Neid, eine anthropologische Konstante, tritt zumeist verdeckt auf und ist daher weiter verbreitet, als es den Anschein hat. Er wirkt gesellschaftlich destruktiv, da der Neider Werte und Besitztümer lieber zerstört wissen möchte, als sie dem Beneideten zu gönnen. Eine neidzerfressene Gesellschaft wäre nicht funktionsfähig. Deshalb gilt Neid überall als verachtenswerter und geächteter Charakterzug, zu dem sich niemand zu bekennen wagt. Unverhüllt zeigt er sich lediglich bei Kindern, die auf die Überlegenheit eines Spielkameraden gern mit Tätlichkeiten reagieren, etwa durch Umwerfen von Spielgeräten oder Zerstören von Sandbauten.
Alle Gesellschaften haben zu ihrem Schutz Mechanismen entwickelt, die Neid verhindern oder zumindest einschränken sollen, etwa entsprechende moralisch-religiöse oder verfassungsrechtliche Bestimmungen. Schon in den Zehn Geboten wird untersagt, das Weib oder die Besitztümer eines anderen zu begehren. Die Verfassung der klassischen Polis Athen kennt das Institut des Scherbengerichts (Ostrakismos). Die stimmberechtigten Vollbürger können jeden Politiker, den sie für zu einflußreich halten, zu Fall bringen, indem sie dessen Namen auf eine Tonscheibe schreiben; wird ein gewisses Quorum erreicht, muß der Betreffende die Stadt für zehn Jahre verlassen. Die Vermutung, daß ein solches Verfassungsinstitut nicht nur dem Schutz der demokratischen Staatsform dient, sondern auch etwas mit Neid zu tun hat, ist bereits im Altertum geäußert worden. So berichtet Plutarch über eine Begebenheit, die sich im Zusammenhang mit dem gegen Aristides angestrengten Scherbengericht abspielt. Dieser wird von einem neben ihm stehenden schreibunkundigen Bauern gebeten, seinen Namen auf dessen Scherbe zu schreiben. Auf die Frage, was er denn gegen Aristides habe, antwortet der Bauer: „Ich weiß gar nichts von ihm, aber ich ärgere mich, wenn ich immer von Aristides dem Gerechten sprechen höre.“ Plutarchs bündiger Kommentar: „Sie verbannten Aristides, indem sie ihrem Neid auf seinen Ruhm den Namen der Furcht vor tyrannischer Herrschaft beilegten“ (Plutarch, Aristides 7).
Für die Staatsspitze der römischen Republik gelten die Prinzipien der Annuität und der Kollegialität. Die beiden regierenden Konsuln, deren Amtsdauer auf ein Jahr begrenzt ist, kontrollieren sich gegenseitig, so daß Machballung in der Hand eines einzigen ausgeschlossen ist. Zugleich soll aber wohl auch politisch motivierter Neid verhindert werden, zumal sich auf diese Weise zahlreichen ehrgeizigen Angehörigen der Nobilität die Möglichkeit bietet, Konsul zu werden und damit auf Lebenszeit in das Führungsorgan der Republik, den Senat, einzurücken.
Große Bedeutung für die Eindämmung des Neides hat in der Folgezeit die Kirche. Einerseits ist sie heilsvermittelnde Instanz für alle und bietet mit ihren Lehren und Institutionen, ihren Heiligen und ihren Vertretern – vom Bettelmönch bis zum Fürstbischof – vielfältige Identifikationsmöglichkeiten. Andererseits stabilisiert sie mit dem Glauben, daß alle irdischen Verhältnisse gottgewollt sind, die jeweils bestehende Ordnung. Vor allem aber wird durch die Aussicht auf Ahndung von Ungerechtigkeit im Jüngsten Gericht und auf ein besseres Leben im Jenseits dem Neid die Spitze genommen.
In der ständisch geschlossenen Gesellschaft des Mittelalters und der frühen Neuzeit hat der Neid ohnehin wenig Chancen, da jedem ein fester Platz im sozialen Gefüge zugewiesen ist und es sich verbietet, den jeweils Höhergestellten als gleichrangig zu betrachten. Heute liegen die Dinge anders. Mit der im Laufe der jüngeren Zeit zunehmenden Wirksamkeit der Gleichheitsidee spielt der Neid eine erheblich größere Rolle. Der Grund für diese Entwicklung liegt darin, daß zwischen Neid und Gleichheitsstreben ein innerer Zusammenhang besteht. Beide entspringen der gleichen Wurzel: dem Unbehagen an der genetisch-biologisch und gesellschaftlich-kulturell vorgegebenen Ungleichheit der Menschen. Solange diese prästabiliert erscheint, bleiben demjenigen, der sich daran stößt, nur zwei Möglichkeiten: Er findet sich schließlich resignierend damit ab, notgedrungen und aus Einsicht in ihre Unabänderlichkeit, oder er frißt seinen Groll in sich hinein und verfolgt andere mit Neid, der sich bis zu blankem Haß auf alles Überlegene steigern kann. Seitdem sich aber zunehmend, besonders seit der Französischen Revolution, die Möglichkeit ergibt, gleichheitspolitische Vorstellungen zu verwirklichen, besteht für Gegner der menschlichen Ungleichheit noch eine dritte Option: Sie können sich im Sinne einer konstruktiven Alternative um die Egalisierung der Verhältnisse und damit um den Aufbau einer neuen, in ihren Augen „besseren“, „gerechteren“ und „humaneren“ Ordnung bemühen.
Diese „progressive“ Zielsetzung von Anfang an, verbunden mit dem moralischen Anspruch, den „anständigen“ Teil der Menschheit zu vertreten, stößt bei vielen Menschen durchaus auf positive Resonanz. Dies ermöglicht es aber auch dem Neider, der zuvor zum Schweigen gezwungen war, aus der Deckung zu treten und seine Vorstellungen unter der Maske der Lauterkeit ins Spiel zu bringen, an verborgene Neidgefühle zu appellieren und sich diese politisch nutzbar zu machen. Damit hat der Neid, durch entsprechendes Vokabular getarnt, in neuerer Zeit größere Chancen als zuvor, im öffentlichen Raum wirksam zu werden.
Neid bleibt zwar weiterhin verfemt, doch wäre angesichts seiner weiten Verbreitung die Annahme, er spiele in der Politik keine Rolle, naiv. Zwar tritt er selten so unverblümt zutage wie beispielsweise bei der Forderung, nach den Geldmillionären müßten auch die Gehirnmillionäre abgeschafft werden. Die radikal-egalitäre Zielsetzung wird vielmehr unter humanitaristisch-gesellschaftsfreundlicher Verbrämung verfolgt, mit Vokabeln wie „menschlich“, „mitmenschlich“, „sozial“, „sozialverträglich“, „solidarisch“ umschrieben. Allerdings verdrängen auch viele Gleichheitspolitiker ihre Neidmotive und sind sich ihres eigentlichen Antriebs gar nicht bewußt.
Da sowohl materielle als auch geistige Unterschiede aufgehoben oder wenigstens übertüncht werden sollen, tummeln sich Neidpolitiker besonders auf den Feldern Wirtschaft und Steuerwesen, Bildung und Kultur. In schöner Regelmäßigkeit werden etwa die Beseitigung von Privilegien und Lohnunterschieden, höhere Besteuerung der „Reichen“ und Aufhebung der schulischen Niveauunterschiede („Inklusion“) gefordert; alle sollen Zugang zu allem haben. Selbst in der kommunalen Alltagspolitik läßt sich Neid als Motiv durchaus nicht immer ausschließen, etwa wenn es um soziale Durchmischung von Wohnvierteln (und damit um deren Wert) oder auch nur um Geschwindigkeitsbeschränkungen im Straßenverkehr geht.
Anders als der Neid hat der Gleichheitsgedanke im Laufe der Jahrhunderte zu bedeutsamen Errungenschaften im Hinblick auf die Menschenwürde geführt, zu Toleranz und Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Teilhabe. Gerade hohe Ideale sind jedoch nicht gegen Mißbrauch durch Übertreibung gefeit – aus übersteigerter Freiheit können Willkür, Anarchie und Chaos, aus „summum ius“ kann „summa iniuria“ erwachsen. Auch die Gleichheitsidee ist stets in der Gefahr, zu egalitärem Wahn zu verkommen. Das im Namen der Gleichheit vorgenommene Menschheitsexperiment des Kommunismus hat nicht nur weiten Teilen der Erde Mangelwirtschaft und Tyrannei gebracht, sondern mehr als hundert Millionen Tote gefordert. Obgleich der Offenbarungseid dieses Systems nicht deutlicher hätte ausfallen können, werden weiterhin unter Berufung auf die Gleichheitsidee überall in der Welt und auf allen Ebenen natürlich-normale Verhältnisse, gewachsene Ordnungen und für das menschliche Leben notwendige Identitäten relativiert, beschädigt und zerstört. Nicht die Idee der Gleichheit, wohl aber der auf die Spitze getriebene Gleichheitswahn erweist sich damit als ebenso destruktiv wie der Neid, mit dem er unterschwellig verbunden ist.