Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker
Für die burschenschaftliche Bewegung war seit ihrem Entstehen der nationale Gedanke konstitutiv, die Verpflichtung auf ihn unterschied sie von anderen studentischen Gruppierungen. Dennoch standen in den verschiedenen Phasen der burschenschaftlichen Geschichte sehr unterschiedliche Ziele im Mittelpunkt, zeitgebundene und solche von überzeitlicher Bedeutung. Aus der Sicht des Autors lassen sich fünf Abschnitte ausmachen.
Die erste Phase in der Geschichte der Burschenschaften erstreckt sich im wesentlichen von den Freiheitskriegen gegen Napoleon bis zur Revolution von 1848. Die Ziele waren einfach: Demokratie, Republik und Nationalstaat. Genau jene Prinzipien, die sich mit Ende des Ersten Weltkriegs in Europa durchsetzen sollten. Aus heutiger Sicht kann man kritische Einwendungen erheben, etwa darauf verweisen, daß die Idee des Nationalstaates dem deutschen Volk in Europa in besonderer Weise geschadet hat. Verbandsbruder Norbert Nemeth (Akad. B! Olympia Wien) hat in seinem Roman „Die Karlsbadverschwörung“ auch auf die Parallelen im Denken der radikalen Urburschenschafter, wie der „Gießener Schwarzen“ um Karl Follen, und der Gründergeneration der RAF verwiesen. Insgesamt: Der Einfluß der Ideen der Französischen Revolution war unverkennbar. Und das ist vom Verfasser nicht als Kompliment gemeint.
Doch in diese Jahrzehnte fällt auch die „Entdeckung des Eigenen“, der DDr. Thor v. Waldstein ein hochinteressantes Buch gewidmet hat („Der Zauber des Eigenen“, Landtverlag 2021). Die deutsche Nationalbewegung und mit ihr die Burschenschaften erkannten erstmals in der Geschichte den Wert und die Tiefe des eigenen Volkstums, seiner Märchen und Sagen, Lieder und Trachten, Bräuche und Bauten. Nicht zuletzt waren die Gebrüder Grimm zwar nicht selbst Burschenschafter, standen diesen Verbindungen aber nahe. Bei der Lektüre stolpert man freilich immer über das Pathos, mit dem die Vordenker der nationalen Bewegung vom eigenen Volk sprachen, dem sie einen größeren inneren Reichtum als allen anderen zusprachen. Wir sind gewohnt, in dieser Frage von Wertungen abzusehen und den Angehörigen eines jeden Volkes Stolz auf dessen unbestreitbar vorhandene Vorzüge zuzugestehen. Doch rasch wird klar, daß die Verfasser dieser Texte nicht an Kroaten, Tschechen oder Esten gedacht haben können, sondern ausschließlich mit Blick auf die französische Nation argumentiert haben. Mehr als ein Jahrhundert lang hatten sich die Deutschen der höheren Stände in erster Linie an Frankreich orientiert, Kunst, Kultur, Literatur und Lebensart nur beim westlichen Nachbarn erblickt und auf das eigene Volkstum mit Verachtung herabgeblickt. Dies hatte sich zwar schon mit Klopstock und Lessing und erst recht in der Zeit des Sturm und Drangs zu ändern begonnen, aber noch Friedrich von Hohenzollern meinte, Deutsch nur mit seinen Hunden sprechen zu können. Die besondere überzeitliche Leistung der frühen deutschen Nationalbewegung liegt gerade in dieser Entdeckung des „Zaubers des Eigenen“, in der Entdeckung des kulturellen Reichtums und der seelischen Tiefe des eigenen Volkstums in dessen vielfältigen kulturellen Ausprägungen. Und die Burschenschaft hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt.
Der zweite Abschnitt in der burschenschaftlichen Geschichte umfaßt im wesentlichen die zweite Hälfte des „langen“ 19. Jahrhunderts (bis hin zum Ersten Weltkrieg). Aus den Trägern des republikanischen Gedankens waren Monarchisten geworden. Auch die Buden österreichischer Bünde schmückten Kaiserportraits – nicht habsburgischer freilich, sondern hohenzollerischer. Geradezu kulthaft wurde von den österreichischen Bünden die Verehrung eines märkischen Junkers namens Bismarck betrieben, der weder mit Demokratie noch mit Nationalstaat und erst recht nicht mit Republik etwas am Hut hatte. Doch kleindeutscher Gedanke, Borussophilie und Habsburgerfeindlichkeit waren nur das Markenzeichen studentischer Schwarmgeister und bierschwangerer Exkneipen. Schon bald fanden sich die ehemaligen Studenten als Tierärzte und Lehrer, Mediziner, Juristen und Architekten in allen Teilen der k.?u.?k. Monarchie wieder und sahen sich vor das gleiche Problem gestellt: In den meisten Kronländern Österreich-Ungarns stellten die Deutschen nur eine – mehr oder minder starke – Minderheit, herausgefordert durch die zunehmend selbstbewußter werdenden anderen Nationen. Als Antwort entstanden zahlreiche deutsche Schul-, Kultur- und Schutzvereine, deren größter, der „Deutsche Schulverein“ mit Hauptsitz in Wien, binnen weniger Jahre mehr als 100.000 Mitglieder zählte und sich um alle Grenzlanddeutschen bzw. volksdeutschen Minderheiten in der österreichischen Reichshälfte der k. u. k. Monarchie kümmerte. Natürlich läßt sich nicht in Abrede stellen, daß hier auch viel Überheblichkeit gegenüber den anderen Völkern der Donaumonarchie mitspielte, doch insgesamt muß die Arbeit dieser Kulturvereine als überaus positiv im Sinne der „Bewahrung des Eigenen“ gewertet werden. Jede kleindeutsche Lösung hätte diese deutschen Volksgruppen vom Kulturboden des geschlossenen deutschen Siedlungsgebietes abgeschnitten und die Ziele dieser Kulturarbeit ungeheuer beeinträchtigt, wie es nach dem Ersten Weltkrieg dann auch der Fall war. Antihabsburgisch waren die Alten Herren der verschiedenen österreichischen Burschenschaften zu Ende des 19. Jahrhunderts also sicher nicht mehr.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzten die Westalliierten das Prinzip des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ durch, verweigerten dieses aber insbesondere den Deutschen. Im klein gewordenen Österreich setzte nur mehr die marginalisierte Randgruppe der Monarchisten auf eine Restauration der Habsburger, das Streben nach dem Anschluß an den ebenso beschnittenen deutschen Nationalstaat dominierte fast alle gesellschaftlichen Gruppierungen Österreichs: die Sozialdemokratie ohnedies, aber auch große Teile der Christlich-Sozialen. Vorkämpfer des Gedankens waren ohne Frage die Burschenschaften, nationalsozialistisch waren diese lange Zeit jedoch nicht, erst ab Mitte der 1930er Jahre durch den zunehmenden außen- und wirtschaftspolitischen Erfolg des Dritten Reiches. In Deutschland ging es der Nationalbewegung um die Überwindung der Fesseln des Versailler Vertrags und um den Kampf für das Selbstbestimmungsrecht auch für Deutsche.
Spöttisch wurde vermerkt, die größte historische Leistung der Österreicher sei es gewesen, (den Rheinländer) Beethoven zu einem Österreicher, Hitler aber zu einem Deutschen gemacht zu haben. Ein trauriger Wahrheitskern wohnt diesem Satz auch inne: Tatsächlich war es die Lebenslüge der zweiten österreichischen Republik, sich als „erstes Opfer“ der Nationalsozialisten zu stilisieren und sogar Mozart, dessen salzburgische Heimat zu seinen Lebzeiten durchaus nicht zu den habsburgischen Herrschaftsgebieten zählte, für sich zu reklamieren. Der Haß auf Preußen und die „Piefkes“ wurde, von der Regierung in Wien vielfältig befördert, zum wichtigsten Identitätsmerkmal des neuen Österreich, das solcherart versuchte, aus der deutschen Geschichte auszusteigen und eine eigene „Nation“ zu begründen. Die wesentliche Aufgabe der österreichischen Burschenschaften in dieser Zeit war es, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur deutschen Volks- und Kulturnation zu bewahren. Der Kampf gegen die deutsche Teilung und der Einsatz für die volksdeutschen Vertriebenen, aber auch die verbliebenen Minderheiten deutscher Zunge, vor allem in Ungarn und Rumänien, die niemals deutsche Reichsbürger, aber jahrhundertelang habsburgische Untertanen gewesen waren, trat hinzu. Und natürlich die Unterstützung der Südtiroler! In dieser Zeit war der Verfasser selbst aktiv und kann aus eigenem Erleben berichten, daß damals die (wohl unrealistische) Hoffnung auf eine deutsche Zukunft in den Vertreibungsgebieten noch lebendig war. Dies bedeutete nicht das Ziel einer Wiederangliederung dieser Gebiete im staatsrechtlichen Sinn, wozu die Deutschen schon allein aus demographischen Gründen niemals in der Lage gewesen wären. Es gab aber vor und nach 1989 vielerlei Publikationen und Konzepte, in den Vertreibungsgebieten deutsches Leben wieder zu ermöglichen. So schlug Univ.-Prof. Lothar Höbelt vor, Tschechien könnte die Vertriebenen mit Steuergutschriften entschädigen, die selbstredend nur rückkehr- oder zumindest investitionswilligen Sudetendeutschen zugute gekommen wären. Eine private Initiative des Verlegers Dietmar Munier schuf im nördlichen Ostpreußen sogar eine deutsche Schule, in der Hoffnung, daß sich Rußlanddeutsche, denen die Rücksiedlung in die BRD verwehrt blieb, im Oblast Kaliningrad niederlassen würden. Vergeblich. Die Schule gibt es heute immer noch, besucht wird sie fast ausschließlich von russischen Kindern. Tempi passati. Weder die Vertriebenen selbst noch deren unmittelbare Nachkommen, die bereits in der BRD aufgewachsen waren, fanden sich in nennenswerter Zahl bereit, in den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, im Sudetenland oder den anderen mittelosteuropäischen Staaten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von neuem deutsches Leben zu begründen. Man kann das bedauern oder auch nicht. Fakt ist, daß diese Gebiete von den ehemaligen deutschen Bewohnern und ihren Nachkommen aufgegeben wurden. Sollte irgendwann in Königsberg oder Breslau, Reichenberg oder Hermannstadt wieder deutsches Leben entstehen, werden dessen Träger nichts mehr mit den alten deutschen Stämmen der Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutschen oder Siebenbürger Sachsen zu tun haben, die nun endgültig der Geschichte angehören. Das kann man, wie gesagt, bedauern oder auch nicht, das Ende dieser Stämme muß jedoch als unabänderlich anerkannt werden.
In unserer Zeit geht es nur mehr um eines: Um die Bewahrung des deutschen Volkstums, um die Bewahrung des „Eigenen“ schlechthin. Ob das deutsche Volk und mit ihm die anderen europäischen Völker in hundert Jahren überhaupt noch existieren werden, muß mittlerweile mit einem Fragezeichen versehen werden. Schlagworte wie „Migrationsdruck“ und „Islamisierung“ bilden dabei nur die eine, äußere Seite der Medaille. Wenn man für die „Bewahrung des Eigenen“ streitet, muß dessen äußere Bedrohung geradezu dankbar verbucht werden, weil sie das grundlegende Problem vielen Zeitgenossen erst augenscheinlich werden läßt. Dem Kampf dagegen wohnt immerhin ein gewisser Mobilisierungsfaktor inne.
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer: Welches Interesse haben unsere Volksgenossen der Gegenwart überhaupt noch an der „Bewahrung des Eigenen“? Welche Bedeutung wird der seelischen Tiefe und dem inneren Reichtum der Märchen und Sagen, der Trachten und Lieder, der Bräuche und Bauten des eigenen Volkes noch zugemessen? Lebt die Jugend nicht in einer entkernten Weltgesellschaft, die die gleiche Musik hört, die gleichen Filme sieht und die gleichen Spiele spielt, ganz egal, ob die Teilnehmer in Wien oder Hannover, New York oder Sidney, Buenos Aires oder Tokio sitzen? Die islamische Welt, immerhin, versagt sich dieser Weltgesellschaft. Tut es unsere Jugend auch? Hält sie am Eigenen fest, das sie bewahrt und pflegt, trotz der Verlockungen der westlich-amerikanischen Weltgesellschaft? Hier ist nach Auffassung des Verfassers die wesentliche Aufgabe der Burschenschaft in unserer Zeit zu sehen, und diese kann nur gemeinsam mit allen anderen europäischen Kräften und Initiativen bewältigt werden, denen es um die „Bewahrung des Eigenen“ geht.
Die Konflikte der Vergangenheit müssen daher stillschweigen, so schwer dies dem einzelnen fällt. Als burschenschaftliche Bewegung werden wir immer für die Rechte der zahlenmäßig verschwindenden Verbliebenen in den ehemaligen Siedlungsgebieten des deutschen Volkes in Mittel- und Osteuropa eintreten. Doch die Vergangenheit ist vergangen, und gerade als Burschenschafter müssen wir über den eigenen Schatten springen und nun nicht mehr von einer – leider – völlig irreal gewordenen deutschen Zukunft Ostpreußens, Schlesiens, des Sudetenlandes oder auch Siebenbürgens sprechen, sondern gemeinsam mit den Völkern, die nun diesen ehemaligen deutschen Siedlungsboden beherrschen, für eine europäische Zukunft der europäischen Völker eintreten. Noch kann diese errungen werden, denn die osteuropäischen Völker sind nicht, wie das unsere, durch Schuld und Krieg gebrochen, sondern wollen ihr Land für ihre Kinder bewahren. Dieser Bewegung müssen wir uns einfügen, wenn es uns um die „Bewahrung des Eigenen“ geht. Auf zusammengeschmolzenem Volksboden freilich. Eine – realistische – Alternative gibt es nicht.