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Nichts wäre falscher, als zu behaupten, als daß der erfolgreiche bolschewistische Staatsstreich im Oktober/November 1917auf keinen ernsthaften Widerstand in Rußland stieß, und daß rußlandweit ein endloser „Triumphzug der Sowjetmacht“ zubeobachten war, wie das in sowjetischen Geschichtsbüchern geschrieben stand. In Wirklichkeit wurde der bolschewistischen Gewaltherrschaft in Rußland von den ersten Tagen des Oktoberumsturzes 1917 an Widerstand geleistet. Er begann in den beiden Metropolen Petrograd und Moskau.
Der Ministerpräsident der von den Bolschewisten gestürzten liberaldemokratischen Provisorischen Regierung Rußlands Alexander Kerenski (Schulkamerad und Jugendfreund des Bolschewistenführers Wladimir Uljanow-Lenin sowie Hochgrad-Freimaurer) floh an die russisch-deutsche Westfront (Rußland führte offiziell noch Krieg gegen die Mittelmächte, weshalb die auf sofortigen Friedensschluß abzielenden Bolschewisten von national gesinnten Russen als deutsche Agenten betrachtet wurden), um bei den Fronttruppen Unterstützung zu finden. Im Petrograder Vorort Gatschina traf er Kosaken des 3. Kavalleriekorps unter dem Kommando des künftigen Atamans des Don-Kosakenheeres General Pjotr Krasnow. Es gelang ihm, die Kosaken zu überreden, die Hauptstadt von den Bolschewisten zu befreien. Nach einem Feuergefecht mit den bolschewistischen Roten Garden auf den Pulkowo-Höhen weigerten sich die kriegsmüden Kosaken jedoch, weiter vorzustoßen, und ließen sich auf Verhandlungen mit den Bolschewisten ein. Kerenski tauchte unter und wurde nach etwa fünf Monaten ziemlich unbehelligter Existenz im bolschewistisch gewordenen Rußland von dem auf Rußland spezialisierten britischen Geheimdienstagenten Sidney George Reilly (alias Salomon bzw. Sigmund Rosenblum) über den Hafen Murmansk auf dem Seeweg außer Landes gebracht.
Zum Zeitpunkt der Kämpfe von Krasnows Kosaken mit den bolschewistischen Roten Garden auf den Pulkowo- Höhen wurde in Petrograd im linken antibolschewistischen Untergrund auf der Basis des Petrograder Wehrkreisstabs und der Stadtduma (des Stadtrates bzw. Magistrats) das „Allrussische Komitee zur Rettung der Heimat und der Revolution“1 gebildet. Dieses Gremium, das die von den Bolschewisten gestürzte und verhaftete Provisorische Regierung ersetzen sollte, bestand aus Liberalen und Demokraten und fürchtete nicht nur die Bolschewisten, sondern auch die „Konterrevolution von rechts“ (d.h. die Wiederherstellung der im Februar 1917 von liberal-demokratischen Kräften gestürzten russischen Monarchie). Nichtdestotrotz handelte es viel entschlossener als Kerenski (der wegen seines seltsamen Verhaltens von vielen Antibolschewisten als Verräter am nationalen Rußland und faktischer Wegbereiter der bolschewistischen Schreckensherrschaft betrachtet wurde) und versuchte am 29. Oktober/11. November 1917, den Bolschewisten die Macht zu entreißen, ihr Hauptquartier Smolny zu erstürmen und das bolschewistische Militärische Revolutionskomitee (WRK)2 zu verhaften. Dieser Versuch schlug jedoch infolge des Ungleichgewichts der Kräfte fehl. Gegen Abend wurden die Offiziersschüler, die das Gros der Aufständischen bildeten, von den Bolschewisten überwältigt.
In Moskau dauerten die Kämpfe länger als eine Woche. Auch dort wurde am 25. Oktober/7. November ein „sozialistisches“ WRK gebildet, das im Begriff war, den Bolschewisten die Macht zu übergeben. Dagegen erhoben sich ein Teil des Moskauer Wehrkreises (vor allem zwei Offiziersschulen und eine Offizieranwärterschule), einige Kadettenanstalten sowie hunderte Studenten und Gymnasiasten, aber auch Zivilbeamte. Sie verteidigten Moskau in ungleichem Kampf gegen zahlreiche bolschewistische Einheiten. In diesen Moskauer Kämpfen entstand der Begriff „Weiße“ bzw. „Weiße Garden“. So nannten sich die aus Studenten, Gymnasiasten und Zivilbeamten formierten antibolschewistischen Freikorps.
Den Kern des antibolschewistischen Kampfes sollte das von der Stadtduma und vom Moskauer Wehrkreisstab gebildete Komitee für öffentliche Sicherheit (KOB)3 mit dem Sozialrevolutionär Oberst Rjabzew an der Spitze bilden. Doch das KOB verpaßte von vornherein die Gelegenheit, das WRK rechtzeitig zu vernichten. Die Offiziere, Offiziersschüler und Studenten handelten auf eigene Faust. Am 25. Oktober/7. November setzten in Moskau lange, schwere, ungleiche Kämpfe ein. Am 28. Oktober/10. November wurden die Bolschewisten in fast ganz Moskau ausgeräuchert. Selbst die Stadtburg Kreml wurde von den Weißen besetzt. Doch das KOB ließ sich auf Verhandlungen mit dem WRK ein. Unter Ausnutzung der gebotenen Chance ließ das WRK seine Truppen umgruppieren, die durch Rote Arbeitergarden aus den Moskauer Vorstädten sowie durch rote Matrosen aus Petrograd verstärkt wurden. Die Bolschewistische Artillerie nahm den Kreml und die Stadtmitte unter Beschuß. Dennoch wurde noch am 31. Oktober/13. November hart gekämpft. Erst am 3./16. November streckten Moskaus letzte Verteidiger die Waffen.
Auch in anderen russischen Städten sowie auf dem Lande wurde den Bolschewisten bewaffneter Widerstand geleistet. Die Antibolschewisten waren jedoch isoliert und schlecht auf den Kampf vorbereitet. Außerdem fürchteten ihre Führer in der Regel die Wiederherstellung der Monarchie bzw. die Einführung einer „reaktionären Militärdiktatur“ mehr als Lenins „Rat der Volkskommissare“.
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Den wahren Beginn des Weißen Widerstandes markierte die Gründung der Freiwilligenarmee der Generale Michail Alexejew (Generalstabschef der Zarenarmee), Lawr Kornilow (ehemaliger Oberbefehlshaber der russischen Armee nach der Februarrevolution 1917, der dann von Kerenski als „konterrevolutionärer Verschwörer“ verleumdet, abgesetzt und inhaftiert wurde) und Anton Denikin im Don-Kosakengebiet und deren „Eis“- Feldzug bzw. 1. Kuban-Feldzug durch die vereisten und verschneiten Steppen aus dem Dongebiet ins Gebiet der Kuban-Kosaken unter dem Druck der Roten. Auch diese anfangs nur 4.000 Mann zählende weiße Armee bestand größtenteils aus Offizieren, Offiziersschülern, Kadetten, Studenten und Gymnasiasten. Ihr schlossen sich bald die von der Rumänischen Front abgezogene Brigade von Oberst Michail Drosdowski, das Kubaner Regierungsdetachement des Hauptmanns Viktor Pokrowski sowie Ataman Popows Donkosaken sowie andere Freiwilligenverbände an. Der Sturm auf die von den Bolschewisten besetzte Hauptstadt des Kubankosakenheeres Jekaterinodar am 9./13 April 1918, wobei General Kornilow von einer feindlichen Granate getötet wurde, war erfolglos. Doch die von den Roten eingeschlossene Freiwilligenarmee schlug sich unter dem Kommando von General Denikin durch und bildete den Kern der späteren Weißen Streitkräfte Südrußlands (WSJuR). Außenpolitisch bekannte sich Denikin zur Entente. Er betrachtete sein Heer und Gebiet als nach wie vor im Kriegszustand mit den Mittelmächten befindlich und bekämpfte die Bolschewisten als deutsche Agenten.
Anfang Sommer 1918 nahm der antibolschewistische Volkswiderstand in ganz Südrußland deutlich zu. Die Bauern und Kosaken, die mit Nahrungsmittel-Requisitionen durch die Roten und Versuche der Zwangskollektivierung in Form von „Kommunen“ unzufrieden waren, griffen zu den Waffen. Am 22. Juni 1918 begann der 2. Kuban-Feldzug der auf 9.000 Mann angewachsenen, durch die Brigade Drosdowski (3.000 Mann) und zahlreiche Kubankosaken verstärkten Freiwilligenarmee Denikins gegen Jekaterinodar. Bis zum Herbst 1918 wurden das gesamte Kuban-Kosakengebiet und die Region Stawropolje von den roten Truppen gesäubert. Im Januar/Februar wurde der befreite Nordkaukasus zur Basis der Weißen Bewegung, die nun über den Hafen Noworossijsk von den Westallierten mit Kriegsmaterial versorgt wurde. Denikins Motto lautete: „Für ein einheitliches, großes, unteilbares Rußland.“ Die Frage der künftigen russischen Staatsform sollte erst nach dem Krieg von der allrussischen, auf demokratischer Basis gewählten Konstituierenden Versammlung entschieden werden. Somit stand Denikin den ziemlich stark ausgeprägten Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen der Don-, Kuban- und Astrachenkosaken sowie der kaukasischen Bergvölker, Georgier, Ukrainer und Polen feindlich gegenüber. Dieser Umstand erschwerte die Bildung einer gemeinsamen antibolschewistischen Front.
Der Donkosaken-Ataman General Krasnow setzte mit seinem von 17.000 bis auf 50.000 angewachsenen antibolschewistischen Kosakenheer im Unterschied zu Denikin nicht auf die Entente, sondern auf die Mittelmächte. Nach Abschluß eines Beistandsvertrags mit dem Deutschen Kaiserreich und mit der Ukraine des ebenfalls mit Deutschland verbündeten ehemaligen Zarengenerals Hetman Pawlo Skoropadski erklärte Krasnow sein von den Roten gesäubertes Don-Kosakengebiet zu einem unabhängigen Staat sowie zur „Ordnungszelle“, wo sich aus Mittelrußland geflüchtete Weiße formieren konnten, um dann gegen das rote Moskau loszuschlagen. Doch nach der Novemberrevolution 1918 in Deutschland und Österreich-Ungarn, die die Aufkündigung des Friedens von Brest-Litowsk nach sich zog, zogen sich die deutschen sowie k. u. k. Truppen, die etwa die Hälfte der Don-Gebietsgrenzen beschützten, aus der Ukraine zurück, die aus Mittelrußland vorstoßenden Roten auf den Fersen. Bis dahin hatten 13.000 Donkosaken erfolgreich die von den bolschewistischen Befehlshabern Josef Stalin und Kliment Woroschilow verteidigte rote Zitadelle Zarizyn (das spätere Stalingrad) an der Wolga. Im Januar 1919 gelang es den Kosaken, in die belagerte Stadt einzudringen. Das Schicksal der eingeschlossenen 40.000 Rotarmisten schien entschieden zu sein. Zum gleichen Zeitpunkt drangen jedoch andere Sowjettruppen über die durch den deutschen Rückzug entblößte Grenze ins Dongebiet ein, das sie größtenteils besetzen konnten. Am 14. Februar 1919 mußte Ataman Krasnow das Kommando niederlegen. Sein Amtsnachfolger Afrikan Bogajewski, Gegner des Kosaken-Separatismus, der bereit war, mit der „großrussischen“ Freiwilligenarmee Denikins zu kooperieren, verstand es, die Donkosaken zur Beteiligung am Feldzug der Freiwilligenarmee nach Moskau zu überreden (der weiterhin „großrussisch“ denkende Denikin sah sich zu Zugeständnissen gezwungen: das Don-Kosakengebiet würde, gleich dem Kuban-Kosakengebiet, im künftigen großrussischen Staatsverband seine Autonomie behalten dürfen).
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Der „Feldzug nach Moskau“ Januar 1919 – März 1920Kurz vor dem Zusammenbruch der Don-Front wurde das Donkosakenheer General Denikin unterstellt, der am 8. Januar1918 seine Truppen in Streitkräfte Südrußlands (WSJuR)4 umbenannte. Er hoffte auf die zugesagte Landung der Westalliierten in den russischen Schwarzmeerhäfen und eine gemeinsame Offensive gegen Moskau. Doch die Hilfe der Alliiertenbeschränkte sich auf Waffen- und Kriegsmateriallieferungen sowie die Bewachung der Waffen- und Materialdepots durch alliierte Soldaten. Freilich kämpften einige wenige französische und britische Flieger und Panzerbesatzungen bis zum Sommer 1920 im WSJuR-Rahmen. Ansonsten wurde Denikin jedoch von der Entente seinem Schicksal überlassen.Bis Ende Juni wurden die Roten von WSJuR-Truppen zuerst aus dem Donezkgebiet und anschließend aus der gesamten Ukraine vertrieben, wobei die weißen Russen auch die zwar kommunistenfeindlichen, der „großrussischen “Idee jedoch opponierenden ukrainischen Autonomisten des Atamans (und Freimaurers)Symon Petljura schlugen. Am3. Juni verkündete General Denikin den Beginn des langersehnten Feldzugs gegen Moskau. Während dieser Offensive wuchs die WSJuR-Mannstärke durch den ständigen Zustrom immer neuer Freiwilliger und roter Überläufer trotzschwerer Verluste schon bald von 55.000auf 120.000 an. Ein neuer Aufstand der Donkosaken in den noch von den Rosengarten besetzten Teilen des Don-Kosakengebiets war endlich vom Erfolg gekrönt.
Noch vor Beginn der Moskauer Offensive unterordnete General Denikin seine WSJuR-Truppen dem gegen die Bolschewisten im Osten von Sibirien aus operierenden Obersten Regenten Rußlands und Oberbefehlshaber aller russischen Streitkräfte Admiral Alexander Koltschak. Er hoffte, dadurch eine Einheitsfront aller antibolschewistischen Kräfte im gesamtrussischen Umfang bilden zu können. Koltschak ernannte Denikin zu seinem Stellvertreter.
Anfang Oktober 1919 standen die weißen Freiwilligentruppen Denikins nur 250 Werst5 von Moskau entfernt. Ebenso erfolgreich entwickelte sich auch die gleichzeitige Offensive der weißen Nordwestarmee des Generals Nikolai Judenitsch gegen das rote Petrograd. Doch für den letzten, entscheidenden „Sprung“ nach Moskau reichten die Kräfte der Weißen nicht aus. Die Lage von Denikins nach Moskau vorpreschenden Freiwilligen wurde auch dadurch erschwert, daß die ukrainischen Bauernfreischaren des Anarchistenführers Nestor Machno (der gegen jede Staatsform überhaupt auftrat, jedoch aus taktischen Gründen zeitweilig mit den Bolschewisten kollaborierte) den Weißen in den Rücken fielen. Im Raum Orel wurde Denikins weißer Stoßkeil von den zahlenmäßig überlegenen roten Truppen unter dem Oberbefehl des ehemaligen zaristischen Generalstabsoffiziers Jegorow erfolgreich angegriffen. Unter dem Druck der Roten mußten sich Denikins Freiwillige und Kosaken immer weiter zurückziehen. Am 7. Januar 1920 eroberten die Roten Rostow. Bald ging den Weißen das Don-Kosakengebiet verloren. Am 7. Februar eroberten die Bolschewisten den Schwarzmeerhafen Odessa. Die dort vor Anker liegende britische Flotte leistete den Weißen keinerlei Hilfe. Die weiße Garnison unter General Bredow schlug sich mit Mühe und Not nach Polen durch, wo sie dann von den Polen (die ihren eigenen Krieg gegen die Bolschewisten führten und der großrussischen Idee ebenso feindlich gesinnt waren wie die Ukrainer) interniert wurde.
Am 16. März 1920 wurde ein Teil der WSJuR-Truppen auf dem Seeweg von Noworossijsk aus auf die Halbinsel Krim evakuiert. Ein anderer, recht beachtlicher Teil der weißen Truppen, zahlreiche Zivilflüchtlinge, viel Kriegsmaterial und Großgerät mußte zurückgelassen werden. Danach ernannte Denikin seinen besten General Baron Pjotr Wrangel zu seinem Nachfolger und ging an Bord eines britischen Kriegsschiffes ins Ausland. Auf der Krim begann die letzte Etappe in der Geschichte der „südrussischen“ Weißen Bewegung.
Den Grundstock des antibolschewistischen Widerstandes im russischen Wolgagebiet sowie in Sibirien bildeten Untergrundgruppen der den Bolschewisten größtenteils feindlich gesinnten Partei der Sozialrevolutionäre sowie geheime Offiziersvereine. Seit Ende April 1918 wurde unter sozialrevolutionärer Leitung der antibolschewistische Untergrund in Samara, Ufa, Tscheljabinsk, Kasan und Simbirsk organisiert. Der erste Aufstand ereignete sich in Samara, zeitgleich zum Angriff der Tschechoslowakischen Legion unter Oberstleutnant Stanislaw ?e?ek. Die Tschechoslowakische Legion (50.000 Mann), die im Ersten Weltkrieg im Rahmen der Zarenarmee aus tschechischen und slowakischen Überläufern der k. u. k. Armee gebildet worden war, sollte nach den Bedingungen des zwischen den Bolschewisten und den Mittelmächten abgeschlossenen Brest-Litowsker Friedensvertrags an Österreich-Ungarn ausgeliefert werden. Als die tschechoslowakischen Legionäre dies erfuhren, rebellierten sie gegen die neuen roten Machthaber Rußlands und verbündeten sich mit dem russischen antibolschewistischen Untergrund. Am 8. Juni 1918 befreiten die Tschechoslowaken Samara. Dort konstituierte sich eine zivile, aus ehemaligen sozialrevolutionären Abgeordneten gebildete Regierung. Diese wollte keinesfalls auf die „Errungenschaften der (Februar-)Revolution“ verzichten, behielt sogar die rote Revolutionsfahne und verbot das Tragen von Achselstücken und Kokarden in der von ihr aufgestellten freiwilligen „Volksarmee“. ?e?ek wurde Oberbefehlshaber der Volksarmee sowie der damit verbündeten Truppen des Orenburger und des Ural-Kosakenheeres. Die antibolschewistische Offensive verlief erfolgreich in zwei Richtungen, wolgaaufwärts (nach Kasan – Swijaschsk – Perm) sowie wolgaabwärts (nach Saratow – Zarizyn). Die von den Tschechoslowaken besetzten Wolga-Eisenbahnbrücken ermöglichten den ständigen Truppen- und Materialnachschub aus dem Uralgebiet sowie aus Sibirien.
Am 6. Juli 1918 brach in Moskau ein durch den Mord am deutschen Botschafter Graf Wilhelm von Mirbach-Harff ausgelöster Putsch der bisher mit den Bolschewisten verbündeten linken Sozialrevolutionäre aus, der jedoch am gleichen Tag von bolschewistischen Truppen niedergeschlagen wurde. Der rote Befehlshaber der bolschewistischen Ostfronttruppen, Michail Murawjew, ehemals Obrist der Zarenarmee, rebellierte gleichzeitig an der Wolga gegen die Sowjetmacht, erklärte den zwischen Sowjetrußland und dem Deutschen Kaiserreich abgeschlossenen „Schandfrieden von Brest- Litowsk“ für aufgekündigt und proklamierte eine „freie Wolga-Republik“, wurde jedoch am 11. Juli in Simbirsk von den Bolschewisten erschossen. Hinter Murawjews mißlungener Rebellion stand eindeutig die deutschlandfeindliche Entente.
Am 21. Juli befreiten die weißen Volksarmeetruppen unter Oberst Wladimir Kappel die Stadt Simbirsk. In den Wolgastädten Jaroslawl, Murom, Rybinsk und Kostroma brachen antibolschewistische Aufstände aus, die vom „Bund zum Schutz der Heimat und der Freiheit“6 Boris Sawinkows organisiert wurden. Zum großen Erfolg der Volksarmee wurde die Befreiung Kasans von den Bolschewisten. Am 7. August 1918 erbeuteten die weißen Volksarmisten in Kasan nicht nur große Waffendepots, sondern auch den Goldschatz des Russischen Kaiserreiches, der noch unter Kerenskis Provisorischer Regierung aus Angst vor den Deutschen dorthin verlegt worden war. Doch bald gingen die Bolschewisten zum Gegenangriff über und eroberten am 8. September Kasan zurück. Die Kräfte der freiwilligen Volksarmee waren infolge hoher Verluste fast ausgeschöpft. Jeglicher Versuch der Samarer Regierung, die männliche Bevölkerung zu mobilisieren, stieß auf Widerstand. Als „demokratische“ Regierung konnte sie sich nicht zur Zwangsmobilisierung entschließen – im Unterschied zu den Bolschewisten, die alle waffenfähigen Männer ihres Herrschaftsbereichs unter Androhung der Todesstrafe auch für Familienangehörige in die Reihen der Roten Armee trieb. Freilich übertraf die monatliche Anzahl der fahnenflüchtigen Rotarmisten die gesamte Mannstärke aller weißen Armeen, was jedoch am allgemeinen Kräfteverhältnis wenig änderte. Am Ende des Bürgerkrieges betrug die Gesamtstärke der zwangsmobilisierten Roten Armee fünf Millionen Mann! Zahlreiche ehemalige zaristische Generale und Offiziere, deren Angehörige von den Bolschewisten als Geiseln genommen wurden, sahen sich ebenfalls zum roten Waffendienst gezwungen.
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Nach Beginn des Rückzugs der weißen Volksarmee in östlicher Richtung begriffen die Tschechoslowaken, daß es ihnen nicht mehr gelingen würde, sich nach Europa durchzuschlagen. So verloren sie zunehmend das Interesse am weiteren Dienst unter den Volksarmeefahnen. Am 7. Oktober 1918 wurde Samara von den Bolschewisten besetzt. Die Samarer Sozialrevolutionäre sahen sich gezwungen, das am 23. September 1918 im sibirischen Ufa gegründete Direktorium als gesamtrussische Regierung anzuerkennen. Diese ebenfalls demokratische, jedoch sehr effiziente Regierung bildete eine sichere Basis für die spätere weiße Russische Regierung des Admirals Koltschak. Die Sibirische Armee war im Unterschied zur Samarer Volksarmee streng diszipliniert, Soldatenräte waren verboten. Die Einberufung der Rekruten ab dem 20. Lebensjahr erfolgte auf Grundlage des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes. Die Sibirische Armee, unter Admiral Koltschak in „Rußländische Armee“7 umbenannt, war mit etwa 400.000 Mann (im Herbst 1919) die größte aller weißen Armeen während des gesamten Russischen Bürgerkrieges (Denikins Streitkräfte Südrußlands zählten maximal 270.000 Mann).
Am 16. Oktober 1918 wurde Admiral Alexander Koltschak, Kriegsminister des am 9. Oktober unter dem Druck der Roten aus Ufa nach Omsk umgezogenen Direktoriums, zum Obersten Regenten Rußlands und Oberbefehlshaber aller Streitkräfte Rußlands proklamiert. Als solcher wurde er von allen Befehlshabern der weißen Armeen in Südrußland (General Anton Denikin), Nordrußland (General Jewgeni Miller) und Nordwestrußland (General Nikolai Judenitsch), in Sibirien und im Fernen Osten sowie von der russischen Kriegsmarine und der russischen Militärvertretung im Ausland anerkannt. Koltschak betrachtete sich außenpolitisch als Verbündeter der Entente, sah sein Herrschaftsgebiet als nach wie vor im Kriegszustand gegen die Mittelmächte befindlich und bekämpfte die Bolschewisten als deutsche Agenten. Innenpolitisch dachte Koltschak ebenso „großrussisch“ wie sein in Südrußland operierender Stellvertreter Denikin und war nicht einmal bereit, die bereits erreichte Unabhängigkeit Polens, Finnlands, Estlands, Lettlands, Litauens, Georgiens, Armeniens, der Ukraine sowie der elf Kosakenheere8 vom großrussischen Staatsverband vor Einberufung der allrussischen Konstituierenden Versammlung anzuerkennen, die erst nach der Befreiung ganz Rußlands von der bolschewistischen Diktatur erfolgen konnte und sollte. Dieses unlösbare Dilemma sollte Koltschak wie Denikin schließlich zum Verhängnis werden.
Am 11. November erreichte die Nachricht vom Ende des Krieges zwischen den Entente-Staaten und den Mittelmächten das weiße Sibirien. Von nun an dachten die Tschechoslowaken (von wenigen Ausnahmen, wie z.B. General Radola Gajda, abgesehen) nicht mehr daran, in der antibolschewistischen Front zu bleiben, und beschränkten sich auf die Bewachung der Transsibirischen Eisenbahn, mit der sie ihr riesiges Beutegut in Sicherheit zu bringen gedachten. Von nun an bildete General Gajdas Sibirische Armee samt der mit ihr verbündeten Westarmee General Michail Chanshins den Kern des antibolschewistischen Widerstandes im Osten Rußlands.
In Koltschaks Herrschaftsgebiet waren über den Pazifikhafen Wladiwostok nach Rußland gekommene Entente-Truppenkontingente stationiert. Doch sie erwiesen dem Obersten Regenten Rußlands keine nennenswerte militärische Hilfe, weder in Fernost noch in Sibirien, geschweige denn jenseits des Ural. Die einzige Ausnahme bildeten die Japaner, die jedoch ständig von den Amerikanern beobachtet und in Schach gehalten wurden.
Am 4. März 1919 begann Koltschaks große Offensive von Sibirien aus in Richtung Westen. Bis April gelang es seinen Generälen, Ufa sowie zahlreiche weitere wichtige Städte von den Bolschewisten zu befreien und die Roten über die Flüsse Kama und Wolga zu treiben. Die Sibirische Armee stieß nach Kasan – Wjatka – Wologda vor, um sich dort mit General Millers weißer Nordarmee zu vereinigen. Die Offensive der Westarmee General Chanshins erfolgte in Richtung Simbirsk – Sysran, um dort mit General Denikins WSJuR-Truppen Fühlung aufzunehmen. Ende April standen Koltschaks Truppen nach der Befreiung eines riesigen Gebietes mit über fünf Millionen Einwohnern vor den Wolga-Städten Kasan, Samara und Simbirsk. Der weitere Weg nach Moskau schien offenzustehen.
Im Mai geriet die Offensive jedoch ins Stocken. In Koltschaks Hinterland brachen durch den bolschewistischen Untergrund angezettelte Bauernaufstände aus. Die wohlhabenden sibirischen Bauern, die die rote Schreckensherrschaft meistens nur vom Hörensagen kannten, waren für die bolschewistische Propaganda ziemlich anfällig. Die Roten, die das Überschreiten der Wolga durch die Weißen auf keinen Fall zulassen konnten, konzentrierten an der Ostfront zahlreiche Truppen, eroberten Ufa, brachen durch die weiße Uralstellungen und drangen in Sibirien ein. Trotz dieser Niederlagen blieb Koltschaks Armee jedoch immer noch kampffähig. Nunmehr bestand ihr Hauptauftrag darin, durch Ablenkung möglichst vieler roter Truppen den Vormarsch der südrussischen Streitkräfte Denikins in Richtung Moskau zu erleichtern. Im August 1919 schlug Koltschak die Roten am Fluß Tobol. Das gesamte weiße Sibir- und Jenissei-Kosakenheer stand unter Waffen. Es wurden zahlreiche Freiwilligenverbände aufgestellt, die aus Beamten, Studenten und Gymnasiasten bestanden. Doch diese Kräfte waren nicht ausreichend. Am 1. November 1919 mußte Omsk, die Hauptstadt des weißen Sibirien, geräumt werden. Admiral Koltschak verließ Omsk als einer der letzten in Begleitung eines Sonderzugs, der mit dem Staats-Goldschatz beladen war. Irkutsk sollte zur neuen weißen Hauptstadt werden.
Der Rückzug von Koltschaks Truppen (die sich unter äußerst schwierigen Klimabedingungen, in ständige Kämpfe mit Rotarmisten und roten Partisanen verwickelt, in drei Gruppen aufgeteilt zurückzogen) ist in die Geschichte des Russischen Bürgerkriegs als der „(Große) Sibirische Eis-Feldzug“ eingegangen. Am 4. Januar 1920 brach in Irkutsk ein bewaffneter Aufstand der Roten aus. Ein aus Sozialrevolutionären und Menschewisten (linken Sozialdemokraten, die den Bolschewisten bisher feindlich gesonnen waren) bestehendes Politische Zentrum9 riß die Macht an sich. Es erklärte Koltschaks Macht in ganz Sibirien für abgeschafft. In der Nacht des 13. Januar wurde Koltschaks Leibwache und das Wachpersonal des Zuges mit Rußlands Goldschatz entwaffnet. Am 15. Januar wurde der von tschechoslowakischen Legionären verhaftete Koltschak in Irkutsk dem Politischen Zentrum übergeben. Als Gegenleistung der Roten durften die Tschechoslowaken, die den russischen Goldschatz beschlagnahmten, ungehindert bis nach Wladiwostok weiterfahren, von wo aus sie dann nach Europa eingeschifft wurden. Der französische General Maurice Janin, Chef der militärischen Entente-Mission im weißen Sibirien, rührte keinen Finger, um Rußlands Obersten Regenten zu retten. Als am 1. Februar 1920 weiße Truppen der Generale Wladimir Kappel und Sergej Wojzechowski vor Irkutsk erschienen und die Stadt zu erstürmen versuchten, um Koltschak herauszuhauen, wurde dieser auf Befehl des inzwischen an die Stelle des sozialrevolutionär-menschewistischen Politischen Zentrums getretenen bolschewistischen militärischen Revolutionskomitees am 7. Februar erschossen.
Anfang März erreichten die weißen Truppen Kappels über den im Winter eingefrorenen Baikalsee die ostsibirische Stadt Tschita, wo sie sich dem Ataman des Sibir-Kosakenheeres Grigori Semjonow unterordneten, der seinerzeit von Koltschak zum Oberbefehlshaber in Ostsibirien ernannt worden war. Sie kämpften bis Ende 1921 gegen die Roten, im Bestand der neuformierten weißen Fernostarmee.
Der Weiße Kampf dauerte in der fernöstlichen Primorje-Region mit der Hauptstadt Wladiwostok bis Oktober 1922 fort. Im Sommer 1922 wurde in Wladiwostok die sogenannte Amur-Ständeversammlung (Priamurskij Semskij Sobor) einberufen, die die Wiederherstellung der Monarchie in Rußland proklamierte und Großfürst Nikolai Nikolajewitsch Romanow, den ehemaligen Oberbefehlshaber der Zarenarmee im Weltkrieg und Onkel des von den Bolschewisten 1918 in Jekaterinburg ermordeten Zaren Nikolaus II., zum Regenten Rußlands ernannte. General Michail Diterichs, vorher Kriegsminister der weißen Provisorischen Amur- Regierung, veröffentlichte den Untersuchungsbericht über die Ermordung der Zarenfamilie und wurde zum Diktator der Primorje-Region ernannt. Nach dem Fall Wladiwostoks im Oktober 1922 setzte er sich mit den Resten seiner Armee nach Wonsan im japanisch besetzten Korea ab. 1923 versuchte eine weiße jakutische Freiwilligenschar unter dem Kommando des Generals Anatoli Pepeljajew, in Ostsibirien einen antibolschewistischen Aufstand zu entfachen. Doch auch dieser letzte Widerstandherd wurde durch überlegene Kräfte der Roten Armee vernichtet.
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Eine der ersten Fronten des antibolschewistischen Kampfes um Rußland war die Nordfront. Ihre Stabilität hing jedoch von der Unterstützung durch die Entente ab, die im Norden eine größere Rolle spielte als in Süd- und Ostrußland. Noch vor Abschluß des Friedens von Brest-Litowsk waren Rußlands Westalliierte sehr um das Schicksal der Nordhäfen Murmansk und Archangelsk besorgt, worüber Rußland mit Kriegsmaterial versorgt wurde. Nach Abschluß des Brest- Litowsker Friedens entstand jedoch die Gefahr der Auslieferung dieses Kriegsmaterials durch die Bolschewisten an die Deutschen. Außerdem konnten die weißen finnischen Truppen des ehemaligen Zarengenerals Freiherr von Mannerheim, die mit deutscher Hilfe den Bolschewismus in Finnland niederschlugen, sich der russischen Nordhäfen samt Waffen- und Munitionsdepots bemächtigen. Britische Truppen gingen in Murmansk an Land, allerdings in Abstimmung mit dem Murmansker Sowjet, der am 2. März 1918 das deutsche Ultimatum während der Brest-Litowsker Verhandlungen verurteilt und Admiral Camp, Kommandeur des britischen Geschwaders im Weißen Meer, um militärische Unterstützung ersucht hatte. Im April/Mai 1918 nahm der deutsche Einfluß auf den bolschewistischen Rat der Volkskommissare (Sownarkom)10 im für die Entente bedrohlichen Ausmaß zu, die den deutschen Botschafter Graf Wilhelm von Mirbach-Harff als den „Diktator von Rotmoskau“ bezeichnete. Gleichzeitig brach der antibolschewistische Aufstand der Tschechoslowakischen Legion aus. Die Alliierten nahmen nunmehr immer häufiger zum antibolschewistischen Untergrund Nordrußlands Kontakte auf. Besonders einflußreich war die Untergrundorganisation „Bund der Wiedergeburt Rußlands“11 mit Sergej Maslow an der Spitze. Den stärksten militärischen Machtfaktor bildeten die Offiziersorganisationen unter Fregattenkapitän Georgi Tschaplin. Als Führer der antibolschewistischen Opposition im Norden war der ehemalige namhafte Revolutionär (und Hochgradfreimaurer) Nikolai Tschaikowski, Vorsitzender der Volkssozialistischen Partei, allgemein anerkannt.
Am 1. August 1918 befreiten Kapitän Tschaplins Offiziere mit Unterstützung der britischen Flotte Archangelsk. So wurde der russische Norden zu einer weiteren Basis des antibolschewistischen Widerstandes. An seine Spitze stellte sich die „Oberste Verwaltung des Nordgebietes“ (WUSO), die von englischen, kanadischen, US-amerikanischen, französischen und serbischen Truppenkontingenten unterstützt wurde. Die „allzu demokratische“ Zusammensetzung und Innenpolitik des WUSO rief jedoch Bedenken bei den russischen Militärs hervor, die die WUSO sogar der heimlichen Zusammenarbeit mit den Bolschewisten verdächtigten. Kapitän Tschaplin putschte am 5. September 1918, jedoch ohne Erfolg. Am 7. Oktober wurde Tschaikowski zum Chef der Provisorischen Regierung des Nordgebiets (WPSO) gewählt, die größtenteils aus konstitutionellen Demokraten bestand und „einen Mittelkurs zwischen links und rechts“ zu steuern bedacht war. Bald wurde Tschaikowski als russischer Vertreter zu den Friedensverhandlungen nach Frankreich abgesandt. Als sein Stellvertreter und Befehlshaber in Nordrußland fungierte fortan General Miller mit Sitz in Archangelsk. Am 20. August 1918 wurde die allgemeine Mobilmachung erklärt. Im Rahmen der aufgestellten Nationalen Volkswehr des Nordgebietes standen insgesamt 15.000 Mann unter Waffen. Hinzu kamen insgesamt 15.000 Alliierte. Erwartet wurde die Vereinigung mit den Truppen der Tschechoslowakischen Legion auf der Linie Archangelsk – Wologda – Jekaterinburg. Doch dieser Plan mißlang. Ende März 1919 gelang es der weißen Nordarmee, im Raum Petschora mit dem rechten Flügel von Koltschaks Sibirischer Armee Fühlung anzunehmen. Im Juni 1919 wurde General Miller durch Admiral Koltschak zum Befehlshaber aller Nordfronttruppen ernannt. Zu diesem Zeitpunkt zählte Millers Freiwillige Nordarmee bereits 25.000 Mann. Ihre militärische Unterstützung durch die Westalliierten hörte jedoch bald auf. Im August 1919 beschloß die britische Regierung, alle Truppen aus Nordrußland abzuziehen. Miller entschied sich jedoch, auch ohne Hilfe der Entente weiterzukämpfen.
Im Herbst 1919 setzte seine Freiwillige Nordarmee ihre Offensive gegen die Roten im Raum Petrosawodsk – Onegasee – Petschora erfolgreich fort. Die Weißen befreiten große Teile des Gebiets Wologda. Am 4. Februar begann jedoch die bolschewistische Gegenoffensive an der Norddünafront. Am 18. Februar brach der weiße Widerstand vollkommen zusammen. Am 19. Februar verließen Armeekommando und Regierung mit General Miller auf dem Seeweg die Hafenstadt Archangelsk. Am 21. Februar brach in Murmansk ein bolschewistischer Aufstand aus. Am 23. Februar befahl der weiße Truppenbefehlshaber im Raum Murmansk, General Waleri Skobeltsin den Rückzug zur finnischen Grenze. Einzelne Einheiten der Freiwilligen Nordarmee kämpften jedoch bis Ende März 1920 verbissen weiter. So endete der Weiße Widerstand in Nordrußland.
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In Nordwestrußland hing die Lage der weißen Russen stark vom Verhältnis zu den auf den Trümmern des Russischen Reiches entstandenen Nachbarstaaten Finnland, Estland und Lettland ab. Im Januar 1919 entstand im finnischen Helsingfors (Helsinki) ein Russisches Politisches Komitee unter Vorsitz des konstitutionellen Demokraten Kartaschow, das vom Erdöl-industriellen Stepan Lianosow finanziert wurde. Es gelang ihm, bei finnischen Banken einen Kredit in Höhe von zwei Millionen Mark aufzunehmen. Führer der Weißen Bewegung in Nordwestrußland wurde General der Infanterie Nikolai Judenitsch, der im Weltkrieg erfolgreich im Kaukasus und in Mesopotamien gegen die Türken gekämpft hatte. Da das Gros der roten Truppen im Osten gegen Koltschak und im Süden gegen Denikin kämpfte, hoffte Judenitsch, selbst mit geringen Kräften Petrograd von den Bolschewisten befreien zu können. Als Basis für seine Offensive betrachtete er die in Estland und Lettland stationierten Truppen des weißen russischen Nordkorps. Am 10. Juni 1919 ernannte der Oberste Regent Rußlands, Admiral Koltschak, General Judenitsch zum Oberbefehlshaber aller russischen Heeres- und Marinetruppen, die an der Nordwestfront gegen die Bolschewisten kämften. Dazu gehörten General Alexander Rodsjankos Nordkorps, Oberst Stanislau Bulak-Balachowitschs Freischaren, die im Raum Pskow (Pleskau) operierten, sowie die Freiwillige Russische Westarmee des Obristen und späteren Generalmajors Fürst Pawel Awaloff(- Bermondt). Letztere bestand mehr als zur Hälfte aus deutschbaltischen und reichsdeutschen Freikorps, einschließlich Major Josef Bischoffs Eiserner Division, die als Gegenleistung für den Waffendienst unter russischen Fahnen Land und die russische Staatsbürgerschaft zugesagt erhielten.
Nach Judenitschs Planung konnte das rote Petrograd entweder von Finnland aus über Karelien oder aber von Estland aus über Pskow und Jamburg angegriffen werden. Bis zum Sommer 1919 gab er der ersten, karelischen Variante den Vorzug, weil Petrograd ganz dicht an der damaligen Grenze zu Finnland lag. Außerdem konnte Judenitsch in diesem Fall mit der Unterstützung seitens General Millers Freiwilliger Nordarmee, die sich aus dem Raum Archangelsk gen Südosten vorschob, sowie mit der finnischen freiwilligen Olonez-Armee rechnen. In diesem Fall könnte eine einheitliche antibolschewistische Front in ganz Nordrußland gebildet werden.
Die Offensive des weißen Nordkorps erwies sich als erfolgreich. Am 13. Mai durchbrachen die Weißen die bolschewistische Narwafront, umgingen Jamburg und schlugen die Roten in die Flucht. Am 15. Mai befreiten sie Gdow, die erste Großstand auf dem Weg nach Petrograd. Am 17. Mai fiel der wichtige Verkehrsknotenpunkt Jamburg. Am 25. Mai eroberten die mit Judenitsch verbündeten estnischen Truppen und Bulak-Balachowitschs russische Freischaren Pskow. Ab 1. Juni stand das Nordkorps, das am 19. Juni in Nordarmee und am 1. Juli 1919 in Freiwillige Nordwestarmee umbenannt wurde, unter dem Kommando von General Rodsjanko.
Mitte Juli setzte jedoch eine Gegenoffensive der 7. Sowjetarmee im Raum Jamburg ein. Sie drängte die Weißen über den Fluß Luga. Ende August zogen sich die estnischen Truppen aus dem Raum Pskow zurück und ermöglichten den Bolschewisten die Rückeroberung Pskows. Dadurch wurde die Fläche des für den weißen Angriff auf Petrograd notwendigen Brückenkopfs mehr als halbiert.
Am 11. August 1919 wurden die meisten politischen Berater Judenitschs zum britischen Konsul nach Reval (Tallinn) eingeladen und unter Androhung der Einstellung jeglicher britischen Hilfe mit der Notwendigkeit konfrontiert, die staatliche Unabhängigkeit Estlands anzuerkennen. Unter dem Druck dieses Ultimatums bildeten sie eine russische Nordwestregierung mit Lianosow an der Spitze und Judenitsch als Kriegsminister, die Estland „in die Unabhängigkeit entließ“.
Offen blieb noch die „finnische Variante“. Bis zur Mitte des Jahres 1919 wurden die finnischen Roten Garden von den finnischen Weißen geschlagen. Finnlands Regent Freiherr v. Mannerheim hielt es aber für notwendig, Finnland vor der äußeren sowjetischen Gefahr abzusichern. Daher unterstützte er die Absicht seines alten Kriegskameraden General Judenitsch, die militärischen Anstrengungen abzustimmen. Vorerst verliefen die diesbezüglichen Verhandlungen erfolgreich. 80.000 finnische Soldaten standen bereit, Judenitschs Angriff auf Petrograd zu unterstützen. Die einzige Bedingung bestand in der Anerkennung von Finnlands praktisch schon erreichter Unabhängigkeit. Der russische Vertreter in Paris, der ehemalige Außenminister Sergei Sasonow erklärte jedoch Mannerheims Bedingung für inakzeptabel. Der neue Staatschef Finnlands, Stolberg, seit jeher rußlandfeindlich eingestellt, unterbrach die Verhandlungen mit Judenitsch und verbot, russische Truppen auf finnischem Hoheitsgebiet aufzustellen. Infolgedessen blieben die Finnen, von kleinen Freiwilligenverbänden unter Oberst Yrjö bzw. Georg Wilhelm Elfvengren (ebenfalls ehemaliger Zarenoffizier) abgesehen, an weißrussischen Operationen in Karelien unbeteiligt.
Der angebrochene Herbst 1919 wurde für den Ausgang des Weißen Kampfes in Nordwestrußland entscheidend. Estland erklärte seine feste Absicht, mit den Sowjets Frieden zu schließen, falls die Nordwestarmee die Kampfhandlungen gegen die Bolschewisten nicht bis zum Winter beginnen sollte. Auch die Briten forderten den möglichst baldigen Angriff der Nordwestarmee auf Petrograd und sagten Unterstützung ihrer Marine zu. Daher wurde die Notwendigkeit eines zweiten Angriffs auf Petrograd für Judenitsch zum Obligo. Er wurde über die positiven Ergebnisse des Marsches von Denikins WSJuR-Truppen laufend informiert, die bereits vor Orel und Brjansk standen. Daraus ergab sich die in der gesamten Geschichte des Bürgerkriegs einmalige praktische Möglichkeit eines kombinierten Vorstoßes der weißen Armeen auf die beiden Metropolen Petrograd und Moskau.
Anfang Oktober 1919 zählte die Nordwestarmee 17.000 Mann. Neben Freiwilligen bestand sie zum beachtlichen Teil aus roten Überläufern und Kriegsgefangenen. Akut wurde die Frage der Hauptstoßrichtung. Die meisten Berufsmilitärs mit General Rodsjanko an der Spitze schlugen die Vormarschlinie Pskow–Luga–Petrograd vor. Diese Richtung sicherte ein stabiles Hinterland als Basis für Mobilmachung und Schaffung eines effizienten örtlichen Verwaltungsapparats. Judenitsch entschied sich jedoch, direkt nach Petrograd vorzustoßen, ohne die Schaffung eines gesicherten Hinterlandes und die Flankenabsicherung abzuwarten. In diesem Fall hing alles von der Schnelligkeit des Vormarsches ab.
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Am 16. Oktober 1919, eine Woche nach Beginn der Offensive, standen die Weißen bereits auf den Pulkowo-Höhen dicht vor Petrograd. Von dort aus war durch Feldstecher die vergoldete Kuppel der Petrograder St.-Isaak-Kathedrale (die orthodoxe Hauptkirche von ganz Rußland) zu sehen. Die Bolschewisten, die Verstärkungen von anderen Fronten erhielten, konzentrierten jedoch bald 50.000 Rotarmisten, schwere Artillerie und Panzerzüge gegen die durch hohe Verluste geschwächte Nordwestarmee. Am 1. November waren die Weißen, die im Laufe dreiwöchiger erbitterter Kämpfe die Hälfte ihrer Armee verloren hatten, zum Rückzug gezwungen. Am 14. November 1919 mußten Judenitschs Nordwestler unter bolschewistischem Druck Jamburg verlassen. Die dezimierte Nordwestarmee war an die estnische Grenze vor Narwa gedrängt. Die schwere Lage der Weißen wurde durch starken Frost und eine ausgebrochene Fleckenfieber- Epidemie zusätzlich erschwert. Die estnische Regierung trat in Friedensverhandlungen mit den Sowjets und schloß am 31. Dezember 1919 einen Friedensvertrag mit Sowjetrußland ab. Die Bolschewisten hatten Estlands Unabhängigkeit anerkannt und als Gegenleistung die Nichtzulassung der Präsenz weißer russischer Truppen auf estnischem Hoheitsgebiet erreicht. Das war das Ende der Weißen Bewegung in Nordwestrußland. Judenitschs Truppen wurden entwaffnet und aufgelöst, um in Estland als Internierte Torf zu stechen und Bäume zu schlagen.
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Die Hauptursache des Mißerfolgs der Nordwestarmee lag im Fehlen von Reserven. Als Reserve hätte die Freiwillige Russische Westarmee des Fürsten Awaloff(-Bermondt) dienen können, die mehr als zur Hälfte aus deutschen Freiwilligen bestand (den Rest bildeten größtenteils russische Kriegsgefangene, die aus deutschen Lagern entlassen waren), mit deutschen Waffen aus den Beständen des VI. Armeekorps ausgestattet war und bis zu 50.000 Mann zählte. Sie hätte ohne weiteres die Lage an der Nordwestfront zugunsten der Weißen entscheiden können. Doch es sollte nicht dazu kommen. Erstens war Awaloffs Russische Westarmee offen monarchistisch eingestellt, was der unentschiedenen Haltung des weißen Oberkommandos (bis hin zum Obersten Regenten Admiral Koltschak) in der Frage der künftigen Staatsform Rußlands zuwiderlief. Zweitens war die Entente entschieden gegen jegliche deutsch-russische Waffenbrüderschaft. Nicht von ungefähr erklärte der französische Premier Georges Clemenceau: „Wenn sich die Russen mit den Deutschen vertragen, kann der (Welt-) Krieg für uns als verloren betrachtet werden.“ Um Judenitschs Nordwestarmee vor Petrograd helfen zu können, mußte Awaloffs Westarmee durch lettisches Hoheitsgebiet marschieren. Die lettische Regierung verweigerte ihr das. Judenitsch wurde von der Entente gezwungen, Fürst Awaloff zum „Verräter“ zu erklären und russischen Freiwilligen zu verbieten, sich dessen Westarmee anzuschließen. Mehr noch! Die Briten zwangen Judenitsch, einen Teil seiner Artillerie, die er vor Petrograd gegen die Roten sehr wohl hätte gebrauchen können, den Letten zu übergeben, die sie gegen Awaloffs deutsch-russische Westarmee (in deren Reihen u.a. der deutsche Freikorps- und Baltikumkämpfer Albert Leo Schlageter diente und dafür die russische Staatsbürgerschaft erhielt) einsetzten. Der Entente-freundliche und -abhängige Denikin erklärte: „Zum Teufel mit Bermondt und seinen Deutschen!“ Fürst Awaloffs Telegramme an Rußlands Obersten Regenten Admiral Koltschak blieben unbeantwortet. Die Westarmee versuchte, sich den Weg nach Petrograd durch lettisches Gebiet mit Waffengewalt zu bahnen. Die Entente erklärte Fürst Awaloff zum „Aggressor“, der darauf bedacht sei, „die Unabhängigkeit der baltischen Republiken zu vernichten“. Die Westarmee drang bis nach Riga vor, wurde jedoch von der lettischen und estnischen Armee mit Unterstützung britischer, französischer und US-amerikanischer Kriegsschiffe nach Kurland und dann über die deutsche Grenze zurückgedrängt.
Im Endergebnis konnten die Sowjets vor Petrograd gegen Judenitschs 15.000 weiße Freiwillige über 50.000 Rotarmisten konzentrieren und die weiße Offensive vereiteln. Die Bolschewisten erhielten ständig Verstärkungen über die Nikolajewskaja-Eisenbahn, die von den Truppen des weißen Generals Wetrenko wider Judenitschs Befehl nicht rechtzeitig abgeschnitten wurde.
Am 22. Januar 1920 befahl Judenitsch die Auflösung seiner Nordwestarmee. Ein Teil der Nordwestler setzte jedoch den Kampf gegen die Sowjets in den Reihen der Russischen Freiwilligen Volksarmee von Bulak-Balachowitsch und Sawinkow fort, die ihren Kleinkrieg gegen die Bolschewisten 1921/22 in der Polesien-Region (Belarus) weiter führte. Danach entstanden auf deren Basis Freischaren der „Bruderschaft der Russischen Wahrheit“, „Gefolgschaften der Grünen Eiche“ und andere weiße bzw. „grüne“ antibolschewistische Kampforganisationen.
Anfang 1920 schienen die Lage des weißen Südens von Rußland sowie jeder weitere bewaffnete Kampf gegen die Roten völlig aussichtslos. Die durch den Mißerfolg des Vormarsches nach Moskau, die verheerende Fleckenfieberseuche und die katastrophale Evakuierung aus Noworossijsk deprimierten Reste der WSJuR-Truppen gingen, moralisch und physisch erschöpft, in den Häfen der Halbinsel Krim ans Land. In dieser Lage entschied der in Sewastopol versammelte weiße Kriegsrat die Frage eines neuen Befehlshabers. Am 4. April 1920 übertrug Denikin die Vollmachten des Oberbefehlshabers Generalleutnant Baron Pjotr Wrangel.
Sehr viele auf der Weißen Krim glaubten nicht an die Möglichkeit, die kleine Halbinsel auf Dauer gegen die rote Übermacht zu halten. England weigerte sich praktisch, den Weißen Süden zu unterstützen, und forderte ihn ultimativ zur Kapitulation auf. General Jakow Slaschtschows Korps hielt noch die Perekop- Stellung, die Kampfmoral der auf der Halbinsel gelandeten WSJuR-Truppen war aber unter jeder Kritik. Wrangel war jedoch fest entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Dazu bedurfte es allerdings der Wiederherstellung der Weißen Front und des Weißen Hinterlandes, sei es diesmal nur auf dem Territorium der Halbinsel Krim.
Der Grundsatz der persönlichen Militärdiktatur, der sich im Weißen Süden noch in den Zeiten der 1. Kuban-Feldzüge durchgesetzt hatte, blieb unangetastet. Kein Gesetz, keine Weisung konnte ohne die Sanktion des Oberbefehlshabers in Kraft treten. Wrangel verstand seinen Auftrag wie folgt:
Rußland könne nicht mittels eines Triumphzuges von der Krim aus bis nach Moskau befreit werden, sondern nur durch den Aufbau einer Staatsordnung auf einem kleinen Fleckchen russischen Landes und solcher Lebensverhältnisse, die für das unter dem roten Joch leidende russische Volk attraktiv wären. Somit wurde auf die Befreiung Moskaus in absehbarer Zeit verzichtet und die Absicht erklärt, die Krim in eine Art Brückenkopf zu verwandeln, wo ein neues politisches Programm verwirklicht und ein „weißes Rußlandmodell“ als Alternative zum „roten Rußlandmodell“ geschaffen werden sollte (ähnlich wie dies nach dem Zweiten Weltkrieg mit Taiwan und Südkorea als Alternative zu Rotchina und Nordkorea passierte).
Im Bereich der Nationalitäten- und Kosakenpolitik verzichtete die weiße Regierung Südrußlands auf Denikins und Koltschaks Grundsätze eines „großen, einheitlichen und unteilbaren Rußlands“. Am 4. August 1920 wurde in der neuen weißen Hauptstadt Sewastopol den Atamanen der Don-, Kuban-, Terek-und Astrachen-Kosakenheere vertraglich völlige Unabhängigkeit zugesichert. Im September/Oktober wurde versucht, auch mit dem antibolschewistischen Nordkaukasischen Bergvölkerbund Ähnliches zu vereinbaren. Dahinter stand die Absicht, eine gemeinsame Front mit allen zu bilden, die mit der Sowjetmacht unzufrieden waren. Das wichtigste innerpolitische Ereignis der weißen Krim war die bisher von allen weißen Regierungen versäumte Grund- und Bodenreform. Sie war auf die Schaffung einer neuen Sozialbasis der Weißen Bewegung ausgerichtet, einer wohlhabenden Bauernschaft, die imstande wäre, die weiße Macht zu unterstützen, Armee und Hinterland zu versorgen.
Bis Anfang Oktober 1920 wurden in den meisten Landbezirken und Kreisen örtliche Bauernräte gewählt und der meiste Großgrundbesitz unter den Bauern verteilt, die von den Staatsbehörden entsprechende Besitzurkunden erhielten.
Eng mit der Grund- und Bodenreform verknüpft war die Reform der örtlichen Selbstverwaltung, die das Fundament des russischen Staates auf der Krim bilden sollte. Die lokalen Selbstverwaltungsgremien sollten ausschließlich aus grundbesitzenden Bauern bestehen, die nicht nur am Erhalt der staatlichen Stabilität, sondern auch an dem Schutz dieser Stabilität durch ihre eigene Kraft interessiert wären.
Die erfolgreiche Abwehr bolschewistischer Angriffe auf die weiße Krim erforderte eine gut organisierte und disziplinierte Armee. Die Streitkräfte Südrußlands erhielten die Bezeichnung „Russische Armee“12, wie die Streitkräfte des Russischen Kaiser- bzw. Zarenreiches vor der Revolution 1917 offiziell bezeichnet worden waren.
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Im Sommer 1920 war Polen von den Bolschewisten stark militärisch bedrängt, die bis nach Lemberg und Warschau vorstießen. Um die Lage der Polen zu erleichtern, wandte sich die Entente mit dem Vorschlag an General Wrangel, von der Krim aus eine neue Offensive gegen die Sowjets zu beginnen, um dafür als Gegenleistung militärische Hilfe seitens der Entente und Polens bei der Befreiung Rußlands vom bolschewistischen Joch zu erhalten. Wrangel wollte die ihm gebotene Chance nicht ungenutzt lassen. Seine Russische Armee war inzwischen gut ausgebildet, uniformiert und bewaffnet. Wrangel befürchtete zu Recht, daß im Falle der Eroberung Polens durch die Sowjets die Rote Armee die Krim sowieso angreifen würde und er in diesem Fall noch schlechtere Karten hätte. Daher stieß er von der Krim aus ins bolschewistisch besetzte Gebiet vor. Die in den Steppen Nordtauriens entbrannten Gefechte waren außerordentlich blutig, erbittert und verlustreich. Im Juni 1920 vernichtete Wrangels Russische Armee einen der besten bolschewistischen Großverbände. Im Juli und August wurde ununterbrochen weitergekämpft, wobei sich die Mannstärke der zur wahren Volksarmee gewordenen Russischen Armee halbierte, während die aus Krimbauern und übergelaufenen Rotarmisten bestehenden Verstärkungen nicht schlechter kämpften als alte Freiwillige aus Kornilows, Alexejews und Denikins Zeiten. Im September drang die Russische Armee ins Donezk-Gebiet bzw. Donbaß ein. Wrangels Donkosaken befreiten Jusowka, eines der wichtigsten Donbass-Zentren, von den Roten. Die Sowjetbehörden wurden in aller Eile aus Jekaterinoslaw evakuiert. Wrangel wurde jedoch vom gleichen Mißgeschick ereilt, das ein Jahr zuvor alle Erfolge von General Denikins Armeen zunichte gemacht hatte. Die weiße Front wurde wie damals allzusehr in die Länge gezogen, sein Armee erwiesen sich außerstande, die Front auf die Dauer zu halten.
Hinzu kam noch ein weiterer höchst negativer Faktor. Die Polen, deren Lage durch Wrangels Offensive so erleichtert wurde, daß sie die roten Sowjetarmeen mit Hilfe der Entente vor Warschau schlagen konnten, schlossen mit Sowjetrußland einen Separatfrieden ab. Wrangel, der „seine Schuldigkeit getan hatte“, wurde von Polen und den Entente-Großmächten kaltblütig im Stich gelassen.
Mitte Oktober 1920 begannen die Sowjets, die nunmehr zahlreiche Truppen von der polnischen Front nach Südrußland verlegen konnten, eine derart gewaltige und schnelle Gegenoffensive, daß die geschwächten Truppen der Russischen Armee sie nicht abwehren konnten. Die ganze Front wurde aufgerollt. Semjon Budjonnys Rotes Kavalleriekorps stieß bis zur weißen Perekop-Stellung vor und drohte, die sich zurückziehenden weißen Truppen abzuriegeln. Nur dem Mut und der Ausdauer von General Alexander Kutepows Korps und den Donkosaken war es zu verdanken, daß die weiße Armee vor der völligen Umzingelung gerettet werden konnte. Deren Gros konnte auf die Halbinsel Krim entkommen. In allen amtlichen Erklärungen Wrangels hieß es, die Armee würde auf der Krim überwintern und abwarten, bis die Sowjetmacht spätestens im Frühjahr 1921 derart durch rußlandweite Arbeiter-und Bauernaufstände geschwächt sein würde, daß ein neuer Ausbruch der Weißen aus der Krimfestung unbedingt zum Erfolg führen würde.
Doch die roten Machthaber Rußland, die durch die tatsächlich in Sibirien, in den Regionen Tambow und Woronesch und andernorts ausgebrochenen Bauernaufstände sowie die antibolschewistische Meuterei der roten Matrosen im Marinestützpunkt Kronstadt bei Petrograd höchst besorgt waren, dachten nicht daran, bis zum Frühjahr zu warten. Am dritten Jahrestag des bolschewistischen Umsturzes begann der Sturm auf die weiße Perekop-Stellung. Bis zu Sturmbeginn war die auf Wrangels Anregung begonnene Truppen-Umgruppierung der Weißen Armee noch nicht abgeschlossen. So waren die Weißen gezwungen, die sowjetischen Angriffe ohne notwendige Vorbereitungen und Ruhepausen abzuwehren. Bereits am Abend des 10. November 1920, am dritten Tag der Abwehrkämpfe, erhielt Wrangels Hauptquartier General Kutepows Telegramm über den Durchbruch der Perekop-Stellung durch die Rote Armee gemeinsam mit Machnos Anarchisten-Bauernheer. Der Fall Perekops erforderte von General Wrangel eine unverzügliche Entscheidung, um seine Armee und die von ihr beschützten Flüchtlinge im Hinterland zu retten. Wrangel ließ seinen schon vorher erstellten Evakuierungsplan verwirklichen.
Am 11. November befahl er als Regent Südrußlands und Oberbefehlshaber der Russischen Armee den Rückzug. Allen Militärs und Zivilisten, die gewillt waren, die Krim zu verlassen, wurde (anders als in Noworossijsk vor einem Jahr) diese Möglichkeit geboten. In sämtlichen Krim-Häfen außer Feodossija wurden sie verladen. Alle von den Roten verfolgten weißen Truppen konnten den Bolschewisten entkommen und rechtzeitig an Bord gehen. Viele glaubten allerdings der roten Lügenpropaganda und blieben auf der von Wrangel verlassenen Krim. Die siegreichen Roten brachen jedoch ihr Versprechen. Im Winter 1920/21 wurden 120.000–150.000 Militärs und Zivilisten im Zuge des Roten Terrors ermordet. Das gleiche Schicksal ereilte auch Machnos Anarchisten, die „ihre Schuldigkeit getan hatten“ und von den Bolschewisten abgeschlachtet wurden.
Generalleutnant Baron Wrangel verließ am 14. November 1920 als einer der letzten den Hafen von Sewastopol. 126 Schiffe mit 50.000 Militärs und über 100.000 Zivilisten stachen in See13. So endete das letzte Kapitel der tragischen Geschichte des weißen Kampfes im Süden Rußlands.
Der Autor wurde im Jahr 1955 in Moskau geboren und ist als Dolmetscher, Übersetzer, Journalist und Verfasser zahlreicher Sachbücher unter anderem über den russischen Bürgerkrieg, die deutschen Freikorps und den Zweiten Weltkrieg tätig. Er ist Pressesekretär der 2012 gegründeten monarchistischen Partei Rußlands und hat den vorliegenden Artikel in deutscher Sprache verfaßt.
1 Wserossijskij Komitet Spassenija Rodiny i Revoluziji.
2 Wojenno-Revoluzionnyj Komitet.
3 Komitet Obschtschestwennoj Bedsopassnosti.
4 Woorushonnyje Sily Juga Rossiji.
5 1 Werst = 1,0668 km.
6 Sojuz Saschtschity Rodiny i Svobody.
7 Rossijskaja Armija.
8 Im Russischen Reich bestanden elf Kosakenheere (Kosakengebiete mit eigener Selbstverwaltung) der Don-, Kuban-, Terek-, Ural-, Sibir(ien)-, Astrachen-, Orenburg-, Sabajkalje- (Transbaikal-), Semiretschje-, Amur-und Ussurikosaken. Die Kosaken unterschieden sich ethnisch, sprachlich usw. mehr oder weniger von den „(Groß-)Russen“, grenzten sich seit alters her mehr oder weniger von ihnen ab und strebten gegen Anfang des 20. Jh. immer stärker nach Autonomie bzw. Unabhängigkeit. Da die Kosaken ihren Eid auf Treue dem Zaren (und nicht „dem russischen Staat als solchem“) gegenüber schworen, betrachteten viele Kosaken-Autonomisten bzw. -separatisten ihre Bindung an Rußland nach dem Fall der Monarchie als zumindest fraglich, wenn nicht völlig aufgelöst.
9 Politzentr.
10 Sowjet Narodnych Kommissarow.
11 Sojuz Vosroshdenija Rossii.
12 Russkaja Armija, im Unterschied zu Koltschaks „Rußländischer Armee“ (Rossijskaja Armija).
13 Die Gesamtzahl der infolge des bolschewistischen Umsturzes und des Bürgerkriegs 1917–1922 aus Rußland geflüchteten Personen betrug an die zwei Millionen.