren Ursprung in Skandinavien, das ein Schoß der Völker (vagina gentium) sei, von dem auch die Goten und die übrigen deutschen Stämme (nationes theotiskae) ausgegangen seien, wovon ihre Sprache Zeugnis ablege.23
Vielfach setzte man in der Spätantike „barbarisch“ mit „germanisch“ gleich. Laut dem Gallorömer Sidonius Apollinaris (431/2 – nach 479) sind Barbaren riesenhaft, blond und blauäugig und tragen enge Hosen sowie Waffen. Eine Beschreibung, die auf die Germanen zutraf, aber wohl kaum auf Hunnen oder Sarmaten.24 Der oströmische Kaiser und Verfasser eines Militärhandbuches Maurikios (539–602) sprach von den „blonden Völkern“, wobei er die Franken und Langobarden namentlich nannte.25
Ganz allgemein muß man davon ausgehen, daß die Zeitgenossen wohl besser über die ethnographischen Verhältnisse ihrer Zeit Bescheid wußten, als in den wenigen erhaltenen Quellen überliefert ist. Der Würzburger Germanist und Mittelalterforscher Norbert Wagner ist der Meinung: „Über ihre [der Germanen] sprachliche und kulturelle Zusammengehörigkeit muß an pragmatischen Einsichten erheblich mehr bekannt und geläufig gewesen sein, als in den erhaltenen Quellen fixiert ist und als sich in begrifflicher Etikettierung erhalten hat.“26
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Wenn den Germanen ein gemeinsamer Name fehlte oder uns zumindest nicht überliefert ist, waren sie sich ihrer Gemeinsamkeiten überhaupt bewußt? Diese Gemeinsamkeiten jedenfalls sind unbezweifelbar, sie umfassen die gemeinsame Sprache, Kultur und Religion, die sie von ihren keltischen, slawischen und finnischen Nachbarn unterschieden. Hatten sie ein Bewußtsein ihrer völkischen Gemeinsamkeiten und Zusammengehörigkeit?
Als erstes Zeugnis eines solchen Zusammengehörigkeitsgefühls kann der Mannus-Stammbaum gelten. Tacitus berichtet in seiner „Germania“ von der Abstammungssage der Germanen. In alten Liedern würden sie von dem erdgeborenen Gott Tuisto erzählen und von dessen Sohn Mannus, der drei Söhne gehabt habe, von denen sich die Stammesgruppen der Germanen herleiteten, die Ingaevonen, die Herminonen und die Istaevonen. Die Ingaevonen wohnten an der Meeresküste, die Herminonen in der Mitte, und die Istaevonen seien die übrigen.
Plinius nennt diese drei Gruppen genera, Abstammungsgemeinschaften. Da es sich offensichtlich um eine alte Überlieferung und nicht um zur Zeit des Tacitus noch aktuelle Stammesnamen handelt, bezeichnet man die drei Gruppen in der Forschung allgemein als „Kultbünde“. Da ihre Namen staben, gehen sie in die Zeit der ersten Lautverschiebung zurück.27
Es ist offensichtlich, daß der Mannus- Stammbaum den Anspruch erhob, die Abstammung aller Germanen zu erklären.28 Umstritten ist allerdings, ob er wirklich für alle Germanen galt oder ob es sich um eine Überlieferung handelt, die nur bei einem Teil der Germanen bekannt war oder möglicherweise sogar nichtgermanischen Ursprungs war.
Bei Plinius gibt es genauere Angaben zu den drei Kultbünden. Danach gehörten zu den Ingaevonen die Chauken, die Kimbern und die Teutonen, Stämme, die an der Nordseeküste und in Jütland lebten, die Kimbern sogar im äußersten Norden Jütlands. Sicherlich ist seine Aufzählung nicht vollständig. Zu den Herminonen gehörten die Cherusker, die Sueben, die Hermunduren und die Chatten, also Stämme im südlichen Niedersachsen, an der Elbe, in Thüringen und in Hessen. Von diesen waren die Sueben selbst eine große Stammesgemeinschaft, zu der die Semnonen in der Mark Brandenburg, die Langobarden in der Lüneburger Heide, die Hermunduren in Thüringen und die Markomannen und Quaden in Böhmen, Mähren und der Slowakei gehörten. Über die Istaevonen erfahren wir bei Plinius nur, daß sie am Rhein wohnten.
Es fehlen die nordgermanischen Stämme in Skandinavien und die ostgermanischen Stämme östlich der Oder. Wenn nicht alle Stämme im Mannus-Stammbaum enthalten sind, liegt das sicher nicht nur an den mangelnden Kenntnissen der Römer. Sicher hatten auch die Stämme im Westen keinen Überblick über das ganze Siedlungsgebiet, kannten nicht alle entfernteren Stämme.
Man hat vermutet, daß die Stammesbünde die Namen der drei Söhne des Mannus tragen, also eines Ing, eines Ermin oder Irmin und eines Ist. Tatsächlich findet sich in der nordseegermanischen und skandinavischen Überlieferung ein Ing. Umstritten ist, ob es einen Irmin gab, dem z.B. die Irminsul bei Höxter geweiht war und der im Stammesnamen der Hermunduren vorkommt. Widukind von Corvey schrieb in seiner um 967 n. Chr. verfaßten „Sachsengeschichte“, die Sachsen hätten im Jahr 530 dem Mars, der bei ihnen Hirmin heiße, die nach ihm genannte Säule errichtet.29 Heute hat sich allerdings die Deutung durchgesetzt, daß die Irminsul soviel wie „gewaltige Säule“ bedeutet und Widukind den Gott Irmin erfunden habe.30 Von einem Ist der Istaevonen fehlt dagegen jede Spur, was angesichts der Quellenlage seine Existenz natürlich nicht ausschließt.
Vieles spricht dafür, daß die skandinavischen Germanen zu den Ingaevonen gehörten. Im angelsächsischen Beowulf- Epos (geschrieben nach 700 n. Chr.) wird der Name Ingwine, „Freunde des Ing“ gleichbedeutend mit Dänen gebraucht. Im ebenfalls angelsächsischen Runenlied heißt es, bei den Ost-Dänen (Heardingas) sei Ing unter den Menschen zuerst erschienen. In Schweden gab es ein Königsgeschlecht, das sich Inglinger nannte, und auch norwegische Könige wurden so bezeichnet.31 Der bei den Nordgermanen besonders verehrte Gott Freyr, er wurde auch Svia god, Schwedengott genannt (nicht zu verwechseln mit der Göttin Frija), hieß im Norwegischen auch Ingvifreyr, im Dänischen Ingunarfreyr und im Angelsächsischen Frea Ingwina, was „Herr der Ing-Freunde“ oder auch „Herr der Ingaevonen“ heißt.32 Vielfach wird Freyr sogar als identisch mit Ing angesehen.33
Sind die Nordgermanen so recht plausibel in den Mannus-Stammbaum integriert, fehlen noch die Ostgermanen. Reinhard Wenskus erklärt das Fehlen der Ostgermanen damit, daß diese erst seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf das Festland übersiedelten, zu einer Zeit, als das Gedicht bereits bestanden haben dürfte.34 Der Stammesforscher Ernst Schwarz (1895–1983) verweist darauf, daß die Ostgermanen ursprünglich Nordgermanen (und damit Ingaevonen) gewesen seien.35 Alles in allem war der Mannus- Stammbaum nicht nur auf das westliche Grenzgebiet, sondern wahrscheinlich über die ganze Germania verbreitet. Der Althistoriker Alexander Demandt sieht in dem Mannus-Stammbaum einen Beleg für ein germanisches Zusammengehörigkeitsgefühl.36 Ich denke, wenn es sich wirklich um eine alte germanische Abstammungssage handelt, wofür manches spricht, dürfen wir dem zustimmen, selbst wenn die Sage zur Zeit des Tacitus nur noch eine blasse Erinnerung und womöglich nicht mehr bei allen germanischen Stämmen bekannt war
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Ein indirekter Nachweis eines germanischen Zusammengehörigkeitsgefühls können auch die gemeinsamen Namen für fremde Völker sein, in denen sich ein ethnisches Distanzgefühl diesen gegenüber ausdrückt. Ein solches gemeinsames Gefühl ethnischer Andersartigkeit kam schon früh in den Ausdrücken welsch für die Kelten und deren romanisierte Nachkommen, wendisch für die östlichen, slawischen Nachbarn und finnisch für die nördlichen Nachbarn, die Finnen und Lappen zum Ausdruck.
Das Wort welsch geht auf den Namen eines keltischen Stammes, die Volcae zurück, der bis zum 3. Jahrhundert vor Christi seinen Sitz irgendwo im mitteldeutschen Raum hatte. Der Name wurde von den Germanen bereits vor der ersten Lautverschiebung übernommen und dann als *Walhoz, Walche und schließlich Welsche auf alle keltischen Nachbarvölker übertragen.37 Zur Zeit Caesars besaß es auf jeden Fall schon seine umfassende Bedeutung.38 Das Wort ist bei Südgermanen, Nordgermanen, Angelsachsen, Burgundern und vereinzelt auch den Langobarden nachgewiesen, während ein Beleg von den Goten fehlt. Es ist bezeichnend, daß es bis ins hohe Mittelalter hinein nur für die romanisierten Kelten benutzt wurde, nicht für die eigentlichen Römer im Mittelmeerraum. Die Angelsachsen benutzten es für ihre britischen Nachbarn, der Name der Waliser leitet sich von ihm her. Heute ist der Ausdruck Welsche vor allem noch in der Schweiz für die französischen Schweizer in Gebrauch.
Ganz ähnlich war die Entwicklung des Namens der Wenden. Dieser geht auf ein indogermanisches Volk im heutigen Polen zurück, die Veneter. Diese sprachen eine indogermanische Sprache, waren aber keine Slawen, Balten, Kelten oder Germanen. Inwieweit diese mit den vorrömischen Venetern in Nordostitalien verwandt sind, ist umstritten. Auch der Name der Wenden ist bereits vor der Lautverschiebung von den Germanen übernommen worden. Über das noch unverschobene Winida ist es dann über Venethi zu Wenden geworden. Die Germanen verwendeten den Namen für alle ihre östlichen Nachbarn, nicht nur für die bald in den Slawen aufgegangenen Veneter, sondern auch für die Slawen und wahrscheinlich auch für die Balten.39 Die Übertragung des Namens auf alle östlichen Völker muß vor der Einwanderung der späteren Ostgermanen aus Skandinavien in das heutige Polen im 2. Jahrhundert v. Chr. erfolgt sein.40
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Den Namen Finnen verwendeten die Germanen für ihre teilweise noch wildbeuterisch als Rentierzüchter, Jäger und Fischer lebenden Nachbarn im Norden, die Lappen und Finnen. Der Name leitet sich von dem Wort finthan für „finden“ her und ist möglicherweise noch älter als die Begriffe welsch und wendisch. Er ist wahrscheinlich von Anfang an mit einem Überlegenheitsgefühl gegenüber den rückständigen Sammlervölkern verbunden gewesen. 41 Das Distanzgefühl der Germanen zu ihren nichtgermanischen Nachbarn beruhte auf Gegenseitigkeit. Ein solches Distanzgefühl den Germanen gegenüber kam zum Beispiel in der Übertragung des Germanennamens von einem einzelnen Stamm auf die ganze rechtsrheinische Bevölkerung durch die Kelten zum Ausdruck.42
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß es bis zur Wikingerzeit kein nachweisbares ethnisches Fremdheitsgefühl der Germanen untereinander gab.43 Es ist offensichtlich, daß man die gemeinsame, von den anderen Völkern verschiedene Eigenart deutlich empfand und zum Ausdruck bringen wollte.
Die Autoren der römischen Kaiserzeit berichten immer wieder von einem germanischen Gemeinschaftsgefühl im Kampf gegen die Römer. Ein solches wird zum Beispiel dem Arminius unterstellt, wenn er die Germanen aufrief, für ihre Freiheit und ihre angestammten Sitten zu kämpfen, oder dem Römerfreund und Verräter des Arminius, Segestes, wenn er sich gegen den Vorwurf, ein Verräter Germaniens zu sein, verwahrte.44 Nach Tacitus berief sich während des Bataveraufstandes 69 n. Chr. der Bataver Civilis, um seinen Stammesangehörigen im Kampf gegen die Römer Mut zu machen, auf die Blutsverwandtschaft der anderen Germanen, die sie nicht im Stich lassen würden.45 Desgleichen haben laut Tacitus die Ubier in Köln die aufständischen Stämme der Bataver, Kaninefaten, Brukterer, Tenkterer und Cugerner ihre germanischen Blutsverwandten genannt.46
Die Römer setzten nach der Schlacht im Teutoburger Wald wie selbstverständlich die Existenz einer germanischen Einheits- und Freiheitsidee voraus. Augustus verfügte auf die Nachricht von der Schlacht im Teutoburger Wald hin als erstes die Entlassung seiner germanischen Leibgarde, weil er deren Empörung fürchtete und offensichtlich bei ihr ein germanisches Gemeinschaftsgefühl voraussetzte.47
All diese Zeugnisse werden von den Kritikern des Germanenbegriffs als eine Interpretation der Römer angesehen, die ihrem Denken, nicht aber dem der Germanen entsprochen habe. Diese hätten keine über die einzelnen Stämme hinausgehende Identität gehabt. Allerdings wird auch von Fakten berichtet, die ohne ein germanisches Gemeinschaftsgefühl nicht erklärbar sind. So gibt es zahlreiche Beispiele dafür, daß sich unbeteiligte Stämme den aufständischen Germanen anschlossen oder sogar germanische Truppenteile der Römer im Kampf gegen die Germanen zu diesen übergingen, auch wenn sie einem ganz anderen Stamm angehörten.
Als Caesar die Usipeter und Tenkterer geschlagen hatte, nahmen die Sugambrer die Flüchtenden bei sich auf und weigerten sich, die Besiegten an Caesar auszuliefern.48
Nach der Varusschlacht ging nach dem Bericht der römischen Schriftsteller eine Welle der Begeisterung durch ganz Germanien. Segimund, der Sohn des Römerfreundes Segestes, der Priester am Augustus-Altar im römischen Köln war, zerriß bei der Nachricht von der Erhebung der Germanen seine priesterliche Binde und eilte zu seinem Volk.49 Selbst einige der linksrheinischen Germanenstämme wurden wankend in ihrer Treue gegenüber Rom.50 Als der Markomannen-König Marbod die Aufforderung des Arminius, sich dem Aufstand anzuschließen, ausschlug, verweigerten ihm die zu seinem Herrschaftsbereich gehörigen Semnonen und Langobarden die Gefolgschaft und liefen zu den Aufständischen über.51 Noch zur Zeit des Tacitus, 90 Jahre nach dem Geschehen, besangen die Germanen die Taten des Arminius in ihren Liedern.
Während der Kämpfe im Jahr 47 n. Chr. ging der Kaninefate Gannascus – die Kaninefaten waren ein Stamm in den westlichen Niederlanden –, der längere Zeit im römischen Heer gedient hatte, zu den Chauken über.52
Nicht nur der Aufstand des Arminius, auch der Aufstand der niederländischen Bataver im Jahr 69 n. Chr. unter Civilis hatte, wenn auch nicht in seinem Anfang, durchaus germanisch-nationalen Charakter. Zahlreiche Stämme schlossen sich den Batavern an. Im Kampf ging eine Kohorte der Tungerer zu den Aufständischen über, und auch die ubischen und treverischen Hilfstruppen der Römer schlugen sich auf die Seite der Bataver.53 Tacitus berichtet in seinen Historien, daß sich der Ruhm der Bataver als Freiheitshelden durch ganz Germanen verbreitete und daß zahlreiche Germanenstämme ihnen sogleich Gesandte und Hilfstruppen schickten.54 Nachdem während des Bataveraufstandes der größte Teil der germanischen Hilfstruppen der Römer zu den Batavern übergelaufen war, gingen die Römer dazu über, ihre germanischen Einheiten nur noch in entfernten Provinzen einzusetzen.55 Daß sich germanische Stämme den Aufständischen anschlossen und sogar germanische Hilfstruppen der Römer die Seite wechselten, gehört in den Bereich des faktischen Geschehens und wird keine Erfindung der Römer sein. Es ist nur erklärbar, wenn man eine Art germanischen Zusammengehörigkeitsgefühls annimmt. Die Aussagen der römischen Autoren über ein solches gewinnen dadurch einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, daß es zur Zeit des Arminius wie auch zu der des Civilis eine nicht nur auf einzelne Stämme beschränkte germanische Freiheitsbewegung gab.
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Auch in der Völkerwanderungszeit geschah es immer wieder, daß in römischem Dienst stehende Germanen die Seiten wechselten und sich auf die Verwandtschaft aller Germanen beriefen. Als sich 350 n. Chr. der in römischem Dienst stehende Franke Magnentius als Gegenkaiser gegen Kaiser Constans erhob, so berichtet Julian (der spätere Kaiser Julian Apostata), leisteten ihm aufgrund ihrer Blutsverwandtschaft nicht nur die Franken, sondern auch die Sachsen und andere germanische Stämme Gefolgschaft. Julian betont zweimal, daß dafür die Stammesverwandtschaft ausschlaggebend gewesen sei.56 Als 399 n. Chr. der oströmische Heerführer Tribigild, ein Ostgote, mit seinen germanischen Truppen gegen Kaiser Arcadius rebellierte, liefen die immer neu gegen ihn ins Feld geschickten germanischen Truppen der Oströmer nacheinander zu ihm über.57 Im Jahr 408 n. Chr., nach der Ermordung des römischen Heermeisters Stilicho – des Sohns eines Vandalen und einer Römerin – durch die nationalrömische Partei, gingen Tausende von Germanen aus dem römischen Heer zu den Westgoten Alarichs über.58 Ein Jahr später, 409 n. Chr., wechselten die germanischen Soldaten des Gegenkaisers Konstantin III., die die Pyrenäenpässe gegen die Vandalen verteidigen sollten, zu diesen über.59 Als sich die Ostgoten 552 n. Chr. in Italien in der Endphase ihres Kampfes gegen die Oströmer nach Unterstützung umsahen, appellierten sie, so der oströmische Historiker Agathias (536–582 n. Chr.), an den Frankenkönig, ihnen als „einem verwandten und befreundeten Volke, das sich in höchster Gefahr befände, völlig vernichtet zu werden“, zu Hilfe zu kommen.60 Nach der Schlacht am Vesuv und dem Tod ihres Königs Teja erbaten sich die Reste der Goten von dem Oströmer Narses, nicht Untertanen des Kaisers zu werden, sondern Italien zu verlassen und sich bei irgendwelchen anderen Barbaren, womit nur ein anderes germanisches Volk gemeint gewesen sein kann – das Hunnenreich war längst untergegangen –, niederzulassen und nie wieder die Waffen gegen Rom zu erheben. Narses willigte ein.61 Als wenig später die in Ligurien und der Aemilia wohnenden Ostgoten sich dem fränkisch-alemannischen Heer von Leutharis und Butilin anschlossen, spricht Agathias von einem (germanischen) Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie dazu bewog. „Die Goten aber, [.] brachen offen das Bündnis und schlossen sich den Barbaren an, denen sie sich verwandt fühlten“. 62
Kurz nach 600 n. Chr., als der Frankenkönig Theuderich II. westgotische Gesandte festhielt, verlangte der westgotische Graf Bulgar in einem Brief ihre Freilassung und berief sich auf die Blutsverwandtschaft (affinem sanguinis gentem) von Westgoten und Franken.63 Und etwa um 620 n. Chr. beklagte der Westgotenkönig Sisebut in einem Brief an den Langobardenkönig Adaloald, daß ein blutsverwandtes Volk wie die Langobarden (cognoscentes affinitanem sanguinis nostri) noch im Arianismus befangen sei.64 Diese letzten beiden Belege sind besonders wichtig, weil es direkte Zeugnisse von Germanen sind, nicht nur Berichte römischer Historiker, die den Germanen das Gemeinschaftsgefühl bloß unterstellt haben könnten.
Gemeinsames Herkunftsbewußtsein im frühen und hohen Mittelalter
Der Name Germanien (Germania) wurde im frühen Mittelalter allgemein als geographischer Begriff für das rechtsrheinische Deutschland oder das Ostfränkische Reich gebraucht.
Auf den Britischen Inseln indes war der Volksname Germanen in der Merowingerzeit nicht nur Gelehrten bekannt. Der Angelsachse Beda schreibt um 700 n. Chr., die Angeln, Sachsen und Jüten seien von den Völkern der Germania gekommen. Sein Stammesgenosse Aldhelm (um 640–709/10) nennt sich sogar selbst einen Germanen.65 Der in Deutschland tätige Missionar Bonifatius, ein gebürtiger Angelsachse, gebraucht den Begriff Germania in einem Brief auch für England; er wußte also um den gemeinsamen germanischen Charakter der beiden Länder.66 Er überliefert uns auch, daß die Angelsachsen von den norddeutschen Sachsen sagten, sie seien „de uno sanguine et de uno osse sumus“ (aus einem Blut und einem Bein).67 Zumindest den gebildeten Zeitgenossen war die gemeinsame Herkunft der germanischen Völker auch im frühen und hohen Mittelalter noch bekannt. Paulus Diaconus schreibt in seiner um 770 verfaßten Geschichte der Langobarden davon, daß Goten, Vandalen, Langobarden, Rugier, Heruler und andere Stämme aus der Germania stammen.68 Seit dem 8. Jahrhundert gab es das Wort diutisc (deutsch), meist lateinisch überliefert als theodisk, als Bezeichnung für die germanischen Sprachen und Völker. Das Wort selbst ist aber sicher wesentlich älter und gemeingermanisch. Einen ersten einzelnen Beleg gibt es schon in Wulfilas (um 311 – 383) gotischer Bibelübersetzung aus dem 4. Jahrhundert. Der Begriff wurde zunächst für alle germanischen Völker gebraucht, engte sich aber seit etwa 900 n. Chr. auf die Deutschen ein.69 So zählte noch Karl der Große die Langobarden zu den theodisken Völkern.70 Walafried Strabo (gest. 849), Abt der Reichenau, rechnete auch die Sprache der Goten zum Theodisken.71
Abt Raban von Fulda (um 780 – 856) schreibt, daß alle, die die theotiske Sprache sprechen, ihre Herkunft von den Normannen ableiten. Und der schon erwähnte westfränkische Bischof Frechulf von Lisieux schrieb 830 in seiner Weltchronik, die Franken hätten ihren Ursprung in Skandinavien, das ein Schoß der Völker sei, von dem auch die Goten und die übrigen deutschen Stämme (nationes theotiskae) ausgegangen seien, wovon ihre Sprache Zeugnis ablege.72 Die Auffassung, daß die Franken aus Skandinavien stammten – sie konkurrierte damals mit der gelehrten Fabel ihrer Abkunft von den Trojanern – ist zwar nicht ganz richtig, zeigt aber das Wissen um ihren gemeinsamen Ursprung mit den anderen germanischen Völkern.
Der Dichter Ermoldus Nigellus (gest. um 838 n. Chr.) preist in einem Lobgedicht auf Kaiser Ludwig den Frommen anläßlich von dessen Zusammenkunft mit dem Dänenkönig Harald im Jahr 826 auf der Synode in Ingelheim die gemeinsame Herkunft der Franken und der noch heidnischen Dänen. Beide seien eines Stammes.
„Schön von Gestalt und Gesicht und stattlich zu schauen von Wuchse
Kommt es, von wannen im Lied stammet der Franken Geschlecht.
Voll der Liebe zum Herrn, sich erbarmend der alten Verwandtschaft,
Suchet der Kaiser auch sie Gott zu gewinnen mit Fleiß.
Längst schon schmerzte es ihn tief, daß ohne Belehrung verdorben
So viel Volk seines Stammes, Herden des Herren so viel.“ 73
„Seines Stammes“ kann hier nur germanischen Stammes heißen. Es ist ein Beleg für die Möglichkeit einer gemeinsamen germanischen Identität von Süd-und Nordgermanen selbst noch zur Wikingerzeit!
Das Wissen von dem gemeinsamen Ursprung der germanischen Völker war auch im Hochmittelalter vorhanden. William von Malmesbury (um 1080/95 – um 1143), der Sohn eines Normannen und einer Angelsächsin, zählt Angeln, Sachsen, Jüten, Vandalen, Franken, (West-) Goten und Normannen zu den Germanen.74
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Es ist festzuhalten, daß es eine ganze Anzahl mehr oder weniger eindeutiger Belege für ein gemeingermanisches Gemeinschaftsgefühl gibt. Das kommt zum Ausdruck in der gemeinsamen Herkunftssage, in der gemeinsamen Abgrenzung von den keltischen-römischen, slawisch-baltischen, finnischen und hunnischen Nachbarn, in den Aufständen gegen Rom, in germanischen Truppenteilen der Römer, die immer wieder zu ihren Landsleuten überwechselten, in zahlreichen von römischen Autoren überlieferten Äußerungen und sogar in ein paar Bekundungen von Germanen selbst. Selbstverständlich merkten es die Germanen, wenn sie es mit einem germanischen Stamm zu tun hatten und nicht mit einem ethnisch fremden. Selbstverständlich konnten die Germanen unterscheiden zwischen anderen germanischen Stämmen, die aussahen wie sie, die sprachen wie sie und dieselben Götter und Gebräuche hatten wie sie, und fremden Völkern, mit denen sie sich nur schwer verständigen konnten, die anders aussahen und von ihnen abweichende Sitten hatten. So gab es für sie natürlich auch einen Unterschied zwischen germanisch und nichtgermanisch, selbst wenn sie dafür kein Wort hatten, beziehungsweise uns keines überliefert ist. Diese Funktion hatte im römischen Machtbereich zunächst das Wort „germanisch“, wie die Grabinschriften der germanischen Soldaten bezeugen, dann in der Völkerwanderungszeit das Wort „barbarisch“, das von den Germanen ohne negativen Akzent, ja sogar mit einem gewissen Stolz gebraucht wurde, und dann ab dem 8. Jahrhundert das Wort „deutsch“.
Reinhard Wenskus spekuliert darüber, daß ein solcher gemeinsamer Volksname ursprünglich Mannen (Menschen, Männer) gewesen sein kann. Mannus war der legendäre Stammvater der Germanen, und das Wort ist Bestandteil germanischer Stammes- und Völkernamen wie Markomannen, Alemannen und Normannen („Männer von der Grenze“, „Alle Männer“, „Nord-Männer“). Die Skandinavier nannten ihr Land später, nachdem sie sich aus den südgermanischen Zusammenhängen gelöst hatten, Mannheimr, „der Menschen Heimat“.75 Nun, wenn es einen solchen Gesamtnamen gegeben haben sollte, so war er in der Römerzeit bereits verblaßt und ist uns jedenfalls nicht überliefert worden. Wenn die Lautverschiebung so spät zu datieren ist, wie es einige Quellen nahelegen, dann ist es wahrscheinlich, daß die Begriffe welsch, wendisch und finnisch, die ein ethnisches Distanzgefühl zu nichtgermanischen Völkern ausdrücken, älter sind als die Lautverschiebung. Das heißt, daß es ein Germanentum im Sinne eines ethnischen Selbstgefühls schon vor der Lautverschiebung gab. Ja, es ist sogar für die Bronzezeit schon denkbar. Grundsätzlich ist dem Germanisten Norbert Wagner zuzustimmen, wenn er sagt, es müsse den Zeitgenossen erheblich mehr über die sprachliche und kulturelle Zusammengehörigkeit der Völker und Stämme bekannt und geläufig gewesen sein, als in den erhaltenen Quellen überliefert ist.76 So haben manche Historiker auch eingeräumt, daß es ein germanisches Gemeinschaftsgefühl gegeben haben kann. Der Freiburger Mittelalter-Historiker Gerd Tellenbach (1903–1999) sagt für die Merowinger- und Karolingerzeit: „Man kann sogar der Vorstellung von einem ‚germanischen Gemeinschaftsgefühl‘ vorsichtig zustimmen.“77 Und der Germanist Piergiuseppe Scardigli, möglicherweise von deutschen geschichtlichen Erblasten weniger bedrängt, geht sogar noch weiter: „Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Kohärenz) bei den Völkerschaften zwischen Nord- und Ostsee ist mindestens seit der späten Bronzezeit (13.-8. Jh. vor Chr.) anzunehmen.“78
Anmerkungen
1 Nordwest-Zeitung 8.3.2013.
2 Mitteldeutsche Zeitung 19.2.2015.
3 Hans Werner Goetz: Lingua. In: Walter Pohl (Hg.). Sprache und Identität im frühen Mittelalter. Wien 2012, S. 61–74, S. 63.
4 Günter Neumann: Die Deutung des Ethnonyms „Germani“. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage, Bd. 11, Berlin 1998, S. 259–265.
5 Karl Wührer: Germanische Zusammengehörigkeit. Jena 1940, S. 31; Heinz Bellen: Die germanische Leibwache der römischen Kaiser des julisch-claudischen Hauses. Wiesbaden 1981.
6 Caesar, Bellum Gallicum, 1, 36.
7 Caesar, Bellum Gallicum, 1, 44.
8 Tacitus, Annalen 2, 88.
9 Tacitus, Historien 4, 14 und 4, 65.
10 Hermann Ament: Unterwegs zu höherer Zivilisation – Die Germanen. In: Hermann Ament u. a.: Frühe Völker Europas. Darmstadt 1997, S. 44–73, S. 45.
11 Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. München 2001.
12 Walter Pohl: Vom Nutzen des Germanenbegriffes zwischen Antike und Mittelalter: Eine Forschungsgeschichtliche Perspektive. In: Dieter Hägermann, Wolfgang Haubrichs, Jörg Jarnut (Hg.): Akkulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter. Berlin 2004, S. 18–34, S. 20.
13 Walter Pohl: Der Germanenbegriff vom 3. bis zum 8. Jahrhundert – Identifikation und Abgrenzung. In: Heinrich Beck (Hg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch – deutsch“. Berlin 2004, S. 163–183, S. 170.
14 Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. München 2001, S. 14 u. 23; Klaus E. Müller: Geschichte der antiken Ethnographie und ethnologischen Theoriebildung. Teil II, Wiesbaden 1980, S. 439; ders.: Geschichte der antiken Ethnologie. Reinbek 1997, S. 569 f.
15 Ludwig Schmidt: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung. Bd. 1: Die Ostgermanen. Zweite, völlig neubearbeitete Auflage, München 1941, S. 203 (Herodian VII 2,9).
16 Walter Pohl: Der Germanenbegriff vom 3. bis zum 8. Jahrhundert – Identifikation und Abgrenzung. In: Heinrich Beck (Hg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch – deutsch“. Berlin 2004, S. 163–183, S. 172.
17 Joachim Herrmann (Hg.): Griechische und lateinische Quellen zur Frühgeschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends u.Z., 4. Teil, Berlin 1992, S. 385.
18 Herwig Wolfram: Die Germanen. München 1995, S. 99 (Agathias I, 3).
19 Norbert Wagner: Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff. In: Heinrich Beck (Hg.): Germanenprobleme in heutiger Sicht. Berlin 1986, S. 140–154, S. 148 u. 151 f.
20 Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. 2., durchgesehene Auflage, München 2005, S. 14 f.; Ernst Schwarz: Die Herkunftssage der Goten. In: Ders. (Hg.): Zur Germanische Stammeskunde. Darmstadt 1972, S. 286–308.
21 Norbert Wagner: Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff. In: Beck, Germanenprobleme, S. 140–154, S. 150; Rudolf Buchner: Kulturelle und politische Zusammengehörigkeitsgefühle im europäischen Frühmittelalter. In: Historische Zeitschrift 207, 1968, S. 562–583, S. 576; Müller, Geschichte der antiken Ethnographie, S. 343.
22 Erich Zöllner: Die politische Stellung der Völker im Frankenreich. Wien 1950, S. 52.
23 Rudolf Buchner: Das Geschichtsbewußtsein der Germanen. In: Mannus 29, 1937, S. 459–477, S. 470.
24 Oliver Schipp: Römer und Barbaren: Fremde in der Spätantike und im Frühmittelalter. In: Altay Coskun, Lutz Raphael (Hg.): Fremd und rechtlos? Zugehörigkeitsrechte Fremder von der Antike bis zur Gegenwart. Ein Handbuch. Köln 2014, S. 145.
25 Wagner, Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 143.
26 Wagner, Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 154.
27 Ernst Schwarz: Germanische Stammeskunde. Heidelberg 1956, S. 38.
28 Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 237.
29 Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Erster Band, Heidelberg 1913, S. 339.
30 Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 1984, S. 210.
31 Helm, Altgermanische Religionsgeschichte, S. 337.
32 Richard M. Meyer: Altgermanische Religionsgeschichte. Leipzig 1910, S. 196 ff.; Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 1984, S. 472.
33 Die Germania des Tacitus. Erläutert von Rudolf Much. Dritte, beträchtlich erweiterte Auflage, unter Mitarbeit von Herbert Jankuhn, S. 53; Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 1984, S. 472.
34 Reinhard Wenkus: Stammesbildung und Verfassung. Köln 1961, S. 237.
35 Schwarz, Germanische Stammeskunde, S. 38.
36 Alexander Demandt: Das frühgermanische Heerkönigtum. In: Ders.: Antike Staatsformen. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt. Berlin 1995, S. 475– 500 S. 479.
37 Ernst Schwarz: Germanische Stammeskunde. Heidelberg 1956, S. 29 u. 35. Das * bedeutet, daß das Wort durch Rekonstruktion erschlossen wurde und nicht durch Quellen belegt ist.
38 Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 211.
39 Ebd., S. 228 f.
40 Ebd., S. 233.
41 Ebd., S. 242.
42 Ebd., S. 387.
43 Wolfgang Mohr: Rezension von Karl Wührer, Germanische Zusammengehörigkeit. Jena 1940. In: Historische Zeitschrift 164, 1941, S. 559–563, S. 560.
44 Tacitus, Annalen, I, 58–59.
45 Tacitus, Historien 4, 14.
46 Tacitus, Historien 4, 65.
47 Sueton, Leben des Augustus, De vita Caesarum , II/49; Wührer, Germanische Zusammengehörigkeit, S. 13.
48 Plutarch, Heldenleben, Caesar.
49 Tacitus, Annalen I, 57.
50 Velleius Paterculus, Historia Romana II, 120.
51 Tacitus, Annalen, II, 45.
52 Tacitus, Annalen, XI, 18.
53 Frank M. Ausbüttel: Germanische Herrscher. Von Arminius bis Theoderich. Darmstadt 2007, S. 44.
54 Tacitus, Historien, IV, 17,
55 Tacitus, Historien, IV, 15, 16 u. 19.
56 Wührer, Germanische Zusammengehörigkeit, S. 27, (Julian, Rede I).
57 Zosimos, Neue Geschichte, V, 15.
58 Zosimos, Neue Geschichte, V, 35.
59 Wührer, Germanische Zusammengehörigkeit, S. 36.
60 Agathias, Historien, I, 5.
61 Prokop, Gotenkrieg, IV, 35.
62 Agathias, Historien 1, 15; vgl. Norbert Wagner: Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff. In: Heinrich Beck (Hg.): Germanenprobleme in heutiger Sicht. Berlin 1986, S. 140–154, S. 143.
63 Epistolae Visigoticae 13, S. 681, zit. n. Dietrich Claude: Gentile und territoriale Staatsideen im Westgotenreich, in: Frühmittelalterliche Studien 6, 1972, S. 1–38, S. 20 f.
64 Epistolae Visigoticae 9, S. 672, zit. n. Claude, Gentile und territoriale Staatsideen im Westgotenreich, S. 20; Wagner, Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 151.
65 Wagner, Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 150.
66 Gerd Tellenbach: Zur Geschichte des mittelalterlichen Germanenbegriffs. In: Jahrbuch für internationale Germanistik 7, 1975, S. 145–165, S. 156 f.
67 Reinhard Wenskus: Die deutschen Stämme im Reiche Karls des Großen. In: Helmut Beumann (Hg.): Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben. Bd. 1. Düsseldorf 1965, S. 178–219, S. 179 (Bonifatius, Epistolae Nr. 46).
68 Wagner, Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 150; Rudolf Buchner: Kulturelle und politische Zusammengehörigkeitsgefühle im europäischen Frühmittelalter. In: Historische Zeitschrift 207, 1968, S. 562–583, S. 576; Müller, Geschichte der antiken Ethnographie und ethnologischen Theoriebildung. Teil II, S. 343.
69 Thomas Klein: Zum Alter des Wortes „deutsch“. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft 94, 1994; Heinz Thomas: Der Ursprung des Wortes Theodiscus. In: Historische Zeitschrift 247, 1988, S. 295–331; Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache. 10. Auflage. Stuttgart 2007, S. 89 ff.
70 Wolfram, Sprache und Identität im Frühmittelalter mit Grenzüberschreitungen, S. 51.
71 Ebd., S. 43.
72 Buchner, Das Geschichtsbewußtsein der Germanen, In: Mannus 29, 1937, S. 459– 477.
73 Ermoldus Nigellus: Lobgedicht auf Kaiser Ludwig und Elegien an König Pippin. Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Th. G. Pfund. Berlin 1856, S. 66, Kap. IV, 17–22.
74 Wolfram, Sprache und Identität im Frühmittelalter mit Grenzüberschreitungen, S.45.
75 Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, S. 245.
76 Wagner: Der völkerwanderungszeitliche Germanenbegriff, S. 154.
77 Gerd Tellenbach: Zur Geschichte des mittelalterlichen Germanenbegriffs. In: Jahrbuch für internationale Germanistik 7, 1975, S. 145–165, S. 163.
78 Piergiuseppe Scardigli: Der Weg zur deutschen Sprache. Von der indogermanischen bis zur Merowingerzeit. Bern 1994, S. 76.