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Der nachfolgenden Analyse der rechtskonservativen Strömung „Alternative Right“ (kurz „Alt-Right“) in den USA liegen zwei Hauptgedanken zugrunde. Zum ersten glaube ich als Miterfinder1 dieser weitverbreiteten Bezeichnung, daß eine so benannte Strömung, auch wenn sie im letzten Jahr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, keinen dauerhaften Bestand hat; und zum zweiten scheint es mir, daß auch dann, wenn es der Alt-Right bestimmt ist, „in Rauch und Flammen aufzugehen“ oder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, sie einstweilen in den konservativen Medien weiter für Aufregung sorgen wird. Mich interessieren in diesem Zusammenhang folgende Fragestellungen: Wieviel Zerwürfnis können sich die Bonzen und intellektuellen Exponenten des „conservative establishment“ leisten, bevor sie von internen Widersprüchen merklich gestört werden? Und wie lange können sie ihre Gegensätze verstecken oder ihnen aus dem Weg gehen, um dem Publikum eine geeinte Front vorzugaukeln?
Der sogenannten konservativen Bewegung in den USA geht es insbesondere darum, bei ihren linken Gesprächspartnern nicht allzusehr anzuecken. Wenn heimelige Verhältnisse in den konservativen Medien zu konstatieren sind, dann bestehen sie keineswegs zwischen den Alt-Right-Vertretern und den medial akzeptierten Konservativen, sondern zwischen Prominenten, die ungefähr aus demselben Fernsehtrog speisen oder schlürfen. Die Führung des vom Pressebaron Rupert Murdoch bezuschußten Foxnews-Kanals bemüht sich, Advokaten des linksliberalen Establishments mit nahezu gleichgesinnten Pseudo-Konservativen diskutieren zu lassen. Niemals erlaubt man es einer „Rechtsaußen“-Persönlichkeit an dem strengstens reglementierten Austausch in den „Heiligen Hainen“ der Telekommunikation teilzunehmen. Diese regelrecht „ausgestanzten Fernsehgepräche“ kommen der sprachlichen Zwangsjacke des von Jürgen Habermas ausgerufenen „herrschaftsfreien Diskurses“ unheimlich nahe.
Zur Erreichung der erwünschten Geschlossenheit tat es not, um eine Formulierung des neokonservativen Publizisten Jonah Goldberg aufzugreifen, „zwischendurch Passagiere aus dem Autobus hinauszuschmeißen“. Mit dieser Einlassung umschreibt Goldberg eine Art Entwicklungsgeschichte seiner weltanschaulich hohlen Bewegung. Es geht nicht fehl, wenn man feststellt, daß ohne die von Goldberg gewünschte Ausscheidung der Verworfenen der amerikanische Konservatismus weitaus „bunter“ aussehen würde. Zu ihrem gegenwärtigen Sosein gehören jetzt ein inhaltsarmer „conservative“-Ankleber und die Neigung, gegen jeden verdächtigen „Rechtsaußen“ Hexenprozesse vom Zaun zu brechen.
Für führende Persönlichkeiten dieser „Made in America“-Konservatismus-Machart, wie zum Beispiel William F. Buckley, lieferte der Antikommunismus einen unerschütterlichen Daseinsgrund. Ihre intellektuellen und publizistischen Anstrengungen kreisten um die Bekämpfung der kommunistischen Feinde im In- und Ausland. Die „Bewegungsstifter“, die die zweimal im Monat erscheinende Zeitschrift National Review als Kampfinstrument zielbewußt gründeten, waren gewillt, den Antikommunismus zeitweilig mit anderen Motiven wie etwa mit einer weniger interventionistischen Regierung oder der Verteidigung der christlicher Sittlichkeit zu unterfüttern. Aber an erster Stelle ihrer Wertordnung rangierte der Antikommunismus und damit das Bedürfnis, einen engagierten, hingebungsvollen Kampf gegen die Kommunisten zu führen. Die alten Haudegen der isolationistischen Rechten, deren Beziehung zum Konservatismus auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückreicht, wurden von Buckley und seinem Anhang ohne Zögern ausgestoßen.
Aufgeräumt wurde auch mit der anderen, späteren „Altrechten“, also mit jener Rechtsopposition, die gegen die in den 1980er Jahren aufsteigenden Neokonservativen Stellung bezogen hat. In den 1970er Jahren schmiedeten Buckley und sein innerer Kreis einen Bund mit Antikommunisten der linken amerikanischen „Mitte“. Diese Gruppe bestand zumeist aus jüdischen Journalisten, die sich gegen die Sowjets wandten, da sie es ablehnten, als jüdische Bittsteller nach Israel auszuwandern. Außerdem existierten in Hülle und Fülle sozialdemokratische und trotzkistische Gegner des sowjetischen Kommunismus, deren Wut sich gegen die Sowjets richtete, die Linke „verraten“ hätten.
Dieser Kreis war Buckley keineswegs fremd. Es überrascht kaum, daß seine Publikationen und seine Fernsehauftritte die von Buckley vollzogene Wendung widerspiegelten. Denjenigen, die den neuen Kurs nicht mitmachen wollten oder konnten, kündigten die Anführer der Bewegung ihre Stellen oder Aufträge. Buckley und seine Unterstützer hielten über den Abweichlern ein Scherbengericht ab. Diese Aufräumungsarbeiten spitzten sich zu, als die Neokonservativen ihren Einflußbereich rechts der Mitte erweiterten. Aufgrund ihrer Beharrlichkeit konnten sie Mäzene wie den Pressebaron Rupert Murdoch gewinnen und sich ihre Vernetzung mit der „Mainstream“-Presse und deren Journalisten zunutze machen, was den Erfolg der Beeinflussungsbemühungen der Neokonservativen bis zu ihrer Beschlagnahme des „conservative establishment“ historisch verständlich macht.
Zudem gebrauchen die Neokonservativen ihre Mittel, um die inhaltlich immer weniger konservative Bewegung weiter nach links zu drängen, und diejenigen, die sich als nicht mitwirkungsfähig oder -willig zeigen, vor die Tür zu weisen. Nicht zuletzt griffen sie zum Mittel der Verächtlichmachung der Unangepaßten, die sie als Antisemiten „anbräunten“. Bei dieser Diskreditierung konnten sie sich auf die Unterstützung vieler linker Journalisten verlassen, die gegen jedwede „Altrechte“ mit vorauseilendem Gehorsam vorgingen.
Schon in den 1980er Jahren verdichtete sich eine streitbare Opposition gegen diesen „Neukurs“, die die meisten gebannten Elemente der Rechten seit Mitte des 20. Jahrhunderts zusammenschmolz. Mit eingeschlossen in dieser notdürftigen Allianz befanden sich die von mir so benannten „Paläokonservativen“ und die von Murray N. Rothbard vertretenen Anhänger eines Minimalstaates (die „Paläolibertarians“), die von Buckley schon in den 1950er Jahren ausgesondert worden waren. Trotz spärlicher Ressourcen sorgte dieser Bund für Schlagzeilen und zog den damaligen Präsidentschaftskandidaten Pat Buchanan, der als „Paläo“ firmierte, in seinen Bann.
Zum Leidwesen der Getreuen scheiterte dieser letzte Kreuzzug der Alten Rechten, als Buchanan in den Vorwahlen dem späteren Präsidenten George H. W. Bush unterlag. Von 1992 ab verdüsterten sich die Aussichten der „Paläos“. Sie wurden aus ihren verbliebenen Amtsstellen und journalistischen Anstellungen vertrieben, während sich die mediale Angriffe auf sie verschärften. Ihre Werbemittel verknappten sich frappant, bis sie auf ein paar Zeitschriften und, was deren Mitgliederzahl angeht, schwindsüchtige Vereine beschränkt waren. Ihr einstiger Sammelpunkt, die John-Randolph-Gesellschaft, verlor an Mitgliedern, und nachdem sich die im Frust versunkenen Alliierten untereinander überwarfen, zersplitterte sich ihre Kampffront unwiderruflich.
Allerdings bedeutete dieses Schrumpfen keinen Schwund aller Gegnerschaft. Ein Oppositionsblock von rechten Kritikern löste die anhaltende Bemühung aus, diese „rechtsextremistische Minderheit“ aus der keimfrei zu machenden konservativen Bewegung zu verbannen. Dieser Bewegung standen stets Kontrahenten gegenüber, auch wenn die Kämpfer sich ablösten und es ihnen nicht gelang, das Establishment ins Wanken zu bringen. Die Verbannten waren nicht alle gleich gestrickt; jeder Versuch, einen neuen Bund aus dem Widerständlertum zusammenzubringen, versandete letztlich, nachdem der Einsatz der „Paläos“, die sich um Buchanan geschart hatten, erfolglos geblieben war. In Betracht zu ziehen ist auch der Altersdurchschnitt dieser Opposition, der sich, als das Jahrtausend wechselte, durchschnittlich schon in den Sechzigern befand.
Wie die konkurrierenden Anspruchsberechtigten auf einen unbesetzten Thron verhielten sich die auf weiter Flur fast allein stehenden Fraktionsführer, die laufend gegeneinander Streit vom Zaun brachen. Etliche ließen sich zu einer strengen Art von Gegenreformationskatholizismus bekehren und waren entschlossen, ihre Rechtsbewegung auf der Basis des Thomismus aufzubauen. Andere waren bestrebt, den modernen „managerial state“ auszuhebeln und beim Wahlrecht Abstriche zu machen. Wegen ihrer Isoliertheit verrannten sich alle in eine Sackgasse.
Einen Aufschwung nahm der Widerstand gegen die etablierten Machthaber, als zwei neue Strömungen auftraten. Eine ist eine Art Volkspopulismus, die ihre Kraft aus der wei?en, immigrationskritischen Arbeiterschaft schöpft, und die die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ermöglicht hat. Die meisten neokonservativen Publizisten blieben, wie vorauszusehen war, im „Never Trump“-Umfeld angesiedelt. Im letzten Herbst gingen sie daran, ihr Kreuzchen auf dem Wahlzettel für Hillary Clinton zu machen. Nun warten die neokonservative Leitfiguren wie William Kristol, Max Boot, Brett Stephens, George Will, Richard Lowry oder Jonah Goldberg, bis die Stunde schlägt, in der sie in Zusammenarbeit mit den Linken Trump und seinen Anhang stürzen können.
Es ist vergleichsweise leicht, die Orientierung der der jungen Generation2 zugehörigen Neokonservativen auszumachen. Seelisch und weltanschaulich sympathisieren sie mit ihren linken Zunftbrüdern; jedoch wegen ihrer hochfliegenden, expansionistischen Außenpolitik und aufgrund regelmäßiger Zuschüsse aus der Hochfinanz waren sie in der Lage, der bereits unter die Kuratel der Neokonservativen gestellten konservativen Bewegung ihren Stempel aufzudrücken. 2001 schaffte es die zweite Generation (die erste ist mittlerweile zumeist verstorben), die Regierung George W. Bush für ihre weltdemokratische Vision einzuspannen. Solange deren Vertreter ihre Machtpositionen nicht völlig sicher hatten, machten sie den Einfältigen vor, Schwulenehen und Abtreibung abzulehnen. Heute sind die Neokonservativen von ihren links positionierten Gesprächspartnern immer schwerer zu unterscheiden. Eine echte Wahlverwandtschaft legte ihre berauschte Parteinahme für Emmanuel Macron in der französischen Präsidentenwahl offen. Wie Macron vereinen sie eine enge Beziehung zu multinationalen Netzwerken und die Festlegung auf eine globale amerikanische Hegemonie mit einer lockeren, postbürgerlichen Sozialmoral.
Mit Alt-Right ist eine zweite Oppositionskraft aus dem Schatten getreten, die sich von den „Paläos“ distanziert. Von der „muffigen“ bürgerlichen oder christlichen Gesinnung fühlen sich die Alt-Right-Militanten entbunden; und mit dem „vorsintflutlichen“ amerikanischen Konservatismus treiben sie ihren Spott. Weil sie gern mit der Bezeichnung „radical traditional“ kokettieren, muß man sich fragen, wo die traditionsgebundenen Komponenten in ihrem Ideengebilde stecken. Sie sind von den deutschen „konservativen Revolutionären“ und selbstverständlich von Nietzsche geprägt, außerdem vom amerikanischen Sozialdenker Samuel T. Francis, der im Bann James Burnhams, dem Herold der Führungsklassenrevolution3, stand, und etlichen anderen soziobiologisch gefärbten Autoren. Meine Einwirkung auf sie ist zu augenfällig, als daß ich sie glaubwürdig leugnen könnte. Wie bekannt, war ich daran beteiligt, die „Alternative Right“, die von Richard Spencer zu „Alt-Right“ gekürzt wurde, aus der Taufe zu heben. Aus meiner schonungslosen Problematisierung der „liberal democracy“ und des „menschenrechtlichen Geredes“ können in etwa ihre antiegalitären Stellungnahmen abgeleitet werden. Überdies gibt es Schnittmengen zwischen meinen Schriften über die verschiedenen europäischen Rechtsbewegung zwischen den zwei Weltkriegen und den Aussagen der Alt-Right-Militanten. Wenngleich meine Leser mir überstürzt manchmal Einverständnis mit meinen Beobachtungsgegenständen zuschreiben oder unterschieben, hat die Alt-Right recht, daß ich heikle Themen ohne einschlägige Vorurteile zu bearbeiten gewohnt bin. Auf alle Fälle stand ich der Alt-Right in einem deutlichen Sinn Pate.
Von den „Paläos“ unterscheidet sich Alt-Right noch durch ein anderes Merkmal, nämlich durch ihre kritische Einstellung zur Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten. Von früheren amerikanischen Rechten abweichend, verwerfen die Kernaktivisten der Alt-Right schlicht und einfach die Leistung der amerikanischen Gründerväter. Sie rechnen den Stiftern der amerikanischen Verfassungsordnung zu, den nachherigen Verfall ihres Landes in einen übermäßigen Pluralismus befördert zu haben. Das ist das, was Aydan Özoguz (SPD), die Integrationsministerin in Deutschland (eine Dame türkischer Herkunft), als „Vervielfältigung von Vielfalt“ lobt. Harsch geht Alt-Right mit den amerikanischen Verfassungsvätern des ausgehenden 18. Jahrhunderts um, die sie anklagt, eine „konstruktivistische“ Staatsordnung zusammengeschustert zu haben.
Angezeigt wäre es gewesen, so diese Kritik, einer schon vorgeformten, nordeuropäisch geprägten Nation wie den USA eine Verfassung angedeihen zu lassen, die der Bevölkerung entspricht. Die Regierungsstifter hätten sich dessen besinnen sollen, ehe sie ihre im Rohzustand befindliche „Propositional Nation“ hervorbrachten. (Man irrt nicht, wenn man den Geist Carl Schmitts in dieser Rüge vermutet.) Die Verfassungsväter hätten Vorkehrungen treffen sollen, damit ihre Schöpfung keiner ungehemmten „Vielfalt“ den Weg bahnt. Bezeichnenderweise hat die Alt-Right für die amerikanischen Altsiedler ebensowenig übrig. Dem weißprotestantischen Siedlertum kreiden sie an, einer fragwürdigen Staatsordnung zugestimmt zu haben. Durch diese Fehlleistung wurden die Ursiedler zu Mitschuldigen an dem heutzutage ausufernden Pluralismus, der die „historische Heimat“ entstellt.
Als es Hillary Clinton im Verlauf ihres verfehlten Wahlkampfes einfiel, ihrem populistischen Kontrahenten Trump diese Etikettierung anzuhängen, versuchten die Medien, die Alt-Right ins Rampenlicht zu zerren. Die demokratische Kandidatin wollte Trump als faschismusverdächtigen Populisten darstellen. Dies war eine Stigmatisierung, die die amerikanische Presse mit Lust und Laune verbreitete. Clinton verband ihre Angriffe auf Trumps angeblichen Rechtsextremismus mit anderen Vorwürfen; die behauptete Verbindung mit Alt-Right aber trat immer wieder bei Clintons Kampagne auf.
Entgegen den von den Demokraten in Umlauf gesetzten Pauschalurteilen war die Alt-Right ursprünglich alles andere als geeint. So hielten das Breitbart-Portal sowie dessen im August 2016 ausgeschiedener Leiter, Steve Bannon, und ein mit seinen Meinungen nicht hinter dem Berg haltender Homosexueller, Milo Yiannopoulos, große Stücke auf die Alt-Right. Diese Gruppe war für Trump die zugkräftigste und die mit den Medien am besten vernetzte. Bannon festigte seinen Ruf als freimütiger Nationalist, der seine Ansichten nie verbarg. Während Trumps Wahlkampfs trat er als Schlüsselberater des Kandidaten hervor, und im nachhinein wurde er aufgefordert, eine hohe Position in der Regierungsmannschaft zu bekleiden. Seitdem zeigt sich aber, daß sein Einfluß zurückgeht und daß er mit dem Aufstieg von Trumps andersdenkendem jüdischem Schwiegersohn Jared Kushner ins Hintertreffen geraten ist.
Die ehemals am meisten exponierte Persönlichkeit von Breitbart, Yiannopoulos – er schied im Februar 2017 als Redakteur aus –, stand mit den republikanischen und neokonservativen Medien in intensiven Beziehungen. Ihrem PR-Bedürfnis entsprach er perfekt, ist er doch ein Prominenter, der eine unkonventionelle Geschlechtsidentität mit republikanischen Auffassungen vereint. Zur Steigerung seines Ruhmes nahm Milo Yiannopoulos von gleichgesinnten Studentenvereinen an Universitäten Einladungen für Vorträge entgegen. In diesem Milieu wollte er Aufmerksamkeit erregen und seine Diskussionen mit Studenten im Fernsehen senden. Das erste Ziel erreichte er, aber nicht so, wie gedacht. Auf dem Berkeley-Areal machten linksradikale Protestierende Radau; und dann, als Nachschlag, legten sie Feuer. Das wirkte sich hinderlich auf Milos’ geplante Vorträge aus. Doch wegen dieser Vorfälle wurde sein Glanz kaum getrübt. Von dem Foxnews-Kanal und anderen republikanischen Medien wurde er zu einer Heldenfigur erhoben. Zum Bild des mutigen Homosexuellen, der seinen eigenen Weg geht, trugen sowohl seine tuntigen Manieren wie auch sein blondgefärbtes Haar bei. Leider unterlief ihm eine einschneidende Panne, als er mit einem Interview aus dem Jahre 2016 konfrontiert wurde, das als Rechtfertigung des sexuellen Mißbrauchs von Minderjährigen und Bekenntnis zur Pädophilie verstanden werden konnte.
Anzumerken ist, daß das Breitbart-Portal seit Bannons Ausscheiden immer langweiliger und ununterscheidbarer von anderen Pro-Trump-Portalen wird. Zur Bezeichnung Alt-Right halten Bannons Nachfolger prüde Distanz. Auch mit mir will die Breitbart-Leitung keinen Kontakt aufnehmen. Wenn ich dann und wann um Informationen ersuche, schweigen die Breitbart-Empfänger auf meine Nachfragen. Soweit mein Wissen reicht, will das Portal mit keinem Fragesteller, der zur Alt-Right in einer Beziehung steht, den geringsten Kontakt unterhalten. In meinem Fall entsteht die verdächtigte Beziehung daraus, daß mein Ideengut in dieser Strömung rezipiert worden ist. Das reicht, um mich als „radioaktiv“ einzustufen.
Der Politologe George Hawley, dessen Werk über die Alt-Right vor der Veröffentlichung (Columbia University Press) steht, bemerkte die Anstrengung seitens der Breitbart-Aktivisten, sich antiseptisch von jedwedem verbliebenen Träger von Alt-Right zu trennen. Breitbart legt Schritt für Schritt den Anpassungsweg zurück, den bereits andere mit den Republikanern auf vertrautem Fuß stehende Medien eingeschlagen haben. Breitbarts Berührungsangst ist verständlich, doch sollte man dort darüber nachdenken, wie sich diese Splittergruppe in der weiträumigen „konservativen“ Allianz, die von oben gesteuert wird, Aufmerksamkeit verschaffen kann. Sich der „konservativen“ Hauptrichtung anzunähern, würde den Verlust dessen nach sich ziehen, was Breitbart auszeichnet. Dazu kommt folgendes: Auch wenn die Alt-Right mit der Verbindung zu Trump und seiner Regierung prahlt, fehlt jeder Beweis für diese Verbindung. Von dieser Seite wird die überschwengliche Sympathiebekundung jedenfalls keineswegs geteilt.
Wegen des abnehmenden Stellenwertes der Bezeichnung „Alt-Right“ verlagert sich der Wortgebrauch auf „Radikaltraditionalisten“. In den USA versteht man darunter die durchschnittlich Unterdreißigjährigen, die von den exponierten europäischen „Antidemokraten“ des letzten Jahrhunderts und von meinen weniger gewagten Zeitkritiken beeinflußt sind. Auf sie färbt ebenso die gegenwärtige amerikanische Jugendkultur ab, die das Denken der Radikaltraditionalisten augenfällig durchdringt. Sowohl ihre Abweisung der „Paläos“ wie auch ihre Möchtegernrolle als Fürsprecher für die Jugend lassen eine besondere Identitätspolitik erkennen. Man beschwört hier das Bild einer emporkommenden, die Fesseln der feigen Politik der Vergangenheit abschüttelnden Generation herauf, die einer kulturellen und sozialen Umkehr gewachsen sein wird. Dem aktuell berühmtesten oder anrüchigsten Vertreter der Alt-Right, Richard Spencer, haften diese Charakteristika merkbar an.
Zur Klarstellung muß erwähnt werden, daß Richard Spencer mir beistand, als ich bemüht war, den von mir gegründeten Mencken-Club als einen Verein für „konservatives Denken“ bekannt zu machen. Wir berieten uns bekanntlich, als wir unsere Neuformulierung des amerikanischen Konservatismus als „Alternative Right“ im Jahr 2008 aus der Taufe gehoben haben. Nach Richards Aneignung des Neologismus sollte „Alt-Right“ eine vorwiegend weiße nationalistische Zeitströmung kennzeichnen. Das war die Richtung, wohin Spencer sich orientieren wollte. Da die meisten älteren „Paläos“ nicht geneigt waren, seinen neuen Kurs mitzumachen, gingen die Fraktionen getrennte Wege. Die Spaltung verhärtete sich, als bekannt wurde, daß Spencer NS-Sympathisanten Einzug in sein Portal gewährt hatte. Im November machte eine von ihm vorgetragene, bewegte Rede Schlagzeilen, in der er „Hail Trump!“ rief. Als ich mir das im Fernsehen anschaute, war mir klar, daß Spencer lediglich herumalberte. Jedoch lä?t sich fragen, warum er dadurch seinem ohnehin schon kompromittierten Ruf weiter Schaden zugefügt hat.
Trotz seiner Beschäftigung mit der „Rassenfrage“ und der immer wiederkehrenden Verweise darauf auf seinem Alt-Right-Portal hat Spencer nie sein Endziel aufgegeben, eine ausdrücklich auf Jugendliche zielende Bewegung ins Leben zu rufen. Aus dem Mencken-Club trat er abrupt aus. Er monierte, daß wir uns mit seinen auf Rassenunterschieden basierenden Ideen nicht genügend auseinandersetzen wollten, und daß die Mitglieder „das Ewiggestrige nicht losläßt“. Die Aktivitäten unseres Clubs kennzeichnete er als „Zeitvertreib für Vergreiste“, die nicht bereit seien, „aufregende Themen zumindest mit Zangen anzurühren“.
Nie zaudert Spencer, sich in ein feindseliges Gedränge von jungen Demonstranten hineinzustürzen, getrieben von dem Trugbild, vereinzelte Zuhörer von seinem Standpunkt überzeugen zu können. Bislang brachte ihm das nur eine Ohrfeige ein, einen Schlag, den ein randalierender Schwarzer ihm von hinten versetzte. Dadurch handelte er sich eine Verletzung am Trommelfell ein. Jüngst wechselte Richard seinen Wohnort von einem Gebirgsausläufer der Rocky Mountains in einen von Yuppies dichtbesiedelten Außenbezirk von Washington. Merkwürdigerweise hegen weder dieser Sproß einer wohlhabenden Baumwollanbauerfamilie aus den amerikanischen Südstaaten noch seine Kollegen die leiseste Sympathie für die Arbeiterschaft, die ohne Zweifel den reichhaltigsten Nährboden für eine erstarkende amerikanische Rechte abgeben würde.
Das jugendliche Gepräge der Alt-Right zeigt sich auch darin, daß sie sich in den von Neokonservativen geführten Portalen mit abgründigen Bemerkungen oder Zwischenrufen zu Wort melden. Ein zum Inventar gehörender Alt-Right-Prominenter, Chuck Johnson, der verschiedentlich bei Richard Spencer mitwirkt, hat sich einen weitbekannten Ruf als „Troll“ zugelegt. Wenn Johnson eine Stellungnahme abgeben will, dann geht er daran, den Internet-Betrieb der Republikaner bzw. der Neokonservativen durcheinanderzubringen, wobei Hinweise auf seine Urheberschaft einstreut .Es ist schwer einzusehen, wie Alt-Right ein derartiges Treiben glaubwürdig als politischen Erfolg umzumünzen gedenkt. Bisher bleibt die Alt-Right unter Quarantäne gestellt, es sei denn, daß es ihren Verächtern einfällt, sie als Paradebeispiel einer „Neo-Nazi-Gefahr“ aufzurufen.
Neben diesem „Trolling“ und der sie begleitenden Angeberei zeichnen sich aber auch ausgereiftere Erscheinungsformen der unabhängigen Rechten ab. Davon zeugen das immigrationskritische Portal VDARE unter der versierten Leitung des englischstämmigen Peter Brimelow, die stilgerechten Seitenhiebe auf „Conservatism, inc.“ aus der Tastatur des vielseitig gebildeten Mathematikers und Fachkundigen der Soziobiologie, John Derbyshire, die Kommentare des geistreichen Witzbolds Steve Sailer und die wie am laufenden Band abgegebenen, überprüften und korrigierten Statistiken über die Verbrechensquoten der farbigen Minoritäten auf dem American-Renaissance-Portal des mutigen Jared Taylor (www.amren.com). Keiner dieser Autoren läßt sich dadurch verdrießen, daß sich ihre Aufdeckungsversuche und Analysen finanziell nicht rechnen. Alle verspüren die gleiche Abneigung gegen einen Scheinkonservatismus, der sie vergattern möchte und die Linke als Gesprächspartner umwirbt.
Diese Opposition ist ebenso ausgegrenzt wie die „Jungtürken“, die die Alt-Right jetzt beherrschen. Ihre Soldatenzahl schrumpft; sie können sich keiner Siege, außer dem ihrer bloßen Weiterexistenz, rühmen. Es ist aber durchaus gewinnbringend, diese Gruppe zu betrachten, wenn man die Hindernisse, mit denen die Alt-Right unvermeidlich ringt, begreifen will. Wenn es einer nüchternen und gereiften Rechten nicht gelungen ist, sich durchzusetzen, wie können dann die ebenso enthemmteren wie der Geldmittel noch bedürftigeren Nachfolger einen umfassenderen Durchbruch erreichen? Ihre Situation noch verschärfend, belustigt sich die Alt-Right über die generationenübergreifenden Grundlehren und Gesten von amerikanischen Patrioten, wie der Ehrung der Verfassungsväter und der Bejahung einer jüdisch-christlich grundierten Familiensittlichkeit. Ebenso abwegig und unausgegoren ist ihr Jugendkult. Rein verstiegen ist die Vorstellung, daß man ein kulturmarxistisch durchtränktes Unterdreißigjährigen-Milieu „anzusprechen“ vermag, wenn man ihnen Schwulenehe und Abtreibungsrechte zugesteht. Wer das glaubt, „wird selig“.
Trotz meiner Auffassung, daß „Alt-Right“ nicht zielführend ist, bezweifele ich nicht, daß bei unserem „conservative establishment“ nichts Erhaltenswertes zu retten ist. Deren Hauptbeitrag zum politischen Dialog ist die beflissene Ausgrenzung jeder wahren Rechten, ein Handeln, das verfolgt wird, um die Annehmbarkeit der „Scheinkonservativen“ in einem von links gesteuerten öffentlichen Raum zu steigern. Außerdem ist ihr Tätigkeitsbereich von einem ständigen, recht begrenzten Interessengeflecht begrenzt. Dazu zählen die Vorstände der multinationalen Konzerne, zionistische Mäzene und republikanische Geberkonferenzen. Altbacken sind die verkündeten Anliegen des „conservative establishment“; und was von ihnen ausgeht, ist Werbebrei von gleichbleibend niedriger Qualität für republikanische Kandidaten. Weder von dieser leidigen Bewegung noch von den ihr zugehörigen Denkfabriken oder von ihrer Publizistik geht die geringste Originalität aus. In der Regel bestimmen aber sie die Parteilinie der Republikaner.
Für mich ist keineswegs zu bestreiten, daß gar nichts von Bedeutung verlorengeht, wenn „conservatism, inc.“ in der Versenkung verschwinden würde. Es wäre im Gegenteil ein Glück, wenn wir all das loswerden könnten. Schwerer ist es jedoch, zu belegen, daß die Alt-Right mit ihren oben beschriebenen „Wettbewerbsnachteilen“ es hinbekommen könnte, das Ruder der amerikanischen Rechten zu übernehmen.
Den Verlust an Neuigkeitswert, den die Alt-Right erlitten hat, bezeugt ein in der Washington Post (23. Mai 2017) erschienener Artikel. In ihm steht zu lesen, daß Richard Spencer aus einer Turnhalle in Alexandria/Virginia verbannt wurde, nachdem eine aufgeregte Feministin, die einen Lehrauftrag an der Georgetown-Universität hat, den Verfemten erkannte. Die erzürnte Feministin schrie Zeter und Mordio, bis sich Spencer gezwungen sah, das Gebäude zu räumen. Nun strengt der ungerechtfertigterweise Ausgestoßene einen Rechtsstreit sowohl gegen die Turnhallenbetreiber als auch gegen die ihn behelligende Medusa an. (Die Chancen stehen gut, daß er das Gericht nicht mit leeren Händen verlassen wird.) Bemerkenswert ist auch der Hinweis auf Spencer als „Anführer einer winzigen, rechtsextremistischen Gruppe namens Alt-Right“. Daran wird deutlich, daß die Alt-Right nicht weiter als linker Buhmann interessant ist. Den „Mainstream“-Zeitungen und -Medien paßt es besser, Trump direkt anzugreifen, als eine im Abwind stehende Gruppe wieder ins Gespräch zu bringen.
1) Der Autor kreierte diesen Begriff zusammen mit dem Publizisten Richard Spencer; er soll jenseits des Neokonservativismus einen eigenen Weg aufzeigen.
2) Zu dieser zweiten Generation gehören bereits erwähnte Protagonisten wie Bill Kristol, Jon Podhoretz oder Jonah Goldberg.
3) In seinem 1951 auf deutsch publizierten Werk „Das Regime der Manager“ suchte Burnham Anfang der 1940er Jahre zu erklären, welche Prozesse in der Welt wirkten. Er prognostizierte, daß sowohl die kapitalistische Gesellschaften als auch die kommunistisch oder faschistisch geführten allesamt von einer Gesellschaftsformation abgelöst werden, in der die Manager die neue Elite darstellen, die den Rest der Gesellschaft unter ihre Herrschaft bringen. Burnham ging dabei von einer führenden Rolle der USA in der Welt aus.