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Vom Gleichheitswahn

Von Dr. Eduard J. Huber

Wer seine Augen aufmacht und in die Welt hineinschaut, erkennt unschwer: Alle Menschen sind verschieden. Da gibt es nicht zwei, die völlig gleich wären. Es gibt Männer und Frauen, Kinder und Greise, Starke und Schwache, Gesunde und Kranke, Große und Kleine, Übergewichtige und Magersüchtige usw. Es gibt Leute, welche die hundert Meter in weniger als zehn Sekunden laufen, und andere, die dafür fast zehn Minuten brauchen; es gibt welche, die hundertfünfzig Kilo stemmen, und andere, die kaum eine Einkauftasche tragen können. Wo ist denn da Gleichheit?
Was von den körperlichen Fähigkeiten gesagt werden kann, gilt ebenso von den geistigen: Es gibt Gescheite und Dumme, Genies und Idioten. Man erlebt Leute, die Logarithmen im Kopf ausrechnen, und andere, die nicht sagen können, was dreimal fünfzehn ist. Es gibt Pianisten, die ganze Klavierkonzerte auswendig spielen, und andere, die nicht einmal „Hänschen klein“ spielen können. Es soll Leute geben, die ein ganzes Telefonbuch im Kopf haben, und solche, die immer wieder ihre eigene Nummer vergessen. Was heißt da Gleichheit?
Reduziert man die pompöse Behauptung, alle Menschen seien gleich, auf ihren Kern und fragt sich, worin sie denn wirklich gleich seien, bleibt nur eine Aussage übrig: Alle Menschen sind Menschen. Das ist eine Tautologie! Alle Löwen sind Löwen, alle Schweine sind Schweine, alle Silberfischchen sind Silberfischchen. Und was folgt daraus? Nichts! Tautologien haben bekanntlich die Eigenschaft, daß mit dem Prädikat nichts ausgesagt wird, was nicht bereits im Subjekt enthalten wäre. Aus der Feststellung, alle Menschen seien Menschen, läßt sich also nichts ableiten. – Aber das ist offenbar nur Theorie, denn in der gesellschaftlichen und politischen Praxis werden daraus die atemberaubendsten Folgerungen gezogen.

 

Das glorreiche 18. Jahrhundert

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 heißt es feierlich: „Wir halten die Wahrheit selbst für einleuchtend, daß alle Menschen gleichgeschaffen sind, so daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, wozu Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehören; …“1 Da hat sich Jefferson gar nicht die Mühe gemacht, etwas zu begründen, sondern er erklärt die Gleichheit der Menschen einfach für evident, obwohl sie jeder Erfahrung widerspricht.
Etwas realistischer ist da die französische „Déclaration des droits de l‘homme et du citoyen“ von 1789, wo es heißt: „Die Menschen werden frei und an Rechten gleich geboren und bleiben es. Die gesellschaftlichen Unterschiede können nur auf dem allgemeinen Nutzen begründet werden.“2 Hier wird immerhin präzisiert, daß sie nur „an Rechten gleich“ sind, und zugleich eingeräumt, daß es trotzdem gesellschaftliche Unterschiede geben kann.
Worum es der französischen Konstituante (1789–1791) konkret ging, zeigt exemplarisch jene dramatische Sitzung vom 4. August 1789, in welcher der Klerus und der Adel feierlich auf ihre Privilegien verzichteten. „Gleiche Rechte“ bedeutete also zunächst nichts weiter als: Abschaffung der Privilegien des 1. und 2. Standes, in der Folge davon die Abschaffung der Stände überhaupt. Das praktische Ergebnis lautete dann: Alle französischen Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. – Auf dieser Grundlage stehen alle modernen Verfassungsstaaten.

 

Gleichberechtigung

So weit, so gut. Wohl niemand möchte heutzutage noch diese Gleichheit vor dem Gesetz missen. Selbst eine Mehrheit der Adligen würde eine Rückkehr zur Ständeordnung nicht mehr gutheißen. Aber die Gleichheitsideologie, wie sie neuerdings propagiert wird, geht über den historischen Ansatz des 18. Jahrhunderts weit hinaus, indem sie vorgibt, man brauche, ja dürfe auf die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Menschen gar nicht mehr eingehen und könne eine möglichst umfassende Gleichheit herstellen.
Man begann damit, daß man den Frauen die Teilnahme an der Politik gestattete und das allgemeine und gleiche Wahlrecht einführte, was zweifellos folgerichtig war. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht 1919 eingeführt, in Frankreich erst 1945. Aber man blieb nicht dabei stehen, sondern entwickelte den Gedanken, es müßten in allen Positionen ebenso viele Frauen wie Männer vertreten sein, und da sich dieser Zustand nicht von selbst herstellen wollte, versuchte man es mit Quotenregelung, was eigentlich dem im Grundgesetz festgelegten Grundsatz widerstreitet: „Niemand darf wegen seines Geschlechts … benachteiligt oder bevorzugt werden“ (Art. 3 (3) GG). Nun sollen Frauen bei der Vergabe von Ämtern aber doch bevorzugt werden, bis der richtige Proporz hergestellt ist.
Frauen sind auch zum Dienst an der Waffe zugelassen, was besonders widersinnig ist. Jahrhundertelang gehörte es zu den Errungenschaften der europäischen Kultur, daß nur Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Frauen und Kinder sollten nach Möglichkeit aus den Kriegshandlungen herausgehalten werden. In der Haager Landkriegsordnung von 1907 wurde dieser Grundsatz auch international anerkannt. Das bedeutet nicht, daß Frauen nicht auch mit modernen Waffen kämpfen könnten. Die Frauenbrigaden der Roten Armee haben im Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll bewiesen, daß es geht. Und doch war es ein kultureller Rückschritt.
Auch Bergleute und Seeleute waren traditionell Männer, ebenso Arbeiter an den Hochöfen der Stahlwerke. Und der Beruf der Hebamme darf bis heute nur von Frauen ausgeübt werden (Frauenärzte gibt es jedoch). Für all das gab und gibt es vernünftige Gründe. Warum sollte das nun einer blinden Gleichheitsideologie geopfert werden? Da nun aber Feministinnen gerne so tun, als bedeute es eine Benachteiligung der Frauen, wenn sie nicht im Bergwerk arbeiten oder sich im Krieg totschießen lassen dürfen, werden allmählich die letzten Klarheiten restlos beseitigt. Darum fragen nun auch viele, warum es keine katholischen und orthodoxen Priesterinnen geben solle. Ja, warum wohl nicht? Weil es einen Mann erfordert „in persona Christi“ am Altar zu stehen, da Christus nun einmal als Mann auf die Welt gekommen ist, was radikale Feministinnen natürlich nicht für wesentlich halten.

 

Gender Mainstreaming

Inzwischen sind wir einen Schritt weiter und beim „Gender Mainstreaming“ angelangt, was immer das heißen mag. Angeblich wird jetzt das Geschlecht nicht mehr von der Natur bestimmt, sondern vom Menschen, der es chirurgisch verändern lassen kann, wenn ihm danach ist. Der Grundgesetzartikel 2 (2) „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ darf da schon ab und zu ignoriert werden! Neuerdings benötigt man nicht einmal mehr eine Operation; es genügt die formelle Willenserklärung, daß jemand sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt – und schon wird aus einem Mann eine Frau und umgekehrt.
Das ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Man darf auch beschließen, weder Mann noch Frau zu sein, sondern irgendein fiktives Geschlecht zu haben: bigender, genderqueer, Pangeschlecht, Transmensch, Inter*, Butch, Drag usw. Inzwischen gibt es mindestens sechzig „neue Geschlechter“! Und alle sind selbstverständlich gleichberechtigt; denn sie sind ja Menschen, und das genügt.
Wie weit man sich da in einer Parallelwelt bewegt, zeigt das Ergebnis einer Analyse von Genforschern des Weizmann-Institutes: „Auch wenn Mann und Frau über eine nahezu identische Ausstattung mit Genen verfügen und von den Geschlechtsorganen abgesehen eine überschaubare Zahl an äußerlichen Unterschieden aufweisen – sobald man genauer auf die Erbanlagen hinsieht, findet man gewaltige Unterschiede: Mindestens 6.500 von knapp 20.000 untersuchten Erbanlagen sind entweder in dem einen oder dem anderen Geschlecht stärker aktiviert.“3 Da sich die Gleichheitsideologen auf dem wissenschaftlichen Niveau des 18. Jahrhunderts bewegen, können sie von der Genomforschung des 21. Jahrhunderts natürlich noch nichts wissen und wollen es auch nicht. Im Amsterdamer Vertrag von 1999 wurde Gender Mainstreaming sogar als Handlungsmaxime der EU festgeschrieben.

 

Schulwesen

Der Einebnung der natürlichen Geschlechter auf der biologischen Ebene parallel verläuft die systematische Mißachtung der Begabungsunterschiede auf der geistigen Ebene. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es noch ein intaktes dreigliedriges Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium, und die Schüler wurden nach Maßgabe ihrer intellektuellen Fähigkeiten gefördert. Aus Volksschülern wurden Handwerker oder Arbeiter, aus Realschülern Facharbeiter oder Ingenieure, aus Abiturienten – damals 5 % eines Jahrganges – erst Studenten, dann Diplomingenieure, Wissenschaftler oder höhere Beamte. Es war genau dieses System, das Deutschland zu einem Zentrum der Wissenschaft und Technik und zu einem industriellen Zentrum der Welt gemacht hat.
Dieses in jeder Hinsicht erfolgreiche System wird nun seit Jahrzehnten geradezu planmäßig zerstört. Die Fiktion, alle Kinder seien von Natur aus gleich begabt und ihre Leistungsunterschiede rührten lediglich von ihrer sozialen Herkunft her, hat zu einem grotesken, den sozialistischen Staaten abgeschauten Bildungssystem geführt: Alle Kinder sollen erst in die Kinderkrippe, dann in den Kindergarten gesteckt werden, danach eine Gesamtschule besuchen, möglichst als Ganztagsschule (damit ihre Mütter brav arbeiten können), schließlich sollen möglichst viele von ihnen durchs Abitur und auf die völlig überfüllten Hochschulen gelotst werden, und wenn sie dort versagen, sind die Professoren schuld.

 

Inklusion

Am unteren Ende der Skala sieht es nicht besser aus. Da ist man auf die glorreiche Idee verfallen, geistig und seelisch behinderte Kinder in normale Klassen einzuschleusen und diesem Unfug den verführerischen Titel „Inklusion“ zu verleihen. „Lehrer werden mit autistischen, geistig behinderten, depressiven oder traumatisierten Kindern konfrontiert – und lassen sich das gefallen. Wer als Lehrer ohne einschlägige Therapieausbildung mit psychisch kranken oder schwer lernbehinderten Kindern umgeht (und das noch umgeben von den anderen Kindern der Klasse), vergeht sich am Wohl dieser Kinder. Und wer solches anordnet, weiß in der Regel nicht, was er tut; die Fähigkeit zum Umgang mit beeinträchtigten Kindern wächst nicht mit der Höhe der Schulhierarchie.“4
Bisher gab es Sonderschulen, in welchen die behinderten Kinder von besonders ausgebildeten Lehrern individuell gefördert wurden, so daß sie später doch einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Jetzt werden sie in normale Klassen gesteckt, wo sie heillos überfordert sind und meist auch keinen Anschluß an ihre Klassenkameraden finden. Aber Lehrer und Schulleitungen sind zu feige, sich das Scheitern des unsinnigen Experiments einzugestehen.
„Die Folgen dieser Feigheit tragen nicht nur die benachteiligten Kinder. Patricks Mitschüler erleben die Erosion eines geordneten Unterrichts, werden nicht kundig belehrt über sein Verhalten und sind ratlose Zeugen, wie die geliebte Lehrerin ihre Ruhe, Stärke, Autorität und Selbstachtung einbüßt. Für diese Kinder ist die Schule kein sicherer Ort mehr. Das Leiden der beteiligten Lehrkräfte ist immens, aber es läge in ihrer Macht, solche Zustände zu beenden oder gar nicht erst eintreten zu lassen.“5 Aber wer traut sich noch, gegen den Zeitgeist aufzumucken und Vernunft und Augenmaß einzufordern?
Daß das deutsche Bildungswesen auf dem absteigenden Ast ist, beweisen nicht nur die (fragwürdigen) PISA-Studien, sondern lehrt die alltägliche Erfahrung. Inzwischen suchen die Firmen händeringend nach Facharbeitern und einfachen Ingenieuren und können sie nicht finden, weil die jungen Leute auf den Universitäten herumhängen und Soziologie, Politologie oder Gender Studies betreiben.
Das alles wäre vorhersehbar gewesen, wenn die politischen Entscheidungsträger nicht mit ideologischen Scheuklappen durch ihre Büros und Sitzungsräume geeilt wären und jedes Mal, wenn sie gegen die Wand der Realitäten prallten, nur verwundert gefragt hätten: Wo hat’s denn da gerumpelt?

 

Die Last der Geschichte

Nun muß man freilich einsehen, daß nicht alles auf schierer Dummheit beruht. Schon unmittelbar nach dem Krieg wollte die amerikanische Militärverwaltung das Gymnasium abschaffen, weil sie verhindern wollte, daß Deutschland je wieder zu einer Großmacht aufsteigen könne. Die deutschen Eliten damals gehörten zwar einer geschlagenen Nation an, hatten aber das eigenständige Denken noch nicht aufgegeben und widerstanden dem Ansinnen der Sieger. Diese Lage hat sich nun gründlich geändert, und die den Amerikanern oder internationalistisch gesinnten Denkschulen (die nun Think Tanks oder Denkfabriken heißen) verpflichteten deutschen Politiker bewegen sich nicht mehr auf dem Niveau der Nachkriegsgeneration, von Leuten wie Adenauer, Erhard, Kurt Schumacher oder Carlo Schmid. Sie schwimmen im großen Strom der Phrasen, im Geschwätz von den europäischen Werten, die angeblich Demokratie und Menschenrechte heißen, sie stimmen ein in den Chor der Refugees-welcome-Aktivisten und scheren sich keinen Deut um die Identität einer uralten Kulturnation.
„Ist es schon Wahnsinn, hat es doch Methode.“ Wenn alle Menschen gleich sind, sind es logischerweise auch alle Nationen. Dann sind Grenzen ein Ärgernis oder schlichtweg nicht mehr notwendig, wie deutsche Diplomaten im Herbst 2015 auf einer Konferenz in London erklärten: „Es gibt keine Grenzen.“ Wozu auch? Vor allem die Deutschen müssen ja bekanntlich vor sich selbst geschützt werden; also: „Liebe Ausländer, laßt uns mit diesen Deutschen nicht allein!“ Von Linken und Grünen wird ja schon seit Jahrzehnten die multikulturelle Gesellschaft gefordert. Nun wird sie eben Wirklichkeit. Die babylonische Sprachverwirrung in deutschen Großstädten beweist es auch.
Nur wird bei aller Euphorie eines vergessen: Demokratie setzt Volkssouveränität voraus. Wenn ein Volk seine Souveränität aufgegeben hat, verliert es auch sein Freiheit; denn man kann Freiheit und Gleichheit nicht zugleich haben, wie schon der alte Goethe wußte: „Gesetzgeber und Revolutionärs, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.“6 Man mag also wählen, was unsere Politiker eigentlich sind. Vermutlich sind sie beides.

 
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