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Der Russische Bürgerkrieg

Den Beginn des weißen Kampfes gegen die bolschewistische Gewaltherrschaft bildete der Angriff des aus einer kosakischen Offiziersfamilie stammenden Generals Kornilow auf das bolschewistisch besetzte Jekaterinodar im April 1918, bei dem Kornilow selbst getötet wurde.

Die „Weißen“ nach der Revolution

Von Wolfgang Akunow 

Nichts wäre falscher, als zu behaupten, als daß der erfolgreiche bolschewistische Staatsstreich im Oktober/November 1917auf keinen ernsthaften Widerstand in Rußland stieß, und daß rußlandweit ein endloser „Triumphzug der Sowjetmacht“ zubeobachten war, wie das in sowjetischen Geschichtsbüchern geschrieben stand. In Wirklichkeit wurde der bolschewistischen Gewaltherrschaft in Rußland von den ersten Tagen des Oktoberumsturzes 1917 an Widerstand geleistet. Er begann in den beiden Metropolen Petrograd und Moskau.

 

Der Ministerpräsident der von den Bolschewisten gestürzten liberalde­mokratischen Provisorischen Regierung Rußlands Alexander Kerenski (Schulka­merad und Jugendfreund des Bolschewi­stenführers Wladimir Uljanow-Lenin so­wie Hochgrad-Freimaurer) floh an die russisch-deutsche Westfront (Rußland führte offiziell noch Krieg gegen die Mit­telmächte, weshalb die auf sofortigen Friedensschluß abzielenden Bolschewi­sten von national gesinnten Russen als deutsche Agenten betrachtet wurden), um bei den Fronttruppen Unterstützung zu finden. Im Petrograder Vorort Gat­schina traf er Kosaken des 3. Kavallerie­korps unter dem Kommando des künfti­gen Atamans des Don-Kosakenheeres General Pjotr Krasnow. Es gelang ihm, die Kosaken zu überreden, die Haupt­stadt von den Bolschewisten zu befreien. Nach einem Feuergefecht mit den bol­schewistischen Roten Garden auf den Pulkowo-Höhen weigerten sich die kriegsmüden Kosaken jedoch, weiter vorzustoßen, und ließen sich auf Ver­handlungen mit den Bolschewisten ein. Kerenski tauchte unter und wurde nach etwa fünf Monaten ziemlich unbehellig­ter Existenz im bolschewistisch geworde­nen Rußland von dem auf Rußland spe­zialisierten britischen Geheimdiens­tagenten Sidney George Reilly (alias Sa­lomon bzw. Sigmund Rosenblum) über den Hafen Murmansk auf dem Seeweg außer Landes gebracht.

Zum Zeitpunkt der Kämpfe von Kras­nows Kosaken mit den bolschewisti­schen Roten Garden auf den Pulkowo- Höhen wurde in Petrograd im linken an­tibolschewistischen Untergrund auf der Basis des Petrograder Wehrkreisstabs und der Stadtduma (des Stadtrates bzw. Magistrats) das „Allrussische Komitee zur Rettung der Heimat und der Revolu­tion“1 gebildet. Dieses Gremium, das die von den Bolschewisten gestürzte und verhaftete Provisorische Regierung erset­zen sollte, bestand aus Liberalen und De­mokraten und fürchtete nicht nur die Bolschewisten, sondern auch die „Kon­terrevolution von rechts“ (d.h. die Wie­derherstellung der im Februar 1917 von liberal-demokratischen Kräften gestürz­ten russischen Monarchie). Nichtdesto­trotz handelte es viel entschlossener als Kerenski (der wegen seines seltsamen Verhaltens von vielen Antibolschewisten als Verräter am nationalen Rußland und faktischer Wegbereiter der bolschewisti­schen Schreckensherrschaft betrachtet wurde) und versuchte am 29. Okto­ber/11. November 1917, den Bolschewi­sten die Macht zu entreißen, ihr Haupt­quartier Smolny zu erstürmen und das bolschewistische Militärische Revoluti­onskomitee (WRK)2 zu verhaften. Dieser Versuch schlug jedoch infolge des Un­gleichgewichts der Kräfte fehl. Gegen Abend wurden die Offiziersschüler, die das Gros der Aufständischen bildeten, von den Bolschewisten überwältigt.

In Moskau dauerten die Kämpfe län­ger als eine Woche. Auch dort wurde am 25. Oktober/7. November ein „sozialisti­sches“ WRK gebildet, das im Begriff war, den Bolschewisten die Macht zu überge­ben. Dagegen erhoben sich ein Teil des Moskauer Wehrkreises (vor allem zwei Offiziersschulen und eine Offizieranwär­terschule), einige Kadettenanstalten so­wie hunderte Studenten und Gymnasi­asten, aber auch Zivilbeamte. Sie vertei­digten Moskau in ungleichem Kampf ge­gen zahlreiche bolschewistische Einhei­ten. In diesen Moskauer Kämpfen ent­stand der Begriff „Weiße“ bzw. „Weiße Garden“. So nannten sich die aus Stu­denten, Gymnasiasten und Zivilbeamten formierten antibolschewistischen Frei­korps.

Den Kern des antibolschewistischen Kampfes sollte das von der Stadtduma und vom Moskauer Wehrkreisstab gebil­dete Komitee für öffentliche Sicherheit (KOB)3 mit dem Sozialrevolutionär Oberst Rjabzew an der Spitze bilden. Doch das KOB verpaßte von vornherein die Gelegenheit, das WRK rechtzeitig zu vernichten. Die Offiziere, Offiziersschü­ler und Studenten handelten auf eigene Faust. Am 25. Oktober/7. November setz­ten in Moskau lange, schwere, ungleiche Kämpfe ein. Am 28. Oktober/10. Novem­ber wurden die Bolschewisten in fast ganz Moskau ausgeräuchert. Selbst die Stadtburg Kreml wurde von den Weißen besetzt. Doch das KOB ließ sich auf Ver­handlungen mit dem WRK ein. Unter Ausnutzung der gebotenen Chance ließ das WRK seine Truppen umgruppieren, die durch Rote Arbeitergarden aus den Moskauer Vorstädten sowie durch rote Matrosen aus Petrograd verstärkt wur­den. Die Bolschewistische Artillerie nahm den Kreml und die Stadtmitte un­ter Beschuß. Dennoch wurde noch am 31. Oktober/13. November hart gekämpft. Erst am 3./16. November streckten Mos­kaus letzte Verteidiger die Waffen.

Auch in anderen russischen Städten sowie auf dem Lande wurde den Bol­schewisten bewaffneter Widerstand ge­leistet. Die Antibolschewisten waren je­doch isoliert und schlecht auf den Kampf vorbereitet. Außerdem fürchteten ihre Führer in der Regel die Wiederherstel­lung der Monarchie bzw. die Einführung einer „reaktionären Militärdiktatur“ mehr als Lenins „Rat der Volkskommis­sare“.

 

Im Süden säuberte das Freiwilligenheer unter General Anton Denikin das gesamte Kuban- Kosakengebiet von den roten Truppen. Den Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen der Kosaken sowie der kaukasischen Bergvölker stand Denikin, der sich als Teil der Entente verstand, jedoch feindlich gegenüber. Denikin starb 1947 in den USA.

Die Freiwilligenarmee von Kornilow, Alexejew und Denikin

Den wahren Beginn des Weißen Wider­standes markierte die Gründung der Freiwilligenarmee der Generale Michail Alexejew (Generalstabschef der Zarenar­mee), Lawr Kornilow (ehemaliger Ober­befehlshaber der russischen Armee nach der Februarrevolution 1917, der dann von Kerenski als „konterrevolutionärer Verschwörer“ verleumdet, abgesetzt und inhaftiert wurde) und Anton Denikin im Don-Kosakengebiet und deren „Eis“- Feldzug bzw. 1. Kuban-Feldzug durch die vereisten und verschneiten Steppen aus dem Dongebiet ins Gebiet der Ku­ban-Kosaken unter dem Druck der Ro­ten. Auch diese anfangs nur 4.000 Mann zählende weiße Armee bestand größten­teils aus Offizieren, Offiziersschülern, Kadetten, Studenten und Gymnasiasten. Ihr schlossen sich bald die von der Ru­mänischen Front abgezogene Brigade von Oberst Michail Drosdowski, das Ku­baner Regierungsdetachement des Hauptmanns Viktor Pokrowski sowie Ataman Popows Donkosaken sowie an­dere Freiwilligenverbände an. Der Sturm auf die von den Bolschewisten besetzte Hauptstadt des Kubankosakenheeres Je­katerinodar am 9./13 April 1918, wobei General Kornilow von einer feindlichen Granate getötet wurde, war erfolglos. Doch die von den Roten eingeschlossene Freiwilligenarmee schlug sich unter dem Kommando von General Denikin durch und bildete den Kern der späteren Wei­ßen Streitkräfte Südrußlands (WSJuR). Außenpolitisch bekannte sich Denikin zur Entente. Er betrachtete sein Heer und Gebiet als nach wie vor im Kriegszu­stand mit den Mittelmächten befindlich und bekämpfte die Bolschewisten als deutsche Agenten.

Befreiung des Don- und Kuban-Kosakengebietes

Anfang Sommer 1918 nahm der antibol­schewistische Volkswiderstand in ganz Südrußland deutlich zu. Die Bauern und Kosaken, die mit Nahrungsmittel-Requi­sitionen durch die Roten und Versuche der Zwangskollektivierung in Form von „Kommunen“ unzufrieden waren, grif­fen zu den Waffen. Am 22. Juni 1918 be­gann der 2. Kuban-Feldzug der auf 9.000 Mann angewachsenen, durch die Briga­de Drosdowski (3.000 Mann) und zahl­reiche Kubankosaken verstärkten Frei­willigenarmee Denikins gegen Jekate­rinodar. Bis zum Herbst 1918 wurden das gesamte Kuban-Kosakengebiet und die Region Stawropolje von den roten Truppen gesäubert. Im Januar/Februar wurde der befreite Nordkaukasus zur Basis der Weißen Bewegung, die nun über den Hafen Noworossijsk von den Westallierten mit Kriegsmaterial versorgt wurde. Denikins Motto lautete: „Für ein einheitliches, großes, unteilbares Ruß­land.“ Die Frage der künftigen russi­schen Staatsform sollte erst nach dem Krieg von der allrussischen, auf demo­kratischer Basis gewählten Konstituie­renden Versammlung entschieden wer­den. Somit stand Denikin den ziemlich stark ausgeprägten Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen der Don-, Kuban- und Astrachenkosaken sowie der kaukasischen Bergvölker, Georgier, Ukrainer und Polen feindlich gegenüber. Dieser Umstand erschwerte die Bildung einer gemeinsamen antibolschewisti­schen Front.

Der Donkosaken-Ataman General Krasnow setzte mit seinem von 17.000 bis auf 50.000 angewachsenen antibol­schewistischen Kosakenheer im Unter­schied zu Denikin nicht auf die Entente, sondern auf die Mittelmächte. Nach Ab­schluß eines Beistandsvertrags mit dem Deutschen Kaiserreich und mit der Ukraine des ebenfalls mit Deutschland verbündeten ehemaligen Zarengenerals Hetman Pawlo Skoropadski erklärte Krasnow sein von den Roten gesäubertes Don-Kosakengebiet zu einem unabhän­gigen Staat sowie zur „Ordnungszelle“, wo sich aus Mittelrußland geflüchtete Weiße formieren konnten, um dann ge­gen das rote Moskau loszuschlagen. Doch nach der Novemberrevolution 1918 in Deutschland und Österreich-Ungarn, die die Aufkündigung des Friedens von Brest-Litowsk nach sich zog, zogen sich die deutschen sowie k. u. k. Truppen, die etwa die Hälfte der Don-Gebietsgrenzen beschützten, aus der Ukraine zurück, die aus Mittelrußland vorstoßenden Roten auf den Fersen. Bis dahin hatten 13.000 Donkosaken erfolgreich die von den bol­schewistischen Befehlshabern Josef Sta­lin und Kliment Woroschilow verteidigte rote Zitadelle Zarizyn (das spätere Sta­lingrad) an der Wolga. Im Januar 1919 gelang es den Kosaken, in die belagerte Stadt einzudringen. Das Schicksal der eingeschlossenen 40.000 Rotarmisten schien entschieden zu sein. Zum gleichen Zeitpunkt drangen jedoch andere So­wjettruppen über die durch den deut­schen Rückzug entblößte Grenze ins Dongebiet ein, das sie größtenteils beset­zen konnten. Am 14. Februar 1919 mußte Ataman Krasnow das Kommando nie­derlegen. Sein Amtsnachfolger Afrikan Bogajewski, Gegner des Kosaken-Sepa­ratismus, der bereit war, mit der „groß­russischen“ Freiwilligenarmee Denikins zu kooperieren, verstand es, die Donko­saken zur Beteiligung am Feldzug der Freiwilligenarmee nach Moskau zu über­reden (der weiterhin „großrussisch“ den­kende Denikin sah sich zu Zugeständnis­sen gezwungen: das Don-Kosakengebiet würde, gleich dem Kuban-Kosakenge­biet, im künftigen großrussischen Staats­verband seine Autonomie behalten dür­fen).

Im Unterschied zu Denikin setzte der Donkosaken-Ataman General Pjotr Krasnow auf die Mittelmächte und schloß einen Beistandsvertrag mit dem Deutschen Kaiserreich und mit der Ukraine des ehemaligen zaristischen Generals Skoropadski ab. Im Zweiten Weltkrieg halfKrasnow bei der Aufstellung der freiwilligen Kosakeneinheiten an deutscher Seite. Gemeinsam mit ihnen ergab er sich 1945 den Engländern, die entgegen ihren Versprechungen allerund 50.000 Kosaken, darunter viele Frauen und Kinder, an die Sowjetunion auslieferten. 1947 wurde General Krasnow in Moskau erschossen.

Der „Feldzug nach Moskau“ Januar 1919 – März 1920Kurz vor dem Zusammenbruch der Don-Front wurde das Donkosakenheer General Denikin unterstellt, der am 8. Januar1918 seine Truppen in Streitkräfte Südrußlands (WSJuR)4 umbenannte. Er hoffte auf die zugesagte Landung der Westalliierten in den russischen Schwarzmeerhäfen und eine gemeinsame Offensive gegen Moskau. Doch die Hilfe der Alliiertenbeschränkte sich auf Waffen- und Kriegsmateriallieferungen sowie die Bewachung der Waffen- und Materialdepots durch alliierte Soldaten. Freilich kämpften einige wenige französische und britische Flieger und Panzerbesatzungen bis zum Sommer 1920 im WSJuR-Rahmen. Ansonsten wurde Denikin jedoch von der Entente seinem Schicksal überlassen.Bis Ende Juni wurden die Roten von WSJuR-Truppen zuerst aus dem Donezkgebiet und anschließend aus der gesamten Ukraine vertrieben, wobei die weißen Russen auch die zwar kommunistenfeindlichen, der „großrussischen “Idee jedoch opponierenden ukrainischen Autonomisten des Atamans (und Freimaurers)Symon Petljura schlugen. Am3. Juni verkündete General Denikin den Beginn des langersehnten Feldzugs gegen Moskau. Während dieser Offensive wuchs die WSJuR-Mannstärke durch den ständigen Zustrom immer neuer Freiwilliger und roter Überläufer trotzschwerer Verluste schon bald von 55.000auf 120.000 an. Ein neuer Aufstand der Donkosaken in den noch von den Rosengarten besetzten Teilen des Don-Kosakengebiets war endlich vom Erfolg gekrönt.
Noch vor Beginn der Moskauer Offen­sive unterordnete General Denikin seine WSJuR-Truppen dem gegen die Bolsche­wisten im Osten von Sibirien aus operie­renden Obersten Regenten Rußlands und Oberbefehlshaber aller russischen Streitkräfte Admiral Alexander Kolt­schak. Er hoffte, dadurch eine Einheits­front aller antibolschewistischen Kräfte im gesamtrussischen Umfang bilden zu können. Koltschak ernannte Denikin zu seinem Stellvertreter.

Anfang Oktober 1919 standen die wei­ßen Freiwilligentruppen Denikins nur 250 Werst5 von Moskau entfernt. Ebenso erfolgreich entwickelte sich auch die gleichzeitige Offensive der weißen Nord­westarmee des Generals Nikolai Jude­nitsch gegen das rote Petrograd. Doch für den letzten, entscheidenden „Sprung“ nach Moskau reichten die Kräfte der Weißen nicht aus. Die Lage von Denikins nach Moskau vorpreschen­den Freiwilligen wurde auch dadurch erschwert, daß die ukrainischen Bauern­freischaren des Anarchistenführers Ne­stor Machno (der gegen jede Staatsform überhaupt auftrat, jedoch aus taktischen Gründen zeitweilig mit den Bolschewi­sten kollaborierte) den Weißen in den Rücken fielen. Im Raum Orel wurde De­nikins weißer Stoßkeil von den zahlen­mäßig überlegenen roten Truppen unter dem Oberbefehl des ehemaligen zaristi­schen Generalstabsoffiziers Jegorow er­folgreich angegriffen. Unter dem Druck der Roten mußten sich Denikins Freiwil­lige und Kosaken immer weiter zurück­ziehen. Am 7. Januar 1920 eroberten die Roten Rostow. Bald ging den Weißen das Don-Kosakengebiet verloren. Am 7. Fe­bruar eroberten die Bolschewisten den Schwarzmeerhafen Odessa. Die dort vor Anker liegende britische Flotte leistete den Weißen keinerlei Hilfe. Die weiße Garnison unter General Bredow schlug sich mit Mühe und Not nach Polen durch, wo sie dann von den Polen (die ihren eigenen Krieg gegen die Bolsche­wisten führten und der großrussischen Idee ebenso feindlich gesinnt waren wie die Ukrainer) interniert wurde.
Am 16. März 1920 wurde ein Teil der WSJuR-Truppen auf dem Seeweg von Noworossijsk aus auf die Halbinsel Krim evakuiert. Ein anderer, recht beachtlicher Teil der weißen Truppen, zahlreiche Zi­vilflüchtlinge, viel Kriegsmaterial und Großgerät mußte zurückgelassen wer­den. Danach ernannte Denikin seinen be­sten General Baron Pjotr Wrangel zu sei­nem Nachfolger und ging an Bord eines britischen Kriegsschiffes ins Ausland. Auf der Krim begann die letzte Etappe in der Geschichte der „südrussischen“ Wei­ßen Bewegung.

Die Tschechoslowakische Legion

Den Grundstock des antibolschewisti­schen Widerstandes im russischen Wol­gagebiet sowie in Sibirien bildeten Un­tergrundgruppen der den Bolschewisten größtenteils feindlich gesinnten Partei der Sozialrevolutionäre sowie geheime Offiziersvereine. Seit Ende April 1918 wurde unter sozialrevolutionärer Lei­tung der antibolschewistische Unter­grund in Samara, Ufa, Tscheljabinsk, Ka­san und Simbirsk organisiert. Der erste Aufstand ereignete sich in Samara, zeit­gleich zum Angriff der Tschechoslowaki­schen Legion unter Oberstleutnant Stanislaw ?e?ek. Die Tschechoslowaki­sche Legion (50.000 Mann), die im Ersten Weltkrieg im Rahmen der Zarenarmee aus tschechischen und slowakischen Überläufern der k. u. k. Armee gebildet worden war, sollte nach den Bedingun­gen des zwischen den Bolschewisten und den Mittelmächten abgeschlossenen Brest-Litowsker Friedensvertrags an Österreich-Ungarn ausgeliefert werden. Als die tschechoslowakischen Legionäre dies erfuhren, rebellierten sie gegen die neuen roten Machthaber Rußlands und verbündeten sich mit dem russischen an­tibolschewistischen Untergrund. Am 8. Juni 1918 befreiten die Tschechoslowa­ken Samara. Dort konstituierte sich eine zivile, aus ehemaligen sozialrevolutionä­ren Abgeordneten gebildete Regierung. Diese wollte keinesfalls auf die „Errun­genschaften der (Februar-)Revolution“ verzichten, behielt sogar die rote Revolu­tionsfahne und verbot das Tragen von Achselstücken und Kokarden in der von ihr aufgestellten freiwilligen „Volksar­mee“. ?e?ek wurde Oberbefehlshaber der Volksarmee sowie der damit verbün­deten Truppen des Orenburger und des Ural-Kosakenheeres. Die antibolschewi­stische Offensive verlief erfolgreich in zwei Richtungen, wolgaaufwärts (nach Kasan – Swijaschsk – Perm) sowie wolga­abwärts (nach Saratow – Zarizyn). Die von den Tschechoslowaken besetzten Wolga-Eisenbahnbrücken ermöglichten den ständigen Truppen- und Material­nachschub aus dem Uralgebiet sowie aus Sibirien.

Oberst Murawjews Rebellion

Am 6. Juli 1918 brach in Moskau ein durch den Mord am deutschen Botschaf­ter Graf Wilhelm von Mirbach-Harff aus­gelöster Putsch der bisher mit den Bol­schewisten verbündeten linken Sozialre­volutionäre aus, der jedoch am gleichen Tag von bolschewistischen Truppen nie­dergeschlagen wurde. Der rote Befehls­haber der bolschewistischen Ostfront­truppen, Michail Murawjew, ehemals Obrist der Zarenarmee, rebellierte gleich­zeitig an der Wolga gegen die Sowjet­macht, erklärte den zwischen Sowjetruß­land und dem Deutschen Kaiserreich ab­geschlossenen „Schandfrieden von Brest- Litowsk“ für aufgekündigt und prokla­mierte eine „freie Wolga-Republik“, wurde jedoch am 11. Juli in Simbirsk von den Bolschewisten erschossen. Hinter Murawjews mißlungener Rebellion stand eindeutig die deutschlandfeindli­che Entente.

Kampf um Kasan

Am 21. Juli befreiten die weißen Volksar­meetruppen unter Oberst Wladimir Kap­pel die Stadt Simbirsk. In den Wolga­städten Jaroslawl, Murom, Rybinsk und Kostroma brachen antibolschewistische Aufstände aus, die vom „Bund zum Schutz der Heimat und der Freiheit“6 Bo­ris Sawinkows organisiert wurden. Zum großen Erfolg der Volksarmee wurde die Befreiung Kasans von den Bolschewi­sten. Am 7. August 1918 erbeuteten die weißen Volksarmisten in Kasan nicht nur große Waffendepots, sondern auch den Goldschatz des Russischen Kaiserrei­ches, der noch unter Kerenskis Provisori­scher Regierung aus Angst vor den Deut­schen dorthin verlegt worden war. Doch bald gingen die Bolschewisten zum Ge­genangriff über und eroberten am 8. Sep­tember Kasan zurück. Die Kräfte der frei­willigen Volksarmee waren infolge ho­her Verluste fast ausgeschöpft. Jeglicher Versuch der Samarer Regierung, die männliche Bevölkerung zu mobilisieren, stieß auf Widerstand. Als „demokrati­sche“ Regierung konnte sie sich nicht zur Zwangsmobilisierung entschließen – im Unterschied zu den Bolschewisten, die alle waffenfähigen Männer ihres Herr­schaftsbereichs unter Androhung der To­desstrafe auch für Familienangehörige in die Reihen der Roten Armee trieb. Frei­lich übertraf die monatliche Anzahl der fahnenflüchtigen Rotarmisten die ge­samte Mannstärke aller weißen Armeen, was jedoch am allgemeinen Kräftever­hältnis wenig änderte. Am Ende des Bür­gerkrieges betrug die Gesamtstärke der zwangsmobilisierten Roten Armee fünf Millionen Mann! Zahlreiche ehemalige zaristische Generale und Offiziere, deren Angehörige von den Bolschewisten als Geiseln genommen wurden, sahen sich ebenfalls zum roten Waffendienst ge­zwungen.


Am 16. Oktober 1918 wurde Admiral Alexander Koltschak zum Regenten Rußlands und Oberbefehlshaber aller Streitkräfte proklamiert. Auch Denikin in Südrußland, Miller in Nordrußland und Judenitsch in Nordwestrußland unterstellten sich ihm. Koltschak dachte ebenso „großrussisch“ wie Denikin und war nicht einmal bereit, die bereits erreichte Unabhängigkeit Polens, Finnlands, Estlands, Lettlands, Litauens, Georgiens, Armeniens, der Ukraine sowie der Kosaken vor der Einberufung einer allrussischen konstituierenden Versammlung anzuerkennen. Dieses unlösbare Dilemma sollte ihm schließlich zum Verhängnis werden.

Koltschak

Nach Beginn des Rückzugs der weißen Volksarmee in östlicher Richtung begrif­fen die Tschechoslowaken, daß es ihnen nicht mehr gelingen würde, sich nach Europa durchzuschlagen. So verloren sie zunehmend das Interesse am weiteren Dienst unter den Volksarmeefahnen. Am 7. Oktober 1918 wurde Samara von den Bolschewisten besetzt. Die Samarer Sozi­alrevolutionäre sahen sich gezwungen, das am 23. September 1918 im sibirischen Ufa gegründete Direktorium als gesam­trussische Regierung anzuerkennen. Die­se ebenfalls demokratische, jedoch sehr effiziente Regierung bildete eine sichere Basis für die spätere weiße Russische Re­gierung des Admirals Koltschak. Die Si­birische Armee war im Unterschied zur Samarer Volksarmee streng diszipliniert, Soldatenräte waren verboten. Die Einbe­rufung der Rekruten ab dem 20. Lebens­jahr erfolgte auf Grundlage des allgemei­nen Wehrpflichtgesetzes. Die Sibirische Armee, unter Admiral Koltschak in „Rußländische Armee“7 umbenannt, war mit etwa 400.000 Mann (im Herbst 1919) die größte aller weißen Armeen während des gesamten Russischen Bürgerkrieges (Denikins Streitkräfte Südrußlands zähl­ten maximal 270.000 Mann).

Am 16. Oktober 1918 wurde Admiral Alexander Koltschak, Kriegsminister des am 9. Oktober unter dem Druck der Ro­ten aus Ufa nach Omsk umgezogenen Direktoriums, zum Obersten Regenten Rußlands und Oberbefehlshaber aller Streitkräfte Rußlands proklamiert. Als solcher wurde er von allen Befehlsha­bern der weißen Armeen in Südrußland (General Anton Denikin), Nordrußland (General Jewgeni Miller) und Nordwe­strußland (General Nikolai Judenitsch), in Sibirien und im Fernen Osten sowie von der russischen Kriegsmarine und der russischen Militärvertretung im Aus­land anerkannt. Koltschak betrachtete sich außenpolitisch als Verbündeter der Entente, sah sein Herrschaftsgebiet als nach wie vor im Kriegszustand gegen die Mittelmächte befindlich und bekämpfte die Bolschewisten als deutsche Agenten. Innenpolitisch dachte Koltschak ebenso „großrussisch“ wie sein in Südrußland operierender Stellvertreter Denikin und war nicht einmal bereit, die bereits er­reichte Unabhängigkeit Polens, Finn­lands, Estlands, Lettlands, Litauens, Ge­orgiens, Armeniens, der Ukraine sowie der elf Kosakenheere8 vom großrussi­schen Staatsverband vor Einberufung der allrussischen Konstituierenden Ver­sammlung anzuerkennen, die erst nach der Befreiung ganz Rußlands von der bolschewistischen Diktatur erfolgen konnte und sollte. Dieses unlösbare Di­lemma sollte Koltschak wie Denikin schließlich zum Verhängnis werden.

Am 11. November erreichte die Nach­richt vom Ende des Krieges zwischen den Entente-Staaten und den Mittel­mächten das weiße Sibirien. Von nun an dachten die Tschechoslowaken (von we­nigen Ausnahmen, wie z.B. General Ra­dola Gajda, abgesehen) nicht mehr dar­an, in der antibolschewistischen Front zu bleiben, und beschränkten sich auf die Bewachung der Transsibirischen Eisen­bahn, mit der sie ihr riesiges Beutegut in Sicherheit zu bringen gedachten. Von nun an bildete General Gajdas Sibirische Armee samt der mit ihr verbündeten Westarmee General Michail Chanshins den Kern des antibolschewistischen Wi­derstandes im Osten Rußlands.

In Koltschaks Herrschaftsgebiet waren über den Pazifikhafen Wladiwostok nach Rußland gekommene Entente-Truppen­kontingente stationiert. Doch sie erwie­sen dem Obersten Regenten Rußlands keine nennenswerte militärische Hilfe, weder in Fernost noch in Sibirien, ge­schweige denn jenseits des Ural. Die ein­zige Ausnahme bildeten die Japaner, die jedoch ständig von den Amerikanern be­obachtet und in Schach gehalten wurden.

Am 4. März 1919 begann Koltschaks große Offensive von Sibirien aus in Rich­tung Westen. Bis April gelang es seinen Generälen, Ufa sowie zahlreiche weitere wichtige Städte von den Bolschewisten zu befreien und die Roten über die Flüs­se Kama und Wolga zu treiben. Die Sibi­rische Armee stieß nach Kasan – Wjatka – Wologda vor, um sich dort mit General Millers weißer Nordarmee zu vereinigen. Die Offensive der Westarmee General Chanshins erfolgte in Richtung Simbirsk – Sysran, um dort mit General Denikins WSJuR-Truppen Fühlung aufzunehmen. Ende April standen Koltschaks Truppen nach der Befreiung eines riesigen Gebie­tes mit über fünf Millionen Einwohnern vor den Wolga-Städten Kasan, Samara und Simbirsk. Der weitere Weg nach Moskau schien offenzustehen.

Im Mai geriet die Offensive jedoch ins Stocken. In Koltschaks Hinterland bra­chen durch den bolschewistischen Unter­grund angezettelte Bauernaufstände aus. Die wohlhabenden sibirischen Bauern, die die rote Schreckensherrschaft mei­stens nur vom Hörensagen kannten, wa­ren für die bolschewistische Propaganda ziemlich anfällig. Die Roten, die das Überschreiten der Wolga durch die Wei­ßen auf keinen Fall zulassen konnten, konzentrierten an der Ostfront zahlrei­che Truppen, eroberten Ufa, brachen durch die weiße Uralstellungen und drangen in Sibirien ein. Trotz dieser Nie­derlagen blieb Koltschaks Armee jedoch immer noch kampffähig. Nunmehr be­stand ihr Hauptauftrag darin, durch Ab­lenkung möglichst vieler roter Truppen den Vormarsch der südrussischen Streit­kräfte Denikins in Richtung Moskau zu erleichtern. Im August 1919 schlug Kolt­schak die Roten am Fluß Tobol. Das ge­samte weiße Sibir- und Jenissei-Kosaken­heer stand unter Waffen. Es wurden zahlreiche Freiwilligenverbände aufge­stellt, die aus Beamten, Studenten und Gymnasiasten bestanden. Doch diese Kräfte waren nicht ausreichend. Am 1. November 1919 mußte Omsk, die Haupt­stadt des weißen Sibirien, geräumt wer­den. Admiral Koltschak verließ Omsk als einer der letzten in Begleitung eines Son­derzugs, der mit dem Staats-Goldschatz beladen war. Irkutsk sollte zur neuen weißen Hauptstadt werden.

Der Rückzug von Koltschaks Truppen (die sich unter äußerst schwierigen Klim­abedingungen, in ständige Kämpfe mit Rotarmisten und roten Partisanen ver­wickelt, in drei Gruppen aufgeteilt zu­rückzogen) ist in die Geschichte des Rus­sischen Bürgerkriegs als der „(Große) Si­birische Eis-Feldzug“ eingegangen. Am 4. Januar 1920 brach in Irkutsk ein be­waffneter Aufstand der Roten aus. Ein aus Sozialrevolutionären und Mensche­wisten (linken Sozialdemokraten, die den Bolschewisten bisher feindlich ge­sonnen waren) bestehendes Politische Zentrum9 riß die Macht an sich. Es er­klärte Koltschaks Macht in ganz Sibirien für abgeschafft. In der Nacht des 13. Ja­nuar wurde Koltschaks Leibwache und das Wachpersonal des Zuges mit Ruß­lands Goldschatz entwaffnet. Am 15. Ja­nuar wurde der von tschechoslowaki­schen Legionären verhaftete Koltschak in Irkutsk dem Politischen Zentrum über­geben. Als Gegenleistung der Roten durften die Tschechoslowaken, die den russischen Goldschatz beschlagnahmten, ungehindert bis nach Wladiwostok wei­terfahren, von wo aus sie dann nach Eur­opa eingeschifft wurden. Der französi­sche General Maurice Janin, Chef der mi­litärischen Entente-Mission im weißen Sibirien, rührte keinen Finger, um Ruß­lands Obersten Regenten zu retten. Als am 1. Februar 1920 weiße Truppen der Generale Wladimir Kappel und Sergej Wojzechowski vor Irkutsk erschienen und die Stadt zu erstürmen versuchten, um Koltschak herauszuhauen, wurde dieser auf Befehl des inzwischen an die Stelle des sozialrevolutionär-menschewistischen Politischen Zentrums getrete­nen bolschewistischen militärischen Re­volutionskomitees am 7. Februar er­schossen.
Anfang März erreichten die weißen Truppen Kappels über den im Winter eingefrorenen Baikalsee die ostsibirische Stadt Tschita, wo sie sich dem Ataman des Sibir-Kosakenheeres Grigori Semjo­now unterordneten, der seinerzeit von Koltschak zum Oberbefehlshaber in Ost­sibirien ernannt worden war. Sie kämpf­ten bis Ende 1921 gegen die Roten, im Bestand der neuformierten weißen Fer­nostarmee.

Der Kampf in Sibirien nach Koltschaks Tod

Der Weiße Kampf dauerte in der fernöst­lichen Primorje-Region mit der Haupt­stadt Wladiwostok bis Oktober 1922 fort. Im Sommer 1922 wurde in Wladiwostok die sogenannte Amur-Ständeversamm­lung (Priamurskij Semskij Sobor) einbe­rufen, die die Wiederherstellung der Monarchie in Rußland proklamierte und Großfürst Nikolai Nikolajewitsch Roma­now, den ehemaligen Oberbefehlshaber der Zarenarmee im Weltkrieg und Onkel des von den Bolschewisten 1918 in Jeka­terinburg ermordeten Zaren Nikolaus II., zum Regenten Rußlands ernannte. Gene­ral Michail Diterichs, vorher Kriegsmini­ster der weißen Provisorischen Amur- Regierung, veröffentlichte den Untersu­chungsbericht über die Ermordung der Zarenfamilie und wurde zum Diktator der Primorje-Region ernannt. Nach dem Fall Wladiwostoks im Oktober 1922 setz­te er sich mit den Resten seiner Armee nach Wonsan im japanisch besetzten Ko­rea ab. 1923 versuchte eine weiße jakuti­sche Freiwilligenschar unter dem Kom­mando des Generals Anatoli Pepeljajew, in Ostsibirien einen antibolschewisti­schen Aufstand zu entfachen. Doch auch dieser letzte Widerstandherd wurde durch überlegene Kräfte der Roten Ar­mee vernichtet.

General Miller war die wichtigste Figur des antibolschewistischen Widerstandes in Nordrußland. Nach der Niederlage seiner Truppen gegen die Rote Armee aufgrund der ausbleibenden Unterstützung seitens der Westmächte floh Miller am 19. Februar 1919 vom Hafen Archangelsk aus nach Westen. Der Widerstand der Freiwilligen-Nordarmee dauerte jedoch bis Ende März 1920 weiter an. Miller wurde 1937 von sowjetischen Agenten in Frankreich entführt und 1938 in Moskau erschossen.

Nordrußland (1918–1920)

Eine der ersten Fronten des antibolsche­wistischen Kampfes um Rußland war die Nordfront. Ihre Stabilität hing jedoch von der Unterstützung durch die Entente ab, die im Norden eine größere Rolle spielte als in Süd- und Ostrußland. Noch vor Abschluß des Friedens von Brest-Li­towsk waren Rußlands Westalliierte sehr um das Schicksal der Nordhäfen Mur­mansk und Archangelsk besorgt, wor­über Rußland mit Kriegsmaterial ver­sorgt wurde. Nach Abschluß des Brest- Litowsker Friedens entstand jedoch die Gefahr der Auslieferung dieses Kriegs­materials durch die Bolschewisten an die Deutschen. Außerdem konnten die wei­ßen finnischen Truppen des ehemaligen Zarengenerals Freiherr von Manner­heim, die mit deutscher Hilfe den Bol­schewismus in Finnland niederschlugen, sich der russischen Nordhäfen samt Waf­fen- und Munitionsdepots bemächtigen. Britische Truppen gingen in Murmansk an Land, allerdings in Abstimmung mit dem Murmansker Sowjet, der am 2. März 1918 das deutsche Ultimatum während der Brest-Litowsker Verhandlungen ver­urteilt und Admiral Camp, Komman­deur des britischen Geschwaders im Weißen Meer, um militärische Unterstüt­zung ersucht hatte. Im April/Mai 1918 nahm der deutsche Einfluß auf den bol­schewistischen Rat der Volkskommissa­re (Sownarkom)10 im für die Entente be­drohlichen Ausmaß zu, die den deut­schen Botschafter Graf Wilhelm von Mir­bach-Harff als den „Diktator von Rot­moskau“ bezeichnete. Gleichzeitig brach der antibolschewistische Aufstand der Tschechoslowakischen Legion aus. Die Alliierten nahmen nunmehr immer häu­figer zum antibolschewistischen Unter­grund Nordrußlands Kontakte auf. Be­sonders einflußreich war die Unter­grundorganisation „Bund der Wiederge­burt Rußlands“11 mit Sergej Maslow an der Spitze. Den stärksten militärischen Machtfaktor bildeten die Offiziersorgani­sationen unter Fregattenkapitän Georgi Tschaplin. Als Führer der antibolschewi­stischen Opposition im Norden war der ehemalige namhafte Revolutionär (und Hochgradfreimaurer) Nikolai Tschai­kowski, Vorsitzender der Volkssozialisti­schen Partei, allgemein anerkannt.

Am 1. August 1918 befreiten Kapitän Tschaplins Offiziere mit Unterstützung der britischen Flotte Archangelsk. So wurde der russische Norden zu einer weiteren Basis des antibolschewistischen Widerstandes. An seine Spitze stellte sich die „Oberste Verwaltung des Nordgebie­tes“ (WUSO), die von englischen, kanadi­schen, US-amerikanischen, französischen und serbischen Truppenkontingenten unterstützt wurde. Die „allzu demokrati­sche“ Zusammensetzung und Innenpoli­tik des WUSO rief jedoch Bedenken bei den russischen Militärs hervor, die die WUSO sogar der heimlichen Zusammen­arbeit mit den Bolschewisten verdächtigten. Kapitän Tschaplin putschte am 5. September 1918, jedoch ohne Erfolg. Am 7. Oktober wurde Tschaikowski zum Chef der Provisorischen Regierung des Nordgebiets (WPSO) gewählt, die größ­tenteils aus konstitutionellen Demokra­ten bestand und „einen Mittelkurs zwi­schen links und rechts“ zu steuern be­dacht war. Bald wurde Tschaikowski als russischer Vertreter zu den Friedensver­handlungen nach Frankreich abgesandt. Als sein Stellvertreter und Befehlshaber in Nordrußland fungierte fortan General Miller mit Sitz in Archangelsk. Am 20. August 1918 wurde die allgemeine Mobilmachung erklärt. Im Rahmen der aufgestellten Nationalen Volkswehr des Nordgebietes standen insgesamt 15.000 Mann unter Waffen. Hinzu kamen insge­samt 15.000 Alliierte. Erwartet wurde die Vereinigung mit den Truppen der Tsche­choslowakischen Legion auf der Linie Archangelsk – Wologda – Jekaterinburg. Doch dieser Plan mißlang. Ende März 1919 gelang es der weißen Nordarmee, im Raum Petschora mit dem rechten Flü­gel von Koltschaks Sibirischer Armee Fühlung anzunehmen. Im Juni 1919 wur­de General Miller durch Admiral Kolt­schak zum Befehlshaber aller Nordfront­truppen ernannt. Zu diesem Zeitpunkt zählte Millers Freiwillige Nordarmee be­reits 25.000 Mann. Ihre militärische Un­terstützung durch die Westalliierten hör­te jedoch bald auf. Im August 1919 be­schloß die britische Regierung, alle Trup­pen aus Nordrußland abzuziehen. Miller entschied sich jedoch, auch ohne Hilfe der Entente weiterzukämpfen.

Im Herbst 1919 setzte seine Freiwillige Nordarmee ihre Offensive gegen die Ro­ten im Raum Petrosawodsk – Onegasee – Petschora erfolgreich fort. Die Weißen befreiten große Teile des Gebiets Wo­logda. Am 4. Februar begann jedoch die bolschewistische Gegenoffensive an der Norddünafront. Am 18. Februar brach der weiße Widerstand vollkommen zu­sammen. Am 19. Februar verließen Ar­meekommando und Regierung mit Ge­neral Miller auf dem Seeweg die Hafen­stadt Archangelsk. Am 21. Februar brach in Murmansk ein bolschewistischer Auf­stand aus. Am 23. Februar befahl der weiße Truppenbefehlshaber im Raum Murmansk, General Waleri Skobeltsin den Rückzug zur finnischen Grenze. Ein­zelne Einheiten der Freiwilligen Nordar­mee kämpften jedoch bis Ende März 1920 verbissen weiter. So endete der Wei­ße Widerstand in Nordrußland.

Führer der Weißen Bewegung in Nordwestru߬land war General Nikolai Judenitsch, der hoff¬te, mit geringen Kräften Petrograd von den Bolschewiki befreien zu können, da der Gro߬teil der Roten Armee im Osten gegen Kolt¬schak und im Süden gegen Denikin kämpfte. In der russischen Emigration spielte Denikin kei¬ne Rolle mehr. Er starb 1933 in Cannes.

Nordwestrußland (1919–1920)

In Nordwestrußland hing die Lage der weißen Russen stark vom Verhältnis zu den auf den Trümmern des Russischen Reiches entstandenen Nachbarstaaten Finnland, Estland und Lettland ab. Im Ja­nuar 1919 entstand im finnischen Hel­singfors (Helsinki) ein Russisches Politi­sches Komitee unter Vorsitz des konsti­tutionellen Demokraten Kartaschow, das vom Erdöl-industriellen Stepan Liano­sow finanziert wurde. Es gelang ihm, bei finnischen Banken einen Kredit in Höhe von zwei Millionen Mark aufzunehmen. Führer der Weißen Bewegung in Nord­westrußland wurde General der Infante­rie Nikolai Judenitsch, der im Weltkrieg erfolgreich im Kaukasus und in Mesopo­tamien gegen die Türken gekämpft hatte. Da das Gros der roten Truppen im Osten gegen Koltschak und im Süden gegen Denikin kämpfte, hoffte Judenitsch, selbst mit geringen Kräften Petrograd von den Bolschewisten befreien zu kön­nen. Als Basis für seine Offensive be­trachtete er die in Estland und Lettland stationierten Truppen des weißen russi­schen Nordkorps. Am 10. Juni 1919 er­nannte der Oberste Regent Rußlands, Admiral Koltschak, General Judenitsch zum Oberbefehlshaber aller russischen Heeres- und Marinetruppen, die an der Nordwestfront gegen die Bolschewisten kämften. Dazu gehörten General Alexan­der Rodsjankos Nordkorps, Oberst Stanislau Bulak-Balachowitschs Frei­scharen, die im Raum Pskow (Pleskau) operierten, sowie die Freiwillige Russi­sche Westarmee des Obristen und späte­ren Generalmajors Fürst Pawel Awaloff(- Bermondt). Letztere bestand mehr als zur Hälfte aus deutschbaltischen und reichsdeutschen Freikorps, einschließlich Major Josef Bischoffs Eiserner Division, die als Gegenleistung für den Waffen­dienst unter russischen Fahnen Land und die russische Staatsbürgerschaft zu­gesagt erhielten.
Nach Judenitschs Planung konnte das rote Petrograd entweder von Finnland aus über Karelien oder aber von Estland aus über Pskow und Jamburg angegrif­fen werden. Bis zum Sommer 1919 gab er der ersten, karelischen Variante den Vor­zug, weil Petrograd ganz dicht an der da­maligen Grenze zu Finnland lag. Außer­dem konnte Judenitsch in diesem Fall mit der Unterstützung seitens General Millers Freiwilliger Nordarmee, die sich aus dem Raum Archangelsk gen Süd­osten vorschob, sowie mit der finnischen freiwilligen Olonez-Armee rechnen. In diesem Fall könnte eine einheitliche anti­bolschewistische Front in ganz Nordruß­land gebildet werden.

Die Offensive des weißen Nordkorps erwies sich als erfolgreich. Am 13. Mai durchbrachen die Weißen die bolschewi­stische Narwafront, umgingen Jamburg und schlugen die Roten in die Flucht. Am 15. Mai befreiten sie Gdow, die erste Großstand auf dem Weg nach Petrograd. Am 17. Mai fiel der wichtige Verkehrs­knotenpunkt Jamburg. Am 25. Mai er­oberten die mit Judenitsch verbündeten estnischen Truppen und Bulak-Balacho­witschs russische Freischaren Pskow. Ab 1. Juni stand das Nordkorps, das am 19. Juni in Nordarmee und am 1. Juli 1919 in Freiwillige Nordwestarmee umbenannt wurde, unter dem Kommando von Ge­neral Rodsjanko.

Mitte Juli setzte jedoch eine Gegenof­fensive der 7. Sowjetarmee im Raum Jamburg ein. Sie drängte die Weißen über den Fluß Luga. Ende August zogen sich die estnischen Truppen aus dem Raum Pskow zurück und ermöglichten den Bolschewisten die Rückeroberung Pskows. Dadurch wurde die Fläche des für den weißen Angriff auf Petrograd notwendigen Brückenkopfs mehr als hal­biert.

Am 11. August 1919 wurden die mei­sten politischen Berater Judenitschs zum britischen Konsul nach Reval (Tallinn) eingeladen und unter Androhung der Einstellung jeglicher britischen Hilfe mit der Notwendigkeit konfrontiert, die staatliche Unabhängigkeit Estlands an­zuerkennen. Unter dem Druck dieses Ul­timatums bildeten sie eine russische Nordwestregierung mit Lianosow an der Spitze und Judenitsch als Kriegsminister, die Estland „in die Unabhängigkeit ent­ließ“.

Offen blieb noch die „finnische Varian­te“. Bis zur Mitte des Jahres 1919 wurden die finnischen Roten Garden von den fin­nischen Weißen geschlagen. Finnlands Regent Freiherr v. Mannerheim hielt es aber für notwendig, Finnland vor der äußeren sowjetischen Gefahr abzusichern. Daher unterstützte er die Absicht seines alten Kriegskameraden General Jude­nitsch, die militärischen Anstrengungen abzustimmen. Vorerst verliefen die dies­bezüglichen Verhandlungen erfolgreich. 80.000 finnische Soldaten standen bereit, Judenitschs Angriff auf Petrograd zu un­terstützen. Die einzige Bedingung be­stand in der Anerkennung von Finnlands praktisch schon erreichter Unabhängig­keit. Der russische Vertreter in Paris, der ehemalige Außenminister Sergei Saso­now erklärte jedoch Mannerheims Be­dingung für inakzeptabel. Der neue Staatschef Finnlands, Stolberg, seit jeher rußlandfeindlich eingestellt, unterbrach die Verhandlungen mit Judenitsch und verbot, russische Truppen auf finni­schem Hoheitsgebiet aufzustellen. Infol­gedessen blieben die Finnen, von kleinen Freiwilligenverbänden unter Oberst Yrjö bzw. Georg Wilhelm Elfvengren (eben­falls ehemaliger Zarenoffizier) abgese­hen, an weißrussischen Operationen in Karelien unbeteiligt.

Der angebrochene Herbst 1919 wurde für den Ausgang des Weißen Kampfes in Nordwestrußland entscheidend. Estland erklärte seine feste Absicht, mit den So­wjets Frieden zu schließen, falls die Nordwestarmee die Kampfhandlungen gegen die Bolschewisten nicht bis zum Winter beginnen sollte. Auch die Briten forderten den möglichst baldigen Angriff der Nordwestarmee auf Petrograd und sagten Unterstützung ihrer Marine zu. Daher wurde die Notwendigkeit eines zweiten Angriffs auf Petrograd für Jude­nitsch zum Obligo. Er wurde über die positiven Ergebnisse des Marsches von Denikins WSJuR-Truppen laufend infor­miert, die bereits vor Orel und Brjansk standen. Daraus ergab sich die in der ge­samten Geschichte des Bürgerkriegs ein­malige praktische Möglichkeit eines kombinierten Vorstoßes der weißen Ar­meen auf die beiden Metropolen Petro­grad und Moskau.
Anfang Oktober 1919 zählte die Nord­westarmee 17.000 Mann. Neben Freiwil­ligen bestand sie zum beachtlichen Teil aus roten Überläufern und Kriegsgefan­genen. Akut wurde die Frage der Haupt­stoßrichtung. Die meisten Berufsmilitärs mit General Rodsjanko an der Spitze schlugen die Vormarschlinie Pskow–Lu­ga–Petrograd vor. Diese Richtung sicher­te ein stabiles Hinterland als Basis für Mobilmachung und Schaffung eines effi­zienten örtlichen Verwaltungsapparats. Judenitsch entschied sich jedoch, direkt nach Petrograd vorzustoßen, ohne die Schaffung eines gesicherten Hinterlan­des und die Flankenabsicherung abzu­warten. In diesem Fall hing alles von der Schnelligkeit des Vormarsches ab.

Finnlands Regent, der ehemalige zaristische General von Mannerheim, forderte die Anerkennung der Unabhängigkeit seines Landes im Austausch gegen die weitere Unterstützung Judenitschs. Dazu war der Außenminister der Regierung Koltschaks, Sergei Sasonow, der auch an der Pariser Friedenskonferenz 1919 teilnahm, aber nicht bereit, und Finnland stellte die Unterstützung Judenitschs ein.

In Sichtweite von Petrograd

Am 16. Oktober 1919, eine Woche nach Beginn der Offensive, standen die Wei­ßen bereits auf den Pulkowo-Höhen dicht vor Petrograd. Von dort aus war durch Feldstecher die vergoldete Kuppel der Petrograder St.-Isaak-Kathedrale (die orthodoxe Hauptkirche von ganz Ruß­land) zu sehen. Die Bolschewisten, die Verstärkungen von anderen Fronten er­hielten, konzentrierten jedoch bald 50.000 Rotarmisten, schwere Artillerie und Panzerzüge gegen die durch hohe Verluste geschwächte Nordwestarmee. Am 1. November waren die Weißen, die im Laufe dreiwöchiger erbitterter Kämp­fe die Hälfte ihrer Armee verloren hatten, zum Rückzug gezwungen. Am 14. No­vember 1919 mußten Judenitschs Nord­westler unter bolschewistischem Druck Jamburg verlassen. Die dezimierte Nord­westarmee war an die estnische Grenze vor Narwa gedrängt. Die schwere Lage der Weißen wurde durch starken Frost und eine ausgebrochene Fleckenfieber- Epidemie zusätzlich erschwert. Die estni­sche Regierung trat in Friedensverhand­lungen mit den Sowjets und schloß am 31. Dezember 1919 einen Friedensvertrag mit Sowjetrußland ab. Die Bolschewisten hatten Estlands Unabhängigkeit aner­kannt und als Gegenleistung die Nicht­zulassung der Präsenz weißer russischer Truppen auf estnischem Hoheitsgebiet erreicht. Das war das Ende der Weißen Bewegung in Nordwestrußland. Jude­nitschs Truppen wurden entwaffnet und aufgelöst, um in Estland als Internierte Torf zu stechen und Bäume zu schlagen.

Die Westrussische Befreiungsarmee, die zu weit mehr als der Hälfte aus deutschen Frei¬korps-Männern bestand, wurde von Fürst Awaloff-Bermondt geführt. Awaloffs Armee war monarchistisch eingestellt und stand da¬mit im Gegensatz zur unentschiedenen Hal¬tung des weißen Oberkommandos. Auch wandte sich die Entente entschieden gegen jegliche deutsch-russische Waffenbrüderschaft. Die lettische Regierung verweigerte Awaloff schließlich den Durchmarsch, und Judenitsch wurde von der Entente gezwungen, sich von ihm loszusagen.

Das Ende der Nordwestarmee

Die Hauptursache des Mißerfolgs der Nordwestarmee lag im Fehlen von Re­serven. Als Reserve hätte die Freiwillige Russische Westarmee des Fürsten Awaloff(-Bermondt) dienen können, die mehr als zur Hälfte aus deutschen Frei­willigen bestand (den Rest bildeten größ­tenteils russische Kriegsgefangene, die aus deutschen Lagern entlassen waren), mit deutschen Waffen aus den Beständen des VI. Armeekorps ausgestattet war und bis zu 50.000 Mann zählte. Sie hätte ohne weiteres die Lage an der Nordwest­front zugunsten der Weißen entscheiden können. Doch es sollte nicht dazu kom­men. Erstens war Awaloffs Russische Westarmee offen monarchistisch einge­stellt, was der unentschiedenen Haltung des weißen Oberkommandos (bis hin zum Obersten Regenten Admiral Kolt­schak) in der Frage der künftigen Staats­form Rußlands zuwiderlief. Zweitens war die Entente entschieden gegen jegli­che deutsch-russische Waffenbrüder­schaft. Nicht von ungefähr erklärte der französische Premier Georges Clemen­ceau: „Wenn sich die Russen mit den Deutschen vertragen, kann der (Welt-) Krieg für uns als verloren betrachtet wer­den.“ Um Judenitschs Nordwestarmee vor Petrograd helfen zu können, mußte Awaloffs Westarmee durch lettisches Hoheitsgebiet marschieren. Die lettische Regierung verweigerte ihr das. Jude­nitsch wurde von der Entente gezwun­gen, Fürst Awaloff zum „Verräter“ zu er­klären und russischen Freiwilligen zu verbieten, sich dessen Westarmee anzu­schließen. Mehr noch! Die Briten zwan­gen Judenitsch, einen Teil seiner Artille­rie, die er vor Petrograd gegen die Roten sehr wohl hätte gebrauchen können, den Letten zu übergeben, die sie gegen Awaloffs deutsch-russische Westarmee (in deren Reihen u.a. der deutsche Frei­korps- und Baltikumkämpfer Albert Leo Schlageter diente und dafür die russische Staatsbürgerschaft erhielt) einsetzten. Der Entente-freundliche und -abhängige Denikin erklärte: „Zum Teufel mit Ber­mondt und seinen Deutschen!“ Fürst Awaloffs Telegramme an Rußlands Obersten Regenten Admiral Koltschak blieben unbeantwortet. Die Westarmee versuchte, sich den Weg nach Petrograd durch lettisches Gebiet mit Waffengewalt zu bahnen. Die Entente erklärte Fürst Awaloff zum „Aggressor“, der darauf bedacht sei, „die Unabhängigkeit der baltischen Republiken zu vernichten“. Die Westarmee drang bis nach Riga vor, wurde jedoch von der lettischen und est­nischen Armee mit Unterstützung briti­scher, französischer und US-amerikanischer Kriegsschiffe nach Kurland und dann über die deutsche Grenze zurück­gedrängt.

Im Endergebnis konnten die Sowjets vor Petrograd gegen Judenitschs 15.000 weiße Freiwillige über 50.000 Rotarmi­sten konzentrieren und die weiße Offen­sive vereiteln. Die Bolschewisten erhiel­ten ständig Verstärkungen über die Ni­kolajewskaja-Eisenbahn, die von den Truppen des weißen Generals Wetrenko wider Judenitschs Befehl nicht rechtzei­tig abgeschnitten wurde.

Am 22. Januar 1920 befahl Judenitsch die Auflösung seiner Nordwestarmee. Ein Teil der Nordwestler setzte jedoch den Kampf gegen die Sowjets in den Rei­hen der Russischen Freiwilligen Volksar­mee von Bulak-Balachowitsch und Sa­winkow fort, die ihren Kleinkrieg gegen die Bolschewisten 1921/22 in der Polesi­en-Region (Belarus) weiter führte. Da­nach entstanden auf deren Basis Frei­scharen der „Bruderschaft der Russi­schen Wahrheit“, „Gefolgschaften der Grünen Eiche“ und andere weiße bzw. „grüne“ antibolschewistische Kampfor­ganisationen.

Die Krim als letztes Bollwerk des weißen Rußland

Anfang 1920 schienen die Lage des wei­ßen Südens von Rußland sowie jeder weitere bewaffnete Kampf gegen die Ro­ten völlig aussichtslos. Die durch den Mißerfolg des Vormarsches nach Mos­kau, die verheerende Fleckenfieberseu­che und die katastrophale Evakuierung aus Noworossijsk deprimierten Reste der WSJuR-Truppen gingen, moralisch und physisch erschöpft, in den Häfen der Halbinsel Krim ans Land. In dieser Lage entschied der in Sewastopol versammel­te weiße Kriegsrat die Frage eines neuen Befehlshabers. Am 4. April 1920 übertrug Denikin die Vollmachten des Oberbe­fehlshabers Generalleutnant Baron Pjotr Wrangel.

Sehr viele auf der Weißen Krim glaub­ten nicht an die Möglichkeit, die kleine Halbinsel auf Dauer gegen die rote Über­macht zu halten. England weigerte sich praktisch, den Weißen Süden zu unter­stützen, und forderte ihn ultimativ zur Kapitulation auf. General Jakow Slascht­schows Korps hielt noch die Perekop- Stellung, die Kampfmoral der auf der Halbinsel gelandeten WSJuR-Truppen war aber unter jeder Kritik. Wrangel war jedoch fest entschlossen, den Kampf fort­zusetzen. Dazu bedurfte es allerdings der Wiederherstellung der Weißen Front und des Weißen Hinterlandes, sei es diesmal nur auf dem Territorium der Halbinsel Krim.

Der Grundsatz der persönlichen Mili­tärdiktatur, der sich im Weißen Süden noch in den Zeiten der 1. Kuban-Feldzü­ge durchgesetzt hatte, blieb unangeta­stet. Kein Gesetz, keine Weisung konnte ohne die Sanktion des Oberbefehlshabers in Kraft treten. Wrangel verstand seinen Auftrag wie folgt:

Rußland könne nicht mittels eines Tri­umphzuges von der Krim aus bis nach Moskau befreit werden, sondern nur durch den Aufbau einer Staatsordnung auf einem kleinen Fleckchen russischen Landes und solcher Lebensverhältnisse, die für das unter dem roten Joch leiden­de russische Volk attraktiv wären. Somit wurde auf die Befreiung Moskaus in ab­sehbarer Zeit verzichtet und die Absicht erklärt, die Krim in eine Art Brückenkopf zu verwandeln, wo ein neues politisches Programm verwirklicht und ein „weißes Rußlandmodell“ als Alternative zum „roten Rußlandmodell“ geschaffen wer­den sollte (ähnlich wie dies nach dem Zweiten Weltkrieg mit Taiwan und Süd­korea als Alternative zu Rotchina und Nordkorea passierte).

Im Bereich der Nationalitäten- und Kosakenpolitik verzichtete die weiße Re­gierung Südrußlands auf Denikins und Koltschaks Grundsätze eines „großen, einheitlichen und unteilbaren Ruß­lands“. Am 4. August 1920 wurde in der neuen weißen Hauptstadt Sewastopol den Atamanen der Don-, Kuban-, Terek-und Astrachen-Kosakenheere vertraglich völlige Unabhängigkeit zugesichert. Im September/Oktober wurde versucht, auch mit dem antibolschewistischen Nordkaukasischen Bergvölkerbund Ähnliches zu vereinbaren. Dahinter stand die Absicht, eine gemeinsame Front mit allen zu bilden, die mit der So­wjetmacht unzufrieden waren. Das wich­tigste innerpolitische Ereignis der wei­ßen Krim war die bisher von allen wei­ßen Regierungen versäumte Grund- und Bodenreform. Sie war auf die Schaffung einer neuen Sozialbasis der Weißen Be­wegung ausgerichtet, einer wohlhaben­den Bauernschaft, die imstande wäre, die weiße Macht zu unterstützen, Armee und Hinterland zu versorgen.

Bis Anfang Oktober 1920 wurden in den meisten Landbezirken und Kreisen örtliche Bauernräte gewählt und der mei­ste Großgrundbesitz unter den Bauern verteilt, die von den Staatsbehörden ent­sprechende Besitzurkunden erhielten.

Eng mit der Grund- und Bodenreform verknüpft war die Reform der örtlichen Selbstverwaltung, die das Fundament des russischen Staates auf der Krim bil­den sollte. Die lokalen Selbstverwal­tungsgremien sollten ausschließlich aus grundbesitzenden Bauern bestehen, die nicht nur am Erhalt der staatlichen Stabi­lität, sondern auch an dem Schutz dieser Stabilität durch ihre eigene Kraft interes­siert wären.
Die erfolgreiche Abwehr bolschewisti­scher Angriffe auf die weiße Krim erfor­derte eine gut organisierte und diszipli­nierte Armee. Die Streitkräfte Südruß­lands erhielten die Bezeichnung „Russi­sche Armee“12, wie die Streitkräfte des Russischen Kaiser- bzw. Zarenreiches vor der Revolution 1917 offiziell bezeich­net worden waren.

Nach der Flucht Denikins übernahm der deutschbaltische zaristische General Baron Pjotr Wrangel den Oberbefehl im Süden. Wrangel wollte aus den Fehlern Denikins und Koltschaks lernen, er sicherte den Kosaken vertraglich ihre Unabhängigkeit zu und versuchte, auch mit den antibolschewistischen kaukasischen Bergvölkern zu einer vergleichbaren Einigung zu kommen. Außerdem führte er die bisher von allen weißen Regierungen versäumte Bodenreform durch. Nachdem ihn die Entente fallenließ, ermöglichte er noch allen Militärs und Zivilisten – insgesamt 150.000 Menschen – die Flucht von der Halbinsel Krim. 1928 starb Wrangel in Brüssel, vermutlich vergiftet durch einen sowjetischen Geheimagenten.

Das „Bauernopfer“ der Entente

Im Sommer 1920 war Polen von den Bol­schewisten stark militärisch bedrängt, die bis nach Lemberg und Warschau vor­stießen. Um die Lage der Polen zu er­leichtern, wandte sich die Entente mit dem Vorschlag an General Wrangel, von der Krim aus eine neue Offensive gegen die Sowjets zu beginnen, um dafür als Gegenleistung militärische Hilfe seitens der Entente und Polens bei der Befreiung Rußlands vom bolschewistischen Joch zu erhalten. Wrangel wollte die ihm gebote­ne Chance nicht ungenutzt lassen. Seine Russische Armee war inzwischen gut ausgebildet, uniformiert und bewaffnet. Wrangel befürchtete zu Recht, daß im Falle der Eroberung Polens durch die So­wjets die Rote Armee die Krim sowieso angreifen würde und er in diesem Fall noch schlechtere Karten hätte. Daher stieß er von der Krim aus ins bolschewi­stisch besetzte Gebiet vor. Die in den Steppen Nordtauriens entbrannten Ge­fechte waren außerordentlich blutig, er­bittert und verlustreich. Im Juni 1920 ver­nichtete Wrangels Russische Armee einen der besten bolschewistischen Groß­verbände. Im Juli und August wurde un­unterbrochen weitergekämpft, wobei sich die Mannstärke der zur wahren Volksarmee gewordenen Russischen Ar­mee halbierte, während die aus Krim­bauern und übergelaufenen Rotarmisten bestehenden Verstärkungen nicht schlechter kämpften als alte Freiwillige aus Kornilows, Alexejews und Denikins Zeiten. Im September drang die Russi­sche Armee ins Donezk-Gebiet bzw. Donbaß ein. Wrangels Donkosaken be­freiten Jusowka, eines der wichtigsten Donbass-Zentren, von den Roten. Die So­wjetbehörden wurden in aller Eile aus Jekaterinoslaw evakuiert. Wrangel wur­de jedoch vom gleichen Mißgeschick er­eilt, das ein Jahr zuvor alle Erfolge von General Denikins Armeen zunichte ge­macht hatte. Die weiße Front wurde wie damals allzusehr in die Länge gezogen, sein Armee erwiesen sich außerstande, die Front auf die Dauer zu halten.

Hinzu kam noch ein weiterer höchst negativer Faktor. Die Polen, deren Lage durch Wrangels Offensive so erleichtert wurde, daß sie die roten Sowjetarmeen mit Hilfe der Entente vor Warschau schlagen konnten, schlossen mit Sowjet­rußland einen Separatfrieden ab. Wran­gel, der „seine Schuldigkeit getan hatte“, wurde von Polen und den Entente-Groß­mächten kaltblütig im Stich gelassen.

Mitte Oktober 1920 begannen die So­wjets, die nunmehr zahlreiche Truppen von der polnischen Front nach Südruß­land verlegen konnten, eine derart ge­waltige und schnelle Gegenoffensive, daß die geschwächten Truppen der Rus­sischen Armee sie nicht abwehren konn­ten. Die ganze Front wurde aufgerollt. Semjon Budjonnys Rotes Kavalleriekorps stieß bis zur weißen Perekop-Stellung vor und drohte, die sich zurückziehen­den weißen Truppen abzuriegeln. Nur dem Mut und der Ausdauer von General Alexander Kutepows Korps und den Donkosaken war es zu verdanken, daß die weiße Armee vor der völligen Um­zingelung gerettet werden konnte. Deren Gros konnte auf die Halbinsel Krim ent­kommen. In allen amtlichen Erklärungen Wrangels hieß es, die Armee würde auf der Krim überwintern und abwarten, bis die Sowjetmacht spätestens im Frühjahr 1921 derart durch rußlandweite Arbeiter-und Bauernaufstände geschwächt sein würde, daß ein neuer Ausbruch der Wei­ßen aus der Krimfestung unbedingt zum Erfolg führen würde.

Doch die roten Machthaber Rußland, die durch die tatsächlich in Sibirien, in den Regionen Tambow und Woronesch und andernorts ausgebrochenen Bauern­aufstände sowie die antibolschewistische Meuterei der roten Matrosen im Marine­stützpunkt Kronstadt bei Petrograd höchst besorgt waren, dachten nicht dar­an, bis zum Frühjahr zu warten. Am drit­ten Jahrestag des bolschewistischen Um­sturzes begann der Sturm auf die weiße Perekop-Stellung. Bis zu Sturmbeginn war die auf Wrangels Anregung begon­nene Truppen-Umgruppierung der Wei­ßen Armee noch nicht abgeschlossen. So waren die Weißen gezwungen, die so­wjetischen Angriffe ohne notwendige Vorbereitungen und Ruhepausen abzu­wehren. Bereits am Abend des 10. No­vember 1920, am dritten Tag der Ab­wehrkämpfe, erhielt Wrangels Haupt­quartier General Kutepows Telegramm über den Durchbruch der Perekop-Stel­lung durch die Rote Armee gemeinsam mit Machnos Anarchisten-Bauernheer. Der Fall Perekops erforderte von General Wrangel eine unverzügliche Entschei­dung, um seine Armee und die von ihr beschützten Flüchtlinge im Hinterland zu retten. Wrangel ließ seinen schon vor­her erstellten Evakuierungsplan verwirk­lichen.

150.000 Flüchtlinge

Am 11. November befahl er als Regent Südrußlands und Oberbefehlshaber der Russischen Armee den Rückzug. Allen Militärs und Zivilisten, die gewillt wa­ren, die Krim zu verlassen, wurde (an­ders als in Noworossijsk vor einem Jahr) diese Möglichkeit geboten. In sämtlichen Krim-Häfen außer Feodossija wurden sie verladen. Alle von den Roten verfolgten weißen Truppen konnten den Bolschewi­sten entkommen und rechtzeitig an Bord gehen. Viele glaubten allerdings der ro­ten Lügenpropaganda und blieben auf der von Wrangel verlassenen Krim. Die siegreichen Roten brachen jedoch ihr Versprechen. Im Winter 1920/21 wurden 120.000–150.000 Militärs und Zivilisten im Zuge des Roten Terrors ermordet. Das gleiche Schicksal ereilte auch Machnos Anarchisten, die „ihre Schuldigkeit getan hatten“ und von den Bolschewisten ab­geschlachtet wurden.
Generalleutnant Baron Wrangel ver­ließ am 14. November 1920 als einer der letzten den Hafen von Sewastopol. 126 Schiffe mit 50.000 Militärs und über 100.000 Zivilisten stachen in See13. So en­dete das letzte Kapitel der tragischen Ge­schichte des weißen Kampfes im Süden Rußlands.
 

Der Autor wurde im Jahr 1955 in Moskau gebo­ren und ist als Dolmetscher, Übersetzer, Journa­list und Verfasser zahlreicher Sachbücher unter anderem über den russischen Bürgerkrieg, die deutschen Freikorps und den Zweiten Welt­krieg tätig. Er ist Pressesekretär der 2012 ge­gründeten monarchistischen Partei Rußlands und hat den vorliegenden Artikel in deutscher Sprache verfaßt.

 

Anmerkungen

1 Wserossijskij Komitet Spassenija Rodiny i Revoluziji.

2 Wojenno-Revoluzionnyj Komitet.

3 Komitet Obschtschestwennoj Bedsopassnosti.

4 Woorushonnyje Sily Juga Rossiji.

5 1 Werst = 1,0668 km.

6 Sojuz Saschtschity Rodiny i Svobody.

7 Rossijskaja Armija.

8 Im Russischen Reich bestanden elf Kosa­kenheere (Kosakengebiete mit eigener Selbstverwaltung) der Don-, Kuban-, Terek-, Ural-, Sibir(ien)-, Astrachen-, Orenburg-, Sa­bajkalje- (Transbaikal-), Semiretschje-, Amur-und Ussurikosaken. Die Kosaken unterschie­den sich ethnisch, sprachlich usw. mehr oder weniger von den „(Groß-)Russen“, grenzten sich seit alters her mehr oder weniger von ih­nen ab und strebten gegen Anfang des 20. Jh. immer stärker nach Autonomie bzw. Unab­hängigkeit. Da die Kosaken ihren Eid auf Treue dem Zaren (und nicht „dem russi­schen Staat als solchem“) gegenüber schwo­ren, betrachteten viele Kosaken-Autonomi­sten bzw. -separatisten ihre Bindung an Ruß­land nach dem Fall der Monarchie als zu­mindest fraglich, wenn nicht völlig aufgelöst.

9 Politzentr.

10 Sowjet Narodnych Kommissarow.

11 Sojuz Vosroshdenija Rossii.

12 Russkaja Armija, im Unterschied zu Koltschaks „Rußländischer Armee“ (Rossijs­kaja Armija).

13 Die Gesamtzahl der infolge des bol­schewistischen Umsturzes und des Bürger­kriegs 1917–1922 aus Rußland geflüchteten Personen betrug an die zwei Millionen.

 
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